Die Witwen

Buch vier ist Dagmar Leupolds “Witwen”, die, 2013 schon einmal auf der Longlist stand und von der ich mir einmal bei einem der Ein-Euro-Abverkäufe der “Buchlandung”, “Eden Plaza” aus den Regalen zog.

Das hab ich noch nicht gelesen, habe ich ja viel zu viele Bücher und von Dagmar Leupold, die auf den Blogs sehr gelobt wird, ebenfalls noch nichts.

Das hat sich jetzt geändert und ich muß sagen, es ist ein schönes Buch, ein wenig altmodisch vielleicht, da habe ich ja gerade bei Tobias Nazemi gelesen, daß er das bei Bodo Kirchhoff so empfindet, das, als überübernächstes LdBp-Buch an die Reihe kommen wird, bei Dagmar Leupold würde ich die Sprache und den Stil so empfinden, obwohl die Handlung eigentlich sehr modern und da auch sehr originell ist, wie ich finde.

Nur das Cover, eine nacke Frau aus einem sicher sehr berühmten barocken Bild, ist furchtbar, zum Glück sieht man das bei den PDF-s ja nicht. Und jetzt hinein in das sprachliche Vergnügen, denn das ist die, 1955 in Niederlahnstein geborenen Autorin, es ist also auch mein erstes deutsches LL-Buch, eine Sprachkünstlerin. Sie hat es aber mehr mit den Wortschöpfungen, formt die Mehrzahl von “Vagina”, heißt das jetzt “Vaginas” oder “Vaginen”, sinniert über das Wort “Fremdenzimmer” nach, “Scheusal” kommt von “scheu”, denn “Sprache schafft Fakten” und die Witwen sind auch gar keine, sondern vier Frauen über fünfzig.

Penny, Dodo, Laura, Beatrice und von denen hat nur Penny einmal einen Mann gehabt, den Winzter Otto, hat ihren Odysseus, den sie von Berlin nach Steinbronn an die Mosel folgte, vor acht Jahren verloren.

Da ist er von einer seiner Reisen einfach nicht mehr zurückgekommen. Se weigert sich aber, ihn für tot zu erklären, sondern bezieht jedes Monat oder Woche auch seine Doppelbetthälte frisch, ansonst arbeitet, die ausgebildetete Lehrerin im Wirtshaus der Schwiegermutter, zieht den Sohn Bert groß und ihre drei Freundinnen sind nach und nach auch nach Steinbronn nachgekommen.

Dorothea, die kräftige, ist Gärtnerin und hat Trauerränder unter den Fingern, Beatrice Jogalerherin und Feldenkreistrainerin und die schöne Laura hat sich von der Maskenbildnerin zur Logopädin umschulen lassen, um in dem Städtchen was zu verdienen, das finde ich das Moderne an dem Abenteuerroman, wie der Untertitel lautet.

Einen Bendix, die Abkürzung von Benedikt git es auch, der hinkt und stottert, das ist vielleicht wieder ein wenig klischheehaft überhöht, ist Privatgelehrter, schreibt Briefe an seinen Freund Friedrich und hält sich ein Auqarium, wo die Fische Namen, wie Nietzsche, Kant oder Arends tragen.

Auch ein wenig abgehoben, er hat aber im Gegensatz zu den vier Frauen einen Führerschein und so meldet er sich, als die beschließen, den September einmal nicht der Weinlese, den Patienten oder der Gärtnerei zu widmen, sondern sich einen Chauffeur für eine Abenteuerreise zu mieten und fährt mit den Frauen los.

Dodos Hund Zwiebel wird Pennys Sohn Bert übergeben. Sie fahren von Trier nach Schengen und stranden dann in der ersten Weltkrieg- Gedenkstätte in Hartmannswillerkopf wo wir vor zwei Jahren waren.

Das Auto, ausgerechnet ein Fiat Ulysse, hat eine Panne und so erzählen sich die vier Frauen und ihrem Chauffeur ihre Liebesgeschichten.

Beatrice hatte, bevor sie nach Steinbronn übersiedelte, ein jahrelanges Verhältnis mit einem verheirateten italienischen Banker. Dodos Vater ist einen Tag nach ihrerm Geburtstag verstorben, so daß die Mutter einen Kater mit dem Namen Erwin kaufte, wie der Vater hieß und und Laura die schöne, die für eine Tanzausbildung trainiert wurde, gesteht den Freundinnen, sie hat nie geliebt, nachdem sie mit ihrem Fahrlehrer, sie war offenbar die einzige der vier, die den Versuch einer Führerscheinausbildung machte, in einem Hotelzimmer gestrandet ist, dann flog sie durch die Prüfung, trat nie wieder an und kam auch nach Steinbronn.

Inzwischen fahren die fünf mit einem Bus, der, der eine Schulgruppe zur Gedenkstättte brachte in ein Hotel, am nächsten Morgen kommt der Pannendient. Dazwischen folgt noch Pennys Geschichte von ihrem verlorenen Odysseus und einer Polenreise, die schuld daran hat, daß sie jetzt sehr zum Leidwesen ihrer Schwiergermutter an der VHS einen Polnischkurs belegt.

Der Pannendienst reapariert das Auto.

“Wohin wollen wir fahren?”, fragt Bendix.

“Ans Meer?”, antworten die vier und das Buch endet in Steinbronn, wo Bert den Hund Zwiebel versorgt und die Schwiegermutter bei einem ihrer Saisonarbeiter, den verschollenen Sohn zu erkennen glaubt.

Werden die Frauen zurückkommen, lautet die Abschlußfrage und meine Antwort ist, daß ich auf Dagmar Leupold neugierig wurde und mir das Buch trotz, der etwas künstlichen Altmodischkeit bis jetzt am besten gefallen hat, denn es hat trotz Odysseus, Penelope, Kant und Hegel auch einige sehr moderne Elemente und die gefallen mir ja immer sehr.

Ein langes Jahr

Weiter geht es mit Buch drei des Longlistenlesen und mit Eva Schmidt und “Jung und Jung”.

Die 1952 in Lustenau geborene Autorin habe ich mit ihrem im Frühjahr erschienen Episodenroman “Ein langes Jahr” auch schon in der “Alten Schmiede” gehört, so daß ich, als sie das Buch im Juli bei den O-Tönen vorstellte, gar nicht hingegangen und stattdessen schon früher nach Harland gefahren bin.

Jetzt steht es auf der Longlist und ich habe es wieder PDF gelesen, was gar nicht so leicht war, denn in den achtunddreißig Episoden wimmelt es von Personen, die manchmal in der Ich-, manchmal in der Namesperspektive erzählen.

Es geht um ein Jahr, obwohl mir die Episoden eigentlich auch nicht sehr chronologisch erschienen und, um eine kleine Stadt an einem See, Bregenz vielleicht oder ziemlich sicher, genannt wird es nicht und wieder interessant, schon der zweite von den drei LL-Romanen, die ich bisher gelesen habe, der mit Vorarberg zu tun hat, was sicher Zufall, aber interessant ist.

Es gibt ein Hochhaus und einige Reihenhäuser und Hunde spielen eine große Rolle und wieder interessant, daß ich jetzt auch nicht viel mehr oder anderes schreiben werde, als schon in meinem Lesungsbericht stand, denn eine wirkliche Handlung gibt es nicht, die Episoden werden, zugegeben in einer wahrscheinlich schöneren Sprache, als ich sie habe, aneinandergereiht und es wird von dem Leben und den Nöten der kleineren oder auch größeren Leute erzählt.

Ich glaube, ich habe das auch einmal so gemacht, aber dann damit aufgehört, als man mir sagte, da passiert ja nichts und ein Roman muß einen Plot und eine Handlung haben. Tröstlich, daß man damit trotzdem auf die Longlist kommen kann und es ist auch ein Stil, der mir eigentlich sehr liegt.

Die Episoden also und, wie soll ich das nacherzählen und versuchen, das Ganze in eine Handlung zu fassen?

Um Hunde geht es also, um einen mexikanischen, der schon längst eingeschläftert wurde, der hat einem Tom gehört und dann gibt es einen Benjamin, der gerne einen haben will, seine Mutter erlaubt es aber nicht. Der hat einen Freund aus reichen Haus, der will ihm einen kaufen und bei sich wohnen lassen. Ben kann ja dann mit ihm spazieren gehen, aber der ist zu stolz dazu. So ist es eine gute Fügung, daß der alte Herr Augustini, dem ein Hemingway genannter oder davon abgekürzter Hund, zugelaufen ist, ins Altersheim muß und ihn nicht mehr so gut versorgen kann. So kann er aushelfen und mit ihm spazieren gehen und eine Malerin namens Karin, die einen Hund besitzt, gibt es auch.

Die ist sehr krank, das wird nicht näher ausgeführt, sie erhängt sich aber, besorgt sich vorher eine Leiter, borgt sich vom Nachbarn eine Bohrmaschine aus, die Freundin Johanna, eine Krankenschwester, soll dann für den Hund und das Begräbnis sorgen.

Bens Mutter geht zuerst eine Beziehung mit Joachims Vater, der Direktor ist, ein, das passt dann aber nicht, so zieht sie zu dem Typen im fünften Stock und Ben hat seine Freunin Ayshe bei einem Radunfall auch verloren.

Ein paar Sandler gibt es noch oder einen, einen Dealer und einen Mann, der einen Brief an einen nie gekannten Sohn schreibt und gegenseitige Beobachtungen vom Hochhaus hinunter in die Reihenhäuser und wieder hinauf, gibt es auch.

Verwirrend, ja ein bißchen schon, aber so ist das Leben, das ja auch in Episoden verläuft und meistens nicht so viel Spekuläres passiert, aber eigentlich und genau genommen ist das, was da geschildert wurde, ohnehin schon spekulär genug, nur nicht so konstruiert, wie es der Herr Platzgumer macht.

Totzdem hat das Buch wahrscheinlich gute Chancen, wurde es, wie ich zu bemerken glaube, doch im Vorfeld sehr gelobt und Eva Schmidt ist wahrscheinlich eine sehr gründliche Schriftstellerin, die jetzt länger nichts geschrieben hat, vorher aber schon beim alten “Residenz-Verlag” verlegte, so daß ich sehr gespannt bin, wie es dem Buch auf der Longlist gehen wird und, ob es auch auf die österreichische LL kommt, es ist jedenfalls, wie ich auch irgendwo gelesen habe, ein sehr interesssantes Experiment.

Am Rand

Daß Hans Platzgumers im Frühjahr erschienener Roman auf die LL kommen könnte, war irgendwie zu  erwarten oder ich hätte es mir für die österreichische gedacht.

Ich habe bei der Lesung in der “Alten Schmiede” mit Buch oder Autor  ja meine Schiwerigkeiten gehabt, weil mir das da so selbstbewußt präsentierte, zu konstruiert erschien.

Jetzt habe ich das Buch  des 1969 in Innnsbruck geborenen und in  Bregenz lebenden Musikers, zuerst auf dem Berg und dann am Laptop in Harland und Wien gelesen und mein Eindruck verdichtete sich.

Ein sehr gut konstruierter Text, muß ich schreiben, so einer, wie der  wahrscheinlich, mit dem Kathrin Passing, den Bachmannpreis gewann und eigentlich könnte ich zufrieden  sein, denn es gibt einen  Plot und zu verstehen ist es auch.

Ein Leben wird erzählt, in dem dann aber alles wieder viel zu erhöht und unwahrscheinlich ist, eben die konstruierten Metaphern vom Leben und Sterben und den Umgang mit  dem Tod des Gerold Ebners aus der Südtirolersiedlung, des mittelmäßigen Schriftstellers oder Getränkeliferanten.

Sehr gekonnt, am Reißbrett konstruiert, Hans Platzgumer hat ja sehr selbstbewußt in der “Alten Schmiede” davon erzählt, wie er zum Schreiben gekommen ist und das, diese Künstlichkeit, ist es, was mir, wieder nicht gefällt.

Eine Parodie auf den Literatur bzw. Kunstbetrieb ist es auch. Eine sehr Scharfsichtige und man muß auch sagen, daß wahrscheinlich vieles in dem Buch stimmt, denn das Leben ist nun einmal sehr grausam und hat sich in den Neunzigerjahren in der Bregenzer? Südtirolersiedlung, das habe ich nicht ganz herausgekommen, so abgespielt und den Lesern, die ja das Überhöhte wollen, wird es wahrscheinlich gefallen.

Also ein Kanditat für die Shortlist? Oder wird es ihnen zukitschig erscheinen?

Ich weiß es nicht, in einem Monat werden wir es wissen und ich habe, ich wiederhole es, ein sehr spannendes Buch von einem brillanten Geist und gekonnten Schreiber gelesen, das mir zu kontruiert erschien und mir deshalb eher mißfallen hat.

Da geht einer also auf den Berg, der Gerold Ebner aus der Südtriolersiedlung. Sehr pedant und sorgfältig tut er das, kocht sich vorher Frühstück, läßt das Nachtlicht, der kleinen Sarah brennen.

Steigt auf den Bocksberg, setzt sich an den Rand und schreibt sein Leben auf. Bis am Abend hat er Zeit dazu, um endlich etwas fertig zu bringen und dann geht es hinein in das Aufwachsen der Siebzigerjahre, sehr überhöht und konstruiert.

Die Mutter Maria zuerst Hure, dann Altenpflegerin und für den kleinen Sohn vielleicht zu wenig Zeit. Aber, nein, sie wird eigentlich als sehr fürsorglich beschrieben.  Der erste Verstorbene in seinem Leben ist der Herr Gufler, der hat ein Jahr tot in seinem Fernsehsessel gesessen und die Mutter, die ihn  findet, schickt den Kleinen besorgt weg.

Sein Freund Peter will den Fernsehsessel  im Keller vermieten und kommt später auf einer Bausstelle elendiglich um.

Sehr genau und präzis wird auch das beschrieben. Zuerst kommen aber die Mutproben der Freunde in der Südtirolersiedlung, wo die Türken und die Gastarbeiter wohnen und man ein bißchen geächtet ist.

Ein Hansi Platzgumer, der später mitseiner Gitarre nach Amerika auswandert, kommt, o Ironie des Autors, auch vor. Gerold will einen Roman über ihn schreiben, scheitert aber daran.

So wird er Bau- und Gelegenheitsarbeiter und zieht zu seiner Freundin Elena in den Keller, als der gehaßte Großvater plötzlich auftaucht, der Monarch, wie er sich nennen läßt und zu seiner Tochter Maria zieht.

Warum die Beiden ihn so hassen ist mir nicht ganz klar geworden. Hat der Vater seine Tochter mißbraucht? Dem Enkel hat er jedenfalls nichts getan, außer ihn, um Bier zu schicken und beim Sprechen gelegentlich angespukt, trotzdem ist er der Erste, den er der Mutter zuliebe, die ihn widespruchslos pflegt, in den Tod befördert, also mit seinen Händen erdrosselt.

Denn mit seinem anderen Freund Guido, hat er Jahrelang vergeblich Karate trainiert, denn er bringt es nur zum braunen, Guido zum schwarzen Gürtel, bis der dann versehentlich eine Säure aus einer Römerquellenflasche trinkt. Der zweite Fall für Gernots Sterbehelfe und da würde ich auch aussetzen, wenn mir das brillant geschriebene Buch nicht so konstruiert erscheinen würde, denn Sterbehilfe mag ich nicht!

Es kommt aber noch ärger, richtig unglaubwürdig wird es dann, als er mit seiner Freundin Elena in einem französischen Automatenhotel ein Kind findet. Elena kann keine Kinder bekommen. Sie nehmen das Kind mit, nennen es Sarah  und wissen dann nicht, was sie damit fangen sollen?

Einen falschen Paß besorgen und über die Grenze nach Südamerika schmuggeln?

Dazu fehlt ihnen das Geld, denn auch Elena ist Gelegentheitsarbeiterin, spich Ghostwriterin und Lektorin, nach abgeschlossenen Germanistikstudium, man sieht Hans Platzgumer hat es wirklich in sich. Also gehen sie mit der quengelnden Kleinen im Tragesitz auch auf einen Berg, verirren sich und Elena stürzt mit dem Kind in die Tiefe.

Er klettert hinunter, verscharrt die Leichen, geht dann einen Monat in den Krankenstand, hört sich noch einige Geschichten seiner Kunden an, bevor er kündigt, seinen Rucksack nimmt, auf den Bocksberg steigt und dem geneigten Leser, der die Aufzeichnungen findet, sein Leben erzählt…

Mein Vater war ein Mann am Land und im Wasser ein Walfisch

Vola, jetzt kommt das erste Longlistenbuch des sehr überraschenden dBp 2016, ein Buch einer mir bisher unbekannten Autorin und eines genauso unbekannten Schweizer Verlages, mit schon einmal einem sehr spannenden Titel, der neugierig macht und so war ich sehr froh, daß mir der Verlag das E-Book zur Verfügung stellte.

Auch das Cover ist sehr ungewöhnlich, sieht man da ja eine stilisierte Figur mit einem Käppchen am Kopf, einer Flasche in der einen, einen Koffer in der anderen Hand und dann war ich erstmal eine Weile ratlos, denn die 1990 in Lenzburg geborene Michelle Steinbeck, die am Schweizer Literaturinstitut in Biel studierte, scheint eine sehr experimentelle Autorin zu sein oder sagen wir lieber eine Sprachkünstlerin wie Herta Müller oder Andrea Winkler und der sehr kurze Debutroman besteht aus zehn Kapitel, die Titel ” wie “Das Kind”, “Die Alte”, “Der helle Mann”, “Die  rote Stadt” haben, geht  gleich hinein in das Geschehen und die Autorin, die von einer “Ich-Erzählerin” ausgeht, macht es der Leserin, die gerne alles ganz genau und realistisch haben will, nicht ganz leicht.

Also wieder ein Buch für Tobias Nazemis Literaturdebatte, wie anspruchsvolle Literatur zu sein hat. Ob es da primärum die Handlung oder die schöne Sprache geht?

Michelle Steinbeck entscheidet sich eindeutig für das Zweite und so erzählt sie von einem Kind, das bei der Ich-Erzählerin namens Loribeth auftaucht, das sie stört und von ihr offenbar nicht gewollt wird, so tut sie es in einen Koffer und reist mit ihm durch das ganze Buch, wo ich nicht sicher bin, ob Roman, die richtige Bezeichnung dafür ist, lyrische Episoden würden vielleicht besser passen.

Was mir ein bißchen dabei aufstieß, ist der offensichtliche Kinderhaß der jungen Frau, aber man kann und soll wahrscheinlich, das Ganze natürlich tiefenpsychologisch deuten und da die Leserin zufälligerweise auch noch Psychologin und  als solche allerdings Verhaltensterapeutin ist, tue ich mir damit nicht allzu schwer.

Loribeth geht also zu einer Wahrsagerin, das ist die “Alte” und dann macht sie sich mit dem Kind im Koffer auf die Suche nach dem verlorenen Vater.

Einen Fridolin Seifert triff sie auch dabei und in ein Schiff oder in ein Haus am Meer muß sie auch hinuntersteigen.

Es ist nicht leicht den Inhalt dieser poetischen Geschichte widerzugeben.

Der Klappentext beziehungsweise, die Buchbeschreibung hilft da ein wenig weiter und verrät, was man beim Lesen übersehen könnte.

“Loribeth ist auf der Flucht. In ihren Koffer ein erschlagenes Kind. Eine Wahrsagerin hilft ihr weiter: Sie muß den Koffer samt Kind zu ihren verschollenen Vater bringen, um erwachsen zu werden. Auf ihrer phantastischen Reise überquert sie Städte, Wüsten und Meere und verliebt sich in alle Wesen, die ihr etwas Eßbares anbieten. Doch unerwartete Begegnungen, Katstrophen und eine erschreckend lebendige Kofferleiche zwingen sie stets weiterzuziehen, bis der Koffer seinen Bestimmungsort findet und Loribeths Blick sich verändert: Das Magische geht ins Reale über. Das langersehnte Leben im Kreis der auserwählten Freunde ist öd, nichts passiert. Um ein wenig Magie zurückzuholen wird gefeiert. Doch Loribeth kann nicht aufhören zu fragen: soll das nun alles sein”

Mir war es, wie schon angedeutet, zu wenig real, weil mir die schöne Sprache vieleicht zu wenig ist und ich mit dem Magischen wahrscheinlich auch nicht allzuviel anfange.

Trotzdem habe ich einen interessanten Verlag und eine interessante Autorin kennengelernt und weiß jetzt vielleicht ein wenig besser, was in den Schweizer Literaturinstituten passiert und welche interessante literarische Stimmenn, die Schweizer Literatur zu bieten hat und bin auch gespannt bei den inoffiziellen und offiziellen Bloggern, sowie den anderen Literaturkritikern zu lesen, was sie zu den Buch sagen und, wie es ihm bei der Preisvergabe gehen wird?

In der österreichischen Jungautorenszene kenne ich mich ja ein wenig aus, weiß, daß es da auch einige magische Stimmen gibt, die ich beispielsweise erst letzte Woche bei den Ö-Tönen hörte, bei den Schweizern bin ich ein wenig unbedarfter.

Also habe ich der Jury für die spannende Auswahl zu danken und hoffe doch ein bißchen, daß es auch realistischer wird, denn ich bin ja ein Handlungstyp, an den gesellschaftlichen Entwicklungen und Problemen interessiert und nur die tiefenpsychologischen Entwicklungsstufen des Erwachsenwerdens sind mir  zu wenig und die Psychologin hängt vielleicht doch noch ein bißchen daran, wie man Kinder nicht mögen kann, daß man sie töten muß und in einen Koffer sperrt, obwohl sie schon weiß, daß es ein bißchen anders zu verstehen ist und Michelle Steinbeck eigentlich sehr mutig ist, das so offen zu verbalisieren.

Die Kunst Elch-Urin frisch zu halten

Jetzt kommt etwas “Unwürdiges”  und einTitel für den man sich vielleicht “genieren” und das Buch in einen Umschlag packen muß.

ChickLit für Männer oder Frauen, die gerne von den Schwierigkeiten der Jungs lesen wollen, könnte man so sagen, aber ich lese ja gerne über den Tellerrrand und meine Erfahrung, was diese E- und U- Debatte und, ob jetzt die Sprache oder die Handlung wichtig ist, betrifft, ist, daß die sogenannten Erotik Bücher, die Sado Maso-Schinken, etcetera oft erstaunlich von der Realität und den Nöten des gewöhnlichen Lebens erzählen, wenn auch meist, wie in diesen Fall, komisch überhöht.

Das ist zwar auch nicht so mein Ding und ich hätte Rochus Hahn Geschichte auch gnadenlos gekürzt, denn die vielen Dialoge über Sex und was im allerweitesten Sinn dazugehört, wirken manchmal langweilig, aber die Geschichte hat es in sich und es ist eine vielleicht, die der pensionierte Studienrat, seines Zeichnen Deutsch und Religionsprofessor außer Dienst von einigen Bierchen angeheitert, bei der Feuerzangenbowl schmunzelnd seinen Enkeln aus seiner Jugend erzählt.

Ach ja, da war er einmal der kleine Tim, knackfrische achtzehn und sollte seinem Freund etwas bringen, die knackige blonde Mutter torkelt ihm betrunken entgegen, will ihn küssen und ins Bett verfrachten und Jüngelchen wird rot und kneift aus.

Daran leider der Germanistikstudent, der des Schecks der Oma wegen auch Religion studiert, nun die nächsten sieben Jahre und zu einer Frau ins Bett hat es der schüchterne junge Mann auch noch nicht gebracht.

Da trifft er seinen Schulkollegen Bullwinkel wieder, den er beim “Arschköppeln” erwischt, der hat eine junge Türkin beklöppelt, die schreit nach ihren Brüdern und die wollen ihn verhauen. Tim rettet ihn und die beiden landen dann auf der Sexparty der Türken. Die Schwester ist natürlich nicht da, aber dafür erscheinen zwei knackige Stewardessen und wollen Drogen. Tim und Bullwinkel versprechen sie ihnen, schwämen vom “Phantonflash” und müssen nun nach Finnland reisen, um dort einen Elch giftige Pilze zu fressen zu geben, dann seinen Urin abzuzapfen, um die Wunderdrogen zu bekommen.

Das gelingt nur mit den aberwitzigsten Abenteuer, das sich das frustrierte Männerhirn ausdenken kann und Frauen, wie ich vermute gerne lesen, um über die Tollpatsche zu schmunzeln.

Sie geraten also in eine Sodomistenparty kneifen wieder aus, rennen im Wald herum, dann finden sie den Elch und müssen ihn unter weiteren Schwierigkeiten einfangen. Die Frage, wie sie den Urin frisch nach Frankfurt zurückbekommen, ist nur die kleinste in dem Buch, in diesem Sinne ist der Titel also ein Fake, aber als sie in Helsinki zum Flughafen kommen, wittert dort die Polizei nach Sprengstoff, also müßen sie mit einem alten Auto, das kein Deck hat und zwei Sporthelmen über die skandinavischen Grenzen fahren, werden an der deutschen vom Grenzschutz eingefangen und am Ende wird alles gut?

Nicht ganz natürlich, einige Komplikationen gibt es noch. Die geilen Stewardessen entpuppen sich als ganz gewöhnliche Nutten und mit denen können Tim und Bullwinkel ja nicht. Den Urin haben sie am Ende auch noch verloren, so daß sie auch da ein bißchen faken müssen, die brave Bibliothekarin, die am Ende vielleicht die Großmutter der Studienratenkel ist, wartet aber schon und die Grenzpolizistin findet am schrulligen, aber liebenswürdigen Bullwinkel auch Gefallen.

Aus den Jungfrauen, ein blödes Wort, wieso, das nicht Jungmänner heißt, habe ich trotz meiner gelegentlichen unwürdigen Lektüren noch immer nicht verstanden, werden vermutlich brave Ehemänner und Familienväter, die an etwas anderes denken, als ständig an knackige Frauenärsche oder, wie es ist vielleicht mit Pferden zu schlafen und Rochus Hahn entnehme ich den Buch, lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kinder in Frankfurt/Main und arbeitet seit über dreißig Jahren, als Drehbbuchautor. “Die Kunst Elch-Urin frischn zu halten” ist sein erster Roman.”, der ganz spannend zu lesen ist, aber auch einiges an Vorurtelien aufzuweisen hat, so hat mir der Ekel der beiden jungen Männer gegenüber übergewichtigen Frauen nicht ganz gefallen und daß sie vor Cutterinnen Reiß aus nehmen, ist auch nicht ganz korrekt, aber möglicherweise realistisch.

Licht im August

Bevor es mit dem “Buchpreis-Lesen” weitergeht, noch ein Buch aus meiner Leseliste, das “Atalante”, als hervorragendes Mittel, gegen die “Buchpreis-Bulimie” empfieht und der 1897 in Missisipi geborene William Faulkner, der 1962 dort gestorben ist und 1949/1950 den Nobelpreis für Literatur bekam, hat 1932 einen Roman geschrieben, der 1935 bei “Rowohlt” auf Deutsch erschienen ist, den ich zweimal im Bücherschrank fand.

Das eine Mal fehlten, glaube ich, ein paar Seiten und das andere hätte ich jetzt fast schon von meiner Leseliste gestrichen, da ich ja nicht ein so unbedingter Fan der großen Amerikaner bin.

Des Titels wegen habe ich es drin geleassen, da ich ja gerne etwas mit Bezug lese und jetzt sogar meinem Vicki Baum- Schwerpunkt, den ich noch immer vor mich herschiebe, vorgezogen.

Mit Recht, denn es ist ein großartiges Buch, wenn ich auch gar nicht so genau warum sagen kann, denn eigentlich ist es mit seinen einundzwanzig Kapitel ein wenig langatmig. Es erzählt auch nicht sehr viel und das, um was es geht und warum es wahtrscheinlich auch als so großartig gilt, wird nur angedeutet.

Es ist die Stimmung wahrscheinlich, die erzählt wird oder, die das Erzählte auslöst, denn auf einmal ist man mittendrin im Sumpf des Südstaatenamerikas der neunzehnhundertdreißíger Jahre, wo der Alkohol verboten war und man daher vom Schwarzhandel lebte, sich alles um eine bigotte Frömmigkeit dreht, der Sex verboten ist, obwohl dann die schwangeren jungen Frauen herumlaufen, die verschämt Missis genannt und hinter ihrem Rücken getuschelt wird und es ist vor allem, ein Amerika der Rassentrennung, wo die Weißen von den Schwarzen nichts wissen wollen und sie trotzdem brauchen und auch das deutet Faulkner nur an, das heißt er beschreibt einfal das Nebenander der Neger und der Weißen, ohne besonders viel zu werten und zu kommentieren

Ja, ich habe noch ein altes Buch gelesen, 1972 erschienen, wo das noch so drin steht und  dem Wort “Niger”, das damals wohl schon ein Schimpfwort war, gegenübergestellt wirde, während “Neger” wohl der normale Sprachgebrauch war.

Inzwischen gibt es eine neue Übersetzung, die übera2ll gelobt wird und mich würde da interessieren, ob man hier, wo wohl “Farbige” “Schwarze” oder “Afro-Amerikaner stehen wird, der gleiche Effekt erreicht wird, denn für mich war es gerade der Sprachgebrauch, daß ich mir den Kleinstadtmiff so gut vorstellen konnte.

Bei Harper Lee, deren verschollenen Erstling, ich kurz vor ihrem Tod vor Weihnachten gelesen habe, gibt es eine ähnliche Stimmung und Grace Metallious beschreibt wohl ähnlich direkt, obwohl es hier, so weit ich mich erinnern kann, nicht so sehr, um die Rassenfrage geht.

“Seit Henry James hat kein Schriftsteller ein so großes und dauerndes Denkmal für die Kraft der amerikanischen Literatur hinterlassen”, sagte laut Buchrücken John F. Kennedy und bei “Amazon”, wo man sich auf die Neuübersetzung bezieht, wird Barak Obama zitiert.

In meinem Buch hat der Vorleser: “Eine Lüge, die ein Leben trägt ist besser als eine Wahrheit, die ein Leben zerstört”, hineingeschrieben und ich weiß jetzt gar nicht so genau, was er damit meint, denn William Faulkner arbeitet sehr viel mit Symbolik, deutet an, verwendet Metaphern, so daß vieles, wenn man es eins zu eins betrachtet unlogisch erscheint, während es wohl insgesamt das dichte Nobelpreisbild ergibt, was meine Meinung über die großen Amerikaner revidiert. Hendry James halte ich aber eigentlich auch nicht für einen so tollen Schrifftsteller, zumindest habe ich mit der “Dame von Welt” nicht so viel anfangen können.

Also da wandert eine hochschwangere junge Frau, Lena Grove mit Namen tagelang von Alamba, in den Süden auf der Suche nach ihren Kindesvater, Lucas Burch, von dem man ihr erzählte, daß er in Jefferson in einem Sägewerk arbeitet.

Das ist allerdings eine Verwechslung, der in dem Sägewerk heißt Byron Bunch. Lucas Burch ist zwar auch da, nennt sich aber Brown und ist ein ziemlicher Widerling von Mann, obwohl er hübsch aussieht. Lena begegnet bei den Kleinstadtweißen durchaus hiflsbereite Menschen, wird mit einem Wagen mitgenommen, ein Farmerin gibt ihr ihr Ersprartes, so daß sie sich eine Büchse Sardinen kaufen kann und Lena wird, als schweigsamme, unbeirrte Frau geschildert, die ihren Weg dahingeht und in die Kleinstadt Jefferson kommt.

Das Buch heißt so, habe ich, wo gelesen, weil es 1932 im August spielt und das tut es auch auf einer Ebene, nämlich auf der,  in der Lena nach Jefferson kommt, ihren Kindesvater sucht, das Kind gebiert und mit Bunch wieder wegzieht.

Dazwischen passiert noch ein Mord, da wird eine alte Jungfer, die sie sich für das Recht der Schwarzen einsetzt und ihre Schulen sozusagen als Supervisorin betreut von einem Dreißigjährigen namens Christmas, der in einer ihrer Hütten lebte, ermordet und dann gibt es wieder ellenlange Kapitel, die von jenen Christmas oder Joe Mc  Eachern, wie er nach seinem Adopivvater heißt, erzählen.

Christmas heißt er, weil er ein Waisenkind ist und zu Weihnachten vor die Schwelle des Waisenhauses gelegt wurde. Dann belauscht er die sexuallen Handlungen der Wirtschafterin mit einem jungen Arzt und wird zur Adoption freigegeben. Es ist auch noch die Rede, ob er nicht in ein Waisenhaus für Scharze kommen soll, denn er wird von den Kindern und der Wirtschafterin als “Neger” oder “Niger” beschimpft. Das schwarze Blut in ihm scheint auch seine Besessenheit zu sein, denn offenbar ist ihm das gar nicht anzusehen, wird aber ständig so beschimpft. Vielleicht auch eine Symbolik von William Faulkner,  mit der er die Situation beschreibt, die für außerhalb der Südstaaten lebende möglicherweise gar nicht so nachvollziehbar ist.

Er verläßt jedenfalls mit Achtzehn den Adoptivvater, einen bigotten Christen, der den Jungen oft genug prügelt. Christmas bestieht ihn auch, beziehungsweise seine Adoptivmutter, die eigentlich zu ihm hält, sich gegen ihren Mann aber nicht durchsetzen kann.

So kommt er in eine Hobelwerkstatt nach Jefferson, wohnt bei Joanna Burden in ihrer Negerhütte, hat auch ein sexuelles Verhältnis mit ihr, die für ihn kocht und ihn zu ihrem Nachfolger heranbilden will und von ihm, kurz vor ihrer Menaupause, wie bei “Wikipedia” steht, auch schwanger wird. Als sie ihm zum beten zwingen will, schlägt er ihr den Kopf ab und zündet das Haus an und wird von Lucas Burch oder Brown, der mit Joe Christman in der Hütte lebt und illegal Whiskey verkauft wegen der tausend Dollar Belohnung verraten.

Es gibt noch einige andere seltsame Gestalten in dem Roman. So den Geistlichen Hightower, der in seiner eigenen Welt, beziehungsweise in den Bürgerkriegserlebnissen seines Großvaters lebt und daher übersieht, daß er von seiner Frau betrogen wird, die sich in einem Hotelzimmer in einer anderen Stadt in Anwesenheit eines Freiers aus dem Fenster stürzt. Deshalb verliert er sein Amt, weigert sich aber die Stadt zu verlassen und sitzt seither am Fenster und sieht hinaus, wird aber von Byron Bunch, der irgendwie auch seltsam ist, regelmäßig besucht.

Der verliebt sich sofort in Lena, die aber nichts von ihm wissen will, bringt sie in der Negerhütte unter, wo sie das Kind gebiert. Christmas Großeltern, die plötzlich, nachdem der geflüchtete Chrismas gefangengenommen wurde, auftauchen, helfen ihr dabei.

Christmas wird von einem eifrigen Polizizist erschoßen, Lucas  Burch, der durch Byron Bunchs Vermittlung mit ihr sprechen soll, haut ab, als er die Schwangere mit dem Kind sieht und so verlassen am Ende Lena, das Kind und Byron Jefferson und die Kleinstadt mit ihren Verirrungen und Verwicklungen, wo die Negerfrauen nachts durch die Hintertüren in die Häuser der Verlorenen schleichen und ihnen Essen bringen, das aus den Küchen der weißen Familien stammen, in denen sie Köchinnen sind, bleibt zurück.

Inzwischen wird sich auch dort sehr viel verändert haben oder trotz des farbigen Präsidenten, dessen Amtszeit jetzt ja bald ausläuft, eigentlich wieder nicht so viel, wenn man von den Unruhen und Demonstrationen liest, die ausgelöst werden, weil weiße Polizisten noch immer sehr schnell farbige Jugendliche erschießen, die sich das nicht gefallen lassen wollen.

Ein sehr interessantes Buch mit einer sehr dichten eindrucksvollen Stimmung, die zum Nachdenken anregt. Es soll das am leichtestens zu lesende Buch von William Faulkner, von dem ich sonst noch nichts gelesen habe, sein und mich würde interessieren, wie es den Lesern der Neuübersetzung geht? Vielleicht mag mir ein solcher einen Kommentar hinterlassen.

Als gäbe es mich nicht

Jetzt kommt ein Buch aus dem “Aufbau-Verlag”, die neu herausgekommene Taschenbuchausgabe von Slavenka Drakulics “Als gäbe es mich nicht”, 1999 möglicherweise im schwedischen Exil geschrieben, denn die 1949 in Kroatien geborene Autorin, die in Kroatien, Wien und Stockholm lebt, hat über den Krieg geschrieben, beziehungsweise über die Traumatisierungen und Verletzungen, die man dort unschuldig erlebt und gipfelt vorsichtig in der Frage, wie das dann mit dem Weiterleben, dem Verzeihen, dem Vergessen, dem Wiederanfang ist?

S. ist eine junge bosnische Lehrerin, die im Februar 1993 im Stockholmer Karolinska Krankenhaus liegt und einen Sohn auf die Welt bringt, den sie nie sehen und ihm auch keinen Namen geben will, denn er ist die Folge einer Vergewaltigung im Lager, in dessen “Frauenraum” man S. aus ihrem Dorf, wo sie aushilfsweise unterrichtet hat, gebracht hat.

Jetzt liegt sie da in den hygienisch sauberen weißen Krankenhauslaken und denkt über ihr Leben nach. An die Stunden in Sarajevo, wo sie mit ihren Eltern und der Schwester lebte, an das Ausgehen am Wochenende, die heimlichen Küße, etcetera.

Dann kam der Krieg,  die Eltern und die Schwester sind aus ihrem Haus weggeholt worden. S., es gibt in dem Buch nur die Anfangsbuchstaben der Namen, was das Lesen etwas schwer macht, wohl aber die Distanz und vielleicht auch die gebotene Anonymität ausdrückt, war da schon im Dorf am Land und kochte gerade Kaffee, als ein Soldat erschien und sie zur Sammelstelle brachte.

Sie bietet ihm davon an und packt schnell ihre Sachen in einen Rucksack, die schönen Schuhe mit denen sie vielleicht tanzen war, ein rotes Kleid, Schmuck, ein Fotoalbum, ein Heft, denn sie ist ja Lehrerin.

Sie wird mit anderen Frauen in einem Bus ins Lager gebracht, kommt dort in den “Frauenraum”, ihr Schmuck wird gestohlen, später erährt sie, daß es eine Frau aus dem Nachbardorf war, die ihre Tochter damit schützen wollte, was ohnehin nicht gelang.

Denn nichts gelingt in dem Lager, wo man seine Würde verliert und von den Männern hört, die sich ihre eigenen Gräber graben, erschossen und die Leichen verbrannt werden, so daß ihnen am Morgen vom Geruch schlecht wird.

“Regt euch nicht auf, es wird nur Müll verbrannt!”, sagt die zahnlose Wächterin, die ihre “Mädchen” an sich liebevoll versorgt und ihnen auch mal Seife und Leckerbissen bringt. S. findet eine Schminktasche und beginnt sich grell zu schminken, denn wenn man es “freiwillig tut, verliert man seine Würde nicht!”

Die anderen verstehen diese Dissoziationsversuche nicht und sind entböhrt und weil S. eine gebildete Frau und aus der Stadt ist, darf sie wöchentlich zum Kommandanten, bekommt besseres Essen, etcetera.

Sie wohnt auch einer Geburt bei und sieht, wie die Großmutter, das Kind ihrer vergewaltigten Tochter sofort in einen Sack steckt und vergräbt. Da bekommt sie eine Ahnung, daß sie vielleicht auch schwanger sein könnte, denn sie hatte schon lange ihre Regel nicht, ist auch etwas dicker geworden.

Gewißheit kommt erst im Zagreber Flüchtlingslager, in das man sie bringt, die Ärztin, die ihr Entsetzen sieht, tröstet sie mit der Möglichkeit einer Adoption, denn sie ist schon im fünften Monat, für eine Abtreibung also zu spät.

Sie stellt einen Ausreiseantrag nach Schweden, spricht dort mit einer Psychologin, bekommt eine Bestätigung, daß sie das Kind weggeben und nach der Geburt nicht sehen will.

Die Schwestern an der Entbindungsstation verstehen sie aber nicht oder es kommt zu einem Mißverständnis.

Das Bettchen mit dem kleinen Knaben steht jedenfalls neben ihr, er wird ihr auch an die Brust gelegt, sie weigert sich zu stillen, obwohl die Milch ausschießt. Die Nachbarin erbarmt sich seiner, aber dann in der Nacht, als er schreit, nimmt sie ihn doch zu sich, legt ihm an und die Tränen schießen ihr über das Gesicht.

So endet das dünne zweihundertzwanzig Seiten Buch, das berührt und sehr beeindruckend ist.

Denn das alles ist in den Neunzigerjahren, als ich täglich mit dem Zug von St. Pölten nach Wien fuhr, um meinen Vater zu betreuen, geschehen.

Die Flüchtlinge aus dem Balkankrieg hat man gesehen und hat davon gewußt oder auch nicht, daß die Frauen massenhaft vergewaltigt wurden, damals vielleicht noch nicht so sehr.

Slavenka Drakulic, von der ich schon “Das Liebesopfer” gelesen hat, erzählt das alles in einer sehr schönen dichten Sprache, bei der immer beeindruckende Wendungen auffallen.

“Und nur das Blut ist wichtig, das rechte Blut der Soldaten gegenüber dem falschen Blut der Frauen” oder “Für S. ist klar, auch jene sind Gefangene, ohe Individualität, ohe Gesicht. Ihre Körper, ihr Wille gehören ebenfallls nicht ihnen, sondern der Armee, dem Anführer, der Nation”, die aufhorchen und nachdenken lassen.

“Was kann das Kind dafür?”, fragt, G. eine ehmalige Schulkollegin, die  am Stockholmer Flughafen die Angekommenen empfängt und dolmetscht. Sie nimmt sie zu sich in ihre Wohnung, besorgt ihr eine Aufenthaltserlaubnis, eine Wohnung und kümmert sich um sie und klar, das Kind kann nichts dafür und ist auch nicht Schuld an dem Krieg und all dem anderen Elend der Welt.

Ein leichtes Leben wird es wahrscheinlich trotzdem nicht haben, egal, ob es in einer Stockholmer Adoptivfamilie oder doch bei seiner Mutter, die mit ihren Traumatisierungen fertig werden muß, aufwächst.

Ein beeindruckendes Buch und sehr zum Lesen zu empfehlen, vor allem jeden, die meinen, daß es jetzt siebzig Jahre bei uns keinen Krieg gegeben hat, würde ich es an das Herz legen und es war auch interessant für mich, da ich ja erst vor kurzem nach kroatischer Literatur gesucht habe und da schon daraufgekommen bin, daß die nicht so leicht zu finden ist, weil die kroatischen Autoren oft in Serbien geboren sind oder ihre Geschichten in Bosnien oder Slowenien handeln und es ist vielleicht auch nicht so ganz geeignet, als Einstiegslektüre für meinen neuen Sommerroman oder doch vielleicht, denn ich bin ja erst durch Bosnien gefahren, wo alles frisch aufgebaut wird und die Kriegsspuren und die Verwüstungen, vielleicht doch zu sehen sind und der junge Mann wäre jetzt dreiundzwanzig Jahre alt und da S. ja nicht nur ein Einzelschicksal war, sondern das damals vielen Frauen so passierte, bin ich ähnlichen jungen Männern und Frauen höchstwahrscheinlich auch schon begegnet.

Der Tod des Vergil

Jetzt kommt etwas Anspruchsvolles aus dem Harlander Bücherstapel, beziehungsweise eines von Alfreds DDR Büchern, nämlich der 1981 bei “Volk und Welt” erschienene Roman des 1886 in Wien geborenen und 1951 im amerikanischen Exil verstorbenen Hermann Broch “Der Tod des Vergils”, von dem ich noch “die “Schuldlosen” in meinem Bibliothekskatalog stehen habe und möglicherweise habe ich es auch vor langer langer Zeit in Hamburg bei meinem Workcamp-Aufenthalt in St. Georg gelesen und nicht verstanden.

Möglicherweise war ich auch einmal bei einer Broch-Veranstaltung im Literaturhaus oder in der “Gesellschaft der Literatur.”

Der Dichter arbeitete jedenfalls eine Zeitlang in der elterlichen Textilfirma, konvertierte vom Judentum zum Katholizismus, wurde danach freier Schriftsteller und 1938 nach “dem Anschluß” in Bad Aussee inhaftiert, bevor er  durch Vermittlung von James Joyces und Thomas Mann zuerst nach England, dann nach Amerika emigirierte.

Dort hat er  bis 1945 an dem Roman geschrieben von dem es mehrere Fassungen gibt und der in meiner DDR Ausgabe von dem 2014 verstorbenen Lektor oder Verlagsmitarbeiter  Dietrich Simon von dem es ein sehr umfassendes Nachwort gibt, als “einer der betroffensten antifaschistischen Romane” bezeichnet wird und die letzten Stunden des römischen Dichters schildert.

Er ist in vier Teile gegliedert und im ersten “Wasser – Die Ankunft” kehrt der schwer kranke Publius Vergilius Maro, ein Bauernsohn aus Mantua, auf Wunsch des Kaiser Augustus von Griechenland nach Brundisium zurück.

Er liegt in seinem Mantel, neben sich einen Koffer in dem sich das Manuskript seiner “Anäis” befindet, das er fertigstellen soll,  im Schiff und wird dann in den Palast getragen, wo  des Kaisers Geburtstag gefeiert wird. Da wird er von einem geheimnisvollen  Knaben begleitet, der sich nicht von ihm trennen will,  denkt an seine Mutter, sowie an seine Kindheit und wird auf dem Weg in den Palast, wo er mit einer Sänfte hingetragen wird, von der Menge angepöbelt.

Im zweiten Teil “Feuer – der Abstieg”, liegt er alleine in seinem Zimmer, der Knabe hat ihn verlassen, sein ihm zugeteilter Sklave ist im Zimmer nebenan und denkt in einem rauschartigen und für den Leser wahrscheinlich schwer verständlichen Monolog über über sein Leben nach.

Am Fenster stehend sieht er drei pöbelhafte Gestalten, die von “Wein, Mehl und Knoblauch” reden und dabei Kaiser Augustus beschimpfen, sowie ihre Notdurft verrichten.

Dann werden die Sterne, die Schönheit, die Liebe und die Vergänglichkeit angerufen und es geht auch, um Schuld und Meineid.

Dietrich Simon deutet in seinem Nachwort etwas an, daß der Dichter Broch, den Gestapo Verhören nicht Stand gehalten hätte und, daß der “Tod des Vergils”, an dem er allerdings schon seit 1936 gearbeitet hat, die Reaktion darauf sei.

Vordergründig geht es, um die Vollendung des Werkes “Anäis”, die sich der Sterbende nicht zutraut und von der Vernichtung desselben spricht.

Im Buch steht der Satz “Der heilsbringende Führer hat nämlich die Sprache der Schönheit abgestreift, er ist unter ihre kalte Oberfläche, unter die Oberfläche der Dichtung gelangt.”

Bei “Wikipedia lese ich “daß der tugendhafte “Anäsis” Virgil mißlungen ist und der Dichter an seiner Künstlerschaft zweifelt.”

Das geschieht in einem wahren Monolog der Todesahnung, von den Qualen des Scheintodes und der Vernichtung wird phantasiert, bis der Knabe wieder auftaucht, sich nun  Lysanias nennt und ihm gegen seinen Willen einen Schlaftrunk zubereitet, den er schließlich trinkt.

Der Knabe liest ihm die Verse aus seiner “Anäsis” vor und Virgil beginnt “seine Augen der Liebe zu öffnen”, bzw. “in die Schöpfung einzutreten”.

Im dritten Teil “Erde – Die Erwartung” erscheinen Vergils Freunde und wollen nichts von seiner Idee zu sterben und die “Anäis” zu verbrennen wissen, sie holen im Gegenteil einen Arzt, der Vergil für den Besuch Augustus aufpäppeln soll.

Der erscheint dann auch und es gibt eine lange Diskussion über die Götter und die Welt und darüber, wem ein Kunstwerk gehört, dem Staat, dem Künstler und hat der das Recht es zu vernichten, wenn er es schon dem Augustus gewidmet hat und es daher der Stadt Rom gehört?

Unterstützt wird das Gespräch durch Einwürfe der Geliebten und des Sklaven, Visionen Vergils, der Knabe erscheint auch wieder und als Augustus vorwirft, Vergil würde ihn hassen und das Werk deshalb vernichten wollen, weil er es nicht ihm zueignen will, gibt der nach und macht sein Testament.

Dann geht es in “Äther – Die Heimkehr” in den Kahn und mit dem Fährmann und dem Knaben, der sich vom Sklaven in einen Engel verwandelt, voran. Alle Personen verschwimmen dem Vergil, die Geliebte wird zur Mutter und zur Schwester, es geht ins Pflanzen- und ins Tierreich hinüber und am Ende ist auch die Sprache nicht mehr festzuhalten “unerfaßlich unaussprechbar war es für ihn, denn er war jenseits der Sprache”.

So haben wir uns auf fünfhundert Seiten durch die letzten Stunden des römischen Dichters gelesen, eine Geschichte, wie ich bei “Amazon” gelesen habe, eigentlich ganz einfach ist. Der Sterbende kommt in sein Heimatland zurück, ringt mit  seiner Vergangenheit, seinen Fehlern und Unvollkommenheiten, nimmt Abschied von der Welt und entschwebt. Das Werk bleibt zurück und Hermann Broch hat sich damit in vielen Jahren vielleicht einiges von der Seele, in einer manchmal sehr verdichteten Sprache, die dann wieder erstaunlich alltagsnah erscheint, so gibt es Dialoge und eigentlich auch eine Handlung, die vielleicht für die fünfhundert Seiten in denen sie erzählt wird, zu lang und langweilig wird, geschrieben.

Vierzehn Tage habe ich mit Unterbrechungen, ich habe das Buch sogar nach Innsbruck mitgenommen und ein Stückchen im Zug gelesen, gebraucht und bin wahrlich in das Leben des Vergils und des Hermann Brochs hineingeworfen worden, berührt hat mich daran, die ich das Buch eigentlich für einen “schwer verdaulichen Knochen” gehalten habe, die Lebensgeschichte von Hermann Broch und auch, daß ich das Buch in einer DDR-Ausgabe gelesen habe, was vielleicht  noch ein ganz besonderes Schmankerl ist.

Beim Nachgooglen über Dietrich Simon habe ich erfahren, daß ihm die DDR-Einwohner einige bedeutende Werke der Weltliteratur zu verdanken haben und ich kann das Lesen des Romans sehr empfehlen, auch wenn ich mir in Zeiten, wie diesen, wo alles schnell gehen muß und die Geduld der Leser nicht mehr vorauszusetezen ist, vorstellen kann, daß viele das Buch wegschmeißen werden, weil ihnen der Inhalt zu lang und zu sperrig erscheint.

Es gilt aber als Weltliteratur, auch wenn ich beim “Amazon Ranking” eine ein oder zwei Stern Rezension gefunden habe, die meint, daß sie das Getue um das Buch nicht recht versteht.

Ich denke, da hat einer seine Lebenserfahrungen hinuntergeschrieben und es sind auch sehr schöne Wort- und Sprachschöpfungen in dem Buch, auch der Dialog ziwschen dem Arzt und Vergil war sehr interessant zu lesen, sodaß ich das Buch auch den anspruchsvollen Leser ans Herz legen kann, die sich die Zeit fürs Lesen nehmen.

Ohio

Jetzt kommt wieder etwas von meiner Leseliste, ein Buch, der 1964 in Lorrach geborenen, Schweizer Autorin Ruth Schweikert, von der ich schon “Augen zu” gelesen habe und die mit ihrem letzten Buch, glaube ich, auf der Schweizer Buchpreisliste stand und in Göttweig habe ich sie auch daraus lesen gehört.

“Ohio” habe ich um einen Euro in einem der “MM-Märkte”, wahrscheinlich bei “Buchlandung” oder dessen Nachfolger gekauft, ich kann mich nicht mehr daran erinnern.

Das Pickerl liegt aber im Buch, das Egon Amman, dem Leiter des “Amman-Verlags” gewidmet ist, der mir ja, glaube ich, einmal einen langen Brief bezüglich meiner “Hierarchien” schickte, die ich bei ihm eingereicht habe und es führt zu der Frage zurück, was ein anspruchsvolles Buch ist, die Tobias Nazemi ja, wahrscheinlich im Vorfeld des Buchpreisbloggens auf seinem Blog gestellt hat, beziehungsweise zu meinen “Berührungen” oder der Behauptung, die mich immer etwas nervt, das ein gutes Buch berühren müsse!

Denn “berührt” ich gebe es zu, hat mich das Buch, ohne jetzt einen Verriß zu schreiben, nicht.

Ich halte es im Gegensatz wieder für eines dieser gut gemachten literarisch anspruchsvollen Bücher, in guten Deutsch, mit schöner Sprache, mit literarischen Anspielungen und einem Allerweltsthema.

Eine Familiengeschichte, wo habe ich das vor kurzem schon gelesen, daß die Großeltern nach Amerika ausgewandert sind und der Vater Bauer war? Bei Richard Wagners “Habseligkeiten” glaube ich und das steht ja kurz über “Ohio” auf meiner Leseliste, mit der ich wegen der vielen Neuerscheinungen und anderer Ablenkungen nur langsam weiterkomme.

Außerdem ist der Titel verwirrend, denn mit Ohio hat das Buch überhaupt nichts zu tun, nur daß die Großeltern des Protagonisten, dorthin einmal auswandern wollten, es dann aber doch nicht taten.

Es beginnt stattdessen in einem Hotelzimmer in Südafrika, da beugt sich der Schweizer Arzt, italienischer Abstammung, Andreas über seine schlafende Frau Marete, mit der er neun Jahre zusammen war und zwei Kinder hat, bevor er das Zimmer verläßt, um in den Selbstmord zu gehen.

Das ist der Beginn und daran rankt sich, chronologisch nicht zusammenhängend, die Geschichte des Paares und deren Familie.

Marete, wie Andreas und ihre Autorin in den Sechzigerjahren geboren, wurde in Südafrika gerfunden und von der Finderin adoptiert, nachdem ihr eigenes Kind gestorben ist.

Andreas Großeltern, die im Engadin, glaube ich, in einem Hotel gearbeitet haben, wollten nach Ohio auswandern, haben es nicht getan, sondern den Sohn Michele geboren, der Almut geheiratet hat, die mit ihren Eltern von Polen in die Schweiz gekommen ist und dort als Kindermädchen gearbeitet hat.

Um die ranken sich viele schöne Geschichten, Michele, eigentlich homosexuall, der eigentlich Tänzer werden wollte, viel fotografierte, am liebsten Menschen mit geschlossenen Augen, aber Rezeptionist in diesem Hotel war, ist inzwischen, die Geschichte spielt 2001 nach dem Einsturz der Twintowers und endet 2005, als Merete ihr drittes Kind von ihrerm Liebhaber Peter, mit dem sie Andreas betrogen hat, gebiert.

Michele, der an einem leichten Alzeheimer leidet, ist inzwischen an einem Schlaganfall gestorben und das war in einer Zeit, in der Marete, Andreas nach Durban schickte, damit er gesund werden konnte, denn Jonathan, der altkluge ältere Sohn, hatte einen Radunfall, den Andreas verschuldete.

Es ist nichts passiert, er ist nicht daran gestorben, sondern wieder gesund geworden. Es hat aber Andreas krank gemacht, so daß er bei seinem Freund Dominik, dem Psychiater anrief und sich für einen Freund, der eine Tochter verloren haben soll, Psychopharmaaka verschreiben ließ und an dem Tod, der Freundin des Freundes ist er auch schuld, denn sie starb bei einer Gletscherüberkehrung die sie mit Andreas und Marete machte, während der Freund krank im Hotel lag, was vielleicht den Selbstmord erklärt.

Es gibt noch eine behinderte Schwester Andreas, deren Hamster immer Amore heißen und das sind lauter schöne Bilder, die durch das Buch führen, das ich eigentlich nicht Roman nennen würde und die so abgehoben sind, daß sie mit den gewöhnlichen Wald-und Wiesen leben, die die Leser des Buches haben werden, wahrscheinlich nicht zu vergleichen will.

Ich weiß, gute anspruchsvolle Literatur muß abgehoben und ungewöhnlich sein und mit meiner Wald und Wiesendepression oder der, der der alleinerziehenden Mutter, die beim “Billa” arbeitet und wahrscheinlich nie in Durban gewesen war, nicht zu vegleichen, damit sie interessiert, denn man will ja das Schöne, Ungewöhnliche und nicht das eigene Elend lesen, das hat mir ja schon ein wahrscheinlich Obdachloser in der  “Augustin Schreibwerkstatt” gesagt, als ich mit meiner “Sophie Hungers” dahergekommen bin.

Ich frage mich aber, was mir das Lesen dieser vielen schönen Bilder und der zusammengewürfelten Familiengeschichte bringt, die ja gar nicht so ungewöhnlich ist, sonst hätte ich ja ähnliches nicht erst vor kurzem bei Richard Wagner gelesen?

Ich bin eine Vielleserin mit dem Anspruch möglichst alles zu lesen, um am Schluß zu wissen, was die anderen besser können und Egon Amann hat mir vor mehr als dreißig Jahren zu erklären versucht, was meine “Hierarchien” von der guten Literatur unterscheidet.

Damals habe ich es, glaube ich, nicht verstanden. Heute weiß ich, daß sie abgehoben und in einer sprachlich schönen perfekten Sprache sein muß.

Die Handlung behauptet Tobia Nazemi weiter, wäre ihm egal. Mir eigentlich nicht und so frage ich mich wieder, ohne zu verreißen, was ich von dieser Mittelschichtgeschichte mit vielen literarischen Anspielungen, A. L. Kennedy, Pessoa und noch andere kommen vor, der Holocaust wird erwähnt, die Homosexualit, etc, habe und was sie mir für mein Leben bringt?

Ich habe diese abgehobene Familiengeschichte mit Verlaub gesagt, ein wenig langweilig gefunden, aber meine ganze Konzentration gebraucht, um den Inhalt zu erfassen und kann nun sagen, ich habe wahrscheinlich ein Stück gute, anspruchsvolle Literatur gelesen. Weiß jetzt noch ein bißchen genauer, was darunter zu verstehen ist und was die Verlage und die Literaturkritiker dafür halten.

Ob das Buch sehr viele begeisterte Leser findet, weiß ich nicht, wäre da auch ein wenig skeptisch. Aber ich glaube, ja, die Leute lesen ohnehin nicht sehr viel und wenn dann eher Sachbücher, Krimis, Chicklits und, daß ich das 2005 erschienene Buch, vor ein paar Jahren, um einen Euro kaufen konnte, spricht ja auch für meine These.

Als meine Schwestern das Blaue vom Himmel holten

Auf die 1981 geborene, in Berlin lebende, Susanne Mewe, die am Leipziger Literaturinstitut studierte, bin ich durch ihren Gewinn beim “Wartholzer Literaturpreis” aufmerksam geworden, denn da haben ja heuer eine Reihe mir bekannte Autoren, wie Jürgen Lagger,  Katharina Tiwald, Marlen Schachinger, Robert Prosser, Cornelia Travnicek, etcetera, gelesen und gewonnen hat eine mir bisher unbekannte Autorin und als ich ihren Lebenslauf nachgooglete, bin ich daraufgekommen es gibt einen im “AufbauTaschenbuchVerlag” erscheinenen Debutroman, den ich, wenn ich gewollt hätte, schon früher lesen hätte können, denn der “Aufbau Verlag” hat im Frühling oder so einen “Geschwistertag” verantstaltet und dabei dieses Buch, wie alle, die um Geschwisterliebe handeln, vorgestellt.

Ich habe damals Jane Austen gelesen und war mit meinen “Berührungen” und dem Stefan Zweig-Schwerpunkt beschäftigt, so daß ich die Bücher nicht besonders angeschaut habe, aber nach “Wartholz” habe ich das getan und war eigentlich erstaunt über die Aufmachung, lauter rote und lila Kugeln am Cover, Blumen oder Luftballons und Blümchen gibt es auch auf jeder Seite und wenn man den Umschlag umklappt, steht auf der Rückseite:

“Warum wir dir helfen wollen? Weil weil wir dich lieben. Weil du uns den letzten Nerv raubst. Weil wir deine Schwestern sind.”

Also eigentlich  eine Chicklit-Aufmachung und das ist für eine Literaturinstitutabsolventin und “Wartholz-Gewinnerin”, wo unter anderen  Günther Kaindlsdorfer und Olga Flor in der Jury waren, eher ungewöhnlich, gibt es ja, wie vor kurzem erst Tobias Nazemi bloggte, eine klare Unterscheidung zwischen U und E Literatur.

Ich meine, sie soll es eigentlich nicht geben und der “Aufbau Verlag” versucht offenbar auch dieses Klischee zu durchbrechen. Tobias Nazemi hat aber einige Kriterien, was für ihn zur anspruchsvollen Literatur gehört und da zählen wohl die Chicklit-Frauenhandlung, als auch das rote Blumencover nicht dazu und ich muß gestehen, ich bin nach dem Lesen ein wenig ratlos und weiß nicht so recht, was ich von dem Buch, das einige  Klischees sprengt, halten soll?

Vielleicht sollte ich auch den Preistext lesen, denn zuerst dachte ich, ein typischer Debutroman und da habe ich bei den O-Tönen jetzt ja einige gehört beziehungsweise gelesen und weiß von da, daß die jungen Frauen der Generation Dreißig, die Journalistik studieren und dann in der Generation Praktikum landen, es heutzutage sehr schwer haben. Friederike Gösweiner hat ein solches Buch geschrieben, das noch auf meiner Bettablage liegt und die Mia, die Ich-Erzählerin, der Susanna Mewe, ist ja auch so alt, hat die Jounalistenschule absolviert, dann angeblich oder auch tatsächlich eine feste Anstellung bekommen, aber gekündigt oder sie gar nicht erst angenommen und sich fortan bei Messen als Garderobiere verdingt.

Eine Satire oder eine Parodie auf die prekären Verhältnisse? Aber das ist nur eine Nebenschiene, denn eigentlich beginnt es mit einer Trennung.

Lars, Mias Freund, eröffnet ihr beim Frühstück aus heiteren Himmel, daß er sich von ihr trennen will. So zieht sie aus, vorübergehend zu ihrer Supervisorin Geraldine, die ihr für fünf Euro pro Tag eine Matratze in ihrem Wohnzimmer vermietet, geht aber bald zu ihrer  Schwester Paula, die alles hat, ein schönes Häuschen mit Garten in einer Reihensiedlung, ein möglicherweise autistisches Kind, einen Ehemann namens dMatthias und auch noch einen Job.

Paula überredet Mia zum Klassentreffen zu gehen und dann tauchen noch die beiden anderen Schwestern, Lucy, die erfolgreiche Bankerin und Sophie, das Nesthäckchen auf und in Rückblenden wird  von der Vergangenheit der Schwestern, die Ehe der Eltern wurde geschieden, die Mutter ist an Krebs gestorben, vorher hat sie aber noch das Haus ausgeräumt und nur die Spielsachen der Töchter zurückgelassen, die inzwischen auf Paulas Dachboden stehen, erzählt.

Das Buch spielt und das ist auch interessant zu Weihnachten. Denn im vorigen Sommer habe ich, auch wenn das Zufall ist, denn das Buch ist schon im Februar erschienen, auch ein paar Weihnachtsbücher um diese Zeit gelesen und gerade selber ein solches fertiggestellt und plötzlich tauchen die drei Schwestern bei Paula auf, die sie schon vorher mit ihrem Mann Mathtias verkuppelt haben und wollen ihr das “Blaue vom Himmel holen”.

Ganz ist mir der Titel nicht klar geworden, aber vermutlich wollen sie ihr ungefragt zu ihrem Glück verhelfen, also eine gefährliche Drohung, wie schon am Umschlag steht, denn beim Klassentreffen hat Mia von einer Klatschbase erfahren, daß Matthias ein Verhältnis haben soll.

So kommen die Schwestern und wollen Paula mit dem netten Nachbarn verkuppeln, in dessen Bett dann aber Mia fällt und am Schluß stellt sich heraus, es war gar nicht so schlimm. Matthias hat sich nur Aktfotos auf sein Handy geladen, weil er Paula überraschen und ihre Ehe aufmöbeln wollte?

Dann kommt meiner Meinung nach ein Bruch in der durchaus spannenden Geschichte, die nur sehr viele Rückblenden hat und auch mit viel Klamauk, der mir ja nicht unbedingt liegt, erzählt wird, wo ich den Faden verloren habe.

Es stehen jedenfalls alle am Weihnachtsabend im Wald, Lucy will Matthias ermorden, Paula fängt mit ihm zu streiten an und plötzlich ist es aus, es kommt wieder eine Rückblende, Mia will ihr Leben ändern, fängt, als fixe Reporterin bei einer Jagdzeitung an und da hätte ich schon gedacht, es wäre bei der Generation Dreißig unmöglich vom ewigen Praktikum wegzukommen und Lucy, stellt sich heraus, ist gar nicht so erfolgreich, hat auch noch Krebs oder einen gutartigen Tumor und die Schwestern zerren sie zur Untersuchung und einen Zahnarzt, der sich in Mias Liebesleben einmischt, gibt es auch, was ich wieder originell fand.

Ein etwas überladenen Buch, dem vielleicht eine gewisse Straffung fehlt, würde ich mal mäkeln,  bleibe mit Neugier auf Susanna Mewes Preistext zurück und habe, was die Unterscheidung von U und E-Literatur betrifft, wiedermal eine spannende Erfahrung gemacht, daß die Grenzen fließen und eine Einteilung nicht so einfach ist, was es wohl auch gar nicht soll.