Fouche

Jetzt kommt eine andere literarische Seite Stefan Zweigs, neben seinen leidenschaftlichen Novellen, mit denen er berühmt wurde, der “Welt von Gestern” und seinem Roman “Die Ungeduld des Herzens”, hat er auch viele Biografien geschrieben.

Die von “Marie Antoinette -Bildnis eines mittelmäßigen Charakters”, eine Büchergilde Gutenbergausgabe, aus dem Bücherkasten meiner Eltern, habe ich, glaube ich, noch als Hauptschülerin gelesen, wo ich mich sehr für Geschichte interessierte und Napoleon sehr verehrte, dann gibt es die von “Maria Stuart” “Balzac”, “Magellan” etcetera und dann die von Joseph Fouche, dem französischen Polizeiminister unter Napoleon “Der Mann, der Napoelon Furcht einjagte”, steht auf meiner Fischer TB-Ausgabe, aus dem Jahr 1964, ein Fund aus dem Bücherschrank, 1929 geschrieben, die ich nach dem Roman, der Autobiografie und den Novellen, jetzt gelesen habe, ein ganz anderer Stil des Vielschreibers, der auch noch sehr viel auf Reisen war, wie er das wohl alles machte, seine Manuskripte wird wahrscheinlich seine Sekretärin getippt haben und um an das Material heranzukommen, Google hat es damals noch nicht gegeben, dürfte er diverse Memoiren, zumindest erwähnt er das in dem Buch, benützt zu haben.

Interessant, interessant, obwohl ich mich für die Geschichte nicht mehr so interessiere und die französische Revolution für eine sehr blutige halte, so daß ich eigentlich gar nicht verstehen kann, daß sie heute noch am vierzehnten Juli gefeiert wird, habe ich auch schon einiges gelesen, am Pfingstmontag vor ein paar Jahren  Victor Hugos “1793 Frankreichs Schreckensjahr” beispielsweise, das ich während des Lesemarathon, den ich damals machte, im Schrank gefunden habe und Joseph Fouche und Marie Antoinette passen zeitlich auch  zusammen, hat er ja das Todesurteil des französischen Königs unterzeichnet oder ausgerufen, der 1759 geborene, wie Zweig betont, häßliche Mann, der die unteren kirchlichen Weihen erhielt, eine zeitlang Mathematik in Priesterseminaren unterrichtete, bevor er sich der Revolution anschloß, zum Schlachter von Lyon wurde, Kirchen plünderte und dann zuerst Polizeiminister der Revolution wurde, Robespearre hat er auch zum Sturz gebracht. Dann war er zweimal ein solcher unter Napoleon, wurde von dem aber versetzt, als er  selbständig Friedensverhandlungen begann, ein gigantisches Spitzelwesen, wo er alle überwachte, hat er vorher auch noch eingeführt. Er der zuerst ein kommunistisches Manifest schrieb, die allgemeine Armut verordnete, wurde dann zum Millionär und zum Herzog, stürzte danach auch Napoleon, führte die Bourbonen wieder ein, die ihm aber den Königsmord nicht verziehen, so wurde er nach Linz versetzt, wo er sich mit seinen Verteidigungsschriften beschäftigte, beziehungsweise seine Memoiren schrieb.

Wenn man kurz vorher Stefans Zweig leidenschaftliche Novellen und seine sehr ehrliche Biografie gelesen hat, wird man den Stil vielleicht ein wenig trocken finden, die “Amazon Rezensenten” schreiben allerdings etwas “von spannend von der erste Seite an”, wahrscheinlich liegt es auch am Gegenstand, der Darstellung des “Bildnis eines politischen Menschens”, wie der Untertitel heißt.

Interessant ist natürlich all das Faktenwissen. Zweig zieht auch Schlüße und macht Feststellungen. Der Aufstieg und der Fall eines französischen Polizeiministers zur Zeit der französischen Revolution interessiert mich aber heute nicht mehr sehr, spannender vielleicht die Verbindungen zum ersten Weltkrieg, die Zweig an ein paar Stellen zieht und spannend auch die Vielseitigkeit Zweigs, des überzeugten Europäers und spannend mich durch sein Werk zu lesen, das ich höchstwahrscheinlich demnächst mit dem 1941 geschriebenen “Brasilien-ein Land der Zukunft”, das vermutlich wieder eine andere Facette seines literarischen Schaffens zeigt, beschließen werde.

Die Merowinger oder die totale Familie

Nun geht es weiter mit einem kleinen “Doderer-Schwepunkt”, denn ich habe in meinem Regalen, entgegen meiner Erinnerung nur die “Merowinger” und “Die Wasserfälle von Slunj”, neben dem “Doderer-Buch” und den “Dämonen, die ich in den Siebzigerjahren als Studentin gelesen habe, gefunden.

“Die Merowinger”, ein dtv-Taschenbuch aus den Siebzigern dürfte ich bis Seite 143 angelesen habe, da gab es jedenfalls eine eingelegte Karte und ein Eselsohr und außerdem habe ich die Stelle, wo der Professor Horn mit seinen Patienten, der Schwester Helga un den Pauken und Trompeten durch seine Praxis jagt, schon auszugsweise, glaube ich, in einer von meiner Großmutter abonnierten Zeitschrift gelesen.

Erschienen ist das Buch 1962, nach der “Strudlhofstiege” und den “Dämonen”, irgendwo habe ich gelesen, daß Doderer es dazwischen geschrieben hat, um sich zu entspannen und auf der letzten Seite wird es von ihm selbst, beziehungsweise seinem Alter Ego? Doctor Döblinger als “Blödsinn?! Alles Unsinn-” bezeichnet. Die “Amazon Leser” tun sich ebenfall schwer, bezeichnen es als Nonsense oder schreiben, sie hättten es nicht verstanden und wenn ich es recht verstanden habe, gibt es vielleicht noch eine neuere dtv Ausgabe, aber sonst das Büchlein eher antiquarisch zu beziehen.

Hilde Spiel habe ich in einer alten “Spiegel Rezension” gelesen, hat es als Parodie auf das dritte Reich interpretiert und dem würde ich mich anschließen. Sein historisches Wissen hat Doderer, der ja Geschichte studierte, darin auch ausgelebt und es geht um viel in mehreren Ebenen, um Gewalt, um Wut, um die Nibelungen, die damalagie Psychiatrie-Kritik, die Geheimbünde, etcetera, etcetera.

In den Kritiken wird neben der  Unverständlichkeit noch die schöne  Sprache erwähjnt und ich füge hinhzu, daß es mir  ganz gut gefallen hat, obwohl ich einiges überlesen habe und mich bei dem monogigantischen Doderer im Gegensatz zu Zweig bei dem ich mich jetzt schon so ziemlich durchgelesen habe, nicht ganz auskenne, obwohl das Doderer-Buch eine ganz gute Einführung gibt.

Und da treffen wir in den Erzählungen  auch den Doctor Döblinger, Doderer verwendet auch eine etwas altertümlich Schreibweise und die “Posaunen von Jericho” sind wohl als Vorstudien zu verstehen..

Was mir aufgefallen ist, ist, daß in dem Buch mit DM bezahlt wird und die Stadt in der es spielt dürfte nicht Wien sein, beziehungsweise wäre es nicht zu erkennen, aber Doderer hat ja lange in Bayern gelebt.

Es gibt eine Ahnentafel der Merowinger, ein gezeichnetes Wappen und einiges in Reimen und ein scharfes Bild der Fünfzigerjahre, in dem das Buch ja spielt, wird, glaube ich, auch gezeichnet, das ich sehr beeindruckend finde, weshalb ich mich an das Buch auch gut erinnern konnte.

Sehr gut kann mans nicht nacherzählen, also vielleicht keine allzugroße Spoilergefahr, denn besonders scharf auskomponiert scheint es mir nicht zu sein, sondern die verschiedenen Ebenenen eher nacheinander angeführt und nebeneinander gestellt

Da gibt es Childerich III oder den Baron Bartenbruch, den Merowonger, der in seiner Jugend von seinen Brüdern verprügelt wurde und dessen Ehrgeiz es jetzt ist, durch Heirat sein eigener Großǘater, Neffe, Onkel, Enkel, etcetera zu werden, um sich da ganz auszukennen, müßte man genauer lesen oder die Ahnentafeln mit den verschiedenen Seitensträngen der Familie studieren. Er träg auch einen langen Bart und hat ein Stadt- und ein Sommerpalais, dort hält ein eine Menge Diener, sowie einen Hofzwerg, die er verprügelt, aber gut bezahlt, so daß ihm die “Kanaille” dankbar ist und er wird auch von einer grimmigen Wut geplagt, so daß er die Privatpraxis von Prof Dr. Horn aufsuchen muß, der eine seltsame Therapiemethode entwickelt hat.

Mit seiner Schwester Helga jagt er die Patienten zum Krönungsmarsch von Mayerbeer durch seine Praxisräume, behandelt sie mit einem Nasenzwicker, läßt sie Figuren zerschmeißen und weil das alles ja nicht leise ist, sucht er die unter ihm wohnenen Herren, Dr. Döblinger den Schriftsteller und den frühpensiopnierten Oberlehrer Zilek auf, um ihnen Lärmmiete zu bezahlen. Die machen das dann nach und eröffnen auch eine Praxis für Heilgymnastik, das Haus tobt, die Krankenwägen müssen auffahren und die resche fesche Hausmeisterin, die es auch hier gibt, sperrt sich am Dachboden ein.

Einen Regierungsdirektor Schajo gibt es auch, denn die anderen Patienten Prof Horn haben sich ihre Wut von den Anstehen in den Ämtern geholt und der Direktor hat nun eine Gegentherapie entwickelt und so dem Professor Konkurrenz gemacht.

Die Firma “Hulesch und Quenzel”, eine Art  Geheimclub, der die Weltherrschaft übernehmen will,  gibt es auch, hier ist der Oberlehrer Mitrglied und die sucht ihre Mitglieder auf und überreicht ihne,n als Erkennungszeichen ein bestimmtes Buch, das man aber auch ganz normal im Buchhandel kaufen kann.

Childerich,  der Wütende hat durch die Karolinger beziehungsweise seinen Majordomus Pippin oder französisch ausgesprochen Pepin, Konkurrenz, der ihm vernichten will, was  nach dreihundert  auchSeiten gelingt. Childerich wird entbartet und entmannt, zieht  sich in eine zwei Zimmerwohnung zurück, zahlt seiner riesigen Familie ihr Erbe aus und watscht nun, weil er es doch nicht ganz lassen kann, gegen Bezahlung eine Nachbarin und der Doctor Döblinger sitzt in seiner vielleicht ruhigeren Wohnung und schreibt diesen “Blödsinn” auf.

Erstes Erlebnis

Gleich geht es weiter mit Stefan Zweig und seinen Novellen der Leidenschaft  “Erstes Erlebnis-vier Geschichten aus Kinderland”, 1930 im “Insel-Verlag” in Leipzig erschienen.

Ein Buch aus der 41- 46 Tausender Auflage, Stefan Zweig war ein sehr gelesener Autor, von denen viele vielleicht auch am 10. Mai 1933 in den deutschen Städten brannten.

Meines hat ein  Dipl. Ing. aus dem sechsten Bezirk besessen und ich habe es, vielleicht eine Verlassenschaft, schon vor längerer Zeit in einem der Schränke gefunden, man sieht, auch bei mir gibt es Lesespuren und ein Archivieren, so habe ich es bezüglich meines Stefan Zweigs Schwerpunkts herausgeholt und mich in die alte Schrift eingelesen.

“Vier Geschichten aus Kinderland”, das scheint mir etwas untertrieben, denn die meisten der Erzählungen handeln von Pubertierenden und sie behandeln, dann stimmt es wieder “Das erste Erlebnis” zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben und wir können raten, vergleichen und herausfinden, was in Zeiten der vielen Traumatisierungen nach einem möglichen oder tatsächlichen Mißbrauchs inzwischen anders geworden ist.

Das Buch ist Ellen Key, einer 1926 verstorbenenen schwedischen Reformpädagogin, “In herzlichem Gedenken der hellen Herbsttage von Gagni di Lucca” gewidmet und beginnt mit einem Gedicht:

“O Kindheit, wie ich hinter deinen Gittern,

Du enger Kerker, oft in Tränen stand,

Wenn draußen er mit blau und goldnen Flittern

vorüerzog, der Vogel Unbekannt”,

da nichts anderes dabei vermerkt ist, nehme ich an, es ist von Stefan Zweig, sonst würde ich es Rilke zuschreiben, beziehungsweise es mich an den “Panther” erinnern.

Es mit der “Geschichte in der Dämmerung”, wie die nachfolgende “Gouvernante”, schon in den “Novellen der Leidenschaft” enthalten, aber dieses wurde erst 1966 von S Fischer, verlegt, meines war eine “Donaulandausgabe” und erinnert  den “Brief einer Unbekannten” oder “An die Frau und Landschaft”

Sie wird in der Dämmerung vom Erzähler erträumt, hat er sie aus einem Buch gelesen oder von einem Bekannten erzählt bekommen? Da kommt jedenfalls das Bild eines fünfzehnjährigen Knaben, der in Schottland in der Dämmerung die Treppen eines Schloßes hinabsteigt und in den Garten geht, dort hat er eine erotische Begnung. Eine Frauengestalt schmiegt sich an ihn, küßt und herzt ihn und verschwindet. Er forscht unter den anwesenden Frauen, eine Gräfin, eine Tante, drei Cousinen nach, wer es gewesen sein könnte? In der nächsten Nacht trifft er sie wieder und presst das Medaillon ihres Armbandes in seine Haut, es ist achteckig und seine Cousine Margot trägt am nächsten Morgen ein solches, er spricht sie beim Ausritt darauf an, sie reagiert unwirsch, meint er wäre ungezogen, ihre Schwester Elisabeth reagiert besorgter und am Abend kommt es zur nächsten Begegnung und weil in Margots Zimmer  noch Licht brennt, steigt er auf einen Baum, um mit ihr zu sprechen, fällt aber hinunter, bricht sich das Bein und die Schwestern  besuchen ihn dann in den Wochen, wo er in seinem Zimmer stillsitzen muß. Einmal, er hat die Augen geschloßen, es kommt eine Besucherin und streicht über seine Hand, als er sie öffnet, erkennt er mit Schrecken, es ist Elisabeth und nicht Margot, die eine liebt er, die andere ihn. Der Sommeraufenthalt ist bald vorüber, die beiden Schwestern heiraten später und Bob irrt rastlos durch die Welt.

“Die Gouvernante” hat mich bis auf ihren etwas rührseligen Schluß sehr gepackt, denn klarer kann man vielleicht nicht in die Schlafzimmer der bürgerllichen Wohnungen mit ihren verschiedenen Stände blicken, zu Beginn des vorigen Jahrhunderts blicken.

Das sind zwei namenlose Kinder, zwei Mädchen zwölf und dreizehn Jahre alt, liegen im Bett und sprechen von ihrem “Fräulein”, das ebenfalls keinen Namen hat. Den hat nur der Cousin Otto, ein Student, der in der Familie wohnt und dem, plaudern die beiden Mädchen aus, scheint das Fräulein zu gefallen, kommt er doch oft zu ihnen, wenn sie mit ihr in den Prater, im Stadtpark oder Volksgarten spazierengehen. Dann erlauschen sie ein Gespräch zwischen ihm und ihr und die Ältere kennt sich nicht aus, denn das Fräulein spricht von einem Kind, das sie hat. Wo ist es, denn das haben ja nur die verheirateten Frauen und sie ist mit Otto ja gar nicht verheiratet. Der zieht auch bald aus, um ungestört zu Ende zu studieren,  die Mutter bittet das Fräulein in ihr Zimmer und entläßt die “unmoralische Person”. Die ist verstört, die Kinder sind es auch, beschließen noch vor dem Frühstück aufzustehen und ihr einen Strauß weißer Rosen in ihr Zimmer zu legen, weil sie ja, wenn sie von der Schule kommen, schon fort sein könnte. Allein, das Zimmer ist leer, die Sachen durcheinender geworfen, es gibt einen Abschiedbrief. Jetzt reagiert auch die Mutter, Otto wird geholt und den Kindern wird wieder nichts rechtes erklärt, so daß sie sich verstört von den Lügen der Erwachsenen abwenden, aber selbst schon etwas unwahr werden und sich vielleicht später in ihrer Hochzeitnacht, die Geheimnisse erklären können. Stefan Zweig hat ja auch in der “Welt von Gestern” sehr deutlich von den Unterschieden in der Erziehung der männlichen und weiblichen Jugend geschrieben. Den heranwachsenden Knaben werden hübsche Dienstmädchen engagiert, damit sie sich nicht im Bordell anstecken müßen, den Mädchen kann passieren, daß sie in der Hochzeitsnacht erschrocken nach Hause laufen und “Er hat versucht mich zu entkleiden!”, rufen.

Ein bißchen fies erscheint heute vielleicht die “Sommernovellette” eine kleine Geschichte, die der Erzähler in Italien von einem älteren Herrn berichtet bekam. Der scheint sehr anspruchsvoll und auch gelangweilt, sucht niemals die gleichen Orte auf, aber in dieser Pension war er schon vor Jahren. Damals wohnten dort zwei Damen mit einer heranwachsenden Sechzehnjährigen, die sich sichtlich langweilte und in den ewig gleichen zwei Gedichtbänden “Goethe und Baumbach“, nie von ihm gehört, blätterte. Da “erbarmte” er sich ihrer oder machte sich einen Scherz .Er schrieb ihr Liebesbriefe und beobachtete darauf am Tisch ihre Reaktion und das Wunder geschah, sie blühte auf. Er trieb das Spiel weiter, erfand den Liebhaber in den Nachtbarort, so daß sie die ankommenden Schiffe zu beobachten begann. Später mußte sie abreisen und wird wahrscheinlich auch geheiratet haben und der Erzähler meint, daß sein Interesse nicht dem Mädchen oder dem jungen Mann der dann tatsächlich mit einem der Schiffe ankam, gegolten hätte, sondern der Psyche des Briefschreibers und daß er die Novelle mit ihm weitergeschrieben hätte.

Dazwischen gibt es die längste Novelle “Das brennende Geheimnis”, das auch in der “Arte-Dokumentation” erwähnt wurde, 1911 erschienen, 1933 als die Bücher brannten, schreibt Zweig, glaube ich, in der Welt von gestern, lief der Film gerade in den Beriner Kinos und die Menschen strömten hin.”

“Hoffentlich die Treue! Sie ist kein leerer  Wahn!”, hat jemand, der Diplomingenieur oder seine Frau vielleicht, in Kurrentschrift darüber geschrieben und man kann die Geschichte hundert Jahre später, sicher wieder in sehr vielen Schichten betrachten und interpretieren.

Da fährt ein Baron  in den Frühjahrsurlaub auf den Semmering, langweilt sich, schaut die Gästeliste durch, da ertönt auf einmal eine weibliche Stimme ruft  “mit affektieren Akzent” “Mais tais -toi docc, Edgar!”, das ist die Mama, die mit dem kränklichen Sohn, selbstverständlich nur französisch spricht, obwohl sie offenbar, den damals üblichen weiblichen Bildungsansprüchen entsprechend, gar nicht so gut kann und der Jagdinstinkt ist geweckt. Aber wie kann er an die Frau heran, die sich ein Ansprechen, wieder nach den damaligen Sitten verbieten würde?

Er versucht es über den Zwölfjährigen, der sich in der Einsamkeit der Bergwelt ohnehin schon langweilt, geht mit ihm spazieren, verspricht ihm einen Hund und kommt so, wie gewünscht mit der Mutter in Kontakt. Enttäuscht wird der Kleine, als die Beiden am nächsten Tag dann keine Zeit mehr für ihn haben, ihn auf die Post schicken und, als er zurückkommt, sieht er sie in den Wagen steigen, obwohl die Mutter ihm zu warten versprochen hat.

Das weckt nun die Jagdinstinkte des Kinde, er ahnt das Geheimnis, das er offenbar noch gar nicht versteht, will ihm aber auf die Spur kommen, stellt den Baron, als die Zwei zurückkommen in der “Hall” zur Rede, muß daraufhin allein im Zimmer speisen, springt aber aus dem Fenster und schlecht den Beiden nach und als die Mama dann doch, zögernd natürlich, dem Baron in sein Zimmer folgen will, steht er bereit und schlägt ihn nieder.

Am nächsten Tag, der Baron ist abgereist, soll er einen Entschuldigungsbrief schreiben, er tut es nicht, sondern fährt mit den zwanzig Kronen, die er mal bekommen hat, nach Baden zu der Großmama. Dort erwartet ihn der strenge Papa, auch ein Rechtsanwalt und stellt ihn zur Rede. Als er alles sagen will, sieht er hinter ihm das Gesicht der Mutter, die ängstlich schaut und den Finger auf die Lippen legt. Da sagt er nichts und entschuldigt sich nur und fängt wahrscheinlich erst viel später zu begreifen an, daß er die “Unschuld” der Mutter gerettet hat und die sich nun, wie Stefan Zweig weiter schreibt “ein Gelöbnis der alternden Frau (wahrscheinlich ist sie fünfunddreißig), daß sie von nun ab nur ihm, ihrem Kinde gehören wollte, eine Absage an das Abenteuer, einen Abschied von all en eigenen Begeherlichkeiten” gibt.

Interessant diese Talfahrt der erwachendenen, beziehungsweise erschlummernden Gefühle, das Erwachsenwerden der bürgerlichen Kindheiten vor hundert Jahren und das Beobachten was sich alles inzwischen geändert und vielleicht doch, wenn auch in veränderter Form, gleichgeblieben ist.

Interessant auch die Auffmachung und die Zusammenstellung des Bandes, das Widmung für die Reformpädagogin  und das Gedicht an die Kindheit, denn es sind ja alles, irgendwo habe ich gelesen, an Schnitzler angelehnte, erotische Geschichten, die aus der Perspektive des Kindes erzählt wurden.

Und dazu noch ein Bonmot aus den heutigen Tagen, vor ein paar Wochen bin ich im Literaturhaus beim Wein gestanden und habe einer Erzählung zugehört, wo ein Mädchen den Stiefvater nur mit einem Anagramm anredet, also seinen Namen rückwärts ausspricht.

“Sie lehnt ihn ab!”, habe ich interpretiert und noch dazu kreativ, antwortete die Erzählerin, hier hat der Junge, die “Ehre seiner Mutter verteidigt, was heute vielleicht ein wenig kitschig klingt und hat dabei auch, wie Zweig andeutet, die eigene Erotik gespürt und ist, wie er weiterschreibt, frühzeitig erwachsen geworden.

Novellen der Leidenschaft

Nach den Spätwerken geht es wieder zurück in Stefan Zweigs Schaffen, mit der “Donauland-Ausgabe” “Novellen der Leidenschaft”, die mit einem Nachwort von Richard Friedenthal, zehn seiner berühmten Novellen enthält.

In dem Nachwort wird die “Welt von Gestern” beziehungsweise Zweig zitiert, wie er in Amerika, sich vorstellend er sei ein armer Einwanderer durch New York wandelte und so wahrscheinlich Stoff für seine  Erzählungen fand,  die er dann zu seinen meisterhaften Novellen verdichtete.

Der 1930 bei Insel erschienenen Band “Erstes Erlebnis” wird erwähnt, der als Nächstes auf meiner Leseliste steht und dann geht es los mit der 1922 erstmals veröffentlichen Erzählung “Der Amokläufer” mit der ich, ich muß es bekennen meine Schwierigkeiten hatte.

Die Klarheit würde ich es definieren, die mir sowohl in der “Ungeduld des Herzens” als auch besonders in der “Welt von Gestern” so gefallen hat, geht mir hier ab und ich weiß ich nicht, ob ich es damit begründen kann, daß es halt ein Frühwerk ist.

Die Novelle ist, habe ich, gelesen und in der “Arte-Dokumentation” gehört, unter dem Einfluß Freuds entstanden, das kann ich nachvollziehen, logisch erscheint mir diese Geschichte einer “Besessenheit”, aber nicht und aus heutiger Sicht gesehen, wahrscheinlich auch ein bißchen rassistisch.

Es gibt einen Erzähler, der fährt 1912 mit einem Schiff von Kalkutta nach Europa zurück undhat da des Nachts auf dem Deck eine seltsame Begegnung mit einem seltsamen Mann, der ihn zuerst bittet, er soll nichts von seiner Anwesenheit erzählen, ihm in der nächsten Nacht dann seine Geschichte erzählt, dabei eigenartig wirkt.

Er ist Arzt und hatte in Leipzig, wo er in einem Spital arbeitete,  Schwierigkeiten mit den Frauen und dem Gesetz, so mußte er sich nach Indonesien in die Kolonien versetzen lassen, lebte da sieben Jahre in der Wildnis, ohne weiße Frauen, nur von ” gelben Weibern”  und Whisky umgeben.

Dann kommt eines Tages eine verschleierte Dame zu ihm und bittet ihn, um eine Abtreibung, beziehungsweise bietet sie ihm zwölftausend Gulden dafür, wenn er danach verschwindet.

Er will sie aber haben, sie verläßt beleidigt sein Haus, er fährt ihr nach in die Stadt, gebährdet sich wieder seltsam und begründet das seinem Zuhörer mit “Amok”, “einer Art Trunkenheit bei den Malaien”, die man eben  in den Tropen durch die Hitze oder die Abstinenz der weißen Frauen so bekommt.

Die Dame hat sich inzwischen zu einer chinesischen Kurpfuscherin begeben und liegt in ihrem Blut, der Arzt wird geholt, sie stirbt in seinen Händen, aber nun hat sie ihm das das Versprechen abgenommen, daß ihr Mann, der ein paar Tage später aus Holland zurückkommt, von ihrer Schande nichts wissen darf, so bedroht oder besticht er den Amtsarzt, der ihren Tod feststellen muß, um einen falschen Totenschein, läßt dann alles stehen und liegen und geht auf das Schiff, wo sich der Ehemann mit dem Sarg ebenfalls befindet, so versteckt er sich und hält sich nur in der Nacht auf dem Deck aus, erzählt  seine Geschichte und verschwindet dann wieder, beziehungsweise kommt es in Neapel, als alle an Land gehen, zu einem Vorfall, als der Sarg ausgeladen werden soll, stürzt sich “ein Irrsinniger” auf ihn und reißt den Witwer ins Wasser, der wird gerettet, der Sarg  geht unter und eine männliche Leiche wird dann auch gefunden.

In den Rezensionen, die ich gelesen habe, wird die Meisterleistung des Erzählers gerühmt, logisch erscheint mir diese Besessenheit, die aus einem ziemlichen Zick-Zack besteht, aber nicht, sondern eher,  aus dem Kopf, in dem Bestreben eine psychologische Erzählung zu verfassen, nachempfunden.

In “Die Frau und die Landschaft”, die ich fast eine wenig, wenn es auch ganz anders ist,  mit der “Stunde zwischen Frau und Gitarre” vergleichen möchte, kann ich die Psychologie der Leidenschaft, wenns auch für den heutigen Geschmack wahrscheinlich kitschig ist und vielleicht  deshalb zu dem Rauswurf aus dem Kanon führte, besser nachvollziehen. Hier steht der, es gibt wieder einen auktorialen, Erzähler in Tirol in einem heißen Sommer vor dem Hotel und wartet auf den Regen, hinter ihm steht ein junges Mädchen, die Tochter seiner  Tischnachbarn, eine bürgerliche Familie und wartet auch, der Regen kommt nicht gleich, beim Essen wundert sich der Erzähler über die Gleichgültigkeit der Hotelgesellschaft, dann geht er spazieren und, als er spät in sein Zimmer kommt, findet er die Schöne in einem somnabulen Zustand in seinem Zimmer, es kommt fast, aber doch nicht ganz zur Verführung, das einsetzende Gewitter hindert ihn daran, sie erwacht,erflieht in der Helle des Blitzes. Am nächsten Morgen sitzen sie sich im Speisesaal gegenüber und sie sieht ihn fragend an.

Ja, so warns, die Phantasien der bürgerlichen junge Männer zu Anfangs des vorigen Jahrhunderts, die noch dazu Freud gelesen haben, könnte ich jetzt vorlaut unken, gehe aber weiter zum “Brief einer Unbekannten”, ebenfalls 1922 erschienen, die auch verfilmt worden sein dürfte, jedenfalls gibts bei “Arte” daraus einen Auszug und die psychologisierte Leidenschaft geht weiter. Da kommt diesmal der Schriftsteller R. aus dem Gebirge zurück, sein Diener gibt ihm einen Brief und die Unbekannte schreibt ihm, daß ihr (gemeinsames) Kind gestorben ist und gesteht ihm ihre Liebe. Als sie dreizehn war, ist er in das Haus gezogen, wo sie mit ihrer Mutter lebte und der Backfisch verliebte sich in ihm, als er zu ihr “Danke Fräulein!”, sagte, nachdem sie ihm eine Tür öffnete. Sie steht fortan am Spion um ihn, seine Bekannten und Besucherinnen zu beobachten, als sie sechzehn ist, heiratet die Mutter wieder und zieht mit ihr nach Tirol. Sie kommt als Angestellte eines Geschäftes wieder nach Wien zurück und geht täglich nach der Arbeit vor sein Haus, einmal spricht er sie an, nimmt sie mit in sein Zimmer und wundert sich, daß sie gleich arglos mitkommt ohne das sonst so übliche schamhafte Verhalte zu bemühen. Das wiederholt sich ein paarmal, dann geht er auf Reisen und meldet sich nie mehr. Sie bekommt das Kind, läßt sich, um ihm eine gute Ausbildung zu ermöglichen, von anderen Männern aushalten, schickt ihm aber jedes Jahr zum Geburtstag einen Strauß Rosen. Bei einer Gesellschaft sieht sie ihn dann nochmals wieder und geht nochmals mit ihm und jetzt liest er den Brief, den er nach ihrem Tod bekommen hat und wundert sich, daß diesmal keine Rosen kamen.

Mit der “Mondscheingasse” geht es weiter und die ist nicht im siebenten Bezirk, sondern irgendwo an einer Küste, war ja Stefan Zweig ein weitgereister Mann und er ist wahrscheinlich wieder der Erzähler, kommt an Land, geht in die hintersten Gassen der Hafenstadt, wo es keine elektrische Beleuchtung mehr gibt spazieren und gerät in eine Art Bordell, von einer Frauenstimme angelockt, die den “schönen grünen Jungfernkranz” aus dem “Freischütz” auf Deutsch singt, obwohl man in dieser Stadt Französisch spricht. er folgt der Stimme nach, gerät zu dem Haus, das gerade ein verstörter Mann verläßt, er geht hinein, läßt sich von der Schönen ein Bier kredenzen, der Mann kommt wieder hinein und sieht sie flehentlich an, sie verhöhnt ihn, nennt ihn geizig, kuschelt sich an den vermeintlichen Freier. Aber der Erzähler veräßt auch das Lokal um sich von dem Mann, der ihm dann zu seinem Hotel begleitet seine Geschichte zu erzählen.

Dann folgen die Novellen “Geschichte der Dämmerung” und “Die Gouvernante”, die auch mit dem “Brennenden Geheimnis” in  den “Kinderland-Band” enthalten sind, so daß ich sie, um diesen Blog nicht zu lang werden zu lassen, ausließ und gleich zu “Buchmendel” übergegangen bin, wo es um eine andere Art von Leidenschaft geht, die Erotik scheint jetzt schon vorbei, denn “Buchmendel” ist ein alter galizischer Jude, der für nichts anderes als für Bücher Gedanken hat, so daß er gar nicht mitbekommen hat, daß in Wien und in dem Cafe Gluck, wo er täglich sitzt, der erste Weltkrieg längst ausgebrochen ist, er schreibt weiter Briefe nach Frankreich und nach England, um Bücher zu bestellen oder sich zu beschweren, daß sein bezahlten Abonnent nicht eingetroffen ist, diese Briefe erwischt die Geheimpolizei und weil er auch noch russischer Staatsbürger ist, wird er als Feind verhaftet und kommt in ein KZ und als er zwei Jahre später zerstört wieder zurückkommt, hat das Cafe Gluck einen anderen Bezsitzer und er wird als Schnorrer hinausgeschmissen.

“In unvermutete Bekanntschaft mit einem Handwerk” können wir vielleicht wieder erfahren, wie Zweig zu seinen Geschichten kam, er sitzt, im April 1931 in einem Pariser Straßencafe und beobachtet ein merkwürdiges Bürschlein mit einem gelben Anzug. Wer ist es? Zuerst denkt er an einen Detekiven, dann vermutet er einen Taschendieb und folgt seinen Spuren nach.

Weiter gehts mit der Leidenschaft der “Angst” und den Methoden eines an der Psychologie interessierten Rechtsanwaltes, der seiner Frau eine diesbezügliche Lehre gehen will. So schickt er ihr, als sie verschleiert, die Wohnung ihres Liebhabers verlassen will, eine junge Schauspielerin, die sie erpresst, ihr Briefe schreibt, immer mehr und mehr von ihr verlangt, während er mit den Kindern, das Mädchen hat das Pferdchen des Bruders in den Ofen gesteckt, eine Gerichtsaufführung demonstriert, um ihr dann, als sie sich in der Apotheke schon das Gift besorgt, verstehend zu folgend und ihr alles erklärt.

Ein umgekehrter Leutnant Gustl, glaube ich und wahrscheinlich eine der ersten Erzählungen dieser Zeit, die Novelle wurde 1910 geschrieben, die sich mit den Gefühlen einer Frau beschäftigt, ich weiß, “Effi Briest” und “Madame Bovar”y habe ich noch nicht gelesen. Der Ton der Geschichte erscheint mir wieder frisch und erstaunlich modern. Die Frau tut mir leid, denn was soll sie, aus bürgerlichen Haus,  vermögend, aber an ihr Geld kommt sie nach den damaligen Gesetzen ohne Einverständnis des Mannes nicht heran, tun, eine Ohrfeige geben und ihn verlassen, wird sie sich nicht trauen und nicht können, da der Liebhaber als sie ihn verzweifelt besucht, gerade bei einem Schäferstündchen ist und nur “Gnädige Frau” zu ihr sagt, so wird sie wahrscheinlich mit Schuldgefühlen weiterleben und wir können uns nur freuen, daß unsere Gesellschaft hundert Jahre später diesbezüglich etwas offener geworden ist, so daß sich die Ehebrecherinnen nicht mehr verschleiert aus den Türen ihrer Liebhaber schleichen, müßen, wo dann die Erpresserinnen lauern.

Um die Psyche, in diesem Fall, um Krankheit, Schmerz und Älterwerden, geht es auch in “Untergang eines Herzens”, 1926 geschrieben und ist vielleicht wieder etwas schwer verständlich. So würde ich es jedenfalls anders deuten, als im “Wikipedia-Eintrag” steht.

Da ist ein alter Mann, Jude, der, wie “In der Ungeduld des Herzens” reich geworden ist, aber unter der Armut seiner Jugend, seiner Ungebildetheit, er spricht im Gegensatz zu seiner Frau und seiner Tochter, die das selbstverstränlich lernten, kein Französisch, leidet. Jetzt ist er alt, fünfundsechzig, heute müßte man das wohl zwanzig Jahre hinaufdrehen, leiet an Gallenkrämpfen, fährt aber nicht, wie vom Art geraten zur Kur nach Karlsbad, sondern mit der Famalie nach Italien, damit sich die amüsieren. Nachts sieht er die Tochter aus dem Zimmer eines vermeintlichen Liebhabers schleichen, ob das wirklich so ist, bin ich mir nicht sicher, das löst bei ihm aber einen Wirbel der Gefühle aus, er will abreisen, die Frau lacht ihm aus, die Tochter sagt einige Male, “Was hast du, Papa?”, zu ihm, die Frau schüttelt den Kopf und meint nur, daß er gratig ist und sich besser kleiden soll.

Er reist allein ab, die Familie kommt dann aber nach, denn irgenwer muß das Hotel ja zahlen, er zieht sich in seiner Wohnung immer mehr zurück, geht nicht mehr ins Geschäft, benützt die Dienertreppe, geht aber in den Tempel und, als der Arzt sagt, jetzt muß man doch operieren, geht er an das Grab der Eltern, verschenkt sein Geld an Bettlein und verstirbt danach im Spital. Zu einer Versöhnung mit seiner Familie ist es nicht mehr gekommen.

Eigentlich auch eine sehr starke Geschichte, die ich mir weniger mit der Erotik der Tochter, als mit dem Älter werden, vielleicht sogar mit einer möglichen Demenz, aber über die hat man damals wahrscheinlich noch nicht geschrieben, deuten würde. Die Schuldgefühle oder die Unzufriedenheit des alten Mannes wegen des nicht gelebten Lebens, immer nur Geld “ruacheln” und es dann nicht für sich ausgeben, solche Motive gibt es ja auch bei der “Ungeduld” und beim “Buchmendel”.

Starke Geschichte der inneren Gefühle, diese Novellensammlung, die alle wahrscheinlich früher in anderen Ausgaben erschienen sind, die gegen Ende immer dichter werden und sicher auch heute noch gelesen werden sollten und ich wiederhole es, Stefan Zweig doch als großen Autor ausweisen, der neben Michael Felder in den Kanon gehört.

Das Doderer-Buch

Jetzt kommt wieder Doderer für Eilige oder nicht, schreibt doch der Herausgeber, meiner 1976 erschienenen “Donauland-Ausgabe” Karl-Heinz Kramberg am Büchrücken “Ein solches Buch ist für Leser gemacht, die keine Bevormundug brauchen. Sie haben ihre Lust am Erlesen, aber sie lesen sich daran nicht satt”

Das klingt für den eiligen Schnelleser zwar tröstlich, ganz sicher, daß er damit recht hat, bin ich mir aber nicht oder ganz ehrlich, glaube ich schon, daß man den ganzen Doderer sehr genau,  sorgfältig und wahrscheinlich auch mehrmals lesen sollte, um sich auszukennen.

Aber wer bitte hat dazu schon die Zeit, heute wahrscheinlich noch viel weniger, als im Jahre 1976 oder war das schon 1977, als ich gerade die “Dämonen” las, die mich sehr beeindruckt haben, die ich sicher auch nochmals lesen sollte.

Diese Zeit nehme ich mir aber, wie bei der “Welt von gestern” nicht, habe ich Doderer im Vergleich zu Zweig in meiner Studentenzeit doch mehr gelesen und mir auch einige der kleinen DTV-Büchlein gekauft.

So habe ich noch “Die Merowinger” und “Die Wasserfälle von Slunj” in meinem Bibbliothekskatalog eingetragen. Jetzt habe ich mir vor ein paar Wochen in Harland das “Doderer-Buch”, das ich mir wahrscheinlich einmal von meinen Eltern zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenken habe lassen und nicht gelesen habe, aus den Regalen geholt, weil ich in den “Berührungen”  über Stefan Zweig, Heimito von Doderer und Stefan Zweig schreiben will.

Inzwischen ist es um Doderer  ein wenig still geworden, die “Strudelhofstiege”, die ich einmal lesen sollte, wird zwar häufig zitiert, ich gehe auch manchmal an ihr vorüber und Eva Menasse ruft auf, ihn zu lesen und spricht dabei von einer Pflichtlektüre, aber sonst war ich, glaube ich, nur einmal in der “Gesellschaft für Literatur “bei einer diesbezüglichen Veranstaltung. Dort hängt auch ein Portrait mit der berühmten Pfeife, in den Fünfziger- und sechzigerjahren hat er wahrscheinlich dort auch gelesen, aber damals bin ich noch zu keinen literarischen Veranstaltungen gegangen.

1966 ist der 1896 Geborene gestorben und in dem Buch gibt es “Anstelle eines Vorwortes” eine Rede die auf Einladung des “Österreichischen Schriftstellerverbandes” im Jänner 1960 in der Nationalbibiothek gehalten wurde.

“Der Fremdling Schriftsteller” und hätte ursprüglich “Der Schriftsteller – ein Fremdling in der Wirtschaftswunderwelt” heißen sollen und darin erzählt Doderer wahrscheinlich ironisch, wie er zu seinen Figuren kommt und, wie er es, der in einem Interview mit Heinz Fischer-Karwin einmal erzählte, daß er nicht ins Kino geht und nicht fernsieht, mit der Wirtschaftswunderwelt hält.

Dann beginnt es mit den “Erzählungen und Kurzgeschichten” oder den Auszügen daraus. Die erste ist die 1932 entstandene “Zwei Lüge oder antikische Tragödie auf dem Dorf” und  spielt wahrlich im bäuerlichen Milieu. Da kommt zu  einem Kleinbauern ein jüngerer Mann mit einem Sack voll Geld und will gegen Bezahlung übernachten. Der Bäuerin gibt er seine Sachen, die bemerkt das Geld und beschließt ihn umzubringen, denn sie brauchen Geld. Sie sagt das ihrem Mann Stacho, der denkt sich offenbar, mach was du willst und geht ins Wirtshaus. Dort erfährt er, der Fremdling ist sein älterer Sohn, der im Krieg in Sibirien gefangengehalten wurde. Er kehrt zurück und findet den Toten, der jüngere Sohn hat ihn mit der Mutter erschlagen. Er bahrt ihm auf, bringt die Frau dazu sich zu erhängen, schickt den anderen Sohn ins Bett und geht wieder ins Wirtshaus zurück, um sich als Mörder zu bekennen.

Die zweite Geschichte “Die Posauen von Jericho” ist noch hintergründiger oder “Doderischer,” so daß es dazu schon ein Deutungsbändchen gibt, im Internet gibt es keine Interpretationen zu finden, so muß ich es mir selber deuten und denke, sehr psychoanalytisch, aber vielleicht von hinten aufgezäumt.

Es geht um den Herrn Rambausek, einem Pensionisten und offenbaren Mädchenschänder. Der wird von den Eltern des Mädchens erpresst, er braucht also Geld und geht zu dem Erzähler, offenbar ein Schriftsteller. Der gibt es ihm und zwingt ihn dafür auf offener Straße ein paar Kniebeugen ab. Dann trifft er im zweiten Teil das Mädchen, das zu einer Tante an den Stadtrand geschickt wurde. Im dritten Teil gerät der Schriftsteller in schlechte Gesellschaft, treibt sich in seiner großen Wohnung mit Betrunkenen herum, es kommt zu Schägereien und ein Orchester wird engagiert, das die “Posaunen von Jericho” spielen soll, während die Gesellschaft eine “Spitzmaus” überfallen will. Es kommt zur polizeilichen Anzeige und zur Beschäung des Erzählers, der zieht aus, trifft dann die Tante und auch den Herrrn Rambausek wieder und am Schluß zieht der das Mädchen aus dem Wasser, in das es beim Spielen gefallen ist  und beide überleben.

Dann gibts eine Geschichte, die in dem Gasthaus Blauensteiner, ich glaube bei der Josefstädterstraße spielt, das Doderer auch freqentiert und dort seine Stelzen gegessen haben würde.

Fünf Kurzgeschichten auf einer Seite gibt es auch, da ist mir von der Hausmeisterin, die die Hemden des Erzählers verschwindet läßt, um sie ihren Freunde zu schenken, in Erinnerung. Es gibt eine Erzählung namens “Oger”, da wird ein Kellner in einem Gasthaus aufgegessen, hui, wie makaber, daber Doderer scheint einen diesbezüglichen Hang zu haben und noch ein paar andere Texte und wir kommen schon zu den Romanauszügen, schön chronologisch aufgegliedert und vom Herausgeber mit dem Rat versehen, sich weiter in die Texte zu vertiefen.

Der erste Auszug ist aus dem 1938 erschienenen, ich glaube, eine Art Kriminalroman “Ein Mord, den jeder begeht”, die ersten vier Kapitel. Da wächst der kleine Kokosch oder Conrad Castilez auf, der zwar ein Durschschnittstyp zu sein scheint, ein Mitläufer, der nicht besonders auffällt, aber gerne in den Auen Molche fängt und sie dann in großen Gläsern auf den Kasten seines Zimmers stellt und mit Regenwürmern füttert.

Die 1962 erschienenen “Merowinger oder die totale Familie” habe ich wie schon geschrieben auf meiner Leseliste, ob ichs ganz gelesen oder abgebrochen habe, weiß ich nicht, wahrscheinlich letzteres, ich glaube mich aber erinnern zu können, daß ich durch eine von meiner Großmutter abonnierte Zeitschrift, darauf aufmerksam wurde und der Textausschritt weckte tatsächlich die Lust zum Wiederlesen. Geht es darin ja um einen Psychiater, der seine “Wutpatienten” mit einem Nasenzwicker und Musik, das war schon in den “Posaunen von Jericho” so zu finden, behandelte und die totale Familie ist Cholderich der II, der durch geschicktes Heiraten sein eigener Großvater, beziehungweise Schwiegerenkel geworden ist.

“Die Strudlhofstiege” ist 1951 erschienen und dürfte ein Vorläufer der “Dämonen” sein, zumindest kommen in beiden Romanen die gleichen Personen vor. Frau Mary die ihr Bein durch einen Straßenbahnunfall verlor, mit ihrem Mann und ihren schönen Kindern in einer gutbürgerlichen Wohnung beim Franz Josefs Bahnhof wohnte, die habe ich einmal bei einem literarischen Rundgang an Hande eines literarischen Führers gesucht, von einem rumänischen Arzt behandelt und besucht wird, von ihrer ersten Liebe Leutnant Melzer träumt. Der Gymnasiast Rene Stangeler kommt vor, der über die berühmte Stiege geht, einem jungen Fräulein in einer Konditorei bei Schokolade und Indianerkrapfen die Geschichte der “Einhörndln” erzählt und bei der abendlichen Tafel zum Gaudium aller perfekt einen lateinischen Trinspruch übersetzt.

Dann gehts zu den 1956 erschienenen “Dämonen”, an denen Doderer schon in den Neunzehndreißigerjahren geschreiben hat, ein Buch das ich mit Begeisterung und wahrscheinlich eher geringen Verständnis im Sommer 1977, als ich gerade in die Otto Bauergasse gezogen bin, wie ich mich erinnern kann im Stadtpark las und abends mit dem Willi in den Volksgarten tanzen ging. An die Ereignisse von Schattendorf kann ich mich dabei erinnern, an den Arbeiter Leonhard Kakabska, der mich sehr beeindruckt hat. Der kommt in den siebzig Seiten Textauszug, in dem es eher um bürgerliche Abendgesellschaften den Dr. Körger, den alten Siebenstein etcetera ging, nicht vor, wohl aber die Musikstudentin Quapp, an die ich mich ebenfalls noch erinnern kann und die streitet sich um einen Tee mit dem Imre Gyukicz.

“Die Wasserfälle von Slunj”, 1963 erschienen und gemeinsam mit dem posthum erschienenen Fragment “Der Grenzwald”, als “Roman No 7”, geplant, werden von Eva Menasse für den Doderer-Einstieg empfohlen und ich werde mir das Buch, gemeinsam mit den “Merowingern”, wenn ich wieder in Harland bin, aus den Regalen holen, denn der Auszug klingt sehr spannend, es geht wieder um Wien, obwohl sich die Wasserfälle in Kroatien befinden scheinen und das Buch daher vielleicht auch für den geplanten Urlaub geeignet wäre, um eine Wohnung beim Donaukanal, wo die Hausmeisterin Wewerka, was auf Tschechisch Eichhörnchen heißt, dem Mieter Chwostik, einem Prokuristen einer englischen Firma, zwei Hurenmädel, als Untermieterinnen aufschwatzte. Jetzt ist er aber aufgestiegen und will umziehen, der Rechtsanwalt Epinger hilft ihm dabei, während Feverl und Fini, die beiden burgendländischen Huren, das damals offenbar noch zu Ungarn gehörte, beide Wasserratten, das kleine Töchterlein von dessen Schwester aus dem Kanal herausziehen und später dem “Globus von Ungarn”, das Schwimmen beibringen.

Im Posthum erschienenen “Grenzwald” geht es, ähnlich makabraer skuril, das ist offenbar das typisch Doderische und unterscheidet sich wahrscheinlich von leiseren Konvention des Stefan Zweigs in den zweiten Bezirk, Wien spielt in den Romanen ja eine große Rolle. Hier steht ein junger Arzt in seiner Praxis in der Rotensterngasse, es ist kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges, sein Vater, den er nachher besucht ist, vierundachtig, die Mutter, als gäubige Jüdin mit Perücke, ist 1884 mit Dreiundzwanzig, ein Jahr nach seiner Geburt gestorben und deren Spuren geht er nach. Holt sich die Krankengeschichte, die damals noch im Keller neben der Zentralheizung ausgeschieden wurde, geht zu dem Maler, um sich die Portraitskizzen zu holen, dann wird er Militärarzt, wird in Sibirien gefangengenommen und ordiniert dort weiter, während es ein Stückchen zu dem in Groß-Schweyntzkreuth  1865  geborenen Heinrich Zienhammer geht, der darf ein Jahr vor seiner Matura seinen Onkel in der Leopoldstadt besuchen, flaniert durch den Bezirk und folgt einer schönen Dame in ein Hotelzimmer nach…

Dann  kommt. das “Repertorium”, ein “Begreifbuch von höhren und niederern Lebens-Sachen”, das Doderer viele Jahre fühtre, wo es eine Sammlung von A “Alkoholismus” bis Z “Zugehörigkeit” gibt.

Zwei Beispiel daraus: “Objekitivität: Es hat alles zwei Seiten. Aber erst wann man erkennt, daß es drei Seiten hat, erfaßt man die Sache.” oder “Prostitution: Die Prostitution ist nur eine Fatamorgana des Sexuellen für Wanderer in der Wüste der Erfahrung”, bei der  Feverl und der Finerl habe ich das zwar anders gelesen und Doderer scheint sich auch seinen Schriften, viel mit diesem Phänomen befaßt zu haben.

“Reden und Aufsätze” gibt es in diesen Doderer-Schnellkurs auch und zwar “Die Wiederkehr der Drachen”, wo es in die Botanik geht, während “Die enteren Gründe” eine lateinische Übersetzung des Hausmeisterstandes  “foetor concciergicus” geben und Doderer uns belehrt, daß es die, zu der Zeit, als das geschrieben wurden meistens “Powondra und Soukop” hießen, auch das wird jetzt anderers sein und die Enkelkinder der Hausmeisterin Soukop haben es möglicherweise zu Großpraxen und einem Primariat gebracht und nach der “Weltstadt der Geschichte-“, wo es wieder um die Wienerstadt, die mir auch sehr am Herzen liegt und wie, Eva Menassemuß auch ich bekennen, “unbewußt viel von Doderer gestohlen” zu haben, so findet man den Namen Wewerka auch in meinen Werken,- sind wir durch mit den Doderer-Schnellverfahren, denn das “Nachwort des Herausgebers” habe ich schon vorher gelesen und muß bekennen, dieser Chrashkurs ist, anders, als vielleicht bei Handke wirklich empfehlswert, gibt einen guten Einblick, man kann bei Gesellschaften mitreden, obwohl heutzutage vielleicht gar nicht mehr soviel über Doderer gesprochen wird und natürlich sollte man sich dann an sein Bücherregal oder in die nächste Bibliothek begeben und Doderer lesen…

Wunderland Korrekturrand

“Wir packen das Wurzel an der Übel!”, steht im Buch und am Rücken, der “witzigsten  Sprachpannen aus 50 Jahren Unterricht”, das die Lehrer Klaus Kummersberger und Werner Vogel bei “Holzbaum” herausgegeben haben.

Der 1964 geborene Germanist Werner Vogel hat schon einen Teil sener Schüler Stilblüten in “Ein Geräusch klopft an die Tür” preisgegeben, am “Very best oft Song Contest” für dessen Besprechung ich ja eine harsche Kritik bekommen habe, also wahrscheinlich auch einige Stilblüten zu finden wären, gearbeitet und außerdem ein Literaturstipendium bekommen.

Der ebenfalls 1964 in Wien geborenene Germanist, Klaus Kumersberger, hat an der “Bühnenpräsentation von Schüler und Lehrerhoppolas” “Aufgezeigt” gearbeitet, die die beiden Lehrer, wie im Vorwort steht, aufgeführt haben und weil, der erste Teil ein so großer Erfolg geworden ist, gibt es jetzt einen zweiten, damit alle über die Schülerstilblüten lachen können.

Man soll, steht da noch, seine ehemaligen Klassenkameraden zusammentrommeln, mit ihnen das Buch lesen oder es ihnen schenken, damit es ein Bestseller wird und natürlich, wird versichert ist alles original!

Nun lache ich ja bekanntlich nicht so gerne, wenn man sich über andere lustig macht und denke auch, daß manche Stilblüten vielleicht entstehen, wenn ein überforderter Lehrer vor über dreißig Schülern steht, von denen die Hälfte oder zwei Drittel in einer anderen Sprache sozialisiert worden ist und glaube auch, daß manche Anmerkung auf dem Korrekturrand schon manche Kreativität zerstört hat.

Da lobe ich mir auch die Geduld meiner ehemaligen Deutlehrerin Frau Porfessor Friedl, auch wenn, die mir vielleicht, das eine oder andere Literaturstipendkum verwehrt hat.

Aber wieder halt, da bin ich natürlich selber schuld, denn ich könnte ja daß mit zwei “ss” schreiben, habe das aber damals in der Schule so gelernt.

Es gibt fünfzehn Kapitel und wieder einige Illustrationen, in denen zur allgemeinen Erheiterung auf die Pannen hingewiesen werden.

Bei Sätzen wie  “Der Zentralfriedhof ist eines der bedeutetendsten Naherholungsgebiete mit 3 Millionen Toten” tut sich die Humorlose etwas schwer, den Witz zu finden, denn ich denke, stimmt und die Schüler wissen ja vielleicht, daß die Lehrer auf schöne, sprich, geschraubte Formulierungen achten oder glauben es zu wissen.

Das trifft vielleicht auch auf die zwei folgenden Beispiele zu:

Thema Atomkraft: “Die Bevölkerung ist gespalten” und “Der Autor, auf den ich mich beziehe, stammt aus der Kronen Zeitung”, richtig, da müßte man wohl “schreibt” oder “publiziert” schreiben, um es zu keinen Wortwiederholungen zu bringen.

“Manchen Schülern liegt aber immer noch viel an einer guten Beurteilung”, schreiben die Autoren weiter und führen die folgende Entschuldigung an:

“Hallo, Herr Professor!

Ich habe wie Sie wissen die Klassenlektüre vernachlässigt. Aus diesem Grund wollte ich Sie fragen, ob ich Ihnen nicht am Donnerstag den Inhalt (bis Kapitel 19) erzählen darf. Wenn es ginge, bitte nicht vor der Klasse, es war schon peinlich genug in der letzten Stunde. Ich schäme mich eh dafür und will zukünftig auch dem Deutschunterricht mit ein bisschen mehr Engagement entgegenkommen.

Liebe Grüsse

Oliver S.

P.S Es tut mir sehr leit!”

Ob das wirklich von einem Schüler stammt und wenn sagt es vielleicht sehr viel aus.

Diesmal wurden aber auch die Lehrer in die Beurteilung eingeschlossen und da schrammen, finde ich, manche Beispiele am Geschmack, beziehungsweise wahrscheinlich schon fast an der Gesetzgebung vorbei.

So sagt ein junger Lehrer zum Beispiel in der Hitze angesichts der Maturantinnen vor ihm: “Die Brüste weiten sich aus”, statt der “Wüsten” und eine Lehrerin droht “Jetzt gib a Ruah, Büaschal, sonst muass  i ma di amoil zua Brust nehmen!”

Noch ärger wird es im Sportunterricht “Burschen holts die Ständer raus, die Mädels kommen!”

Das geht, glaube ich, ziemlich an den Stilblüten und den mangelnden Sprachkenntnissen unserer Schüler und Schülerinnen vorbei, denn die zitierten Lehrer haben wahrscheinlich ihre Deutschprüfungen bestanden.

Dann geht es noch ums Abschreiben von den Mitschülern und von “Google”, sowie zu den Inhaltsangaben und da kann man, wie die Autoren anführen, den großen Thomas Bernhard, beziehungsweise seinen “Diktator” ordentlich verhuntzen.

“(Ein Diktator sucht sich aus vielen Bewerbern einen Schuhputzer, der ihm nach und nach immer ähnlicher wird.)”

Der oder die Schülerin schreibt:

“Da er mit der Zeit auch die Haare verliert, gleicht er ihn nun wie ein Ei seinem Spielgelbild!”

Zu Goethe kommen wir dann auch und da fragt der Lehrer “Kennst du auch Sekundärliteratur zu Goethes Faust?  Ja…Faust 2 “, antwortet der Schüler oder “Wie heißt die Geliebte von Doktor Faust? Schüler: Frau Faust!”

Stimmt nicht, merke ich an, denn der liebe Heinrich hat sein Gretchen ja nicht geheiratet.

Dann geht es langsam an das Ende und da gibt es noch ein Beispiel aus einem “Spannenden Erlebnisaufsatz: Als ich fünf war, war ich mit meiner Mutter zu Hause!”

Ja, manche spannenden Geschichten fangen eben ganz langsam an, das gibt es auch in der sogenannten Weltliteratur und so kommen wir zum “Endgültigen Fazit, also: Ich danke  Ihnen für eure Aufmerksamkeit” – “Stüß, bis bald – Stüß!”

 

Die Welt von Gestern

Jetzt kommt etwas, was ich eigentlich ganz selten mache, nämlich ein Buch zum zweiten Mal lesen. Stefan Zweigs “Die Welt von gestern,” im Exil geschrieben, 1942 nach seinem Tod erschienen und eine “Büchergilde Gutenberg Ausgabe” aus dem Bücherschrank meiner Eltern aus dem Jahr 1952, habe ich schon nach meiner Matura gelesen und es hat mich, kann ich mich erinnern, sehr beeindruckt.

In Ö1 wurde es auch ein paar Mal gesendet, so daß es mir eigentlich gut präsent geblieben ist und ansonsten habe ich in den letzten Jahre  eigentlich öfter gehört, daß der1881 geborene Stefan Zweig nicht so ein guter Schriftsteller ist, so daß ich wahrscheinlich, was mir jetzt leid tut, einige sehr Ausgaben in den Bücherschränken liegen gelassen habe.

Die “Schachnovelle” habe ich aber schon vor Jahren gefunden und gelesen, Volker Weidermann hat vor ein paar Jahren ein Buch mit dem Namen “Ostende” über das Exil einiger Schriftsteller, wie Joseph Roth, Stefan Zweig, Irmgard Keun, Hermann Kesten, 1936 in dieser Küstenstadt geschrieben und bei “Arte” gab es vor einige Monaten eine Dokumentation, die ich gesehen habe.

Als ich dann nach “Paul und Paula” etwas Neues schreiben wollte, ist mir  die Idee gekommen, ein paar Schriftsteller oder Romanfiguren wiederauferstehen zu lassen. Kafka steht da irgendwo in meinem Notizbuch, aber auch Heimitio von Doderer, den ich als Studentin viel gelesen habe und Stefan Zweig und dann war ich erst einmal eine Weile entmutigt, denn man kann ja eigentlich keinen Roman über Sachen oder Leute schreiben, über die man nicht viel weiß oder nicht viel versteht.

Zu Ostern bin ich dann in demn Harlander Bücherregal fast zufällig auf die “Welt von Gestern” gestoßen, habe mir auch noch das “Doder-Buch” herausgesucht und Anne Franks “Tagebuch”, das ich vor zwei Jahren gelesen habe und habe das nach Wien mitgenommen.

Mir noch einmal die “Arte-Dokumentation” angeschaut und mir dann von Zweig herausgesucht, was ich in den Regalen hatte, zwei Novellenbänden, die Biografie “Fouque” und als ich vor zwei Wochen wieder in Harland war, habe ich noch den Roman “Die Ungeduld des Herzens” mitgenommen und gelesen.

Dann bin ich darüber informiert worden, daß im Juni ein Film “Vor der Morgenröte” über Stefans Zweigs Jahre in Amerika und Brasilien, wo er sich ja umgebracht hat mit Josef Hader in der Titelrolle erscheinen wird.

Den könnte ich mir in Hamburg, München, Leipzig oder Berlin etcetera in einer Presseaufführung ansehen,  man kann aber auch Zweigs späte, im Exil geschriebene Bücher, wie die “Schachnovelle”, die “Welt von Gestern” oder “Brasilien” anfordern, letzteres habe ich getan und obwohl ich jetzt, ich weiß nicht genau warum, schneckenlangsam lese, habe ich  mit dem “Wiederlesen” des wirklich sehr beeidruckenden Buches begonnen und beeindruckend ist für mich vor allem, das 1941 oder 1942 im Exil, Zweig schreibt von Hotelzimmers, ohne seine Bibliothek und seine Autographen nur aus dem Gedächtnis geschrieben wurde und aus der Erschütterung heraus, die “Welt von Gestern” gibt es nicht mehr, in Europa herrscht Krieg und wohin der führt und wie lange er dauert, hatte der über Sechzigjährige keine Ahnung und weil er sich mit seiner zweiten Frau Lotte im Februar 1942 in dem Haus, in Petropolis, das jetzt ein Museum ist, umbrachte, sollte er die auch nie bekommen.

So geht er zurück in sein Leben, in die verlorene Zeit, in das Wien, wo er als Sohn einer großbürgerlichen jüdischen Fabrikantenfamilie, die Mutter war Italienerin, 1881 geboren wurde und beschreibt diese Zeit, als eine der Sicherheit und der Solidität, wo nur das Alte Wert hatte. Die Männer Bärte trugen die Frauen Korsette und da kam er ins Gymnasium, wie alle Söhne gutbürgerlichr Familien und wurde von alten Herren über Sachen unterrichtet, die ihn nicht interessierten, denn ihn und seine Klassenkameraden interessierte die Kunst.

Hoffmannsthal war damals sechzehn undgalt als Wunderkind und war das Idol der dichtenden Gymnasiasten, die seine und Rilkes Bücher unter dem Schulpult lasen.

Alle haben gedichtet oder wollten Schauspieler werden, zu Ruhm hat es in der Klasse nur Stefan Zweig gebracht und nach der Matura erwartete die Familie von ihm, daß er studierte.

Der ältere Bruder hat die Firma übernommen. Er wählte die Philosophie, weil es das leichteste Fach war und kümmerte sich drei Jahre lang nicht um sein Studium, sondern gab den ersten Gedichtband heraus, lernte in der  “Neuen freien Presse”, der bedeutensten Zeitung Theodor Herzl kennen, reiste nach Berlin, um auch dort die jungen Dichter kennenzulernen, begann Verlaine und andere Dichter zu übersetzen.

Dann schrieb er eine Dissertation, wurde Her Doktor und reiste nach Paris, die Stadt der ewigen Jugend, wie er schreibt und die es 1942 so nicht mehr gab und nach London.

Dazwischen gibt es  ein Kapitel, wo die Sexualität der damaligen Zeit und  der bürgerlichen Stände beschrieben wurde. Die Mädchen wußten von nichts, wurden mit Klavierspielen, etcerta, abgelenkt, dann verheiratet und da konnte es dann passieren, daß sie in der Hochzeitsnacht verstört zu Hause wieder auftauchten und “Er hat versucht mich auszukleiden!”, kreischten.

Die Burschen hatten es nur scheinbar besser, denen wurde das Ausleben der Triebe zwar zugestanden. Die besseren Kreise hielten für die Söhne ein hübsches Dienstmädchen, die anderen luden die armen Ladenmädel in die Separees ein oder gingen in die Bordelle und mußten aufpassen, daß sie sich nicht die Syphilis holten, sie keine Alimente zahlen mußten, etcetera.

Danach gab es, wie Zweig schreibt, einen Sprung, denn 1942 hatte sich das geändert. Die Frauen hatten sich die Zöpfe abgeschnitten und die Korsette abgelegt. Sie durften dann ja auch schon studieren. Das war also besser, während sonst ja die Barbarei herrschte, die Zweig, die Autographen und die Heimat stahl.

Aber vorläufig ist er als junger Mann herumgereist und hat Gedichte und Novellen, noch nicht Romane geschrieben, aber dramatische Werke und da gibt es ein Kapitel, wo die größten Schauspieler der damligen Zeit Joseph Kainz und Alexander Moissi, beispielsweise, ihn um Stücke baten, aber dann vor der Aufführung alle gestorben sind, was ihn abergläubisch machte.

Es kommen Reise nach Indien und Amerika und dann beginnt der erste Weltkrieg.

Zweig schildert die Affaire Redl und schreibt von einer Begegnung mit Berta von Suttner, der Friedensmahnerin, die keiner ernst nimmt und vergleicht die Euphorie der Massen, die damals herrschte mit der gedämpften Erwartung des Kriegsausbruchs von 1939.

Der Juli 1914 war ein sehr schöner mit dem besten Wein, der, wie ein alter Weinbauer nichtsahnend erklärte, in Erinnerung bleiben wird.

Zweig hat ihn in Baden verbracht und in “Die Ungeduld des Herzens” dann noch einmal beschrieben.

Er war kriegsuntauglich, aber irgendwie ambivalent, so meldete er sich für das Kriegsarchiv, vermittelte dorthin auch Rilke, der aber wegen seiner Sensibilität und Feinfühlickeit bald entlassen wurde.

Mit Romain Rolland wird er zum Kriegsgegner, schreibt ein Theaterstück dagegen “Jeremias”, das 1917 in Buchform erscheint und dann im kriegsfreien Zürich aufgeführt wird.

Nach dem Krieg kommt er in das arme Österreich, nach Salzburg, wo er sich ein Haus gekauft hat, das wir bei unserem letzten Salzburg-Aufenthalt gesehen habe und beschreibt in einem fast ironischen Ton, die Veränderungen die der erste Weltkrieg gegenüber der Zeit in der er aufgewachsen ist, brachte. Die Zöpfe wurden abgeschnitten, nur die Jugend regiert. “Homoseuxalität wird Mode. Die Musik suchte starrsinnig eine neue  Tonalität und spaltete die Takte, im Tanz verscxhwand der Walzer  vor cubanischen und negroiden Figuren, im Theater spielte man Hamlet im Frack und versuchte explosive Dramatik.”

Dazu kam noch die Inflation, die das Land in Aufruhr brachte.

Zweig, der einige Jahre mit dem Schreiben seiner Novellen “Amok” und “Brief einer Unbekannten”, beispielsweise in Salzburg verbrachte, fuhr nach 1921 wieder ins Ausland und wurde berühmt. Seine Bücher wurden in großen Auflagen gedruckt und übersetzt. Ein Erfolg, der ihm Hitler dann genommen hat, der ihn ja bei Bücherverbrennung auch auf seine Liste setzte.

1928 war er auf Einladung eines Schriftstellerkongreßes in der SU und wurde bei seiner Rückkehr gerügt, daß er nicht Partei ergriffen hat, Lion Feuchwanger hat in einem Buch die SU glaube ich, sehr gelobt, Zweig schreibt von all den freundlichen begeisterten Menschen, die ihm, obwohl sie kaum lesen konnten, die Bücher von Marx und Hegel hinhielten, von den vielen Studenten von denen er umringt war und einen Brief, den er dann in seiner Tasche fand, “Lassen Sie sich nicht täuschen und verbrennen Sie ihn, denn wenn Sie ihn nur zerreißen, wird er widerzusammengesetzt!”

Dann kommt Hitler in Deutschland an die Macht und Zweig kann das in Salzburg, wo es inzwischen auch die Festspiele gibt, hautnah miterleben.

1934 war er in Wien und hat den Bürgerkrieg miterlebt oder, wie er schreibt auch nicht, denn persönlich hat er nicht viel davon gesehen.

Ein paar Tage später wurde sein Haus in Salzburg durchsucht, was er zum Anlaß nahm nach London zu emigrieren und dann nach Brasilien, wo der das Buch, das mit dem Beginn des zweiten Weltkries endet, glaube ich, fertig schrieb.

Ein sehr beeindruckendes Buch, wie ich nur wiederholen kann und so frisch geschrieben, daß man gar nicht glauben kann, daß es vor fünfundsiebzig Jahren geschrieben wurde.

Erstaunlich offen auf der einen Seite, Zweig schreibt sogar von der Art seine Sachen zu überarbeiten, so als hätte man damals schon Schreibratgeber gekannt, anderes, wie zum Beispiel seine zwei Frauen, Friederike, die in Salzburg geblieben ist und Lotte, die mit ihm in den Tod gegangen ist, werden dagegen wieder fast ausgespart.

Ein sehr beeindruckendes Buch also, das ich nur empfehlen kann und die Frage, ob Zweig jetzt ein großér Schriftsteller oder nicht ist, noch weniger verstehe, denn eine so offene Analyse eines unpolitischen Menschen, der wie er schrieb, schon Jahre nicht zur Wahl gegangen ist, habe ich schon lange nicht gelesen.

Er war natürlich auch sehr priveligiert, so daß man neidisch werden könnte, er ist aber auch sehr tief gefallen, wurde entwurzelt, seiner Autographensammlung und seines literarischen Rums beraubt und hat sich, glaube ich, wegen Depressionen umgebracht.

bis auf weiteres

Gedichte von Gerhard Jaschke, Band vierzehn der Reihe “Neue Lyrik aus Österreich”, da war ich auch bei der Präsentation in der “Gesellschaft für Literatur” und das Bändchen hat mir der 1949 in Wien Geborene geschickt, der mit Hermann Schürer 1975 das “Freibord” herausgegeben hat, wo ich in den Achtzigerjahren, wie an die anderen Literaturzeitschriften, “Manuskripte”, “Wespennest” etcetera meine Texte schickte.

Einmal hat er mich angeschrieben und mir mitgeteilt, daß er mich gerne kennenlernen möchte, da habe ich ihm dann bei einer Literaturveranstaltung im Rathaus getroffen, ein paar Mal hatte ich auch Texte in der Zeitschrift “Freibord”, zweimal ist er mir böse gewesen, wahrscheinlich bin ich ihm mit meinen Veröffentlichungswünschen zu lästig gewesen, denn eine sehr experimentelle Poetin bin ich ja nicht, nach dem Tod von Gerhard Kofler hat er sich zuerst mit Christine Huber, später mit Ilse Kilic das Generalsekretariat der GAV geteilt, er hatte dann einen Schlaganfall, gibt jetzt das “Feri- und das Firebord” heraus, das sind die kleinen Hefterln, weil das große “Freibord” offenbar zu aufwendig ist und ich sehe ihn sehr oft bei Literaturveranstaltungen.

Ein paar sehr Werke habe ich, neben vielen “Freibord-Heften” auch in meinen Regalen, auch etwas gelesen, aber noch nichts gebloggt, glaube ich, eine Zeitlang ist er auch mit dem 2009 verstorbenenen Werner Herbst im Tandem aufgetreten, eine Wiener literarische Legende halt und jetzt die Gedichte eines experimentellen avantgardischen Dichter die erstaunlich reimbar, nachvollziehbar, logisch, Lautgedanken, Wortspielereien halt oder vielleicht sind.

Gedichte in IX Abteilungen, beziehungsweise dreiundsechzig Seiten, “Wie nie zuvor” lautet die erste “So weit so schlecht so ungerecht” “ich bin mit mir noch nicht im Klaren selbst nach so vielen Jahren” “Stimmt die Chemie jetzt wie nie”

Immer wieder gibt es ganz modern “Selfies”, die manchmal mit oldies umklammert sind “kein athlet kein asket nur jaschket im alphabet”

Das Titelgedicht findet man auf Seite sechzehn “Von wegen bis auf weiteres  Wie zuvor! Von wegen Spitalsaufenthalt. Nie wieder! Von wegen so weitermachen Schau ma mal”

Ein sehr realistischer Avantgardist würde ich sagen.

“man kann das gar nicht oft genug betonen wir müssen unsere Knochen schonen oder uns nächstens doch noch konen”

Das Rehabzentrum Laab  im Walde, in denen die Gedichte oder Teile davon geschrieben sein dürften kommt immer wieder vor und die Abteilung VI ist dem “Schmerzgedächtnis” gewidmet “NICHTS NEUES” “Wir werden älter. Bald ist es kälter. Kommen wir in die Grube hinein sind Würmer mit uns beschäftigt.” Und dann  “ES IST WIE ES IST” “Schlafen essen Medizin/Lesen Schreiben Medizin/ Essen schlafen essen/ Kartenspielen/Fernsehen essen fernsehen/Medizin und schlafen/Und täglich grüßt das Mumeltier.”

“Mit Krücken sollst du dich nicht bücken um Blümlein zu pflücken”.

Dann gibt es in der Abteilung VII die “Placebo-Gedichte” “wirklich nichts ist wichtig. Richtig” Selbst ich bin entbehrlich. Ehrlich! An die “Arme Sau” Bist auf den Hund gekommen, ist alles für die Katz. Schwein gehabt, falls dem nicht so ist. Du lieber Schwan!”, kann ich mich noch von der Lesung erinnern. Es ziert auch den Buchrücken.

Die Abteilung VIII bringt den “Absturz ins Ungewisse” und auch ein Gedicht, das mir gewidmet sein könnte “arrangiert mit meiner Unbekanntheit unter meinen 10000 Büchern” und über den “Erfolg” habe ich ich mit ihm ja auch einmal  während oder nach der “Tone Fink Ausstellung” diskutiert “diesmal wider erwarten leider nicht” und was ist nun der “ABSTURZ INS UNGEWISSE”? “Der Boden knarrt, der Magen knurrt Musil ist schon ausgegangen hat das Haus bereits verlassen”.

Mit der Abteilung “STRAWANZEN” schließt das Buch, das mir eine andere, vielleicht unbekannte Seite des Wiener Originals Gerhard Jaschke zeigte, ein Buch, das ich sehr empfehlen kann, wenn man sich ein wenig in die “Neuere Lyrik aus Österreich” einlesen will.

Piratinnen

“Piratinnen-das ruchlose Leben der Anna Zollinger”, eine Geschichte aus dem sechszehnten Jahrhundert, wo eine Frauenbande Schiffe am Zürich-See überfiel, ist das zweite Buch, das mir “Literaturtest” schickte und es ist, welch Überraschung, aus dem “Novum-Verlag”, wo ich mir ja eine Zeitlang meine Bücher drucken ließ.

Geschrieben hat es der 1944  geborene Schweizer Journalist Piero Schäfer, der ein Büro für Kommunikationsberatung betreibt und seit 2012 Bücher schreibt und man könnte es als Abenteuerroman, vielleicht auch für Jugendliche, also nicht unbedingt mein übliches Leseschema, bezeichnen, ist aber, weil es in sechszehnte Jahrhundert führt und auf der eine Seite sehr malerisch schildert, sehr interessant, auf der anderen Seite haben mich manchmal Ausdrücke, wie “Pubertät” oder “Wohngemeinschaft” gestört, die man damals wahrscheinlich  nicht verwendet hat.

Es arbeitet aber durchaus mit den historischen Begebenheiten, so kommen Zwingli und der damalige Bürgermeister von Zürich vor, die auch in einem Anhang erklärt werden und das Buch hat eine Rahmenhandlung.

So beginnt es mit der Verurteilung der schönen wilden Anna und endet mit ihrem Tod durch Enthauptung. Dazwischen wird die Geschichte der Schweizer Bürgerstochter, ihr Vater war ein angesehender Seidenhändler, der stets auf Reisen war, um die schönschten Stoffe von China, Indien oder sonstwo, in die Schweiz zu bringen.

Die Mutter ist bald nach der Geburt der Zwillinge, die  rebellische Anna, die sich nichts gefallen läßt und gleich zuschlug oder aufbrauste, hatte noch eine sanftere Schwester, gestorben und dem Vater blieb nichts anderes über, als sich von der schönen Kunigunde betören zu lassen, weil er  eine Mutter für seine Töchter braucht.

Die ist der Ausbund der bösen Stiefmutter, wie sie im Buche steht und noch weit darüber, so schickt sie erstmals, die den Kindern vertraute Magd weg und dann die wilde Anna, die sich nicht ihrer Herrschaft beugt, ins Kloster.

Dort geht es übel zu und ich denke Piero Schäfer wird sich auch an den heutigen Mißbrauchsgeschichten orientiert haben und ich könnte mir  vorstellen, daß manches, was Anna dort erlebte stimmt.

So waren die Mönche von den Nonnen streng getrennt. In der Nacht trafen sie sich aber heimlich und warfen, die auf diese Art auf die Welt gekommenen Kinder in den Brunnen.

Die Schüler wurden von den Mönchen vergewaltigt und sexuell belästigt und wenn das herauskam wurde ihnen der Teufel ausgetrieben.

Die wilde Anna lernt mit sechzehn auf diese Art und Weise den Pilger Anton Kreuzer kennen, läßt sich ahnungslos oder auch begierig von ihm verführen, wird als sie schwanger ist, von der Oberin in den Kerker  geschmissen. Die Beiden können aber fliehen, kehren heim in den Seidenhof, dort schmeißt sie Kunigunde hinaus. So gehen sie nach Rapperswil in eine Spelunke und leben eine Weile fröhlich, die schöne Anna macht aber auch anderen Männers schöne Augen, so gerät Anton in einen Raufhandel, muß fliehen und Anna tut sich mit der Hure Brida zusammen.

Die Zeiten waren damals, wie das Buch deutlich zeigt, für die Angehörigen der unteren Stände sehr schlimm, überall Gewalt und Wegelagerer und kamen die Angehörigen bürgerlicher Stände in Not, mußten sie sich durch Prostituion oder Raub durchs Leben bringen und das taten Brida und Anna, die sich noch mit einer Fischertochter zusammentaten, eine afrikanische Prinzessin, die geraubt worden war, stieß auch dazu. Sie überfielen mit ihrem Schiff den Zürichsee und raubten auch auf den Straßen.

Das wird alles eigentlich sehr eindrücklich und interessant geschildert. Die Reformationszeit ist auch dabei, so daß man sehr froh sein kann, daß es heute Sozialgesetze und Sozialversicherungen gibt, so daß man sich nicht, nur um zu überleben, gegenseitig auf den Schädel schlagen muß und das will ich auch nicht gerechtfertigt wissen.

Das Buch habe ich gesehen, hat einige Rezensionen und wird offenbar auch gut beworben, ist spannend zu lesen und war, auch wenn ich Gewalt ja ablehne, durchaus interessant von den früheren Zeiten zu erfahren.

Schimpfen wie ein echter Wiener

Bei der Reihe “Stadtbekannt” aus dem “Holzbaum-Verlag”, die ja schon einige “Wien-Bücher”, wie “Unnützes Wien Wissen”, “Kaffee in Wien”, “Frühstücken in Wien” oder “Wiener Grätzel Josefstadt”, bzw. “Siebenstern”, herausgegeben hat, ist jetzt ein  “Schimpfwörterbuch” oder ein Buch über das Schinmpfen herausgekommen.

Nun bin ich, obwohl ich öfter, auch hier im Blog beschimpft werde, keine, die gerne schimpft und auch keine, die wirklich Dialekt spricht, hat ja meine Mutter darauf geachtet, daß ich mich immer in Hochdeutsch ausdrücke, um es einmal im Leben besser zu haben.

Ich verstehe aber  Dialekt, mag ihn eigentlich auch, nicht unbedingt die Schimpfwörter “Heast Oida, schleich, di!” oder so und denke, daß er sich auch wandelt, so bin ich mir gar nicht so sicher, ob alles, was in dem Buch zu finden ist, wirklich noch angewandt wird und ob zum Beispiel bei den Würstlständen, die ja oft schon durch Kebab-Buden und Aisa-Nudeln-Stände ersetzt wurden, “A Eitrige mit an Buckl und an Patzn Senf” verlangt wird.

Aber schön der Reihe nach.

Das Impressum wird mit “Wer das Buachl verbrochen hat” übersetzt, sonst könnte ich an den Übersetzungen einiges aussetzen, beziehungsweise würde ich das Wienerisch Hochdeutsch und nicht Nord- Bundesdeutsch oder überhaupt geschraubt übersetzen, weil ich letzteres auch schon für einen Dialekt halte und könnte da gleich das Eingangsbeispiel anführen.

Sagt da nämlich die Hausmeisterin, die in der Realistät oft wahrscheinlich besser Serbisch als Wienerisch spricht und vor hundert Jahren sprach sie wohl eher Böhmisch: “Drahts de gschissene Muik o, eas saublede Gfraster, sonst hol i de Kieberei!” und das heißt, würde ich meinen, nie und nimmer “Dreht die vermaledeite Musik ab, ihr saublöden widerwärtigen Personen, sonst hole ich die Polizei!”, sondern  “Dreht die beschissene Musik ab, ihr blöden Leute!”

Das ist mir auch an anderen Stellen aufgefallen, daß ich anders übersetzen würde, aber jetzt hinein ins Buch. Es gibt neun Kapiteln und ein Register. Eine Warnung gibt es auch, daß für das Anwenden der Beschimpfungen keinerlei Haftung übernommen wird!

Na gut, also auf eigene Verantwortung in das Buch, ich schimpfe ja ohnehin nicht so viel, obwohl mich der Alfred öfter als “Grantscherbn” oder als “grantiges Wiener Weibl” bezeichnet, aber das ist, habe ich gelernt, eigentlich die Bezeichnung für einen grantigen Mann, das weibliche Pendant wäre die “Keppltant!”

In Kapitel eins geht es um Sex, also um das “Pudern”, das nicht von Puder kommt und dann natürlich, um den “Oasch”, ein, wie ich lese, sehr beliebtes Wiener Schimpfwort.

Da gibts also das “Oaschgsicht”, das “Oaschgfries” bis zur “Oaschpartie” und auch einige gebräuchliche Redewendungen, wie “I reiß ma sicher net den Oasch auf fia di”, auch meiner Meinung nach sehr umständlich übersetzt, bis zum “Das geht mir am Oasch vorbei!”

Beim Würstlstand und beim “Essn und Trink auf Wienerisch” war ich schon. Da gibt es aber noch das “Wiaschtl” und das “Für die Wiascht”, nicht zu verwechslen und auf der “Nudlsuppm” beteuern sicher einige “nicht dahergschwommen zu sein!”.

Es gibt den “Schmarrn”, der eigentlich was Feines ist, wenn er aus Topfen oder Palatschinkenteig besteht, aber man kann auch einen “Schmarrn” reden und ein arme Leute Essen, also für die auf der “Nudlsuppm dahergeschwommenen”, war er früher auch.

Dann gibts noch “Das Krügerl, das Glaserl, das Stamperl, das Tröpferl”, meist mit Wein wahrscheinlich und was das Bier betrifft, wird das hier  mit Gerstensaft übersetzt. Ob das der Mann am Wiener Würstlstand versteht? Wahrscheinlich nicht, auch wenn er ein “Tschusch” ist, aber da sind wir schon beim Kapitel “Überall  Gscheade und Auslända” und haben  das “Oida verschwind und hoit  de Goschn!” ausgelassen.

Daß der Wiener sehr überheblich gegenüber alle jenseits der Stadtgrenze ist, kann ich bezüglich meiner Mutter und meinem aus St. Pölten stammenden Mann bestätigen. Sie hat “Gscheader” also Geschorerer, ein Begriff für den Bauern oder Leibeigener, also Landbewohner, denke ich, zu ihm gesagt, während der Mundl Sackbauer aus dem “Ein echter Wiener geht nicht unter” , die St. Pöltner schon für “Tschuchn”, also Balkanbewohner hält.

Ein weiteres wichtiges Kapitel ist der Tod oder das “Okrotzn in Wean”.

Da kann man auch “De Potschn strecken, ins Gros beißn” und noch vieles anderes sagen. Selbstmord oder “Si di Kugl gebn” kann man auch. Wenn man aber von der Donaubrücke springt, hat das, wie ich gelesen habe, öfter auch andere Motive.

Das gehts zu “Proleten, Gsindl und zur gspriztn Bagage”, also zum Schimpfen durch die sozialen Schichten.

Und auf der Werbeseite kann ich sehen, daß man sich solche Schimpfwörter auch auf Taschen oder T-Shirts drucken lassen und  kaufen kann.

Man kann sein Gegenüber auch als “Blada, Wampata, Schiacha!” oder anders beschimpfen.

Und bei der Polizei, also der “Heh” sind wir schon gewesen und wer noch immer glaubt, daß die Polizei, dein Freund und Helfer ist, kann hier “A Kieberer is ka Habera” lesen.

Dann gehts zu den “Dümmlichen Typen” auch wieder, wie ich meine “bled”  übersetzt, “in Wien”, also den “Dodln” Dillos”, “Fetznschädln” etcetera.

Die Wienerin ist a “Urschl” “Fusn”, Keifn”, während der Wiener als “Wappler”, “Zniachterl” “Dodl”, etcetera beschimpft werden kann.

Damit wären wir schon am Ende und sehen hier, weil das gelbe Biachl wirklich schöne Illustrationen hat, das Wiener Riesenrad, in dem die “Grätzn”, “Gurkn”, etcetra sitzen und “Hupf  in Gatsch, Gfrast!” und anderes schreien.

“Wiener Kultur, das ist Kunst und Musikgenuß. Kaffee und Schnitzerl, sprühender Charme und Weinseligkeit. A so a Schas! Mindestens genau so wichtig ist in Wien die Schimpfkultur, also die Fähigkeit, zu allem und jedem passende unhöfliche, witzig- beleidigende und obszöne Worte und Redewendungen zu finden”, steht noch am Buchrücken.

Wieder was gelernt? Und nicht vergessen, bevor mans ausprobiert, Haftung für die Folgen wird von den Buchautoren nicht übernommen!