Die Wahrheit sagen

Der, 2008 in Prag erschienene “Brutale Roman über die Liebe zum Leben” des 1969 geborenen, tschechischen Autors, Josef Formanek, wurde jetzt doch ins Deutsche übersetzt und mir von einem Literaturbüro zugesandt und erzählt auf etwa vierhundersiebzig Seiten, die Begegnungen eines Autors oder Journalisten, mit dem Namen Josef, der sehr mißtrauisch ist und manchmal eine etwas derbe Sprache hat, mit einem alten Mann, der viel Geld besitzt, in einer Hütte über einer Müllhalde lebt, den Müll sorfältig sortiert und ihn nach einer Frau namens Sophie fragt, der ihm sein Leben erzählt, damit er es aufschreiben kann.

1924 wurde der, Bernhard Mares mit Namen in einer Wiener Straßenbahn geboren, die Mutter wickelte ihn in die Jacke eines Fahrgastes ein, stieg aus und trug ihn zur nächsten Kirche, um ihn mit Namen versehen, dort abzulegen. Gefunden wurde er vom Pfarrer und vom Küster, die sich in einer rührenden Szene rührig hilflos um den Kleinen kümmern und ihn dann zur Schwester des Küsters aufs Land schicken. Die kümmert sich auch um ihn, wird aber von einer eifersüchtigen Freundin angezeigt, so kommt die Fürsorgerin, holt wie bei bei Erich Hackl, den Kleinen ab, um ihn ins Waisenhaus zu stecken. Die Schwester geht darauf ins Wasser und der Kleine verwaist noch einmal, weil sie ihn jetzt ja nicht besuchen kann.

Trost findet er in einem gestohlenen Wildwestbüchlein, als er ein anderes Buch klauen will, wird er noch der Oberin überrascht, die ihn unter die Schenkel greift und in die Badewanne steckt. Er will ins Priesterseminar, wird aber dort, weil unehelich hinausgeschmissen. So geht er in seine “Heimat” Österreich, gerät nach Krems/Stein in eine unbezahlte Bäckerlehre und als er dort ein SS-Werbeplakat, es ist das Jahr 1942, mit einem Soldat mit ausgestreckten Arm und mit “Komm in deine Familie!” oder so, sieht, meldet er sich freiwillig.

Wird nach Russland und an die Front gefahren, sieht der Ermordung der Juden in einem Dorf, die in einen Friedhof getrieben werden, zu, sieht seine Kameraden sterben und die russische Armee sich nähern.

Um Uniformen abzuholen wird er nach Mauthausen geschickt, dort sieht er die jüdische Gefangene Sophie Runbinstein, verliebt sich in sie, beziehungsweise sieht er in ihr das Mädchen seiner Träume.

So freundet er sich mit dem Unterscharführer Mold an und Sophie gibt sich, um gerettet zu werden ihm hin. Er befreit sie und einige andere Frauen auch und nimmt ihr das Versprechen ab, jeden Mittwoch in einem Park in Krems auf ihn zu warten.

Dann gerät er in das Gefangengenmassaker von Krems-Stein und wird schließlich Dolmetscher der roten Armee.

Er trifft Sophie wieder, wird Zeuge ihrer Vergewaltigung durch die Russen und will einen, der das tat erschießen, läßt es aber, als der ihm die Geschichte seiner Mutter erzählt. Für die Russen soll er in Wien bei den Amerikanern dolmetschen, dafür wird das Gastgeschenk gestohlen und als sich die Amerikaner auch Mädchen bringen lassen, wird er von dem, bei der er einmal in Krems wohnte, als SS-Mann enttarnt, wird gefangengenommen, von Nation zu Nation gereicht, bis er an einen verständnisvollen tschechischen Offizier gerät, der ihn entläßt.

Er fährt in die Tschechei zurück, geht zuerst zum Militär, macht dann kurzfristig bei der Kommunistischen Partei Karriere, erlebt dort, wie die Wahlen gefälscht werden und hat Angst als ehemaliger SS-Mann verhaftet zu werden. So kommt es zu einem Fluchtversuch, er wird verhaftet, für Jahre in Gefängnisse gesteckt, wo er sich zwischen “die Wahrheit sagen”, Rebellion und für Verrücktgehalten werden, hin- und her hantelt. Er wird zwischendurch entlassen, nimmt Kontakt zu Sophie auf, die verheiratet ist und schreibt beziehungsweise bekommt von ihr auch Liebesbriefe.

1969 wird er entlassen, geht nach Deutschland, wird dort Taxifahrer, führt ein Restaurant, kommt zu Geld und fängt ein Verhältnis mit seiner zweiten Liebe, der alten Hure Gitty an, dann fliegt er nach Südamerika, um nach seiner Mutter zu suchen, deren Grab er findet, an dem er sich betrinkt und in einer bizarren Szene eine Begnung mit einem Denkmal hat.

Die Mutter war Jüdin, also ist der SS-Mann auch ein solcher, was wieder die Bizarrtheit des Lebens zeigt, geht er nach Tschechien zurück, bezieht das Haus bei der Müllhalde, beginnt nach Sophie zu suchen und dem Schriftsteller Josef Formanek, oder Pepi wie er ihn nennt, sein Leben zu erzählen.

Das Buch, das manchmal ein wenig langatmig wirkt, ist zweigeteilt. Die Lebensgeschichte des Bernhard Mares, wechselt sich mit den Reisen, die er mit Formanek macht und dessen Leben ab.

So geht der nach dem  Tsunami von 2005 nach Indonesien, um dort zu helfen und ein Trinker ist er auch

Es wird in dem Buch, um die Wahrheit und wie sie manchmal scheinen kann, viel philosophiert, aber auch geflucht und wahrscheinlich auch geflunkert.

Am Ende stirbt der alte Mann, in seinem vierundachtzigsten Lebensjahr, aber nicht in Wien, wie ihm eine Wahrsagerin prohezeite, sondern im Zug nach Hamburg, auf dem Weg in ein Waisenhaus, das er mit seinem Geld unterstützte und zwischen den elf Kapiteln, gibt es immer mehr oder weniger lange fett gedruckte Motti, die ans Straßenbahnfahren erinnern.

“An alle, die noch im Wagen sind: Nächste Station! Wie sie heißt? Das ist ein Geheimnis!”, lautet eines davon.

Das Buch ist mit “Habis, Herbst 2008 datiert”.

“aus.gelesen” hat es schon gelesen und auf der Rezension kann man auch einen Link zur Leipziger Buchmesse finden, wo Josef Formanek am Stand der Tschechen gelesen hat und gehofft wird, das das Buch bald eine deutsche Übersetzung findet.

Das ist jetzt geschehehen. Es ist nicht das erste Buch über den Holocaust, aber eines, das zeigt, wie verwinkelt das Leben und wie schwer es wahrscheinlich manchmal mit der Wahrheit ist, denn “der Mensch denkt, das Schicksal lenkt”, heißt es ja auf Seite 468.

Ungeduld des Herzens

Passend zur gestrigen “Soma Morgenstern-Gedenkveranstaltung” Stefan Zweigs 1939 erschienener, ich glaube, einziger fertig gestellter Roman “Die Ungeduld des Herzens”, wie Joseph Roths “Radetzkymarsch” warscheinlich auch ein Abgesang an die Monarchie, spielt das Buch ja 1914 in einer kleinen Garnisonstadt, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges und wird vor Ausbruch des zweiten, dem Erzähler von einem Offizier berichtet. Es ist aber, denke ich etwas verhaltener, hat mich, was eigentlich selten geschieht, sehr beeindruckt, obwohl manche Stellen nach heutigen Geschmack eindeutig kitschig sind, andere dagegen so offen, daß man sich wundert, daß das 1939 schon geschrieben wurde.

Ich habs ja, glaube ich, schon einmal geschrieben, daß ich in “Von Tag zu Tag” einmal die Besprechung eines Buches über die neuere österreichische Literatur und da sagen hörte, daß die Autoren Peter Rosegger und Stefan Zweig aus dem Kanon der bedeutenden Schriftsteller gestrichen und dafür Michael Felder aufgenommen hätten. Von Felder habe ich seine Augobiografie gelesen, von Rosegger vor Jahren “Jakob der letzte” und war tief beeindruckt von dem meiner Meinung nach ersten Roman über den Umweltschutz.

Von Zweig habe ich bis jetzt die “Schachnovelle” und vor Jahren, noch als Hauptschülerin, die Biografie “Maria Antoinette” und etwas später “Die Welt von Gestern” aus dem Büchertschrank meiner Eltern gelesen und eine “Arte-Doko” gehört, die mich veranlaßte, aus meinen Beständen, die Zweig-Bücher herauszuholen und den geplanten Vicki Baum-Schwerpunkt noch eine Weile aufzuschieben.

Die “Ungeduld des Herzens” habe ich mir aus Harland mitgenommen, eine “Donauland-Ausgabe”, ob ich sie mir einmal zu Weihnachten wünschte oder im elterlichen Bücherkasten war, weiß ich nicht so genau, aber wieder ein ungelesenes Buch, das nach Jahren zur Ehre kommt und für mich ein weiteres Pläydoyer für das Büchersammeln ist.

Es ist, glaube ich, auch ein Meisterstück des Erzählens, denn sehr verwinkelt und sehr geplant, mehrere Novellen hineingepackt, mehere Ebenen und es beginnt, 1938 oder 39, wo der Erzähler in einem Cafe einen Offizier trifft, der ihm  Angesichts des kommenden Krieges seine Geschichte von der längstvergangenene gestrigen Welt erzählt.

Die “Ungeduld des Herzens”, ist eine Metapher für das Mitleid. Zweig schreibt vom Falschen und vom Echten. Der fünfundzwanzigjährige Leutnant, Anton Hofmiller, hat wohl das Falsche, als er, Sohn armer Leute, der in seiner Garnison immer neben den reichen Kameraden steht und sich sein Geld einteilen muß, zum reichen Herrn von Kekesfalva zum Abendessen in sein Schloß gebeten wird.

Er kommt wegen einer dienstlichen Angelegenheit zu spät, kann sich so über die Verhältnisse wahrscheinlich nicht orientieren und fordert, als es zum Tanzen geht, die Tochter des Gastgebers auf. Die erstarrt, denn sie ist gelähmt, was er nicht wußte, er stürzt entsetzt davon, wird aber wieder in das Schloß gebeten und ist von der Freundlichkeit, die ihm entgegenströmt, sehr gerührt.

Täglich besucht er fortan die Gelähmte, ein siebzehnjähriges Mädchen und es passiert, was passieren muß, sie verliebt sich in ihm.

Der Vater bittet Hoffmiller mit dem Arzt Dr. Condor zu sprechen, wie hoffnungsvoll oder hoffnungslos die Krankengeschichte wirklich ist? Einem Fremden wird der Arzt die Wahrheit eher sagen und Hoffmiller verspricht es , ohne was man hier wohl tun sollte, die Frage zu stellen und was passiert, wenn die Sache aussichtslos ist?

Der Arzt führt Hofmiller in eine Weinstube und erzählt ihm erst lang und breit die Geschichte, daß Kekesfalva kein wirklicher Adeliger, sondern ein ehemals armer Jude ist, der die Gesellschafterin einer Fürstin, der das Schloß früher gehörte und die aus Zorn auf ihre erbschlechenden Verwandten, das Schloß ihr vererbte, um  ihren Besitz prellen wollte. Dann heiratet er sie doch, es wird eine gute Ehe und als sie stirbt, vertraut er dem Arzt die Geschichte an.

Für die Gesundheit der geliebten Tochter würde der alte herzkranke Mann alles tun und der Arzt weicht auf die Frage “Hoffnungslos? aus, denn was ist das?

Als er Medizin studierte galt der Diabetes als hoffnungslos, inzwischen kkann man ihn mit Insulin behandeln. Es gibt also nur noch nicht zu behandelnde Krankheiten und dann erzählt er von einem Fall von der Heilung einer Lähmung von der er gehört hat.

Hofmiller fährt zum Vater und tut nun etwas, was ich unlogisch finde und aus heutiger Sicht nicht verstehen kann. Er redet ihm die Heilung ein.

“Es gibt Hoffnung, sie wird mit der neuen Kur bestimmt gesund!”,  etcetera. Das hat fatale Folgen, denn der Vater und die Tochter haben nun falsche Hoffnungen und Edith schreibt ihm einen langen Brief über ihre Gefühle.

Hofmiller will den Dienst quittieren, um aus der Bedrängung herauszukommen, besucht aber vorher den Arzt in Wien und dessen blinde Frau, die der geheiratet hat, weil er sie nicht heilen konnte.

Der Arzt sagt, man muß alles aufklären.

“Halt, halt!”, antwortet Hofmiller wieder.

“Nur nicht zu früh die Hoffnung zerstören!”, denn es gibt ja auch psychische Kräfte, sowie Sigmund Freud, füge ich hinzu und Stefan Zweig war, glaube ich, von seinen Schriften sehr begeistert.

So geht das Spiel weiter. Edith soll in die Schweiz zur Kur und Hofmiller sie bis dahin jeden Tag besuchen. Die Kranke droht mit Selbstmord, wenn man ihr nicht zu Willen ist. Der Vater kommt zu Hofmiller und bittet ihn auf Knien, doch sein Kind zu retten und so kommt es zu einer heimlichen Verlobung, beziehungsweise zu einem öffentlichen Kuß von Hofmiller, der wieder von seinem Mitleid hin-und hergerißen wird.

Dann geht er allerdings in eine Kneipe und in ein Kaffeehaus, um sich zu betrinken, trifft dort seine Kameraden, die ihm mit der Verlobung aufziehen. Er dementiert verzweifelt. Das ist eine Lüge, also ein unehrenhaftes Verhalten und das ist für einen Offizier unwürdig. Frauengeschichten und Saufen sind erlaubt, beziehungsweise wird es von den Vorgesetzten gedeckt. Das nicht, also ebenfalls Selbstmord, als einzig ehrenhafter Ausweg aus diesem Fall.

Als er mit diesen Gedanken in die Kaserne wankt, wird er von seinem Vorgesetzten gemaßregelt. Er erzählt ihm alles und der sagt “Unsinn!” und versetzt ihn an eine andere Stelle.

Mit den Kameraden wird er sprechen, so daß alles vertuscht werden kann. In Wien, steigt Hofmiller  aus dem Zug, um mit Dr. Condor zu sprechen und als er ihn nicht antrifft, Handies hat es ja noch nicht gegeben, schreibt er ihm einen Brief, wo er ihn bittet zu Edith zu fahren und wenn sie will, wird er quittieren, sie heiraten, etc.

In Brünn will er nach Kekesfalva telegraphieren, aber so viele Leute stehen am Postamt und lesen wahrscheinlich schon die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers. In der Nacht wird er aufgeweckt, ein Telephongespräch, die Verbindung klappt aber nicht, das Telefonfräulein entschuldigt sich. Es ist jetzt soviel los und am Morgen erfährt er, alles war umsonst und ist zu spät gekommen. Edith hat seine Untreue erfahren und sich vom Balkon gestürzt. Betroffen sütrzt er sich in den Krieg, wo alles nichtig wird, denn die Zahl der Menschen, die er dort tötet, wofür er noch einen Orden bekommt, sind unzählig. Nur einmal wird er noch in der Oper, wo er den Doktor und seine Frau trifft, an seine Schuld erinnert und jetzt soviel Jahre später, ist wieder alles anders, denn die Emigranten beginnen schon  das Land zu verlassen.

Im “Marbacher Literaturarchiv” habe ich gelesen, gibt oder gab es eine Sonderausstellung zu diesem Buch und da wurde auch die Frage diskutiert, wie weit der Roman autobiografisch ist? Etwas was mich eigentlich nicht so interessiert. Für mich wurde die Frage beantwortet, daß Stefan Zweig ein Schriftsteller ist, der in den Kanon gehört und dem man lesen sollte, um die Vergangenheit und die Geschichte Österreichs der letzten hundert Jahre zu verstehen und das habe ich mit zwei Novellenbänden, dem Portrait von “Joseph Fouche” und dem Wiederlesen der “Welt von Gestern”, auch vor.

Florian Berg ist sterblich

Als ich im März in Leipzig war, war ich  auch bei einer Lesung von Absolventen des “Leipziger Literaturinstiuts” und da ein Stück aus Janko Markleins bei “Blumenbar” erschienenen, wahrscheinlichen Debutroman “Florian Berg ist sterblich” gehört, den der 1988 in Bremen geborene, der 2010 den “Open Mike” gewonnen hat, über einen jungen Studenten, der an der Leipziger Uni im ersten Semester Philosophie studiert und nun vor einer Beschwerdestelle wartet, weil er keinen Platz für ein Proseminar bekommen hat und stattdessen einen Französischkurs besuchen solll, geschrieben hat.

Eine Satire über das Studentenleben würde ich es interpretieren, auch ein Buch über das Erwachsenwerden und bei “Amazon” kann man lesen, daß dieser Florian Berg sehr unsympathisch ist.

So habe ich das teilweise auch empfunden, aber das ist wahrscheinlich Absicht des Romans und der Clou, Florian Bergs Unentschloßenheit zu zeigen, dem dann in einem Seminar, das er auf Vermittlung der Studentenvertreterin Line, doch bekommt, demostriert wird, das er sterblich ist, denn alle Menschen sind das, Florian Berg ist ein solcher, etcetera…

Denn er ist ein Sohn zweier Pastoren, aus einem kleinen Dörfchen, die Mutter ist für die Beerdigungen zuständig, der Vater für die Hochzeiten und deshalb schwankt der liebe Junge, wie ein Baum im Wald, na ja.

Es wird in zwei Strängen erzählt, der erste ist Florians Studentenleben, Line, die sich in ihm zu verlieben scheint und ihn küßt. Er tut das nicht, hält aber still, weil sie sich für ihn ja einsetzen will. So bekommt er ein Seminar bei einer Anna Kuszlak, mit der will er nun Kontakt und auf Kaffee und Kuchen gehen…

Sie verhält sich abwartend, nimmt ihn aber dann doch auf einen Spaziergang mit, wo sie die Deutschlandfahnen von den Autos entfernt, sie ist nämlich sehr politsch.

Line besetzt inzwischen die Uni, um gegen die Bildungsmisere zu kämpfen. Das wollen, die Wirtschaftstudenten, die gerade Vorlesung haben, aber nicht und Anna fährt dann auch noch nach Santiago de Chile, um die dortigen Proteste zu unterstützen.

Florian reist ihr nach, wohnt bei einem Couch-Surfer im siebzehnten Stock eines Hochhauses und weil der Lift gerade kaputt ist, muß der arme Portier seinen riesigen Rucksack hinaufschleppen.

Im zweiten Strang wird von der Kindheit erzählt. Den Eltern die sich streiten, der Depression des eher hilflosen Vaters, der immer zu dem Sohn ins Zimmer geht und mit ihm reden will, beispielsweise, ob er weiß, wie man ein Präservativ verwendet?

“Ich muß lernen!”, antwortet der dann und schickt ihn hinaus.

Mit seinem Freund Ole, einem Bauernsohn hat er einen Bund gegründet, der keine Mädchen zulassen will, eines drängt sich hinein, verwirrt die Burschen und schließlich wird die “Grüne Garde” eine grüne Jugendorganisation, Florian besteht sein Abitur und zieht nach Leipzig.

Jugendbuch habe ich bei “Amazon” gelesen. Ja, Janko Märklein ist noch sehr jung und sieht auf dem Foto am Klappentext auch so aus.

Der Roman ist, was man wahrscheinlich im “Literaturinstitut” lernt, sehr gut konstruiert und mich hat die satirische Seite, die lapidar schlapsige Art, wie der junge Mann da von den Initialriten des jungen Florian erzählt, sehr angesprochen.

Um in den Bund hineinzukommen, muß man Käfer essen und Hunde töten. Das ist vielleicht kein besonderes Zeichen der Neuzeit und war schon früher so. Die Lieblingslektüre von Florian Berg und seinen Freunden ist aber “Harry Potter”. Den liest er noch als Student, neben philosophischen  Schriften. Aber er und seine Freunde lesen ihn nicht nur auf Deutsch oder vielleicht in der englischen Originalfassung, sondern auch auf Japanisch, Lateinisch etcetera.

Was ich mir, als die Überforderung der heutigen Jugend interpretieren würde und daher sehr froh bin, auf das Buch aufmerksam geworden zu sein, das sonst, ist es ja schon 2015 erschienen, an mir vorbeigegangen wäre und jetzt ja ein anderes Buch einer noch jüngeren Frau über die Schwierigkeiten des Lebens in aller Munde ist.

In den Wäldern des menschlichen Herzens

Der 1974 in Potsdam geborenen Antje Ravic Strubel, die 2001 beim Bachmannpreis gewonnen hat, hat mit dem, wie am Cover steht, Episodenroman “In den Wäldern des menschlichen Herzens” einen Reigen des einundzwanzigsten Jahrhunderts geschrieben, wo es hauptsächlich um Frauenbeziehungen geht, aber auch eine Transgender Person, was der Grund auch war, weshalb ich das Buch anfragte und gelegentlich ein Mann, spielen eine Rolle.

Der Schausplatz ist die moderne globalisierte Welt, wo wir ja so leicht von einem Kontintent in den anderen fliegen und auch unsere Wohnort wechseln, also von Berlin nach Amerika oder nach Schweden ziehen, weshalb die Umwelt verschmutzt, so daß man sich dann auch in die modernen Naturoasen,  wie in die Wüsten bei L.A oder in die schwedischen und norwegischen Fjorde zum Kanufahren und Marathonlaufen begibt, wo man sich vor den Mückenschwärmen schützen muß.

Katja, Rene, Leigh, Faye, Emily, Helen, Sara etcetera spielen eine Rolle und flattern in wechselnden Beziehungen durch die Kapiteln, in denen man nach und nach eine Handlung erkennt.

Ich habe das ja in den “Dreizehn Kapitel”, wo es nicht um Sex geht, auch einmal versucht, jetzt weiß ich, daß das “Episodenroman” heißt und Sex spielt in den Episoden eine große Rolle. Es geht um Sex und um menschliche Beziehungen, allerdings in einer viel moderenen Art (no na), als bei Arthur Schnitzer, obwohl es ein Weihnachtskapitel gibt, das mich an seinen “Anatol” erinnerte.

Also, Katja und Rene fahren zum Kanaufahren nach Schweden und Katja gesteht der Journalistin, die ein Crossover zwischen einem Reiseführer und einem Reiseroman mit fiktiven Elementen schreiben will, daß ihr die Beziehung mit ihr keinen Spaß mehr macht, so läßt sie “Katjuscha” zurück und im nächsten Kapitel sind wir in Kalifornien, wo Emily, mit Leigh, der einmal ein Mädchen war, in die Wüste fährt und dort verschwindet.

Sie taucht dann etwas später in Hiddensee, in Deutschland auf, wo sie kellnert und noch nicht so gut Deutsch spricht, daß sie Kinder, die Quallen quälen zurechtweisen könnte.

Sie ist die Tochter von reichen Eltern, die ihr Geld mit dem Verkauf an Wasserrechten verdienen, als sie das anprangert, wird sie entführt und in der Wüste ausgesetzt. In der Bar in der sie in Deutschland arbeitet, lernt sie Rene kennen, übersetzt ihr Buch und stellt es mit ihr in Manhatten bei einem Übersetzerkongreß vor.

Es soll auch groß, allerdings in einer anderen Übersetzung, herauskommten, was zur Beziehungskrise zwischen ihr und Rene führt und die gibt es bei zwischen Faith, Emilys Freundin, die einmal mit Leigh in die Wüste fuhr, um nach Emily zu suchen, sich jetzt aber in Schweden in einer Dreierbeziehung vorfindet, auch und am eindrucksvoll- skurillsten fand ich die Sznene, wo Helen, das ist eine Frau aus dieser Dreierbeziehung, nach Berlin fliegen will, am Flughafen aber eine Frau sieht, die nach Münschen will. Sie ändert ihren Plan, folgt ihr ins Hotel, das sie sich eigentlich nicht leisten kann und wird von der Rezeptionistin angerufen, die ihr sagt, daß sie die Polzei rufen will, weil unten in der Lobby eine verrückte Alte eine Party feiern will. Sie geht dann hinunter, um sich an den Freigetränken zu bedienen.

Am Schluß wird es ein wenig unverständlich, denn da fährt eine “sie” mit einem Katt durch Mecklenburg, Vorpommern, ein alter Mann rennt in ihr Auto, niemand der Alten in dem Dorf hilft ihm, denn in der DDR hat man die Unbequemen dorthin ausgesetzt und die Erzählerin entdeckt in Katts Aufzeichnungen, den Namen “Katjuscha” und die Beschreibung “Es ging um Sex. Sex in Hotels, auf Felsen, in Bars, nüchtern, drastisch, verliebt” und der Reigen hat sich geschlossen.

Ich habe Antje Ravic Strubel, wie schon erwähnt durch ihren Text beim Bachmannpreis kennengelernt, die ich mir damals, glaube ic,h noch ausdruckte und nachlas und dann 2003 oder vier oder fünf, als es in der “Buchlandung” die Ein-Euro Bücher gab, einiges von ihr entdeckt und auch gelesen, aber wie ich mich erinnern kann, eher unverständlich gefunden.

Jetzt habe ich vor ein paar Tagen “Tupolew 134” von ihr im Schrank gefunden.

“Kältere Schichten” war 2007 für den “Leipziger Buchpreis” nominiert, mit “Sturz der Tage in der Nacht” ist sie 2011 auf der  LL des “Deutschen Buchpreises” gestanden.

Jetzt habe ich sie in Leipzig auf dem “blauen Sofa gehört, wo sie sagte, daß wir immer noch sehr wenig Ahnung über die verschiednenen Beziehungsformen haben und beispielsweise, Transsex mit Transgender verwechseln, was aber, wenn ich  John Irving richtig verstanden habe, eine Veränderung der Sprache ist, so daß man heute zu dem, was früher Transsex war, heute politisch korrekt Transgender sagt.

Und verändert hat sich, wie das Buch deutlich zeigt, auch sonst sehr viel.

Muttergehäuse

Von Gertraud Klemm, eine von denen, deren literarischen Aufstieg ich verfolgen konnte, habe ich, glaube ich, das erste Mal bei den Textvorstellungen “Etwas Wichtiges fehlt” gehört, wo sie ihr bei “Arovell” erschienenes Buch “Mutter auf Papier”, in dem es um Adoption und die “Mütter und Reproduktionsindustrie” vorstellte, gehört.

Vielleicht habe ich ihren Namen aber auch schon mitbekommen, als ich einmal bei einer Lesung von Petra Ganglbauers “Schreibwerkstatt” war.

Dann bin ich ihr auf dem Volksstimmefest begegnet und habe mit ihr eine der diesbezüglichen Anthologien im “Werkl im Goethehof” vorgestellt, da hat sie das “Arovell-Buch” glaube ich, Hilde Schmölzer gegeben und erzählt, daß ihr nächstes Buch “Herzmilch” bei “Droschl” erscheinen wird.

Ein paar Preise hat sie inzwischen auch gewonnen. Dieses Buch habe ich nicht gelesen, aber daraus, glaube ich, bei “Rund um die Burg neu” und vielleicht auch woanders gehört.

Dann kam der Bachmannpreis und die großeEntdeckung mit ihrer “Suada über die Mutteschaft”, wie ich es nennen will, die sehr gelobt wurde, mir aber eigentlich als überholt erschien.

Das das nicht so ist, konnte ich ein Jahr später erfahren und Gertraud Klemm, von der man nach der Diskussion in Klagenfurt denken konnte, das ist jetzt die Gewinnern, mußte bei der Preisverleihung erleben, wie ein Preis nach dem anderen vor ihr weggewonnen wurde und es sich dann gerade noch für den Publikumspreis ausging.

Theresa Präauer hat das ein Jahr später noch stärker betroffen “Aberland”  ist aber im Frühling groß bei “Droschl” herausgekommen, ich habe Gertraud Klemm sowohl in Leipzig als auch bei der “Literatur und Wein” daraus lesen gehört.

Alfred hat das Buch mit ihrer Widmung gekauft, das ich auf meine Leseliste setzte und im August vom Regal holte, nachdem es auf die LL gekommen ist, gefallen hat mir dieser Monolog noch immer nicht besonders, obwohl ich ja wirklich nicht glaube, daß der Feminismus zum Anekeln ist, aber ich denke, wir stehen schon darüber, auch wenn das offenbar die sehr jungen Frauen schon wieder anders sehen.

Bei der Vorstellung der Literaturschiene des “Kremayr&Scheriau-Verlags” in der “Gesellschaft für Literatur war ich dann sehr erstaunt, als ich hörte, daß sie ihr nächstes Buch dort herausbringt.

Das wurde dann in Leipzig im Österreich-Cafe, glaube ich, vorgestellt, dort habe ich Gertraud Klemm  am Stand der IG-Autoren gesehen und jetzt “Muttergehäuse” gelesen, das mir, ich schreibe es gleich, ähnlich, wie Marlen Schachingers Erzählungen, die auch dort vorgestellt wurden, besser als die Suada über die Mutterschaft gefallen hat und mir die Lesung die ganze Zeit dachte, daß mir das  bekannt erscheint.

Aber die 1971 in Wien geborene Biologin hat ja zwei Kinder adoptiert, bis ich beim Nachwort daraufkam, daß es eine Adaption von “Mutter auf Papier” ist.

Da ich den Urtext nicht gelesen habe, kann ich nicht vergleichen, Gertraud Klemms harsche scharfe  Sprache, wie sie mit der Mutterschaft und dem Darum ins Gericht fährt, ist mir aber frischer und weniger künstlicher vorgekommen, als das Mittelschichtelend von Fransziska und Elisabeth, das es natürlich gibt und natürlich haben es auch Unterschichtfrauen und Migranten schwer oder sogar schwerer.

Am Cover ist eine Graphik von Alex Makarova, die es im ganzen Buch immer wieder mit den Träumen der Autorin oder Ich-Erzählerin  zu sehen gibt.

“In Painik laufe ich durch das Haus und suche das Kind. Die Haustür ist offen. Der Pool ist nicht abgrdeckt. Das Kind ist ertrunken”, ist beispielsweiser einer in dem Buch, das sich Roman nennt, aber keiner ist, sondern wahrscheinlich wieder in die Gattungen “Person Essay” oder “Memoir” einzuordnen wäre.

Das wird auch bei den “Amazon-Fünfstern-Rezensionen” bemängelt, daß es mehr ein Sachbuch  oder ein Essay ist, denn man erfährt viel über den Kinderwunsch und die Leiden der jungen oder auch älteren Frauen, die außerhalb der Gesellschaft stehen, weil sie keine Kinder “zusammenbringen”.

Gertrauds Klemms beklemmend lakonischer Ton verweist aber eindeutig in die literarische Richtung. Die Larmoyanz, die mich beim “Aberland” wahrscheinlich gestört hat, fehlt, was beruhigend ist.

Es gibt einen Prolog und ein Motto von Sylvia Plath. Im Prolog erzählt die Ich-Erzählerin, daß sie als Fünfjährige einen Film über eine Geburt gesehen hat, wo die Frau im Schmerzen dalag, alle um sie aufgeregt herumwuselten und nur der ruhige Arzt, als einziger wußte, “wie gebären geht”.

Das könnte als Motto für das Buch stehen und das ist auch das, was mir an Gertraud Klemm Sprache gefällt.

Dann kommen drei Teile, die immer wieder von den oft Alpträumen unterbrochen werden.

“Mutter-Papier-Kind”

Der erste erzählt von der Mutterschaft beziehungsweise dem Schwangerwerden, das seltsamerweise bei der Erzählerin, obwohl alle um sie herum das jetzt werden, nicht geht. Die Ärzte beruhigen zuerst, schicken dann aber zu Sicherheit doch zu den Kontrolluntersuchung und man erfährt, wie die Kinderwunschindustrie passiert, wo die Autos der Gyn- oder Urologen Nummertafeln, wie URO 1 oder GYN 1 tragen. Man für die Untersuchungen bezahlen muß und es oft gar kein Klo für das Urinieren gibt.

Das Paar entscheidet sich dagegen. Vorher gab es noch eine Minikurzschwangerschaft, die mit einer Ausschabung und dem Op-Tisch endet.

“Wohin soll ich sie schicken?”, fragt die Anästhesistin.

Nirvana geht nicht, also entscheidet sich die Erzäherlin für Afrika, fährt dann auch dorthin, um ein Kind zu adoptieren und der Papierkrieg beginnt.

Adoptionskurse, Gespräche mit Sozialarbeitern und die schelen Blicke, der scheinbar besseren, schon schwangeren Freundinnen, die die “Versagerin” mitleidig anschauen..

Die Erzählerin legt sich Wehen- und andere Listen an:

“Haben Sie es verdaut

Haben Sie es verkraftet

Sind Sie sicher ganz sicher”, etcetera.

Die Freundinnen fragen, warum ein ausländisches Kind, weil, die inländischen alle vorher abgetrieben werden, könnte die zynische Antwort lauten und Angst gibt es nur vor dem Nazigroßvater, denn was könnte der zu dem “Negerkind” sagen.

Sehr schön finde ich die Stelle, wo der dann schon über neunzig, nur lakonisch “Der ist ja gar nicht schwarz. Der ist braun!”, meint und bis zu seinem Tod mit dem Therapieball mit dem Buben spielt.

Beim zweiten Kind muß ein neiuer Adoptivantrag auf den alten Bogen ausgefüllt werden. Die Sozialarbeiterinnen entschuldigen sich dafür und auch, daß vielleicht eine “Babypflegekurs” besucht werden muß.

Dann ist es “nur” ein “Geschwisterkus”, wo die Bittsteller im Kreis sitzen müßen, nicht aufbegehren dürfen und “Gefühlshäuser” zeichnen, während man im Amstetten, den Fall Fritzl entdeckt, wo der Großvater sieben Kinder mit seiner Tochter hatte, die er im Keller einsperrte und drei der Kinder vor die Haustür legte und mit dem Jugendamt oder dem für Familie keine Schwierigkeiten hatte.

Ein sehr interessantes Buch, das wohl allen, die sich sowohl mit dem Schwangerwerden, der Mutterschaft und den Schwierigkeiten darumherum auseinandersetzen wollen und das auch literarisch aufgearbeitet haben möchten, zu empfehlen ist und das in seiner graphischen Ausstattung auch noch sehr schön anzusehen ist.

Unzeit

Aus “Leipzig” habe ich mir eine Reihe Bücher mitgebracht, die man sich so von den Ständen klauben konnte.

So hatten die” oberösterreichischen Autoren” ja ein Tischchen, wo sie Bücher zur freien Entnahme hatten und interessant, der Vortrag von Professor Wagner über Bernhard und Hanke, den ich vor ein paar Jahren bei den “Wiener Vorlesungen” hörte, als ich kurz danach nach Leipzig fuhr.

Das “Marbacher Literaturinstitut” hat, glaube ich, bevor es nach Leipzig fuhr, seine Bestände ausgeräumt und die Exemplare, die es nicht haben wollte, so ein “Jahresband zur Dostojewski-Forschung”, einen “Brobowsky-Band” und dann noch etwas zum “Joachim Ringelnatz-Preis”, “Amazon Kindle Publishing Books” gab es zur freien Entnahme und ich habe auch ein paar Bücher angefragt, als ich zurückgekommen bin.

Hans Weigels “Unvollende Symphonie” habe ich schon besprochen und Marlen Schachingers “Unzeit” zu lesen angefangen, denn der Alfred war auf ihrer Lesung im “Österreich Cafe”, ich nicht, wir trennen uns ja nach dem Eingang immer, erst durch ihr Foto bin ich auf ihr neues Buch aufmerksam geworden, das heißt, während ich in Leipzig war, hat jemand meine “Denn ihre Werke folgen ihnen nach-Besprechung” verlinkt.

Die 1970 in OÖ Geborene ist eine, deren literarischen Aufstieg ich , ähnlich wie dem, der Gertraud Klemm, hautnahm verfolgen konnte, den ihren vielleicht noch genauer, denn “Morgen vielleicht”, ihr erstes Buch, hat die Ruth in ihrer “Donau Edition” herausgebracht.

Ich habe es mit ihr getauscht und sie war  auch eine Zeitlang bei der “Frauen lesen Frauen-Gruppe” des ersten Wiener Lesetheaters. Bei den “Mittleren I”, zu dem es  noch keinen Blogbeitrag gibt, habe ich sie eingeladen und in “Radio Orange” haben wir auch einmal zusammen gelesen. Ich aus “Tauben füttern”, einem meiner Lieblingsbücher.

Sie hatte dann auch einen Krimi, ihre Dissertation geschrieben und im Literaturhaus bei dem “Schreiber–Workshop” vorgestellt, jetzt hat sie ihr eigenes narratives Institut, drei Romane bei “Otto Müller”, die mir diese immer so freundlich zusenden.

Der Letzte hat mir ja nicht so besonders gefallen, weil sich die Realistin in mir gegen das allzu mir etwas antiquert erscheinende Phantasiche wehrte.

Jetzt also Erzählungen, etwas was ichauch nicht so gerne mag, weil mir das Herumspringen von einem Sujet zum nächsten, während ich ja noch beim letzten bin, manchmal als zu anstrengend erscheint. Aber jetzt passte es, habe ich Harland, wo ich Ostern verbrachte, ja mit zwei gelesenen Geschichten verlassen und in Wien wartete  noch die angefangene Jane Austen auf mich.

Marlen Schachinger ist auch eine frauenbewegte Feministin wahrscheinlich, hat die letzte “Autoren feiern Autorinnen-Vorlesung” über Betty Paoli gehalten und sich in ihren elf Erzählungen, wie im Klappentext steht, anhand von Einzelfiguren mit der Geschichte des letzten Jahrhunderts, etwas also, das mir sehr gefällt, beschäftigt und auch das Thema, der ersten Geschichte “Hinter Mauern” erscheint mir sehr vertraut.

Geht es da ja um eine Urgroßmutter, die sich das Sterben wünscht, “denn es ging doch nicht an, daß der Tod sie vergaß, nahm er die anderen allesamt mit sich Michael, Michl-Mischa und Michel” und so beschließt sie in dem Örtchen, das wohl Rechnitz sein wird, wo ja 1945 die Ereignisse geschahen, denen jetzt wieder gedacht wird, mit dem Atmen aufzuhören.

“Die Uroma spinnt!”, sagt  Marie-Therese, die Dorfschreiberin, als sie die Zettelchen entdeckt, die dann auch in der Mauer gefunden werden, die Jan, der Schwiegerenkel, wenn ich recht verstanden habe, endlich abtragen ließ und die Thomas, der Nazi, Bürgermeister, mit den drei Zwangsarbeitern und Ex-Schwager zwischen den Grundstücken aufbauen ließ.

Michal, der Zwangsarbeiter hat sie gebaut und Michael, der Mann ist 1942 gefallen und der Sohn Michl, den die Hochschwangerer damals gebar hat Ahnlichkeinten mit beiden. Sehr interessant, der Geschichtenaufbau und an die Ereignisse von damals wurde auch erinnert.

Dann geht es weiter mit Marietta Blau, 1894-1970, eine Wiener Physikerin, die wie Lise Meitner nie den Nobelpreis bekam, denn “Frau und jüdisch, das ist zuviel!” und die Lorbeeren ernteten auch in diesem Fall die Männer.

In “Grenzgänge” marschiert Hannah mit  siebzehn  Djinns und einem Kätzchen im Nacken oder Rucksack sprachgewaltig, wortschöpferisch und auch ein wenig verwirrend über die Grenzsteine an der Thaya, die es heute ja nicht mehr gibt und man angeblich “nur noch ein paar Sprachkurse braucht, um sie zu überwinden”, wenn da nicht die Festung Europa wäre, die die Syrier am Überschreiten hindern, aber es gibt auch eine Vergangenheit und eine zweite Hälfte, die die Menschheit ja verloren habt, so ist Hannah auf der Suche nach ihrem Oskar und auch auf die nach der  Geschichte einer deutsch-tschehischen Zuckerfabrik und nach dem was von ihr übergeblieben ist.

Noch geheimnisvoller und grenzträchtiger, Marlen Schichinger nennt das glaube ich “Übergrenzen” und hat auch dazu eine gleichnamige “Anthologie” herausgegeben, geht es in “Dich rufen” zu, wo an den Seitenrändern, manchmal Musiker und Musikstücknamen beziehungsweise Noten angegeben sind und es geht, wenn ich richtig verstanden habe, um die Fernliebe zwischen einem Geiger und einer Schriftstellerin zwischen Havanna, Argentinien, etc und um das Anpflanzen von gesundheitsschädlichen Saatengut, das wir alle wahrscheinlich nicht verhindern können, geht es auch.

Bei  “Tote Seelen” geht es nach Havanna und zu dem Versuch eines Journalisten über den “Commandante” kritisch zu berichten, während es bei “Was heißt schon Freiheit” nach Cesky Krumlov geht und  über die Transformationen  einer berichtet, die die Gewalt um sich herum nicht aushält und sie auch nicht abwehren kann, während wenn ich es richtig verstanden habe “Suche und sei es in China” die seltsame Beziehung eines Sohnes zu seiner Mutter erzählt.

Die nächste Geschichte geht auch nach Kuba und handelt “Heute reisen Sie nicht”, von den Ausreiseschwierigkeiten einer Schriftstellerin aus einem land, wo “kubanische Dichter träumen nicht mehr und das Auge verpflichtet zu sehen” schreiben, um dann später doch all das zu schreiben, was ihren kubanischen Freunden verboten ist und für das sie keine Publiziererlaubnis bekommen.

Eine “Familienidylle” mit Demonstration gibt es noch, zwei Linzer Kellnerinnen, die ihren Alltag unterschiedlich strukturieren und das Wochenende eine “HR-Managerin”, die wieder mit Marlen Schachingers poetisch schöner Sprache, den “Neoliberalismus” genießt.

“Marlen Schachingers Erzählungen bilden die Zeit ab, stellen die Verhältnisse der Welt dar, welche Realitäten einzelnner widerspigeln. Manchmal zynisch, oft ironisch, sind sie  real, ein Abbild der Gegenwart, schlicht am Puls der Zeit. Die eine Unzeit ist”, heißt es im Klappentext und ich füge noch hinzu, daß mir dieser poetische Realismus viel mehr, als Geschichten mit geheimnissvollen rothaarigen Frauen, die in Kirchen wohnen und vom Wasser herkommen, gefällt.

Verstand und Gefühl

Jetzt kommt endlich etwas von Jane Austen, der von 1775 bis 1817 lebenden britischen Schriftstellerin, von deren österreischen Pendant, ich vor kurzem sehr viel hörte, ebenso mit ihr auf Datingfang gegangen bin und so mich schon ein bißchen in ihre Charaktere eingelesen habe und ihr amerikanisch-britischer Zeitgenosse hatte vor kurzem auch seinen hindersten Todestag.

Zwar sind Henry James und Marie von Ebner Eschenbach hundert Jahre später gestorben, der Vergleich zu Jane Austen kam aber immer wieder und einen Zusammenhang zu Leipzig, wohin ich das Buch nicht mitnehmen wollte, gibt es auch, ist es doch im “Reclam Verlag-Leipzig”, der ostdeutschen Variante, des großen Verlags erschienen und dem Nachwort von Christian Grawe entnehme ich, daß “Verstand und Gefühl” für ein eher schwächeres Werk gehalten wird, mit dem man nicht zu Lesen anfangen soll.

Zu Unrecht wie Grawe meint, ist es doch sehr sozialkritisch und zeigt genau, wie die Leute damals lebten und dachten und welche Vorurteile sie hatten.

Das ist zwar ein anderer Roman, der hier zeigt sehr schön, den Gegensatz von Ratio und Schwärmerei und so hat auch Hedwig Courths Mahler, meine “sündige Jugendlesevorliebe”, die jungen Mädchen, Waisen und Mündel immer davor gewarnt, sich zu sehr auf ihr Herz zu verlassen, statt nach Geld zu heiraten oder war es umgekehrt?

Sehr wohl, das war es natürlich und auch hier geht es darum zu einer Zeit, wo die Frauen, wenn sie arm waren, danach trachten mußten sich gut zu verheiraten, weil sie sonst ewig ihren Verwandten auf der Tasche lagen und darum geht es hier auch.

Zu Beginn stirbt ein Herr und hinterläßt seinem Erben das Vermächtnis für eine Witwe und drei unmüdige Mädchen zu sorgen. Er verspricht das auch und denkt daran je tausend Pfund für sie zu opfern, dann kommt seine geschäftstüchtige Frau daher und redet ihm ein, daß er, wenn er ihnen gut zuredet und ihnen für den Umzug ein paar alte Möbel schnenkt und ihnen sonst einmal einen Fisch oder einen Hasen zukommen läßt, auch für sie sorgt.

So geschieht es dann auch und Missis Dashwood zieht mit Elianor, Marianne und der jüngsten Tochter Margret in ein Cottage in die Nähe von Exeter.

Marianne ist siebzehn und zu Zeiten, wo Goethe mit seinem Werter alle gefühlsmäßig lahmlegte, auch dem Gefühl verschrieben, während die älteste Elionor sich eher dem Verstand verschreibt und so den vermögenslosen Edward, in dem sie verliebt scheint, nicht heiraten wird.

In dem Cottage kommen die Damen, die trotz ihrer Armut, einige Dienstboten halten, auch mit der Gesellschaft in Verbindung und wird von ihr aufgenommen und hier lernen die Fräuleins einen Oberst Brandon, einen Herrn von über fünfunddreißig kennen, der sich sofort in Marianne verliebt, die aber scherzt und unkt, daß nur ein altes Fräulein einen so alten Herrn heiraten, beziehungsweise zu seiner Pflegerin werden kann.

Der Obert reist auch ab und Marianne geht alleine spazieren, hat dabei einen Unfall und wird dabei von einem Herrn namens Willoughby “gerettet”, in dem sie sich unsterblich verliebt, so daß ihre Mutter sie schon für seine heimliche Braut hält.

Aber auch er muß abreisen und nun kommt Edward Ferrars zu Besuch und trägt eine Locke in seinem Ring, den Marianne für die von Elionor hält. Es taucht aber ein Fräulein namens Lucy auf, das Elionor erzählt, daß sie schon vier Jahre heimlich verlobt mit Edward ist.

Die beiden Mädchen werden von Missis Jennings, einer etwas taktosen Dame, eingeladen, mit ihr nach London zu kommen, die gefühlvolle Marianne stimmt in der Hoffnung dort Willoughby zu treffen zu, schreibt ihm viele Briefe, da er sich nicht meldet, um ihn dann auf einem Fest in der Gesellschaft einer Dame zu finden, mit er sich, weil sie reich und er verschuldet, verlobt hat.

Marianne gerät in ein Nervenfieber, heute wird das psychosomatische Krankheit genannt und will zu ihrer Mutter zurück, während Elionor erfahren muß, daß Edward von seiner Mutter, wegen Lucy, die auch ein armes Mädchen ist, enterbt wurdeund alle Rechte auf seinen jüngeren Bruder Robert übergingen.

Der hilfreiche Oberst Brandon bietet Edward eine Pfarrerstelle auf seiner Besitzung an, die ihm zweihundert Pfund im Jahr einbringt, damit kann er nicht oder nicht sehr gut heiraten und so stellt sich die Nachricht, die der Diener eines Tagen den Miss Dashwoods (so wird das geschrieben), daß er Missis Lucy Ferrar in der Kutsche gesehen hat, als Mißverständnis heraus.

Sie heißt zwar Missis Ferrar, hat aber Robert, da der ja nun reich, geheiratet und Edward ist frei für Elionor, die ihm auch willig an die Pfarrersstelle folgt und wahrscheinlich eine tüchtige Pfarrersfrau werden wird.

Willoughby ist auch noch gekommen und hat sich reumütig für sein Benehmen entschuldigt und so wird sich die gesundete Marianne von ihrem Gefühl verabschieden, das war wohl der Sinn und der moralische Hintergrund des Romans und geläutert, die Gattin eines doppelt so alten, aber herzensguten Gatten werden und ihn wahrscheinlich zumindestens, die nächsten paar Jahre noch nicht pflegen.

Ein interessanter Roman aus einem vorigen Jahrhundert, wo die Frauenleben, die Moral und die Sitte noch ganz anders verliefen, obwohl ja heute Datingratgeber geschrieben werden, die sich auf Jane Austen beziehen.

Ein Chicklit des achtzehnten Jahrhunderts könnte man wahrscheinlich etwas respektos sagen, für die heutige Schnelligkeit manchmal sehr langatmig, ein Diagogroman habe ich irgendwo gelesen. Es wird geredet und geredet, was manchmal ein bißchen verwirrend  ist, aber immer wieder gibt es ergreifende Szenen, die erstaunlich modern und zeitnahm wirken, was wohl der Grund auch ist, daß Jane Austen  immer noch gelesen wird.

Die sieben Tage des Abraham Bogatir

Weil wir nicht mehr nach Ungarn fahren, habe ich jetzt von den Harland-Büchern, den Roman des 1925 geborenen György G. Kardos, eine DDR-Ausgabe, von 1980, die sich der Alfred wohl von seinen DDR-Besuchen mitgebracht hat, gelesen und auf den Autor bin ich schon im vorigen Jahr aufmerksam geworden, als ich die ebenfalls schon ältere “UngarnAtnhologie” bei unseren beiden Ungarn-Aufenthalten gelesen haben.

Und der Roman des Autors über den man nicht sehr viel im Netz findet, der “Wikipedia-Eintrag” ist auf Ungarisch, die DDR-Bücher scheint es nicht antiquarisch zu geben, wurden sie ja, glaube ich, 1989  in großen Stil weggeworfen oder vergraben, nur einen alten “Spiegel-Eintrag” über den Roman, der 1947während palästinesischen-israelischen Krieges in dem kleinen Dörfchen Beer-Tuvia spielt und György G. Kardos, der 1997 in Budapest gestorben ist, wurde 1944 von den Faschisten in ein Arbeitslager verschleppt. Dann wanderte er in das damalige Palästina aus, kam wieder nach Ungarn zurück, hat über seine dortigen Erlebnisse einen Roman geschrieben, der, wie im Klappentext steht, ein großer Erfolg  und in die verschiedensten Sprachen übersetzt wurde.

“Die sieben Tage des Abraham Bogatir”, sind wahrscheinlich eine biblische Anspielung, der Abraham wird auch mit dem Hiob verglichen und auf Ungarisch scheint das Buch “Abraham Bogatir Wochen” zu heißen, so wird es jedenfalls von “Google” übersetzt.

Der Abraham Bogatir ist ein alter Jude, der nach oder vor dem ersten Weltkrieg von Charkow nach Israel auswanderte und nun in dem kleinen Dörfchen eine Landwirtschaft betreibt. Er hat eine Frau, Malka, die als ziemlich zänkisch beschrieben wird und zu der  sonst so gute Abraham, so wird er im Klappentext beschrieben, manchmal ziemlich unhöflich ist.

Einen Sohn hat er während des Krieges verloren, der andere, Dan, ist darüber verrückt geworden und die Mutter leidet mit ihm, eine tüchtige Tpchter rina gibt es auch und eines Nachts läutet oder pocht es und ein Junge mit einer Pistole steht vor der Tür.

Der er wird auch als Terrorist bezeichnet, versucht sich vor den britischen Soldaten, die alles kontrollieren zu verstecken, erzählt Abraham nicht viel von dem woher und dem warum, aber der nimmt ihn bei sich auf, gibt ihm als die von der Arbeitsorganisation geschickte Aushilfe aus und Rina oder Rinele führt ihn auch in die Landwirtschaft ein.

Weil man aber doch seine Papiere sehen will, macht sich Abraham auf den Weg nach Jerusalem, um sie zu besorgen. Er wird dabei verhaftet, ständig kontrolliert und als er mit einer alten russischen Freundin, Anna, in ein Konzert  will, das noch dazu von einem Dirigtenten namens Bernstein, richtig, Leonhard, dirigiert wird und er sich dazu auch noch eine Hose kauft, kann er nicht gehen, denn es gibt eine Ausgangssperre und er muß im Hotel bleiben.

Drei Tage von den sieben dauert die Reise nach Jerusalem und zurück. Dort dringen dann die Briten in das Dörchen ein, machen eine Hausdurchsuchung, der Junge David wird im Schweinstall versteckt und dann in einen Orangenhain gebracht und von dort flüchtet er und läßt den guten Menschen Abraham, der mit allen konnte, den Beduienen, den Arabern, den Briten (nur nicht mit seiner Frau), resigniert zurück und György G. Kardos hat vermutlich seine Israel Erlebnisse in dem Buch verarbeitet, das inzwischen, so gut wie vergessen ist, in Zeiten wie diesen, wo auch sehr viel in Israel und auch woanders passiert, aber sehr interessant ist.

Voriges Jahr war Israel das Schwerpunktthema der Leipziger Messe, einen Rorman von David Grossmann habe ich auch gelesen und einen anderen gefunden und über die israelisch-palästinensiche Konflikte, habe ich vor kurzem in der “Alten Schmiede” gehört und ganz anders gelagert, ist wahrscheinlich auch Hans Weigels “Unvollendete Symphonie” zu dem Thema passend, denn da ist ja 1947 oder so, ein Jude aus dem Schweizer Exil zurückgekommen und freundet sich in dem Nachkriegs-Wien mit jungen Künstlern an, um auch eine wichtige Rolle, in diesem Fall in der Kulturvermittlung, zu spielen.

Unvollendete Symphonie

Als es 2006 zum achtzigsten Geburtstag in Wien das große Bachmann-Symposium gab, hat es am Sonntag auch eine Führung auf Bachmanns-Spuren gegeben. Ein junger Mann hat uns das Wohnhaus im dritten Bezirk gezeigt und ist mit uns zum Cafe Raimund vis a vis dem Volkstheater gefahren.

Dort hat er  von einem 1951 erschienenen Schlüßelroman von Hans Weigel erzählt, den dieser, der ja im Cafe Raimund seinen Stammtisch hatte und dort die jungen Literaturtalente förderte und den Kommunismus zu verhindern versuchte, über seine Beziehung zu der Dichterin geschrieben hat.

Da bin ich auf den Roman neugierig geworden und habe ihn als es 2010 die offenen Bücherschränke gab zu suchen angefangen, da ich Schlüßelromane ja liebe und vielleicht sogar selber solche schreibe.

Beim “Weigel-Symposium” in der “Gesellschaft für Literatur” wurde der Roman dann erwähnt, der 1991 wieder aufgelegt wurde und vor ein paar Monaten, war es schon vorigen November, habe ich das Radio aufgedreht und zwischen Tür und Angel gehört, daß der Roman wieder aufgelegt wurde.

Ich hab auch ein bißchen danach gesucht, bin aber nur auf eine “Weigel-Biografie” gestoßen und habe geglaubt, ich hätte mich verhört, bis ich dann in Leipzig, ich glaube, in der Zeitschrift “Buchkultur” oder war es eine andere österreichische Postille, daraufgekommen bin, die “Edition Atelier” hat in der von Alexander Kluy herausgegebenen Reihe “Wiener Literaturen” den Roman wieder aufgelegt.

Ich habe angefragt und herausbekommen, daß die Auflage schon fast vergriffen ist und nun das PDF gelesen, so daß ich, da E-Books ja keine” richtigen Bücher” sind, in den Schränken weiter nach den beiden früheren oder auch der neuen Ausgabe suchen werde.

Die Erstausgabe, die sich auch Hans Weigel, als er das Buch kurz vor seinem Tod 1991 wieder herausgab, ausborgen mußte, wäre natürlich schön und wie Ronja von Rönne in Leipzig auf dem “blauen Sofa” alle warnte, sich ihr Buch zu kaufen, wenn sie sich einen Skandal erwarten, muß auch ich das bei denen tun, die etwas über die Bachmann darbei lesen möchten.

In der zweiten Auflage hat Weigel ja geoutet, daß das Vorbild der weiblichen Ich-Erzählerin, eine junge Malerin, seine Kollegin Ingeborg Bachmann war und er hat wohl sicher seine Beziehung, seinen Schmerz und seine Kränkung darin aufgearbeitet, vom Leben der Bachmann, die damals noch ein junges Mädchen war, sie hat 1951, als Rundfunkredakteurin für den Sender “Rot weiß Rot” gearbeitet und dabei Drehbücher für die “Familie Floriani”, ein Buch, das ich inzwischen gefunden habe, geschrieben, bekommt man aber nichts mit.

Die “Unvollendete Symphonie” ist, denke ich vor allem und dafür würde ich das Buch empfehlen, eine der besten Schilderungen des Nachkriegswien, wo noch der Hunger herrscht, es keinen Bohnenkaffee gibt, man mit Marken bezahlen muß und alle in den Straßenbahnen rauchten, wenn sie am Schmarzmarkt Zigaretten ergatterten, obwohl das verboten war.

Das Interessante daran ist auch, daß Weigel, wie er 1991 in seinen Nachwort schrieb, sich das Experiment leistete, aus der Perspektive einer weiblichen Ich-Erzählerin zu schreiben und so tauchen wir in das Nachkriegswien des Hungers und des gerade Überlebt habens, in die Zeit nach 1945, wo, die Ich-Erzählerin gerade zum Studium nach Wien gekommen ist, in einem kalten Zimmer lebt und bei Freunden den älteren Peter Taussig kennenlernte, der von Zürich  nach Wien zurückgekommen ist.

Denn er ist Jude und mußte, wie Weigel in die Schweiz emigrieren und die Freunde fragten ihn auch, ob er verrückt ist, wieder zurückzukommen?

Er kann aber nicht anders, er ist ein echter Wiener, wie man auch an der Stelle merken kann, wo es einen Exkurs über das Wienerlied “Erst wenns aus wirds sein” gibt und ich kann nicht verhehlen, daß ich, die ich,  Weigel bisher für einen eher mittelmäßigen Schriftsteller “Den grünen Stern” und “Niemandsland” habe gelesen, gehalten habe, beeindruckt von seinen hervorragenden Schilderungen des Nachkriegswien, sowie seines  lockeren Plauderton war. Aber es schreibt ja die junge, irgendwo habe ich “naive” Frau gelesen und so schildert Weigel die, die später berühmt geworden ist, auch, weshalb ich auch glaube, daß sie nicht zu erkennen ist.

Denn Hans Weigels Ich-Erzählerin kommt nach Wien, fängt zu studieren kann, verliebt sich in den Älteren, irrt tagelang durch Wien herum und als sie sich zufällig wiedertreffen, er springt von der Straßenbahn und rennt ihr nach, wird es kompliziert, denn sie hat eine Verabredeung und was macht man jetzt?

Handys hat es noch keine gegeben, nur “Telephonzellen” ohne “Telephonbücher” und als man doch eines findet, ist keiner zu Haus. Man nimmt ein Stück Papier, schreibt eine Nachricht und drückt es einen Passanten mit einer Schachtel Zigaretten in die Hand.

“Sie können den Brief auch wegwerfen, aber wenn Sie mir Morgen eine Empfangsbestätigung bringen, bekommen Sie noch eine!”

Das habe ich noch nie so gelesen und die Erzählerin beschreibt auch ausführlich, wie sich alle damals nach Zigaretten und Kaffe sehnten, die neben Brot und Butter das wichtigste Lebensmittel waren.

Der Peter Taussig ist auch ein reicher Mann und er fördert “seine Damen” auch mit Geschenken aus Paketen, die er aus aller Welt bekommt. Und weil er beiläufig von “seinen Damen” spricht, muß sie sich auch “Herren” zulegen. Obwohl so  arg ist es nicht damit, erst später wird es schwierig, als sie einen chaotischen jungen Wilden, Lyriker und Prosaschreiber kennenlernt und ihn in ihrem Zimmer schlafen läßt, weil sie ja die meiste Zeit bei Peter in der Gumpendorferstraße ist.

Sie schreibt ihren Bericht  aus den Fünzigerjahren zurück und reflektiert dabei ihre Beziehung zu Peter, wo sie mit ihm durch die Cafehäuser und die Heurigen zieht, auch nach Salzburg und nach Zürich fährt, wo er seine Verwandten und Freunde hat, die sie, die Tochter eines NSDAP-Mitglieds, die natürlich beim BDM war, mißtrauisch mustern und nach ihrer Gesinnung fragen und sie erst in ihren Kreis aufnehmen, als sie ein “Dirndl” ablehnt, das ihr eine Emigrantin schenken will, weil das “narzistisch” war.

Die “Unvollendete Symphonie” endet, als sie sich ihm entfremdet und verläßt. In dem Buch heißt es, daß sie wohl erst dann vollendet ist, wenn der Verfasser stirbt. Die Bachmann hat Weigel wohl wegen Paul Celan, dem chaotischen Dichter verlassen, mit dem sie auch nicht glücklich geworden ist und ist 1953 nach Rom gegangen.

Weigel hat zu dieser Zeit noch einmal geheiratet und später mit Elfriede Ott zusammengelebt, die er kurz vor seinem Tod geheiratet hat und ich weiß jetzt nicht mehr über die Bachmann, als ich schon früher wußte, aber mehr über dieses Nachkriegs-Wien, in das ich ja zwei Jahre nach Erscheinen der Erstauflage geboren bin und auch, daß Hans Weigel, den ich bisher für einen eher konservativen Kritiker und Brecht-Verhinderer hielt und ihn 1987 im NIG an der Seite, des oder viellecht noch der Schutting gesehen habe, als die GAV zu einer großen Anti Waldheim-Lesung aufgerufen hat, an der ich mich auch beteiligt habe, vielleicht doch ein hervorragender Schriftsteller, wenn wahrscheinlich auch, nicht leicht zu handhabender Mann war.

Schneewittchen muss sterben

Nach Leipzig habe ich mir ein Buch von meiner Leseliste mitgenommen. Nämlich Nele Neuhaus, 2010 erschienenes “Schneewittchen muß sterben”, ein Fund aus dem Bücherschrank und der, ich glaube, vierte Roman, der in Münster/Westfalen, geborenen Autorin ist sehr interessant, sind ihre Bücher doch zuerst in einem Eigenverlag erschienen, bevor zu Zeiten, wo man noch immer hörte, daß man das um keinen Umstände darf, “Ullstein” entdeckte. Das Buch wurde verfilmt, ist in, ich weiß nicht, wieviele Sprachen, ich Leipzig konnte ich das auf einer Fachkonferzenz von einer “Lizenzmanagerin” hören, übersetzt und es sind auch noch andere Erfolgsbücher gefolgt. Auf der Buch-Wien habe ich die Autorin, glaube ich, auch einmal gesehen.

“Schneewittchen muß sterben” ist ein “Taunus-Krimi” mit dem Ermittlerteam Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein und der Taunus liegt, glaube ich, eher in der Nähe von Frankfurt, als in Sachsen, wo ich es gelesen habe, das Buch war aber trotzdem sehr interessant und die über fünfhundert Seiten haben auch sehr langsam und bedächtig begonnen.

Einen Trailer habe ich, vor Jahren, als das Buch auf allen Blogs besprochen wurde,  auch schon gehört und hatte so  eine ungefähre Vorstellung.

Es beginnt  mit einem Prolog, da besucht einer, das Schneewittchen, das irgendwo aufgebart liegt und dann erfährt man, in einem Dörfchen im Taunus wurden vor elf Jahren zwei junge Mädchen ermordet.

Der Täter, ein zwanzigjähriger namens Tobias Sartorius wurde zu zehn Jahren verurteilt und jetzt entlassen. Er wird von  einer inzwischen berühmten Schauspielerin, damals seine Schulkollegein Nadja oder Nathalie, vom Gefängnis abgeholt, die sich rührend um ihn kümmert.

Er will aber heim zu seinem Vater, dessen damals gutgehendes Gasthaus nicht mehr besteht, die Ehe wurde auch geschieden und die Mutter erfährt man, wird von jemanden über eine Brücke gestoßen.

Die Ereignisse übersützen sich also doch, denn Tobias ist in dem Dörfchen nicht willkommen, ein paar Schlägertypen lauern ihm auf, nur Amelie, das ist ein junges Mädchen, das dem Schneewittchen Stefanie Schneeberger, eines der damaligen Mordopfer, sehr ähnlich sieht, das aus Berlin zu ihrem Vater geschickt wurde, und abends kellnert, interessiert sich für ihn, bezeihungsweise interessiert sich für sieder Autist Thies, das ist der Sohn von Claudius Terlinden, dem in dem Dorf alles gehört, auch das ehemalige Gasthaus von Tobias Vater, der kümmert sich auch um Tobias und bietet ihm eine Stelle an.

Nach und nach kommen noch ein paar andere Personen vor, eine Ärtzin namens Daniela Lauterbach, die ist mit dem jetzigen Kultusmiinster, der damals der Lehrer von Tobias, Stefanie und Laura, das ist da sandere Mordopfer, war,  vor, beziehungsweise Lars Terlinden, das ist der andere Sohn von Claudius Terlinden, ein Banker, der wegen der Bankkrise in Schwierigkeiten gerät und sich umbringt und langsam beginnt man sich auszzukennen.

Die Mutter von Tobias wird, wie schon beschrieben von der Brücke gestoßen und liegt verletzt im Krankenhaus, so daß Pia Kirchhof und Olifer von Bedenstein zu ermitteln beginnen. Die haben aber selber eine Menge Probleme, wird der Kommissar doch von seiner Frau Cosima betrogen und flippt zeitweilig aus und einer der anderen Polizisten, hat einen Nebenjob und erhält ein Disziplinarverfahren.

Tobias wird zusammengeschlagen und Lauras Leiche taucht auf, so daß Pia Kirchoff an seiner Schuld zu zweifeln beginnt, sie geht die alten Akten durch, aber die, mit der Aussage des ehemaligen Lehrers und jetzigen Ministers, der inzwischen erpresst wird, sind verschwunden und der Autist Thies, zeigt Amelie eine Menge Bilder und sagt, sie soll sie verstecken, sie verrät das Tobias, dann verschwindet sie und Tobias gerät wieder unter Mordverdacht.

Thies beginnt zu randalieren und kommt auf die Psychiatrie, dann verschwindet auch er, dafür wird die Mumie von Schneewittchen entdeckt und es stellt sich langsam heraus, daß das ganze dorf Dreck am Stecken hat und von Tobias Unschuld wußte. Claudius Terlinden hat Laura vergewaltigt, die von drei Burschen noch lebend in eine Grube geworfen wurde und die Ärztin, die sich so scheinbar um alles kümmert, hat Thies jahrelang falsch behandelt, damit er, der alles gesehen hat, nichts verrät.

Am Ende klärt sich alles auf und Amelie und Thies werden noch aus einem Keller gerettet, als ihnen das Wasser schon bis zum Halse steht. Es kommt noch ein Testament zum Vorschein, so daß Tobias dessen Unschuld nun bewiesen ist, noch einmal von vorn beginnen kann und das können auch Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein, die inzwischen wahrscheinlich schon weiter ermittelt und andere Fälle aufgeklärt haben.

Ein vielleicht ein wenig langatmiger Krimis, der auch einige Klischees bedient, denn soviele Reiche und Schöne wird es in dem kleinen Dörfchen im Taunus normalerweise nicht geben. Es ist aber durchaus spannend geschrieben, aktuelle Themen, wie beispielsweise, das mit dem falsch behandelten und mit Medikamenten zugeschütteten Autisten, werden angeschnitten und wurden offenbar auch sehr genau recherchiert.

Spannend auch von Nele Neuhaus Erfolg zu hören, denn inzwischen gibt es in Leipzig und in Frankfurt ja ganze Selfpublisher Halle, auch wenn alle, die ihr Buch zuerst selbst verlegen, höchstwahrscheinlich nicht so erfolgreich werden, ist sie doch ein gutes Beispiel, daß man seine Bücher auch selber machen kann und ich bin nun gespannt, ob ich noch etwas von ihr lesen oder über sie hören werde.