Lyrik Session II

Nach einem Tag intensiver Textkorrekturen, kam am Morgen eine Überraschung, nämlich ein Gewinn zu einem Gewinnspiel, an das ich mich kaum mehr erinnern kann. Aber natürlich habe ich “Compliment – Magazin für Frauen, das ich auf der Buch-Wien probeweise abonniert habe, ein Mail geschrieben, daß ich gern eins von Erika Pluhars handsiginierten “Späten Tagebüchern” gewinnen will und offensichtlich Glück gehabt.
Bezüglich meines Lyrik Trips bin ich am Vormittag darauf gekommen, daß ich noch zwei weitere Otto Müller Lyrikbände liegen habe und zwar Ingram Hartingers “Unwirsch das Herz” und “Amaganset”, das ist auch ein GAV-Kollege, zwar schon 1949 in Saalfelden geboren, dafür Psychologe und ist bei der GAV-Vollversammlung in Graz vor zwei Jahren auf mich zugekommen und hat mir die Bücher in die Hand gedrückt und etwas von “schuldig sein”, gemurmelt, das ich erst gar nicht verstanden habe. Dann ist mir eingefallen, daß er, als die “Hierarchien” erschienen sind, ein Rezensionsexemplar haben wollte und dann ist keine Rezension erschienen. Ingram Hartinger hat bei die damalige Vollversammlung, wenn ich mich nicht irre, verärgert verlassen und ich habe vor kurzen seinen Bericht über “Triest und Basaglia” im Radio gehört und bin sicher, daß seine Gedichte zu Stephan Eibel Erzberg und Rolf Schwendter passen, habe es aber nicht geschafft, sie zu lesen und muß wohl eine dritte, vierte, fünfte Lyrik Session anhängen.
Zuerst aber zu Stefan Eibel Erzberg, der mir seine “Luxusgedichte” zum vorigen Geburtstag gebracht hat. Ich kenn den 1953 in Eisenerz geborenen schon lang. Er ist immer sehr nett zu mir und wir führen manchmal rege Maildiskussionen. Ich hab in meinem Blog schon viel über ihn geschrieben, war im Vorjahr bei seiner Lesung in der alten Schmiede, habe “Sofort verhaften” besprochen, kenne ihn als kritischen Menschen und politischen Aktivisten.
“Seine Aktionen und Manifeste sind sehr bekannt!”, schreibt Christoph Zielinski im Vorwort der “Gedichte zum Nachbeten”.
Beide Bände sind beeindruckend. Die “Gedichte zum Nachbeten ein lyrisches Tagebuch, das Stephan Eibel Erzberg seit 1999 führt und vom 4. 10. 1999 bis Oktober 2006 immer wieder lyrische Einträge macht. Die Geburt seiner Tochter Marlene kommt darin vor, es gibt auch ein Bild von ihr, wie sie in den Kindergarten geht und eines von Gattin Bettina und ihm selbst mit offenbar blonder Perücke.
Mit “Ich sitz – seit 1953 im zug der zeit und will applaus applaus applaus” geht es los, dann werden einige, nicht alle politische, familiäre und literische Ereignisse erwähnt. So wird am 1.1.2000 das “Aufenthaltsgesetz erwähnt, daß die Zuwanderung nach Österreich regelt”, die nächste Eintragung kommt aber erst am 2. 5. “Ich bewundere den holunder und grüß meine füß” und nichts von “Widerstand, Widerstand!”, was mich bei einem etwas wundert, der als das Buch 2008, im Tag für Tag vorgestellt wurde, eine Klage der F-Partei bekommen hat.
Am 4. 12. 2000 hat H.C. Artmann aufgehört zu atmen und die Gedichte von ernstn jandl kommen vor “wenn ich mich an kein einziges Buch vom ernstn jandl erinnern kann und nicht schlaf, dann bin ich auch eine leich aber eine die ernstn jandl viel und so gern gelesen hat”
Und immer wieder Gedichte von und für die Tochter Hannah und das von 2003 von “sechziger jahr dusaujud – siebziger jahr dusautschusch – achtziger jahr duschatzerldu – gegenwart dusauneger”, was offensichtlich im Rundfunk den Unmut der alten Herrn erregte.
Christoph Zielinski reiht Stephan Eibel Erzberg Zeit irgendwo zwischen Helmut Qualtinger, Heinrich Heine und Bert Brecht ein und spricht von der Sehnsucht nach längst aufgegebener Gerechtigkeit, die merkt man den Gedichten stark an und und ist auch in den “Luxusgedichten” zu finden, die mich vielleicht noch mehr beeindruckt haben. Ein sehr starker Gedichtzyklus mit einer starken Originalität
“zuerst ist einmal der wunsch mit der heirat erfüllt – super – dann ist der herr abteilungsleiter geworden – super – deine frau ist an der spitze einer größereren firma – super und dann erschießen sich alle – super” Das sind Ausschnitte des Luxusgedicht Nummer eins und so geht es durch das Buch in allen Varianten.
“morgen hast du drei wichtige termine- schön – du kannst nicht einschlafen – sehr gut – und dann kommt aus dem radio – let it be” und so weiter und so fort.
Dazwischen gibt es ein paar autobiografisch scheinende Dialektgedichte und man weiß sehr viel oder vielleicht auch gar nichts über Stephan Eibel Erzberg, der ja abgesehen von der Klage der F durch einige Aktionen aufgefallen ist.
Nach den GVs der GAV war es füher üblich von der Stadt Wien zu einem Essen eingeladen zu werden, ich war nie dort, denn als ich 1987 aufgenommen worde, hat Stephan Eibel Erzberg angedroht, Obdachlose mitzubringen, so daß die Veranstaltung abgesagt wurde und dann gab es noch die ORF Aktion, die im fröhlichen Wohnzimmer dokumentiert wurde, da verlangte Stephan Eibel, daß bevor er gesendet wird, seinen Texten eine Erklärung vorangestellt werden muß, daß sich der ORF von sovielen Dingen distanziert, daß er dann wahrscheinlich nie mehr gesendet werden könnte.
“Amüsiert verzweifelt!”, wie es Christoph Zielinski im Vorwort der “Gedichte zum Nachbeten” nennt, jetzt habe ich schon länger von Stephan Eibel Erzberg nichts mehr gehört, die Gedichte sind aber sehr zu empfehlen. Dann hab ich mir noch Rolf Schwendters “Drizzling Fifties” in die Badewanne mitgenommen, daß ich im November bei der Buchlandung Landstraße in der Ein-Euro Kiste gefunden habe und den 1939 geborenen Subkulturforscher, derzeitigen GAV-Präsidenten und Lestheatergründer und seine politschen Gesänge kenne ich auch schon lang.
Der 1996 bei Deuticke erschienene Gedichtband ist ein Streifzug in zweiundfünzig Gesängen durch die sprühenden Fünzigerjahre und das ist für eine 1953 geborene sicher interessant, auch wenn ich nicht alle Anspielungen verstanden habe und mir die Anmerkungen fehlen, an denen ich mich orientieren hätte können, passt es zu den anderen Lyrikern, die ja alle in den Fünfzigerjahren geboren sind und so habe ich die Lektüre sehr genossen und etwas Erfreuliches ist noch zu vermelden, hat mir doch Janko Ferk gemailt, daß sich das Literaturhaus auf die Besprechung von “Sophie Hungers Krisenwelt” freut, weil es Sabine Schuster für ein aktuelles Buch hält.

Lyrik-Bade-Session

Nachdem ich schon lang die verschiedensten Gedichtbände vom Regal ins Badezimmer und wieder zurückräume, habe ich mich nach den beiden Lyrik im März Veranstaltungen entschlossen, die Gedichte, die ich sammle, nun endlich auch zu lesen und habe gestern mit Axel Karners bei Wieser erschienenen Lyrikbädchen “Die Stachel des Rosenkranzes – Lissabonner Gedichte” begonnen. Den 1955 in Kärnten geborenen GAV-Kollegen, der in Wien als Religionslehrer lebt, sehe ich immer bei den Poet-Nächten, bei der Freiheit des Wortes hat er regelmäßig gelesen und schickt mir auch getreulich die Einladungen zu seinen Lesungen. So habe ich vorige Woche auch die Vorstellung seines neuen Gedichtbandes “Chanson grillee”, der ebenfalls bei Wieser erscheinen soll, gehört. Die “Lissabonner Gedichte” sind kurze Spaziergänge durch die leere Stadt, wie man vielleicht sagen könnte. Mit einem Vorwort von Jose Saramago wird man gleich in die Spaziergänge hineingestürzt, von denen ich gar nicht weiß, ob sie wirklich stattgefunden haben. Ich war noch nie in Lissabonn, jetzt weiß ich einiges von den jubelnden Krüppeln der avenida liberdale, von den Salzrändern auf dem Vorplatz und der Brücke zwischen dem Abgrund und “unter den Stacheln des Rosenkranzes schläft das Meer.”
Ganz schnell habe ich in kleinen Happen die Kurzimpressionen in mich eingesaugt und bin auf den Geschmack gekommen. So habe ich nach meiner letzten Stunde noch mehr Lyrikbände in das Badezimmer geräumt, um mich für vier GAV-Kollegen zu entscheiden. Alles Männer, alle in den Fünfzigerjahren geboren, alles Täusche und Geschenke.
O. P. Ziers Buch, das ich schon lange lesen wollte und das dem Autor auch immer wieder ankündige, stammt noch von einem der Büchertürme. Aber da ist mir als nächstes Franz Hütterers “Glücks-Schläge” in die Hand gekommen, eines der Podium-Grasl Bändchen, das ich bei einem Tag der Freiheit des Wortes mit den 1954 in Payerbach geborenen Autor tauschte und irgendwie vergessen habe. Franz Hütterer nicht, denn den sehe ich immer beim Lesetheater und früher bei den Wilden Worten. Jetzt bin ich ihm bei der Lyrik im März begegnet und auf seine Bärenpost gestoßen. Dadurch ergab sich sich über Ostern ein reger Blogkontakt. Jetzt ist Franz Hütterer auf Kur und die 1999 erschienenen Gedichte, haben mich, als ich sie vorhin in die Hand genommen habe, überrascht. Denn sie handeln von der Psychiatrie, die mir ja auch vertraut ist, von 5 A sogar und da habe ich vor Jahren meine Freundin Elfi besucht und ein bißchen später in der “Dora Faust” darüber geschrieben.
“zwischen zwei warten am Gang vor dem Stützpunkt der tischtennistisch”
“eingehüllt in die segnungen der psychiatrie schwebst du zwischen nichtwollen und nichtkönnen und alle versichern dir, daß dir nun nichts mehr passieren kann, welch eine drohung!”
Sehr starke, sehr politisch, sehr realistisch. Auch die “Kindheitserinnerungen” und dann geht es natürlich um “Liebe und andere Katastrophen.
“wenn dein lachen die depression zum teufel jagt, wird die freude wenig worte brauchen.”
Dann kommt der Vorsatz 362: “lesen was kommt schreiben was geht lieben vielleicht” und da bin ich schon bei Dietmar Füssels “Unterwegs”, dem Bändchen, das ich vorigen November bei seinem monatlichen Gewinnspiel, an dem ich mich so eifrig beteilige, gewonnen habe. Am Tag meines Gebutstagsfest ist es gekommen, ich habe es weggelegt und erst heute den beigelegten Zettel gelesen, daß mir Dietmar Füssel, da es sich um sehr ernste Gedichte handelt, diesmal nicht viel Freude beim Lesen wünscht. Die hatte ich auch nicht, aber schon Franz Hütterers beeindruckende Lebens- und Sozialkritik gelesen und so wurde es wieder poetischer, denn das sind die Texte, des 1958 in Wels geborenen Schriftsteller und Bibliotheksangestellten wohl.
Es geht in kurzen Sätzen, um das gesamte Leben und die hilflosen Versuche darin zu recht zu kommen und so bin ich nach den Lissabonner Impressionen mit Dietmar Füssel im ganzen Leben unterwegs gewesen , um mich am Schluß mit O. P. Ziers “Vom Diesseits der Wünsche ins Jenseits ihrer Erfüllung” zu begeben.
“Das sind starke Gedichte!”, hat mir der 1954 geborene O. P. Zier im Februar gesagt, als ich ihn bei den IG Autoren darauf angesprochen habe.
Erstaunlich poetisch, weiß ich ja, daß O. P. Zier auch dicke Krimis schreibt, wo ganze Skandalwelten aufgedeckt werden, hier geht es aber auch um viel. Bei der Bilanzbuchhaltung, Abendkurs um das stille Flitterlicht, den unmaskierten Frühling, den Spätherbst in der Sonderausgabe und dann noch die gefährliche Drohung im poetischen GegenLicht “Wenn du Hackfleisch aus mir machts, mache ich aus dir ein Gedicht!”
Aber auch Dietmar Füssel dichtet vom Schreiben, wenn auch nicht so positiv “Tausche Tinte gegen Armut zahle den höchsten Preis verkaufe Freiheit für Papier verstehe selbst nicht warum” und auf einer anderen Seite “Du bist das Letzte vom Allerletzten, kurzum du bist ein Künstler!”
So pessimistisch sehe ich das nicht, es ist aber für eine, die keine Gedichte schreibt und gern dicke Romane liest, sehr beeindruckend zu sehen, daß man alles auch in knappen Worten sagen kann.
Vier Gedichtbände an einem Abend, eine spannende Begegnung mit vier GAV-Kollegen. Rolf Schwendter und Stephan Eibel Erzberg habe ich noch liegen lassen. Waltraud Seidlhofers “Boote in den Museen” dazugeholt. Es ist ja sehr beeindruckend in die Welten der GAV Kollegen einzutauchen und beim schnellen Drüberlesen sehr viel mitzunehmen.

Meine Welt: hier war immer schon jetzt

Die Textvorstellungen mit Angelika Reitzer tragen immer das Thema Welt im Titel.
“Die Welt hat ihre Erinnerung verloren”, im Februar und “Die Welt ist überall anders”, im Dezember 2009. Heute hieß es “Meine Welt: war immer schon jetzt” und Angelika Reitzer hat, wie immer die neuen Sprachtalente zusammengesammelt und ihre Lesungen mit einem poetischen Essay eingeleitet.
Heute waren die vier Ausgewählten besonders interessant, zwei habe ich noch nicht gekannt, während mir Sandra Gugic durch den Exilliteraturpreis und Martin Fritz durch den FM4 Wettbewerb ein Begriff sind und Roman Marchel habe ich vielleicht beim Siemens Literaturpreis kennengelernt, aber da kann ich mich nicht mehr erinnern und die Anthologie habe ich auch nicht.
Es begann aber ohnehin mit der 1983, geborenen Felizitas Ferder und von der, habe ich noch nichts gehört. Der Text der jungen Frau war aber sehr interessant und richtig, außer dem etwas sperrigen Titel gab es auch ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch dieTexte zog, nämlich Familienbeziehungen, beziehungsweise das Heimatthema.
So hieß Felizitas Ferders Text “Der letzte Fischer”. Sie hat ihn, wie sie erzählte, für einen Kurzgeschichtenwettbewerb geschrieben und weil, sie nicht recht wußte, wie sie das machen sollte, hat sie einen Text über das Kurzgeschichtenschreiben an Hand der Beziehung eines Sohnes zu seinem Vater, geschrieben, der offenbar dessen Wohnung ausräumt und sich an ihn erinnert. Der Vater war ein Dichter bzw. Geschichtenschreiber und hat dem Sohn auch fortwährend solche erzählt.
“Die perfekte Geschichte, hast du immer gesagt, hat einen Anfang, eine überraschende Wendung und einen Schluß!”
Dazwischen rollt das Leben ab. Zeigt der Vater dem Vierjährigen ein Buch, in dem eine Widmung an den Sohn geschrieben steht, erzählt die vergleichende Literaturwissenschaft studiert habende Mutter, daß es in den Geschichten niemals um Wahrheit geht, vorher geht es um um die Geliebten des Ich-Erzählers und unterstellt der Vater, daß der Sohn das Koks in den Keller schmuggelte, das die Mutter dort fand und sich deshalb scheiden ließ.
Ein raffinierter Schreibwokshop, solche Erzählungen faszinieren mich ja immer und der bewußte Siemens- Preisgewinner erzählte in “Mein Zuhause im Hornissenbaum” vom Glück einer perfekten Familie. Da geht es um ein Paar, das sich ein Knusperhäuschen kauft, dort ein paar Jahre in der Küche duscht, im Freien die Mahlzeiten einnimmt, zwei Kinder bekommt und weil sich die Mutter weigert, die kaputte Ulme zu fällen, zerstört die das Fenster des Zimmers des Sohnes und der wird noch von den Hornissen gestochen, liegt auf der Intensivstation, wo ihn die Schwester in ihrer Panik wieder in das Leben und in die Familie hineinholen will. So kann man glückliche Familien auch beschreiben. Man kann seine Kindheitserinnerungen aber auch als Identitätssuche ausdrücken.
“Sprache ist Heimat”, hat die aus einer serbischen Familie stammenden, 1976 in Wien geborene, Sandra Gugic 2008 im Interview bezüglich des Exil-Literaturpreises, gesagt und in “Mutterland und Vaterzunge”, schildert sie eine junge Frau, die im Auto, die Cassetten eines Serbisch-Sprachkurses hört, um sich die Sprache einzuprägen, die sie zwar versteht, aber nicht mehr spricht, während sie zu ihren Eltern zum Essen fährt, die nicht verstehen, warum ihre Kinder in der Welt herumreisen wollen, statt eine Familie mit Enkelkindern zu gründen. Die junge Frau, will aber, wie ihr Bruder nach Belgrad fahren, um sich das Vaterland oder was auch immer anzusehen, während die Eltern in der zweiten größeren Wiener Wohnung nach dem Mittagessen streiten.
Dann kam Martin Fritz, der heurige Gewinner des Rauriser Förderungspreises und Juror des neuen FM4 Wettbewerbes mit einem nicht zur Gänze passenden Text, mit dem er aber, wenn ich es richtig verstanden habe, in Rauris gewonnen hat und zwar geht es in “Hier war jetzt”, woraus sich auch der Veranstaltungstitel zusammensetzt, um einen Monolog, den der Ich-Erzähler mit seinem Freund Stefan und seiner Freundin Britta erlebt. Zwar liegt er mit Britta auch im Bett der verstorbenen Großmutter und in der Küche liegen Bettina von Arnims romantische Schriften, während es im Gespräch der Beiden, um die Popkultur oder was immer man in den Zweitausendzehnerjahren in Studentenwohnungen hört, geht und beim Kaffeeautomaten in der Uni hat Stefan den Erzähler mit dem Satz “Haben alles falsch gemacht…!”, zudröhnt und dann in einer Endlosspirale die Namen von Thomas Bernhard bis ingeborg Bachmann ect… aufgezählt.
“Doris Mitterbacher ist ausgenommen!”, hat Martin Fritz hinzugefügt, denn die saß im Publikum unter wieder sehr viel jungen Leuten, bei denen, wenn ich mich nicht irre, auch Studenten des Hochschullehrgangs für Sprachkunst waren.
Zumindest hörte ich Sandra Gugic einem jungen Mann, der später neben mir saß, etwas von der nächsten Veranstaltung mit Sabine Scholl zuflüstern und das führt mich von den Textvorstellungen zu den Vermutungen bezüglich der neuen Bachmannpreisleser.
Da wird die Leseliste zwar erst Ende Mai bekanntgegeben, ein bißchen kann man aber schon darüber spekulieren, wer die vier ausgewählten Österreicher und Österreicherinnen sein werden?
Sandra Gugic, Martin Fritz, vielleicht auch Felicitas Ferder sein oder etwas bekannter Katharina Tiwald, Reinhard Kaiser-Mühlecker, Andrea Stift, Cornelia Travnicek, Andreas Unterweger, Sehe Cakir, Mieze Medusa, Anna Weidenholzer oder die letzte Rauris Preisträgerin Julya Rabinowich?
Mal sehen, ich bin ja bekanntlich nicht sehr gut im Schätzen und habe mich bei meinen bisherigen Versuchen immer geirrt und bei den deutschen Bewerbern muß ich überhaupt passen, da mir außer Sebastian Keller und Finn-Ole Heinrich keine Namen einfallen, die in Frage kommen, weil ich die deutschen Dichter und Dichterinnen erst wahrnehme, wenn sie in Klagenfurt gelesen haben, was auch für die Schweizer gilt.

Möchtegern

Milena Mosers “Möchtegern” ist ein Buch, das zu mir und meinem Blog passt, ein Buch über eine sogenannte literarische Castingshow, dem Schreiben, dem Literaturbetrieb ect.
Ich habe das Buch im Literaturgeflüster, nachdem ich die Ankündigung und die Schreibübungen dazu, bei www.literaturcafe.de gefunden habe, schon ein paar Mal erwähnt. Lillyberry und leselustfrust haben es auf ihren Seiten besprochen, so daß ich es mir wünschte, als mir Alfred sagte, daß ich mir von dem Amazon Gutschein, den er für ein Marketinginterview bekommen hat, etwas aussuchen kann.
Ein Buch über den Literaturbetrieb ist für mich ja sehr faszinierend und es beginnt auch gleich auf diese Weise:
“Sie wollten alle dasselbe!”, nämlich schreiben, die Möchtegerns oder “wannabes”, wie es im Buch geschrieben wird und so wird auf den ersten Seiten, auch die Szene geschildert, wo sich einige der Möchtegernautoren mit ihren Laptops, Notizbüchern, Schreibratgebern ect. in eine Starbucks-Filiale setzen und die zufällig vorübergehende Frau, wird in vierzig Geschichten vorkommen, so daß der Fernsehsender auf die Idee kommt, in einer SchreibFabrik, den neuen Schreibstar zu suchen und die gerade ins Klimatkterium gekommene Autorin Mimosa Mein, die mit achtzehn durch einen skandalösen Bestseller berühmt geworden ist, aber schon jahrelang kein Buch mehr veröffentlicht hat, für die Jury zu verpflichten.
Da Milena Moser eine Welt beschreibt, wo jede Hausfrau, Putzfrau, Schwiegermutter ect. einen eigenen Roman in der Nachttischlade liegen hat, melden sich Tausende, um berühmt zu werden. Hundert Manuskripte bekommen die Jurymitglieder aus denen zuerst zwanzig, dann zehn für die Show ausgewählt werden. Fünf gute und fünf schlechte Schreiber, damit das Publikum auch was zu Lachen hat. Jury und Teilnehmer müssen Knebelverträge unterschreiben, die Jury hat, wie es scheint, bei der Allmacht des Fernsehsenders gar nicht soviel mitzureden, denn die Gewinnerin steht schon von vornherein fest und der Umgangston zwischen den Jurymitgliedern ist öd und rauh. Trotzdem sagt Mimosa Mein, die in einem kleinen Dorf mit ihrer Freundin und Agentin lebt, von ihr und der Putzfrau Czerny gehörig herumkommandiert wird und jahrelang nicht das Haus verlassen hat, sondern sich die Post von der Putzfrau und das Essen vom Döner King bringen läßt, zu und gerät ab da in eine turbulente Liebe und andere Turbulenzen.
Einen breiten Raum nimmt die Beschreibung der “wannabes” ein, drei werden zum Beispiel von der Therapeutin Dr. Caprez zu dem Wettbewerb geschickt und fliegen als erstes wieder hinaus. Anita Hubli-Giezendanner, die Hausfrau, deren Mann sie schon lang mit seiner Sekretärin betrügt und deren Tochter Caroline, Mamis Auftritt beim Fernsehen peinlich findet, soll zuerst gar nicht aufgenommen werden und verdankt ihre Aufnahme Mimosas Kompromißbereitschaft, die die Teilnehmer, obwohl es ihr verboten ist, mit “Meine Lieben!”, anspricht und selbst an den schlechtesten Texten noch etwas Gutes findet. Mimosa wird auch in dem Buch mit dem ihre Putzfrau, eine unterwartete Karriere macht, als die “Frau, die nichts taugt”, bezeichnet, obwohl sie mit ihrem Briefträger lange Gespräche führt und von diesen, als der sich nach seiner Pensionierung eine Frau aus Asien holt, zur Trauzeugin auserkoren und gibt der Castingshow durch ihre Intuition auch ein jehe Wende, aber das ist nicht nur ihr Verdienst, sondern wurde von Iris Hasenfratz so inszeniert, die eigentlich als Schreibstar auserkoren war.
Aber vorerst bekommt Mimosa seltsame anonyme Manuskripte, in denen sie die Sprache ihrer Jugendliebe, des Aufdeckungsungsjournalisten HaGe Krieg erkennt, der allerdings vor Jahren Selbstmord begangen hat, die sie in die Geschichte eines Lügners einführt und das Schreibcamp beginnt.
Zehn Kanditaten ziehen in die Schlafsäle, fünf Männer und fünf Frauen, werden ununderbrochen gefilmt und bekommen Schreibaufgaben, nach denen immer zwei hinausgeschmissen werden und dann Karriere machen.
Das Buch ist flott dahingeschrieben, die Biografie Mimosa Meins überladen und klingt nach einem Frauenroman und, als besondere Ironie des Schicksals, heißt der Sexroman mit dem sie mit achtzehn berühmt geworden ist, auch noch “Roadkill” und erzählt ironisch und dann auch wieder liebevoll viel aus der Welt der Schreiberlinge. Im Gegensatz zu Leselustfrust, die das Buch am Anfang spannend, dann eher langwierig findet, erging es mir umgekehrt.
Mit Beginn des Schreibecamps fand ich es faszinierend, die Rahmenhandlung, Mimosas Biografie, ihre Liebhaber und auch die konstruierte Krimihandlung mit dem Schlagersänger Nico und Ha Ge Krieg, haben mich nicht so vom Sessel gerissen, eher die sozialkritischen Episoden, die Stellen mit der Psychotherapeutin, die ihre Klienten zu dem Camp schickt natürlich, die Person des Briefträgers Müller, Frau Czerny und auch die Stelle im Frisiersalon, wo die Damen und die Schwiegermütter ihre Romane aus den Taschen ziehen, weil alle dasselbe wollen und das stimmt ja auch, zumindestens für die Klienten einer Schreibwerkstatt und das Buch endet damit, daß Mimosa eine Schreibwerkstatt gründet und ist auch Milena Mosers Schreibgruppe gewidmet.
Für einen Teil der Menschen, ist das Schreiben sicher wichtig, wenn man wirklich einen solchen Wettbewerb ausschreiben würde, würden sich wahrscheinlich auch tausend “wannabes” melden, die dann auf einen oder zwei zu reduzieren, finde ich sehr problematisch, wie alle wissen, die meinen Blog regelmäßig lesen, da vertrete ich die Position von Mimosa Mein, die am liebsten alle gewinnen lassen will.
Im Buch gibt es immer wieder leere Seiten, wo man seine eigenen Schreibübungen machen und wenn man so will, den Roman um oder weiterschreiben kann. Bestimmt ein interessantes Buch, das die, die nur das eine wollen, verschlingen werden.
Daß es bei uns keine solche SchreibFabrik gibt, finde ich gut, eine solche Sendung würde wohl auch kein Quotenhit werden. Es gibt aber etwas Ähnliches, wenn auch auf einem etwas anderen Niveau und das rückt bald näher. Ende Mai werden ja die Namen der vierzehn Glücklichen bekanntgegeben, die um den heurigen Bachmannpreis lesen dürfen und das Klagenfurter Wettlesen kommt in dem Buch auch an einer Stelle vor.
Und ich hab nach einigen eher mühsamen Diskussionen der letzten Woche, auch etwas Erfreuliches zu berichten. Mein für den Osterspaziergang geschriebener Blogbeitrag “Erinnerung an Helmut Eisendle” soll im nächsten “Freibord” erscheinen und das “Ecetera Viertel Heft”, in dem das Interview mit mir enthalten sein soll, wird am 19. Mai in St. Pölten vorgestellt.