Im Westen nichts Neues

Erich Maria Remarques 1929 erschienener Roman “Im Westen nichts Neues” soll, wie im Vorwort steht “weder Anklage noch Bekenntnis sein, sondern den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.”
Und ist die Geschichte einiger Neunzehnjähriger, die sich, weil ihnen der Klassenlehrer Kantorek in den Turnstunden so lange Vorträge hielt, geschlossen beim Bezirkskommando zum Kriegsdienst meldeten.
Da sitzen sie nun nach der Essensfassung auf ihrem Luxusklo, den aus Holz getischlerten Einzelkästen, die an den Seitenflächen Handgriffe haben, so daß man sie bequem zusammenstellen und auf dem Deckel eines Margarinefasses Skat spielen kann: der kleine Albert Kropp, der am klarsten denkt und deshalb erst Gefreiter ist, Müller V, der Schulbücher mit sich herumschleppt und vom Notexamen träumt, Leer mit dem Vollbart und der großen Vorliebe für Mädchen aus dem Offizierspuff und der Ich-Erzähler Paul Bäumer, in dessen Heimatschreibtischlade angefangene Dramen und Gedichte liegen, die es auch nicht immer so gut haben und ihren vollen Magen nur dem Umstand verdanken, daß statt der erwarteten hundertfünfzig Mann nur achtzig vom Angriff zurückkamen und einer von Lehrer Kantoreks eisernen Helden stirbt auch im Lazarett, während Müller seine Stiefel bekommt, die später auf Paul Bäumer übergehen, denn von den von Remarque beschriebenen Soldaten, kommt keiner zurück.
Es hätte sie auch, wie wir heute wissen, keine besonders rosige Zukunft erwartet, die jungen Männer, die fast noch Kinder waren oder auch nicht, wurden sie doch, bevor sie an die Front nach Frankreich kamen, vom ehemaligen Briefträger Himmelstoß schikaniert und gedrillt, so daß sie ihr Kindsein verlernten und alle kleinen Männer hassten, weil von denen die Gewalt und die Dummheit ausgeht und hanteln sich nun heldenhaft durch den Krieg, ohne aufzubegehren und zu desertieren, vorläufig jedenfalls.
Liegen im Schützengraben, kämpfen mit den Ratten, stehlen Gänse, braten Ferkeln, um sich zu überlegen, ob es besser oder schlechter ist, sich vor dem Angriff den Bauch vollzustopfen, weil man damit zwar satt, der Bauchschuß nachher aber fürchterlich ist. Träumen von weißgekleideten Mädchen auf vergessenen Theaterplakaten, schwimmen in der Nacht mit Brot im Gepäck zu französischen Frauen, die sie “pauvres garcons” nennen, gehen auf Heimaturlaub, werden verwundet und trauen sich im Lazarettzug mit ihren Läusen und den verschmutzen Uniformen nicht sich in die saubere weiße Bettwäsche zu legen.
Trotzdem ist das Lazarett kein Honiglecken, gerät man dort doch den Stabsärzten in die Hände, die sehr schnell amputieren und genauso schnell wieder tauglich schreiben, weil man auf der Front nicht viel laufen muß. Sie hanteln sich ahnungslos und doch unendlich weise durch die Schlachten, die jungen Männer, die nur sich und ihre Freundschaft haben, weil sie ja in einem Alter sind, wo die Beziehung zu den Müttern schwächer wird, die zu den Frauen noch nicht stark genug sind.
Kommt der Kaiser auf Besuch, bekommen sie schöne Uniformen, die ihnen später wieder weggenommen werden und im Gespräch kommen sie darauf, daß es den jungen Franzosen und den jungen Russen auch nicht anders geht und man ihnen in der Schule wahrscheinlich das Gleiche eingeredet hat.
So vergeht die Zeit und der Herbst 1918 kommt heran, in dem sich Paul, der inzwischen der letzte seiner Klasse ist, nach dem Waffenstillstand und etwas Ruhe sehnt. Der soll bald kommen, dann wird er zu seiner Mutter, wenn sie noch nicht am Krebs verstorben ist, seiner Schwester und seinem Vater nach Hause fahren und überlegt, was dann werden soll, weil er sich ja wurzellos fühlt und keine Ziele mehr hat?
Die Antwort auf diese Frage braucht er nicht mehr “fiel er doch im Oktober 1918 an einem Tag, der so ruhig und still war an der ganzen Front, daß der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden…”
Ein Entwicklungsroman wie “Crazy” oder “Paradiso” und doch ganz anders.
Erich Maria Remarque wurde 1898 in Osnabrück geboren und ist 1970 in Locarno gestorben.
“Im Westen nichts Neues”, gilt als Antikriegsroman und eine der besten Beschreibungen des ersten Weltkrieges. Ich kann mich erinnern, daß der Dichter Wilhelm Szabo, den ich bei unseren Arbeitskreistreffen in den Siebzigerjahren öfter traf, mir das Buch aus diesem Grund empfohlen hat.
“Arc de Triomphe” und “Der Funke Leben”, die die Gräuel des zweiten Weltkriegs beschreiben, habe ich schon früher gelesen.

Pfingstbericht

Diese Woche habe ich einige Mails und Kommentare von Autorenkollegen bekommen. So hat O. P. Zier freundlicherweise die Verlagsvorschau des Residenzverlags zu meinem 31 Bücher Artikel gestellt. Rudi Lasselsberger wollte von mir wissen, wie ich zu Blog und Homepage gekommen bin und Stephan Eibel Erzberg hat mein Geflüster über seine Lyrikbände gelesen.
Es ist ja immer interessant Rückmeldung auf die Berichte zu bekommen, weil sie meine Sicht erweitern, so hat Ruth Aspöck ihre Eindrucke von der St. Pöltner Jubläumslesung gegeben und Konstantin Kaiser hat mich per Mail eine konsequente Diariumschreiberin genannt.
Das ist es, denke ich und davon werde ich am Freitag im Amerlinghaus beim “Alltäglichen Leben” berichten, um noch einmal alle Interessierten zur ersten öffentlichen Vorstellung des Literaturgeflüsters am 28. 5. um 20 Uhr in der Stiftgasse 8, 1070 Wien einzuladen.
Aber erst scheint mich ein verregnetes Pfingsten zu erwarten, das wir wieder in Harland verbringen. Da fahren wir ja meistens mit dem Rad nach Nussdorf an der Traisen, wo es im Schloßhof ein schönes Pfingstfest mit einer Weinverkostung gibt. Auch sonst habe ich einige schöne Pfingsterinnerungen, wenn sie auch nicht unbedingt literarisch waren. Die ersten Kindheitserinnerungen habe ich an einen Strauß Pfingstrosen aus dem Garten am Almweg Nummer fünf und als ich noch Studentin oder schon junge Psychologin war, bin ich einige Jahre mit Herrn Lembacher, Hansi Berger und dem Club logischer Denker zum Pfingsttreffen nach St. Gallen in die Steiermark gefahren, wo sich eine meiner ersten Lieben entwickelte.
Dann kam der Alfred und wir sind, als ich noch in der HNO-Klinik arbeitete, auf den Hochschwab gewandert, das war mein erster Hochschwab Besuch mit einer vier Tagestour mit Hütten und Wege, die wir seither nicht mehr besuchten und gegangen sind und über das alte Schiestlhaus habe ich mich schon damals gewundert.
Ein zweites Mal wollten wir zu Pfingsten auf den Hochschwab, als in Mürzzuschlag gerade das Fest für Friederike Mayröcker war. Da hat mich der Alfred von dort abgeholt. Ich kann mich erinnern, daß Gerald Bisinger mit seiner Frau auf der Mürzzuschlager Hauptstraße war, als er gekommen ist. Weil es sehr geregnet hat, haben wir auf den Göller umdisponiert und sind dann überhaupt gleich nach Harland gefahren.
2006 war der Alfred mit dem Karl unterwegs und in Wien das große Ingeborg Bachmannsymposium mit einem geführten Stadtspaziergang und der Ausstellung im Palais Palfy, wo zu ihrem achtzigsten Geburtstag, das jetzt erschienene Tagebuch “Schreiben gegen den Krieg” schon vorgestellt wurde. Daran habe ich auch sehr schöne Erinnerungen an schöne Gespräche, am Nachmittag bin ich ein bißchen im Wienerwald herumgewandert, mit dem Bus auf den Kahlenberg gefahren und den Leopoldsberg nach Nussdorf in Wien hinuntergewandert. Letztes Jahr waren wir in Sizilien und sind erst am Pfingstmontag zurückgekommen.
Jetzt sind wir wieder in Harland, ich habe mir als Lektüre etwas sehr Ates und Berühmtes, nämlich “Im Westen nichts Neues” von Erich Maria Remarque vorgenommen und gestern einen Besuch von Elisabeth Pratscher von leselustfrust gehabt, die mir freundlicherweise “Die Bücherdiebin” vorbeibrachte, damit ich sie mir nicht aus dem Bücherschrank ergattern muß. Das ist ein sehr dickes Buch, an dem ich vermutlich ähnlich lang, wie an den “Wohlgesinnten” oder dem “Turm” kiefeln werde und am offenen Bücherschrank hängen jetzt zwei große Zetteln mit einer Mahnung an einen weißhaarigen älteren Herrn, der die Bücher gleich stapelweise entfernt haben soll.
Das hat bei mir, die ich Büchern auch nur schwer widerstehen kann, ein ungutes Gefühl ausgelöst, weil die weißhaarigen alten Herren, die sie stapelweise nach Hause schleppen, vielleicht eine verstopfte Wohnung haben, aber sicher zu den sozial Schwachen gehören und vielleicht sehr einsam sind. Wenn sie die Bücher lesen und sich darüber freuen, können sie, die von mir gebrachten gerne haben, denke ich und ansonsten wäre ein Zettel mit “Bitte nicht mehr als drei Bücher auf einmal und auch einmal etwas bringen!”, ein freundlicherer Hinweis auf klare Regeln, an die man sich halten soll.
Da ist “Die Bücherdiebin”, die laut Frau Pratscher gar keine ist, vielleicht ein passendes Buch zum Thema Bücherliebe, ich bin gespannt und habe am verlängerten Wochenende noch einiges zu korrigieren und zwei Bücher mit denen ich fertigwerden will.
Ansonsten habe ich mir gerade auf der Seite www.bachmannpreis.at die Namen der Stipenditaten des heurigen Literaturkurses angeschaut. Es sind wieder nur neun, darunter sieben Deutsche und zwei Schweizer, was ich schon ein bißchen seltsam finde, daß nur eine in Berlin lebende, in Lepzig studierende und als Deutsche geführte Österreicherin darunter ist, da ich auf Anhieb einige Namen unter Fünfunddreißigjähriger nennen könnte, man bräuchte da ja nur zu den von Angelika Reitzer organisierten Textvorstellungen gehen und schon hat man was man braucht. Beim Lehrgang für Sprachkunst studieren auch einige Talente. Vielleicht sollte man Ferdinand Schmatz empfehlen hinzugehen, bei der Akademie ist er, glaube ich, sowieso beschäftigt. Cornelia Travinicek hat schon vor zwei Wochen geschrieben, daß sie schon wieder nicht genommen wurde.

Etcetera-Jubiläumslesung

Am Mittwoch war die Jubiläumslesung fünfundzwanzig Jahre literarische Gesellschaft St. Pölten mit gleichzeitiger Präsentation des 40. ecetera Viertelhefts im Stadtmuseum St. Pölten und da ich in dieser Zeitschrift ein sehr schönes Portrait habe, sind wir mit Ruth Aspöck nach St. Pölten hinausgefahren.
Eigentlich lag die Heftpräsentation ja sehr ungünstig, nämlich mítten in der Woche und da Alfreds Eltern nicht mehr solange aufbleiben sind wir gleich wieder zurückgefahren. Es war eine sehr festliche Veranstaltung und der Saal in dem Stadtmuseum in der Prandtauerstraße beim Rathausplatz war auch sehr voll.
Bürgermeister Stadler hat mit der Bemerkung eröffnet, daß es nicht stimmt, daß es in St. Pölten kein kulturelles Leben gibt.
Die Zeitschrift der literarischen Gesellschaft trägt auch den Untertitel “Literatur und so weiter”, dann kam Eva Riebler auf das Podium und erzählte ein bißchen die Geschichte der Litges und des Etceteras, das aus dem Limes hervorgegangen ist und von Günther Stingl und Alois Eder mitbegründet wurde. Dann machte Doris Kloimstein aus dem Limes ein @cetera und engagierte sich sehr lang für die Zeitschrift, bis sie nach Brasilien ging und Eva Riebler, die neue Obfrau wurde, der Klammeraffe verschwand, die Zeitschrift eine Literaturarena gründete, einen Poetry Slam veranstaltete und viele Veranstaltungen machte.

25 Jahre LitGes

25 Jahre LitGes

Ingrid Reichel präsentierte eine ausführliche Power Point Präsentation mit sämtlichen Autoren, die in der Zeitschrift publizierten, mein Bild mit dem grünen Leiberl und der Sonnenbrille vom Osterspaziergang erschien, leider war mein Name falsch geschrieben und Cornelia Travnicek wurde mehrmals als engagiertes Nachwuchstalent erwähnt.
Dann las Klaus Ebner seinen vier Viertel Essey, Robert Eglhofer, der stellvertretende Obmann, seine vier Viertel, die im Rendlkeller begannen und in der Litges endeten.
Doris Kloimstein war nicht da, obwohl sie Ehrenmitglied werden sollte, Wolfgang Mayer König wurde es und der Wiener Beppo Beyerl mit tschechischen Wurzeln las noch seine Trinkertypologie dazu.
So war die Lesung lang und anstrengend, bis das Buffet eröffnet wurde. Bürgermeister Stadler ist aber die ganze Zeit dageblieben.
Wolfgang Mayer König flüsterte mir zu, daß ihm mein Portrait gefallen hätte, eine Dame fragte mich, ob ich öfter ins Stifter Haus käme, da war ich aber nur während unserer Donauradkarawane 2007.
Es gab Wein und Auftrichbrote und interessante Gespräche.
Zdenka Becker erzählte von ihren Erfahrung mit der literarischen Gesellschaft, ich machte die Bekanntschaft einer sehr alten Frau, die einmal im St. Georgs College in Instanbul unterrichtet hat. Eva Riebler gab mir noch drei Ecetera Nummern und Alfred entdeckte einige Schulkollegen.
Sehr festlich und feierlich im schönen Museumsrahmen. Dann sind wir wieder nach Wien zurückgefahen, weil Alfreds Eltern schon schliefen. Als die erste in Hindu erschienene Österreich Anthologie vor vielen Jahren in St. Pölten präsentiert wurde, haben wir Amrit Mehta in seine Wiener Pension zurückgebracht und ihm vorher noch kurz Alfreds Eltern vorgestellt, die sich bei ihm erkundigten, ob er Englisch sprechen würde.
Inzwischen ist Zdenka Becker vollständig auf Hindu übersetzt und das letzte Buch von Peter Rosei und als der Residenzverlag kürzlich fragte, welches Buch das sei, habe ich prompt auf Zdenka Becker getippt.
Es war also eine sehr schöne Veranstaltung, einmal etwas anderes als das Literaturhaus oder das literarische Quartier der alten Schmiede, da ich unter der Woche nur im Sommer in St. Pölten bin.

Marlen Haushofer trifft Paul Celan

Natürlich nicht wirklich, denn die beiden sind sich, obwohl beide 1920 geboren und 1970 verstorben, soviel man weiß, nie im Leben begegnet. Also nur in einer Lesetheaterveranstaltung im Literaturhaus mit dem Untertitel “Eine Begegnung jetzt”, dafür aber mit Erni Mangold als Ehrengast, Eva Fillip, Martin Heesch, Harald Jokesch und Friedemann Kluge bestens besetzt. Helga Golinger, die auch noch mitgelesen hat, hat die Dramaturgie gemacht, Renee Kellner die Rauminstallation, Edith Leitner und Malin Joy Porzer haben musiziert und die Bezirksvorstehung hat unterstützt, also wahrscheinlich etwas Geld hergegeben.
Eine Veranstaltung bei der es sich lohnte, sehr früh hinzugehen, um noch einen Platz zu bekommen und es war auch sehr voll.
Eine Collage aus den Texten zwei berühmter Dichter, die einen Krieg und höchstwahrscheinlich sehr viel Traumatisierung erlebt hatten. Celan der Vernichtungsmachinerie des dritten Reiches gerade noch entkommen, aber trotzdem so verstört, daß er sich 1970 nach zwei Mordversuchen an seiner Frau das Leben genommen hat und Marlen Haushofer, die Tochter eines Försters, die im oberösterreichischen Frauenstein geboren wurde, in Wien Germanistik studierte, in Steyr einen Zahnarzt heiratete, sich von ihm scheiden ließ, aber trotzdem weiter in seiner Praxis arbeitete und in Wien von Hans Weigel literarisch gefördert wurde. 1970 ist sie an Krebs gestorben und in ihren Texten wie “Die Wand”, “Die Tapetentür” oder “Die Mansarde”, ist wahrscheinlich genausoviel Verstörung, wie bei Paul Celan zu finden, auch wenn es ein wenig leiser und vielleicht nicht so auffällig ist.
So sagte mir Ingeborg Reisner auch als erstes, sie könne sich gar nicht vorstellen, wie die beiden zusammenpassen.
“Ich schon!”, antwortete ich und war gespannt auf den Abend, der hervorragend aufgebaut war. Die grande dame Erni Mangold saß in der Mitte, die drei Herren in schwarz hinter oder neben ihr, jeder vor seinem Mikrofon auf einer Bank oder vor einem Tisch und die beiden anderen Frauen an der Rampe, dann lasen sie und wiederholten auch die Texte, so daß schwer auseinanderzuhalten war, was jetzt von wem war und woraus die Texte stammten.
Marlen Haushofers “Wand” habe ich erkannt und auch die Stelle von dem kleinen Vogel zu dem die Mutter nicht mehr kommt und vielleicht auch ein paar Zitate und die Gedichte waren von Celan, hat mir Helga Golinger später gesagt, die mir keine genauere Auskunft geben wollte.
Es war aber beeindruckend und sehr gut aufgeführt. Ein bißchen habe ich auch mitgeschrieben, wie zum Beispiel, “Ich habe nur ein begrenztes Talent zum Schreiben aber innerhalb dieser Grenzen habe ich es zur Meisterschaft gebracht” und dann die Stelle, wo Marlen Haushofer höchstwahrscheinlich Schwierigkeiten mit dem Schlafen hat oder “Der Tod ist nichts, was man fürchten muß, nur die Schmerzen entwürdigen den Menschen!”
Eine sehr beeindruckende fiktive Begegnung der beiden großen Dichter, ein bißchen mehr Information woraus die Texte stammen, hätte zwar nicht geschadet, man kann und soll das Ganze aber vielleicht auch nachlesen und ich habe ja einen Gedichtband von Paul Celan und von Marlen Haushofer, die Biografie von der Daniela Strigl.
Danach war es noch nicht aus, obwohl sich alle verbeugten und die Ehrengästin auch verschwand, denn kurz vor der Tür, wo man zum Buffet gelangte, gingen die Schauspieler auf einmal im Kreis und begannen erneut die Texte zu rezitieren und im Hintergrund lief ein Film in dem die meisten Texte noch einmal projiziert wurden und zwei Schauspieler, ein Mann und eine Frau, sich mit Sesseln hinter eine Glasfassade zurückzogen und Menschen liefen mit schnellen Schritten eine Straße hinab.
Danach verbeugten sich nochmals alle, außer Erni Mangold und das Buffet wurde eröffnet.
Silvia Bartl ging, obwohl ja außer Dienst, mit dem Gästebuch herum, ich habe mich lange mit Susanne Schneider unterhalten, Elfriede Haslehner begrüßt, die Zetteln zu meinen zwei nächsten Veranstaltungen verteilt und Rolf Schwendter schon vorher etwas zu dem Rainer Kunze Gesprächsbuch gefragt, was sich auf ein Interview mit Wolfgang Kraus und Zitate bezüglich der Erich Fried Gesellschaft bezogen hat.

Wo Freiheit ist…

Reiner Kunzes “Wo Freiheit ist… Gespräche 1977 – 1993”, mit einem Autogramm des Dichters, sind dreißig Interviews, denen jeweils ein oder mehrere Zitate vorangestellt sind, die Alfred bei der Reiner Kunze Lesung in Leipzig kaufte.
1976 sind im Westen “Die wunderbaren Jahre erschienen”, die zu Auschluß Kunzes aus dem DDR- Schriftstellerverband führten, 1977 übersiedelte er mit seiner Familie nach Westdeutschland. Das erste Gespräch fand daher am 17. April 1977 im ARD/ Report München statt und bezog sich auf die Ausreise nach dem Westen. Das letzte wurde am 16. August 1993 von Steffen Grabisna für die Dresdner Neuesten Nachrichten geführt. Dazwischen liegt die Wende und sehr viele Fragen, die sich sowohl auf die Dichtkunst, als auch nach jeder Art der politischen Einstellung des 1933 im Erzgebirge geborenen Dichters beziehen.
Die Interviewpartner sind das deutsche Fernsehen, Rundfunk, Presse, aber auch österreichischen Medien. Hier wird Kunze z.B. von Wolfgang Kraus und Britta Steinwendtner, aber auch von Limes St. Pölten interviewt und die Fragen sind sehr interessant. Denn die Interviewer quetschen den Dichter, der ihnen mehr oder weniger geduldig Auskunft gibt, von allen Seiten aus.
Ob es sich im Westen anders als im Osten schreibt? Oder ob er sich in den Elfenbeinturm zurückgezogen hat, weil er seinem Tagebuch von 1992 den Titel “Am Sonnenhang” gegeben hat? Warum er gegen eine gesamtdeutsche Akademie der Künste ist? Und Michael Maier von der Kärntner Kirchenzeitung möchte am 7. Februar 1993 wissen, was er beim Anblick der Bilder von Erich Honeckers Ausreise empfunden hat?
Man erfährt vielleicht auch einiges aus dem Leben des großen Lyrikers, das man noch nicht wußte. Ich kannte ja schon einiges von ihm. So den Film “Die wunderbaren Jahre” und habe mir wahrscheinlich 1977 oder 1978, als ich noch in der Otto Bauer Gasse wohnte, um ein paar Schilling in der Buchhandlung gegenüber der Uni, die es nicht mehr gibt, die Dankesrede zum Büchner Preis gekauft und kann mich erinnern, schon da von der Verstörung und der Traumatisierung gelesen zu haben, die die DDR in Rainer Kunze ausgelöst hat.
Das kommt auch in den verschiedenen Gesprächen immer wieder durch.
Das Gespräch mit dem Minister beispielsweise, der zuerst die Gedichtbände lobte, dann verschiedene Verlockungen von Wohnung, bzw. Haus am See aussprach und zuletzt drohte, daß er dann einen Autounfall nicht verhindern könne, was Kunze sein Auto kontrollieren ließ, bevor er darin einstieg. Mit Frau und Tochter ist er dann in einen kleinen Ort in der Nähe von Passau gekommen. Wir sind bei unserer Radtour mit der Ute vor zwei Jahren durch gefahren und hat sich dort wohlzufühlen begonnen.
Reiner Kunze erzählt von seinem Philosphie- und Journalistikstudium in Leipzig und von der Freude als Arbeiterkind dafür ausgewählt worden zu sein und der Enttäuschung als er die politische Indoktrinierung darin erkennt. Wie er seine Frau, die in der Tschechoslowakei Ärztin war, kennenlernte und wie lange warten mußte, bis er sie heiraten konnte.
Mehrmals wird er gefragt, was ein Gedicht ist? Er gibt eindrucksvolle Beispiele der Verdichtung und was es bedeutet, wenn man im Herzen barfuß ist und erzählt, wie sehr er die Frage haßt, was will uns der Dichter damit sagen?
1984 konnte er Bundeskanzler Schmidt nach Israel begleiten, der Reporter fragt, wie er das empfunden hat und Reiner Kunze meinte, daß es schwierig war, dem Bundeskanzler hinterherzulaufen, so daß er schon am zweiten Tag seine Wege gegangen ist und die judäische Wüste außerhalb des offiziellen Programms kennenlernen konnte.
Irgendwann ist dann die Mauer gefallen und Reiner Kunze konnte, dem vorher die Einreise zu seiner sterbenden Mutter verweigert wurde, wieder in das thüringische Greiz zurückkehren und hat in der Dokumentation “Deckname Lyrik” seine Erfahrungen mit seinen Stasiakten und seinen Bespitzelungen beschrieben.
Ein interessantes Buch, wo man den Lyriker ein wenig persönlicher kennenlernt, aber auch sieht, wie blöd manche Reporter fragen und daß manche Fragen eigentlich sehr unverschämt sind, aber auch, wie wichtig Dichter sind und was man alles von ihnen wissen will.
Für mich hat es mein Rainer Kunze Wissen ein wenig abgerundet, da ich, da die Ute eine große Verehrerin von ihm ist, in Leipzig zweimal bei seinen Lesungen war.
Dann wurde ich vom Lesen durch die Absage meiner letzten Stunde ein wenig abgelenkt. Hat mich doch Elisabeth Zoumboulakis-Rottenberg als ich letzte Woche bei der Muttertagsfeier des Bezirkes Mariahilf im Haus des Meeres war, zu der Festwochenvernissage “23 Brücken” von Jutta Waloschek mit dem Hinweis eingeladen, daß Traude Veran dazu einige Gedichte liest.
So habe ich also noch Gebrauchslyrik zum Thema Brücken und zum Thema Wasser von ihr und von Dieter Berdel hören können und ein Glas Wein und Soetti gab es auch.

31 Bücher in 31 Tagen

Vor ein paar Tagen bin ich in einem Bücherblog mit dem Titel “Zwillingsleiden” auf den bemerkenswerten Satz gestoßen “Jeden Tag ein Buch, diese Aktion verbreitet sich in den Bücherblogs wie ein Buschfeuer!” und habe “O weia!” gedacht, denn es war ja erst der dreizehnte und ich hatte im Mai schon an die zehn Bücher gelesen und meine durchschnittliche Monatsstatistik um einiges erhöht. Zwar habe ich in der Vorwoche bei meinem Lyrik-SUB kräftig umgerührt und in zwei Tagen sieben Bücher durchgenommen, sonst wäre das Fazit normaler, aber durch den offenen Bücherschrank, den ich regelmäßig mit und ohne einen eigenen Bücherstapel besuche und immer etwas finde, hat sich die Anzahl des Ungelesenen erhöht und da sehr viel Interessantes dabei ist, das ich gelesen haben sollte, disponiere ich immer wieder um und hinke meinen SUBs sehr nach. Daß ich es auch ohne offenen Bücherschrank nicht schaffe, meine SUBs auszulesen, habe ich mir schon bei der Büchergilde Gutenberg Bibliothek gedacht, die ich vor Jahren von meinen Eltern erbte und da es inzwischen viele Möglichkeiten gibt, Bücher geschenkt, getauscht oder um einen Euro zu erhalten und ich wenigstens versuche das Unmögliche mögliche zu machen, hat sich die Zahl der gelesenen Bücher, seit ich meinen Blog betreibe, erhöht. Seit ich die Bücher bespreche, lese ich genauer und immer aus. Leselustfrust hat mich mit ihrer Lesestatistik bekanntlich schon vor einem Jahr animiert mehr zu lesen und es gibt noch andere Bücherblogs mit Lesestatistiken. Auch wenn die meistens das lesen, was mich nicht so besonders interessiert, haben die ihre Bücher Stöckchen und das “Jeden Tag ein Buch!”, wo ich spontan dachte “Ich will ja auch noch schreiben, bzw. korrigieren!” und mich gleichzeitig wunderte, daß das bei den Bücherblogs jetzt Mode ist, da ich um mich herum überall bemerke, daß die Leute immer weniger lesen und die durchschnittliche Jahresbücherzahl bei neun liegt und nicht bei fünfzig, wie ich eigentlich dachte.
Es ist auch ein Mißverständnis, geht es dabei nicht darum seinen Bücher SUB endlich abzulesen, sondern um einunddreißig Fragen, die man sich im Mai vornehmen soll, wie: “Das Buch das du derzeit liest, das vierte Buch aus deinem Regal von rechts oder das neunte von links, dein Haßbuch, das Buch das du von deinen Freunden bekommen hast” u.s.w. und so fort.
Lillyberry macht dabei mit, hier kann man auch die Fragen lesen und sich selbst beteiligen, obwohl heute schon der sechzehnte ist.
Evi von Zwillingsleiden hats verweigert und bespricht ihre gelesenen und ungelesenen erotischen Bücher und ich mache auch nicht mit, da die Bücher in meinen Regalen doppelreihig stehen und ich viele Antworten gar nicht weiß.
Es ist aber eine hervorragende Idee für ein Buchgeflüster, denn der offene Bücherschrank hat mich sehr begeistert und ich bin schon gespannt zu erfahren, ob die Aktion verlängert wird?
Ich hoffe schon und beobachte, daß die Unkenrufe derer, die Kommentare dazu geschrieben haben, nicht eintreffen. Es ist keine “Universität für Sandler” und es gibt nicht nur unbrauchbar gewordene Lateinbücher, sondern manchmal rare Gustostückerln, so daß ich den Besuch wirklich sehr empfehlen kann.
Hineingespukt, geschissen und was auch immer hat auch noch niemand und das Buch ist leider, wie ich schon vorher merkte, kein so begehrter Gegenstand, daß die Leute mit den Taschen kommen, um ihr Geschäft damit zu machen.
Es gibt aber auch noch andere Kisten mit dem schönen Schild “Zur freien Entnahme – bedienen Sie sich bitte!”
So hat zum Beispiel das Wien Souvenier Geschäft in der Kettenbrückengasse, in dem Alfred einmal Anna Lindners “Wiener Literaturschauplätze” kaufte, zugemacht und da stand diese Woche so eine Kiste. Das erste Mal, als ich vorbeigekommen bin, war sie schon leer, beim zweiten Mal lagen zwar keine Wien Bücher darin, aber ein Jean Marie Gustav Le Clezio, der Nobelpreisträger von 2008 mit einer DDR-Ausgabe seines “Protokolls” und da ich zugebe, daß ich von ihm nichts gelesen habe, habe ich auch vor, es ziemlich bald zu besprechen. Mal sehen, ob ich es schaffe oder etwas anderes nicht noch mehr lockt?
Dagegen wird es nichts mit der “Bücherdiebin”, denn bei der Aktion des “Literatur Managements Lind” zum Tag des Buches, die eine aktuellere Bezeichnung für Bücherwürmer suchte, habe ich nicht gewonnen. Es gibt aber einen Gewinner bei der Buchstabensuppe und zwar soll das aktuelle Wort “Büchergourmets” heißen. Man sehen, ob es durchsetzt und nicht nur Frau Lind gefällt.
Es haben aber fünfundsechzig Leute Ideen gespendet. Andreas Unterwegers Vorschlag war, glaube ich, Bücherjunkies und der wird am Stadtfest Wien am 29. 5. ím Schweizerhof aus “Wie im Siebenten” lesen und das ist ein Buch, das ich wahrscheinlich auch nie lesen werde.
Macht nichts, gibt es ja soviele Bücher und da man auch bei größter Anstrengung nur ein paar tausend schafft, ist die Idee des Bücherhoppings und die Kunst über Bücher zu lesen und zu schreiben, die man nicht gelesen hat, gar nicht so schlecht und da bin ich bei dem für mich Wichtigeren, bitte nicht mißverstehen, nämlich dem Schreiben und da gibt es einiges zu vermelden.
“Die Heimsuchung” wird, da korrigiere ich schon die Endphase, so daß es demnächst zu digitaldruck.at gehen kann. Es gibt das Cover, das aus den “Nanowrimo” Logos besteht und einen Text, den ich selbst geschrieben habe, da es Cornelia Travnicek, an die ich eigentlich dachte, bei ihren vielen Lesereisen, nicht machen konnte.
Dafür wird Otto Lambauer den Text für “Mimis Bücher” schreiben, da Anna das, die jetzt ihren Dienstvertrag bei LOK unterschrieben hat, auch nicht schafft. Da korrigiere ich noch fleißig und hoffe bald fertig zu werden. Das Cover habe ich aber noch nicht. Ich hätte da an eine Collage aus den Ohrenschmaus-Schokoladeschleifen gedacht, vielleicht zeichnet mir die Anna auch ein paar Bücher hin.

Am Ende des Gartens

“Am Ende des Gartes” – Erinnerungen an eine Jugend von Erika Pluhar beginnt mit einer Gartenszene und endet mit einer solchen.
Das 1997 veröffentlichte Buch, in der distanzierten “Sie-Form” geschrieben, die von einer Erika berichtet, die Schauspielerin werden will und bald nach der Geburt der Tochter Anna und der nicht so glücklichen Eheschließung mit Udo Proksch ziemlich abrupt endet, beginnt mit der Schilderung des Gartens im polnischen Lemberg und von der ersten Erinnerung des kleinen Mädchen, das mit seinem Spielgefährten Dudusch in diesen einen Stahlhelm findet.
Erika Pluhar wurde ja 1939, allerdings in Wien geboren, der Vater war Nationalsozialist, die Mutter ist schwanger mit ihr und der älteren Schwester nach Wien zurückgekehrt. Es folgen Schilderungen von Bombenalarmen und einem schreienden Kind, das in den Luftschutzkeller geschleppt wird und sich dort die ersten Traumatisierungen holt.
Die Döblinger Wohnung wird zur Hälfte zerstört, die Mutter mit den Kindern nach Oberösterreich evakuiert, der Vater ist in Kriegsgefangenschaft, später kehrt die Familie nach Wien zurück und lebt länger bei den Großeltern, bevor sie in Floridsdorf eine Gemeindewohnung bekommt.
Es folgen Schilderungen der ersten Mädchenfreundschaften. Sie lernt leicht und begeistert, ist aber nicht sehr sprachbegabt und auch nicht gut in Mathematik, spielt und singt frühzeitig allen etwas vor, gerät in schlechte Schauspielschulen, bevor sie nach der Matura, die Aufnahmeprüfung ins Reinhardt Seminar besteht.
Da passierten schon einige Vergewaltigungen und eine Magersucht von der sie sich selbst befreit und noch vor der Matura wieder zu essen beginnt.
Ihre Reinhardt Seminar Klasse ist ein guter Jahrgang, Heidelinde Weis, Marisa Mell, Senta Berger, Achim Benning und noch andere befinden sich darunter. Sie wird Elevin im Burgtheater und schildert einige boshafte Bemerkungen Adrienne Gessners, die sie als verbitterte Frau erlebte, aber auch die Freundschaft zu ihrer Lehrerin Susi Nicoletti.
Freundschaften spielen in der traumatisierten Nachkriegsjugend überhaupt eine große Rolle. Nach dem ersten Mann von dem sie sich entjungfern läßt und zu dem sie ziemlich bald nach Aufnahme in die Schauspielschule die Beziehung abbricht, spielt der Dominikanerpater Diego, der am Reinhardt Seminar unterrichtet, eine große Rolle. Ausführlich werden Briefe an ihm zitiert, wie auch die frühen Texte Erika Pluhars, mit der sie das Theaterleben, aber auch ihre Beziehung zu Udo Proksch beschreibt, eine große Rolle spielen.
Die ist ihr sehr jung passiert, ebenfalls die Schwangerschaft, die die gerade angefangene Karrierre vorübergehend beendet, sie sitzt mit dem Kind und der Wirtschafterin, die ihr Udo Proksch engagiert, in der Wohnung ihrer Schwester und schreibt Briefe, in dem sie ihn mit “Herr Udo!” anspricht und von seiner Sekretärin schreibt, mit der er eine Liebesbeziehung unterhält. Die Hochzeit wird überstürzt auf dem Standesamt vollzogen, Trauzeuge ist der Portier und die Mutter sehr böse, nichts davon erfahren zu haben und Erika Pluhar, die sich als sehr intuitiv und selbstbewußt erlebt, beschreibt sehr deutlich, wie dumm und untertan sich die jungen Frauen in den Sechzigerjahren den Männern gegenüber benommen haben.
Es gibt auch eine traumatische Nachblutung in einem Ordensspital, wo es keine Ärzte gibt, so daß Herr Udo die Blutende nach Hause holt und auch ein Haus mit einem großen Garten für sie mietet, in dem sie am Ende des Buches an einem hohen Fenster steht und ins Tullner Feld hineinschaut.
“Solange wir uns erinnern, herrscht Leben. Vergessen ist Sterben. Ist Tod vor der Zeit”, sind die Worte mit denen die Erinnerungen an eine Jugend enden, aber nachher ist noch sehr viel passiert. Hat Erika Pluhar ja an die achtzehn Bücher geschrieben, 1999 ihre Burgtheaterkarriere beendet, weil Peymann sie nicht mehr besetzte, eine zweite Ehe mit Andre Heller erlebt, die 1984 geschieden wurde, obwohl sie sich schon 1973 von ihm trennte, bis zu seinem Selbstmord mit dem Schauspieler Peter Vogel gelebt, 1999 ist die Tochter Anna gestorben, deren Sohn Ignaz sie adoptierte und vielleicht auch noch den zweiten Teil ihrer Biografie schreiben wird.
Der erste erzählt von einer bewegten Nachkriegsjugend, der Gewalt und den Traumatisierungen denen man in dieser Zeit ausgesetzt war, auch wenn man scheinbar sehr behütet und priveligiert aufgewachsen ist.

Theodor Kramer Preis 2010

Obwohl heute die Wiener Festwochen eröffnet wurden, sind wir nach Krems zum Theodor Kramer Preis gefahren, weil wir das schon lange machen und das auch recht gut mit dem Wochenende in Harland zu verbinden ist.
Den Theodor Kramer Preis gibt es seit zehn Jahren. 2001 wurde er das erste Mal im ESRA an Stella Rottenberg vergeben, da hatte ich auch die Schwierigkeiten mit dem Konstantin Kaiser wegen der Freiheit des Wortes. Das hat sich inzwischen gegeben und der Theodor Kramer Preis für das Schreiben im Exil und im Widerstand wird inzwischen in Krems in Zusammenarbeit mit dem ULNOE in der Mkinoritenkirche vergeben. Wir waren meistens dort. Michael Guttenbrunner, Milo Dor, Robert Sommer, Jakov Lind, Josef Burg haben ihn unter anderen bekommen.

Heuer ist der Preisträger Elazar Benyoetz, der 1997 als Paul Koppel in Wiener Neustadt geboren wurde und 1939 mit seinen Eltern und seiner Schwestern nach Isralel auswandern mußte. Vorher gab es im ULNOE einen Vortrag zur Geschichte des Franz Zeller Platzes vor der Kunsthalle Krems bzw. die Geschichte der Kremser Widerstandskämpfer, die 1942 hingerichtet wurden. Das war sehr interessant, haben doch die Kommunisten durchgesetzt den Platz nach dem 1900 geborenen Hilfsarbeiter, der beim republikanischen Schutzbund war und verhaftet wurde, weil er sich über das Mutterkreuz seiner Mutter lustig gemacht haben soll, benannt und nun gibt es diesen Platz und keiner weiß, wer Franz Zeller ist.
Robert Streibl, der Direktor der VHS Hietzing hat die Briefe Franz Zellers an seine Eltern, Frau und Geschwister vorgelesen.
Es soll auch eine Lichtinstallation geben, wo die Worte “Nun gute Nacht”, mit denen Franz Zeller seine Briefe beendet hat, projeziert werden.
Dann war eine Stunde Pause, wir sind ein bißchen an der Donau und durch Krems-Stein gegangen und um neunzehn Uhr ging es los in der ehemaligen Minoritenkirche.
Vera Schwarzinger hat vom ULNOE und Karl Müller von der Theodor Kramer Gesellschaft begrüßt. Alexander Shevchenko, der aus der Ukrainie stammt, Akkordeon gespielt. Gerhard Jaschke hat für die GAV, die sich finanziell an dem Preis beteiligt, ein paar berührende Worte gesprochen und an Werner Herbst und Theordor Kramer erinnert. Dann hielt Daniela Striegl die Laudatio und erzählte einiges Interessantes über den Aphorismiker Elazar Benyöetz, bevor der selbst aus seinen Werken vorgelesen hat und erzählte, wie er zu dem Preis und Theodor Kramer steht, von dem er zwei Gedichtbände in Erstausgaben besitzt.
Nachher gab es wieder das bewährte Buffet bzw. Empfang des Landeshauptmannes, Schinken, Käse, Weintrauben, Nüße und Wachauer Laiberln und wir sind an einem Tisch mit einer netten Dame aus Krems, die ich schon im Literaturhaus gesehen habe und einigen jungen Leuten zusammengesessen.
Die jungen Leute waren Studenten, darunter eine sehr nette Polin, die erzählte, daß sie vergleichende Literaturwissenschaft studierte, jetzt mit ihrer Disseration begonnen hat und ab Montag ein Praktikum im Literaturhaus Wien und dann noch eines bei der Theodor Kramer Gesellschaft macht.

Morgen ist alles besser

Chick Lit aus den Neunzehndreißigerjahren, nämlich Annemarie Selinkos “Morgen ist alles besser”, 1938 im Zeitbild Verlag erschienen, einer der Romane die, wie Evelyne Polt-Heinzl in ihrem Portraitband “Zeitlos” schreibt, als Unterhaltungsliteratur für Frauen kategorisiert wurden, der 1914 in Wien geborenen und 1986 in Kopenhagen verstorbenen Autorin, deren 1951 erschienener Napoleon Roman “Desiree” zum Weltbestseller wurde, während ihre anderen Romanen inzwischen vergessen sind.
Wenn mich nicht alles täuscht, gibt es eine in den Fünfzigerjahren spielende Verfilmung mit Romy Schneider, die zumindest eine sehr ähnliche Handlung hat.
Annemarie Selinkos Unterhaltungsroman, den ich im offenen Bücherschrank fast übersehen hätte, beginnt, wie der Schüler Gerber, nämlich in einer Lateinstunde, wo sich die Frau Professor Mikula mit ihren unwilligen Schülerinnen plagt, mit der Übersetzung der Klassenstreberin nicht mehr zufrieden ist, sondern will, daß die Toni Huber weiterübersetzt, weil die sich so auffällig mit den rinnenden Maschen ihrer Seidenstrümpfe beschäftigt. Die Schülerinnen sagen bereitwillig ein, es ist aber aussichtslos, denn die Toni hat grammatikalische Lücken, braucht aber unbedingt die Matura, da die von den meisten Büros inzwischen verlangt wird und sie ja irgendwann Geld verdienen muß, während vom Unterrichtsministerium der Wink gekommen ist, bei den Reifeprüfungen streng vorzugehen, da die Hochschulen überfüllt und es auch unnütz ist, daß jährlich tausende Mädchen auf der Universität inskribieren, vor allem, die mit den negativen Schulerfolgen und da ist die Toni Huber mit ihren nicht genügend in Latein, Mathematik und Geografie betroffen und soll deshalb ihre Mutter in die nächste Sprechstunde schicken. Sie hat aber nur mehr ihren Vater Friedl, den ehemaligen k.k Rittmeister, der sich nach dem Verfall der Monarchie als Versicherungsagent verdingt und mit dem Fräulein Anna und dem ehemaligen Burschen Fekete, den bürgerlichen Wohlstand verzweifelt aufrechtzuerhalten versucht und seine Tochter aus Gewohnheit Anton nennt. Der kann aber auch nicht in die Sprechstunde kommen, weil er plötzlich durch einen kriegsbedingten Herzfehler von höherer Stelle abberufen wird.
Hier kommt eine sehr beeindruckende Schilderung des Sterbens in den Neunzehndreißigerjahren im alten AKH. Der Vater der protektionsbedingt ein Zweibettzimmer mit dem Radioangestellten Josef Egger hat, soll zum Sterben allein gelassen werden und Toni, die sich zuerst brav nach Hause schicken läßt und sogar versucht Latein zu lernen, geht in der Nacht wieder ins Spital, um den Vater beiszustehen, wobei sie von den Ärzten mit Kampfer und mit Kognac beruhigt wird. Danach wird sie großjährig gesprochen, besteht mit aller Nachsicht eines alten Hofrats, die Matura und mietet sich um achtzig Schilling in ein Junggesellenappartement des Hochhauses in der Herrengasse ein, läßt sich privat in Stenografie, Maschinschreiben und Buchhaltung unterichten, bevor sie in die Rundfunkgesellschaft marschiert, weil ihr der Egger Josef einen Job versprochen hat, den sie auch, als Tippfräulein bei einem der Direktoren bekommt und muß dann in das Aufnahmestudio, wo der Nachrichtensprecher gerade von einer Eisenbahnkatastrophe berichtet soll, von der seine Frau betroffen ist. Dem Sprecher versagt die Stimme und das Tippfräulein rettet die Situation, in dem sie den Menschen an den Geräten etwas von den Sorgen, die sie haben und, daß morgen alles besser ist, erzählt, worauf sie vom obersten Rundfunkdirektor fristlos entlassen wird.
Verstört geht sie nach Hause und stößt im Aufzug mit einem Engländer namens Leslie zusammen, in dem sie sich prompt verliebt und entjungfern läßt. Während sie leicht betrunken einer schlechten Zukunft entgegenschläft, laufen im Rundfunk die Telefone heiß, waren alle doch von der sympathischen Stimme begeistert, so daß der Direktor sie wieder holen läßt und der neue Star geboren ist.
Bis dahin war es spannend und dicht erzählt und gibt einen sehr realistischen Einblick in die Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts, ab dann wird es chick lit und unübersichtlich. Die Toni schwankt nicht nur zwischen zwei Männern, sondern auch zwischen Naivität und Gerissenheit hin- und her. So verlangt sie, obwohl sie sich doch entlassen glajubt, bei ihrem Sprecherinnenvertrag tausend Schilling, obwohl sie vorher nur hundertfünzig verdiente. Läßt sich von den Rundfunkdirektoren ihre Termine vorschreiben, kauft sich aber ein silbernes Auto mit roten Sitzen, sowie einen Silberfuchsmantel und versäumt die Ansage, nachdem sie herausbekommen hat, daß ihr Leslie verheiratet ist und um 23. 30, zu seiner Frau nach Paris fährt. Der Rundfunk hilft sich mit einer Schallplatte, während Toni in einem Vorstadtwirtshaus Bratwurst ißt und Glühwein trinkt und sich von der geschäftstüchtigen Tochter, die Rechte auf ihre Tonaufnahmen erklären läßt.
Ab da nimmt sie ihr Schicksal in die Hand und beginnt mit dem Direktor der literarischen Abteilung, dem Dichter Krapp, der ihr ihre Reden schreibt und sie “Huber Mädchen” nennt, in der Welt herumzureisen und macht ihm, nachdem sie sich gegen Leslie, der ihr seinen Hund hinterlassen hat, entschieden hat, sogar einen Heiratsantrag.
Dafür wird sie zur Fünfzigjahrfeier in ihr Mädchengymnasium eingeladen, bekommt vom Direktor einen Strauß Rosen und klärt die begeisterten Schülerinnen auf, daß ihr Erfolg nur Zufall war, weil jede Aussicht auf eine schöne Zukunft hat, da das Leben weitergeht und morgen alles besser ist….
Danach ist, wie wir inzwischen wissen, zuerst das tausendjährige Reich gekommen, das Annemarie Selinko nach Schweden bzw. Dänemark brachte und uns siebzig Jahre später wieder überfüllte Hörsäle und Selektion der nicht geeigneten Studenten und Studentinnen, während man nur noch mit lauter sehr gut aufs Gymnasium kommt und einen Starkult mittels Castingshows gibt es auch, wo einige ausgesucht werden, die die großen Karrieren machen, während die anderen begabten überbleiben.
Ein sehr interessantes Buch, mich hat das Kapitel im Spital und auch noch einige andere Schilderungen, z. B., wo Toni Huber mit Direktor Krapp in ein italienisches Restaurant essen geht und nicht weiß, wie sie die Spaghetti, um die Gabel wickeln soll, sehr beeindruckt. Anderes wieder, wie, daß die jungen Mädchen bei ihren ersten Lieben prompt in die Hände verheirateter Männer fallen, wie es auch Erika Pluhar in ihrem “späten Tagebuch” beschreibt und erst geläutert werden müßen, hat mir weniger gefallen, wenn man aber weiß, was später alles folgte, wird das “Morgen ist alles besser, gute Nacht!”, besonders spannend und es gab ja einen amerikanischen Film bzw. eine Fernsehsendung, die auch mit ähnlichen Worten schloß.

Spätes Tagebuch

“Spätes Tagebuch”, von Erika Pluhar, 2010 bei Residenz erschienen, ist ein Roman, in dem die siebzigjährige Paulina ein Tagebuch zu schreiben beginnt. Paulina, die in einem großen Haus mit einem großen Garten und vielen Bäumen lebt, ist eine erfolgreiche Frau.Tänzerin von Beruf, die eine Tanz Company führte, bevor sie sich nach dem Tod des Gatten Neblo und ihrer Tochter von der Welt zurückgezogen hat, von der portugiesischen Zugehfrau Hortensia bekocht wird, viel fernsieht und gelegentlich schwitzend Taxi fährt.
Das Tagebuch soll nur die Gegenwart beschreiben, natürlich kommt sie über die Vergangenheit nicht herum, obwohl man über das, was ihr Leben so sehr veränderte, nicht viel erfährt.
Paulina schreibt in den Computer, druckt die Seiten dann aus, um sie in schöne alte Mappen zuheften und wird anfangs von ihrer Freundin Flory, einer jüngeren Tänzerin bedrängt. Denn Flory ist sehr eifersüchtig, wird, wie sie behauptet, von ihrem Gatten grün und blau geschlagen, der später Paulina erklärt, daß das die Zuhälter waren, weil Flory behauptete, daß Vincent sie mit sämtlichen Nutten betrog. Später gibt es noch einen Selbstmordversuch Florys, der sie in die Klinik bringt, während Paulina von Vincent aufgesucht wird, der sich von Flory trennen und Kontakt zu der Älteren haben will.
Es gibt auch einen früheren Liebhaber, den Komponisten Maxime, der sich von seiner Frau nicht trennen wollte, dann lernte Paulina Antonio Neblo kennen und die große Liebe der Frau, die schon als Kind nichts als tanzen wollte, begann.
Jetzt hat sie aber ihren Beruf aufgegeben und will das Leben einer alten Frau beschreiben, während sich der alt gewordene Maxime meldet, der, nachdem seine Frau an Krebs gestorben ist, wieder eine Beziehung zu Paulia will. Sie lehnt ab, wehrt auch Vincents Besuche ab, um durchzudrehen, als die Bäume vor ihrem Haus gerodet werden. Mit Valium legt sie sich ins Bett, um nicht mehr aufzustehen, bis sie Vincent schließlich zu einer Reise ans Meer überredet kann. Dort kommt es zum sexuellen Kontakt der beiden, den Paulina nach der Rückkehr zum Fehler erklärt. Sie bekommt einen Bandscheibenvorfall und einen leichten Herzinfarkt, kommt ins Spital und will nach ihrer Rückkehr ihr Tagebuch vernichten.
Wieder hindert sie Vincent daran, der gekommen ist, um sich von Paulina zu verabschieden, da er seine Zahnarztpraxis nach Hamburg verlegt, um mit der total veränderten Flory dorthinzuziehen.
Die Physiotherapeutin ist mit der erfolgreichen Bändigung von Paulinas Bandscheiben zufrieden und schließlich ruft noch Maxime an, um sie aufzufordern, bei seinem Balletabend mitzuwirken, weil man sich auf die jungen Choreographen nicht wirklich verlassen kann. So wagt Paulina einen vorsichtigen Neubeginn und beschließt ins Leben hinauszugehen und wieder Menschen tanzen zu sehen…
So weit das “Späte Tagebuch”, der 1939 geborenen Schauspielerin, die sich 1999 vom Burgtheater zurückgezogen hat und schon viele Bücher geschrieben hat. Die 1997 erschienenen Erinnerungen an eine Jugend “Am Ende des Gartens” habe ich in Harland zu lesen begonnen, das “Späte Tagebuch” ist auch sehr interessant.
Enthält es sicher einige autobiografische Elemente, so ist ja auch Erika Pluhars Tochter gestorben und in einem Haus mit großen Garten am Stadtrand lebt sie, glaube ich, auch. Dennoch ist es eine fiktive Geschichte und setzt sich auch nicht so sehr mit dem Altern auseinander, wie ich nach den Interviews erwartet habe. Das Buch ist nicht linear geschrieben, einiges ist ausgespart, vieles ist nur angedeutet und passiert oder auch nicht, ein bißchen Klischee ist auch dabei.
So die Sache mit dem Sex und den jüngeren Liebhabern und bei Erika Pluhar, die ja eine ungewöhnliche Frau, mit einem ungewöhnlichen Leben ist, ist sicher interessant, wie sie sich als Schriftstellerin etablieren konnte. Als es 1999, die Libro Bestseller Aktion gab, ist gerade “Mathildas Erfindungen” erschienen, seither habe ich ihren schriftstellerischen Werdegang verfolgt, obwohl das “Späte Tagebuch”, das erste Pluhar Buch ist, das ich ausgelesen habe.
Das Thema Altern interessiert mich sehr und man kann sicher einiges darüber und wahrscheinlich auch von Erika Pluhar erfahren.
Daß sich inzwischen viele ältere Frauen mit ihrer Biografie beschäftigen und zu schreiben beginnen, finde ich ebenfalls sehr wichtig. Da gibt es auch Schreibkurse, wo man das lernen kann, auch wenn das Veröffentlichen bei Normalbiografien sicherlich viel schwerer ist.
Es ist auch interessant, das Buch mit Anita C. Schaubs “Tanzende Rose” zu vergleichen, die ja ein ähnliches Thema auf ähnliche Weise aus einer anderen Position beschrieben hat.
Damit lasse ich es, zur Biografie Erika Pluhars werde ich ja noch kommen, wenn ich am “Am Ende des Gartens” bespreche.