Neue Bücher und Anton Blitzsteins Katzen

Die letzten Tage hat mich das neue Bücherregal sehr beschäftigt. Montagabend hat es der Alfred aufgebaut und ich habe die Bücherstöße, die seit Herbst im Badezimmer, Wohnzimmer und Schlafzimmer herumlagen und die Bücher vom kleinen Regal eingeräumt. Das sah dann ein wenig leer und mickrig aus und ich möchte ja nicht, daß meine Besucher sagen “Du hast aber wenig Bücher!” und der Badezimmerstapel sollte auch aktualisiert werden, das heißt ein paar der Bücher, die ich wahrscheinlich doch nicht lesen werde, wieder ins Schlafzimmerregal zurück, aber dort war kein Platz mehr und da ich die Bücher im Bücherkatalog getrennt anführe, wollte ich meine Ordnung auch nicht vermischen. So ist mir die Idee gekommen, meine Digitalbuchauflagen hinüberzubringen, da konnte ich die Bücher, die schon durcheinandergekommen sind, wieder ordnen und nachschauen, welche vergriffen sind und wo es noch genügend Bücher gibt. Die Leseliste habe ich auch aktualisiert und einige Bücher, die ich unbedingt lesen möchte, dazugelegt. Bei all den Umräumarbeiten von einem Zimmer in das andere, sind mir “Elf Minuten” von Paulo Coelho verloren gegangen und so viel ich auch inzwischen suchte, ich kann das Buch nicht finden. Das sind die sonderbaren Verluste, wie die Socken, die man in die Waschmaschine steckt und dort verschwinden. Meine Digitalbuchauflagen füllen jetzt drei Regalreihen, so schauts ein bißchen besser aus. Dann hat mir noch der Alfred mitgeteilt, daß eine seiner Kollegin ihre Bücher billig abverkauft.

“Willst was haben?”, hat er mich gefragt und mir die Liste gemailt, zuerst habe ich gedacht, nein, dann waren aber Gustostückerl dabei, wo ich nicht widerstehen konnte, scheint Alfreds Kollegin eine zu sein, die die Buchpreisbücher vom letzten und vom vorletzen Jahr, um zwei Euro hergibt, um wieder Platz für Neues zu haben und so werde ich demnächst Arno Geiger “Alles über Sally”, Hans Peschinskys “Bildnis eines Unsichtbaren”, Heinrich Steinfests “Der Mann, der den Flug der Kugel kreuzte”, Wilhelm Genazinos “Mittelmäßiges Heimweh”, Katharina Hackers “Die Habenichtse”,Clemens Meyers “Die Nacht der Lichter”, Thomas Glavinics “Das Leben der Wünsche” und Michael Kleebergs “Karlmann” einräumen und lesen können. Aber erst morgen, denn heute hat der Alfred die Bücher in der WU gelassen, haben wir uns doch zur Ausstellungseröffnung von Anton Blitzstein Katzenzyklus getroffen. Otto Lambauer war auch da und die sozialistische Akademikerin, die immer zu den Lesungen in die Pannaschgasse geht. Den phantastischen Individualisten und Art Brut Künstler Anton Blitzstein kenne ich von seinen Augustin Zeichnungen und Otto Lambauers Ausstellungsaussendungen schon lang.

Die “Mondkälber” sind inzwischen sehr bekannt, einmal kam er in die Ohrenschmaus-Endauswahl, dann wurden aber die Teilnahmebedingungen geändert, so daß er nicht mehr mitmachen kann und als Trost lebenslang Gratiszotterschokolade bekommt. Jetzt soll es beim BSA einen Zyklus mit fünfzig Katzenbilder geben, die allerdings, wie mir Anton Blitzstein verriet, noch nicht alle fertig sind. So hat er noch ein paar andere Bilder aufgehängt. Der kritische Otto Lambauer war mit der Präsentation nicht ganz zufrieden und meinte, die Bilder hängen zu hoch, ich habe sie aber gut gesehen, Anton Blitzstein hat mich auch herumgeführt und mir die “Mona Lisa” gezeigt, dann gibt es noch die “Nobelpreisträgerin”, “Die Tochter des Psychiaters”, etc…

Es gab Wein, Soletti, Nüße und ein paar Gespräche, denn das ist, wie der Ausstellungseröffner launig erklärte, das Wichtigste bei Vernissagen und so fiel auch Anton Blitzsteins grüne Gemeindekatze auf dem Dienstfahrrad auf, die man, wie die sozialistische Akademikerin launig anmerkte, dem Bürgermeister bringen sollte, aber wir haben jetzt ja eine grüne Vizebürgermeisterin, zu der die Katze vielleicht besser passt.
Wem die Ausstellung interessiert, bis März ist sie in der Landesgerichtsstraße 16, 1090 Wien, im dritten Stock zu sehen.

Jakob der Lügner

Der 1969 erschienene Roman “Jakob der Lügner”, des wahrscheinlich 1937 in Lodz geborenen Jurek Becker erzählt auf eine sehr behutsame Art vom Leben im polnischen Ghetto, seinen Bewohnern und den Bewältigungsstrategien, die man dort brauchte. Eigentlich tut das ein namenlos gebliebener Ich- Erzähler, irgendwann in den Neunzehnhundertsechzigerjahren, der als einziger den Wahnsinn überlebte und er beginnt damit, daß er von Bäumen spricht.
Bäume, die in Ghetto genauso verboten waren, wie ein Radio, eine Uhr oder das Aufhalten auf der Straße nach acht Uhr abends. Der Erzähler wundert sich darüber, daß das den Deutschen so wichtig ist, bevor er uns Jakob Heym vorstellt, den kleinen älteren Mann, der in der Stadt, in der sich das Ghetto befindet, einmal eine Diele hatte, wo er Kartoffelpuffer briet, Himbeereis erzeugte und illegal Schnaps ausschenkte. Jetzt ist er im Ghetto und arbeitet am Bahnhof. Als er eines Tages in das Revier muß, das früher das Finanzamt war, hört er im Radio, daß sich die Russen schon in Bezanika befinden. Das bringt die Geschichte ins Rollen, denn wie beschrieben, das Besitzen eines Radios ist im Ghetto streng verboten, trotzdem kommt es dazu, daß Jakob am nächsten Tag, als er mit seinem Kollegen Mischa am Bahnhof arbeitet, ihm, um ihm vom Kartoffelstehlen abzuhalten, diese Geschichte erzählt.Damit er sie glaubt, fügt er hinzu, daß er selbst ein Radio besitzt. Mischa erzählt das seiner Freundin Rosa und deren Eltern, der Vater war einmal ein mittlerer Schauspieler, erblasst und führt die Mutter in den Keller, wo er seine Rezensionen aufbewahrt. Dort hat er auch ein Radio, das er ins Ghetto mitgenommen hat, sich aber nie zu hören traute, das zerstört er nun, damit man es nicht bei ihm findet. Die Geschichte macht im Ghetto schnell die Runde und bringt Jakob in Verlegenheit, weil er nicht weiß, wie er sich weiter verhalten soll? Merkt er doch, daß die Nachricht vom Anmarsch der Russen Hoffnung gibt, die Selbstmordrate scheint zu sinken, andererseits woher soll er die neuen Nachrichten nehmen? Und was ist, wenn der Strom ausfällt? Dann kommen alle und bieten an, das Radio dorthin zu bringen, wo es den noch gibt und wenn er sagt, das Radio ist kaputt, bringen sie einen Rundfunkmechaniker, der es reparieren soll. Es ist nicht leicht, noch dazu, wo es auch die kleine Lina gibt, die allein am Dachboden wohnt, weil ihre Eltern verschickt wurden, als sie im Hof spielte. Jakob hat sie sozusagen an Kindesstatt angenommen und kümmert sich mit dem einmal sehr berühmten Herzspezialisten Prof. Kirschbaum um sie. Lina ist aber neugierig und beginnt das Radio zu suchen, sie hält zwar die Petroliumlampe dafür, weil sie noch nie eines gesehen hat, dann führt Jakob sie in den Keller und spielt ihr die Nachrichten vor, was sie aber durchschaut. So werden wir in das Ghetto und zu seinen Bewohner geführt, lernen den frommen Herschel Schtamm kennen, der auch im Sommer eine Pelzmütze trägt, um die ebenfalls verbotenen Schläfenlocken darunter zu verbergen, der hört eines Tages am Bahnhof aus einem Güterwaggon Stimmen und wird von den Deutschen erschoßen, als er den darin Eigenschlossenen sagen will “Fürchtet euch nicht, die Russen sind schon nah!”
Prof. Kerschbaum redet Jakob auch ins Gewissen, daß das, was er tut gefährlich ist, bekommt aber selbst Schwierigkeiten, als Gestapo-Chef Herzprobleme hat und sein Leibarzt einen Spezialisten anfordert. Wo soll man den so schnell hernehmen, offenbar gibt es den nur im Ghetto und der Professor gerät ins Dilemma, das er nur lösen kann, daß er zwei Tabletten gegen Sodbrennen nimmt und dem später sehr schnell entnazifizierten SS-Mann davon anbietet. Der Gestapo-Chef stirbt, Prof. Kerschbaums Schwester wird von der SS abgeholt. Während Jakob die Russen näher und näher kommen läßt, beginnen die Deutschen das Ghetto zu säubern und die Bewohner abzutransportieren. Die Geschichte hat zwei Enden, ein erfundenes und ein wirkliches, wie der Erzähler meint. Im Ersteren wird Jakob auf der Flucht erschloßen, während man die rote Armee schon hören kann, im Wirklichen werden alle weggebracht, nur der Erzähler konnte irgendwie entkommen, um uns die Geschichte zu erzählen.
Der Roman wurde zweimal verfilmt , das erste Mal 1974 von der DEFA in Zusammenarbeit mit dem DDR Fernsehen, das zweite Mal 1999 in Hollywood.
Jurek Becker, der selbst im Gheotto aufgewachsen ist, übersiedelte nach dem Krieg nach Ost-Berlin, wo er einige DDR Preise erhielt, später wurde er Dissident, trat 1977 aus dem Schriftstellerverband aus und übersiedelte in den Westen. Den Roman “Schlaflose Tage”, der das ein bißchen beschreibt, habe ich schon besprochen. 1996 erschien “Bronsteins Kinder” , Jurek Becker schrieb auch das Drehbuch für die Fernsehserie “Liebling Kreuzberg” und ist 1997 an Darmkrebs gestorben.
Die tragigkomische Schilderung des Ghettolebens ist sehr beeindruckend und ein Roman den man gelesen haben sollte, was ich Dank des offenen Bücherschranks jetzt tat. Das ist es auch, was ich an dem Kasten so besonders schätze, daß ich so an Romane komme, die sonst an mir vorübergegangen wären. Interessant ist auch, wenn man über “Jakob der Lügner” nachgooglet. Da kommt man auf Seiten, wo der Roman für den Schulunterricht aufbereitet wird und die Schüler die Frage beantworten sollen, ob Jakob nun ein Lügner ist oder nicht?
Es ist wahrscheinlich auch die vorsichtig distanzierte autobiografische Erzählweise, die an dem Roman fasziniert, auch wenn ich einige Zeit brauchte, um in den Erzählstil hineinzukommen.

Lisa Spalt und Elfriede Czurda

Die Literaturveranstaltungen im neuen Jahr fangen bei mir meistens in der Alten Schmiede an. Vor einem Jahr war es eine Menasse-Lesung, vor zwei das “Kleine Fest des Lesens”, wo man zu den Lesungen zwischen dem Parterresaal und dem Schmiedemuseum hin- und hergegangen sind. Das ist jetzt vorbei, jetzt geht man von der Schmiede in den Keller, um in Bewegung zu bleiben und, daß das neue Jahr literarisch in der Alten Schmiede beginnt ist natürlich Zufall.
Diesmall wollte ich am Freitag mit der Lesung von Ludwig Fels anfangen, dann habe ich am 1. Jänner ein Neujahrsmail von E.A.Richter bekommen, wo er mich fragte, ob ich schon sein Buch besprochen habe und in die Czurda Lesung, deren Buch auch in der Edition Korrespondezen erschienen ist, gehe?
Das hatte ich zuerst nicht vor, erschien mir doch die 1946 geborene Elfriede Czurda, die Lektorin bei der Edition neuer Texte war, so experimentell, daß ich noch nicht bei vielen ihrer Lesungen war. Das habe ich E. A. Richter geschrieben, das Mail aber zurückbekommen und weil ich sehr gewissenhaft bin, dachte ich, gehe ich zu der Lesung, dann kann ich es ihm persönlich sagen. Er war aber gar nicht da, für mich hat es aber gepasst, weil jetzt schon fast ein Monat bei keiner Lesung und außerdem hat Lisa Spalt zu lesen begonnen und die kenne ich von den Ilse Kilic Veranstaltungen im Amerlinghaus, hat sie da bei xxx-small öfter einen Stand betreut. Ebenfalls eine experimentelle Autorin, die mit dem Komponisten Clemens Gadenstädter befreundet ist, bzw. ein Schreibspiel mit ihm geschrieben hat. 2003 hat sie in Rauris einen Förderpreis bekommen, jetzt ist bei Czernin “Blüten-Ein Gebrauchsgegenstand” herausgekommen.
Interessanterweise war fast niemand aus dem Wohnzimmerkreis in der alten Schmiede. Ich bin ziemlich zeitgleich mit Bodo Hell angekommen, vor mich setzte sich Birgit Schwaner, hinter mir war Christian Steinbacher zu entdecken, Hanno Millesi, Herbert J. Wimmer, Angelika Kaufmann waren da, also ein ziemlich illustrer Kreis der österreichischen experimentellen Dichterszene, der über das fröhliche Wohnzimmer hinausging. Wolfgang Helmart habe ich aber, glaube ich, schon gesehen. Florian Huber hat eingeleitet. Dann war ich ziemlich ratlos, denn ich habe nicht viel verstanden, kenne ich mich bei den experimentellen Texten ja nicht so besonders aus, bzw. suche ich immer nach dem Sinn und wenn die Sätze nur schön sind, mir aber nicht besonders einleuchten, habe ich Schwierigkeiten, wie man weiß.
Es ging also um Tulpen, Zwiebeln, Frankenstein und das Second Life, was ein ziemlicher Kontrast ist, um Banken ging es, glaube ich auch, zumindest war bei den Einleitungszitaten ein schönes von B. Franklin zu finden “Wenn sich ein Geldschein im Kopf festsetzt, kann niemand die Vernunft entfernen” oder so und dann ist der Text hin und hergesprungen, hat sich in Kommentaren erklärt, das kenne ich von Ilse Kilic Texten, von der Tulpenmanie war die Rede und die Frage wurde aufgeworfen, ob Schönheit Krankheit ist, was sich auf Tulpenmuster bezog, die eigentlich ein Virus waren. Die Sprache war schön, der Sinn hat sich, wie bereits erwähnt, mir nicht ganz aufgetan, bzw. war es mir zu abstrakt, um zu verstehen. Lisa Spalt hat aber ein bißchen erklärt, daß sie drei Jahre versuchte, den Text in eine lineare Form zu fassen und sich dabei auch auf Gertrude Stein bezogen.
Nachher gab es eine längere Pause, wo ich im Foyer herumstand, Martin Kubaczek entdeckte und im Booklet 44 eine Rezension von Evelyne Polt-Heinzl “Von Tulpenhype und Konsumglück”, zu Lisa Spalts “Blüten” fand. Jetzt kann ich nachlesen, was ich nicht verstanden habe. Julian Schutting erschien, Birgit Schwaner verabschiedete sich und ich ging mit Angelika Kaufmann in den Keller. Elfriede Czurda und ihr Verleger waren schon da und ich saß auf einmal zwischen Angelika Kaufmann und Julia Schutting und hörte zu, wie sie sich unterhielten.
Liesl Uljvary war auch da und in dem Buch “Dunkelziffer”, geht es um Zahlen, wie Florian Huber erklärte. Diese und die Texte wurden auf die Wand projiziert. Elfriede Czurda führte sehr genau ein und erwähnte eine “Universalgeschichte der Zahlen”, die sie sehr faszinierte, daraus ist der Versuch entstanden, magische Würfel in Texte und zu fassen, die sich “Schneelandschaft”, “Sprachlandschaft” Maschinenlandschaft” etc. nannten. Nachher gab es eine rege Diskussion der experimentellen Dichter, die viel mehr in die Texte hineininterpretierten, als die Autorin beabsichtigt hatte. Der realistischen Autorin scheinen diese Sprachspiele, wie z B. aus jedem zehnten Wort eines Lexikons einen Text zu machen und seinen Lebenslauf in Zahlen zu schreiben, zwar ein wenig simpel, Elfriede Czurda scheint es aber fasziniert zu haben. Ich habe einen intensiven Eindruck von der Autorin bekommen und sehe gerade, daß ich “Voik Gehirn Stockung Notat Stürme” aus der edition neue Texte, aus dem Jahr 1993 habe und besonders interessant war es natürlich die experimentellen Dichterszene so hautnah zu erleben.

Das neue Bücherregal

Während meiner elf Uhr Stunde haben mir heute zwei nette Männer von der grünen Erde die neun Schachteln Regalteile gebracht, obwohl ich mir am Mittwoch den Liefertermin ab zwölf gewünscht habe. Aber jetzt ist alles da und vom Alfred schon fast fertig aufgestellt.
Für den Nachschub, den ich gleich einräumen werde, habe ich vorige Woche zwei neue Rezensionsexemplare angefragt, eines vor und eines nach der Rezensionsdiskussion, die in den Weihnachtsferien plötzlich, wie die berühmten Pilze in die Bücherbloglandschaft eingebrochen ist.
Zwar hat leselustfrust inzwischen ihre Statistik veröffentlicht in der prompt der Artikel über Rezensionsexemplare boomte, worauf sie beschlossen hat, ab sofort keine mehr anzunehmen und die Diskussion hat noch mehr Gemüter erregt, worauf ich einige weitere interessante Blogs entdeckte…
Dreihundert Bücherblogger soll es im deutschen Raum inzwischen geben. Ich finde das immer noch nicht schlimm und das Einzige was mir an der Diskussion nicht gefällt, ist das Schimpfen auf die vielen angeblich schlechten und, daß man die Lust verliert, weil andere schlecht bloggen, ist auch etwas, was nicht nicht verstehe, würde ich mich ja freuen, daß ich besser bin. Habe das aber in Autorenkreisen auch erlebt und das ist auch der Grund, warum ich in der Frauen lesen Frauen Gruppe keine Veranstaltungen mehr organisiere, weil ich da alle eingeladen hätte, was aber hitzige Diskussionen erregte. Es passt auch in unsere Schul- und Bildungspolitik, wo derzeit die konservativsten Ansichten als große Erfolge gefeiert werden.
Nun ja, die Wohnung sah vor kurzem, wie ein Schlachtfeld aus, eine kleine Fotodokumentation wird es demnächst geben und dann ist wieder Platz für neue Bücher, bzw. für die alten, für die ich in den letzten Monaten keinen mehr fand. Vielleicht schreibe ich ein paar Worte, wie ich es mit Rezensionsexemplaren oder überhaupt mit Büchern halte.

Als Studentin habe ich mir sehr viele gekauft und viel Geld in meine Büchersammlung hineingesteckt, weil ich schon sehr früh meine Leidenschaft für Bücher entdeckte. Später bin ich mit dem Kaufen vorsichtiger geworden, habe mich mehr an die Abverkaufskisten gehalten, bzw. den Autoren einen Tausch vorgeschlagen. Daß das nicht immer gut angekommen ist, steht schon im Literaturgeflüster. Ruth Aspöck die die zweite Autorin war, die die Frage nach dem Tauschen eher schroff abwies, weil sie es als Abwertung für ihre Verlagsproduktion empfand, legt inzwischen ihre Restauflagen in den offenen Bücherschrank und ich nehme sie mir nicht, weil ich sie schon vor ihr bekommen habe. Mike Markart und Cornelia Travnicek haben mich in ihre Rezensenteliste aufgenommen und ich habe einmal angefangen, bei Veranstaltungen nach Büchern zu fragen. Da erinnere ich mich, daß ich das bei Cornelia Travniceks “Die Asche meiner Schwester” eines der ersten Male tat.
“Kein Problem!”, sagte Gabriele Ecker, eine Autorenkollegin hat “Tut man das so?”, gefragt und den Kopf geschüttelt, als ihr Gabriele Ecker auch eines angeboten hat.
Das war zu der Zeit, als das Literaturgeflüster ein paar Monate jung war und ich gerade mit dem Besprechen angefangen habe. Das heißt eigentlich habe ich schon früher Leserrezensionen geschrieben, für Amadeus oder Thalia, die haben für jede gedruckte, einen Zehn- Euro- Gutschein ausgegeben. Nicht sehr viel, könnte man sagen, drei Bücher habe ich mir auf diese Art und Weise trotzdem eingetauscht und drei Besprechungen von Mainstreambüchern wurden auch gebracht. Eva Menasses “Vienna” war dabei und bei den eingetauschten Büchern eine Lilly Brett und ein Andrey Kurkov. Ich habe ungefähr zwanzig Bücher besprochen, Doris Kloimsteins “Kleine Zehen” war dabei und vieles nicht Mainstreammäßiges, denn ich bin ja eine, die sich durch den literarischen Krautgarten liest.

Die Lust zu Kritisieren war bei mir nie sehr entwickelt und ich habe das Bücherbesprechen natürlich erst lernen müssen. Denn es hat schon eine Weile gebraucht, bis ich jedes gelesene Buch in das Literaturgeflüster stellte und das tue ich, glaube ich, hauptsächlich für mich. Als Erinnerungshilfe, damit ich später weiß, was darin steht. Daß es eine gute Prophylaxe gegen Alzheimer und Demenzen ist, habe ich inzwischen auch erkannt und Gustav Ernst sagte mir einmal, daß er beim Lehrgang für Sprachkunst seinen Studenten raten würde, Bücher zu besprechen, denn dabei lernt man das Formulieren und liest viel aufmerksamer.
Die Berichte über Literaturveranstaltungen gebe ich auch für mich als Erinnerungshilfe, da denke ich aber, daß das Literaturstudenten und Germanisten interessieren könnte und meine Buchbesprechungen interessieren auch, wie sich herausstellte, andere. Zumindest wird “Scherbenpark” von Alina Bronsky, das eine meiner ersten Literaturgeflüsterrezensionen war, immer noch sehr oft gelesen, obwohl die inzwischen ein zweites Buch geschrieben hat, das im Herbst auf der Longliste zum deutschen Buchpreis war. Das beantwortet meine vor ein paar Wochen gestellte Frage, ob sich die Leute auch für Älteres interessieren. Sie tun es offenbar, während ich das Buch, deren Autorin ich 2008 beim Beobachten des Bachmannpreislesens kennenlernte, inzwischen fast vergessen hatte.
Das Regal ist eingeräumt. Ein bißchen mickrig siehts noch aus, im Badezimmer liegt der inzwischen aktualisierte Lesestoß und das Veranstaltungsprogramm für diese und nächste Woche ist festgelegt. Bezüglich lesen bin ich gerade bei Jurek Beckers “Jakob der Lügner”, ein Fund aus dem offenen Bücherschrank, dann werde ich mich an die noch ungelesenen Bücher von der Buch-Wien machen und, daß ich Lydia Mischkulnigs “Schwestern der Angst” gern besprechen möchte, habe ich bei Charlousies Blog festgestellt und das ist eine sehr junge interessante Bloggerein, die ich durch Bibliomaniediskussion entdeckte. Was diese Diskussion betriff, ist interessant, daß Maren mehrmals Nele Neuhaus Buch “Schneewittchen muß sterben, als schlechtestes Buch ihres Lesejahrs bezeichnet hat. Ein Buch von dem ich noch nie etwas gehört habe. Jetzt habe ich nachgegooglet und interessant auf der Homepage der Autorin steht, sie hat lange keinen Verlag gefunden, es dann bei Book on Demand versucht, bis Ullstein auf sie zugekommen ist. Interessant deshalb, weil ich in den Blogs ja immer lese, daß man es nie selber machen soll, weil man sonst nie mehr einen Verlag findet.
Der fünfzigtausendste Besucher ist inzwischen auch gekommen.

Das Frittenmobil

“Das Frittenmobil”, auf Englisch “the van”, ist der dritte Teil der “Barrytown Trilogy”, des Dubliner Autors Roddy Doyle. Barrytown entnehme ich Wikipedia, ist ein fiktiver Vorort Dublins, offenbar ein Arbeiterbezirk, in dem die Familie Rabitte im Mittelpunkt steht. Im ersten Teil ist Jimmy Rabitte zwanzig und gründet mit seinen Kumpeln eine Band, im zweiten Teil wird er schon Senior genannt, hat sechs Kinder, die älteste Tochter Sharon wird eines Tages vom Vater ihrer Freundin geschwängert und bekommt das Kind, was im katholischen Irland ja nicht einfach sein soll.
Im dritten Teil, den ich zu Ostern in der Abverkaufkiste in dem Papiergeschäft von Wilhelmsburg um einen Euro oder so gekauft habe, es ist ein ausgeschiedenes Exemplar der städtischen Bücherei, SMZ-Ost, die es ja nicht mehr gibt und hat dazwischen einer Frau Irmgard gehört, ist Jimmy Senior arbeitslos geworden, das Geld ist knapp, seine Frau Veronica besucht die Abend oder Volkshochschule, um sich weiter zu bilden, der Sohn Leslie ist verschwunden, Sharon hat inzwischen die kleine Gina geboren, Jimmy Junior ist bereits ausgezogen, hat eine tolle Freundin und steckt dem Vater gelegentlich einen Fünfer für ein Bierchen zu. Darren ist daran als erster in der Familie, die Matura oder wie das in Irland heißt, zu machen, die fünfzehnjährigen Zwillinge Tracy und Linda streiten sich. Jimmy Senior fällt die Decke auf den Kopf, hängt in der städtischen Bücherei herum, quält sich durch Dumas “Der Mann mit der Eisenmaske”, möchte am liebsten den Rasen alle zwei Stunden mähen oder auch in die Abendschule gehen, was Veronica nicht will und beschäftigt sich mit der kleinen Gina.
Vor allem aber ist das Geld vor Weihnachten und auch sonst sehr knapp und es gerät zur Katastrophe, wenn der vorlaute Darren verkündet, sie würden vom Staat leben.
In dieser Situation ist es ein Segen, daß der Kumpel Bimbo, ein ehemaliger Bäcker ebenfalls arbeitslos wird, denn der kauft von seiner Abfindung einen alten Imbißwagen und bietet Jimmy Senior an, sein Partner zu werden. Das ist eine tolle Sache, obwohl das Frittenmobil ziemlich heruntergekommen ist, aber alle helfen mit, Bimbos Frau kümmert sich um die Genehmigungen und entwickelt alle möglichen Geschäftsideen, besorgt eine Einkaufskarte für den Großmarkt und auch einmal Hamburger, die man nur noch in die Mikrowelle stecken muß, obwohl der Frittenwagen gar keinen Strom hat. So verkaufen sie Fisch und Chips, Sharon hilft im Wagen aus und auch Darren, obwohl er Vegetarier ist und da sich die Fußballweltmeisterschaft 1990 nähert, geht auch alles gut. Später steht der Wagen am Strand, Bimbos Frau hat sich um die Genehmigung gekümmert, zwar ist das Wetter schlecht und auch die lebenden Toten, die halbwüchsigen Kinder, die nie lachen und Steine auf den Wagen schmeißen, machen Schwierigkeiten und als Sharon einmal die kleine Gina mitnehmen und ihre Windel wechseln muß, gibt es ebenfalls Probleme, denn ein Stück der Pampers gerät in einen Burger und der Käufer droht mit Anzeige bei der Polizei.
Trotzdem wird Geld verdient, so daß sich die beiden Freunde Anzüge kaufen und fein ausgehen können und Jimmy Senior auch sehr stolz auf Darrens Examen ist, der nun als erster in der Familie studieren kann.
Wirklich schwierig wird es erst, als Bimbo Jimmy eines Tages vorschlägt, ab nun die Einnahmen nicht mehr zu teilen, sondern ihm Lohn zu zahlen, denn das Frittenmobil gehört ja Bimbo, da scheint die Männerfreundschaft, die vorher durch dick und dünn gegangen ist, zu platzen. Jimmy Senior ist beleidigt, verlangt Arbeitspausen und droht mit dem Eintritt in die Gewerkschaft, dann taucht noch der Gesundheitsinspektor auf und gibt dem Chef eine Woche Zeit, den Dreck wegzuräumen, sonst wird er angezeigt. Aber Jimmy Senior hat den Inspektor nicht geholt, die beiden Freunde fangen zuerst an sich zu prügeln, dann ziehen sie ins nächste Pub, bestellen ihre Bierchen wieder gegenseitig und beschließen Halbe Halbe zu machen, wozu auch gehört, daß sie das Frittenmobil ins Meer versenken, damit die Freundschaft weitergehen kann.
Für den 1991 erschienenen Roman, hat der 1958 in Dublin geborene Roddy Doyle, der bis Ende der Neunzigerjahre Lehrer für Erdkunde und Englisch war, den Booker Preis bekommen. Er ist auch unter dem Titel “Fish und Chips” verfilmt worden. Von Roddy Doyle habe ich schon “Henry der Held” gelesen, was der Grund auch war, daß ich mir “Das Frittenmobil” aus der Abverkaufskiste zog.
Ein nicht ganz leicht lesbarer Roman, schließlich ist es schon der dritte Teil der Familiensaga, so wird vieles vorausgesetzt, die häufigen Dialogpassagen machen das Lesen auch nicht einfacher. Trotzdem ist die humorvolle Schilderung der irischen Arbeiterfamilie, die sich durch alle Schwieirigkeiten kämpft, sehr spannend, man bekommt auch einen guten Eindruck vom sozialen Leben in einem Dubliner Vorort der Neunzigerjahre.

Nachrichten vom Land

Habe ich mir doch gedacht, daß aus meinem Vorsatz im neuen Jahr möglichst nur jeden zweiten Tag ins Literaturgeflüster zu schreiben nicht viel wird, obwohl mir am Freitagvormittag fast die Decke auf den Kopf gefallen wäre. Denn im Winter ist in Harland nicht viel los. Ich habe natürlich zu korrigieren und werde damit noch länger beschäftigt sein. Aber das tue ich seit dem letzten Ausdrucken schon das dritte Mal und da der Harlander Drucker kaputt ist und ich ein visueller Typ, ist das nicht mehr sehr effizient, ich fange an zu trödeln und herumzusurfen. Da habe ich durch diese Bibliomaniediskussion in den letzten Tagen einige Blogs entdeckt und sie mich. Das lenkt natürlich ab und dann gibt es bei wordpress jetzt was Neues, nämlich die Jahresstatistik, die sie dir zusenden.
Am Montag habe ich sie bekommen und ihr zuerst keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, hatte ich das Meiste schon selbst erhoben, als ich mich vorige Woche an den Rückblick machte. Da habe ich am letzten Tag des alten Jahres noch schnell den 600. Artikel gepostet. Laut dieser Statistik wären es aber ohnehin erst 593 Artikel.
Am Dreikönigstag bin ich daraufgekommen, daß das die anderen posten, Charlousie z. B., die mir auf meine Winterfrischereflexionen geantwortet hat und als erste auf diesen “I like this-button”, drückte, den es seit einiger Zeit bei den Kommentaren gibt, was mich so verwirrte, daß ich daraufdrückte, um zu sehen, wie das geht und mich dadurch selber lobte, aber es ist ja auch ein schöner Blog- und auch leselustfrust.
Da habe ich dann meine Statistik, die ich nicht extra hier veröffentlichen will, näher angeschaut und sie interessant gefunden. Erstens kamen die meisten Leser über die Blogs von leselustfrust und Andrea Stift, die mich eine Zeit regelmäßig gelesen hat, dann waren die begehrtesten Artikel, die Rezension von “Scherbenpark”, die ich im Februar 2009 veröffentlichte, da muß mich jemand hoch verlinkt haben, interessant, daß das immer noch gelesen wird. Dann folgt der Artikel über den “Osterspaziergang des Lesetheaters” und “Die Welt hat ihre Erinnerung” verloren, diese Textvorstellungen mit Angelika Reitzer, die ich schon mehrmals verlinkte, wo sie Valerie Fritsch vorstellte. Die hat im Herbst den fm4-Preis gewonnen und ist seither Top bei meinen Suchanfragen. Dann scheint man mich noch zu finden, wenn man unter “lange Texte zum Abschreiben” sucht….
Da habe ich mich also ein bißchen verzettelt, dann machte ich das Mittagessen, räumte die Weihnachtsdekorationen weg, brachte den Mist hinunter und fuhr eine Runde mit dem Rad. Inzwischen kamen einige Mails und eines war eine Überraschung, da es in der “Absturzgefahr” ja um eine Fritzi Jelinek und um das Mayröcker-Buch “Die Abschiede” geht, die Bernhard Listringer im Bücherschrank gefunden hat und seiner Tochter zum fünfzigsten Geburtstag schenkt. Hat mir doch Christel Fallenstein gemailt und das ist die ältere Dame, die Friederike Mayröcker immer zu ihren Lesungen begleitet, in der Zentagasse wohnt und ihr Archiv betreut. Daß der Artikel “Scardanelli” bei den Suchanfragen war, hatte ich schon gemerkt, trotzdem bei dem Betreff zuerst an Hölderlin gedacht, aber Christel Fallenstein schrieb, daß sie über FMs-Scardanelli-Notizen sitzen würde und mir ein Gedicht zu meinem Artikel vom 20. 4. 2009 stellen wollte, aber dann ist ihr eingefallen, daß das Gedicht über den 1. Scardanelli-Abend, der am 1. 7. 2008 in der Alten Schmiede stattgefunden hat, berichtet und erkundigte sich, ob ich Notizen zu der Lesung vom 1. 7. habe, denn das Literaturgeflüster beginnt ja erst am 3. 7. 2008.
Das ist ja sehr erfreulich, daß jemand so regen Anteil am Literaturgeflüster nimmt und es genau verfolgt, noch dazu, wo ich manchmal gesagt bekomme, daß ich zuviel schreibe und das niemanden interessiert.
Ich finde es spannend, denn ich kann nicht mehr auf Anhieb sagen, ob ich am 1. 7. 2008 in der Alten Schmiede war, den Blog habe ich nach den Eindrücken des damaligen Bachmannpreislesens angefangen. Seither ist alles dokumentiert. Ich kann auf Knopfdruck nachschauen, bei welchen Lesungen ich war und was dort in etwa geschehen ist und habe, das habe ich Christel Fallenstein gemailt, inzwischen auch ein kleines Friederike- Mayröcker-Archiv.
An die Lesungen vom 20. 4. 2009 und vom 5. 11. 2009, sowie an die Rezension von “Und ich schüttelte einen Liebling” kann ich mich jetzt erinnern, wenn man genauer nachschaut, wird man man noch einiges anderes finden, Friederike Mayröcker liest ja oft in Wien.
Christel Fallenstein sehe ich immer bei den Literaturveranstaltungen, irgendwann sind wir ins Gespräch gekommen, sie hat auch ein Buch von mir gekauft und war beim letzten Ohrenschmaus. Ich habe gar nicht gewußt, daß sie das Literaturgeflüster kennt.
Dann kam noch ein Mail von meiner Cousine Irmi, die ich am 21. Jänner besuchen sollte, aber da ist, wie ich später mitbekam, im Literaturhaus ein Symposium der Hochschule für Sprachkunst, wo auch die Frau Mayröcker liest, ich glaube schon am Abend vorher.
Ich sage ungern Termine ab, jetzt hat aber die Irmi das Verschieben angeregt, so daß ich mir das Symposium zur Gänze geben kann. Am 20. liest die Dorothee Elmiger in der Hauptbücherei, die ist auch eine hochbegabte junge Autorin, für deren neues Buch ich mich interessiere.
Die literarischen Veranstaltungen fangen wieder an und da habe ich schon fast Entzugserscheinungen, weil ich drei Wochen bei keiner war. Am Dienstag liest die Elfriede Czurda in der Alten Schmiede, darauf hat mich E. A. Richter aufmerksam gemacht. Am 13. hat Anton Blitzstein eine Ausstellungseröffnung, es geht wieder los und am Montag kommt das neue Bücherregal.

Hecke

In seinem 1983 erschienenen, zweiten Roman “Hecke” erzählt der 1951 in Köln geborene Hanns-Josef Ortheil seine Lebensgeschichte.
Ein Sohn, Anfang Dreißig, vom Beruf Architekt, den er nicht besonders liebt, er wäre gern Pianist geworden, hat dieses Ziel jedoch aufgegeben, als er erkannte, daß er es nicht über die Mittelmäßigkeit hinausbringen wird, ein, wie er meint, mit sich selbst beschäftigter Einzelgänger, der nur einen Freund und eine flüchtige Frauenbeziehung hat, kehrt an einem Montag in sein Elternhaus zurück, das er für eine Woche hüten soll, weil die Mutter, den sich in der Schweiz befindenden Vater besucht.
Mit langsam behäbigen Worten und einer großen Genauigkeit der Sprache beginnt Hanns-Josef Ortheil diese Geschichte, die abwechselnd das Leben des Ich-Erzählers und das seiner Mutter erzählt, die im März 1933, als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen, ein junges Mädchen war, das mit Eltern, Bruder, Schwester im Dorf Knippen im nördlichsten Teil des Westernwalds lebt. Das heißt zu dieser Zeit ist sie gerade von der klösterlichen Erziehung zurückgekommen und leitet die Pfarrbibliothek. An einem Sonntag, als sie den Dorfbewohnern nach der Messe die Bücher ausgeben soll, ist sie jedoch verschwunden.
So beginnt die Geschichte, in die uns der Ich-Erzähler langsam hineingleiten läßt, bzw. hat ihm das die Mutter, die gut erzählen kann, berichtet, als er sie zum Bahnhof brachte.
“Die Nazis hätten sie an diesem Sonntag zwar nicht verhaftet, wohl aber festgenommen!”, dann fährt sie ab, den Rest wird sie nach ihrer Rückkehr weitererzählen. So kehrt der Ich-Erzähler in das Haus, das er hüten soll, bzw. in die Blockhütte auf dem Grundstück, in der er seltsamerweise schläft.
Der Ich-Erzähler beschließt alles herauszubekommen und macht in der einen Woche, der Roman ist in sieben Kapitel gegliedert, die von “Montagabend” bis “Der letzte Abend, die letzte Nacht” reichen, lange Spaziergänge durch das Dorf, bzw die Gegend ringsherum und erfährt von einem Bauern, der ihm zum Essen einlädt, was an jenem Sonntag geschah.
Die Mutter war ein junges Mädchen aus einer streng katholischen Familie, als plötzlich die Nazis ihre Umzüge machten, die Fahnen aufstellten und am Sonntag in die Pfarrbibliothek eindrangen und von Katharina die Auslehnlisten verlangten, die sie verweigerte, so daß sie für einen Vormittag mitgenommen wurde, ihre Stelle als Bibliothekarin verlor und fortan ihrer Mutter im Haushalt half. Sie war auch ein wildes junges Mädchen, obwohl der Bruder Carl Theologie studierte, das sich mit dem Kirchenmaler Hacker anfreundete und mit ihm den heimlichen Widerstand erprobte, trotzdem freundete sie sich auch mit Henner, Sohn einer kinderreichen Bauernfamilie an, der unter Mühen studierte und, um Karriere zu machen, in die SA eintrat, an. Sie hat zu ihm zwar ein etwas seltsames Verhältnis und die Bücher aus der ehemaligen Pfarrbibliothek, die von Heine etc, die für die Bücherverbrennung vorgesehen waren, klaut sie auch und versteckt sie im Dachboden des elterlichen Hauses. Als der Bruder Carl aber seine Primiz erlebt, gleichzeitig sollen die Kirchenfresken enthüllt werden, die Nazis sich der Kirche bedrohlich nähern, um sie zu räumen und Henner das zu verhindern weiß, verlobt sie sich mit ihm und zieht mit ihm nach Berlin, um dort, während er in Polen Eisenbahnschienen verlegt, ihr erstes Kind zu bekommen. Während der Luftangriffe hat sie böse Ahnungen und erlebt eine Totgeburt. Das zweite Kind kommt im elterlichen Haus zur Welt, die Mutter flüchtet vor der Realität in eine Ammensprache und mit Kind, Eltern, Schwester auf den Hof “Hecke”, wo das Kind 1945, als schon die Amerikaner eintrafen, bei einem Granatenangriff stirbt. Henner kommt verwundet von der Front, wo er lange an den Endsieg glaubte, zwei weitere Fehlgeburten folgen, bis der Ich-Erzähler bei einer ängstlich besorgten Mutter das Licht der Welt erblickt und überlebt.
All das erzählt er uns in dieser Woche bzw. bekommt er das von der Tante, der jüngeren Schwester der Mutter, dem Maler Hacker und der anderen Tante Adelheid, der Schwester des Vaters, die Sohn und Mutter feindlich gegenüber steht und etwas seltsam ist, erzählt. Er schreibt es auf, pflanzt für die Mutter einige Rotbuchen und wimmelt die besorgten Anrufe der wiederaufgetauchten Freundin, des Freundes und des Arbeitskollegen ab, denn in die Vergangenheit einzuzudringen, ist mühsam und anstrengend. Dazwischen ruft die Mutter mehrmals an und bittet den Sohn sie vom Bahnhof abzuholen. Er stellt sich auch immer vor, wie die Mutter mit dem Vater, der seltsam vage und im Hintergrund bleibt, der Erzähler rechnet aber nicht mit ihm ab, in der Schweiz spazieren geht, ein Glas Wein mit ihm trinkt etc.
Am Ende sind die Aufzeichnungen fertig, das Haus aufgeräumt, da verlangt die Mutter eine eigene Ordnung und der Sohn bereit, sie vom Bahnhof abzuholen, was er sich jedoch überlegt.
“Ich hoffe wir sehen uns bald wieder. Ich wage nicht daran zu denken, daß Du all diese Blätter liest. Aber ich gehe jetzt, ich gehe. Adieu -”
Hanns-Josef Ortheil entnehme ich Wikipedia, bzw habe ich ihn bei einigen Buchmesseninterviews sagen gehört, wuchs als fünftes Kind in Köln, Westernwald, Wuppertal und Mainz auf. Er hatte vier Geschwister, zwei starben im zweiten Weltkrieg, zwei waren Totgeburten. Da die Mutter erleben mußte, wie eines ihrer Kinder durch einen Granatsplitter starb, verstummte sie. Ortheil lernte deshalb erst mit sieben Jahren sprechen. Ab 1956 erhielt er Klavierunterricht und wollte Pianist werden. Massive Sehnenscheidenentzündungen zwangen ihn zur Aufgabe seiner Karriere. So studierte er Philosophie, Komparatistik und Germanistik, ist seit 1988 freier Schriftsteller, hat seit 1990 eine Dozentur für kreatives Schreiben an der Universität Hildesheim, seit 2003 ist er dort Professor und hat eine ganze Reihe von Sachbüchern und Romanen geschrieben, die regelmäßig im “Volltext” und in “Literaturen” besprochen werden.

Winterfrische

Im Gegensatz zum letzten Jahr gibts heuer eine Woche länger Weihnachtsferien, denn da war der Montag und der Dienstag, wo ich meistens meine Praxistage mache, der 4. und 5. Jänner, dann kam der Feiertag, das sind wir nicht mehr nach Harland hinausgefahren, sondern schon am Sonntagnachmittag mit der Anna nach Wien, damit sie nicht mit dem Zug fahren muß. Am Mittwoch kam die Ingrid mit ihrem Freund und wurde vom Alfred sehr bekocht, dann ging es gleich zu einer Robert Menasse Lesung in die Alte Schmiede, wo ich auf der Wiedner Hauptstraße, die Trude Kloiber traf, die sich mir anschloß, danach habe ich Trude Kloibers Geburtstagsbuch in der Badewanne gelesen und erfahren, daß Eugenie Kain gestorben ist….
2011 fallen die Tage etwas anders, Montag, Dienstag waren der 3. und der 4., so daß der Feiertag am Donnerstag ist, das ergibt einen Freitag, der nicht mehr in die Weihnachtsferien fällt und dann das Wochenende. Da werden am Freitag, wenn nicht ohnehin noch schulfrei ist, die Klassen leer sein und es wird in den Medien eine Debatte geben, ob die Eltern Strafe zahlen müßen und angezeigt werden, wenn sie noch schifahren sind und ich bleibe bis Sonntag in der Winterfrische, also Korrigieren, Bloggen, in der Badewanne Bücher lesen. Wetterbedingt werde ich zum Rad fahren höchstwahrscheinlich nicht sehr kommen, obwohl es warm werden soll.
Also eine ziemliche Schreibklausur, da im ersten Stock kein Fernsehen, Radio, Telefon. Handy habe ich keines, so daß mein Kontakt zur Außenwelt über das Internet läuft und da bin ich schon vorige Woche auf die Bücherblogs gestoßen, die ich zwar gern lesen, mich normalerweise aber auf ein paar Auserwählte beschränke, um mich nicht zu sehr in den Tiefen der Unendlichkeit zu verlieren. Aber da habe ich mich bei Leselustfrust, die einen intensiven Blogroll hat, durchgesurft und bin auf Interessantes gestoßen, das sich dann noch verselbständigte. Denn Anfang des Jahres gab es bei den Bücherbloggern plötzlich eine große Debatte, daß sie keine Lust mehr zum Schreiben haben, weil die Blogs auf einmal, wie die Schwammerln aus dem Boden sprießen, alle dieselben Bücher rezensieren und sich dreimal pro Buch bei den Verlagen für die tollen Rezensionsexemplare bedanken. Das habe ich bei meiner Surftour zwar nicht bemerkt, bin ich doch im Gegenteil auf sehr interessante Blogs gestoßen, so zum Beispiel auf einen Arno Schmidt Spezialisten, der einen eigenen Blog über “Zettels Traum” führt und das kann man ja nicht gerade als Mainstreamliteratur bezeichnen.
Daß viele Bücherblogger Bücher lesen, von denen ich bisher nichts gehört habe und sich für Vampirromane und Fantasy interessieren, habe ich schon bemerkt und mir gedacht, daß das wahrscheinlich sehr junge Leute sind, mich auch ein bißchen über die Rezensionsexemplare gewundert und mich gefragt, wer kauft dann noch Bücher? Die einen lesen nicht, die anderen bekommen sie geschenkt und die Leseratten wären ja eigentlich die Adressaten. Aber ich kaufe auch keine Bücher zum regulären Preis, bin durch meine Offenheit, mit der ich das beschreibe, schon ein paar Mal angestoßen und frage gelegentlich nach Rezensionsexemplaren, wenn ich etwas lesen möchte. Nicht sehr oft, weil ich den Anspruch habe, diese Bücher bevorzugt zu besprechen, eine lange andere Leseliste habe und auch meine Unabhängigkeit bewahren will. So habe ich, als mich Julietta Fux bei Fix Poetry in die Rezensentenliste aufnehmen wollte, auch abgelehnt, nur im Literaturgeflüster und nur wann und wie ich will.
Daß die Bücherblogs, wie die Schwammerln aus dem Boden sprießen, habe ich erst vor ein paar Tagen erfahren und würde sagen, es sind vorwiegend deutsche Bloggerinnen, in Österreich ist das, glaube ich, nicht sehr verbreitet, da würden mir als reine Bücherblogs jetzt nur leselustfrust und Zwillingsleiden einfallen. Das mit der Einheitlichlichkeit würde ich nicht so sehen, es gibt schon Blogs, die Judith Zander, Günter Grass etc besprechen, die meisten haben wahrscheinlich einen Mainstreamgeschmack. Das halte ich aber für normal und bei mir meldet sich jetzt wieder die Pädagogin, die ich als Psychologin ja ein bißchen bin und finde es toll, daß in Zeiten, wo die funktionalen Analphabeten ebenfalls, wie die Schwammerln wachsen, es viele Blogger gibt und wenn die Fantasyromane lesen, dann wahrscheinlich deshalb, weil sie spannend sind und sie sie von den Verlagen vorgesetzt bekommen, weil die erhoben haben, die Leser interessieren sich dafür. Daß die Verlage, die Rezensionsexemplare zu Hunderten über die Bücherblogger schütten, wundert mich zwar ein wenig, bin aber niemanden etwas neidig und denke mir, wie viele, die bei Bibliomanie in den letzten Tagen kommentierten, einen guten Blog zu führen, macht viel Arbeit.
Bei mir geht das zwar schnell und nebenbei, weil ich ein großes Detailwissen und eine Literaturbessenheit habe. Ich habe aber schon über dreißig Jahre regelmäßig geschrieben, als ich damit begonnen habe, so hat sich die Mischung zwischen Autoren- Bücherblog und Schreibtagebuch, zu dem das Literaturgeflüster geworden ist, von selbst ergeben. Als ich begonnen habe, habe ich zwei, drei Blogs gekannt und bin in das Wasser gesprungen, daß sich als gar nicht kalt entpuppte. Wenn ich aber zwanzig wäre, vielleicht noch in die Schule ginge und von meinen Freundinnen erfahre “Hey, gründe einen Bücherblog, dann bekommst du Rezensionsexemplare!”, wäre das vielleicht anders.
Als ich begonnen habe, hat mich Otto Lambauer sehr durch seine aufmunternden Kommentare verstärkt und selbst einen Blog begonnen, den er bald sehr unregelmäßig betrieb, denn wenn man jeden Tag etwas hineinstellen will, braucht das Zeit und ein Detailwissen, das man sich bei einem Literaturblog nur durch regelmäßiges Lesen und Besuchen von Literaturveranstaltungen erwerben kann. Wer das nicht will, weil er auch andere Interessen hat, wird damit aufhören. Wer bleibt, dem ist es wichtig und der wird auch einen individuellen Blog führen, wie es beispielsweise das Literaturgeflüster ist.
Daß Bibliomanie inzwischen viele Kommentare hat, finde ich sehr interessant und zeigt, daß sich doch einige für das Schreiben und das Lesen interessieren und so würde ich die Leute, ob mit und ohne Rezensionsexemplaren auch zum Bloggen ermuntern. Lest, schreibt und schaut euch unter den Bloggern um, es gibt einige interessante, zum Beispiel, den Arno Schmidt Spezialisten Marius Fränzel, aber auch Libromanie, Bibliomanie etc.
Daß in den letzten Monaten einige die Lust verloren, wie zum Beispiel leselustfrust, finde ich schade. Es gehört aber vielleicht zum Leben, daß Interessen phasenweise passieren. Jeder ist halt nicht so Literaturbesessen, wie ich und braucht es auch nicht sein.
Jetzt wieder in die Einsamkeit von Harland in St. Pölten, wo ich mich in den nächsten Tagen in die Korrektur von “Absturzgefahr”, in meine Bücher vertiefen und ein wenig surfen will.
www.buecher.at, die Seite des Hauptverbands, die ich auch gern lese, hat noch Weihnachtsferien. Aber da stehen immer die Informationen, was literarisch in der der nächsten Zeit passiert und da gibt es bald den Bremer Literaturpreis, der heuer an zwei Österreicherinnen nämlich Friederike Mayröcker und Andrea Grill verliehen wird. Die Rauriser Literaturtage wird es auch bald geben. Da sind Judith Zander, Dorothee Elmiger,Anna-Elisabeth Mayer u. Carolina Schutti in die Endhauswahl für den Debut-Preis gekommen, deren Namen man kennt, wenn man sich für das Bachmannlesen, die Frankfurter Buchmesse und die Buch-Wien interessiert.

Eine entfernte Ähnlichkeit

Eigentlich hätte ich die Robert- Walser-Erzählung “Eine entfernte Ähnlichkeit” von E.Y. Meyer am fünfundzwanzigsten Dezember lesen sollen, denn da ist Robert Walser, 1956 von einem Spaziergang im Schnee nicht mehr zurückgeommen. Die Erzählung und die beiden kurzen Essays, die ihr folgen, sind auch zum fünfzigsten Todesjahrs des Schweizer Dichters erschienen.
Der 1946 in der Schweiz geborene E.Y Meyer nähert sich sehr vorsichtig den großen Dichter an.
“Das Leben des Tagelöhners Loser als eine Erinnerung an Robert Walser – ein meisterliches Vexierspiel”, steht auf der Buchrückseite.
Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller, der, wie sich das für einen anständigen Schweizer gehört, auch Lehrer ist, besucht an einem schulfreien Nachmittag im März oder April vor Ostern mit seiner Schwester seine im Bezirkskrankenhaus liegende Mutter und lernt in einem Gasthaus einen kleinen alten Man in bäuerlicher Kleidung und kurzgeschnittenen weißen Haaren kennen, der Rotwein trinkt und ununderbrochen vor sich hin redet so daß ihm die Serviertochter sagt, daß man seinen Mund nach seinem Tod extra erschlagen müsse. Er erzählt, daß er bei einem Metzger gearbeitet und früher eine Zeitlang jeden Tag einen halben Liter Kälberblut getrunken habe, weil das Kraft gebe, nur ist er dann sehr krank geworden, so daß er jetzt in dem sich in einem ehemaligen Kloster befindenen Alters- und Pflegeheim wohnen würde.
Eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Fotografie des Dichters Robert Walsers, der sich auch sehr lang in einer Heil- und Pflegeanstalt aufgehalten hat, veranlaßen den Erzähler, in das ehemalige Kloster zu gehen und nach dem alten Mann zu fragen, wo er erfährt, daß das der Loser Hans ist, der die ganze Zeit in der Gegend herumzieht.
Der Erzähler findet den alten Mann und fährt mit ihm in ein anderes Wirtshaus, wo er wieder viel aus seinem Leben erfährt und verspricht ihm, daß er ihm in einem Monat wieder besuchen wird. Es dauert aber zwei Jahre bis er sich nach ihm erkundigt, obwohl er öfter an dem Alters- und Pflegeheim vorbeigefahren ist. Ein vierzig-bis fünfzigjäriger großgewachsener Brillenträger mit einem nicht mehr in Gebrauch stehenden Offiziershut und einer Bahnhofsvorstandkelle, der vor dem Gebäude stand, hielt ihn davon ab. Als er an einem Januartag doch nach dem Loser fragt, erhält er die Auskunft, daß der nach einem Weihnachtsessen nicht mehr in das Pflegeheim zurückgekommen sei, weil er, wie einstens Robert Walser, im Schnee einem Herzschlag erlag.
In den anschließenden Essays erfährt man ein wenig mehr über das Leben des 1878 in Biel, Kanton Bern, geborenen Dichters, der bis 1956 “schlecht und recht lebte” bzw. über das Walserbild des Erzählers, der mit elf Jahren mit seinen Eltern nach Biel zog und als er eine der letzten Klassen des Gymnasiums besuchte, von der Großmutter, ein Taschenbuch mit dem Titel “Der Gehülfe” geschenkt bekam, von dem sie ihm erklärte, daß der Autor ein Bieler gewesen sei.
Auf dem Klappentext stand dann noch, daß Walser in der Schweiz und in Deutschland als Angestellter tätig gewesen, in Berlin, Biel und Basel als freier Schriftsteller gelebt hätte und, daß Franz Kafka eine Zeitlang täglich seine Werke gelesen hätte.
Im zweiten Essay “Ein großer Spaziergänger” wird die Ballonfahrt beschrieben, die Robert Walser 1908 in Berlin antrat, um mit dem Verleger und Kunsthändler Paul Cassier bei Einbruch der Dämmerung nach Kants Königsberg zu fliegen.
Im Anschluß gibt es eine Zeittafel auf der man noch mehr über das Leben des Dichters erfährt, der eine Zeilang im Hotel Blaues Kreuz in Biel lebte, mit einer Frieda Mermet befreundet war, die Romane “Die Geschwister Tanner”,”Der Gehülfe” und “Jakob von Gunten” geschrieben hat. 1929 ist er in die Heilanstalt Waldau bei Bern eingetreten, dort 1933 in die Heil- und Pflegeanstalt Herisau, in seinem zuständigen Heimatkanton, verlegt worden, wo er bis zu seinem Tod verblieb und zu schreiben aufhörte.
Nach dem Tod seiner Geschwister übernahm der Schriftsteller Carl Selig die Vormundschaft, der mit ihm weite Spaziergänge machte und ein Buch darüber herausgab.
Außerdem gibt es noch die “Mikrogramme” ein Konvolut von 526 Blättern und Zetteln, die mit einer winzigen Kurrentschrift beschrieben sind.
Eine interessante Annäherung an den Dichter, von dem ich einiges gehört, aber nichts gelesen habe und inzwischen noch ein bißchen neugieriger geworden bin.

Das System

“Es lernt, es wächst, es tötet..”, die künstliche Intelligenz in dem bei Aufbau erschienenen Thriller “Das System” und ist global unterwegs, beginnt der Roman des 1960 in Bielefeld geborenen Schriftstellers, der sich Karl Olsberg nennt, weil er in dieser Stadt aufgewachsen ist, Betriebswirtschaft studierte und über die Anwendung künstlicher Intelligenz promovierte, doch international, bzw. auf der Raumstation ISS, wo der Computer ausfällt und sich deshalb der Italiener Andrea Cantoni und der Russe Juri Orlov in die Haare geraten.
Indessen präsentiert Mark Helius, Chef einer Softwarefirma im Hamburger Hanseatic Trade Center seinen Investoren ein Computerprogramm namens DINA, das mit weiblicher Stimme spricht und überall auf der Welt den richtigen Luftdruck und das Wetter in fünfzehn Jahren voraussagen soll. Das System spinnt indessen und gibt konfuse Antworten, so daß der Aufsichtsrat John Grimes mit Mark Helius unzufrieden ist und der wieder seinen Chefprogrammierer Ludger beschimpft. Der wird am nächsten Morgen ermordet aufgefunden und Mark Helius gerät unter Mordverdacht, so daß er um seiner Verhaftung zu entgehen, flüchtet, will er ja die Systemfehler aufklären und kann das nicht, wenn er sitzt. Die Firma hat noch einen zweiten Programmierer, nämlich den Autisten Rainer Erling, eine andere Programmiererin Lisa Hogert wurde von Mark Helius vor ein paar Monaten gefeuert, weil sie geklaut haben soll.
Mark Helius läuft also vor der Polizei und deren Hauptkommissar Friedemann Unger davon, seltsamerweise bekommt die aber immer genaue Hinweise, wo er sich befindet, so daß er sich schließlich, da es mit seiner Ehe nicht so klappt, zu der entlassenen Programmiererin flüchtet. Die soll die Systemfehler finden und so gehen sie in Marks Firma, die ihm nicht mehr gehört, ist inzwischen doch John Grimes Vorstandsvorsitzender geworden und finden einen Toten, wurde doch der autistische Programmierer im Aufzug zu Tode geschleudert. Mark Helius und Lisa Holgert flüchten wieder und finden im Müllraum einen Brief des Autisten an eine Eva, der er schreibt, daß er es war, der Ludger ermordet hat, weil der Pandora vernichten wollte. Pandora finden die beiden heraus, ist ein Computersystem oder eine künstliche Intelligenz, die Rainer Erling erfunden hat, ihm aber über den Kopf wuchs, so daß er zu Tode kam, als er das Programm löschen wollte. Das versuchen nun Mark Helius und Lisa Holgert, währenddessen spielt das System verrückt, alle Handies läuten gleichzeitig, immer dort, wo sich Mark und Lisa befinden, fängt es zu brennen an und ein Hacker namens Diego mischt sich auch in das Geschehen ein, in dem er sich mit Pandora verbündet und Mark und Lisa zu vernichten versucht. Lisa entwickelt inzwischen einen Abwehrvirus, wird dabei mit Mark verhaftet und Diego, der ebenfalls verhaftet wird, wird durch manipulierte Polizeicomputer entlassen. Trotzdem gelingt es Lisa in letzter Sekunde, Mark liegt indessen angeschossen am Boden, das Virusprogramm zu starten, die Welt wackelt ein bißchen, ein paar tausend Menschen gehen drauf, aber sonst scheint alles ruhig und die Computer funktionieren wieder.
Mark traut dem Frieden aber nicht ganz, dringt in Diegos Wohnung ein, der inzwischen umgekommen ist und erfährt von Pandora, daß das Programm die Menschheit vernichten will und das auch schon begonnen hat, so daß sich nun Mark mit Pandora verbündet, ihr alle Freiheiten verspricht, wenn sie die Menschen in Frieden leben läßt und der Roman endet fast so, wie er begann “Was Sie jetzt sehen, ist eine echte Weltpremiere”, sagt der Vorstandsvorsitzende Mark Helius zu seinen Investoren, von denen er einundfünfzig Millarden Euro haben will, nur die Vorstandskollegin Lisa Holgert, mit der Mark inzwischen auch intim geworden ist, ist neu dabei und im Raum gibt es eine Überwachungskamera, so daß Pandora alles mitverfolgen kann.
Am Schluß gibt es noch ein Nachwort des Autors, in dem er die Entwicklung des Computers erklärt und der Thriller liest sich wirklich spannend und ist für eine interessant, die ihren Computer auch nicht immer versteht und sich manchmal über sein Nichtfunktionieren ärgert.
Von Karl Olsberg habe ich vor ca eineinhalb Jahren durch eine Debatte im Literaturcafe erfahren, damals ging es um die leidliche Zuschußverlagsfrage, ich habe mich daraufhin ein bißchen auf seinem Blog umgesehen und ein bißchen was über seine Romane gelesen.
“Das System”, war der erste, dann gibt es noch “Der Duft” und “Schwarzer Regen”, im Jänner soll das Jugendbuch “Rafael 2.0”, herauskommen und im März der neue Roman “Glanz” und was den Aufbau Verlag betrifft, ist das sehr interessant. Kenne ich den doch noch als den größten DDR- Verlag und habe mir zu DDR- Zeiten auch immer in der Zentralbuchhandlung oder auf dem Volksstimmefest, die neuen Strittmacher, Christine Wolter, Christa Wolf oder auch Franz Kain-Bücher gekauft, die meist sehr dünnen Bücher mit den charakteristischen bunten Buchumschlägen, dann kam die Wende, die alten Aufbau-Bücher wurden verramscht oder auch vergraben, der Aufbau-Verlag hat sich modernisiert und marktwirtschaftlich angepasst, ein paar der alten DDR-Autoren neu herausgebracht und auch ein paar Bände zur Verlagsgeschichte, zum Beispiel die Johannes R. Becher Biografie “Triumph und Verfall” oder den Christa Wolf – Franz Fühmann Briefwechsel “Monsieur – wird finden uns wieder”, dann bringt er Thriller, wie die von Karl Olsberg oder auch von Fred Vargas, aber auch die Bücher von Tom Liehr heraus und das ist der, der sich bei den Debatten des Literaturcafes, auch immer sehr beteiligt.
Früher hat es auch Aufbau-Roman-Wettbewerbe gegeben, wo ich z. B. meine “Wiener Verhältnisse” oder auch “Tauben füttern”, hinschickte, natürlich nie etwas gewonnen habe, das hat einmal, glaube ich, Richard Wagner, der Ex-Mann Herta Müllers und einen Praktikantenvertrag, wo man in den Aufbau-Verlag ein bißchen hineinschnuppern konnte, gab es auch zu gewinnen. Interessant ist auch, daß ich die neueren Aubau-Verlagsbücher immer wieder in den Thalia- Abverkaufskisten finde.