Aktionstage und Frankfurt Vorschau

Die letzten Tage gabs ein dichtes Veranstaltungsprogramm, das Freitag mit dem Tag des Kaffees und einer Einladung des Bezirksblattes, zwischen acht und zehn ins Bank Austria Kunstforum zu Kaffee und Frühstücksschmankerln, sowie freien Eintritt in die Frieda Kahlo-Ausstellung, zu kommen, die mir die lange Nacht der Museen ersparte, begonnen hat. Danach war das Supervisionsvorgespräch noch einmal so schön und die Post hatte auch ein Aktionsprogramm anzubieten, weils wirklich wichtig, ja nur dort passiert, die ausgescourten Beamten werden es wissen, wo man das Porto bezahlt bekam, wenn man einen Brief hinbrachte. Das wäre ideal für die Einladungen zu meinem Geburtstagsfest gewesen, die ich ja wirklich lieber mit der Post verschicke, die Einladungen sind aber noch nicht geschrieben…
Am Samstag gings weiter mit dem “Leiner”- Damentag, der zumindest mir immer ein besonderes Kaufhauserlebnis vermittelt. Junge Männer in grünen T-Shirts öffnen die Türe und tragen angeblich die Einkaufstaschen. Sekt und Pago steht am Info-Point, im zweiten Stock gabs eine Teeverkostung und so bin ich mit meinem Foto in die “Twinings”-Presseunterlagen gekommen und ein paar Proben für zu Hause gab es auch.
Dann wurde zu Wahlkampfszeiten, die neue U2-Strecke vom Stadion bis zur Aspernstraße mit Musik, Gratiskugelschreiber in allen Farben, Bürgermeisteransprachen, roten Schirmen, Hüpfburgen, Gratisfahrt und einem Riesenandrang mit Volksfestcharakter eröffnet und am Nachmittag fand für die Kunstinteressierten, der zweite Jeunesse Tag im Museumsquartier mit zwanzig Konzertkostproben von Klassik, Jazz, World und neuer Musik statt. Da wurde zwar das gleichzeitig stattfindende StadtLesen mit dem Bücherkasten und den Sitzsäcken etwas verdrängt, zumindest akustisch wird es schwer gewesen sein, sich auf das Lesen zu konzentrieren, aber ich lese meine Bücher ja zu Haus und bin dort am Abend sehr erschöpft hingekommen und habe mit dem Alfred noch schnell “Mimis Bücher” an die Druckerei geschickt.
Jetzt habe ich die “Absturzgefahr” weiterzukorrigieren und muß die Geburtstagseinladungen schreiben. Morgen gibts bei den Mariahilfer Frauen Wochen, die Lesung mit Cornelia Harwanegg, Agnes Lecher, Helga Pucher und mir.
Dann gehts schon ab nach Frankfurt, allerdings nur virtuell, bzw. mit dem Buch von Martin Mosebach, obwohl von Haymon und vom Residenzverlag schon Einladungen zu Verlagsfesten und Standbesuchen gekommen sind.
Argeninien ist bei der Buchmesse heuer Gastland und wenn man sich ein bißchen über die Trends der argentinischen Literatur informieren will, kann man das sehr gut in der “Standard”-Wochenendausgabe, wo man erfährt, daß Maria Kodoma, die Witwe von Jorge Luis Borges, einem der großen argentinischen Stimmen, der fast den Nobelpreis bekommen hätte, am 12. Oktober in der Gesellschaft für Literatur in der Herrengasse lesen wird. Da ist mir eingefallen, daß ich einen ungelesenen Borges Erzählband habe, den mir Martin Potschka einmal zum Geburtstagsfest brachte. Von Erich Hackl, der sich auch viel mit der argentinischen Literatur beschäftigt und daraus übersetzt, gibt es einen Artikel im “Album” über Rodolfo Walsh und sein Argentinien-Buch “Als ob ein Engel”, das ich auch einmal zum Geburtstag bekommen habe, das sich mit dem Verschwinden einer Studentin während der Militärdiktatur beschäftigt, habe ich gelesen.
Sonst weiß ich nicht viel über die Literatur Argentiniens, kenne aber Lidio Mosca-Bustamente, den Arzt und Schriftsteller, der schon lang in Österreich lebt, von ihm habe ich zwei Bücher gelesen und der magische Realismus ist mir auch ein Begriff, aber von dem, las ich im “Standard”, haben sich die jüngeren Autoren, die über Fast food, Cinecenters, Slums, Gewalt und Drogen schreiben, längst distanziert und Ariel Magnus Roman “Ein Chinese auf dem Fahrrad”, habe ich vor kurzem in der Hauptbücherei kennengelernt.
Frankfurt wird also auch im Wohnzimmer sicher interessant und meine Leseliste hat sich auch ohne Borges, um mindestens ein Buch erweitert, habe ich doch Aldous Huxley “Schöne neue Welt”, eines der Bücher, das man unbedingt gelesen haben sollte, im Bücherschrank gefunden. Alfred hat es zwar auf Englisch in Harland liegen und man sollte ja mehr Originalsprache lesen, ich werde es aber trotzdem auf Deutsch versuchen.

Dein Zimmer für mich allein

Ich habe die 1997 erschienene Erzählung “Dein Zimmer für mich allein” von Michael Köhlmeier, nicht wie Leselustfrust geraten hat, im Cafe Eiles bei einer Tasse Kakao, sondern in der Badewanne gelesen, verdanke aber ihrer Besprechung, daß ich das dünne Bändchen mit der nackten Frau in dem roten Stuhl auf dem auch sonst sehr roten Umschlag, aus der zweiten Reihe meines grüne Erde Regals, hervorgezogen habe. Der Titel erinnert an Virgina Woolf, es gibt auch ein Zitat von ihr auf den ersten Seiten. Ansonsten hat es nicht sehr viel mit dem berühmten Buch zu tun, geht es doch um einen Mann, der in der Nacht im überfüllten Zug aus einem fremden Land, nach Österreich gekommen, beziehungsweise aus dem Fenster des Zug gehoben wurde, um für ein durstiges Kind Wasser zu besorgen. Der Zug mit Mantel und Koffer fährt weiter, der Mann tappt in ein halbfertiges Haus, übernachtet am Dachboden in einer Styroporhöhle und schleicht in die Wohnung einer Frau, die ihn an seine erste Geliebte Ulla erinnert.
Diese Geschichte erzählt er im Cafe Eiles einem Schriftsteller, der ihn dafür auf zwei Tassen Kakao, Wein und eine Gulaschsuppe einlädt und ihn auf seinen inneren Spaßmacher bringt, der ihn zu Dingen veranlaßt, die man nicht tun soll, wenn man ohne Geld und Papiere ein fremdes Land betritt oder doch, hat man dann ja nichts zu verlieren, denn die Polizei kann einen nur wieder in den Zug oder in eine warme Zelle setzen und einem Menschen in Not steht, wie im Buch steht, alles zu.
So schlüpft der namenlose, mir nicht besonders sympathische Ich-Erzähler nicht nur in die Wohnung der Frau, die, wie auf dem Türschild steht, Marianne heißt, er beginnt sich auch an ihren Aspirintabletten zu bedienen, trinkt ihren Kaffee, schläft in ihrem Bett, fotografiert die Wohnung mit ihrer Sofortbildkamera, um sie um fünf, wenn Marianne von der Arbeit kommt, wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen und sich auf das Dach zu begeben.
Eine Woche tut er das und wird immer dreister dabei, verliebt sich viermal in die fremde Frau, vergißt sein Unterhemd in ihrer Wohnung, das er am nächsten Tag gebügelt vorfindet, geht mit ihrer Jacke und ihrem Geld in das Kaufhaus, in dem er glaubt, daß sie als Verkäuferin arbeitet und macht sich seine Vorstellungen über sie, daß er dann noch den Tisch gedeckt vorfindet, ist ein besonderer Luxus und irgendwann erscheint Marianne mit einem Mann in ihrem Schlafzimmer, er ist inzwischen unters Bett verschwunden, dem sie erzählt, daß sie ihn verlassen wird, weil sie einen anderen liebt.
Der innere Spaßmacher mit dem der Mann, während er seine Geschichte erzählt, Monologe hält, bleibt weiter unterm Bett, während der Ich-Erzähler irgendwie nach Wien und an die Telefonnummer des Schriftstellers gerät und nach dem Erzählen, mit dem Vorwand telefonieren zu müssen, wie vorher angekündigt, prompt verschwindet.
Eine kleine, leise Geschichte, die Fragen stellt, vermutet, alles offen läßt und damit, wie im Klappentext steht, mit großer sprachlicher Finesse und psychologischen Raffinement, die abgründigen Spielarten menschlicher Beziehungen auslotet.
Leselustfrust nannte es substanzlos und unbefriedigend, daran ist schon etwas. Ich habe auch etwas von einem Entwurf des Erzählens, einer Fingerübung dazu, gelesen.
Als das Buch erschienen ist, wurde es sehr gefeiert, ich habe Teile daraus im Radio gehört und denke nach dem leichten, vergnüglichen Lesen, daß es sehr viel sein kann. Alles was man hineindenkt, denn der Erzähler läßt ja sehr viel offen.
Die große Liebesgeschichte habe ich nicht so empfunden, denn die war das Wunschdenken des Mannes ohne Pass und Geld, eine Machophantasie, wenn man so will. Es könnte auch eine fein erzählte Geschichte eines Asylwerbers sein, betont Köhlmeier ja den Akzent des Fremden und der Schriftsteller blättert, bevor der Erzähler erscheint, in einen Artikel über Litauen.
Es ist sicher eine Geschichte über das Geschichtenerzählen. Den Bezug zu Viginia Woolf kann ich nicht finden und denke, daß das der Magnet sein könnte, um den Leser in das Buch zu locken und, daß Michael Köhlmeier ein Kaffeehauserzähler ist, könnte stimmen. Habe ich ja die im Kurier erschienenen und im Sammelband “Bevor Max kam” herausgegebenen Geschichten, in denen es auch um eine Kaffeehausrunde geht, gelesen.
Aber der 1949 in Hard am Bodensee geborene Michael Köhlmeier ist überhaupt ein vielseitiger Autor, der nicht nur die “Sagen des klassischen Altertums” mit seiner interessanten Stimme neu erzählt. Hörspiele, Filmdrehbücher mit den Romanen “Abendland” und “Madalyn” auf die Listen des deutschen Buchpreises gekommen. Ich kenne den Namen seit Ende der Achtzigerjahre. Ich weiß nicht mehr, wie das Buch hieß, mit dem Köhlmeier damals in aller Munde war, kann mich aber an eine General- oder Vollversammlung der GAV erinnern, die Thomas Rothschild mit dem Hinweis, daß er ein Buch des Mitgliedes Michael Köhlmeier lesen würde, frühzeitig verließ. Die Kriminalgeschichte “Calling” habe ich noch zu lesen und das Hörbuch “Sunrise” ist auch noch nicht gehört.

Seitenweise und Atemwende

“Atemwende”, die von Kurt Raubal im Amerlinghaus verantwortete Leseperformance des ersten Wiener Lesetheaters, Donnerstag um zwanzig Uhr stand in meinem Kalender eingetragen, dann gab es noch StadtLesen Wien im MQ mit einer Lesung von Michael Niavarani, als ich von Chrstiane Zintzen in/ad/ae/qu/at auf die Buchvorstellung von “Seitenweise – Was das Buch ist” im Kongresssaal des Bundeskanzleramtes aufmerksam gemacht wurde und dieses Buch wurde schon vor einer Woche von dem Germanisten Michael Rohrwasser im “Tag für Tag” vorgestellt. Am 11. 10. kommt es noch ins Literaturhaus, ich gebe aber zu, die Ankündigung eines Buffets lockte, obwohl ich trotz Anmeldung bei Peter Plener ein ungutes Gefühl hatte, wußte ich ja von den Zeiten, als ich noch zu den Preisverleihunges des Bundeskanzleramtes eingeladen wurde, daß man da die Einladung beim Potier vorweisen mußte, um bei den Sperren durchzukommen. Das war aber dann kein Problem und so war ich das dritte Mal in dieser Woche mittendrin im offizellen Literaturbetrieb.
Daniela Strigl moderierte wieder. Bodo Hell führte, wie er sagte von hinten durch das Buch, in dem er sämtliche Buchsorten aufzählte, also Schulbuch, Kochbuch, Klassenbuch, ect. Das Klassenbuch ist das, wo die Schüler dem Religionslehrer ein Bild von Brigitte Bardot unterjubeln und wohin ist das Kondolenzbuch von Elfriede Gerstl verschwunden, in das sich damals am Zentralfriedhof das halbe literarische Wien eingetragen hat, usw. usf. Dazwischen spielte er auf seiner Maultrommel und zählte auch noch auf, worüber die anderen in dem Buch geschrieben haben.
So ganz habe ich den Sinn dieser Anthologie noch nicht verstanden und auch nicht, wo sie jetzt erschienen ist. Christiane Zintzen nannte die Edition Atelier und darauf bin ich auch gekommen, als ich auf deren Homepage war, auf meinem Exemplar, das man sich kostenlos mitnehmen konnte, steht aber Bundespressedienst Österreich und es haben auch einige Herren des Bundeskanzleramts launig über ihr Leseleben gesprochen. Es geht jedenfalls um Material, Arbeit und Form, Buchgeschichten, Lektüre, Umgang u. Handhabung, Bibliothek, Kartei u. Sammlung ect in vierhundertachtundsiebzig Seiten, schön dick gebunden. Zu den Autoren zählen Bernhard Fetz, Gundi Feyrer, Eveline Polt-Heinzl, Johanna Rachinger, Michael Rohrwasser, Gerhard Ruiss, Hermann Schlösser, Rotraud Schöberl, Daniela Striegl ect.
Hermann Schlösser und Eveline Polt-Heinzl haben ja auch schon Bücher über Bücher geschrieben. “In Büchern unterwegs” und “Bücher haben viele Seite”, beide habe ich bei den Büchertürmen gefunden und einige der Prominenten waren auch anwesend. So bin ich neben Bernhard Fetz gesessen und Eveline Polt-Heinzl hat mir zugenickt. Das Buffet war sehr gut. Alles in kleinen Schüsselchen, aber auch drei Sorten Leberkäse und zum Abschluß Himbeereis und Mohnbuttermilchcreme und da es schon um sechs begonnen hat, bin ich auch fast pünklich ins Amerlinghaus in die ebenfalls sehr beeindruckende Welt von Paul Celan gekommen.
Alle saßen in einem Kreis, ich neben Ottwald John, der wie ich einer der wenigen Zuhörer war, die meisten andern haben gelesen, sich bewegt oder Musik gemacht, Kurt Raubal hat das Ganze gekonnt dirigiert. Es endete beeindruckend mit der Todesfuge und da sieht man wieder, daß sich in Wien bezüglich Buch und Literatur viel tut. Ein bißchen was auch im Literaturgefluester, denn da kommen schon Einladungen zu Lesungen mit der Frage, ob das für den Blog geeignet ist. Leselustfrust sucht übrigens Tips für ihren Adventkalender und verlost ein Buch als Dank dafür, was daran erinnert, daß auch die Bücherblogger mit ihren Leselisten und Lesetips eine wichtige Rolle im der Buchwelt spielen, schließlich sind sie es ja die, die die Bücher lesen und in “Moment leben heute” wurde das Leben und die Schwierigkeiten der kleinen Buchhandlungen und Buchhändler vorgestellt.

36. Saisoneröffnung in der alten Schmiede

Als ich am Mittwoch zur Saisoneröffnung der alten Schmiede ins Odeontheater ging, die größeren Veranstaltungen finden ja öfter auswärts statt, zum Beispiel wurde einmal mit einer Reihe von Dramoletten des Sonderzahlverlags im Theater am Petersplatz eröffnet und das neue Literarische Quatier in der Schönlaterngasse ist auch noch nicht fertig, traf ich meine ehemalige Schulkollegin Trude Kloiber, auf der Wieder Hauptstraße, die ja manchmal mit zu den literarischen Veranstaltungen geht. So einmal zu einer Glattauer-Lesung in die Landstraße und im Jänner zu Menasse in die Alte Schmiede. Diesmal war sie zu erschöpft. Die Saisoneröffnung mit Karl-Markus Gauss wäre aber interessant gewesen und sehr hochkarätig besetzt.
Schon einmal vom Publikum, strömten doch Robert Huez, Silvia Bartl, Manfred Chobot, Dine Petrik, Eveline Polt-Heinzl, Heinz R. Ungar ect. herbei. Ich saß neben einer älteren Dame, die mir erzählte, daß sie, wie Karl-Markus Gauss bzw. seine Eltern aus der Vojvodina stammt und Karl Markus Gauss ist ja eine sehr dominante Persönlichkeit.
1954 geboren, lebt er als Essayist, Kritiker und Herausgeber der Zeitschrift “Literatur und Kritik” in Salzburg und Kurt Neumann lobte in seiner Einleitung die Vielfältigkeit der Genres in seinen Werken.
Ich kenne ihn spätestens aus dem alten Freibord-Heft – “Ausgezeichnet”, wo er mit den anderen Staatsstipendiaten, Gerhard Ruiss sitzt am Titelbild nackt am Klo, vorgestellt wurde und habe ihm, bzw. seiner Zeitschrift auch immer Texte geschickt und einmal einen ausführlichen Brief von ihm zurückgekommen, wo er mir erklärte, daß meine Texte zu wenig literarisch erhöht sind, was ich erst später verstanden habe, was er damit meinte.
Er schreibt in seinen Reisereportagen aber auch sehr realistisch und an dem Tag, an dem Gerhard Kofler begraben wurde, war in der Hauptbücherei ein Fest vom Otto Müller Verlag, wo mir auch schon sein Selbstbewußtsein aufgefallen ist. Diesmal wurde in der Einleitung, das von Daniela Strigl und Herbert Ohrlinger herausgegebene Buch “Grenzgänge – Der Schriftsteller Karl-Markus Gauss” vorgestellt, die Beiden hielten auch einen Einleitungsdialogm bevor es zu einer Lesung aus “Im Wald der Metropolen” kam.
Zwölf Bücher hat Herbert Ohrlinger von Karl-Markus Gauss schon im Zsolnay Verlag herausgegeben. Ich habe drei davon, nämlich “Die Vernichtung Mitteleuropas”, das ziemlich bekannt geworden ist, dann die ebenso bekannten “Hundeesser von Svinia” und das Journal “Von nah, von fern” und Karl-Markus Gauss erzählte in der Einleitung, daß er in den Journalen in deene er zehn Jahren sein persönliches Leben beschrieb, die Veränderung Europas widergeben wollte und Daniela Striegl fragte, wie weit er sich in seinen Essays, Reportagen ect. von dem Genre Roman abgrenzen will oder ob man einen solchen geschrieben haben muß, um Schriftsteller zu sein? Beziehungsweise wird Karl Markus Gauss oft nur als Kritiker wahrgenommen oder macht die Buchhändler ratlos, die nicht wissen, ob sie seine Bücher unter der Belletristik oder unter den Sachbüchern einreihen sollen. Karl-Markus Gauss macht es der Literaturkritik also nicht leicht, ist aber sicher als Beschreiber osteuropaischen Minderheiten bekanntgeworden, aber auch als Entdecker vergessener Schriftsteller und da ging es, soweit ich mich erinnern kann, in dem alten Freibord Heft, auch um einen solchen. Ein sehr bekannter Grenzgänger der Literatur also, der wie er sagte, so arrogant ist, um sich über die zweihundertfünfzig Seiten über ihn, wo unter anderen Robert Menasse, Drago Jancar, Andrea Grill ihre Eindrücke über Karl-Markus Gauss wiedergaben, zu freuen.
Drago Jancar las am Mittwoch auch in der Hauptbücherei aus seinem Folio Buch “Der Baum ohne Namen”. Titel und Themen also sehr ähnlich und Karl-Markus Gauss bedauerte in der Einleitung noch, daß ihm die Kritiker als Balkan Experten festlegen würden, obwohl nur vier seiner fünfzehn Texte in dem neuen Buch im Balkan spielen. Dann las er drei Geschichten vor, eine die am Hauptplatz von Siena spielt, die zweite, wo es um das Geschichtenerzählen in zwei verschiedenen Sprachen und den Beweis, daß man sich verstehen kann, auch wenn man nicht die gleiche Sprache spricht, geht und dann noch die über den Prager Wenzel Alois Swoboda, einen sogenanten Neulateiner, der dadurch berühmt wurde, daß er die tschechische Literatur ins Lateinische übersetzte und da ist interessant, daß ich mich in der Pause mit der Dame aus der Vojvodina darüber unterhalten habe, wie wichtig Latein ist, um andere Sprachen und Kulturen zu verstehen.

Die Kinder von Eden

In Ken Folletts 1998 erschienenen Roman “Die Kinder von Eden”, geht es um eine scheinbare Idylle.
Hat sich doch eine kleine Gruppe von Aussteigern ins Silver River Valley von Kalifornien zurückgezogen, um dort Wein anzupflanzen, freie Liebe zu praktizieren, den Konsum und die Technik zu verweigern und mit den von ihrem Führer Priest erfundenen fünf Mantras glücklich zu sein.
Der Grund ist von der Regierung immer für ein Jahr gepachtet und wird, da in der Gegend ein Staudamm errichtet werden soll, gekündigt. Was die Kinder von Eden, beziehungsweise Priest auf den Plan bringt, denn der war, bevor er sich in diese Idylle zurückgezogen hat, ein berüchtigter Gangster, der schon einen Menschen umbrachte und im Alter von elf Jahren sein erstes Auto klaute.
Das beginnt er zu Beginn des Buches zu wiederholen, klaut er da doch einen seismischen Vibrator und bringt gleich, weil sich das nicht so einfach machen läßt, dessen Chauffeur um. Den seismischen Vibrator braucht er, weil die Gruppe beschloßen hat, den Gouverneur mit der Drohung ein Erdbeben auszulösen, zu erpressen. Daß das machbar ist, weiß Priest von Melanie, einer Seismologin, die ihren Mann und ehemaligen Professor mit ihrem Sohn Dusty verlassen hat, weil der in San Francisco an Allergien leidet, die er im Silver River Valley nicht bekommt.
Auf der anderen Seite steht die halbasiatische FPI Agentin Judy Maddox, die gerade die Fung Brüder hinter Schloß und Riegel brachte und Dezernatsleiterin für asiatische Bandenkriminalität werden will. Geht aber nicht, denn sie bekommt einen neuen Chef und der degradiert sie, in dem er ihr den scheinbar unwichtigen Fall der Kinder von Eden überträgt. Als sich der als spekulär erweist, nimmt er ihn wieder weg und Judy muß sich sehr durchsetzen, ihn doch übertragen zu bekommen, was ihr mit Hilfe von Michael Quercus, Melanies Ehemann gelingt.
Das Buch ist in Prolog, Epilog und drei Teilen, von denen der erste vier Wochen, der zweite sieben Tage, der dritte achtundvierzig Stunden dauert, gegliedert.
Der erste wird sehr lang und breit erzählt, man erfährt Priests und Stars Vorgeschichte unter deren Namen das Gut gepachtet ist und die mit Priest drei Kinder hat, obwohl der inzwischen Melanie vögelt und die von Judy Maddox, ihrem Vater und den Mobbingstrategien im FPI.
Priest ist Analphabet, aber sehr gerissen, so plant er alles ganz genau und ist in dem Weingut, von dem niemand weiß, daß es eine Sekte ist, eigentlich unauffindbar. Im zweiten Teil, nach dem ersten Erdbeben, als das FPI den Fall ernst zu nehmen beginnt, ändert sich das schlagartig. Priest und Judy kommen einander immer näher. Er geht auf Pressekonferenzen, entführt die rechte Hand des Gouverneurs, ruft ständig John Truths Nachrichtensender, aber auch direkt beim FPI an, so daß Judy ihm immer dichter an die Fersen kommt. Einmal kommt sie auch mit gezogener Waffe in Michaels Wohnung, in den sie sich verliebt hat, als der gerade mit Melanie im Bett liegt, die von ihm FPI Interna erfahren soll.
Trotzdem kommt es am Ende von Teil zwei zu einem weiteren Erdbeben. Menschen werden verletzt, Melanie wird als Mittäterin erkannt und Judy erfährt Priests richtigen Namen, er kann ihr aber trotzdem entkommen, so daß es nach zwei neuen abenteuerlichen Tagen, zwar zu keinem dritten Erdbeben kommt, das kann Judy gerade noch verhindern, in dem sie auf Priest schießt, der hat vorher schon Melanie erschoßen, weil sie sich um Dusties Sicherheit Sorgen machte.
Priest entkommt ihr trotzdem, läßt sich von einem heroinsüchtigen Chirurgen zusammenflicken um ins Silver Valley zurückzukehren, das von dem Stausee inzwischen schon durchflutet wird, um mit einer Flasche des selbsterzeugten Weins und einem dicken Marihuana-Joint in die ewigen Jagdgründe zurückzukehren.
Der elfte Bestseller des 1949 in Wales geborenen Ken Follet ist ohne Zweifel sehr spannend geschrieben, wenn er auch nicht ganz logisch ist. So erscheint mir die Kombination von dem analphabetischen Kriminellen, der zwanzig Jahre als Guro ohne Geld und Strom in einer Hütte lebt und plötzlich, weil ihm diese Idylle genommen werden soll, wie wild zu morden beginnt, nicht sehr realistisch und die Handlung ist eigentlich nach einem sehr einfachen Muster gestrickt, trotzdem ist sie excellent aufgebaut und ein Musterbeispiel der Spannungssteigerung.
Es steht in der Danksagung auch etwas von einem Research for Writers und, daß die Skizzen und Entwürfe von Freunden, Agenten und Lektoren gelesen und einer konstruktiven Kritik unterzogen wurden.
Und Gabriele Madeja, die Ken Follet als Stargast für die heurigen Buch Wien geholt hat, hat bei dem Jour fixe im Juni auch erzählt, daß sie zwei Bücher von ihm gelesen hat, die ihr sehr gefallen hätten und das habe ich inzwischen auch getan.
Außer “Die Kinder von Eden” noch “Der Schlüssel zu Rebecca”, das ich vor zwei Jahren bei diesen Stattersdorfer Kirchenflohmarkt gefunden habe. Gabriele Madeja zeigte sich von dem Bestsellerautor begeistert, während ich in einer “VonTag zu Tag”- Sendung vorige Woche, als dort Michael Rohrwassers Buch “Seitenweise” vorgestellt wurde, hören konnte, daß manche Leute sich den Buchumschlag der “Letzten Tage der Menschheit” über einen Follet Thriller stülpen, um ihn ungestraft im Zug zu lesen.
Dazu ist jetzt wieder Gelegenheit, ist der neue Follet “Sturz der Titanen” gestern ja erschienen. Ich habe die Bücher natürlich offen gelesen und bespreche den Bücherschrankfund auch so.

Literaturhausstart mit Hanno Millesi

Die Herbstsaison im Literaturhaus habe ich mit der Präsentation von Hanno Millesis neuen Luftschachtbuch “Das innere und das äußere Sonnensystem” begonnen. Das Literaturhaus hat sich seit Sommer optisch sehr verändert und ein neues Design bekommen. So sieht das Programm jetzt ganz anders aus, ist grün-weiß und viel breiter geworden. Ein aufgeschlagenes Buch mit zwei Zacken scheint zum Design zu gehören. Das Programm wird nur mehr von Barbara Zwiefelhofer geplant. Die Eröffnungsausstellung wurde von elffriede gestaltet und eine Zusammenarbeit mit dem Institut für Sprachkunst soll es auch geben, sowie eine mit der Zeitschrift “Datum” die dort aufliegt.
Ansonsten scheint das Programm, das ja schon seit 2004 oder 2005 umstrukturiert wird, nicht so viel anders. Weniger Veranstaltungen, hat mir die Silvia Bartl im Frühjahr gesagt, soll es geben, das wäre mir eigentlich nicht aufgefallen. Interessant ist, daß ich Hanno Millesi von dem von Ernst Kostal organisierten Wahnssinssymposium kenne. Dort hat er seine beeindruckenden Kindergeschichten gelesen, vorher ist sein Name schon ein paar Mal bei den Stipendiaten des Staatsstipendkiums gestanden, als ich mich noch darum beworben habe. Ernst Kostal macht die Veranstaltung nicht mehr im Literaturhaus und ich bewerbe mich nicht mehr um das Staatsstipendium.
Neu war auch, daß es Bier bei den Getränken gab. Das Publikum hat hauptsächlich aus zwischen Dreißig- und Vierzigjährigen bestanden. Klaus Nüchtern habe ich gesehen, Daniela Striegl, Ann Cotton, aber auch Brigitta Falkner, die ein bißchen älter ist.
Von den elf Geschichten, die von Barbara Zwiefelhofer mit einem Vortrag über das Sonnensystem eingeleitet wurden, habe ich schon zwei gekannt. Eine von den Textvorstellungen in der alten Schmiede, die andere wurde von Hanno Millesi im Literaturhaus gelesen. Es sind mit einer Ausnahme, wie Barbara Zwiefelhofer erläuterte, Geschichten mit männlichen Ich-Erzählern, meist Schriftstellern, die in das Reich der Kunst aufbrechen und mit einer ähnlichen Beklemmung, wie die Geschichten der Kinder, die mit ihren Eltern abrechnen, von dem Protagonisten berichten, der mit der Welt irgendwie nicht zurecht kommt, beziehungsweise sich als stoischer Nachahmer an die großen Vorbilder der Vergangenheit hält.
“Als blinder Passagier reist der Autor durch eine Historie aus Kunst, Kino und Literatur”, steht im Luftschachtprogramm.
Bei “Essentielles” verwendet der Ich-Erzähler kein eigenes Notizbuch als Merkmal des Schriftstellers, sondern bezieht sich auf das seiner Vorbilder, zitiert Sätze, die er darin findet und vergleicht sie mit der eigenen Unfähigkeit, während er sich in seinen vier Wänden betrinkt, mit dem Zwerghasen Joschi seiner Nachbarin experimentiert, den er sich zur Überwindung seiner Einsamkeit in seine Wohnung holt und ihn über seine Schreibmaschine hoppeln läßt. Das Ergebnis schmeißt er aus dem Fenster in den Suppentopf der Benützer des Schanigartens und läßt die darüber rätseln, in welcher Sprache der Text geschrieben ist.
Es dürfte das fünfte Luftschacht-Buch des 1966 in Wien geborenen sein. Gelesen habe ich noch keines, wohl aber die Bachmannpreis Geschichte und war bei einigen Lesungen, so daß mir der Autor, der inzwischen einen Bart trägt, durchaus vertraut ist, seine stark distanzierte Sprache beeindruckt mich auch sehr.
Ansonsten gibt es zu vermelden, daß ich mit dem Korrigieren von “Mimis Bücher” fertig bin. Der Rückseitentext ist auch schon gekommen und heute habe ich die Leseliste für mein Geburtstagsfest, das am 12. 11. stattfinden wird, zusammengestellt. Ruth Aspöck, Lidio Mosca-Bustamante, Hilde Schmölzer und ich werden lesen. Vielleicht lade ich auch noch Ilse Kilic ein.

Literatur in St. Pölten

Nachdem ich am Freitag nicht zur Präsentation der FM4-Wortlaut-Anthologie, sondern zum Jahresfest des H & K – Teams, des Tischlers, der Alfred ein Bett und zwei Küchen machte, gegangen bin, sind wir Samstag früh nach St. Pölten gefahren und dort fand gerade das StadtLesen, diese von der UNESCO geförderte Aktion, die die Leser zum Buch bringen will, statt.
Also bin ich mit dem Rad in die Stadt gefahren, um mir die Leselandschaft anzuschauen, aber vorerst nur zum Thalia gekommen und dort lagen die neuen Bücher von Markus Köhle, Andrea Maria Dusl, Jan Kossdorff und das Programm zum Höfefest auf.
“Spam” von Jan Kossdorff habe ich noch nicht gekannt. Ich habe es mir öffnen lassen und da erklärte mir der freundliche Verkäufer, daß es am Nachmittag eine Lesung daraus gibt und das hat mein Programm umdisponiert. Eigentlich wollte ich ja korrigieren und erst am Abend mit dem Alfred zur Lesung von der Barbara Frischmuth fahren.
Beim Höfefest, bei dem ich noch nie gewesen ist, gab es in siebzehn Höfen ein dichtes Programm. Der Versuch sich mit Ruth Aspöck und Robert Eglhofer zu treffen, klappte nicht ganz. Denn Robert war gerade in Stift Melk bei einem Prandtauer-Symposium und wollte am Abend mit der Ruth ins Festspielhaus. Wir versprachen aber einander anzurufen. Dann gings zurück zum Mittagessen, nachher fuhr ich noch einmal in die Stadt.
Dort gings los mit einer Lesung im Sparkassenhaus von Justus Neumann aus “Die letzten Tage der Menschheit”. Danach kam ich endlich auf den Rathausplatz, um mir die StadtLese Aktion anzuschauen, war aber nicht sehr beeindruckend. Es gab einen Kasten mit Prospekte der bibliotels und Bücher, die man kaufen oder auf den vorbereiteten Sitzsäcken lesen konnte. Aber die Leute, die dort saßen, hatten kein Buch in der Hand. Das Wetter war auch nicht so besonders schön. Es gab auch einen Ö1 Wagen mit Informaterial und dort lagen Regenpelerinen, die ich später brauchen konnte.

Barbara Frischmuth

Barbara Frischmuth

Die nächste Station wäre Andrea Maria Dusl im Rathaus-Hof gewesen, da aber noch Zeit war, habe ich mir einen Teil des Theaters mit der Clownfrau Martha Labil angeschaut, die sich selber in einen Koffer packte, bzw. mit diesen herumturnte. Auch das war sehr voll. Bei der Gegenwartsliteratur waren dann weniger Leute und Andrea Maria Dusl hat auch erst später aus “Channel 8” zu lesen angefangen. Die Lesung fand Rathauseingang statt, es gab keine Sessel und die Leute bogen ununderbrochen um die Ecke, so auch Robert Englhofer, denn ich nach seiner Rückkehr aus Melk ganz zufällig traf.
“Channel 8” erzählt vom globalisierten Leben in allen seinen Varianten, von schlaflosen Leuten, die sich ihr Leben erträumen, erklärte Andrea Maria Dusl in der Einleitung und las Stellen vor, die in Paris und in Petersburg spielen. Von einer Meisterdiebin namens Anastasia etwa, die einem reichen Geogier, während er seiner Freundin fünf Paar Markenschuhe kaufen will, das Handy und die Brieftasche stiehlt und Jan Kossdorffs “Spam”, das er im Hof beim Cinema Paradiso vorstellte, schloß da gleich an. Ein Mailodram in dreihundert E-Mails, die der tolpatschige Held Alex, der in einer Internet Firma zu arbeiten scheint und sich in die schöne Judith verliebt, an alle schreibt und um ein I-PHone und ein Gewinnspiel ging es dabei auch. Leider konnte ich nicht bis zum Schluß bleiben, da ich mit dem Rad zurückfahren wollte, da ich in der Nacht weder auf der Straße noch an der Traisen gerne fahre. Da es geregnet hat, bin ich trotz Cape, um dreiviertel sieben ziemlich naß angekommen. Nur leider war der Alfred schon weg, weil er dachte, daß ich drinnen bleibe, bzw. angerufen hätte, so daß wir zu der Frischmuth Lesung im Stadtmuseum aus dem Aufbau Buch “Die Kuh, der Bock, seine Geiß und ihr Liebhaber” zu spät kamen. Ich hörte gerade noch, daß irgendwer in Staubsaugermüllbeutel verpackt und entsorgt wurde. Dann kam eine Geschichte, die den Charakter der Katzen erklärte, die zwar ihr freies Sexualleben verloren haben, von ihren Besitzern aber meistens sehr verwöhnt werden und sie dominieren. Es folgte etwas über Schweine und dann noch das Krokodeal, das offenbar als Hotelbesitzer seine Krokodilexistenz hinter sich gelassen hat, von einer Designerin um einen Stück seines Schwanzes beraubt wurde, wofür er ihr zwei Waden abbiß. Damit habe ich mir trotz der schönen Sprache ein bißchen schwer getan, auch mit den Schweinereien, die die Spannweite zwischen Anorexie und Adipositas aufzeigen sollten, während mir die Katzengeschichte sehr nahe ging und mir die Beziehung zwischen dem Professor und seiner Katze auch sehr glaubhaft schien.
Ich bin ja eine große Verehrerin von Barbara Frischmuth, von der ich viel gelesen habe. “Die Klosterschule”, die Sophie Silber Trilogie und noch einige andere der alten Residenz Verlag Bücher. Inzwischen verlegt sie bei Aufbau, hat einige Gartenbücher geschrieben und Romane, die sich mit der Türkei und dem Islam beschäftigen, hat sie ja Turkologie und Islamkunde studierte, aber auch Hörspiele und Kinderbücher und sie lebt inzwischen wieder in Altaussee, wo sie auch geboren wurde. Als wir da 1984 mit der kleinen Anna ein paar Tage waren, haben wir sie gesehen und als sie nach der Rushdie Affaire aus der GAV ausgetreten ist, habe ich ihr einen Brief geschrieben, den sie auch ausführlich beantwortet hat.

Vom Zuckerlgeschäft zur Schreibfreiheit

(co writersstudio)

(co writersstudio)

Am 23. 9. war Open House im neuen Writersstudio im Servitenviertel mit neun gratis Mini-Workshops und einer Einstands-Party mit lebender Schreibfreiheitsstaue und Live Musik aus New York.
Vom Writersstudio habe ich im Literaturgeflüster schon geschrieben. Ganz am Anfang war ich bei einem Portrait-Schreibseminar mit Irene Rauch im Thalia und habe einen Text über eine Figur aus der “Radiosonate” vorgelesen. Lang, lang ists her, dann war ich im Herbst darauf bei zwei Infoveranstaltungen, ich kenne Judith Wolfsberger und ihr “Frei geschrieben” Buch von einer Präsentation an der SFU. Dann habe ich eine Klientin mit einer Schreibhemmung zu ihr geschickt und Klaudia Zotzmann das Buch empfohlen, die damit, glaube ich, gute Erfahrungen gemacht haben und bekomme seither die Einladungen zu den Seminaren. Die waren in der Kaiserstraße, jetzt ist das Studio in die Pramergasse in ein ehemaliges Zuckerlgeschäft umgezogen und hat das mit einem großen Einstandstag gefeiert.
Da mußte ich natürlich hin, obwohl ich, wie ich immer behaupte, schreiben ja schon kann und mich auch erst danach in die Schreibwerkstätten traute. Stimmt so nicht, denn der Arbeitskreis schreibender Frauen war auch sowas und das war eine meiner ersten Schreiberfahrungen. In die Schreibwerkstatt der Eveline Haas bin ich aber erst gegangen, als ich schon schreiben konnte und das Writersstudio gibt es auch erst seit ein paar Jahren.
Judith Huber bzw. Wolfsberger, die in Amerika die Erfahrung machte, daß man das Schreiben auf der Uni lernen kann, hat es gegründet und inzwischen einen ganzen Trainerstab. Irene Rauch z.B., die jeden ersten Freitag im Monat die Schreibnächte anbietet. Die Slowakin Ana Znidar lehrt ein bißchen das literarische Schreiben. Ansonsten geht es viel um Schreibblockaden bei Studenten, Sachbuchschreiben ect.
So ist es um neun mit dem sogenannten Mindwriting losgegangen. Es gibt die Freewriting Regeln, nach denen man einfach einen Bleistift nimmt, sich ein Thema sucht und zehn Minuten schreibt ohne den Stift abzusetzen, weiß man nicht weiter, schreibt man mir, mir fällt nichts ein und schaltet so den inneren Zensor aus.
Beim Morgenschreiben ging es um ein Papiergespräch zu einer offenen Frage. Da diskutierte ich im Dialog mit Elfriede Jelinek, ob mir der Tag gelingen wird und die sagte immer “Das interessiert mich nicht!”

(co writersstudio)

(co writersstudio)

Dann brachte Irene Rauch ein paar Düfte und machte eine Life Writing Übung “Erinnerung an meine Nase”. Angeregt von Rosenduft entstand eine Geschichte, wo das kleine Mädchen vor dem Zug am Südbahnhof steht, weil Tante Dora und Tante Adele nach Belgrad und Skopje zurückfahren, sich fürchtet und schon so gern erwachsen sein will.
Mit Ana Znidar ging es ums Travel Writing mit allen Sinnen.
“Show not tell!”, da schrieb ich natürlich über die hohe Tatra und mit Judith Wolfsberger wurde es vor der Mittagspause pragmatischer. Ging es doch ums E-Mail Schreiben, weil sie von einer Firma eingeladen wurde, den Mitarbeitern ein diesbezügliches Seminar zu geben.
Je vierzig Minuten dauerten die Miniworkshops, dazwischen gab es Tee, Kaffee und Kekse. In der Mittagspause ging ich spazieren. Dann kam Irene Rauch mit der Gedichtfabrik, Lautgedichte mit au und ei. Das war sehr lustig, ich habe gar nicht gewußt, daß Gedicht schreiben, soviel Spaß machen kann.

Hoch oben in der Au
sitzt eine schöne Frau
wunderschön und seidenweich
genau so schlau
wie ein Pfau in der Lobau

Dann folgte wieder Ana Znidar deren Short Story Seminare sehr begehrt sind. Im Oktober kann man mit ihr in die Toskana fahren und einen Kurzurlaub für die Seele buchen. Im Miniworkshop haben wir einen Dialog, der knistern soll geschrieben, ich einen zwischen einer Alzheimer Patientin und einem Zivildiener. Sie will fort, er soll sie ins Bett bringen, lautete das Konfliktmaterial, ein paar Regeln einer guten Kurzgeschichte wurden auch erarbeitet.
Dann kamen die anderen Trainer, darunter Gundi Haigner, die glaube ich, an der Pädak Lehrer unterrichtet und deren Free Writing Buch bald erscheinen wird. Birgit Peterson kümmerte sich um die Studenten und bot Tricks fürs schnelle fachliche Lesen. Am Schluß wurde es mit Simone Leonhartsberger journalistisch. Es gab die sieben Grundregeln des journalistischen Schreibens. Dann sollten wir eine Skandalgeschichte für die Kronzenzeitung verfassen. Reportagenschreiben habe ich schon bei Eveline Haas geübt. Da ging es um eine Kindesweglegung, bei Simone Leonhartsberger um einen Kampfhund in der Kirche.

(co writersstudio)

(co writersstudio)

Das Fest begann, ich mußte zur Supervisionreflexion in die Lenaugasse, kam aber zurück zu den Bagels, Wein und Muffins. Die Schreibfreiheitsstatue hielt immer noch den großen Bleistift in der Hand. Dann hielt Juhu die Eröffnungsrede und die Herren, die schon seit Kindertagen in dem Haus wohnten, erzählten von der ehemaligen Fleischerei, den Eisbehältern im Keller und der Hausgeburt der Mutter.
Eine Schreibübung gab es auch. Damit konnte man Bücher und Seminargutscheine gewinnen. Leider nicht, hieß es bei mir, der Schnuppertag war aber ohnehin sehr intensiv. Die FM4 Wortlaut Preisträger stehen inzwischen auch schon fest und werden mit der neuen Anthologie heute im Phil vorgestellt. Valerie Fritsch hat den dritten Preis gewonnen und ehe ich mir das ergooglete, hätte ich es an den Suchanfragen im Literaturgeflüster merken können und Detail am Rand, bei den “Neuigkeiten des Tages” des Deutschlehrer Free Writings, mußte man neun Sätze schreiben , daraus drei aussuchen, aus einer eine Lüge machen und der Nachbar sollte sie erraten.
“Die Neuigkeit des Tages ist, daß Robert Schindel den FM4 Wortlaut Literaturpreis gewonnen hat”, habe ich geschrieben, die Lehrerin an meiner Seite hat die Lüge nicht erkannt.

Stadtrundfahrt und ein Chinese

Nachdem am Mittwoch die elf Uhr Stunde aufgefallen ist, habe ich meinen Vorsatz wahr gemacht und bin bezüglich Korrigierrecherche in der Stadt herumgefahren. So habe ich im Juni die “Absturzgefahr” ja begonnen. Mit dem schwarzen Moleskine die schönen Gegenden Wiens angeschaut, ein bißchen was aufnotiert und am Abend hat der Bachmannpreis begonnen. Jetzt ist der Sommer vorüber. Das Rohkonzept ist fertig und die innere Stimme mir mahnt, das kann es doch nicht gewesen sein. Das muß doch schöner und besser werden, weil du so ja keine Chance hast. Also habe ich mein neues Telekom Notizbuch eingepackt und bin zum Friseur gegangen. Die Fenster habe ich schon gestern geputzt. Ich bin ja eine Freundin von Ritualen. Das Manuskript hatte ich auch dabei und weil ich, was die Änderungen betraf, skeptisch war, habe ich in das neue Buch auf jede Seite den Namen eines meiner Protagonisten geschrieben und während ich auf den Kahlenberg gefahren bin, ein bißchen was zu der Person geschrieben. Über das was sie will und ist, denkt etc.
Als ich wieder heruntergekommen bin, habe ich gewußt, es wird so bleiben und das Mannuskript durchzukorrigieren angefangen. Sprachlich ist noch viel zu ändern. Die Handlung und die Personen bleiben aber gleich. Trotzdem war der Recherchetag erfolgreich. War das Wetter ja sehr schön. Wien im Wahlkampf ist es auch und für den Nachmittag hatte ich eine Einladung zu einem Grätzelfest der ÖVP. Da lassen sich Stimmungen erhaschen, zu Essen gab es auch etwas und was ich am Abend mache werde, habe ich auch gewußt.
Da beginnt ja Frankfurt schon zu winken, heuer wird Argentinien das Gastland sein. Deshalb gab es in der Hauptbücherer eine Lesung aus Ariel Magnus “Ein Chinese auf dem Fahrrad”. Das klingt nun nicht besonders argentinisch und der 1975 in Buenos Aires Geborene spricht auch perfekt Deutsch. Hat er ja in Deutschland studiert und ist derzeit Stadtschreiber von Zürich.
Ilija Trojanow hat das Gespräch geführt und der Roman basiert auf einer wahren Begegnung. Da hat es Buenos Aires vor einigen Jahren einige Brandtstiftungen in Möbelhäusern gegeben und ein Chinese mit einem Fahrrad wurde als Brandstifter entdeckt. Ariel Magnus wollte in dieser Zeit über die Chinesen in Buenos Aires schreiben. Die Verlage wollten aber keine Sozialreportage. So hat er einen humanistischen Roman daraus gemacht, in dem sein Protagonist im Gerichtssaal von dem Chinesen entführt wird. Das Ganze ist eher eine Farce oder ein Umweg, um das chinesische Leben zu beschreiben und weil es eine Liebesgeschichte braucht, verliebt sich Ramiro in die schöne Chinesin Yintai, die Näherin von Brautkleidern ist. So wird der Leser in die Wunderwelt von Chinatown eingeführt. Einen Glaubenskrieg zwischen den Juden und den Chinesen gibt es auch, wohnen die Chinesen in Buenos Aires doch dort, wo früher die Juden wohnten. Der Humor spielt dabei auch eine wichtige Rolle und auch die Übersetzungstechnik. Und Ariel Magnus, der auch am Dienstag im Leporello war, hat erzählt, daß er einer ist, der sich den Stoff für seine Erzählungen von überall her holt. Wenn die Nachbarin über ihn zum Beispiel streiten, wird vielleicht eine Geschichte daraus.

Lehrjahre

Eigentlich wollte ich Dienstags zur Litera-Tour der Basis.Kultur.Wien in die Bücherei Margareten gehen, da dort das erste Wiener Lesetheater Helmut Korrherr, Judith Gruber-Rizy, Elisabeth Perchnig und Monika Giller präsentierte, aber dann gabs im Wochenend-Standard ein Interview mit Robert Schindel über das erste Jahr Literarisches Schreiben an der Angewandten mit dem Hinweis, daß zum Wintersemester-Auftakt die Werkstätte Kunstberufe eine Podiumsdiskussion zum Thema “Lehrjahre. Zwischen Marktchancen und künstlerischen Anspruch: Ausbildungsvarianten für Schreibende”, am Dienstag macht.
Die Werkstätte Kunstberufe habe ich vor zwei Jahren gefunden, als ich die Edition Gallitzin mit dem angeblichen Thomas Glavinic Buch suchte. Jetzt gabs ein Podium mit Gustav Ernst von der Leondinger Akademie, Petra Ganglbauer vom Lehrgang Wiener Schreibpädagogik, dem Bachmann-Juror Paul Jandl, Marlen Schachinger, die in der Werkstätte literarisches Schreiben lehrt und Robert Schindel vom Hochschullehrgang, moderiert von Christa Nebenführ.
Alles Bekannte, vor einem Jahr hats im Literaturhaus eine ähnliche Veranstaltung gegeben, aber vorerst kam von der GAV die Einladung zur Generalversammlung, zum kulturpolitischen Arbeitskreis und die Liste mit den Neuaufnahmen, da habe ich zwei Veti gegen zwei Vorschläge zur Nichtaufnahme eingelegt, eines davon betrifft eine Absolventin der Leondinger Akademie und als ich in die Gallitzinstraße aufbrechen wollte, kam ein Anruf der alten Dame, die meine Nummer aus dem Margaretner Kunst-und Kulturkatalog hat und zum dritten Mal wissen wollte, wo ich meine Bücher verlege und mir erzählte, daß sie Krimis schreibt.
Im Bockkeller traf ich auf Marietta Böning, dann stellte jeder der Lehrgangsleiter seine Schule für Dichtung vor und Paul Jandl sollte erzählen, ob er, seit man das Schreiben lernen kann, einen Unterschied in den Texten merkt?
“Ja!”, sagte er, “sie sind sorgfältiger erarbeitet und haben schon das, was früher die Lektoren machten!”
Es gibt aber natürlich keinen Geniebegriff und Peter Handke hätte diese Schule nicht gebraucht. Christa Nebenführ erzählte, daß sie die Aufnahmsprüfung ins Reinhardt Seminar nicht schaffte, in eine andere Schauspielschule ging und sich lange nicht vollwertig fühlte, bis ihr Reinhardt Seminar Absolventen erzählten, daß sie dort auch nichts anderes lernten. Dann kam sie mit den Zahlen, von achthundert Bewerbern nimmt das Reinhardt Seminar neun, der Hochschullehrgang von dreihundert immerhin zwanzig, dann schwenkte es zu der Forderung über, daß alle Schreiben lernen und die Deutschlehrer einen kreativen Writingkurs besuchen sollten. Das bietet, habe ich bei “Rund um die Burg” gehört, die Schule für Dichtung an und die Studenten sollen einen Pflichtschreibkurs machen, damit es bessere Sachbücher gibt, das gibts beim Writingstudio und die feiern am Donnerstag ein großes Eröffnungsfest.
Ein junger Mann erkundigte sich, warum ausgerechnet jetzt soviel Schreiblehrgänge eröffnet werden, weil Nachfrage in diesem Dienstleistungsbereich herrscht und die Multiplikatoren des Lehrgangs für Schreibpädagogik können auch jeden abholen, wo er steht, während Robert Schindel schätzte, daß pro Jahrgang zwei Profischreiber hervorgehen, die anderen werden gute Journalisten oder Lektoren werden und ein Herr malte noch einmal das Horrorbild, daß Kafka, Roth und Hesse in einem Schreibkurs sitzen, beziehungsweise das Schreiben unterrichten würden.
Manche Vorurteile sitzen eben tief und natürlich muß man das Schreiben lernen. Kafka und Handke haben es sicher auch einmal getan. Da bin ich übrigens vor Jahren einmal im Rathaus bei einer Wiener Vorlesung gesessen, hinter mir zwei jüngere Männer, wobei sich der eine beim anderen beschwerte, daß sie ihm auf der Pädag oder sonstwo zu einem Schreibseminar verpflichteten, obwohl er schon ein paar Bücher geschrieben hat. Man kann es eben niemanden recht machen. Es war aber sehr voll und im Internet, meiner Schule des Schreibens habe ich eine interessante Diskussion über die Frage, wer sich Autor nennen darf, verfolgt. Es gibt eben viel Konkurrenz und Thomas Wollinger, dessen Blog ich für eine sehr gute Schreibschule halte, war auch ein Leondinger Absolvent.
Am 17. November wird in der Gallitzinstraße die Anthologie “schreibSPUREN 2010” vorgestellt, wo die Literarischen Schreiber ihre Texte präsentieren. Ein vierwöchiges Praktikum in einem Verlag, einer Zeitschrift oder im Bereich Kulturjournalismus ist bei dem sechssemestrigen Lehrgang übigens Pflicht. Ob man dazu auch ausgewählt wird, weiß ich nicht. Im Vorjahr habe ich aber einen Prospekt zu einer Romanwerkstatt gesehen, wo man nur teilnehmen durfte, wenn man seine Bücher nicht selber macht und als ich beim Heimweg am Bücherschrank vorbeigegangen bin, hing dort nicht nur eine neuerliche Warnung vor dem weißhaarigen alten Mann, es lag auch eines der kleinen Büchlein aus dem Bundesverlag “Junge Literatur aus Österreich 85/86 darin, wo eine Jury, der u.a. Michael Köhlmeier, György Sebestyen und Helmut Zenker angehörten, aus achthundertneun Einsendungen jugendlicher Texte, zweihundert in die engere Wahl brachte und siebenunddreißig Beiträge für den Band auswählte. Klaus Ebner, Margret Kreidl, Gerhard Altmann, Andre M. Leidinger, ich glaube ein Cousin vom Alfred, Cornelia Vospernik und Daniela Strigl waren dabei. Eine bunte Mischung, welche Genies nicht darin zu finden sind, wissen wir dagegen nicht und mit Gustav Ernst, den ich ja die “Heimsuchung” schickte, in der es auch um einen Hochschullehrgang geht, erkundigte sich, ob ich wieder über ihn geschrieben hätte? Das letzte Mal, als er im Kino unter Sternen einen Polizisten in einer Helmut Zenker Verfilmung spielte.
“War ich gut?”, hat er sich erkundigt. Ich glaube, er wars auch ohne Schauspielausbildung.