Im Glashaus gefangen zwischen Welten

Gleich nach “Blauschmuck” geht es mit den “fremden Kulturen”, beziehungsweise dem Leben in Deutschland mit Migrationshintergrund weiter, hat mir doch der, wie er sich selbst bezeichnet, Deutsch-Tamile mit dem langen Namen Devakumaran Manickavasagan, sein 2012 im “Engelsdorfer Verlag” erschienenes Buch mit dem Untertitel “Ein Leben zwischen zwei Kulturen” geschickt, auf das er wahrscheinlich in Zeiten, wie diesen, wo wir mit und in sehr vielen Kulturen leben, verstärkt hinweisen will und es ist auch, denke ich, sehr wichtig sich mit der Frage zu beschäftigen, wie leben Kinder, die mit türkischen, tamilischen oder was auch immer Eltern in Deutschland oder Österreich aufwachsen und von zu Hause andere Werte, als die, die sie in der Schule lernen mitbekommen?

Daß, das eine Vielzahl von Problemen aufwirft, können wir täglich sehen und so richtet sich das Buch, des 1987 in Ratlingen geborenen, der heute, glaube ich, als Flüchtlingshelfer arbeitet, auch an zwei Zielgruppen.

Erstens einmal an die betroffenen Jugendlichen, die zwischen den zweiWelten oder Wertsystemen gefangen sind und nicht hinauskönnen und zweitens und das finde ich für mich besonders wichtig, an die westliche Welt, um ihr die Kultur der Tamilen näherzubringen und zu beschreiben, wie man in Sri Lanka aufwächst, welche Werte und Einstellungen man dort vermittelt bekommt.

Und das tut er, sowohl auf eine sehr persönliche Art, in dem er von sich, seiner Familie und seinen Schwierigkeiten beim Aufwachsen zwischen den Kulturen erzählt, als auch auf eine sehr allgemeine sachliche, indem er die Religion und das Gesellschaftsbild der Tamilen beschreibt und ich finde, daß sich die Schwierigkeiten in zwei Welten aufzuwachsen, auch auf andere  Kulturen übertragen lassen, so daß, die jungen Türken, wahrscheinlich die gleichen Schwierigkeiten beim Aufwachsen in Berlin oder Wien, als, die mit tamilischen Hintergrund haben.

Deva Manickavasagans Vater ist 1982 nach Deutschland gekommen und hat seine Frau und, die damals schon geborenen zwei Kindern in Sri Lanka zurückgelassen, wo bald der Krieg kam, so daß die Mutter mit den Töchtern ebenfalls nach Deutschland kam, traumatisiert von den Kriegserfahrungen.

Ein Punkt, auf den der Autor auch mehrmals hinweist, daß viele Flüchlinge oder Migranten traumatisiert sind, in Deutschland keine dieszegüliche Hilfe bekommen und so ihre Wunden und Verletzungen an die nächste Generation weitergeben.

Arbeit und materileller Wohlstand beschreibt er, ist für die Tamilien ein sehr wichtiger Wert, so stürzte sich der Vater in seine Arbeit, vergaß darüber Deutsch zu lernen, das war 1982 vielleicht auch nocht keine so große Voraussetzung für Migranten, wie es wahrscheinlich heute gefordert wird.

Die Mutter führte den Haushalt. Beide Eltern waren verletzt und versuchten, den Kindern ihre Kultur, an die sie sich vielleicht auch klammerten, weiterzugeben, während die in der Schule etwas ganz anderes lernten und die westlichen Werte, wie Ausgehen, Sex, Freunde, Alkohol, auch ausleben wollten, was in der Pubertät naturgemäß zu Konflikten führt.

So ist es den tamilischen Mädchen beispielsweise nicht gestattet, sich am Abend draußen aufzuhalten und sie dürfen auch keine Klassenfeste besuchen und werden so naturgemäß  zu Außenseitern.

Es ist in Sri Lanka auch üblich sich in arrangierten Ehen zu vermählen und hat so keine Zeit den anderen kennenzulernen, was wieder zu Konflikten, seelisches Leid und Unglück führt.

Die Ehe von Devas Eltern wurde trotzdem geschieden, als er zwölf war, was ihn in die Rolle des Familieoberhauptes versetzte, was ihn naturgemäß überforderte, dann wurde auch noch die ältere Schwester, die nach dem Wunsch der Eltern Medizin studierte, die ja für ihre Kinder nur das beste Studium, schon um das eigene Statusdenken zu befriedigen, wollen und die Mutter starb noch 2008.

Deva, der, wie er beschreibt, in seiner Pubertät “einige Dummheiten und es seinen Eltern nicht sehr leicht machte”, ist es inzwischen, auch mit Hilfe einer Psychotherapie, die er allen betroffenen Jugendlichen sehr empfielt, seinen eigenen Weg zu gehen und das empfiehlt er auch denen, die im Glashaus zwischen den beiden Kulturen gefangen sind und ich denke, daß es wichtig ist, beide Werte und Welten miteinander zu verbinden, was wahrscheinlich gar nicht so einfach ist.

Denn Devakumaran Manuickaasagan fühlt sich, wie er schreibt, als Deutscher, ist er dort auch geboren und aufgewachsen und war, glaube ich, 2003,  das erste Mal in Sri Lanka.

Die Deutschen werden es ihm wegen seines Namens und seines Aussehens aber höchstwahrscheinlich  nicht so einach machen, ihn als ihren zu erkennen und ihn wahrscheinlich noch bis zu seinem Lebensende fragen, wie lange er schon in Deutschland ist?

Ich denke auch, daß das Besondere an Menschen mit Migrationshintergund, die zweite oder die beiden Kulturen sind. Die zweite Sprache, die sie sprechen und auch die Kenntnis, des anderen Weltbildes.

Aber natürlich ist es nicht leicht, das eine mit dem anderen zu verbinden und man braucht wahrscheinlich auch Hilfe und Unterstüzung dabei, damit das gelingen kann.

Das Buch ist, glaube ich, auch eine solche Hilfe für die betroffenen Jugendlichen, ermutigt sie der Autor doch immer wieder ihren eigenen Weg zu gehen, ruhig auszubrechen und sich auf ihre Werte zu besinnen, die nur sie selber bestimmen können.

Und für die Deutschen und die Österreicher kann es sehr interessant sein, zu erfahren, was ein junger Tamilie, der sich auch als Deutscher fühlt, denkt und mit welchen kulturellen Wurzeln, die er persönlich vielleicht gar nicht erlebte, sondern nur aus Sicht seiner Eltern vermittelt bekam, er aufwuchs und es ist auch interessant, daß Manickavasagan beschreibt, daß er in Sri Lanka, als Tourist betrachtet wurde.

Natürlich, denn es ist ja eine Sprache der Diaspora, die er vielleicht gar nicht mehr vollständig und akzentfrei spricht, auch wenn er den Wert des Fernsehen betont und beschriebt, daß auch die srilankischen Programme zu den Werten gehörte, an denen sich die Familie klammern und die sie zu Hause hören.

Beides ist, denke ich, wichtig und ich nehme mir von dem Buch mit, daß ich jetzt ein bißchen mehr von Werten und der Kultur in Sri Lanka, wo ich nie gewesen bin, weiß und das gilt natürlich auch für die Türken, die Serben, die Russen, die Ägypter, etcetera, daß man sich für ihre Werte interessieren sollte, damit ein Zusammenleben in Deutschland oder Österreich besser gelingt.

Blauschmuck

Dank Herrn Leitgeb und dem “Alpha-Literaturpreis”, kann ich jetzt das dritte österreichische Buchdebut besprechen, Katharina Winklers “Blauschmuck”, von dem ich eigentlich ganz sicher war, daß es den Preis gewinnen wird, weil das Buch in dem Blogs sehr begeistert besprochen wurde und so für mich das bekannteste war.

Das Bekannteste auf der “Alpha-Liste” und vielleicht auch auf der der öst-buchdebuts, obwohl ich, da ich inzwischen die beiden anderen Bücher gelesen habe, da nicht mehr ganz sicher bin und vergleichen, ich wiederhole es noch einmal, kann man diese drei Bücher nicht und auch nicht sagen, a ist das beste und besser als b und c.

Das kann man wahrscheinlich nie, beim dBp hatte ich aber meine klaren Empfehlungen, hier kann ich nur sagen, jedes Buch steht eigentlich für sich und da sieht man wieder, daß solche Preisentscheidungen vieleicht doch nur ein “neoliberaler Unsinn” sind.

Am kommenden Dienstag werden wir es wissen, ob der österreichischen Arbeiterkammer, das Schicksal einer kurdischen Frau, oder die Ereignisse von 1945 in Rechnitz, beziehungsweise, die prekären Arbeitsverhältnisse der jungen Akademiker am wichtigsten sind.

Alfred meinte, für die Arbeiterkammer wäre es bestimmt das letztere, es ist aber eine sehr literarische Sprache, in der die 1979 in Wien geborene Katharaina Winkler, die derzeit in Berlin lebt, ihr Debut geschrieben hat.

“Blauschmuck” nennen die türkischen Frauen nämlich ihre von ihren Männer bekommenen Verletzungen, die sie in den kurdischen und türkischen Dörfern windelweich schlagen, weil sich das so geört und wenn eine Frau ohne diesen Schmuck auftritt, ist sie ein Außenseiter.

Erzählt wird die Geschichte, die, wie in dem Buch steht, auf einen realen Fall basiert, von  Filiz, die in einem kurdischen Dorf in der Türkei aufwächst und sie tut das auf eine sehr poetische Art.

In kleinen Absätzen wird, oft nur ein paar Sätze pro Seite, schildert sie das Leben im Dorf, das Aufwachsen unter ihren Geschwistern, das Hüten der Schafe und das Umgehen mit der Ehre, beispielsweise, denn  “Die Ehre steht über allem sagt Vater. Der Ehre entsteigt die Sonne. Die Ehre läßt uns ruhig schlafen.  ….Die Ehre wächst mir über den Kopf.”

Denn es ist ja nicht sehr leicht, das Leben in dem Dorf, wo man auf seine “Jungfrau aufpassen” muß und nicht genau weiß, wie man jetzt die Kinder bekommt, vom “Kaugummi kauen vielleicht?”

Und wem das jetzt naiv erscheint, den erinnere ich daran, daß man in den Sechzigerjahren, wo ich aufwuchs, auch nicht so ganz sicher war, ob man sie nicht vielleicht doch vom Küssen oder von der Badewanne  bekommt, wenn dort jemand sein Sperma ausgelassen hat?

Filiz ist aber gescheit und so kommt auch der Lehrer zum Vater und schlägt vor, da Mädchen in der Stadt einen Beruf erlernen zu lassen. Der Vater aber winkt aber, denn da hat er schon mit seiner ältereren Tochter schlechte Erfahrungen gemacht, die hat er in das Lehrerseminar geschickt, hat sogar dafür eine Kuh oder sonst was dafür verkauft und die Tochter heiratete, wurde Bäckerin und das viele Geld war verloren.

Filiz hat aber ohnehin andere Vorstellungen, ist sie doch in den drei Jahren älteren Yunus verliebt. Das heißt eigentlich in seine Jeans und Turnschuhe, die er aus Deutschland mitbrachte, denn Deutschland ist das Land, der Jeans und Turnschuhe iund so will Filiz mit Yunus dorthin.

Der Vater ist wieder dagegen. So geht ihm die Fünfzehnjährige durch und heiratet Yunus gegen seinen Willen und kommt damit vom Regen in die Traufe. Denn, als erst einmal das Leintuch blutig ist und den Hochzeitsgästen stolz präsentiert wird, wird sie von seiner Mutter, die sie “Spinne” nennt, schlecht behandelt und auch von Yunnus blaugeschlagen, als sie sagt, daß er “achtzehn und nicht achtzig” ist, als er von ihr verlangt, daß sie ihm anziehen soll.

Denn er betrachtet sie fortan, als seine Sklavin und so kocht und putzt sie für ihn, bekommt ihren “Blauschmuck”.

“In unseren Dorf leben viele blaue Frauen. Viele Frauen wechseln den Blauschmuck von Woche zu Woche, einige von Tag zu Tag. Der Blauschmuck der Frauen trägt die Handschrift der Männer. Das Werkzeug. Holz oder Eisen, und die Anzahl  der Schläge bestimmen den Blauton.”

Sie bekommt auch sehr bald drei Kinder, Halil, Selin und Seda und zieht scheinbar willenlos mit ihm von Wohnung zu Wohnung. Dort sperrt er sie mit den Kindern ein, stellt nur die Lebensmittel vor die Tür und manchmal ist er auch nett zu ihr. So hält ihn eine Krankenschwester einmal für den vorzüglichsten Ehemann und Goldschmuck zum Blauschmuck gibt es gelegentlich auch und Filiz, die inzwischen verschleiert ist und Kopftuch, um Kopftuch zu ihren Großmutterkleidern trägt, träumt immer noch von den Jeans und den Turnschuhen, die man in Deutschland kaufen kann.

Irgendwann kommt sie auch dorthin, nach Österreich nicht nach Deutschland und dreht in einem Supermakrt, wo man alles kaufen kann, was sie in ihrem Dorf nie gesehen hat, fast durch.

Langsam, langsam, obwohl sie sehr geduldig ist und ihren “Blauscmuck”, wie noch vieles andere, einfach als Los, der Frauen hinnimmt, beginnt sie sich zu wehren, bekommt von einer älteren Frau, auch Deutschunterricht und zu den Kindern kommt, da seltsamerweise, was ich in meiner Praxis beispielsweise anders erlebte, Yunus nichts dagegen hat, auch der Nikolo.

Die Kindern lernen das “Schwimmen”, wie Filiz, das in ihrer symbolhaften Sprachen nennt, viel schneller, als sie, “die bis zum Kopf im Wasser steht”.

Sie stehen einfach am heiligen Abend da und warten auf das Christkind, wie sie es in der Schule lernten, obwohl Filiz noch keine Ahnung hat, was das Christkind ist.

Sie darf aber den Führerschein machen und besteht, obwohl sie da zu vier fremden Männern in das Auto steigen muß. Sie beginnt auch heimlich Geld für die Kinder abzuzweigen und, als es Yunus wieder einmal zu bunt treibt, steht sie blaugeschlagen in einer ärztlichen Praxis,  der Arzt sagt ihr, er muß das anzeigen und die Arzthelferin empfiehlt das Frauenhaus.

“Worte wie Schutz und Ruhe, Betreuung, Sicherheit, Hilfe schweben um mich herum wie schillernde Seifenblasen. Weiß sie denn nicht, dass Yunus jedes Haus stürmt? Die Kinder umbringt? Mich? Die Frauen des Frauenhauses? Mit dem Küchenmesser?”

“Die Nachbarn”, steht auf den letzten Seiten, haben am ” 1. August 1998 die Polizei und den Notarzt verständigt”.

Die Ehe wurde geschieden, Filiz machte eine Ausbildung zu Köchin und auch die drei Kinder haben inzwischen studiert und üben inzwischen anspruchsvolle Berufe auf.

Ein sehr interessantes Buch, das mich, ähnlich, wie Tobas Nazemi auch gespalten zurückläßt.

Denn da sind zwei wahrscheinlich sehr von einander verschiedene Ebenen. Auf der eine, die sehr hochliterarisierte Sprache, die so symbolhaft ist, daß sie wahrscheinlich von keinem kurdischen Dorfmädchen, das kaum die Schule besuchte, gesprochen wird und wenn das Buch, wie beispielsweise meine “Flüchtlingstrilogie” realistisch erzählt wäre, wäre es wahrscheinlich nicht so erfolgreich geworden und dann ist da, das ergreifende Schicksal der geschlagenenen Frauen, die einen nicht kaltlassen können.

Bei “Amazon” gibt es eine “Einstern-Rezension”, die die Bezeichnung “Blauschmuck” für die Gewalt an Fraun zynisch findet.

Die Autorin wird gleich belehrt, daß diese Bezeichnung von den türkischen Frauen selbst kommt, die damit ihre Würde bewahren wollen, wahrscheinlich ist es auch als Dissoziation zu interpretieren.

Andererseits weiß ich trotzdem nicht so genau, wie weit geschlagenen Unterschichttürkinnen sich trotzdem so bezeichnen, würde, da das Buch ja über eine Betroffene und nicht direkt von ihr geschrieben wurde, diesen Einwand also nicht so ganz wegweisen können.

Katharina Winkler steht mit dem Buch inzwischen auf mehreren Preislisten und natürlich ist die Beschäftigung mit diesem Themea sehr wichtig  und wenn es noch dazu in einer sehr schönen Sprache geschieht, um so besser, kann man natürlich sagen.

Ich bin auch sehr beeindruckt, habe mich selbst in der “Frau auf der Bank” in einer viel einfacheren Sprache, auch  mit diesem Thema beschäftigt und von Katja Schneidt, die ich über Martina Gercke kennengelernt habe, auch ein anderes Buch über dieses Thema gelesen, wo auch eher nur berichtet wird.

Bin jetzt auf den Dienstag sehr gespannt und möchte eigentlich nicht in der Haut der Juroren stecken, die entscheiden sollen, was literarisch besser ist, das Schicksal einer türkischen Frau oder die Ereignisse in Rechnitz, die ja auch literarisch brillant gelöst wurden, beziehungsweise, die prekären Arbeitsverhältnisse der Generation 30 und denke wieder, daß man das vielleicht auch nicht entscheiden, sondern jedes Buch für sich stehen und zum Lesen empfehlen lassen könnte.

 

Traurige Freiheit

Buch zwei von der “öst. Debut Liste”, die man, wie ich festgestellt habe, nicht miteinander vergleichen kann, denn von den Ereignissen in Rechnitz, wo eine reiche Stahlerbin, 1945 mit Nazis Walzer tanzte, bevor die hundertachtzig Juden erschossen, geht es in die vermeintliche Freiheit der Generation Praktikum und in die prekären Arbeitsverhältnisse, derer, die als sie geboren wurden, angeblich alle Chancen hatten, studierten und jetzt von einem Vorstellungsgespräch zum anderen tappen und vor lauter Freiheit nicht weiterwissen.

Die 1980 in Tirol geborene Friederike Gösweiner hat ihn geschrieben, das Buch ist schon im Frühjahr bei “Droschl” erschienen, Alfred hat es in Leipzig, wo am “Österreich-Stand” vorgestellt wurde, entdeckt, es, wie das Buch von Sacha  Battyhany gekauft und es diesmal mir geschenkt.

Ich war auch bei den “Ö-Tönen”, wo es vorgestellt wurde, jetzt ist es bei den “öst Debuts”, steht auch mit einer Reihe anderer Bücher auf Debutlisten, was ja sehr schön ist, aber da werden wieder aus einer Reihe von Einreichungen einige, beziehungsweise am Schluß einer oder eine ausgewählt und die anderen bleiben über.

Ja, das Leben ist hart, wahrscheinlich nicht nur in der Generation Praktikum, aber da wahrscheinlich ganz besonders und Friederike Gösweiner hat es im Gegensatz zu ihrer Hannah weit gebracht, wird ihr Buch bei den Blogs sehr gelobt und hat gute Chancen vielleicht mehr als  einen “Bloggerpreis” zu gewinnen und es ist ein hartes Buch, ein sehr beeindruckendes.

Alice Strigl, die es für ihre Debutreihe auswählte, hat es sehr traurig genannt und das ist es auch, wie ich, die ich mich ja schon länger mit den prekären Arbeitsverhältnissen beschäfte, wahrscheinlich auch beurteilen kann.

Ein paar Fragen habe ich natürlich dazu, einiges erscheint mir unlogisch oder auch nur sehr gut konstruiert, denn die neun Kapitel mit denen der  kurze Roman erzählt wird, sind sehr gekonnt zusammengestellt und es gibt auch einige Metaphern, wie der vom “Fallen”, die das Buch begleiten und eigentlich könnte man  sagen, ist es der heitere Himmel aus dem Hannah, 30, nach diesen neun Kapiteln hinunterfälllt.

Denn sie hatte es ja gut, hatte Geschichte oder Journalismus in ihrer Kleinstadt studiert, lebt mit Jakob, einem Arzt, also auch sehr gut situiert, der irgendwo in einer Klinik wahrscheinlich seine Facharztausbildung macht und alle, Hannah inbegriffen, blicken zu ihm auf, dem Mann in Weiß. Aber auch Hannah will hoch hinaus und sieht die Chance ihres Lebens, denn sie hat das Angebot bekommen, in Berlin für ein halbes oder ganzes Jahr ein Volontariat zu machen.

Das spaltet die Beziehung, denn Jakob will keine aus der Ferne führen, so zieht Hannah aus, zuerst zu ihren Eltern, dann nach Berlin in die Wohnung ihrer Freundin Miram, die auch Journalistin ist und gerade eine Korrespondentenstelle in Moskau angenommen hat.

Die zweite Frage, die ich habe, betrifft das zweite Kapitel, denn das Volontariat, endet schon nach acht Wochen und nicht erst nach dem halben oder ganzen Jahr, die acht Volontärinnen werden feierlich mit Sekt, Brötchen und Schokolade verabschiedet, weil am Montag schon die nächsten kommen, sie dürfen aber weiter ihre Chance nutzen und freiberuflich Artikel anbieten.

So sitzt Hannah in Kapitel drei in der Bibliothek, denn Jakob wollte nicht, daß sie zurückkommt, schickt aber weiter Fragezeichen und Musiknummern, schreibt Bewerbung um Bewerbung, bewirbt sich auch einmal für eine “Lehrredaktion”.

Zwanzig werden eingeladen, drei genommen, Hannah ist, obwohl ja alle Chancen, natürlich nicht dabei, fängt zu kellnern an. De Eltern, die es gibt sind nicht damit zufrieden, schicken zum dreißigsten einsamen Geburtstag sechzig Euro und einen privaten Vorsorgevertrag und in dem Cafe, in dem alles zu klappen scheint, aber natürlich, um zu kellnern hat sie nicht studiert, lernt sie Stein, einen Journalisten aus Hamburg, der in Berlin einen Lehrauftrag hat und verheiratet ist, kennen, der soll ihr helfen, tut es aber nicht.

So vereinsamt Hannah in dem großen Berlin immer mehr und mehr, hat nur noch Kontakt zu Miram, die ihre Stelle, es wird in den Redaktionen ja überall eingespart auch verliert. Jakob meldet, daß er Vater wird, sie aber trotzdem nicht vergessen kann und so steht Hannah ein Jahr nach ihrer Anrkunft auf der Dachterrasse des Hochhauses am Geländer, schaut auf die Straße hinunter und überlegt wahrscheinlich, ob sie fallen oder, wie vereinbart Miriam vom Flughafen abholen soll?

“Ein genauer Blick auf das Wechselspiel von Hoffnungen, Resignation und Aubruch in der Generation der Dreißigkährigen” steht am Buchrücken.

Die “Amazon-Rezensenten” sind nicht alle mit dem Buch zufrieden, einige wollten mehr über den Bereich wissen, in dem Hannah ihren Journalismus betreibt.

Stimmt, das wird nicht erzählt, sonst ist die Atmosphäre aber erstaunlich dicht beschrieben und man merkt, was ja vieleicht auch abschrecken kann, daß da eine sehr unsichere und einsame junge Frau in die Freiheit des großen Berlins hineingesetzt wurde, aber hätte sie in Innsbruck bleiben und, wie es wahrscheinlich, die Generation ihrer Mutter tat, ihren Gott in Weiß heiraten sollen?

Die Arztgattinen von damals, wurden wie ich aus Gesprächen weiß, zum Teil von den von ihren Gatten verschrieben bekommenen “kleinen Helfern”, süchtig und Hannah braucht schon am Anfang der Geschichte “was zum Schlafen”.

Die Rezensenten sprechen auch von der Depression und nicht von dem Prekatiat, um das es in dem Buch gehen würde.

Und das vermischt sich natürlich auch, hat ja Stein, als er sie zum Essen einlud, das er dann nicht bezahle, auch von den “Tüchtigsten erzählt, die in Zeiten, wie diesen überleben”, während die anderen unterhehen und Hannah kennt  auch Freundinnen, die es geschafft haben.

Aber so leicht kann man sich wahrscheinlich nicht heraussreden, wenn man zwanzig Leute einlädt oder auf eine Liste setzt und dann drei von ihnen aussucht und den anderen ein bedauerndes Absagebrieflein schickt, daß sie halt leider nicht passte, es nichts mit den Qualifikationen zu tun hat, es in Zeiten wie diesen, aber keinen “Welpenschutz” geben kann!

Und wir spielen wahrscheinlich auch ein bißchen mit in dieser neoliberalen Marktwelt, wenn wir zu den Preisverleihungen gehen, wo drei ausgesuchte Leute vorlesen können und der Moderator anschließend bedauert, daß zwar alles schöne Texte, aber leider, leider nur einer gewinnen kann!

Friederike Gösweiner hat es bis ganz nach oben geschafft und wird sich vielleicht am Vorabend der Buch-Wien freuen oder ein bißchen traurig sein.

Viele andere, die, die vielleicht jetzt beim “Nanowrimo” mitschreiben oder selber publizieren haben es nicht so weit geschafft und auch der “Debutblog” hat bei seinen Debutbedingungen, genau, wie auch beim “öst Preis” hineingeschrieben, daß sich Selbstverleger nicht bewerben dürfen, aber auch die haben Wünsche, Täume, Hoffnungen, müssen, essen, Miete zahlen, auch wenn sie vielleicht, wie Hannah mit allen ihren Chancen,  nicht bei den Besten sind.

In diesem Sinne wünsche ich Friederike Gösweiner alles Gute und empfehle das Buch zu lesen und vielleicht ein wenig geduldiger zu sein und nicht nur nach oben, sondern nach unten zu schauen, wo sich die Hinuntergefallenen befinden, obwohl das vielleicht nicht so leicht ist, denn “die im Dunkeln, sieht man ja bekanntlich nicht!”

Und was hat das mit mir zu tun?

Nach einem Ausflug in das Nachkriegs-Berlin und zu einer Wiederentdeckung aus dem “Aufbau-Verlag” geht es gleich thematisch mit dem österreichischen Buchpreis, beziehungsweise den Debuts weiter, obwohl ich bei Buch eins, das ich jetzt gelesen habe, schon die Frage hörte, was hat ein Schweizer mit dem öst BP zu tun?

Denn das ist ja der 1973 geborene Sacha Batthyany, der in Zürich und Madrid Soziologie studierte und mit seinem Debut auch auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises steht, der Verlag ist ein deutscher, nämlich “Kiepenhheuer & Witsch”, dem ich gleich herzlich für das Rezensionsexemplar danke, bleibt nur noch der Ort des Geschehens, nämlich “Rechnitz” und das liegt im Burgenland, das nach dem Krieg zu Österreich gekommen ist.

Das Buch ist ein Rezensionsexemplar, obwohl es der Alfred, der bei der dortigen Präsentation am blauen Sofa war, es in Leipzig kaufte, er hat es aber an einen Kollegen verschenkt, der beklagte, daß die Jungen nichts mehr von den damaligen Geschehnissen wissen.

Und da ist ist ja genau das Buch dafür, es ist wieder kein Roman, aber das ist für den öst Bp, glaube ich, auch keine Bedingung, sondern “Die Geschichte meiner Familie”, also ein Memoir und das ist an dem Buch auch sehr  zu loben, beziehungsweise habe ich, als sehr geglückt gefunden, daß hier die Autobiografie perfekt mit der Fiktion vermengt wird. Dazu vielleicht noch später.

Jetzt erst einmal hinein in das Geschehen, da ist also der in der Schweiz aufgewachsene Erzähler, der Sohn einer ehemaligen ungarischen Adelsfamilie, die nach 1956 Ungarn verlassen hat und sich zuerst in Deutschland, dann in der Schweiz niederließ, die Batthyanies, ein Graf Batthyani, schreibt der Autor auch, kommt jährlich in der weihnachtlichen Wiederholung der Sissy-Filme vor. Der tanzt da mit der Romy Schneider und macht ihr den Hof, darauf wird er regelmäßig angesprochen, aber einmal kommt eine Redakteurin zu ihm, er arbeitet bei der NZZ knallt ihm eine Zeitung hin und sagt “Was hast du denn für eine Familie?”

Es ist ein Bericht über das Massaker von Rechnitz, Elfriede Jelinek hat darüber, glaube ich, auch ein Stück geschrieben, da gab es in dem Schloß der Grafen Battyhany, 1945 ein großes Fest, wo sich die Nazi-Größen trafen, die Großtante Margit war die Hausherrin und hielt Hof und aufeinmal kam ein Anruf, daß da hundterachtzig Juden wären, die erschoßen werden müßten.

Die NS-Größen marschierten los und taten ihre Plicht, bevor sie weitertanzten und die Tante war darin verwickelt, hat selbst mitgeschossen oder zumindestens davon gewußt.

Der Rest der Familie nicht, so trifft es  den jungen Schweizer, der daraufhin nachzuforschen beginnt und Maxim Biller, der vom literarischen Quartett, der mit seinen nicht sehr qualifizierten Äußerungen Thomas Melle vielleicht um den dBp brachte, stellte die Frage  “Und was hat das mit dir zu tun?”

Das ist die Ausgangslage des Buches und, um die Antwort gleich vorweg zu nehmen, die Frage, ob die Gräfin, die mit der spitzen Zungen, eine reiche Erbin, die den verarmten Teil der Familie, dem der Autor angehört, mehrmals im Jahr zum Essen einlud, geschossen hat, eine Nazinin war, etcetera, wird nicht beantwortet.

Das konnte heute siebzig Jahre später wohl auch nicht mehr aufgeklärt werden. Sacha Battyany forschte aber in seiner Familie, nahm auch eine Psychoanalyse auf und stieß auf ein Tagebuch seiner Großmutter Maritta, deren Mann Feri zehn Jahre in  russischer Kriegsgefangenschaft, sprich in den berühmten Gulags war, so fährt er mit seinem Vater auch nach Sibirien und zu Beginn des Buches nach Argentinien, denn dort lebt jetzt hochbetagt, Agnes, die jüdische Tochter des Gemischtwarenhändler, der neben dem Schloß, in dem Sachas Großmutter aufwuchs, seinen Laden hatte.

Dieses Tagebuch, wohl ein fiktives, weil in ihm immer die Erlebnisse Marittas mit denen von Agnes verglichen werden und die Großmutter über Margit gar nicht so viel schreiben konnte, nimmt einen weiten Teil des Buches ein.

Agnes, 1944 in Budapest eine Schule besuchte, wird, als dort die Nazis einmarschierten, mit ihrem Bruder verhaftet und nach Auschwitz deportiert.

Maritta leidet inzwischen unter ihrem autoritären Vater und schreibt in ihrem Tagebuch von den Mandels, das sind Agnes Eltern, die als Zwangsarbeiter in dem Schloß waren und von einem jungen Soldaten erschoßen wurden.

Maritta war dabei und macht sich Zeit ihres Lebens Vorwürfe, daß sie nicht eingegriffen hat, aber wahrscheinlich wäre das der jungen Frau um die zwanzig, schon verheiratet, mit dem zweiten Kind schwanger, der Mann eingerückt, nach der damaligen Stellung der Frau bei einem autortären Vater ohnehin nicht gelungen.

Als nach dem Krieg, die Kommunsiten kamen wird sie enteignet und kann mit ihrem Kind in einem kleinen Forsthaus wohnen, als ihr Mann zehn Jahre später aus Russland zurückkommt, emigriert sie  mit Magits Hilfe, während Agnes Auschwitz überlebt, nach Argentinien auswandert und der Meinung ist, ihre Eltern hätten Selbstmord begangen.

Das ist die Geschichte der Familie mit der sich wohl alle deutschen und österreichischen Kinder oder Enkel auseinandersetzen müßen, Anna Mitgutsch die auch auf der öst Shortlist steht hat es mit ihrer “Annäherung” auch getan und Doron Rabinovici in einem seiner früheren Romane, so ist das hier Beschriebene wohl nicht wirklich neu.

Der Unterschied ist vielleicht, die prominente Familie und natürlich ist es wichtig sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, schon um die Frage zu bewantworten, was machen wir, wenn so etwas wieder passiert?

Sacha Batthyany stellt sie sich auf der Coach und kommt zu dem Schluß, daß er nicht könnte, Juden zu verstecken. Ich gebe zu bedenken, daß er das eigentlich nicht weiß, wie er auf Herausforderungen, die noch auf ihn zukommen, regagieren wird und in Zeiten, wie diesen ist wahrscheinlich auch viel präsanter zu wissen, wie man reagiert, wenn beispielsweise, der Sohn oder die Tochter mit einem syrischen Flüchtling auf einem zukommt, der ein Versteck braucht, weil er sonst abgeschoben wird oder was mache ich, wenn ich auf der Straße sehe, daß Anhänger der Pegida-Bewegung einer muslimischen Frau ein Kopftuch hinunterreißen oder einen Afrikaner zusammenschlagen?

Deshalb finde ich es sehr wichtig, daß viele Leute das Buch lesen, um zu überlegen, was man selber gegen den Rechtspopulismus, der heute herrscht tun kann,  so daß es nie mehr so weit kommt.

Spannend finde ich, wie schon geschrieben, die Aufarbeitung, es geht ja ganz eindeutig, wie schon am Cover zu sehen, um die Geschichte der Familie des Autors, um die Gräfin Margit Battyani-Thyssen, um seine Großmutter, den Vater, etcetera und dann wird ganz ofen wieder sehr viel dazu gefunden, sich nämlich eine Identität, des jungen SS Mannes, der die Mandels erschoßen hat,  ausgedacht und ihm den Namen Böhme, weil so die Schweier Nachbarn heißen gegeben.

Agnes hat ein Buch über ihre Vergangnheit geschrieben, die Großmutter ein Tagebuch, daß der Vater nach ihrem Tod eigentlich zereißen sollte, was er nicht tat, sondern dem Sohn übergab, der damit seine Vergangenheit aufarbeitete und damit so erfolgreich wurde, daß er sowohl auf die Schwiezer, als auch den öst Buchpreisliste kam.

Ob er den Debutpreis gewinnen wird, ist angesichts der beiden Konkurreten, dem Roman über die prekären Bedingungen einer jungen Germanistin und den über die Mißhandlungen einer jungen Kurdin oder Türkin, schwer zu sagen und wäre für mich auch nicht zu entscheiden, weil man ja bekanntlich Äpfel mit Birnen nicht vergleichen kann.

Die beiden anderen Bücher habe ich auch noch nicht gelesen, nur bei den Ö-Tönen und zuletzt beim “Alpha”, wo ich ganz sicher war, daß Katharina Winkler ihn gewinnen wird, ein Stückchen daraus gehört, aber wie schon gesagt, diese spannende Entscheidung muß ich nicht treffen und, um die Ausgangsfrage zu beantworten:

Natürlich ist man nicht Schuld, an dem was zwanzig dreißig oder fünzig Jahre vor seiner Geburt geschah, aber es gut zu wissen, wie man heute reagieren könnte, um nachher nicht lebenslang Schuldgefühle zu haben, denn die Zeiten sind ja nicht rosig und wenn wir nicht sehr aufpassen, steuern wir vielleicht schon auf die nächste Katastrophe zu.

Zurück in Berlin

Zwischen den österreichischen Neuerscheinungen, Debuts- und Buchpreisbüchern kommt jetzt etwas “amerikanisches” aus dem “Aufbau-Verlag”, nämlich  Verna B. Carletons Neu- oder Wiederentdeckung eines Romanes, den sie in den Fünfzigerjahren geschrieben hat, als sie mit ihrer Freundin Giselle Freund nach Berlin fuhr, um sich das Nachkriegsdeutschland anzusehen.

Verna B. Carleton wurde 1914 in den USA geboren, verheirate sich in Mexiko, Frieda Kahlo und Diego Rivero waren ihre Treuzeugen,  verkehrte im zweiten Weltkrieg mit deutschen Emigraten, wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch, sie war Journalistin und starb 1967 in New York.

Der Roman ist in den Fünfzigerjahren, sowohl in Deutschland als auch in den USA erschienen, jetzt wurde er neuübersetzt und von Ulrike Draesner herausgegeben, die auch das Nachwort schrieb.

Verna B. Carleton ist mit ihrer Freundin  Gisele Freund, einer deutsch französischen Fotografin, die 1933 von Berlin nach Paris emigrierte, 1957 nach Berlin gereist und schildert in ihrem ersten Roman, die Schiffsreise einer namenlosen Erzählerin, die wahrscheinlich Journalistin ist, nach Europa.

Das Schiff ist schlecht, der Komfort miserabel und die jamaikanischen Gastarbeiter, die nach Europa gebracht werden, haben in ihren “dritte Klasse Löchern” noch miserablere Bedingungen.

Da lernt sie die Devons kennen, ein britisches Ehepaar, die ihr von ihrem Wunsch, sich auch Deutschland anzusehen, energisch abraten.

Vor allem der Mann namens Erik tut das vehement. In Kuba kommt noch Herr Ermil Grubach aus Köln an Bord und nervt alle mit seinem Wiederaufbaustolz und dem Leugnen der Schuld, an dem, was da in Europa geschehen ist.

Es kommt zum Streit zwischen ihm und Erik, der ihm plötzlich auf Deutsch entgegenschreit “Wir deutschen Juden werden niemals vergessen!”

Dann kommt es zum Zusammenbruch von Erik Devon, der einmal Erich Dalburg hieß und von seiner Mutter “britisch erzogen”, schon 1933 nach London emigrierte, seine Mutter ist mitgekommen, sein Vater ist in einem Nazigefängnis gestorben, es gab sowohl nationalsozialistische, als auch jüdische Verwandte und keinen Kontakt mehr zu seiner Familie, besipielsweise zu seiner Cousine Käthe, die ihm nach dem Tod des Vaters schrieb, sie würde sich in Frankreich verheiraten.

So hat er den englischen Namen angenommen und seine deutsche Identität verdrängt jetzt bricht das Deutsche wieder aus ihm heraus und das Ehepaar entschließt sich mit der Erzählerin nach Berlin zu reisen.

Dort trifft er seine Familie wieder, Tante Rosie, die mit einem vormals nationalsozialistischen Banker verheiratet war, dann aber versuchte zu retten, was zu retten war. Cousine Käthe ist verwitwet, hat Mann und Kind verloren und führt jetzt einen Buchladen in Berlin, es gibt eine alte Haushälterin namens Elese und den Cousin Albrecht, der nichts gelernt hat und jetzt wieder, die besten Geschäfte mit den Kohlebaronen machen will.

Sie treffen auch Herrn Grubach und seinen Sohn wieder, so daß Erik in Panik nach England flieht.

Sie bleiben aber in Briefkontakt mit der Erzählerin, Käthe und Tante Rosie, die als sie ein Jahr später wieder nach Berlin kommen, an einem Herzinfarkt verstorben ist.

Sie kommen zum Begräbnis zu spät, treffen nur mehr den Cousin Albrecht bei Käthe in der Villa an, die Eriks Vater in der NS-Zeit Rosies Mann überschrieben hat, die ihm aber jetzt wieder gehört, es kommt auch hier zum Disput und Erik beschließt zu Verwunderung aller, in Berlin zu bleiben und auch seine schriftstellerische Karriere, die er damals begonnen hat, er hat einen satirischen Roman über die Nazizeit geschrieben, wieder aufzunehmen.

Ein sehr interessanter Roman, weil er das Nachkriegsberlin sehr unmittelbar schildert und auch zeigt, daß es keinen Sinn macht, wie es Erich tat, zu “jammern” und sich zu verstecken, weil die Sachen, die damals passierten, wahrscheinlich weder ganz schwarz oder ganz weiß zu interpretieren waren und die Differenzierungen werden  auch ganz genau, an den verschiedenen Schicksalen und Lebensläufen geschildert.

So fahren sie bei ihrem zweiten Besuch auch nach Bergen-Belsen, wo ja Anne Frank gestorben ist und deren Tagebuch wurde damals gerade in einer Theaterfassung aufgeführt und der deutschen Nachkriegsjugend gezeigt.

Sie fahren Transit durch Ostdeutschland nach Berlin und sehen auch diese Seite und ich würde einwerfen, daß Verna B. Carleton vielleicht ein wenig, das Verständnis für die Traumatisierungen und die seelischen Wunden fehlte, die die damals Lebenden, egal ob Mitläufer oder Juden, haben mußten.

Aber das ist wahrscheinlich klar, daß man das heute, sechzig Jahre später mit unserer Erfahrung ganz anders, als 1958 sah, weshalb ich das Buch für besonders interessant und lesenswert halte und, um wieder auf die öst. Liste zurückzukommen, hier wieder Peter Henischs Buch empfehlen kann, der ja in “Suchbild mit Katze” auch ein Nachkriegswien und eine Kindheitserinnerung mit “vermischter Verwandtschaft” an die Fünfzigerjahre beschreibt.

Sprache der Krähen

“Eine packende Kombination aus Thriller, Liebesgeschichte und Familiendrama”, steht im Klappentext des zweiten Romanes, des 1961 in Wien geborenen Georg Elterlein, den mir einmal, glaube ich, Anni Bürkl auf der “Buch-Wien” vorstellte, ich seinen Debutroman “Der Hungerkünstler” im Schrank gefunden, aber noch nicht gelesen, habe und von dem mir  auch Irene Wondratsch erzählte, als sie letzte Woche im “Rebulikanischen Club” traf.

Und das stimmt und hat mich Anfangs auch ein wenig verunsichert, weil ich nicht recht wußte, ob das jetzt ein Jugend- oder All Age-Buch ist, was ich da lese und mir die Handlung zuerst auch ein wenig zu eindimensional positiv erschien, später habe ich erkannt, sie ist genauest konstruiert und diese Mischung wahrscheinlich gekommt eingeplant und insgesamt ist es ein sehr spannendes Buch, das auch sehr viel Stoff zum Nachdenken gab.

Da ist also Leonhard aus der “Abschaumsiedlung”, die Mutter hat die Familie verlassen, als er und sein Bruder Kinder waren und, als der Vater dann erschossen wurde, hat das Jugendamt, das inzwischen, glaube ich “Amt für Familie und Jugend” heißt, den kleinen Bruder Max, bei dem noch Hoffnung herrschte, zu Pflegeeltern gegeben, den größeren ins Heim gesteckt.

Das ist inzwischen lange her, denn Leonhard ist schon Mitte Vierzig, als die Handlung beginnt. Er hat eine getarnte Schlosserei, lebt aber eigentlich von Raubüberfällen, war früher bei der Fremdenlegion und ein Trauma mit einer früheren Freundin, die auch bei einem Raubüberfall erschossen wurde, gibt es ebenfalls.

Da kommt die Nachricht, der Bruder Max, den er als Kind immer beschützte, zu dem er aber den Kontakt verloren hat, hatte mit seiner Frau einen Autounfall, beide tot, nur der zehnjährige Neffe, den er nie gesehen hat, überlebte, liegt aber im Spital und spricht nicht mehr und hat außer Leonhard auch keine Verwandten.

Das, stellt sich heraus, stimmt nicht ganz, es gibt norwegische Großeltern, denn die Mutter kam aus Norwegen, Leonhard ruft sie auch herbei, aber die wollen mit dem Enkel nichts zu tun haben, denn Tove hat ihnen diesen stets vorenthalten, sie kommen also nur, um die Leiche der Tochter überführen zu lassen.

So bleibt Leonhard, der eigentlich den nächsten Raubüberfall plant und auch von zwei Männer verfolgt wird, nichts anderes übrig, als sich um seinen Neffen zu kümmern.

Das gelingt ihm auch gut, konstatiert der Sozialarbeiter, der ihm einen Pflegeantrag nahelegen will, doch “soziale Kompetenz”.

Erik ist indessen in einer wahrscheinlich psychiatrischen Klinik und kommuniziert mit dem Onkel schriftlich, versucht auch öfter zu flüchten und nur Leonhard kann ihm aus dem Klo oder vom Dach herunterholen, so daß die Ärzte mit ihm kooperieren und er den Neffen probeweise nach Hause holen kann.

Der Türke Murat, der im selben Hof, wie Leonhard eine Autowerkstatt betreibt, organisiert die Möbel für das Kindeszimmer und Leonhard kommt so zu einem Kind, obwohl er gar nicht weiß, ob er das will und er dazu bereit ist.

Es gibt auch eine eher ungute Sozialarbeiterin, die ihm mit einem Fragebogen und einem Pflegeelternkurs schikaniert und die Krähen, als Symbol und Metaphern gibt es auch, denn die haben laut Max oder einen von Leonhards Kunden, zwei Sprachen, eine für die Familie und eine allgemeine und in dem Hof wo Leonhard wohnt und arbeitet gibt es auch eine “Morgenkrähe”.

Erik interessiert sich für sie und an dem Nachmittag, wo er probeweise zu Leonhard darf, wird, die von einer Katze überfallen und verletzt, die beiden retten sie und pflegen sie gesund.

Leonhard trifft auch eine Jugenfreunin wieder, muß aber auch seinen Raubüberfall planen und zu dem Zeitpunkt, wo er eigentlich ein Schiff überfallen soll, ruft die Klinik an, Erik ist verschwunden.

Es kommt zu einem Happyend und Leonhard zieht mit Erik und wahrscheinlich auch mit Tina, nach Frankreich, wo er  seit seinen früheren Raubüberfällen ein Haus hat.

Er hat vorher auch seine Hehlerin und die beiden Auftraggeber erschossen. Das war sein letzter Coup, bevor er sich ins Privatleben mit den Neffen, der wahrscheinlich wieder spricht, zurückzieht und das ist natürlich auch die Stelle, mit der ich Schwierigkeiten habe.

Denn Gewalt und Raubüberfäle mag ich eigentlich nicht und, ob die Mischung zwischen Sozialkompetenz und Fremdenlegion und Raubüberfälle wirklich so realistisch ist, wage ich auch zu bezweifeln.

Es ist aber spannend zu lesen und mal etwas anderes und die Sozialkritik, zum Beispiel, die an den Jugendheimen, wo die Kinder vergewaltigt wurden, wie Leonhard es erlebte, kommt auch vor.

Ob das Jugendamt oder dieses für Familie wirklich einem ehemaligen Heimkind und Fremdenlegionär, die Obsorge für einen traumatisierten Zehnjährigen gibt, glaube ich auch nicht wirklich.

Trotzdem erscheint mir das Buch gut recherchiert und es sind auch einige durchaus geglückte Spannungsmomente eingebaut.

Allerdings hoffe ich doch, daß im Alltagsleben nicht so viel geraubt und gemordet wird und, daß die Geschichte gut ausgeht, finde ich auch sehr schön.

Nachtsendung

Hurtig geht es mit dem fünften und wahrscheinlich letzten österreichischen Buchpreisbuch, Kathrin Rögglas “Nachtsendung” weiter, die sich derzeit in Frankfurt befindet und deren Video-Botschaft ich beim gestrigen “Jelinek Symposium” hörte.

Die 1971 in Salzburg geborene und jetzt in Berlin lebende Autorin, von der ich 1992, glaube ich, zuerst etwas hörte, als ich in der Jury für das österreichische Nachwuchsstipendium war, mit der ich dann in Salzburg bem “Sichten und Vernichten-Symposium” gelesen habe und die ich auch öfter in der “Alten Schmiede” und bei “Literatur und Wein” hörte, ist eine sehr gesellschaftskritische Autorin, in diesem Sinne sicher eine Jelinek-Nachfolgerin, wenn auch mit einem ganz anderen Stil.

Ihre Bücher “Irres Wetter” und “Wir schlafen nicht” habe ich gelesen und jetzt “Nachtsendung”, das ein Erzählband ist oder “Unheimliche Geschichten” beinhaltet, wie unter dem Buchtitel steht, nun habe ich mit den kurzen Erzählungen im Gegensatz zu den ausufernden Plottexten ja meine Schwierigkeiten, mich inzwischen aber daran gewöhnt und die “Unheimlichen Geschichten” hängen auch irgendwie zusammen.

Zumindest handeln sie alle von dem hochtechnisierten Businessbvereich, Kahtrin Rögglas Spezialgebiet, wie man sagen könnte, von den Shareholdner,  Outscorsers, Globalisten, Wutbürgern, etcetera und Kathrin Röggla zeigt nun sehr gekonnt und diabolisch auf, wie das ist, wenn da plötzlich etwas passiert und nicht mehr alles, wie gewohnt und geplant passiert.

Das Flugzeug, das eigentlich abheben sollte, plötzlich stehen bleibt und die Stewadesse zwar Getränke serviert, sich dann aber selber anschnallt und hinsetzt, obwohl der Flieger noch am Boden steht.

Oder es in einer Firma plötzlich zu einem “Aussetzer” kommt, so daß plötzlich eine Putzkolonne anrückt, die gar nicht bestellt war.

Bei einer “Frühjahrstagung” gibt es eine Schweigeminute oder einen “Schweigeminutenmurks” für Opfer eines Attentats, obwohl man ja eigentlich “ergebnisorientiert” weiterarbeiten sollte und ein anderer Globalist sitzt in Indien in einem Taxi, will zum Flughafen und fragt sich, ob die Straße auf der er fährt, überhaupt eine solche ist, die dort hinführt.

Die Geschichte “Bürgerbeteiligung” habe ich, glaube ich, schon in Krems bei “Buch und Wein” gehört und in einer anderen Geschichte kommt es zu Gedächtnisausfällen. Der Frau, die offenbar in Unternehmen wegrationalisieren soll, kommen plötzlich die Donnerstage und dann auch andere Tage abhanden, obwohl ihr ihre Kollegen später erzählen, daß ihre Konferenzen, die sie an diesen Tagen abhielt “großartig” waren.

Es geht, um Kriegsverbrecher, das “Forum Alpach” und vieles mehr in der schönen neuen Businesswelt.

Es geht aber auch, um ein Klassentreffen, wo einer nach dreißig Jahren hinkommt und sich an seine ehemaligen Schüler nicht mehr erinnern kann.

Interessant dabei ist, daß er dann aufs Klo geht, wohin ihn seine ehemalige Lehrerin, eine erschöpfte alte Frau folgt und dann zu seiner Überraschung einen Spray aus ihrer Handtasche zieht, um ihn zu vernichten, denn eine solche Idee habe ich in meiner “Globalisierungsnovelle” auch einmal gehabt.

Es geht aber auch um die Bioindustrie und den Gesundheitswahn. So zeichnet eine kurze Geschichte eine Welt, in der der Alkohol verschwunden ist und eine andere berichtet von einem “Gesundheitsforum”, wo sich einer meldet, der an Herzrasen leidet, der in seiner Firma gemobbt wird, aber nicht mehr darüber erzählen darf, weil er ja ein Stillschweigeabkommen unterzeichnet hat.

Es gibt einen “Kinderkreuzzug” und “Sex in Tüten” und in “Normalverdiener”, einer “Zehn kleine Negerlein-Geschichte”, was man heute auch nicht mehr so sagen darf, trefen wir Felsch aus den “Schweigeminuten” wieder, der seine ehemaligen Freunde auf seine großartige Urlaubsinsel einlädt.

In “Überflug (Marokko) hat einer Krebs und will es nicht vor sich zugeben und zwei Varianten über den “Wiedereintritt in die Geschichte” gibt es auch, in der ersten geht es um den Lärm in einem Drogeriemarkt, im der zweiten, geht es, um eine sogenanntes “Kinderdiktat”, wie schon im Klappentext beschrieben wird.

In “Pentagonumgebung” versuchen Konferenzteilnehmer, das Pentagon zu besichten und in “Absoutionsgeschehen”, verdient sich ein wahrscheinlich Freiberufler sein Geld, in dem er sich in ein Berliner Cafe setzt und denen, die ihre Mieter, Angestellte oder Kindergruppebetreuer loswerden wird, die Teil oder vielleicht auch ganz Absolution erteilt.

Es bleibt dann gleich in den sozialeren oder, wie es Kathrin Röggla in ihrer Businesssprache wahrscheinlich nennt, “Hartz IV- Gefilden” und geht in diesbezügliche Selbsthilfegruppen, Kinder werden gewünscht, ausgewürfelt oder verdrängt, es gibt eine Geschichte über “Untote”, die wieder an die Jelinek erinnern könnte oder um, die Frage, was man macht, wenn man plötzlich nach dem Begräbnis seines Mannes überall Doppelgänger sieht.

Langsam, langsam kommen wir in den, ich glaube, sechundvierzig Geschichten wieder zu den Flugzeugen oder der Ausgangsstory zurück, denn am Schluß sitzen alle wieder in demselben Flugzeug, das wir schon zu Beginn kennenlernten, es normalisiert sich alles, das Flugzeug hebt ab “und es ist eigentlich so wie immer.”

“Die Gespenster unserer Gegenwart” können wir auch am Buchrücken lesen, sind es, die Kathrin Röglla in ihrer wahrscheinlich wirklich unverwechselbaren Businesssprache, in der sogar die Teilnehmer von Selbsthilfegruppen von “Zukunftsfestlegung” und “Meetings” reden, hier beschreibt und sich sehr gekonnt von der Realität, des schönen modernen Businesslebens in die unheimlichen Gefilde der Phantasie oder des Unerklärlichen begibt.

Eine interessante österreichische Erzählstimme und wenn man so will, durchaus Jelinek-Nachfolgerin, die man vielleicht kennenlernen sollte.

Daniela Strigl hat in ihrem Interview, das sie einem deutschen Radiosender gab, bedauert, daß sie nicht auf der österreichischen Shortlist steht. Das ist natürlich schade, aber wenn man sich auf die angeblich fünf besten konzentriert, müssen hundert oder vielleicht auch tausend andere beste überbleiben.

Zum Glück hat der Leser aber die Entscheidung, nach dem zu greifen, was er lesen will und sollte das vielleicht auch bei Kathrin Rögglas “Nachtsendung” tun.

Die Auswandernden

Im Literaturbetrieb und beim Longlistenlesen erlebt man manchmal Überraschungen, obwohl ich ja eigentlich glaube mich dort ganz gut auszukennen, nachdem ich mich da  schon seit über vierzig Jahren daneben stehe.

So habe ich, als ich in der vorigen Woche überlegte, was das wohl auf die österreichische Shortlist kommen würde, ganz ehrlich nicht im Entfernstesten an Peter Waterhouse gedacht.

Ihn und Daniela Emminger habe ich weggelassen, sonst hätte ich eigentlich alle acht als  wahrscheinlich gesehen und was das Experimentelle betrifft, hätte ich mir eher Anne Cottens Verseops gewünscht, denn, als der 1956 in Berlin geborene und in Wien lebende, 2007 den “Erich Fried Preis” bekam, habe ich, glaube ich nicht sehr viel mit ihm und seinen Büchern anfangen können, denn das Experimentelle liegt mir nun einmal nicht.

2009 hat Michael Hammerschmid den “Prießnitz-Preis” bekommen und da hat Peter Waterhouse, die Laudatio gehalten, eine sehr sprachgenau, wie ich mich erinnern kann, die Wort für Wort, die Texte des Gewinners auseinandernahm und das ist jetzt mit den “Auswandernden”, das zweite öst Shortlistbuch das ich gelesen habe und wahrscheinlich auch lesen werde, passiert.

Eine punktgenaue Auseinandersetzung und Auseinandernehmen der Sprache und das in Bezug zu einem gerade sehr aktuellen Thema und da  habe ich gedacht, die experimentellen Sprachanalylytiker würden sich dafür interessieren.

Über die österreichischen Shortlist habe ich in den Medien und in den Blogs noch nicht sehr viel gelesen, bei der deutschen wurde allgemein bedauert, daß sie sich nicht mit der Flüchtlingsproblematik auseinandersetzte und die Bücher der jungen Deutschen, die aus dem Iran, Saudiarabien, etcetea kommen und darüber schrieben links oder rechts liegen ließ.

Von Peter Waterhouse hätte ich mir eine Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht erwartet und es ist auch ein sehr  ungewöhnliches Buch, das da in dem kleinen “Starfruit-Verlag” erschienen ist und das ich für einen Kanditaten für die “schönsten Bücher Österreichs, Deutschlands” oder wo auch immer halten würde.

Denn Peter Waterhouse ist nicht der alleinige Autor, Nanne Meyer steht auch noch darauf und die 1953 in Hamburg geborene, die Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ist, hat die Illustrationen dazu geliefert oder besser ein zweites Buch dazu gezeichnet, so daß man durch die “Auswandernden”, wie durch ein Museum gehen kann.

Es beginnt auch ganz banal, nämlich mit einer Tafel, die angeblich oder tatsächlich im Einsiedlerpark hängt, ich müßte da mal nachschauen, er ist ja gleich in meiner Nähe, auf der “Am frühen Morgen des 15. Oktober 1936 holte Johann Urban, Schuldiener in der Lehranstalt für Textilindustrie in der Spengergasse, im Postamt am Hundsturm das für die Gehälter des Schulpersonals bestimmte Geld ab und durchquerte gerade den Einsiedlerpark, als ihm ein junger Mann weißen Pfeffer ins Gesicht schleuderte.”, steht.

Mit der Flüchtlingsfrau Media, die mit einigen Wörterbüchern gerade Deutsch zu lernen beginnt und der der Autor oder Ich-Erzähler dabei hilft, durchquert er den Park, bleibt vor der Tafel lange stehen,  liest und liest, kommt dabei zu Adalbert Stifter und zu Hebbel und beginnt die Sprache auseinanderzunehmen.

Denn, was weißt Flucht, ergreifen, begreifen, aufgreifen, wenn man genau hinaschaut, kommt man damit wahrscheinlich so durcheinander, wie es Katja Lange Müllers Asta tat, als sie nach zweiundzwanzig Helferjahren im Ausland wieder zurück nach Deutschland geschoben wurde.

Man sieht auch die deutsche Liste ist aktuell und der Preisträger hat ja auch, wenn auch vielleicht sehr konstruiert und abgehoben sich mit dem Flüchtlingsthema auseinandergesetzt.

Media muß sich auch mit der Sprache auseinanderetzen, sagt “Pippi Langstrupfhose und schreibt in ihre Bewerbungsschreiben “Timm”, denn so hat sie das Wort “Team” verstanden.

Von Stifter und  Hebbel kommt Peter Waterhouse zu Charles Dickens und zur englischen Sprache, dem Namen nach hat er wohl auch englische Wurzeln und er kommt auch nach Bozen, weil er dort eine Lesung aus einem von ihm übersetzen Gedichtbandes hat.

Aber das passiert erst später in dem Buch, das immer wieder durch sehr schöne Illustrationsblöcke unterbrochen wird, wo der Inhalt des Vorher beschriebenen visuell wiedergegeben wird.

“Keine, kein, keine, ohne”, steht da mit den dazugehörigen Zeichnungen, das Messer oder Stock, das Blatt, eine Zwiebel ohne Zitrone, so genau ist das nicht zu erkennen und mit der Sprache hat man es auch nicht leicht.

Peter Waterhouse geht inzwischen aber zum Asylgerichtshof nach Wiener Neustadt, hält dort, wenn ich mich nicht irre, im Rahmen des “Mit Sprache unterwegs Projekt” eine Rede und wundert sich, daß keine Richterinnen im Saal saßen.

Vorher hat er Medias Bescheide auseinandergenommen, die bevor sie mit ihrer Tochter das Land verließ, einen deutschen Satz auswendig lernte, um ihn den Grenzbeamten aufzusagen, die ihre Fluchtroute natürlich nicht nachvollziehen konnten.

Vom Auswandern kommt man leicht zum Überqueren und Überfahren, zum Fuhrmann aus einem Märchen oder einer Hebbel-Geschichte aus dem achtzehnten Jahrhundert, zu Zeiten der französischen Revolution, leider fehlen in dem ansonst so schönen Buch, die Quellenangaben, was da jetzt wo zitiert wurde.

Es wird aber auch von einer Freundin, einer Rechenkünstlerin erzählt, die sich ihr Todesdatum genau ausrechnete und dann wirklich punktgenau ein paar Tage vor oder nach dem 4. 4. 2002 gestorben ist und der Erzählter wachte eine Zeit danach jeweils um vier uhr früh auf und konnte nicht  mehr schlafen.

Vom Greifen zum Ergreifen, Begreifen, Auswandern und Zurückdringen, man sieht, man kann sich mit der aktuellen Situation auf verschiedene Art und Weise auseinandersetzen, man kann, wie ich es mit meiner Flüchtlingstrilogie getan habe, realistisch davon erzählen, man kann aber auch mit einer Zeichnerin eine Sprachanalyse daraus machen, kann vom Schuldiener Johann Urban, von Adalbert Stifter, Charles Dickens und anderen erzählen und dann immer wieder die absurde Sprache der Asylbescheide aufzugreifen und zu untersuchen.

Ein interessantes Buch, das ich durch die Shortlist-Juroren kennenlernen durfte, wofür ich herzlich danke, weil es sonst höchstwahrscheinlich an mir vorbei gegangen wäre.

Als Buchpreisbuch wünsche ich es mir nicht, denn dafür habe ich ja schon eine Kanditain, die heute auch beim “Grillparzer Symposium” liest, wo bei der gestrigen Auftaktveranstaltung für mich überraschend der sehr kritische Literaturprofessor Arno Dusini auf das Buch hingewiesen hat, obwohl er sich vorher über den “Bachmannpreis” ärgerte, aber dort haben ja heuer Tomer Gardi mit seinem Broken German und die vielleicht auch sehr experimentelle Stefanie Sargnagel gelesen und den Preis hat eine Autorin gewonnen, die auch nicht Deutsch zur Muttersprache hat.

Ob es ein Buch für die berühmte Schwiegermutter ist, glaube ich nicht, der ist es wohl zu experimentell und vielleicht auch zu schwierig zu lesen und das befürchte ich ganz ehrlich auch bei den Bücherbloggern und bin nicht ganz sicher, ob die, die Geduld aufbringen werden, sich durch die zweihundertfünfzig Seiten zu lesen, wo nicht viel passiert, es keinen Plot gibt, aber die Sprache auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt wird.

Man kann aber, wenn einem das zu anstrengend ist, sich immer wieder durch die wirklich schönen Zeichnung lesen. In jedem Sinn also die große Überraschung auf der öst List ich kann das Buch wirklich jeden nur empfehlen und werde jetzt mit dem letzten Buch auf der österreichischen Liste, dem Longlist Buch von Kathrin Röggla weitermachen, die auch eine sehr experimentelle Sprachkünstlerin mit gesellschaftlichen Ansatz ist.

Die Annäherung

Nach der Vergabe des deutschen Buchpreises an Bodo Kirchhoff geht es mit der österreichischen Liste und dem dritten Longlistbuch, sowie dem ersten, das auf der Shortlist steht, weiter.

Aus Anna Mitgutschs “Annäherung” habe ich schon in der “Alten Schmiede” ein Stückchen gehört und die 1948 geborene war mir schon in den Neunzehnhundertsiebziger Jahren, als ich zu schreiben begonnen habe und mich auch im Arbeitskreis schreibender Frauen literarisch sozialisierte, ein Begriff. Sie war oder ist auch Vizepräsidentin der IG Autoren und ich habe einige ihrer Bücher, auch die literaurwisschenschaftlichen gelesen.

“Die Annäherung” ist ein interessantes Buch, über vierhunderseiten dick, könnte man so sagen, auch wenn auf dem ersten Blick vielleicht nicht so viel passiert und es auch keine sprachlichen Experimente gibt.

Es gibt auch nicht so viel Neues, was hier beschrieben wird, sondern eine Familiengeschichte, die wahrscheinlich jeder in irgendeiner Form erlebt und die über Sechzigjährigen werden auch, wie ich, Väter haben, die ihnen ihre Kriegstagebücher, sowie ihre Fotoalben mit lachenden jungen Wehrmachtssoldaten hinterlassen haben.

Das Buch wird in zwei Perspektiven aus der, des siebenundneunzigjährigen Theos, in “Er- Form” und dann aus der in “Ich Form” seiner Tochter Frieda erzählt.

Die beiden hatten es nicht leicht miteinander und sie nähern sich auch nicht wirklich an, da gibt es zuviel was sie hindert, hemmt, sprachlos macht, etcetera.

Es wird in einem Jahr erzählt, beginnt mit dem Winter, wo der Sechundneunzigjährige einen Schlagerfall erleidet und endet dann im nächsten Winter mit seinem Tod.

Inzwischen wird viel, ein ganzes Leben einer ganzen Famalie, Kinder, Enkelkinder, Cousinen, geschiedene Ehemänner, gestorbene Frauen, erzählt.

Theo ist und das unterscheidet ihn von anderen Protagonisten anderer Romane, kein intellektueller, sondern ein Gärtner, ein sprachloser Bauernsohn, der in den Krieg geschickt wurde.

Die erste Frau Wilma ist gestorben, ein Jahr später freundet er sich sehr zum Mißfallen seiner pubertierenden Tochter mit Berta an, heiratet sie und schickt Frieda, um seine Ehe zu retten noch vor ihrem achtzehnten Geburtstag aus dem Haus.

Denn Theo ist ein passiver Typ, ordnet sich Berta unter. Frieda studiert Geschichte und fragt den Vater, wenn sie ihn heimlich trifft, öfter, die berühmte Frage, die ich meinem, glaube ich gar nicht so sehr stellte, “Was hast du im Krieg getan?” und es kommt nicht sehr viel heraus, als Scham, Schweigen, Reue.

Friedas Sohn Fabian ist Theo näher gestanden, der hatte aber mit dreißig seinen Unfall, der Enkel bzw. Urenkel verschwindet mit seiner Mutter, so ist Frieda, die noch eine Tochter hat, allein und im ersten Winter, als Theo gehbehindert aus dem Spital zurückkommt, hat auch Berta, die zwar siebzehn Jahre jünger ist, einen Schwächeanfall, muß ins Spital und es bleibt ihr nichts anderes über, als die Tochter anhzurufen, damit sie sich, um den Vater kümmert.

Später kommt Ludmila aus der Ukraine, als illegale vierundzwanzig Stunden Betreuerin, in die sich der alte Theo verliebt, das erscheint mir ein wenig kitschig, kann aber vielleicht so sein. Beim siebenundneunzigjährigen Geburtstagsfest wird Berta jedenfallls auf sie eifersüchtig und schmeißt sie hinaus, so daß Theo, die Stunde abwarten muß, bis Berta mit der neuen Pflegerin in der Stadt ist, um die Tochter zu sich zu rufen, ihr ein Sparbuch, ein Päckchen und sein Kriegstagebuch mit der Bitte zu übergeben, zu Ludmila zu fahren und ihr das zu bringen.

Das Tagebuch ist für Frieda, als Belohnung sozusagen und sie fährt damit mit einem jüdischen Freund zu dem sie eine Fernbeziehung hat, auch los, nach Krakau, Lemberg Czernowitz, an den erstern zwei Orten war ich auch schon mal, sucht nach jüdischen Spuren, die sie nicht findet, liest das Tagebuch, stößt dort auch auf Lücken und die letzten Fragen werden nicht, können das vielleicht gar nicht mehr, beantwortet.

Ludmila ist ebenfalls schweigsam und abweisend, als sie sie endlich erreichen. Sie heiratet gerade, kommt also nicht zurück und Frieda kann ohnehin nur mehr einem schwerhörigen alten Mann, der sie kaum erkennt, diese Nachricht überbringen.

Ein interessantes Buch über die Geschichte der letzten hundert Jahre, nicht das erste zu diesem Thema, ich erinnere an den Film “Sibirien” von Felix Mitterer mit Fritz Muliar.

Beeindruckender, als das mit den Kriegstagebüchern war deshalb für mich auch das Seniler- und Schwächerwerden des alten Mannes, etwas was mich naturgemäß sehr interessiert und ich es sehr interessant und vielleicht auch neu fand, wie sich Anna Mitgutsch diesem Thema was ja auch sehr schmerzliches ist, was gerne verdrängt wird, annähert.

Ein interessantes Buch also und sehr zum Lesen zu empfehlen und daran schließt sich  wahrscheinlich fast nahtlos ein weiteres öst. Shortlist-Buch, nämlich Peter Henischs “Suchbild mit Katze”, das glaube ich. in das zerbomte Nachkriegswien führt. Aber das müßte ich erst bekommen, so daß ich mit Peter Waterhouse “Auswandernden” weitermachen werde.

Gemischter Satz

Jetzt gehts ans österreichische Buchpreis-Lesen, nach dem ich mit dem deutschen fast fertig bin und achtzehn Longlistbücher und fünf der Shortlist gelesen habe, damit lasse ich es vorläufig stehen, wer den dBp bekommt, werden wir Montagabend wissen und mache mit Buch zwei der österreichischen Liste weiter, ein Longlistbuch, entgegen meiner Vorsätze mache ich in der Reihenfolge des Eingetroffensseins weiter, lese Shortlist auf Longist, dann nochmal Shortlist und höre vorläufig bei Buch fünf wieder bei der Longlist auf.

Dreimal Longlist, zweimal Shortlist also und der Rest bleibt vielleicht ein Geheimnis, vielleicht auch nicht. Wir werden es sehen.

Jetzt geht es aber sehr poetisch weiter, mit einem kleinen dünnen Büchlein “Novelle” steht am Cover” und “Gemischter Satz” von Daniela Emmiger, die 1975 in Oberösterreich  geboren wurde und von der schon seit einigen Jahren ein “Ritterbuch” in meinen Regalen steht.

Sonst weiß ich nicht sehr viel über die Autorin und habe sie, soviel ich weiß auch noch auf keiner Lesung gehört.

Ein zweigeteiltes leichtverschobenes Hirn ist noch am Cover des Buches aus dem “Czernin-Verlag”, gepaart mit ein paar fünfblättrigen Kleestückchen zu sehen und wir wissen schon alles oder auch nichts.

So viel sei verraten, es geht um die Liebe, um, die von Agatha zu ihrer Nummer sieben, acht oder neun und die ist, verrät der Klappentext, ein Betriebs- oder “Liebesunfall bei dem alle Bteiligten mehr oder weniger heil davon kommen”, um es poetischer auszudrücken und dann steht noch darunter,  daß “Gemischter Satz ein literarisches Kunststück ist, in der die Autorin, die Erzähltradition mit unerhörer Feinheit verbindet und ganz nebenbei die großen Fragen nach der Wahrheit, der Liebe und der Vergänglichkeit streut.”

Und das ist wahr, man könnte aber auch sagen, da spricht oder erzählt eine Quasseltante uns von einer Agathe, die mit allen Wassern, Poetiken und Erzähltraditionen gewaschen ist, schwankt zwischen Publikumsbeschimpfung und Feuchtgebieten hin und her und beginnt ganz lapidar mit der Definition des “Gemischen Satzes: bezeichnet einen Wein, der sich aus unterschiedlichen Rebsorten aus einem Weingarten zusammensetzt”, kommt dann bald auch zu Elfriede Jelinek: “Wer sich traut vor einem Misthaufen laut die Wahrheit zu sagen, der heißt entweder Jelinek oder aber der ist verrückt oder lebensmüde oder beides.”

Stendhal wird zitiert: “Marie-Henry Beyle (23. Januar 1783 – 23. März 1843) besser bekannt unter seinem Pseudonym Stendhal war ein französischer Schiftsteller, Militär und Politiker. Sein 1822 erschienenes essayistisch philosophisches Werk  De L` amour, eine Physiologie der Liebe, hat sich in den ersten zehn Jahren nur siebzehnmal verkauft.”

Es gibt einen Prolog und die Geschichte von Agatha und ihrem Liebesunfall mit der Nummer sieben, die sich daraufhin “metaphorisch die Brüste abschneidet” und sich in das Gästezimmer ihrer Eltern flüchtet, dort Prosecco trinkt, schließlich eine Ausbildung zur Köchin macht, das Gulasch mit ein kleinStückchen Bitterschokolade würzt und erkennt, daß  nur ein solches besser wird, in dem man es aufwärmt.

So kommt es zu einer Nummer acht und einer schnellen Hochzeit in Las Vegas, der Nummer sieben ist sie auch nach Berlin nachgereist. Briefe werden geschrieben und beantwortet, die Eltern und die Schwester machen sich Sorgen, um sie, und wollen sie bei “Liebesgeschichten und Heiratssachen” anmelden oder “mit Richard Lugner nach Sri Lanka” schicken, bis sie schließlich den Jahreswechsel allein verbringt, ihren “gemischten Satz” alleine trinkt,  sich auch die Brüste wieder wachsen läßt, weil sie sich nicht mehr verändern und verbiegen lassen wird.

Denn “Vielleicht bestand die Herausforderung des Lebens genau darin, sich mit dem abzufinden, wer und wie man war, sich in seiner speziellen Art und Weise zu begreifen, zu akzeptieren und schließlich auch zu akzeptieren, dass ein anderer war, wie er war und weder eine Agatha noch eine Nummer acht, das Recht hatten, sich gegenseitig zu ändern. Sie blätterte zur letzen Seite des Scheidungsvertrags und setzte zur Unterschrift an.  das Scheiden tat nicht mehr weh. Es war ganz einfach: Das Leben war gut”.

So endet Daniela Emmingers Novelle von der Liebe und den gemischten Sätzen auf Seite 112.

Eine sehr poetische Geschichte, nicht immer leicht zu verstehe, auch  gänhzlich ohne Plot und wenn man so will, vielleicht auch ohne den Sinn, der der Realistin an der Literatur so wichtig ist.

Ein l`art pour l`art und ein Spiel mit den verschiedensten literarischen Stilen, das ohne den österreichischen Buchpreis und der österreichischen langen Liste höchstwahrscheinlich an mir vorbeigegangen wäre.

So habe ich eine interessante Autorin kennengelernt, die die österreichische Gegenwartsliteratur auf eine sehr interessante Art, manchmal sanft und leise, manchmal aus sehr aggressiv und herausfordernd durcheinandermischt, wofür ich dem “Czernin Verlag” sehr dankbar bin und jetzt nur noch “Leben für Anfänger” lesen sollte.