Wirf den Schaffner aus dem Zug

Von dem 1958 in Wels geborenen Dietmar Füssel, ein GAV-Kollege, habe ich schon viele Bücher gelesen und bin auch auf einigen seiner Lesungen gewesen, kann ich mich doch erinnern, daß ich ihn über den “Max von der Grün-Preis”, den er einmal gewonnen hat, ich nie, kennenlernte und dann später, als ich schon zu bloggen begonnen hatte, auf seine Website gestoßen bin, denn da gibt es ja ein monatliches Gewinnspiel, wo man eines seiner Bücher gewinnen kann und so bin  ich in Kontakt mit ihm bekommen und habe viele seiner Bücher gelesen.

Alle nicht, denn der Bibliothekar, Aktionskünstler und “Panthokanarier”, wie er sich nennt, hat sehr viele Bücher geschrieben, 1983 beispielsweise, eine Sammlung, seiner schwarzen Erzählungen mit dem Titel “Wirf den Schaffner aus dem Zug”, das auf der Frankfurter  Buchmesse mit dem “Preis des besten deutschsprachigen Erstlingswerk” ausgezeichnet wurde.

Das ist lange her und ich habe  erst mit “Rindfleisch”, das, inzwischen auch neuaufgelegt wurde und jetzt anders heißt, mit dem Lesen angefangen.

Zum Glück gibt es aber jetzt bei Vito von Eichborn oder bei “Vitolibro”, das ist, glaube ich ein neuer alternativer Kleinverlag, eines aktiven Literaturaktivisten, eine Neuauflage, die überarbeitet wurde, so werden die Preise darin in Euro und nicht, wie vermutlich früher in Schillingen angegeben und es sind auch Texte aus dem Nachfolgerband “Dietmar Füssels Wunderhorn”, der mir ebenso entgangen ist, darin enthalten.

Eine Menge kurzer böser Texte, denn Dietmar Füssels Eigenart und Besonderheit ist wahrscheinlich sein schwarzer Humor, mit dem er die Welt verdreht und so auf das Bizarre, das uns umgibt und das uns daher gar nicht mehr auffällt mit spitzer Stimme  oder Feder hinweist.

Sehr makabre kurze Texte und ich kann und will sie gar nicht alle nacherzählen, was man, da man ja selber lesen soll, auch gar nicht braucht.

Da fährt also einer mit dem Zug, der Schaffner verlangt, die Fahrkarte und wirft sie aus dem Fenster, dann verlangt er sie noch einmal und weil der Reisende sie nicht mehr hat und auch kein Geld für eine neue, wird er zum Tod verurteilt.

Zum Glück ist das wirkliche Leben nicht ganz so grausam, wie Dietmar Füssels schwarze Phantasie, denn da geht auch einer auf die Post, um einen Brief aufzugeben, bezahlt die Marke und sieht, wie der freundliche Beamte, den Brief in den Mistkübel wirft, darauf angesprochen zeigt er ihm drei Leichen von lästigen Fragestellern im Kasten. Der Erzähler geht zu Polizei wird verhaftet, denn man findet nun in seinem Kasten, die Leichen von drei Postbeamten.

Da kann man nur an die inzwischen mit der BAWAG vereinigte österreichische Post denken, daran, daß die Briefe oftmals erst am Nachmittag kommen  und man seine Pakete sich inzwischen beim “Heimtierprofi” einem Weinhändler oder einem Schneider abholen kann.

Alois Brandtstetter hat darüber auch ein berühmtes Buch geschrieben, das ich vor kurzem gelesen habe.

Bei Dietmar Füssel geht es aber munter weiter, da schickt ein Vater seinen Sohn in nächste Gasthaus, eine Flasche Bier zu holen, was jetzt streng verboten ist, 1983 war es das wahrscheinlich noch nicht, der Sohn trinkt also das Bier aus, wird von einer Hexe in die Flasche verzaubert, die nun der Vater trinken muß.

Eine Kellnerin beschwert sich über die betrunkenen Männer, die ihr auf den Po klopfen, ein Chef verwünscht seinen Buchhalter bei seiner Pensionierung, ein Obdachloser wird als Pharao in den Sarg des kunsthistorischen Museums gelegt, ein Mann wird schwanger und gebiert ein Stacheschwein und so weiter und so fort, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt und das Lesen der schwarzen bösen makabren Dietmar Füssel-Geschichten macht Spaß und regt zum Nachdenken an.

Das Lachen, das vielleicht kommen könnte, wird natürlich im Halse erstickt, so wie Eva, der Apfel, den sie vom Baum der Erkenntnis aß und mit dem sie Adam zum Bösen verführte, nicht schmeckte und sie stattdessen Bauchweh bekam, weil er natürlich vergiftet war.

Bei einigen Geschichten outet sich der Autor, als Erzähler und nennt sich Didi F., der vor seiner Lesung seinen Text erklärt und am Schluß in einer Irrenanstalt landet, weil er sich für den größten Erzähler aller Zeiten hält.

So schlimm ist es wahrscheinlich nicht und man kann mit diesem Irrglauben im Normaloland, das, glaube ich, auch öfter vorkommt, ganz normal leben, ein “Plagiat” im Untertitel der Geschichte “Die Verwandlung” gibt es auch und die ist dann natürlich ein bißchen anders, als die Berühmte von Franz K. und Sherlock Holmes wird vom Gevatter Tod mit der Sense in den Himmel geholt und dort langweilt er sich, weil es für ihn nichts Böses gibt und versucht Gott dazu zu zwingen, das für ihn zu erschaffen.

Ein kleines Kind wünscht sich dagegen vom lieben Gott ein “Nein zu Zwentendorf”, so steigt der auf die Erde herab konferiert mit dem Bundeskanzler, dem Kardinal und hält auch eine Brandtrede, die allerdings nichts nützt, so daß er Österreich das Atomkraftwerk, als Strafe wünscht, aber das, lieber größer Schriftsteller aller Zeiten, haben ja die Wähler verhindert und ein Papst hält seinen Gläubigen eine zu kritische Rede, so daß er von seinem Kardinal eliminiert werden wird.

Spannend, spannend diese “frivolen und fröhlichen, makabren und haarsträubenden, ironischen wie selbstironischen Geschichten, die Tabus berühren”, wie am Buchrücken steht und ich, die ich ja mit dem Humor manchmal meine Schwierigkeiten habe, habe mich gut unterhalten und empfehle also meinen Lesern, Dietmar Füssel zu lesen, der vielleicht nicht wirklich, der größte Schriftsteller aller Zeiten ist, aber ein sehr umtriebiger und bemühter, der noch dazu das Buch höchstwahrscheinlich bei seinem Gewinnspiel verlost. So, daß man man es mit etwas Glück gewinnen kann, obwohl es für dieses Monat vielleicht schon vergeben sein wird.

Also weiter seine Homepage lesen und es im nächsten Monat wieder versuchen, so habe ich es jedenfalls einige Male gemacht.

Unnützes HamburgWissen

Nach den “Sommernomaden” geht es gleich weiter, mit den Sommer beziehungsweise Reisebüchern, denn im Sommer soll man ja reisen, obwohl ich ja  nicht so besonders reiselustig bin.

Ich nehme mir aber in die jeweiligen Urlaubsdesitnationen immer Bücher der jeweiligen Autoren mit, lese in Ungarn also Ungarn-Bücher, in Kroatien, die von Marica Bodrozic und Jagoda Marinic, im Salzkammergut, die übers Salzkammergut und am Hochschwab, wo wir ja Freitag und Samstag waren, nicht den “Hochschwab-Blick” aus dem “Haus” und auch nicht Peter Rosegger oder was anderes Lokalpatriotisches, nein, meine Leser werden staunen, , auf das Schießtlhaus, wo ich ja schon Judith Frank, Melamar und anderes  gelesen habe, habe ich diesmal das “Unnütze HamburgWissen” mitgenommen, bin aber bald daran gescheitert, beziehungsweise habe ich das Lesen über den Klaus Störetbcker und das Alsterwasser bald aufgeben und man wird fragen, wie ich auf diese vielleicht auch ein bißchen unnütze oder unverständliche Idee gekommen bin?

“Der Holzbaum-Verlag oder “Stadtbekannt” haben Schuld daran, denn die schicken mir ja alle ihre Publikationen zu und haben inzwischen drei Bände mit “Unnützen Wien Wissen” herausgegeben, wovon ich zwei gelesen habe und dann das über Habsburg, die Musik, etcetera und weil das so großen Erfolg hat, vielleicht die Stadt Hamburg einen solchen Band in Auftrag gab.

Und die begierige unnützes Wienwissenerforscherin kann gleich anmerken, denn jetzt habe ich das Büchlein ja in der Harlander Badewanne ausgelesen beziehungsweise überfolgen, daß es für eine Wienerin, die drei Mal in ihrem Leben in Hamburg war, vielleicht wirklich ein bißchen unnütz ist, sich unnützes Wissen über eine Stadt zu erlesen, die amn gar nicht kennt oder sagen wir, nicht so effektiv, denn Wien kenne ich ja sehr gut und weiß daher, was nützen kann und was nicht, über Hamburg kann ich das auch jetzt nicht sagen, so daß ich das Buch eher den Hamburgern oder den nach Hamburg reisenden empfehlen würde, aber dennoch war ich daran interessiert, denn ich war ja nicht nur dreimal in meinem  über sechzigjährigen Leben in Hamburg, ich hörte auch literairsch in letzter Zeit sehr viel davon, lebtdoch Martina Gercke, die Chefstewardess und Autorin vom “Holunder- und Champagnerküßchen” und anderen selbstgemachten Büchern dort, Norbert Gsrein wohnt jetzt dort und Dörte Hansen hat ein Buch über das “Alte Land” geschrieben und das ist ein Teil der Elbestadt, wie ich spätestens nach meiner unnützen Hamburg Lektüre weiß und Mara Giese die Buzzaldrin Betreiberin ist vor einem Jahr auch dorthin gezogen und stellt seither mehr oder weniger regelmäßig die wichtigsten Hamburgischen Buchhandlungen vor und weil die Literatur und Bücher ja nicht unnütz sind, kommen sie in dem blauen Büchlein, das einen Schwan am Cover hat auch nicht vor.

Die Stadt ist aber trotzdem  interessant und wichtig, hat die Reeperbahn in St. Pauli, den Hafen und den Hans Albers und ich hatte eine Tante, die Frau meines Onkel Hans, die aus Hamburg stammte und obwohl sie schon über vierzig Jahre in Wien lebte, immer noch ihren Norddeutschen Akzent nicht verleugnen konnte, während meine Tannte Mella, die in Kriegszeiten zum Spargelstechen nach Hannover ging und sich dort verehlichte, ihren Wienerischen Akzent bald verloren hatte und mit ihr und meinen Eltern habe ich als Zwölfjährige das erste Mal Hamburg besucht und bin die berühmte Reeperbahn entlanggegangen, wo ich mich an einem Nachtclubausrufer erinnern kann, der uns anlocken wollte und dann verstummte, als er mein Alter erkannte.

Dann war ich im Sommer 1975 oder 1976, in jenem Jahr jedenfalls, als in Wien, die Reichsbrücke einstürzte, dort bei einem Workcamp in St Georg, wo ich den Pfarrer Blazejewski kennenlernte, den ich dann zwei Jahre später über Weihnachten besuchte.

Das waren meine Hamburger Aufenthalte und das ist lange her und so wird sich die Stadt inzwischen sehr verändert haben, ich kann mich aber noch an eine Paddelbootfahrt erinnern, die ich als Nichschwimmerin damals mit der Gruppe an der Alster unternommen habe und an das Alsterwasser, das ich anschließend getrunken habe und wundere mich noch heute, daß ich das Bier Limo Gemisch hinunterbrachte und ich so schüchtern war, daß ich nicht gegen beides protestierte.

Was das Alsterwasser ist und woraus es besteht, wird in dem Buch, das aus sieben Kapitel: Historisches, Kulinarisches, Unterhaltsames, Verruchtes, Musikalisches, Sportliches und Mobiles besteht, genau erklärt, dazwischen gibt es noch schöne Bilder und für alle, die es noch nicht wissen, füge ich noch hinzu, daß es kein Reiseführer ist, sondern eine Aufzählung von Fakten, die vielleicht für Hamburg brauchbar sind, in Wien, in Harland und am Hochschwabgipfel aber wahrscheinlich nicht so besonders wichtig. Trotzdem weiß ich jetzt, wer Klaus Störtebeker war, daß die Hamburger groß und selbstbewußt sind, der Helmut Schmidt, der Kettenraucher, von dort stammte und auch die jetzige Bundeskanzlerin von Deutschland dort geboren wurde und erst danach mit ihrer Familie in die DDR umzog.

Sicherlich nicht sehr wichtig, all das zu wissen.  Johannes Brahm wurde auch dort geboren und verbrachte  seine Sommerfrischen in Mürzzuschlag, wo er ein eigenes Museum hat, füge ich etwas vielleicht auch nicht sehr Nützliches hinzu, was nicht in dem Büchlein steht, Hans Albers und die Reeeperbahn, nachts, um halb eins, wird erwähnt, das ist schon wieder etwas nützlicher und eines ist wohl der Wert des Buches, wenn man es, als eingefleischte Wienerin am Hochschab und in der Badewanne liest, es machte auch die nicht sehr Reiselustige, neugierig auf die Stadt.

Vielleicht finde ich einmal Dörte Hansens “Altes Land” in den Kästen, vielleicht lese ich Martina Gerckes Facebooknotizen und Mara Gieses Buchhandelsberichte noch ein bißchen begieriger und vielleicht komme ich wieder einmal in die Stadt-, die einen großen Hafen hat, wo der “Hamburger”, den ich ja sehr gern esse, das weiß ich jetzt gar nicht so genau, erfunden oder nicht erfunden wurde, jedenfalls seinen Namen daher hat und als ich in Hambrug war, habe ich beim Einkaufen genau gewußt, daß ich beim Schlachter, nicht beim Metzger oder Fleischhauer, wie man bei uns sagt, Hackfleisch und kein Faschiertes verlangen muß, -um mir die Sehenswürdigkeiten anzuschauen, durch die Mönckebergstraße, der teuersten Einkaufsstraße mit den größten Geschäften zu flanieren oder  mir Altona oder Blankenese anzusehen.

Vielleicht ist noch zu erwähnen, Hamburg ist eine Hansestadt und ein echter Hanseate muß mehrere gebürtige Vorfahren haben, ansonsten kann jeder sich so nennen oder eine Hanse betreiben und die “Niveacreme” in den blauen Dosen wird auch dort erzeugt.

Ein interessantes  Büchlein für das Sommerloch, wenn man depressiv auf der Terrasse oder im Strandbad liegt, würde ich vermuten, als Souvenier den Hamburgern mitzubringen oder auch neben dem Reiseführern für den Stadtaufenthalt, aber auch als Abendunterhaltung auf dem Hochwabgipfel geeignet, weil es leicht den Berg hinaufzutragen ist, auch wenn man dann wahrscheinlich nicht sehr viel oder nur Bahnhof versteht.

Sommernomaden

Jetzt kommt ein Sommerbuch, zehn Stories von Marianne Jungmaier, die ja das “Saiko-Reisestipendium” bekommen hat, die einen hinführen an die Orte dieser Welt und dennoch eigentlich viel weniger von den Städten oder Ländern, als von Lebensgefühlen und Beziehungen und, das alles in einer sehr poetisch schönen Sprache, die von vielen englischen Ausdrücken untersetzt ist, erzählen.

Ja, Marianne Jungmaier, 1985 geboren ist ein Kind der Achtzigerjahre aufgewachsen in den Neunzigern, “wo Bill Clinton Präsdient war, Dolly geklont wurde und der Disc- den Walk man ablöste”.

So reißt es die in Linz geborene herum, deren Debutroman ich im letzten Herbst gelesen habe und die ich auch einmal on der “Alten Schmiede” hörte, sie reist herum und schreibt Briefe oder Mails, wie das  heutzugtage heißt aus allen Gegenden, die sie dann beispielsweise mit Erika Kronabitter bei den “Wilden Worten”, las.

In Indien erfährt man von ihrem Großvater, der aus Kroatien flüchten mußte und von Miro, der kein spanischer Maler ist, sondern Miriolsav heißt, ebenfalls aus Kroatien kommt und in Indien so eine Art Hostel zu betreiben scheint.

Ihn hat Marianne Jungmaier beziehungsweise die Ich-Erzählerin “im Reiseführer für Fremde, dem ungeschriebenen Atlas der Unbekannten, die man einmal Freunde nennen wird”, gefunden.

Sie wird ihn wieder verlieren, denn das Leben und die Reisen der Sommernomadin geht ja weiter und sie wird ihn auch so niemals wiedertreffen “weil wir nicht gleich bleiben. Weil die Person, deren Reiseführer wir lesen, eine andere sein wird, schon im nächsten Moment.”

Wunderschön poetisch ausgedrückt und schon geht es weiter nach Venedig oder an den Banhof von Linz, wo sie “Eli mit den braunen Lederschuhen, den dunkelgrünen Wollsocken und einer Plastikmargarite im kurzen blonden Haar “trifft, mit der sie in Vededig ihren Geburtstag feiern wird.

Die schenkt ihr schon in Salzburg ein blaues Kleid und sie wird sie, die “so viel Verständnis für Neurosen hat”, auch verlieren, “denn  sie kann nur dann ich sein, wenn sie alleine ist”, sie wird sie aber auch wiederfinden, denn der Geburtstag ist noch lang und sie wird ihre Küße auch elf Monate, bis zu Elis Geburtstag in “Stanniolpapier” aufbewahren.

Nach Beldgrad in eine Stadt “in die man vor und während des Krieges offenbar nicht reiste”, ich war 1998 vor dem Kosovkrieg mit Anna und dem Alfred da um meine Tante Dora zu besuchen, geht es offenbar zu einer Lesung oder eine Kulturveranstaltung, dennnoch teilt sie mit Sergio, das Schlafsofa in ihrer Gastwohnung und denkt wieder an ihren Großpapa, der  von dort flüchtete und danach nach Norwegen ging, um dort eine neue Familie zu gründen.

In Berlin und London trifft sie sich  mit Mitgliedern ihrer “Reisefamilie”, die sie in Indien kennenlernte, besucht mit ihnen Nachtlokale, wo man  der Drogen wegen, die man später konsumieren wird, besser vorher den Weg am Handy markiert, hat mit ihnen Sex und man sieht, wie die Geschichten zusammenhängen und das Leben und die Beziehungen einer modernen Reisenomadin aussehen kann, während sie nach Island, eine sehr starke Geschichte, offenbar mit ihrer Mutter reist, mit der sie Schwierigkeiten hat.

Sehr zart werden die Differenzen, das Ausweichen und das Nichtaushalten von Nähe angedeutet, die nur “sie” genannte Reisepartnerin zahlt für sie, was der Erzählerin Schwierigkeiten macht, denn “wo bleibt da der Ausgleich des Gebens und Nemens?”

In “Die Heimat der Kolibris” geht es nach Brasilien, das Land der Zukunft, wie Stefan Zweig vor über siebzig Jahren schrieb.

Marianne Jungmaier wird es anders erlebt haben, geht es doch mit einer Nachbarin, der deutschen Wiebke oder Wi zu einer Caroline, die sie im Flugzeugt kennenlernte und die ihr auffiel, weil sie dort die Decken einsammelte, dann erzählte sie ihr, daß sie einer Religion angehöre, die ihre Feste mit einer drogenähnlichen Substanz zelebriert. Zu so einer Zeremonie, wo alle weiß gekleidet sind, brechen die beiden auf und die Kolibris, die Namengeber der Geschichte, flirren ums Haus.

In Schottland geht es wieder in ein “Writer Retreat” oder zu einem Stipendienaufenthalt, wie sich die prekären Arbeitsverhältnisse aufstrebender Jungautoren abzuspielen scheinen und zwar in ein ganz spezielles, in ein Schloß einer alten Dame namens H, das von einem Manager geleitet wird, der gleich beim Ankommen erklärt, “daß es der Ettikette entspricht, daß sich Günstlinge und Gebende nicht begegnen”.

Ja, es ist hart  das Mäzenatentum auch noch im einundzwanzigsten Jahrhundert und die Jungautoren sind wohl auf solche Begünstigungen angewiesen, so sind gerade  zwei Frauen und zwei Männer anwesend. Namen darf der Manager nicht nennen, es gibt drei Mahlzeiten am Tag, eine große Bibliothek, aber kein Internet und auch keine Möglichkeit außer halb des Parkes die Gegend zu erforschen oder einkaufen zu gehen. Denn das Schreiben ist das Wichtigste. Begegnungen mit den anderen Günstlingen gibt es also nur beim Frühstück mit der selbstgemachten Zitronenmarmelade oder abends beim drei- oder viergängigen Dinner. Da huscht dann auch manchmal die Mäzenin, begleitet von einem Gewehr vorbei und Marianne Jungmeier hat Zeit an ihren Texten zu arbeiten oder  eine makaber schöne Geschichte zu schreiben.

Es geht dann noch nach Nevada  und am Schluß nach Kerala zu einem Jogalehrernamens Steve, der mit einem Scooter fährt und mit dem sie Silvester verbringt, womit sich der Kreis wieder schließt und wir sind an den Anfang der Geschichten  zurückgekommen, die von Trennungen und Begegnungen, sich Verlieren und dem Wiederfinden, Sex, Drogen, Vegie-Momos, Cuppuccinis, Keksen, etcetera handeln und, wie nicht nur der letzte Text zeigt, nicht nur im Sommer spielen.

Der Klappentext hat noch ein Foto der sehr fotogenen jungen Frau, die vor einem Stapel alter Koffer posiert, wahrscheinlich ist sie eher mit Rucksack und Trolley losgereist, um “Ihre Geschichten aus dem Inneren der Ferne voll magischer Momente und einzigartiger Begegnungen”, wie am Buchrücken steht, zu erleben.

Die Stadt Anatol

Nun kommt wieder eines der Bücher von Alfreds Bücherstapel.

“Die Stadt Anatol”, des von 1879-1951 lebenden DDR-Schriftstellers Bernhard Kellermann, 1932 geschrieben, 1936 verfilmt, 1980 in dritter Auflage bei “Volk und Welt” erschienen.

“Wikipedia” entnahm ich, daß Bernhard Kellermann mit dem Roman “Der Tunnel” bekanntgeworden ist, 1920 den Roman “Der neunte November” geschrieben hat, womit er bei den Nazis in”Ungnade” fiel, worauf er aber weder emigrierte, noch Widerstand leistete, sondern fortan Trivialromane schrieb.

In der DDR gründete er dann mit Johannes R. Becher einen Kulturbund, bekam auch den Nationalpreis.

Ob es sich bei der “Stadt Anatol”, um einen der besagten Trivialromane handelt, ist mir nicht ganz klar geworden, die Verfilmung wird als Abenteuerfilm bezeichnet, mir scheint das Ganze eher eine Farce auf den Kapitalismus zu sein. Das verschlafene Städtchen Anatol liegt irgendwo neben Europa, da auch von Belgrad und Bukarest die Rede ist, wird es wohl im Osten sein und im Klappentext steht etwas davon, “daß man am Morgen, auch wenn man im besten Hotel abgestiegen ist, am Morgen beim Aufwachen das Geschwätz von Bäuerinnen und das Gequietsch von Schweineherden hört.”

In diesem Hotel steigt  der junge Ingenieur Jacques Gregor, ein Sohn der Stadt, der aber in Wien studierte und jetzt offenbar von Paris zurückkommt und wird vom Hotelier zuerst fast hinausgeworfen, hat er doch seine letzte Zeche nicht bezahlt und seine Brüder, ein Rechtsanwalt und ein Gelehrter weigerten sich das für ihn zu tun.

Das Städtchen hat aber noch andere Bewohner, eine Baronin, die für ihre Tochter Sonja, den besten Ehemann sucht. Jacques Freund Janko, ein Offizier, der spielt und trinkt und hoch verschuldet ist und dann gibt es noch einen seltsamen Bauern und Einsiedler, dessen Tochter Franziska, was eigentlich sehr modern ist, den Vater anklagte, sie mißbraucht zu haben.

Er wurde aber freigesprochen, die Tochter für verrückt erklärt und ist  im Städtchen nicht gut angesehen. Sie hat bei einer Tante in Bukarest gelebt, jetzt kommt sie , nachdem der Vater  gestorben ist, zurück und wohnt im Hotel neben Jacques.

Warum der überhaupt in einem Hotel absteigt, ist mir nicht ganz klar geworden, er benimmt sich aber sehr geheimnisvoll, spaziert in der Stadt herum, nimmt Gesteinsproben und telegraphiert immer mit einem Berliner Bankhaus mit dem er Geschäfte machen will.

Er befreundet sich auch mit Franziska, die, als sehr bäuerlich, beziehungsweise ordinär geschildert wird, ihn aber immer spöttisch anlächelt, als würde sie ihn durchschauen.

Von ihr will der Berliner Bankier, der nun doch mit Jaques Geschäften einverstanden ist, den Bauernhof ihres Vaters kaufen, sie weigert sich aber und verpachtet ihn nur, der Bruder Roul, will  Jacques, damit er sich nicht mehr länger im Städtchen herumtreibt und ihm Schande macht, Geld anbieten, damit er wieder ins Ausland geht.

Dann kommt aber ein Telegramm und die Nachricht, daß in dem Brunnen des Bauernhofes Erdöl gefunden wurde. Das Städtchen verändert sich über Nacht und die Rechtsanwälte und Bankbeamten haben viel zu tun. Neben dem Hotel wird ein Schild “Anatol Naphta AG-Alvensleben & Co – Berlin -New York” aufgestellt.

Spekulanten, Erdölarbeiter und Ingenieure kommen, der Hotelier Koroschek will neben dem “Trajan” ein neues Hotel ganz aus Glas aufstellen, der Kaufmann Rotkehl mit den beiden verheirateten Töchtern, die aber kurz nach der Hochzeit wieder  zu ihm zurückgekommen sind, will ein sechsstöckiges Kaufhaus bauen und die Vergügungsetablissements florieren.

Ein Kinopalast namens “Traumland” entsteht, man sieht Bernhard Kellermann ist wirklich sehr modern, der Buchhändler breitet Bücher über Sex und Verhütung in die Schaufenster und die jungen Frauen, Mädchen aus bürgerlichen Familien stehen davor Schlange und der Doktor Wossidlo, Sohn des Apothekers beginnt eine Abtreibungsklinik, zu moderaten Preisen, zu betreiben.

Auch die Schwindler kommen und schütten Erdöl über den Friedhof und Janko wird von seinem Bruder Boris, der auch eine Erdölgesellschaft gegründet hat, nach dem Tod des Vaters aus dem Haus geworfen, der gewinnt aber plötzlich durch die Erdölspkulationen Riesensummen und wirbt, um Sonja weiter, die aber sehr fromm und keusch,  zuerst von ihren Verehrern nichts wissen will.

Köstlich, die Veränderung von Jaques Bruder Roul, dem Notar, dem sein Püppchen Olga, die sehr eifersüchtige Ehefrau, aus dem Hause treibt, als er eine Bardame, die sich nun auch in dem verschlafenen Städtchen angesiedelt hat, beraten will.

So gibt es Geschichte um Geschichte und auf und abs. Bauern werden zu Millonären und andere werden von Spekulanten aus dem Haus getrieben.

Die Baronin verliert ihr Geld und geht mit dem von Janko auf Reisen, der sich plötzlich zum Guten zu verändern scheint und sich dann doch wieder in die Bordelle zum Spielen und zum Trinken begibt.

Boris Erdölgesellschaft macht bakrott und nun muß er sich an den Bruder wenden und die von Jacques gegründete, wechselte die Besitzer und die neuen werfen auch ihn, der, wie Franziska, die sich zur feinen Dame gewandelt hat, die Geschehnisse durch einen spöttischen Schleier sieht, hinaus.

Janko verlobt sich schließlich doch mit Sonja, will sie in Wien heiraten und baut ihr schon ein Haus aus Gold und Marmor, mit, wie sie es sich wünscht,einem Musikzimmer und einer Bibliothek, dann wird er aber ermordet. Jaques hat die Stadt verlassen und die Spekulanten und moralsch Herabgekommenen bleiben in Anatol zurück.

Am Schluß gibt es noch eine Notiz, beziehungsweise eine Erklärung des Verlags, daß es Bernhard Kellermann nicht nur um einen “Erdölroman” gegangen ist, obwohl er sich die Funde, die es in Rumänien und Baku gegegeben hat, sehr wohl angesehen hat.

“Nicht das Öl sei der Held des Roman, sondern die kleine, stille Balkanstadt, am Rande der Zivilisation  gelegen: der Held, das sind ihre Bürger. Die soziale Struktur der Provinzstadt wird gesprengt, die gesellschaftlichen Schichtungen verwerfen sich, die moralischen und ethischen Grundmauern, die fest, wie Felsen schienen, gehen in die Brüche.

Diese symptomatische Vorgang, die Auswirkungen des technischen Fortschrittes unter kapitalistischen Bedingungen, ist das eigentliche Thema des Romans. Kellermann kommt zu denm Schluß: “Solange die Bodenschätze der privaten Spekulation ausgeliefert sind, werden die Menschen nicht anders handeln, als die Leute in Anatol.”

Was wohl ein Grund dafür ist, daß das Buch aus denNeunzehnhundertdreißigerjahren 1980, in der DDR, die es ja schon lange nicht mehr gibt, erschienen ist.

Bernhard Kellermann ist inzwischen wahrscheinlich auch vergeßen und der Roman nur mehr im Antiquariat erhältlich. Die Spekulationsgeschäfte des Kapitalismus gehen aber lustig weiter, wenn sie auch heute eine andere Form angenommen haben und die Spekulanten anderen Namen tragen.

Lucy fliegt

Jetzt kommt ein Buch, das ich fast übersehen hätte, obwohl ich ja auf der “Kremayr&Scheriau-Release-Party” war und mir Gustav Ernst dort Petra Piuk vorstellte und “Bücherwurmloch”, die unermüdliche Salzburger-Bloggerin, hatte es, glaube ich, mal auf ihrer Faebookseite und bei den O-Tönen, wird auch vorgestellt.

Da bin ich dann auf Petra Piuks “Lucy” fliegt gekommen, habe das Buch, weil Debuts ja wichtig sind und es ja jetzt auch einen “Debutpreis” gibt, bestellt und gelesen und war wieder einmal überrascht über den neuen frischen Ton, in dem da eine die Nöte oder “Krankheit der Jugend” beschreibt.

Dabei ist die 1975 geborene Petra Piuk, die, wie viele junge Literaturstars, die “Leondinger Akademie” besuchte, vielleicht hätte ich das auch machen sollen, aber vielleicht hätte Gustav Ernst mich nicht genommen, gar nicht mehr so jung, sie hat aber lange im “Doku-Soap-Bereich” gearbeitet, wie ich dem Klappentext entnehme und genau darum geht es in diesem Buchdebut, in dem die Nöte, Ängste, Schwierigkeiten, die junge Frauen heutzutage haben, wieder einmal sehr treffend und auf andere Art und Weise beschrieben werden, wie es beispielsweise Helene Hegemann, Ronja von Rönne, Ekatarina Haider, Olga Grjasnowa, um nur ein paar Bücher, die ich gelesen habe, zu nennen, tun.

Da ist Luca, 23, die eigentlich Linda heißt und von ihr handelt der Roman, auf dem es auf jeder Seite ein kleines Flugzeug zu sehen gibt.

Denn Lucy fliegt, wie schon der Titel sagt, nach Hollywood oder L.A, um dort eine Karrere als Schauspielstar hinzulegen, den Oscar, zu empfangen, der rote Teppich ist schon ausgebretet und wem diese Jungmädchenphatasien zu heavy sind dem kann ich daran erinnern, daß die fast dreiundsechzigjährige Blogbetreiberin, ja auch vom Nobelpreis träumt und dann jedesmal aufjapst, wenn wieder einer schreibt, “Kann es nicht sein, daß Sie nicht schreiben können, gute Frau!

Auch die Form ist bestchend. Denn da gibt es immer ganz kurze Abschnitte, die mit “Lucy 23, will nach oben” oder “Lucy 23, hat pralle Brüste”, etcetera beginnen und dann folgt das jeweilige Kapitel.

Um gleich ein bißchen zu mäken, mir scheinen diese Überschriften, wie man sie ja vielleicht auch in der E.T.A Hofmannschen Manier finden wird, dann nicht immer von dem folgenden Kapitel genügend abgehoben, wenn da ein Lektorat vielleicht darauf geachtet hätte, daß das zwei paar Schuhe sind und oben knapp zitiert wird, was unten dann ausgeführt, wäre es vielleicht mehr gewesen oder dichter geworden.

Und dann hinein in das Leben oder in den Flug dieser jungen, Frau, dieser dreiundzwanzigjährigen Linda, die in einem Wiener Gemeindeau aufgewachsen ist, Schöpfwerk oder Rennbahnsiedlung würde gut passen, das Buch spricht von Floridsdorf, der Vater hat sich irgendwann verabschiedet, bevor er die Kindergartenzeichnung, der Vierjährigen mißachtete, die alleinerziehende Mutter ist mit der aufgeweckten Kleinen  überfordert, denn die bricht die Schule ab, fickt alle Burschen, ist also frühreif und hat hohe Pläne.

Denn Lucy will ja, wir wissen es schon, hoch hinaus, sie will Schauspielerin werden, aber nicht nur irgendeine gewöhnliche, die dann vielleicht als Statistin auftritt oder Joghurt Reklamen dreht, sie will den Oskar, sie will nach L.A und dafür ist sie bereit alles zu tun.

Sie hat auch jede Menge Ratgeberbücher dafür schon gelesen oder in der Tasche und darin steht dann all das Zeug, wie man es beispielsweise auch auf der Autorenseite von Annika Bühnemann, die ja junge Autorinnen auf dem Weg zu dem Erfolg berät, finden kann, wie “Du hast dein Leben in der Hand!”, “Alle Türen, stehen, dir offen”,”Du bist deines Glückes Schmid!”, “Denk positiv!”, etcetera.

Und so wurschtelt sich Linda tapfer und entschlossen auf dem Weg nach oben. Sie nennt sich dazu, als erstes Lucy, denn Linda ist zu banal und klingt nach Gemeindebau und, daß man, wenn man Jennifer oder Jessica heißt, beispielsweise schon Punkte auf der Karriereleiter verloren hat, kann man ja inzwischen auch in den diversen Ratgebern lesen.

Also kippt sie sich selbst eine Flasche Sekt über den Kopf und beginnt ihr neues Leben, während das alte nach dem Schulabbruch bedeutet, daß sie kellnert, weil sie aber nach L.A will, bewirbt sie sich als Stewardess, wird aber bem Assessment nicht genommen, weil bei den Rollenspielen, die Phantasie mit ihr durchgeht und sie dem Passagier dem schlecht ist, gleich die Notfallstropfen auf die Nase drückt, statt, wie es eine erfolgreichere Bewerberin tut, ihm einfach ein Glas Wasser anzubieten.

Jetzt sitzt aber Lucy im Flugzeug, dieses hebt noch nicht ab und sie gebraucht auch ihre Notfallstropfen, denn sie hat Flugangst und sie quasselt oder denkt sich durch das Buch. Ihre Fantasie, die sie zweifellos hat, geht mit ihr durch, so denkt sie einerseits,”Tief durchatmen!”, was ich meinen Panikpatienten auch raten würde, dann sieht sie sich schon in sämtlichen Turbulenzen und mit den Passagieren neben oder hinter ihr will sie auch anbandeln.

Allmählich bekommt man heraus, daß das Flugzeug gar nicht nach L.A. sondern nach Düsseldorf geht und, daß Lucy, die sich nach der Bewerbung, als Flugbegleiterin auch in eine private Schauspielschule begeben hat, aus der sie auch hinausfliegt, nachdem sie zuerst die Hauptrolle und dann die Nebenrolle, die sie bekommt, mit ihrer überbordenden Phantasie vermasselt hat, Turbulenzten mit diversen Männern und eine Schwangerschaft gibt es auch, in eine dieser Realityshows begeben hat, wo man, wenn man gewinnt, eine kleine Rolle in einem Film in Hollywood bekommt.

Lucy ist in der zweiten Runde, sieben der Aufgenommenen sind schon hiausgeflogen, die anderen sieben müssen nach Düsseldorf fliegen und das wird offenbar gedreht und Lucy spielt also eine Rolle, bekommt aber prompt einen Panikanafall und dann tritt noch eine Mia auf, von der mir nicht ganz klar ist, ob, das jetzt die Stewardess ist, die während der Bewerbung statt Lucy genommen wurde oder die Produktionsleiterin, die das ganze überwacht, die hat aber Lucy während des Aufnahmegespräches: “Du kannst mir Vertrauen!”, entlockt, daß sie nach dem Kellnern in einer Escortagentur gearbeitet hat, die hat das dann trotz Versprechen in die Zeitung gesetzt und als Lucy das erfährt, dreht sie endgültig durch.

“Verbissen klammert sie sich an ihre Traumwelt, bis sie die Realität vollkommen aus den Augen verliert!”, steht im Klappentext, was in der Realität der jungen Frau aus dem Wiener Gemeindebau, die ganz nach oben will, bedeutet, daß sie schon die roten Teppiche sieht, während in Wahrheit die Ambulanz anrückt und der Doktor mit der Spritze und der Zwangsjacke, was vielleicht nicht mehr gan2z der Realität von 2016 entspricht, sie aus dem Flugzeug holt.

Petra Piuk wird aber auf den Sets, der “Soap-Opern” schon einiges von den Nöten der jungen Frauen gesehen haben, die ganz nach oben, nach Hollywood oder in die “Austra next Supermodels-Kreisen” wollen und dafür sehr viel tun, sei es, daß sie sich auf eine Anorexie hinunterhungern, mit den wirklichen oder vermeintlichen Produktionsleitern ins Bett gehen, koksen, saufen spritzen und dann doch nicht nach oben kommen, denn der Weg dorthin ist ja sehr dünn und auf der Spitze ist nur wenig Platz und so habe ich jetzt ein sehr beklemmendes beindruckendes Buch gelesen, die ich ja auch so Träume habe und mit meine zweiundsechzig Jahren in der Realität, weder nach Klagenfurt noch auf eine Buchpreisliste kam und es trotzdem weiter versucht.

Denn man soll ja seine Träume leben, steht in den Ratgebern, wenn es einem das Gegenüber, die Filmfirmen, die Castingshows, aber auch die Verlage oder die Literaturagenturen,  so schwer machen, hat man es nicht leicht und man wird scheitern, wenn man von untern kommt, keine Beziehungen hat, sprich keinen Vater,  der Regisseur ist und einem die Einladung für die Premierenparty in die Hand drücken kann, wie Lucy meint und das auch ununderbrochen vor sich hindenkt.

Petra Piuk wird demnächst ihr Debut bei den O-Tönen vorstellen. Ich freue mich schon darauf.

Zu Lasten der Briefträger

Jetzt kommt ein wahrer österreichischer Klassiker aus einem inzwischen klassischen und in dieser Form ebenfalls nicht mehr bestehenden “Residenz-Verlag”, nämlich das1974 erschienene “Zu Lasten der Briefträger”, die Litanei in bester “Bernhardscher” oder vielleicht auch anderer Manier auf die Untugenden des sozialistischen bayrischen Nachkriegsstaates, geschrieben von dem sprachsinnigen, 1938 in Oberösterreich geborenen Philologen und Universitätsprofessor Alois Brandtstetter, der sein Deutsch aus dem FF versteht.

Ein wahrer Klassiker und schon der Titel und wahrscheinlich nur der, ist inzwischen in aller Munde und weil Alfreds Vater ja Briefträger war, hat er ihm, so geht die Mär, dieses Buch einmal zu Weihnachten geschenkt. Das, was ich jetzt gelesen habe, stammt allerdings aus Alfreds Bibliothek und ich kann das Buch 2016 wirklich allen nur empfehlen, die wissen wollen, was sich in den letzten vierzig Jahren bei uns und anderswo so alles verändert hat.

Es ist kein Roman, wie auch “Jung und Jung” 1974 auf die Litanei hinaufdruckte, sondern ein Monolog, denn da erzählt einer, ein namenloser Ich-Erzähler, seinem Postmeister von den Zuständen in einem niederbayrischen Dorf.

Er erzählt ihm von den Taten, beziehungsweisen Untaten seiner drei Briefträger, dem Ferdinand Ürdinger, dem Karl Deuth und dem Franz Blumauer und da wird, ist Brandstetter ja ein wahrer Sprachvirtuose, alles durcheinandergewürfelt und kein Stein, beziehungsweise Brief auf dem anderen gelassen.

Denn die Postboten hatten schon in dem sozialistischen Wiederaufbauzeiten Rationalisierungsprobleme und eigentlich keine Zeit zum Zustellen, mußten sie die Post, die Karten und die Briefe zur Wahrung des Briefgeheimnisses doch vorher lesen und weil sich inzwischen ebenfalls die Zeiten geändert hatten, hatten sie dem Entziffern der Kurrenth- oder Süterlinschriften ihre Probleme oder würden sie bekommen, wenn keine der Briefträger diese Schriften mehr lesen würde können.

So mußten sie sich das Austragen einteilen und konnten nicht wegen jeder Drucksache gleich aufs Land hinauslaufen, sondern gewöhnten es sich an, die Post gleich gesammelt zu überbringen oder die Drucksorten, was Sache war und wie Brandtstetter listig nachweist, viel besser funktionierte und die Postboten so gleich zu Kanditaten eines Friedensnobelpreises machte, in den Flüßen vorher zu entsorgen.

Oder halt, das traf besonders für die Wahlwerbung zu, denn wozu böses Blut in die Dörfer bringen? Die Wahlwerbung wurden gar nicht erst zugestellt und so ein Volk, was wir uns in Österreich derzeit ja besonders zu Herzen nehmen können, gar nicht erst gegeneinander aufgehetzt.

Aber auch sonst war das Austragen der Briefe sehr beschwerlich, lagen ja mindestens sieben Wirtshäuser im Revier des Ferdinand Ürdinger, des heiligen Trinkers oder gleich vierzehn, wenn man den Rückweg einrechnet.

Und so saß er dann dort und traf sich mit seinem Kameraden, zu denen auch der Ortsgendarm Valentin Naderhirn  gehörte, zum Kartenspielen, aber vorhin las er ihnen die besten Stücke aus deiner Post vor, die Liebes- oder die Amtsbriefe und wenn sich dann ein Ortsunkundiger über die Verletzung des Amtsgeheimnis beschwerte und nach dem Gendarmen rief, war dieser gleich zu Amtshandeln an der Stelle, wobei er manchmal die Uniform verwechselte und den Querulanten aus dem Lokal verwies.

Mit den Paketen, die zu Weihnachten zugestellt werden sollten, wurdeähnlich verfahren, denn “Mit Packeln darst nicht fackeln!”, sagt Karl Deuth, der Philosoph und Senisible unter den Drein.

So wurden die, wo “Vorsicht Glas!” draufstand, gleich probehalber und, um das zu überprüfen, denn es wird ja soviel geschummelt und übertrieben, vom Tisch geworfen und der Hausfrau konnte es dann leicht passieren, daß sie statt eines Porzellangeschirr von der Schwiegermutter, ein “Glockenspiel”, das heißt einen Scherbenhaufen zugestellt bekam, wobei Karl Deuth, der Feinsinnige, dann die schuld auf die Bahn und die besoffenen Bahnbeamten, die dort hantieren, zu schieben wußte.

Und so weiter und so fort, über zweihundert Seiten, wird geschimpft oder eigentlich nur erzählt, in feinster, schöner Sprachen mit vielen lateinischen Brocken, die Mißstände aufgezählt, die damals, 1974, sicher eine Farce und eine Übertreibung waren, aber in Zeiten, wie diesen, wo wir vor einer Wahlwiederholung stehen, weil da zu früh, zu spät oder mit nicht ordentlicher Besetzung höchstwahrscheinlich ohnehin richtig ausgezählt wurde oder man sich seine Pakete inzwischen nicht mehr von der Post, sondern vom nächsten Schneider oder “Kleintierprofi” abholen kann, weil die Post inzwischen längst privatisiert wurde und ihre einstmals unkündbaren Beamten zu Hort- oder Heimerzieher umgeschult, beziehungsweise gleich in Frühpension geschickt hat, kann man sich darüber wundern, lachen, schmunzeln, ärgern, staunen, etcetera.

Aber auch über anderer wird hergezogen, über die Tierbeschau zum Beispiel. Da geht der Tierarzt mit dem Fleischhauer durch die Reihen der geschlachteten Rinder- und Schweinehälten, macht seine Nase zu und drückt seinen Unbedenklichkeitsstempel darauf und nachher bekommt er zum Lohn und zum Dank für seine Gefälligkeit ein schönes Fleischpaket.

Der Gemischtwarenhändler muß herhalten und die Bauverordnung und besonders wird über die Lehrer und das Schulwesen hergezogen.

Köstlich, das Kapitel über die Mengenlehre, wo er Erzähler dem Postmeister diese erklärt. Der Direktor, der früher Oberlehrer hieß und heute kein Instrumente mehr spielen kann, hat eine Menge von fünfzehn Lehrern mit einer Teilmenge von zehn weiblichen und fünf männlichen, wobei sich die weibliche Teilmenge, wieder in eine von schwangeren und karenzirten unterteilt und bei dieser oder der Hauptmenge gibt es nur mehr eine sehr kleine Menge, die was von Literatur, Musik, oder bildender Kunst versteht, so daß es zu einem wahren Lottogewinn wird, welche Schüber mit welchen Bildungsgrad, nachher die Schule verlassen und auf eine Lehrstelle warten.

Auch da kann man inzwischen, die wunderschönsten Vergleiche ziehen und in Seufzer oder auch Heulen ausbrechen, aber es geht noch weiter.

Über die Jagd wird hergezogen über die Krankenstandkontrolleure und den Baron, dem alles im Dorf  gehört, der eine Hühnerfarm und eine Bierfabrik hat, deshalb der Blasmusik gerne mal ein Krügerl spenden kann und den Sozialisten Deuth, der auch die Dorfchronik schreib, gleich einmal zum heimlichen oder wiederbelebten Monarchisten macht.

Und beben dem Alkoholiker Ürdinger, dem Philosophen Deuth, haben wir  noch den Frauenhelden Blüminger, der seinen Dienst mit der Posttasche und der schönen Uniform so versteht, daß er allen einsamen Witwen und  Hausfrauen, die schönsten Komplimente macht und er deshalb seinen Dienst am liebsten auch am Sonntag ausführen würde, aber da sind ja die Handelsvertreter und Fabriksarbeiter, also die Gatten der einsamen Damen, zu Haus.

Und so weiter und so fort und köstlich grausig übertrieben. Spitzbübisch von dem Philologen, der auf dem Bild am Klappentext gar nicht mehr zu erkennen ist, erzählt.

Inzwischen sieht, der emeritierte Universitätsprofessor ganz anders aus und hat auch schon eine Fortsetzung seiner Briefträger geschrieben.

Inzwischen sind die Herren Ürdinger, Blumauer und Deuth, in dem 2011, beim neuen “Residenz-Verlag” erschienenen “Zur Entlastung der Briefträger” längst in Pension und sitzen im Gasthaus, um über die vergangenen  und vielleicht auch neuen Seiten zu räsonieren.

Da war ich zu Zeiten der “Leipziger Buchmesse” bei einer Lesung in der “Gesellschaft der Literatur” und das 2013 erschienene “Kummer ade” habe ich auch gelesen.

Im Vorjahr erschien dann “Aluigis Abbild”, das habe ich leider nicht mehr bekommen, aber im Sinne meines Buchpreislesens höchstwahrscheinlich keine Zeit dazu gehabt oder doch vielleicht, denn Brandtstetter zu lesen, lohnt sich, wie dieser “Oldie” zeigt besonders, weil man in dem feinsinnigen Sprachgeschimpfe gut erkennt, wie sich die Zeiten geändert haben und besser sind sie, wie ich fürchte, auf keinen Fall geworden, obwohl ich mir eigentlich nicht vorstellen kann, daß Alfreds Vater dieses Buch gefallen hat.

Wahrscheinlich hat er es aber, der, wenn er mit seinem Moped und seiner Uniform zu seiner Arbeit fuhr, auch schon mal einen toten Hasen auf der Straße fand, gar nicht gelesen, würde ich vermuten und bedaure sehr, daß ich mir solange Zeit dazugelassen habe.

Habseligkeiten

Jetzt kommt wieder ein Buch, das vor zwei oder drei Jahren nach dem klinischen Mittag in der kleinen schäbigen Buchhandlung in der Lerchenfelderstraße aus einer der Abverkaufskisten zog.

Richard Wagners “Habseligkeiten”2004 bei “Aufbau” erschienen und von dem 1952 im Banat geborenen, der dort als Deutschlehrer und Journalist tätig war und 1987 nach Berlin übersiedelte, habe ich, glaube ich, schon “Ausreiseantrag” gelesen.

Er hätte auch 2009 bei der “Literatur im Herbst” lesen sollen, ist aber nicht gekommen und das Buch schildert etwas höchstwahrscheinlich Autobiografisches, obwohl der Ich-erzähler laut Klappentext Werner Zillich heißt.

Der ist nach dem Tod seines Vaters auf Besuch bei der Mutter im Dorf. Die trägt ihm die guten heimischen Tomaten auf, Kaffee und Tee und fragt ihn alle paar Minuten, ob er nicht noch bleiben will?

Denn lebend wird sie den inzwischen in Deutschland lebenden Sohn wohl nicht mehr sehen. Der muß aber zurück, mit dem Auto über Ungarn und Budapest und überdenkt auf der langen Fahrt, die Geschichte seiner Familie.

Die Großeltern Johann und Katharina sind zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert. Die Tochter Theresia haben sie dabei bei den Großeltern zurückgelassen. Weil John, wie er inzwischen heißt, angeblich einen Mann aus dem Fenster schmiß, kommen sie neun Jahre später wieder zurück und der erste Weltkrieg kommt auch.

Theresia redet nichts mehr mit der Mutter, verheiratet sich mit einem Bastian, bekommt drei Kinder, Lizzy, die Mutter des Erzählers, Paul und Franz, die im nächsten Krieg nach Deutschland gehen und mit Totenköpfen an der Uniform auf Heimaturaub kommen, beziehungsweise ihr weiteres Leben nach dem Krieg in Brasilien verbringen.

Im zweiten Kapitel macht der Erzähler dann in Budapest in einem Hotel Station, nimmt sich zwei Mädchen mit aufs Zimmer, betrinkt sich mit ihren und soll dann eine mit dem Auto nach Wien fahren, wo die Mutter während der Kriegszeit lebte, während er in Budapest einen Onkel hatte, einen Großvater in Wien und  die Mutter ist nach dem Krieg wieder zurück in den Banat gekommen.

Mit  Clara, fährt er nach Wien und steigt dort in einem Hotel in der Nähe des Westbahnhofs an, während sie sich  in einem “Table-Dance-Loka” verdingt, liegt er im Bett und denkt über seinen Vater Karl nach. Der war Müller, wurde von den Kommunisten enteignet,  vorher war er im Krieg bei der rumänischen Volksarmee und wurde dann fünf Jahre von den Russen zur Zwangsarbeit deponiert, was sehr lang und genau beschrieben wird.

Dann kehrte er zurück und Werner wurde in den Fünfzigerjahren, als schon die Kommunisten herrschten geboren, die Mutter gab, weil ja alles verstaatlicht wurde, ihre Schneiderei auf und arbeitete fortan schwarz, hinter versclossenen Türen für die Frauen im Dorf gegen Liebesromane, die sie gerne las.

Werner Zillich ging als einziger aufs Gymnasium, wurde Bauingenieur in Temeswar und heiratete wegen der “Zuteilung”, das heißt verheiratete Studenten bekamen eine Stelle in der Nähe, während die anderen übers Land verschickt wurden, Monika, eine Germnistikstudentin, die er schon von der Schule kannte.

Ihre Eltern hatten schon einen Ausreiseantrag erstellt, so hat er diesen gleich “miterheiratete” und wanderte dann mit ihr und der Tochter Melanie in den Achtzigerjahren nach Deutschland aus. Die Ehe scheiterte, wegen eines Seitensprungs, es kam zu einem Rosenkrieg und vielen Psychologen, die die Tochter untersuchten und dem Vater ein Besuchsverbot erteilten. Die Tochter verweigerte lang den Kontakt, jetzt ist sie aber schon erwachsen und studiert in Ulm, wofür der Vater bezahlen mu0ß.

So traut er sich einen Anruf und fährt von Wien über Ulm zurück, wo er die Tochter in einem Lokal trifft und es zu einer Aussprache zwischen den beiden kommt.

Im vierten Teil geht es dann nach Sandhofen anf die Baustelle, wo er Bauleiter ist und es Probleme gibt. Es ist nicht alles so in Ordnung und läuft ein bißchen korrupt. Dennoch muß er unterschreiben und den Architekten, seinen rivalen, den jetzigen Mann seiner Geliebten, mit der er Monika betrogen hat und die in der Firma Sekretärin ist, schmeißt er fast aus dem Fenster. Die Ungarn, die er in Budapest kennenlerne und die Clara zu ihm bringen, retten ihn, sie steigen auch in die Firma ein, machen ihm zum Aufseher. Er heiratet Clara, besucht mit ihr und Melanie die Mutter und am Schluß machen sie Urlaub auf den Seychellen und er liest ihnen einen Brief von seinem Vater, den in der Süterlinhandschrift vor.

Ein märchenhafter Schluß, habe ich irgendwo gelesen. Am Buchrücken steht “Dieser Roman steht in der Erzähltradition, die Christa Wolf, Johannes Bobrowski und Uwe Johnsen begründet haben.”

Richard Wagner, der inzwischen an Parkinson erkrankt ist, hat 20115 das Buch “Herr Parkinson” herausgegeben, das wahrscheinlich von einer anderen Realität und Wirklichkeit des Autors handeln wird.

Nacktbadestrand

Elfriede Vavriks “Nacktbadestrand” habe ich, glaube ich, vor cirka zwei Jahren in der Telefonzelle bei der “Seedose” gefunden. Es ist das Buch, das ein Cover, wie die Bücher von Charlotte Roche hat, es ist damals auch durch die Blogs gegangen, 2011 oder so von einer 1929 geborenen ehemaligen Buchhändlerin geschrieben, die nach, wie sie erklärt, vierzigjähriger Abstintenz über ihren Sex berichtet und das dadurch zum “Spiegel-Bestseller” wurde. Diese Plakette klebt jedenfalls auf meinen Buch.

Sex im Alter ist ja, glaube ich, auch ein sehr interessantes Thema, eines über das man nicht viel weiß, nicht viel geredet, geschwiegen, etcetera, wird.

Es war, glaube ich, in den Siebzigerjahren und in der Zeitschrift “Emma”, daß da eine ältere Frau von dem Sex, den sie mit einem Herrn, der wie sie im gleichen Seniorenheim lebte, in einer Telefonzelle hatte, denn innerhalb des Heimes durfte man nicht, berichtete.

Ich war  damals sehr jung und mit der viel älteren Hansi Berger befreundet, die ich im “Klub der logischen Denker” kennenlernte und die mir von einem Buch berichtete, daß dieses Thema behandelte. Den Titel habe ich vergessen, die Autorin wark glaube ichk Renate Daimler und als ich wieder Jahre später bei der “Kommunikation” im Pflegehelferunterricht mit den Schülern dieses Thema besprach, hatte ich den Eindruck, sie wären der Meinung, das würde es nicht geben.

Es gibt es sicher und es wird wahrscheinlich noch immer nicht darüber geredet, manchmal aber darüber geschrieben. Elfriede Vavrik hat es getan und, als ich das Buch Natascha Wodin in der “Alten Schmiede” einmal empfahl, rümpfte sie die Nase, ja richtig, ganz literarisch ist dieses “Memoir” oder Sexbericht, Roman ist es ja, glaube ich keiner, nicht, aber interessant, wenn ich auch nicht ganz sicher bin, ob alles stimmt und stimmen kann.

Da ist also die ehemalige Buchhändlerin, sie ist neunundsiebzig, geschieden, hat drei Söhne und ihr Geschäft aufgegeben und kann in der Nacht nicht schlafen.

Deshalb geht sie zum Arzt, der verschreibt ihr, vielleicht auch nicht so ganz wahrscheinlich, kein Valium und kein Temester, sondern gibt ihr den Rat eine Kontaktanzeige aufzugeben.

Ja richtig, sie hat sich vorher mit einem Schaufelgriff befriedigt und vierzig Jahre keinen Sex gehabt. Jetzt erwacht aber die Lust und Männer kommen, meist jüngere, mit Älteren will sie nicht und, als sie es doch einmal versucht, scheitert das Experiment.

Es melden sich auf ihre Inserate hunderte Männer, da wäre ich auch ein wenig skeptisch und auch bezüglich der Hypothese, daß sehr viele Männer Sex mit älteren Frauen wollen.

Glaub ich eigentlich nicht so wirklich. Es gibt jedenfalls mehrere Dates, die Elfriede Vavrik genau beschreibt, mit einem Mörder mit dem sie Weihnachten verbringt, mit einem “Grafen”, der für sie Kontaktanzeigen aufgibt und sie bittet sich eine Woche lang nicht zu waschen, weil er sie gerne ablecken will, da wird es dann geschmacklos oder “pornographisch” und auffällig ist auch, daß sie keine Bindung, sondern Sex haben will, so daß sie schließlich eine Beziehung zu fünf Männer hat, die sie regelmäßig besuchen.

Es gibt auch immer Rückblicke in ihr Leben, mit ihrer Mutter hat sie sich nicht sehr gut verstanden, die hat ihr eine hinuntergeknallt, als sie sich einmal, mit Siebzehn oder so, vor der Haustür mit einem Freund verplauderte. Von diesem jungen Mann gibt es noch ein Gedicht, das ich sehr schön fand. Dann besuchte sie eine  Erzieherinnenschule. Der erste Mann war kein guter Liebhaber, der zweite Alkoholiker, dann vierzig Jahre Abstinenz und plötzlich die große Lust.

Es wäre den Frauen eigentlich zu wünschen locker mit ihrer Sexualität umzugehen, dann braucht man vielleicht auch keine erotischen Bestseller. Es gibt aber zwischen den neununzwanzig Kapiteln, einige erotische Geschichte, eine heißt “Schneewittchen”, die die Autorin offenbar auf Vermittlung des “Grafen” für andere Männer schrieb, aber auch Erlebnisse mit dem Masseur, mit dem Trainer unter der Dusche und von einem einsamen Restaurantbesuch.

Fotos von einer eleganten weißhaarigen Dame mit Brille, die gepflegt und jugendlich aussieht und immer vollsätndig bekleidet ist und meistens vor ihrem Schreibtisch oder Fernseher sitzt gibt es auch und Elfriede Vavrik hat inzwischen, glaube ich, noch andere Bücher geschrieben. In letzter Zeit habe ich aber über sie und ihre Werke nicht mehr gehört.

Ja, richtig, Sommerlesebuch ist es eher keine, als das ich es ja auf meiner Leseliste vorgezogen habe, den Nacktbadestrand besucht die Autorin mit einem ihrer Liebhaber und hat da ein aufregendes Erlebnis, er ist aber nur der Titel des Buches und spielt sonst keine besondere Rolle. Es kommt dageben das Weihnachtsfest vor, daß sie ja mit einem verurteilten Mörder, der auf ihre Anzeige aufmerksam geworden ist, feiert.

Sophiechen und der Riese

Ab 21. Juli gibts in den Kinos die Spielberg-Verfilmung von Roald Dahls 1982 geschriebenen “BFG- Big friendly Giant”, das auf Deutsch unter dem dem Titel “Sophiechen und der Riese” herausgekommen ist und die in Cannes ihre Weltpremiere hatte.

Aus diesen Anlaß wurde das Buch, mit Illustrationen von Quentin Blake von “Rohwohlt-Rotfuchs”, neu aufgelegt und ist jetzt zu mir gekommen, denn ich habe, ich muß es gestehen, noch nie etwas des 1916 geborenen und 1990 verstorbenen Autor gelesen.

Wohl aber seinen Namen öfter gehört und seine Bücher auch gesehen, ist Alfred ja ein großer Fan von ihm und wenn er etwas ins Bett mitnimmt, dann ist es meistens der “Graf von Monte Christo”, Jules Verne oder Roald Dahl.

Aus diesem Anlaß jetzt also ein Kinderbuch, nicht gerade mein übliches Beuteschema, obwohl ich schon einige gelesen und im Blog besprochen habe und vorgelesen habe ich der Anna vor fünfundzwanzig- bis dreißig Jahren auch sehr viel.

Aber nicht “James und der Riesenpfirsich”, das habe ich mit dem Alfred einmal bei Filmfestspielen von Locarno gesehen und auch nicht “Charly und die Schokoladenfabrik”. Davon habe ich nur gehört.

Jetzt also in ein englisches Waisenhaus, wo das achtjährige Sophiechen mit der großen Brille nachts nicht schlafen kann und weil es sehr vorwitzig und auch neugierig auf die berühmte Geisterstunde ist, steht es von seinen Bettchen auf und schleicht sich an das Fenster, wo es schauderliche Dinge sieht.

Denn da schleicht sich doch ein großer hagerer Kerl mit einem Koffer und einer Trompete vor das Nachbarhaus und bläst dort, wo die Kinder schlafen, etwas hinein.

Sophiechen erschrickt und flüchtet ins Bett, allein da kommt eine große Hand, schnappt sie sich hinaus, wickelt sie in ihre Decke  und ab die Fahrt oder der Run durch die Lüfte.

Als sie endlich in einer Höhle angekommen sind, stellt sich der Riese als “GuRi”, der gute Riese vor, weil er nicht, wie die neun anderen, mit denen er in einem Art Riesenland wohnt, nachts ausschwärmt, um Menschen zu freßen, nein, er ernährt sich von grauslichen Kotzgurken, hat aber in seiner Riesenhöhle ein ganzes Regal mit Träumen, die er in Gläsern sammelt und die trägt er nachts zu den Kindern, damit sie schön schlafen und Sophiechen hat er nur geraubt, weil sie ihn gesehen hat, das darf sie nicht, denn dann kommen ja die Paparazzis und sperren ihn in den Zoo.

Der Riese spricht ein wenig komisch, war er doch nie in einer Schule, so verwechselt er etwas, sagt etwa “Mayonaise” zur Königin, aber das kommt erst später.

Erst kommt ein anderer Riese und sucht nach Sophiechen, um es aufzufressen und GuRi, der viel kleiner, als die Menschenfresser ist, hat es auch nicht leicht mit den Brüdern, die ihn mobben und mit ihm Fußball spielen. Er rächt sich aber, in dem er ihnen böse Träume schickt und Sophiechen ist entsetzt, als die neun in der Nacht nach England ausrücken, um dort Kinder aus ihren Betten zu holen und aufzufreßen.

“Das darf doch nicht sein!”, meint sie mutig und hat bald eine Idee. Sie wird mit GuRI zur englischen Königin gehen und weil die ihr nicht glauben wird, wird ihr GuRi vorher einen Träum schicken und wenn sie  aufwacht, sitzt Sopiechen im Nachthemd am Fensterbrett, erzählt ihr alles und GuRi kann sie zum Fleischfetzenfresser, Knochenknacker, Menschpresser, etcetera und, wie die Risen noch heißen führen, denn die scheinen alle unter Sprachschwirigkeiten zu leiden, führen.

Gesagt getan und die gute, würdige Königin, die Elisabeth der zweiten, natürlich sehr ähnlich sieht, bewahrt auch die Fassung, als sie den Riesen plötzlich vor ihrem Fenster stehen sieht, nur der Gärtnerjunge fällt ihn Ohnmacht und die Kammerjungfer läßt das Frühstückstablett fallen.

Sie ladet aber Sophiechen und GuRi zum Frühstück ein, das versetzt den Oberhofmeister in Aufregung und den Koch, denn der Gute frißt schnell allles Toastbrot und alle Eier auf und die Oberkommandeurte der Streit- und Luftwaffen müßen ihre “Pups-Räuber”, Hubschrauber übersetzt Sophiechen bereitwillig nach den bösen Riesen ausschicken, die werden gefangengenommen, in eine Höhle geworfen und müssen fortan, die grauslichen Kotzgurken essen, während GuRi ein Schloß gebaut bekommt und zum “Königlichen Oberhofgeheimrat für das gesamte Traumwesen” ernannt wird.

Er scheint auch seine Schulbildung nachzuholen, liest Grass, Böll, Jens und natürlich auch Schiller und Goethe, ob Shakespeare dabei war, weiß ich jetzt nicht, fängt auch selbst zu schreiben an und weil er sehr bescheiden ist, setzt er nicht seinen sondern einen anderen Namen unter das Buch “das du gerade ausgelesen hast!”, wie der letzte Satz lautet, beziehungsweise man ab Donnerstag in den Kinos entscheiden kann, ob  das Buch oder der Film besser gefällt?

Einen kleinen Vorgeschmack gibt es hier.

Eine sowohl spannende, als auch sehr einfache Geschichte, die ein märchenhaftes Ende hat und auch viele Fragen aufwirft, etwa die, daß die Riesen für das “Menschenfressen” zwar bestraft werden, Königin, Sophie und GuRi aber sehr wohl Speck mit Eier und Bratwürstchen, wie wir ja wahrscheinlich alle essen und die uns auch sehr schmecken.

“Vor der Morgenröte”, habe ich mir bezüglich meines Stefan Zweig-Schwerpunkts und den “Berührungs-Recherchezwecken” angesehen.

“BGF-Big friendly giant” werde ich, mangels eines Enkelkindes, das ich begleiten könnte, wahrscheinlich nicht sehen. Von Roald Dahl habe ich inzwischen aber auch “Onkel Oskar und der Sudan-Käfer” gefunden und das hat der Alfred, wie alles von Dahl, außer seinen Kinderbüchern gelesen und für sehr gut befunden.

 

Der Fisch der zu ihm gesprochen hatte

Eine in der “Bibliothek der Provinz” erschienene Erzählung des, wie  in der Biographie steht, 1958 geborenen bildenden Künstlers, Schriftstellers, Regisseurs, Schaupielers und Stadtstrawanzers Thomas J. Hauck, der  schon viele Bücher geschrieben hat und den ich im Mai bei den “Wilden Worten” kennenlernte.

Jetzt hat er mir das zweiundsiebzig Seiten dicke Büchlein geschickt, das er, glaube ich, auch im Cafe Prückl vorgestellt hat.

“Manfred P. T. Ellermann taucht in eine seltsame Geschichte, eine Geschichte voller Poesie, Melancholie und großem Erwarten. Ein Traum? Eine Vision? Realität? Er weiß es nicht und wird es vielleicht nie erfahren, wenn es da nicht einen Duft gäbe…”, steht am Buchrücken und beginnen tut das Buch, das von Geogia Wölfle illustriert wurde, mit dem lapidaren Satz: “Manfred P. T. Ellermann war am 7. Februar in Zirl in Tirol losgegangen, um zu vergessen.”

Dabei gab es gar nicht so viel, was er zu vergessen hätte, jedenfalls nichts Schreckliches, denn er war in seiner Stadt angesehen, hatte einen guten Beruf, Ehrenämter, eine Frau, zwei Kinder, eine Villa, alles also was man so braucht und trotzdem stimmte etwas nicht in seinem Leben, so daß es in ihm zu einem fortwährenden Grollen kam, zu einem Gewitter, von dem seine ewig putzende und den Sex verweigernte Frau “Na, schatzi heut gibts ka Gewitter und morgen a net!”, nichts merkte, so daß er plötzlich, nachdem er in der Zeitung gelesen hatte, daß Gehen gut für das Vergessen ist, aufsteht und mit seiner Aktentasche in Richtung Westen marschiert.

Am Abend ißt er in einem Gasthaus eine Forelle, läßt sich die Fischgräte einpacken und nimmt sie mit auf seine weitere Reise, auf der er bis nach Straßburg kommt.

Seine Uhr bleibt stehen oder eigentlich, geht sie zurückwährt, so daß er nach und nach bis in den Dezember kommt und in Straßburg quartiert er sich zuerst in ein Hotel, in dem er schon einmal war, dann in eine verwunschene Hinterhofpension ein, um zum Bahnhof zu gehen und auf eine Frau zu warten, von der nicht weiß, ob und wann sie kommt.

Dabei findet er eine Christbaumkugel, die er für ein Kücken hält, in dem Pensionszimmer gibt es eine Spinne, die er in sein Umfeld einbezieht, er ernährt sich von Croissants, die ihn an den Mond erinnern.

Und das Vergessen verwandelt sich ein eine vage Erinnerung und der Suche nach einer Vergangenheit, die es vielleicht nie gegeben hat.

Ein Traum? Eine Vision? Realität? Die Midlifekrise, die man mit vierzig, wenn man eine sexmüde Frau und zwei ewig lernende Kinder hat, schon einmal bekommt oder der Weg in die Demenz?

Kann die so ausschauen, daß man, in dem man auf einmal alles hinter sich, sein langweiliges, kompromißverseuchtes Leben und sich in seine Träume, seine Sehnsucht, seine nicht gelebte Vergangenheit zurückzieht?

Vielleicht. Die Psychologin könnte es sich vorstellen und es läßt sich auch herrlich nachdenken und weiterphilosophieren bei dieser Parabel, die uns der umtriebige Vielschreiber schenkte.

Ein Geruch, ein Parfum und noch vieles anderes, spielen dabei auch eine Rolle.

Am Ende hat Manfred P. T. Ellermann Bluttränen im Gesicht  und geht immer weiter ins Nichts. Hört noch “wie sein Fisch, sein Kücken und seine Spinne zu ihm sprachen:” Du hättest sie nie loslassen sollen, nie. Verstehst du? Und Manfred P. T. Ellermann nickt unter Tränen und flüsterte mit tränenerstickter Stimme: “Ja, ich weiß, Fisch, ja, ich weiß Kücken, ja, ich weiß Spinne”, und ging so lange, bis er im Nichts verschwunden war.”