Wir kommen

“Marja ist nicht tot. Wenn Marja gestorben wäre, hätte sie mir doch davor Bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen.”

So beginnt der Debutroman einer Vierundzwanzigjährigen, von der Joachim Lottmann am Buchrücken schreibt “Endlich eine neue Stimme in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur”.

“Amazon” sieht das vielleicht ein bißchen anders,  denn da gibts sowohl fünf, als auch ein Stern-Rezensionen, die mit den fünf sind zwar in der Mehrzahl, aber “Heiliger Moses, wie  belanglos ist dieser Text!” oder “wie öde und schlecht Trash Literatur sein kann, beweist Ronja von Rönne mit diesen Buch unerbittlich”, schreiben die Ein Stern Befürworter und ich habe mich, ich gestehe es, auf dieses Buch sehr gefreut, denn ich habe ja etwas über für Debutromane von sehr jungen Frauen, die bald schon meine Enkeltöchter sein könnten und verfolge, den Werdegang, der jungen Berlinerin, seit sie im vorigen Jahr für das Bachmannlesen eingeladen wurde.

Da habe ich dann auf ihren Blog zuerst etwas, wie man am Schnellsten sein Haustier umbringt, gelesen und dann, daß sie den Feminismus hasse und er sie anekeln würde.

Das Erstere hat außer mir, glaube ich, niemanden aufgeregt, das Zweitere hat  einen Shitstorm angeregt und beim Bachmannlesen ist sie nicht gut weggekommen. Popliteratur wurde er genannt und das man, was da so  von der jungen Frau mit dem braven blauen Kleid mit weißen Kragen vor sich hingeschnoddrert wurde, längst schon gehört hat.

Mir hat der Text aber gefallen und nachdem ich dann noch irgenwie in die “Aufbau-Bloggerkartei” geraten bin, habe ich das Buch, jetzt lesen können, auf das sich Tobias Nazemi glaube ich auch schon sehr freute, hat er doch zwei Monate vor Erscheinen auf ihren Blogtext, “So ist Schreiben” hingewiesen und ihr auch den dritten seiner “Leserbriefe” gewidmet.

Jetzt bin ich gespannt, wie es ihm, ich glaube, einem Fünzigjährigen, der sich in dem Brief  als “Altherren-Groupie” bezeichnete, gefallen hat und ich bin, glaube ich, zweigeteilt. Das heißt, auf der ersten Hälfte sehr begeistert, später ist dann das Streichholz, das auf dem gelb blauen Cover zu sehen ist, irgendwie erloschen und irgendwo bei den Rezensionen habe ich auch gelesen, daß die Geschichte keinen Plot hat.

Da war ich noch auf der ersten Hälfte und hätte dem nicht zugestimmt, obwohl ich mir auch da, ähnlich wie Tobias Nazemi, bei Valerie Fritsch, schon sehr viele, wenn auch nicht unbedingt schöne, aber doch in ihrer lapidaren Grausamkeit und Härte höchst beeindruckende Sätze angestrichen habe.

Der oben zitierte Buchanfang gehört dazu und dann hat die Verhaltenstherapeutin, die sich wahrscheinlich schon seit Ronja von Rönne auf der Welt ist mit Panikatacken beschäftigt, kurz geglaubt, die jetzt wirklich begriffen zu haben. “Und plötzlich wurde ich nachts von einer Panik geweckt, die nichts mit der Anbgst zu tun hat, die man von Klausuren kennt, einer Panik, die mir jedesmal das Gefühl gibt, gleich zu ersticken, nur dass das Ersticken nie eintritt, die Angst davor aber stundenlang anhält, bis man schließlich mit einer Plastiktüte nachhelfen will.”

Das ist es, was mich wahrscheinlich auch begeistert, dieser, wie Lottmann es nennt “schnoddriger Ton”, wo ich mir aber nur nicht sicher war, ob der jetzt authentisch mit der Autorin ist, denn das würde ich ihr nicht wünschen, das sie das Leben so erlebt, wie sie es beschreibt. Wenn er aber, was ihr zu wünschen wäre,  erfunden wäre, wären die Leser verarscht worden und das ist es wahrscheinlich auch, was gegen sie polemisiert und die junge Frau kämpft trotzig schnoddrig gegen die Geister an, die sie selbst herbeigerufen hat, damit sie mit dreiundzwanzig in Klagenfurt lesen kann und mit vierundzwanzig bei “Aufbau” erscheint…

Aber das muß man auch erst können und Ronja von Rönne kann es so zu schreiben, daß einem die Luft wegbleibt, ob der Grausamkeit dieses Lebens, auch wenn ich sie bei einigen Plattheiten erwischte, die ihr bestimmt nicht selber eingefallen sind, wie das  Kind, das nie redet und dann plötzlich fragt, wieso kein Zucker im Kakao wäre und der erstaunten Menge, wieso es das jetzt plötzlich täte, antwortet, das der bisher immer vorhanden war!

Das ist ein Witz, den ich in der Stottererberatung manchmal erzähle. Ronja von Rönne legt ihn in anderen Worten der kleinen Emma-Lou in den Mund, aber schön der Reihe nach, um auch hier zu spoilern.

Da ist Nora, vielleicht so alt, wie die Autorin, ich würde sie mir älter vorstellen, sie ist Regisseurin in irgendeiner Fersehedokushow, wo sie mit dicken Frauen oder so, einkaufen gehen soll, aber jetzt sucht sie Maja, ihre Freundin aus den Kindertagen, an deren Tod sie nicht glauben kann. Vielleicht bekommt sie deshalb, die Panikattacken und geht aus diesen Grund zum Therapeuten. Der fährt aber bald auf Urlaub und drückt ihr daher ein blau gelbes Heft mit einem brennenden Streichholz, genau wie das Cover des Buches, auf diese Idee muß man erst kommen, in die Hand und sagt, sie soll alles aufschreiben (damit er sich die weitere Therapie erspart).

Sie tut das auch und so können wir jetzt “Wir kommen” lesen und uns darüber streiten, ob es  einen oder fünf Sterne verdient, beziehungsweise vielleicht gar mittelmäßig ist?

Nora lebt jedenfalls in einer Vierergemeinschaft oder sie hat mit Karl gelebt, dann ist aber Leonie mit ihrer schweigsamen Tochter Emma-Lou dahergekommen,  Karl ist mir ihr im Schlafzimmer verschwunden und hat Nora vielleicht vorher noch zugerufen, daß sie das locker sehen soll. Auch da habe ich wahrscheinlich einen bedeutungsschweren Satz notiert und an den Partnertausch der wilden Siebzigerjahre, als Ronja von Rönne noch nicht auf der Welt war und an die Mühl-Kommune gedacht.

Es taucht aber auch ein Jonas auf und mit dem freundet Nora sich dann an, obwohl der gar nicht so viel von ihr zu halten scheint und sich seltsamerweise mehr, um die schweigsame Fünfjährige kümmert.

Leonie ist Ernährungsberaterin, die ihren Kopf schon mal an Wände schlägt, Jonas Graphiker, Karl Sachbuchautor, der eine Sekte gründen will. Er hat aber auch ein Haus am Meer und dorthin fahren nun die vier. Karl schlägt vor, daß alle ihre Handys und Laptops in eine Mülltüte schmeißen sollen, behält aber den seinen, Jonas dreht deshalb durch und verläßt  mit Enmma-Lou die Villa und Nora tut das auch mit Karls Auto und fährt in das Dorf, in dem sie mit Maja aufgewachsen ist und erinnert sich an ihre Kindertage, wo sich die beiden Mädchen vor Kaufhhofparkplätzen herumtrieben, beziehungsweise auf den Autodächern der einkaufenden Frauen herumsprangen und wenn die sich beschwerten und die Polizei holten, fing Maja zu kreischen an und wimmerte “Die Frau da, die Frau da, hat uns bedroht, wir haben uns nicht hinuntergetraut. Sie hat gesagt, sie will uns streicheln, und wir sollen mit ihr mitfahren und ob wir  Kaubonbons wollen!”

Maja, die Tochter einer Alkoholikerin, während Nora eher aus einer “stinknormalen” Familie zu stammen scheint, tut das auch bei Männern so, wenn, die sich weigern, ihr das was sie begehrt, zu kaufen und Ronja von Rönne hat uns wieder einmal  demonstriert, wie mächtig Kinder sind und wie sehr die kleinen Lolitas, die Erwachsenen quälen können, die aber natürlich höchstwahrscheinlich auch überfordert sind.

Es gibt auch eine Schildkröte, um die sich Nora kümmern soll und sie mit in das Strandhaus schleppt und tagelang nicht bemerkt, daß sie schon gestorben ist. Erst Jonas, der sich mit der kleinen Emma-Lou, die, wir wir allmählich begreifen, nicht von ihm mißbraucht wird, sondern seine Tochter ist, die falsche Idylle verlassen will, macht sie darauf aufmerksam und so fährt Nora noch einmal mit Karls Auto weg und setzt sich  mit einem Becher Kafee in eine Autobahngaststädte, um zu schreiben und zu schreiben und vielleicht doch zu kapieren, daß Maja sich nicht mehr melden wird und ihre Kindheit vorüber ist…

Richtig, Plot, das habe ich im zweiten Teil begriffen, gibt es wahrscheinlich keinen und auch nichts, was wir von der Jeunesse dore, des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts nicht schon gehört hätten, aber Ronja von Rönne, das hat sich bestätigt, kann schreiben.

Sie kann sich wahrscheinlich auch sehr inszenieren. Es bleibt nur zu hoffen, daß sie nicht wirklich, ein Streichholz ist, das an zwei Enden brennt und ich bin mir jetzt nicht sicher, ob das eine Metapher aus ihrem Buch oder aus dem von Emily Waltons über Scott Fitzgeralds Sommer 1926 an der Cote d` Azur ist, wo auch wilde Strandparties gefeiert wurden und die Überforderung, wenn auch anders, genauso stark war.

Zu hoffen, bleibt auch, daß die junge Frau damit im Herbst auf die LL kommt, denn dann hätte ich ein Buch weniger zu lesen…

Wasser im Gespräch

Zur “Lyrik im März” nun fast punktgenau Petra Ganglbauers “Mond und Pflanzengedichte” aus der “Keiper-Lyrik Reihe”, der GAV-Kollegin und nunmehrigen Präsidentin, die ich wahrscheinlich schon von meinem GAV-Mitgliedsbeginn kenne, die experimentelle Lyrikerin, 1958 in Graz geboren, “Avantgardistin”, schreibt Helwig Brunner, der Herausgeber, Radiokünstlerin, Schreibpädagogin und auch meine eifrige Rezensentin, hat sie ja  im “Gangway-Net Magazin” schon fünf Bücher von mir besprochen.

Passend zum österreichischen Lyrikschwerpunkt, wo man sich wenigstens in den Literaturinstitutionen ein wenig Gedanken, um das “Stiefkind der literarischen Gattungen” macht, so bringt ja die “Gesellschaft” zu dieser Zeit einige lyrische Veranstaltung und die “Lyrik im März” der GAV wird ja seit dem Tot von Heidi Pataki und Rolf Schwendter von Petra Ganglbauer veranstaltet, während die Verlage zwar auch vermehrt “Lyrik Reihen” herausgegeben, diese aber offenbar selber nicht zu promoten scheinen, denn es ja schon der dreizehnte Band der “Keiper Reihe”, von der ich in den letzten Jahren einiges gelesen und besprochen habe, Petra Ganglbauers Lyrik ist aber auf Umwegen und  auch  etwas verzögert zu mir gekommen.

Womit die Verlage wahrscheinlich nur dem Trend der Zeit entsprechen und vielleicht selber glauben, daß Lyrik  niemanden interessiert, obwohl sie kurz und also scheinbar schnell zu lesen wäre und angeblich inzwischen auch mehr Leute Gedichte schreiben. als solche lesen.

Schaut man auf die vorwiegend deutsche Bücherbloggerlandschaft, sieht man diesen Trend bestätigt, obwohl Tobia Nazemi, einer der vorjährigen Buchpreisblogger und vorjährige Bloggerpate des Leipziger Literaturmessenpreises (leider wurde diese Aktion auch schon eingestellt) in seinem neuen Bücherbrief Jan Wagner, dem vorigen Gewinner, mit seinem “Regentonnenvariationen-Lyrik Band” gedenkt” und den Autor zwar “Dichterfürst” nennt und sich für ihn freut, daß er nun nicht mehr auf die “Writer in Residence-Programme” angewiesen ist, aber gleich bekennt, daß Lyrik für ihn wie Sushi ist, irgendwie interessant, aber dann doch nicht sein Geschmack und es ihm, wie die meisten Bücherblogger mehr zur Prosa zieht.

Dem kann sich die realistische Schreiberin zwar anschließen, aber ich gehe, Österreich und auch die GAV machts möglich, regelmäßig zu Lyrik-Veranstaltungen und so habe ich, glaube ich, einige der Gedichte auch schon gehört und gelesen habe ich auch schon einige der “Pflanzengedichte”, hat doch Gehard Jaschke seine “Feribords” und da gibt es einen Petra Ganglbauers “Pflanzengesichern” gewidmeten Flyer und nun ein Gang durch die sehr kurzen  klaren Gedichte, die für die Realistin nicht immer leicht zu lesen waren, aber von Helwig  Brunner, den ich ja auch schon einige Male bei Lyrik-Veranstaltungen über Gedichte sprechen hörte, gut erklärt werden.

“Wasser im Gespräch” ist  in zwei Teilen gegliedert.

Die “Mondgedichte” haben wieder zehn Abteilungen und gliedern sich in “Leerer Narrenmond”, “Schwacher Herbstmond”, “Prunkender Heilmond”, “Strahlender Honigmond”, “Verdorrender Wintermond”, “Schwarzer Julmond”, “Karger Lämmermond”, “Klarer Eismond”, “Starker Unkrautmond” und” Finsterer Totenmond”.

Sehr poetische Benennungen, wobei es zum “Jul-Eis- und Totenmond” wahrscheinlich keine Fragen gibt, das hat man  schon in anderen Lyriksammlungen so gehört und Heilwig Bronner betont auch die “Haiku oder Tankanähe”, aber was bitte, ist ein “Verdorrender Winter- oder ein “Karger Lämmermond und auch beim “Starken Unkrautmond” tut sich, die Realistin in der Vorstellung etwas schwer.

Irgendwann kam dann auch die Frage, was  das mit dem titelgebenden “Wasser” zu tun haben könnte?

Aber keine Angst auf Seite sechzig, gibts die Antwort zu lesen.

“Wasser im Gespräch, der Geste: Wir drehen uns weiter aberrund. Als Wunde, Herzpochen, Fluch. (Zu-Spruch also Nichtwort)”

Das als kleines Textbeispiel zu Petra Ganglbauers  abgehobener lyrischen Sprache und für die die es noch nicht so ganz verstanden haben, wird  dann von Helwig Brunner  noch erklärt, daß Wasser, “sowohl das Wachstum und die Beschaffenheit von Pflanzen und damit auch ihre Aussaat, Pflege und Ernten durch den Menschen bestimmt und der Mond tut das bei den Gezeiten.”

Helwig Bronner nennt Ganglbauers Gedichte lyrische Miniaturen und erklärt auch  die Beutungsverschiebungen, die vor allem in den “Pflanzengedichten” zu finden sind, als beliebtes Mittel der experimentellen Literatur, so daß sich auch das theoretische Wissen, der Lyrikleserin, verstärkte.

Bei den “Pflanzengedichten” geht es  über “Klatschmohn”, “Salbei”, “Gras”, “Pfingstrosen”, etcetera durch die gesammelte Flora, immer wird zuerst die Pflanze beschrieben, bevor es im Nachwort “(Mein Pfingstrosengedicht) Platzende Sonne, ein Streben, ein Platz, Greifendes Blütenversprechen reißt Dem Blau des Himmels den Sinn ein. Scherenschnittrundes rosa Paradies” heißt.

Interessant, daß die experimentelle Lyrikerin, von der ich schon “Schräger Garten” – Texte aus dem “Fröhlichen Wohnzimmer” gelesen habe und wahrscheinlich bei mehreren Veranstaltungen war, die Groß und die Kleinschreibung verwendet und was die Veranstaltungen betrifft, so wird man wahrscheinlich, am Mittwoch, wenn ich schon in Leipzig bin, bei der “Lyrik im März” im “Afroasiatischen Institut, in der Türkenstraße 3″ um 19 Uhr” auf die ich alle Interessierte herzlich hinweise, wahrscheinlich  das Bändchen kaufen können, für das ich, weil ich keine österreichische Literatur nach Leipzig mitnehmen wollte, die “Ronja” ein paar Tage warten ließ, ein kleiner Hinweis auf Tobias Nazemi , falls er das hier lesen sollte.

Sonst sind in der “Keiper Lyrik Reihe” noch Bände von Wolfgang Pollanz, Helwig Brunner, Sophie Reyer, Michel Hillen, Udo Kawasser, Gertrude Maria Grossegger, Friederike Schwab, Marcus Pöttler, Ute Eckenfelder, Monika Zobel und Sonja Harter erschienen, die man sicher sehr empfehlen kann, denn man soll wahrscheinlich ja, egal ob als Mann, Frau, alt oder jung, mehr Lyrik lesen, um ein bißchen auszuspannen, zur Ruhe zu kommen, den Geist beziehungsweise, die Sprache zu schulen und Sushi schmecken ja auch sehr gut, beziehungsweise sind die Japaner als Meister der poetischen Sprache bekannt.

 

Der Sommer in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

Es geht gleich weiter mit den Künstlerbiographen, beziehungsweise mit einem preisverdächtigen Kanditaten für den  längsten oder ungewöhnlichsten Buchtitel.

Hat doch die1984 in Oxford geborene Emily Walton, die mir  2009 oder 2010, als sie noch für den “Kurier” Rezensionen schrieb, durch ihre Publikationen  in “Ecetera” oder  der “Wortlaut-Anthologie” aufgefallen ist, ein Kapitel aus dem Leben des “Great Gatsby-Erfinders”, dem amerikanischen Schriftsteller Scott Fitzgerald, der von 1896 bis 1940 lebte und als knapp Dreißigjähriger mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter seine Sommer an der Cote d` Azur verbrachte, geschrieben.

Emily Walton, die 2012 Stadtschreiberin im Alsergrund war und in diesem Jahr auch ihr “Mein Leben ist ein Senfglas” herausbrachte, hat inzwischen auch einige Reiseführer, darunter einen über Straßbourg, den wir vor eineeinhalb Jahren brauchen hätten könnten, geschrieben hat, ist für ihr bei “Braumüller” erschienenes Buch, “nach Princetown, New York, Antibes und Paris” gereist, wie ich dem Klappentext entnehme und hat ein sehr lebendiges Bild von dem kleinen verschlafenen Fischerdorf an der Cotes d` Azur gezeichnet, das 1926, wo das Buch hauptsächlich spielt, noch keinen Sommertourismus kannte.

Scott Fitzgerald ist zu dieser Zeit, der “Große Gatsby” war schon geschrieben,  sehr bekannt gewesen, hat auch gut verdient und ist nach Europa gekommen, weil er seinen neuen Roman schreiben wollte und wahrscheinlich auch, weil in Frankreich leichter an Alkohol, als in Amerika heranzukommen war.

Und obwohl man sich damals noch nicht das Meer zum Sonnenbaden legte und es noch keinen Massentourismus gab, hat es in Juan-Le Pins, sowas wie eine Künstlerkolonie gegeben, nämlich, die “Villa America”, wo die Familie Murphy, Gerald und Sarah, mit ihren drei kleinen Kindern, ihre Künstlerfreunde, wie Ernest Hemingway, Dorothy Parkers, etcetera, einluden.

Die Fitzgeralds waren dabei und der Endzwanziger extravagant und, wie ein Dandy gekleidet, dem Aklohol nicht abhold, obwohl er ihn nicht vertrug, fiel dort, wie Emily Walton, wahrscheinlich recherchierte und dann blendend beschrieb, durch schlechtes Benehmen auf.

Man kann auch excentrisch sagen und Emily Walton meint auch, er war auf Ernest Hemingway eifersüchtig, der gerade von Spanien kam und an seinem “Fiesta” schrieb. Ein Buch, das ich auf meiner Leseliste habe und heuer lesen will, wenn ich es nicht durch zu viele Neuerscheinungen verdrängen lassen, denn Scott Fitzgerald fiel gerade nicht sehr viel ein, die Murphys waren von ihm aber begeistert. So versuchte er ihm an seinen Verlag zu vermitteln und ihm auch bezüglich seines Manuskriptes zu beraten. Aber sonst zerbrach er auf den Parties Gläser, stellte sich provokant vor die Gäste auf, fragte, ob sie homosexuell seien oder wieviel Geld sie verdienen und steckte auch einmal einer Prinzessin eine Feige in den Ausschnitt, worauuf er von den Murphys  Hausverbot bekam.

Das mit dem Zersägen des Kellners, hat er wohl in einer Geschichte beschrieben und vielleicht auch wirklich versucht. Der Kellner wurde aber gerettet und als der Sommer vorbei war, war der Roman nicht geschrieben, die Frau Zelda krank. Sie hat den Rest ihres Lebens in Nervenheilanstalten verbracht. Die Murpys hatten ihren neuen Schützling und  selber ein paar Schicksalschläge. Die Cote d` Azur zur Modegegend und auf die verrückten Künstler, die sie 1926 dazu gemacht habt, weist heute, wie Emily Walton bei ihrer Recherche am Ort herausfand, ein Fitzgerald Menue hin, obwohl die wenigstens Gäste, eine Ahnung von dem Dichter haben, der 1940 an einem Schlaganfall verstarb, später aber durch die Verfilmung des “Great Gatsby”, ein Buch, das auch auf meiner Leseliste steht, ich glaube sogar auf Englisch, wieder berühmt wurde.

Durch Emily Waltons  dünnes Buch kann man sich eine Vorstellung von dem exzentrischen Künstlerleben in den berühmten Zwanzigerjahren machen. Mir ist der gute Scott zwar nicht sehr sympathisch gewesen, aber trotzdem spannend zu erfahren, wie die Avantgardisten ihre Karriere machten oder sich zu Tode soffen, während anderswo Buchhänderlehrlinge für den Sozialismus kämpften und dann überhaupt eine große Krise über Amerika und Europa hereingebrochen ist.

Spannen auch wieder von Emily Walton zu hören, die ich persönlich, glaube ich, bei der “Texthobellesung” kennenlernte und inzwischen auch in die GAV aufgenommen wurde, die aber nicht mehr soviel bloggt.

Doppelte Bibliografieführung

Manchmal bekomme ich ungewöhnliche Bücher angeboten, die sonst an mir vorbeigegangen wären. Jutta Piveckas “Punk Pygmalion” beispielsweise, aber auch “Fledermausland”, Gard Meneberg “Absurde Menschheit”, vielleicht auch Manfred Lagler-Regalls Bücher, der mir ja immer so getreuliche Kommentare schickt und jetzt ist wieder so ein Buch aus Leipzig, vielleicht sogar aus dem Literaturinstiut gekommen.

“Spector Books” hat die “Doppelte Biografieführung” eines Francis Nenik herausgegeben, von dem im Klappentet steht, daß er als Bauer in Leipzig lebt und in seiner Freizeit schreibt.

Mehrere Bücher sind von ihm schon erschienen für das “Wunder von der doppelte Biografieführung” hat er einen Award erhalten, den “Wikipedia-Eintrag gibt es nur auf Englisch und das Buch behandelt vier Lebensläufe von vier irgendwie unbekannten, untergegangenen oder verschollenen Dichtern.

“Das Wunder der doppelten Biographieührung” ist dem Engländer Nicholas Moore 1918-1986 und dem Tschechen Ivan Blatny 1990 bis 1990, also nur ein Alter Unterschied im Geboren werden um im Sterben, gewidment und die doppelte Biografieführung besteht darin daß die beiden Lebensläufe seitenweise einander gegenübergestellt wurdenund oft mit den selben Sätzen beginnen:

“Als der Literaturkritiker George Steiner im Jahr 1968 die Einsendungen zu einem unter seiner Federführung stehenden Baudelaire-Übersetzungs-Wettberwerb der Sunday Times durchsah, dürfte er sich ein ein wenig gewundert haben: Irgendjemand hatte über dreißig Versionen ein und desselben Gedichts eingereicht.

“Als der Journalist Jürgen Serke im Jahr 1981im St. Clemens Hospital in Ipswich/England auf einen schmächtigen Mann mit einer kleinen Schnittwunde im frisch rasierten Gesicht traf, dürfte er sich ein wenig gewundert haben: Der Mann war vor über dreißig Jahren für tot erklärt worden”

Seite für Seite geht das so. Auf der einen Seite weiß, auf der anderen schwarz und beide Dichter, die in England lebten, von ihnen gibt es “Wikipedia Einträge” waren in ihrer Jungend berühmt.Nicholas Moore wurde zu den “Neuen Apokalyptikern” gerechnet, Ivan Blatny gehörte der “Gruppe 42” an.

Dann dürfte bei beiden der Lebenslauf gekippt sein, bei dem Engländer war es, glaube ich, die Scheidung, die ihm von der Literatur in den Gärtnerberuf brachte. Dann bekam er Diabetes, saß im Rollstuhl, bis er Beaudelaire zu übersetzen begann und in den frühen Achtzigerjahren auch wieder entdeckt wurde.

Nicholas Blatny ist nach dem zweiten Weltkrieg in die tschenische KSC eingetreten und 1948 mit einer Schriftstellerdelegation nach London gefahren. Von dort ist er nicht mehr zurückgekommen, hat sich vom Geheimdienst verfolgt gefühlt. Es wurde auch eine Psychose diagnostiziert, so daß er den Rest seines Lebens in psychiatrischen Einrichtungen verbrachte.

Dort hat er geschrieben und geschrieben, die Pfleger haben seine Gedichte aber immer als Müll weggeworfen, bis ihn eine ehemalige Krankenschwester entdeckte, seine Gedichte nach Canada schickte, wo sie auch veröffentlicht wurden.

Die nächste Geschichte, die schon im “Merkur” abgedruckt wurde, ist dem südafrikanischen Lyriker, Universitätsprofessor und Freiheitskämpfer Edward Vincent Swart, 1911- 1962, gewidmet, auch ein Unbekannter, denn im Netzt findet man nicht sehr viel über ihn und Frances Neniks Text “Zu Tode gelebt” ist auch auch sehr kurz und gibt auf diese Art und Weise über die Fakten seines Lebens Ausdruck, denn Nenik Anliegen war, steht im Klappentext, nicht die Biografien der Dichter zu erzählen, sondern an ihrer Hand das vorige Jahrhundert verständlich machen.

Dann geht es zum dritten und längsten Text, der mit seinen über zweihundert Seiten ein eigenes Buch füllen könnte, um den DDR-Schriftsteller Hasso Grabner, 1911 in Leipzig geboren, 1976 in Werder gestorben, wegen dem ich das Buch eigentlich als Leipzig Lektüre mitnehmen hätte können, aber auf einer Buchmesse kommt man ja nicht zum lesen und es ist ein Rezensionseemplar, das eigentlich schon im November kommen hätte sollen, also nicht zu lange warten.

“Geschichte als Groteske”, titelt sich die Erzählung. In einem sehr ironisch lakonischen Ton wird hier das Leben des unehelich geborenen Arbeiterkindes erzählt, das eine Buchhändlerlehre machte, sich früh der kommunistischen Jugend anschloß, politisch tätig war, als die Nazis kamen verhaftet und nach Buchenwald geschickt wurde, dort einen Teil der späteren DDR-Führungselite kennenlernte und als der Krieg sich langsam als aussichtslos erwies, in einem Strafabattlion nach Griechenland und Albanien geschickt wurde. Dort kam er zu höchsten Ehren und Hitlerohrden.

“Grabner selbst ist die Verleihung schrecklich peinlich, doch der Kompanierchef rettet die Sitatuion auf Seine Weise. Er brüllt: “Siehst du, Grabner, du altes Kommunistenschwein, jetzt mußt du doch noch mit dem Hakenkreuz auf dem Bauch herumlaufen!”

Grabner  desertiert, läßt sich in Leipzig in ein evangelisches Spital einweisen, seine Grantasplitter zum Teil entfernen,  entkommt so der Verhaftung, und als  die  DDR entsteht, kommt er sehr bald zu Amt und Würden und wird zuerst zum Rundfunkintendaten, obwohl es dort nichts zu intentieren gibt, ernannt. So läuft er herumund sammelt Musiksinstrumente, da er aber abald den russischen Besatzern unliebsam auffällt, wird er entlassen und zum Betriebsleiter einiger Kombinate bestellt, obwohl er auch von Kohle und der anderen Industrie keine Ahnung hat.

Er tut was er kann, hat aber eine große Klappe und gerät mit den Parteigranden durch seine unliebsamen Ansichten und moralischen Vergehen, er dürfte auch ein Frauenliebhaber gewesen sein, immer wieder in Konflikt, die er dadurch zu lösen schien, daß er mit  seinen Anklägern skatspielen ging, dann auch zum Schriftsteller wird und viele Romane und Gedichtebände zum Teil auch in hoher Auflage herausbrachte, was ihm aber auch nicht viel einbrachte. Als er schon sehr krank ist, will er 1974, zum zweiten Mal heiraten, bis dahin war er das mit einer anderen Frau, mit der aber kaum Kontakt hatte. Auch das gerät zur Farce und 1976 als er sich für Solschenizyn eingesetzt hat, wird er noch einmal vor die Parteikommission zitiert.

“Für weitere Worte das weiß er, bleibt keine Zeit. Also öffnet er die hinter ihm liegende Tür, tritt ins Freie und geht.”

Bei den Danksagungen  werden es ganze Reihe von Personen angeführt, die Francis Nenik Auskunft über Hasso Grabners Leben gaben, darunter werden auch seine Stasi Akten, die sehr lang und umfangreich waren, angeführt.

Ein interessantes Buch. Mal sehen, ob ich es  und den Verlag in Leipzig auf der Messe finden kann.

Vielen Dank für das Leben

Die 1962 in Weimar geborene und in Zürich lebende Sibylle Berg hat mit “Vielen Dank für das Leben”, ein alptraumhaftes Szenario über das menschliche Leben geschrieben, das auf der einen Seite dicht und eindringlich, auf der anderen vielleicht etwas übertrieben verworren ist.

Daraufgestoßen bin ich im Zuge meiner “Paul und Paula- Recherche”, denn da habe ich mich ja erkundigt, was ich in Bezug “Transgender” noch lesen könnte? Habe es empfohlen bekommen, nachgegooglet und bin auf dem ersten Blick gar nicht auf die Problematik gestoßen, denn die  Intersexualität der Hauptperson, wird in dem Alptraumszenario  irgendwie nur mitgeschleift  und wenn man das Buch gelesen hat, ist man wahrscheinlich so depressiv, daß man die Welt, wie hier geschildert, am liebsten  verlassen möchte.

Ich bin ja vor einigen Jahren in die Kartei der “Cornelia von Goethe Akademie” geraten und habe auf einer der Buchmessen einen diesbezüglichen Schreibratgeber, “Nähkästchen des Schreiben” heißt er, glaube ich, gefunden und bin da auf Sybille Berg und ihren Erstroman “Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot” gestoßen, der da sehr gelobt wurde.

Später habe ich den Kolumnen Band “Gold” gefunden und auf der LL ist sie 2009 mit “Ein Mann schläft” auch  gestanden.

Voriges Jahr habe ich sie in Leipzig am blauen Sofa über “Der Tag als meine Frau einen Mann fand”  reden gehört und gedacht “Was ist das für ein merkwürdiges Buch oder kapriziöse Autorin?” und das stimmt wahrscheinlich auch für den 2012 bei “Hanser” erschienenen Roman, obwohl er mich sehr beeindruckt hat, denn Sibyille Berg zeigt mit klaren Worten und einer sehr starken Sprache die menschlichen Grausamenkeiten und Absuditäten. Übertreibt zum Glück natürlich maßlos dabei, denn sonst müßte man wahrscheinlich noch depressiver werden und das, was sie da über das Aufwachsen des oder der kleinen Toto in der DDR erzählt, könnte genausogut in einem katholischen Heim in Irland oder Wien geschehen sein.

Da wird ein Kind in einer kalten DDR-Klinik von einer kalten Hebamme im kalten Jahr 1966 geboren. Die Mutter ist eine Trinkerin, hat keinen Mann und das Kind hat kein eindeutiges Geschlecht. Es wird der Mutter, ich glaube sie hat keinen Namen, vom Arzt übergeben, der ihr sagt, sie muß sich für ein Geschlecht entscheiden, so wählt sie Junge, nennt ihn Toto, nimmt ihn mit nach Hause und läßt das stille ruhige Kind gleich allein, um sich Alkohol zu besorgen. Dann kauft sie schon Windeln und Milchpulver, denn in der DDR stillte man damals nicht und nimmt ihn auch auf ihren Job als Altenpflegerin in entfernte Dörfer zu abgetakelten Alkoholikern mit (man sieht Sibylle Berg Welt ist mehr als trist) und gibt ihm etwas später in ein Kinderheim ab, wo die Kinder von Republikflüchtlingen und Alkoholiker aufwachsen.

Dort wird Toto von den anderen Kindern und der Erzieherin Genossin Hagen diskriminiert, wegen des zweideutigen Geschlechts, muß er allein duschen, als er gedankenlos eine Blume abbricht, wird er zum Dieb an der Volksgemeinschaft gebrandtmarktund als er alt genug ist, um in den Stock zu ziehen, wo die Knaben und die Mädchen vereint oder getrennt sind, verkauft ihn die Erzieherin an ein ebenfalls trinkendes Bauernpaar.

Toto nimmt das allein gleichmütig hin, er dissoziert würden die Psychologen sagen. Im Heim hat er viel gelesen Dostojewski, Zola, etcetera und ich frage mich nur, wie kommt ein Heim, das den Kindern, die Teddybären wegnimmt, damit sie ḱeine Gefühle entwickeln, zu einer solchen Bibliothek?

Am Land, beim Kühemelken fängt er zu singen an und als er die Grundschule abschließt, verläßt er die Pflegefamlie und geht einfach die Landstraße eintlang. Da kommt ein Bus mit westdeutschen Abweichlern, die den Sozialismus studieren wollen und die bringen Toto über die Grenze. Er bleibt eine Weile in deren WG, dann zieht er von Knepe zu Kneipe, putzt dort und schenkt aus, unterhält die Gäste aber auch mit seinem hohen Gesang.

Der dicke Junge, der wie ein Mädchen aussieht, er wird an eine Musikschule empfohlen, fällt bei der Aufnahmsprüfung aber durch, weil die Idioten dort sein Talent nicht erkennen und hantelt sich weiter durch dieses wunderbare Leben, bis in das Jahr 2000 hinein.

Ein Kasimir kommt auch immer wieder vor,  in den hatte sich Toto schon im Heim verliebt. Der ging noch vor ihm oder ihr in den Westen, wird Hedgefondmanager und verfolgt Totos Leben. Das heißt, er vermittelt ihm zu einer Nierentransplantation, denn der dicke Junge ist auch so selbstlos, daß er niemanden etwas abschlagen kann. Da wird dann Toto zum Mädchen gemacht, was aber auch nicht viel nützt. Es nimmt sie zwar ein Krankenpfleger nach Hause und sie reist mit ihm nach Asien.

Später wird Toto Metallarbeiterin und ebenfalls  Altenpflegerin und in dem Teil, der bis in das Jahr 2030 geht, fahren Toto und Kasimir  nach Paris.

Da hat sich die Welt dann wieder verändert, der Kommunismus ist durch den Kapitalismus ersetzt worden und die Welt teilt sich in die Reichen und die Arbeitslosen. Die Mittelschicht gibt es nicht mehr und aus der Stadt Paris wurde die in die Vorstädte verdrängt. In die Stadt kommen die Touristen aus der Unterschicht und die neue Welt ist so schön und heil, wie die von Aldous Huxley.

Man darf nicht rauchen, ißt kein Fleisch und in der Nacht holt die Polizei, die Obdachlosen ab und bringt sie in ein schönes neues Pflegeheim.

Igendwann, nachdem Kasimir sie verlassen hat, kommt auch Toto dorthin und fängt, ruhig gestellt durch Tabletten zu singen an. So schön, daß ein Aufnahmeteam von den Ärtzen geholt wird. Sie stirbt dann irgendwann, ihre Lieder, steht im letzten Kapitel, das wie viele die Überschrift “Und weiter” trägt, “wurden eine Woche später veröffentlicht. Ihr Verkauf war ein unglaublicher Mißerfolg”.

Man sieht Sibylle Berg kann es nicht lassen mit dem Pessimismus in ihrem, wie am Buchrücken steht “wütenden schrillen Roman über das einzige, was im Leben zählt.”

Sie scheint nicht viel dazuzuzählen und läßt die Leserin, ich habe es schon geschrieben,  ratlos und betroffen zurück, die denkt “Na darauf, kann ich auch verzichten!” (Das Leben nicht aufs Buch)

Vorschau auf “Nika, Weihnachtsfrau oder ein Dezember”

20160214-005830

Die achtundzwanzigjährige Germanistikstu-
dentin Nika Horvath verdingt sich im Dezem-
ber prekär als Weihnachtsfrau, mit einem
roten Mantel weißen Kragen und einer rot-
weißen Nikolomütze, auf der Mariahilfer-
straße, um für ein Kaufhaus Werbezettel zu
verteilen und den Kindern Zuckerln und
Schokoladestückchen in den Mund zu schie-
ben. Dabei kommt sie in Kontakt mit Passan-
ten, Käufern, Flüchtlingen, Angepassten und
Ausgeschlossenen und ein Adventkalender
der besonderen Art eröffnet sich.

 

Und wieder gibt es eine Vorschau auf ein neues Buch, sozusagen der dritte Teil der”Flüchtlingstrilogie” oder die Fortsetzung des “Sommerbuchs”, der im November im Rahmen des “Nanowrimos” geschrieben wurde.

Das zweite Buch mit dem  Puppencover, diesmal mit der Weinhnachtsmannmütze, vielleicht nicht ganz passend zur Jahreszeit, aber es wird ja noch eine Weile brauchen, bis das Buch gedruckt und erschienen ist.

Daher jetzt schon die drei Fragen, mit denen man das Buch nach Erscheinen gewinnen kann:

  1. Wie ist es zu der Entstehung des Buches gekommen und in welchen Rahmen wurde es geschrieben?
  2. In welchen meiner vorigen Bücher gibt es schon eine “Nika, Weihnachtsfrau-Geschichte”?
  3. Wer ist Joe Proshaka und in welchen Theaterstück spielt er eine Hauptrolle?

Zur leichteren Beantwortung der Fragen gibt es wieder die Schreibberichte: 1 2 3 4 5 6 7 8 9

Ich wünsche viel Spaß beim Raten und schicke dem Ersten, der die Fragen beantwortet, das Buch gerne zu.

Eine Lesung daraus hat es schon am 17. Dezember im “Read!!ingroom” gegeben.

Ausschnitte daraus sind im Blog am 5. 19. und 25. Dezember zu finden.

Im Dezember werde ich im Blog sicher auf meinen Adventkalender hinweisen, beziehungsweise weitere Ausschnitte daraus einstellen, so daß es neben dem Printbuch nach und nach ein richtiger Blogroman werden kann.

Nach dem Sturm

Die 1963 in der SU geborene Nellja Veremej, die seit 1994 in Berlin lebt und 2013 mit ihren Debutroman “Berlin liegt im Osten” auf der LL gestanden ist, der vom heutigen Alexanderplatz, alten Frauen und Altenhelferinnen erzählt ist mit ihrem zweitenbei “Jung und Jung” erschienenen Roman “Nach dem Sturm”, sowohl in die Gegenwart, als auch in die Vergangenheit gegangen, erzählt von einem alternden Mann, ist man das mit sechzig heute wirklich schon, einer wahrscheinlich fiktiven Stadt am Mittelmeer und vorallem, genau wie Jan Böttcher in seiner Frühljahrsneuerscheinung von den entwurzelten Generationen aus aller Herren Länder, die sich dort niedergelassen haben und nach den Zeiten des erzwungenen Sozialismus  ihr schönes oder auch nicht so schönes neoliberales Leben leben.

Es ist ein stiller, leiser Roman, die Kathastrophen werden nur angedeutet, umschifft, beziehungsweise, wie auch der Klappentext lobt, in schöner Sprachen und eindrucksvollen Bildern erzählt.

Beginnen tut es tief in der Vergangenheit im siebzehnten Jahrhundert, wo der Hirtenjunge Damir in die Stadt Gradow kommt, wo sich die Flüchtlinge auf der Festung niederlassen dürfen und ihr neues Leben und ihren Aufschwung beginnen.

Richtig von den Flüchtlingen, die das letzte halbe Jahr die Festung Europa so zahlreich stürmen, wird auch erzählt , das tote Flüchtlingskind wird angeschwemmt, während der sechzigjänhre Ivo, der ein Restaurant neben dem Museum auf der Festung  hat, von seiner Frau längst entfremdet in der Bibliothek schläft, einen scheuen Blick auf die junge Praktikantin oder Mitarbeiterin Mira wirft, die dort in der Früh ihren Kaffee trinkt und alles umformen und reformieren will.

Ivo ist der Sohn, einer Mutter die Prag verlassen mußte, als dort die Nazis kamen, sie lernt Dragasch, einen Bauernsohn kennen, der es in Gradow bald zum Universitätsprofessor bringt und seinem Sohn nun eine riesige Bibliothek vermacht, die, weil ja sozialistisch und nicht mehr aktuell, niemand mehr haben will und Ivo hat sich auch längst seinen Kindern, Boris und Ana, die beide in Deutschland studierten, entfremdet.

Boris ist zurückgekommen, um Geschäftsmann zu werden, residiert nun in einen Glaspalast und läßt in seinen Waren Zettelschen mit angeblichen Hilferufen der ausgebeuteten Zwangsarbeiterinnen in der dritten Welt verstecken., Ana verweigert sich im Museum zu arbeiten und widmet sich stattdessen lieber Flüchtlingskindern und die Erben der Leute, die von den Kommunisten vertrieben wurden, melden sich auch bei Ivo und wollen ihre Wohnung zurück.

Dazwischen werden immer wieder Kaptiel beziehungsweise Geschichten aus der Vergangenheit eingeschoben, die Mira im Museum, zeigen will.

So wird die Türkenbelagerung lebendig und der Verrückte bekommt eine Stimme, der sich all dem widersetzen und eine seltsame Kirche errichten lassen will.

In der Stadt gibt eine eine Bruno Schulz Straße und ein geschlossenes Antiquariat in dem man die “Zimtläden” bewundern kann. Überflüßig zu erwähnen, daß es in dem Gässchen mit den teueren Geschäften, wo Boris und seine Mutter Milly, eine verhinderte Opernsängerin einkaufen, nach Zimt riecht.

So geht es rund um und wir lernen auch hier ein anderes Europa kennen und die Menschen bekommen Gesichter, die uns vielleicht bisher nur aus der Zeitung oder als Gastarbeiter, beziehungsweise Emigranten bekannt waren.

Im Buch gibt einen Plan von der fiktiven Stadt und am Cover ist auch ihre Ansicht abgebildet, die das Buch seltsam altmodisch wirken läßt.

Wo sind die Zeiten der schönen alten “Residenz” und frühen “Jung und Jung” Covers mit ihrem einzigartigen Design könnte man fragen und wenn man mehr von Nellja Veremej und ihrer Frühjahrsneuerscheinung wissen will, am 27. 4. stellt sie ihn mit Angelika Reitzer in der “Alten Schmiede” vor.In Rauris habe ich gerade ergooglet, wird sie auch daraus lesen.

Y

Jetzt kommt eine Frühjahrsneuerscheinung aus dem “Aufbau-Verlag”, nämlich Jan Böttchers Y, eine Geschichte, die von Entwurzelung,  dem Aufwachsen zwischen den verschiedensten Kulturen Europas und dem eines Kindes, für das seine Eltern, egal, ob im Krisengebiet des Kosovo oder dem computerverseuchten Berlin, keine Zeit haben, erzählt.

“Die Geschichte beginnt!”, schreibt der Erzähler, ein Schriftsteller, der mit seiner Frau und seinem vierzehnjährigen Sohn in Berlin lebt, als der, Benji, eines Abends einen schweigsamen Freund nach Hause bringt und ihn bei sich übernachten läßt.

Der Vater stellt den Sohn zur Rede und der Leka genannte Junge verschwindet dann auch wieder. Nicht nur aus der Wohnung des Schriftstellers, sondern überhaupt aus Berlin und als Benji seinen Vater vorwurfsvoll anblickt, beginnt der nach ihm zu suchen und trifft Jakob Schütte, einen Nerd, Workoholic und Computerspielerfinder und der beginnt ihm seine Geschichte zu erzählen.

Er ist mit Arjeta, einem Flüchtlingsmädchen aus dem Kosovo zur Schule gegangen, hat sie Jahre später, in den Neunzigern wieder getroffen, eine Beziehung begonnen, sie  auch bei ihren Eltern und ihren Brüder besucht. Die Beziehung klappte irgendwie nicht, haben Moslems doch andere Moralvorstellungen, außerdem hatte im Kosovo, der Krieg schon begonnen, so daß zuerst die Söhne zum Kämpfen zurückgingen, später die ganze Familie mit Arjeta, die dem Erzähler  ihre Sicht der Dinge erzählt.

Jakob Schütte folgte der Familie in den Kosovo, wo Arjeta, die in Deutschland studierte, Deutsch und Englisch Unterricht gibt und mit Leuten, die im Rundfunk einen neuen Kosovo aufbauen wollen, in Kontakt kommt. Sie wurde dann auch von Jakob schwanger. Heiratete aber nicht ihm, sondern einen Mann namens Bedri, denn der Deutsche, der sich schon mit Computerspielen zu beschäftigen beginnt, war ihr viel zu verrückt.

Jakob kümmert sich eine Weile noch um den kleinen Leka, eine Abkürzung von Alexander, dann geht er nach London. Kommt aber wieder, als Leka sechs Jahre alt ist und kauft ihm einen Computer. Als er in einer Bibliothek Bücher mitgehen läßt, um sie zu kopieren, wird er von der Securty zusammengeschlagen, sein Schlüßelbein wird gebrochen, er fliegt verletzt nach Berlin und kommt  nie mehr in den Kosovo.

Sein Sohn ist dann vierzehnjährig nach Berlin gekommen, ob er sich, von der Mutter allein gelassen, die sich inzwischen einem Künstler angeschlossen hat und mit ihm Videos dreht, selber auf die Suche nach seinen Vater macht oder von ihm entführt wird, bleibt unklar.

Leka ist auch nicht lange in Berlin geblieben, sondern hat sich selber der Poloizei gestellt und zurückbringen lassen.

Der Erzähler und sein Sohn werden ihm, es sind noch Ferien, in den Kosovo folgen. Dort wird er sich mit Arjeta und ihrem neuen Freund ihre Kunstprojekte ansehen.

Da stoßen wir auch auf den Namen des Buchs, das Geheimnisvolle “Y”, ein Symbol für das aufstrebende Kosova vielleicht. Wir begegnen aber auch dem Computerspiel, mit dem Jakob Karriere machte und vom Krieg im Kosovo profitierte und der Erzähler beginnt, als er mit seinem Sohn wieder in Berlin ist und die Fahnen für den Roman, den er darüber geschrieben hat, über sein eigenes Leben,  seine Beziehung zu seinen Eltern, im Nachkriegsdeutschland und in den Zeiten, als die DDR zusammenbrach, zu reflektieren.

“Jan Böttcher hat einen großartigen europäischen Roman geschrieben. Einen Roman, der einige der drängensten Fragen unserer Zeit neu stellt: Wie frei können wir sein, ohne die eigene Herkunft zu verleugnen? Wieviel Verantwortung übernehmen wir im Leben füreinander, für unsere Kinder, für die Gesellschaft? Und was macht uns eigentlich zu guten Eltern?”, steht so auch im Klappentext.

Jan Böttcher von dem ich vor kurzem seinen ersten Roman Lina oder: das kalte Moor” im Schrank gefunden habe, wurde 1973 in Lüneburg geboren und hat 2007 beim “Bachmannpreis” gewonnen.