Opoe

Jetzt kommt ein Debut und das erste Buch eines Schweizer Autors, das ich  auf der Hinfahrt  in unseren Schweiz-Urlaub, um mich sozusagen auf das Gastland einzustimmen, gelesen habe, nämlich das des 1985 in Schaffhausen geborenen Donat Blum, der sowohl am schweizerischen als auch am deutschen Literaturinstitut   studierte.

Roman steht auf dem  hundertvierundsechzig Seiten dicken Bändchen und es ist natürlich keiner, sondern würde ich sagen, poetische Fingerübungen über die Beziehung eines jungen Mannes zu seiner  Großmutter.

Literaturinstitutsprosa vielleicht für den Abschluß geschrieben, würde ich es nennen und denken, daß für mich in dieser Auseinandersetzung über die Großmutter, die allmähliche Annäherung an die für den Erzähler unbekannte Frau, der in sein homosexuelles Leben und in seine Schriftstellerkarriere hineingeht, eigentlich nicht das neue und noch nie dagewesene an der Literatur enthalten ist, kann aber bei einem Dreiunddreißigjährigen auch nicht sein.

Das Buch ist bei “Ullstein” erschienen, also wartet vielleicht eine literarische Karriere auf den Autor und der Leser erfährt, daß man Opoe “Opu” ausspricht und, daß das das holländische Wort für Großmutter ist. Denn des Autors verstorbene Großmutter, die vorher ihrer Demenz entgegenging und ihren Enkel mit “Sie” ansprach, war Holländerin und wurde von dem Großvater in die Schweiz geholt.

Dort machte der einen alternativen Blumenhandel auf, ging damit Pleite, betrog die Großmutter auch mit einer Wochenendgeliebten und der Autor ärgert sich inzwischen über seinen Freund, der keine feste Beziehung haben will.

Er reist der Großmutter auch nach Holland nach, überlegt, ob sie vielleicht jüdische Wurzeln hatte, erzählt, daß er eine Zeitlang bei ihr in Bern lebte und berichtet auch ein wenig über seine Mutter.

In mehr oder weniger kurzen Skizzen ist das Buch geschrieben, die Erlebnisse der Großmutter und die des Autors wechseln sich dabei ab.

Es gibt ein Motto von Werner Herzog “Ich will das Opernhaus! Ich will mein Opernhaus! Ich will meine Oper haben!” und die Großmutter steht ein paar Seiten später geschrieben “liebte Wien ohne je hingekommen zu sein, und die Oper, die sie nur aus dem Fernsehen kannte.”

Das Buch ist auch für den “Bloggerdebutpreis” nominiert. Mal sehen, ob es auf die Shortlist kommt und  was ich sonst noch über den jungen Autor hören und von ihm lesen werde.

Das Kala Experiment

Bevor es zu dem Schweizer Lesen geht, noch etwas vom Neuerscheinungsbücherstapel und diesmal geht es, glaube ich, um einen Wissenschaftsthriller, beziehungsweise um das dritte Buch, das ich von dem 1960 geborenen Karl Olsberg, der über künstliche Intelligenz promovierte und den ich vor circa zehn Jahren, glaube ich, bei einer Diskussion beim Literaturcafe kennengelernt habe.

“Mirror” und “Das System” habe ich gelesen. “Schwarzer Regen” steht noch auf meiner 2018 Liste und wird, wie ich fürchte ungelesen bleiben, was soll man aber machen, wenn das neue Angebotene nicht unbeachtet lassen will?

Es ist wieder ein wissenschaftliches Buch und ich fand es sehr spannend, obwohl bei “Amazon” steht, daß es ein eher schwacher Olsberg sein soll, weil zuviele verschiedene Stränge aneinandergereiht sind.

Das finde ich eigentlich nicht, beziehungsweise hatte ich keine Schweirigkeiten mit dem Sinnerfassen und denkem Karl Olsberg hat es auch sehr sehr spannend verknüpft.

Da beginnt es schon einmal sehr spannend, daß ein Kommissar zu einem Mann geht, um ihm die traurige Nachricht zu überbringen, daß seine Frau und seine Kinder bei einem Autounfall ums Leben kamen und der schaut ihn an und beginnt zu lachen, denn die Kinder spielen im Nebenzimmer, die Frau ist in der Küche, das Auto unbeschädigt.

Dann interviewt eine Videobloggerin einen Physiker, der ihr etwas von schwarzen Löchern und der Relativitätstheorie erzählt. Ihre Zuschauer finden das zwar eher langweilig. Spannend wird es erst, als sich der Wissenschaftler umbringt.  Nina Bornholm, so heißt die Bloggerin, glaubt nicht an den Selbstmord und beginnt zu recherchieren. Die Spuren führen nach New Mexiko, denn da hat Hans Ichting mit einem anderen Professor geforscht, doch der bestreitet ihn zu kennen. Nina läßt nicht locker und reist zu der Universität, dann soll sie aber von einem Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, einem ehemaligen Afghanistankämpfer außer Land gebracht werden.

Der, John Sparrow hat eine Tochter, die an einer Immunschwäche leidet und deshalb ihr Leben abgeschirmt in einer Klinik verbringen muß. So zieht sie sich in eine virtuelle Welt zurück und der Vater muß, um die Klinik zu bezahlen, krumme Sachen machen. Denn das Buch scheint ein bißchen in der Zukunft zu spielen, wo es in Amerika keine Krankenversicherung mehr gibt. Das Geld wird auch gerade abgeschafft, die Autos fahren selber und wenn man in die USA einreisen will, muß man durch einen spezielle Sicherheitskontrolle.

John sparrow hat einen Auftrag vergeigt, so bekommt er einen besonders schwierigen, er muß Sachen von einem Flugzeugabsturz in der Wüste holen und da findet er bei dem abgestürzte Anwalt eine Zeitung mit einem Datum, das in der zukunft liegt und noch ein paar seltsame Dinge passieren in Albuquerque, wo die Haupthandlung spielt.

Da gibt es noch eine dritte Hauptperson nämlich einen Reverend, der seinen Glauben an Gott verloren hat und in einer abgewirtschafteten Kirche bei ein paar alten leuten predigt. Eine davon ist die achtzigjährige Consuela Messante, eine interessante aufmüpfige Frau und die wird vom Pfarrer tot in der Kirche aufgefunden. Es wird das Begräbnis organisiert. Auf einmal öffnet sich die Kiirchentür und Consuela kommt herein und alles an ihr ist mit der Leiche im Sarg identisch. Sogar die Geldscheine in der Handtasche tragen dieselbe Nummer und die Uhr ist zu einer bestimmten Zeit stehengeblieben.

Daran knüpft sich nun das Szenario, die beiden Wissenschaftler haben an der Zeittheorie geforscht, wo man in die Vergangenheit zurückgeschoßen werden kann. Das heißt zu diesem bestimmten Zeitpunkt wird die Welt untergehen, das habe ich nicht ganz logisch nachvollziehen können. Aber der Wissenschaftler hat Nina schon beim Interview erklärt, daß eigentlich niemand die wissenschaftlichen Theorien ganz verstehen kann.

Nina tut es doch ein bißchen, denn sie hat sich mit einem Physiker aus Cern angefreundet und versucht mit ihm die Sache aufzuklären, während John Sparrow sich mit Reverend Kessler zusammentut und am Ende wird das Experiment gestoppt. Sparrrow kommt dabei zwar um, aber sonst geht das Leben weitergeht und ich muß sagen, sehr unterhaltsam und sehr spannend, obwohl ich mich mit den schwarzen Löchern und den physikalischen Theorien  nicht so auskenne, aber nachvollziehen kann, daß Einstein und Alfred Nobel an ihren eigenen Erfindungen, wie auch Hans Ichting verzweifelten, beziehungsweise über das, was sie anrichten konnten. Hans Iichting hat sich deshalb umgebracht, Alfred Nobel den Nobelpreis gestiftet  und ich weiß nicht mehr so genau, wie mir die zwei anderen Olsberg Bücher gefallen haben, halte das “Kala Experiment” aber nicht für das schwächste Buch und bin jetzt nur gespannt, wann ich zum Lesen vom “Schwarzen Regen” komme.

Bleib bei mir

Jetzt kommt das Debut einer jungen Nigerianischen Autorin, der 1988 in Lagos geborenen Ayobami Adebayo, die  englische Literatur und kreatives Schreiben, unter anderen bei Margaret Atwood studierte, die über das Buch auch sagte “Brennend, fesselnd, wunderschön” – Bleib bei mir” und ich muß sagen, daß mich das Buch beim Lesen etwas verwirrte und ich bis zur Hälfte dachte, ich kenne mich nicht recht aus, ob das jetzt eine Parabel, eine Familiegeschichte oder etwas anderes ist, weil mich die Handlungsverläufe sehr verwirrten.

Es wird auch nicht gannz chronologisch und in zwei Perspektiven, in der des Mannes und der Frau erzählt, so daß erst gegen Ende, der rote Faden zusammenkommt und man merkt, die Autorin, das Buch wurde auch schon in mehren Sprachen übersetzt, hat es in sich und kennt sich aus, denn es geht, um sehr viel mehr, als das, was im  Kappentext steht oder besser, das ist erst der Anfang, der Clou oder das was wahrscheinlich die eigentliche Wenung ist, kommt erst später.

Da sind  Yejide und Akin, ein junges Paar in Nigeria, das heißt, ganz so jung sind sie doch nicht mehr, denn das Buch spielt sowohl in den Achtzigerjahren, als auch 2008, wo es beginnt und sich die Kreise schließen.

Yejide hat jedenfalls in den Achtzigerjahren an der Universität studiert, dort den Banker Akin kennengelernt und sie heiraten sehr zum Widerstand seiner vielen Mütter. In Nigeria herrscht Polygamie und die Männer können sich mehre Frauen holen, wenn diese kinderlos bleiben. So kommt SchwiegermutterMartha schon allsbald ins Büro von Akin, um ihn verschiedene Frauen aufzuschwatzen und er, der offenbar nicht nein sagen kann, kann sich gegen Funmi nicht wehren. Die ist zwar einverstanden, woanders zu wohnen, taucht aber alsbald in Yejides Frisiersalon auf, die ist eine erfolgreiche Frau, trotzdem weigert sich der Automechaniker ohne ihren Mann das Auto zu repariern und die Ärzte geben auch nur ungern Auskunft.

Es bleibt nicht wie es war, Funmi zieht doch bei ihnen ein und so beschließt die Kinderlose, um jeden Preis schwanger zu werden und geht zu einem traditionellen Wunderheiler. Das führt zu einer Scheinwangerschaft “Pseudocyesis” genannt, die allen auf dieNerven geht und es gibt auch köstliche Bschreibungen, wie die Ärzte Yejide erklären wollen, daß sie nicht schwanger ist.

Dann taucht Akins Bruder Dotun auf und Yejide ist plötzlich schanger. Da dachte ich schon, was ist los? Es kommt dann zum Namengebungstag des Kindes und da ist Funmi plötzlich tot, ich dachte, ist das jetzt eine Parabel? Später kann man lesen Akin hakt sie betruken die Treppe hinuntergestoßen. Es kommt aber keine Polizei, nichts und dasLeben geht weiter, bis die kleine Olamide plötzlich stirbt und man versteht eigentlich auch nicht warum.

Vorher wird aber noch ein afrikanisches Märchen erzählt und während Yejide weint und schreit, ist sie schon wieder schwanger. Da ist aber schon der Bruder arbeitslos geworden und wohnt, obwohl er verheiratet ist und Kinder hat, im Haus der beiden und schließlich stellt sich heraus, Sesal der Zweitgeborene, hat die Sichelzellnaämie, da weigert sich der Arzt zuerst Yejide, weil Akin in Lagos ist, Auskunft zu geben. Schließtlich tut er es aber doch, besteht aber darauf mit dem Vater zu sprechen, dem er dann verkündet, daß er das nicht.

Der weiß es bereits, denn die vorige Kinderlosigkeit, war nicht die Schuld der unfruchtbaren Frau, sondern Akin ist impotent und deshalb soviel in Lagos um sich behandeltn zu lassen und mit dem Bruder hat er einen Deal abegmacht.

Als Sesal stirbt, erzählt Dotun Yejide davon, vom Betrug ihres Mannes, was nun dazu führt, daß Akin, die beiden im Bett erwischt, da ist das dritte Kind Rotimi, auch mit der Glassichelkrankheint und mit einem Fluch belastet, schon geboren. Die Mutter weigert sich auch das Kind an sich zu binden und zieht aus. Akin hat Dotun vorher auch zusammengeschlagen. Der geht nach Australien und als 2008 sein Vater stribt kommt Yejide zum Begräbnis und sieht da, daß ihre Tochter, die sie Jahre nicht gesehen hat, nicht gestorben ist, wie sie glaubte und es kommt möglicherweise zu einer Zusammenführung der Familie, die keine war.

Ein ungewöhnliches Buch und für europäische Verhältnisse ist die Verknüpfung der westlichen mit den afkrikanischen Traditonen auch nicht so einfach zu verstehen. Für mich war Akins Deal, der mir zuerst sehr unsympathisch war, die Überraschung, wie das mit Funmis Tod war, habe ich immer noch nicht ganz verstanden und es werden auch immer wieder politische Ereignisse, wie Wahlen und Putschversuche eingeblendet, die  einem das nigerianische Leben ein wenig näher bringen kann, was in Zeiten, wo ich mich mit  meinem Freund Uli über die angebliche “Unbelehrbarkeit” und darüber streite, daß er sich sich “rassistisch angegriffen fühlt”,  weil ein Blutspendendienst Butspender schwarzafrikanischer Herkunft suchte, wohl besonders wichtig ist, so daß ich das Buch, obwohl oder weil ich mich am Anfang mit dem Lesen etwas schwer tat, jeden nur empfehlen kann, der in die nigerianische Welt eintauchen und mehr vom Leben der Menschen dort, ganz besonders dem der Frauen, erfahren will.

Als die Kirche den Fluß überquerte

Jetzt kommt wieder etwas Neues, am ersten August erschienen und schon der zweite Roman, der 1988 in Bratislava geborenen Didi Drobna, die seit 1991 in Wien lebt und auch Sprachkunst studierte. Der Erste “Zwischen Schaumstoff”erschien 2014 in der “Edition Exil”, Preisträgerin oder Finalistin von “Wartholz” war sie, glaube ich, auch.

“Als die Kirche den Fluß überquerte”, was hat dieser Titel, der erstmals absurd scheint und aufmerksam macht, zu bedeuten? Es ist eine Metapher für das Leben, beziehungsweise für die Veränderungen durch Krankheit und Tod, die eine ist die Mutter, die geht oder Alzheimer bekommt, der zweite, der Sohn, der überbleibt und die Geschichte erzählen muß.

Der heißt Daniel, ist etwa zwanzig und alles fängt mit einem Urlaub an, danach trennen sich die Eltern, was den Sohn offenbar in tiefe Verwirrung stürzt. Er fühlt sich für den Zusammenhalt der Familie verantwortlich, verliebt sich in die Schwester Laura, die schon in einer Bank arbeitet. Es kommt zu einer etwas verwackelten Inzestszene im Suff und die darauffolgenden Ohrfeigen, Auszug zum Vater und schon wieder Trennung.

Inzest ist ein Tabuthebma, das eigentlich nur selten angesprochen und beschrieben wird, obwohl es in Zeiten von Kondomen, Abtreibungen und Pille, meiner Meinung nach keines mehr sein bräuchte.

Am Anfang hat das Buch mich verwirrt, beziehungsweise mir nicht sehr gefallen und es wäre wieder ein Beweis dafür, daß man den Wert eines Buches nicht erkennt, wenn man es nach fünf Minuten mit den Worten “Mist, ich lasse mir meine Zeit nicht stehlen!”, zur Seite schmeißt. Denn da war mir dieser Daniel zu unsympathisch und Didi Drobna zu lustig, der zweite Tilmann Rammstedt habe ich getdacht, dessen aufgesetzte Lustigkeit und heitere Nonsenseschreiben mir auch nicht gefällt.

Dann, als die Mutter aber Parkinson und Alzheimer noch dazu bekommt, wird das Buch berührend und ich denke, es ist nicht nur etwas für junge Leute, die sich über diese Coming out Comic der Zwanzigjährigen amüsieren und es würde mich nicht wundern, wenn Didi Drobna, das bei einem Großvater oder Großmutter  selbst erlebt hätte? Wenn es die Mutter gewesen wäre, wäre es besonders tragisch. Und das kann ich nachvollziehen und scheint, die ich mich ja sowohl persönlich, als auch beruflich mit diesem Thema beschäftigt habe, auch fachlich zu stimmen, obwohl so ganz wieder doch nicht.

Denn die Mutter wird ja, als es dem Sohn, als der zuerst einmal die Pflege übernimmt, von zwei vierundzwanhzig Stunden Heimhilfen, die sich abwechseln betreut. Als die Mutter dann doch einmal abbüchst, weil der Sohn nicht ausgehalten hat, daß sie Stundenlang “Ich darf die Himbeeren erst essen,wenn…..!”  und sie dann auf ihr entschuldigendes “Ich bin noch nicht ganz senil!”, ein empörtes “Doch bist du!”, ins Gesicht geschrieen hat, kommt der Vater, der ja eigentlich ausgezogen ist, auch das ist unlogisch, um sie zu suchen und sie rufen die Betreuerinnen an, ob die wissen, wo sie ist? Aber die eine sitzt wahrscheinlich in der Slowakei bei ihrem Kind und ihrer Mutter und die andere sollte eigentlich im Haus und dabei gewesen sein.

Es gibt neben dem meiner Meinung nach wirklich sehr berührenden und lesenswerten Stellen, aber noch vieles anderes in dem Buch. So erscheint mir diese plötzliche Trennung der Eltern, Erstens nicht wirklich nachvollziehbar und Zweitens reißt es die Kinder, wie Christine Nöstlinger und Vera Ferra- Mikura zeigten oft empfindlich durcheinander. Ein Achtzehnjähriger wird aber wahrscheinlich drüber stehen und an die Mädchen denken, die er noch verführen will und da gibt es  auch noch einige so aufgesetzt komische Szenen in dem Buch, wie die, wo alle Schüler zu Schulanfang in die Kirche gehen und Daniel ist gerade, noch bevor er sich in seine Schwester verliebt, in eine schöne Zugezogene vernarrt, die er dann beim Knutschen mit einem anderen erwischt und laut durch den Kirchensaal :”Sie wird geleckt verdammt!”, schreit, dann nach Hause in den Garten rennt und sich am Apfelbaum aufhängen möchte, nur leider hat er das Seil zu schlampig geknöpft “Ich stöhnte, sogar zum Sterben war ich zu blöd!”, so daß er von der herbeieilenden Schwester gerettet wird.

Es gibt noch so eine wahnsinnig komische Szene mit einem Pfarrer. Denn er wird, das Buch erzählt, sowohl von der Gegenwart, als auch von der Vergangenheit, als er, weil er nicht singen möchte, in Religion nur eine “zwei” bekommt, von der katholischen Großmutter Sonja zum Nachhilfeunterricht beim Pfarrer verdammt, der ist einerseits ein frommer strenger Mann, andererseits ist er leger und trägt Jeans und läßt von der Haushälterin auch Tee und kleine Brötchen servieren.

Daniel rinnt das Wasser im Mund zusammen, nur leider weiß er nicht, wie er sie essen soll. Der Pfarrer macht es ihm nicht vor. So wartet er, bis der von einem Gläubigen, ein Kuvert mit Geld für den Kirchenbau in die Hand gedrückt bekommt, stopft die Brötchen in sich hinein, kann sie dann aber nicht schnell genug hinunterschlucken, so daß er sie dem Pfarrer am Ende ins Gesicht spukt.

Das führt zu einem Lachanfall der Eltern, wie in dem Buch, wie ich anmerken kann, überhaupt viel gelacht wird, denn als die Eltern heiraten, werden beide vorher von Großcousine Miriam, einer Bildhauerin, bei der Daniel später als Praktikant unterkommt, aufgefordert das nicht zu tun, sie biete ihnen viel Geld dafür und als beide das empört ablehnen und sich die Geschichten gegenseitig erzählen, fangen sie auch schallend zu lachen an.

Nun ja, später haben sie sich wieder getrennt oder doch nicht so ganz. Die Schwester in die Daniel sich verliebt und einen Wutanfall bekommt, als er sie im Bett eines Prakitanten findet und dessen Skulpturen betrunken zerstört, entwickelt eine Magersucht oder eine Gastritis, ißt nichts und kotzt alles aus sich heraus, denn das Leben und das Aufwachsen, das Coming in Age, ist hart und grausam.

Wir wissen es und können es inzwischen in unzähligen Büchern von Sprachkunstabsolventen nachlesen und ich habe manchmal gedacht, daß ich vielleicht zu alt für das Buch bin. Dann war ich aber vor allem von den Alzheimerstellen wieder sehr beeindruckt und kann das Buch wahrscheinlich auch älteren Lesern empfehlen. Im Herbst wird es auch im Wiener Literaturhaus vorgestellt.

Flammenwerfer

Jetzt kommt wahrscheinlich das letzter Buch aus meiner Backjahresliste, bevor es an das große Buchpreis und Herbstneuerscheinungs– beziehungsweise Urlaubslesen geht und da habe ich aus der Reihe der Schmankerln die noch auf mich warten Rachel Kuschners “Flammenwerfer” aus den noch auf mich wartenden Schmankerln gezogen, ein Buch, das 2013 im Original 2015 in deutscher Übersetzung bei “Rowohlt” herausgekommen ist und ich es wahrscheinlich Ende 2015 oder Anfang 2016 oder  aus einem der Schränke gezogen habe.

“Unververkäufliches Leseexemplar”, ist auf dem Cover aufgedruckt.

“Wir bitten Sie Rezensionen nicht vor dem 27. Februar 2015 zu veröffentlichen”.

Nun da ist es schon an der Zeit dazu und das Buch, kann ich mich erinnern, ist damals durch alle Munde und Blogs gegangen und heute, wie ich fast vermuten würde, schon vergessen, weil sich ja alle Blogger durch die brandtheißen Neuerscheinungen lesen und die anderen ohnehin lieber Netflix hören und die Bücher auch nicht mehr kaufen.

Sie legen sie noch in die Schränke  und “Flammenwerfer” auf das ich sehr neugierig war, hatte, glaube ich, sowohl gute, als auch schlechte Rezensionen. Die schlechten habe ich, wenn ich mich nicht irre in Ö1 gehört, die guten flammenden stehen am Buchrücken:

“Wow was für ein Buch! Alle,  wirklich alle sollen es lesen, es ist das beste, was zeitgenössische Literatur zu bieten hat, ein absolutes Meisterwerk” und Jonathan Franzen, von dem ich heuer auch schon was gelesen habe, hat noch “Ich liebe Kushners Flammenwerfer”, dazugeschrieben.

Weiter oben kann man etwas vom Inhalt erfahren “Dieses Buch ist ein erzählerisches Naturereignis – ein Roman über eine schnelle junge Frau auf einem Motorrad, ihre Liebschaften im New Yorker Kunst-Untergrund der späten Siebziger und ihre politischen Verwicklungen im Italien der roten Brigade”.

Wow, welche Vorgabe, könnte man meinen und, sich fragen, warum habe ich eine Woche gebraucht mich durch die fünfundert Seiten zu lesen, fast könnte man sagen, gequält und manche Kapitel habe ich direkt überflogen und mich bei den vielen verschiedenen Namen auch nicht sehr ausgekannt. Bei “Amazon” läßt sich auch nachlesen, daß manche der Rezenseten diese enthusiatstischen Vorgaben nicht ganz teilten.

“Das Buch ist gut geschrieben. Langweilig ist es trotzdem, da die Charaktäre kein Leben eingehaucht bekommen. Alles plätschert, psychologisch treffen beschrieben, ins Nirgendwo, so als hätte sich die Autorin beim Schreiben gelangweilt.”

Rachel Kushner, entnehme ich dem Buch, wurde in Oregon geboren, studierte Literatur und kreatives Schreiben an der Columbia Universität, arbeitete in diversen Kunst- und Literaturmagazinen und liebt schnelle Motorräder und Skirennen.” Flammenwerfer” ist ihr zweites Buch, mit ihm und dem ersten wurde sie für den National Book Award nominiert, was, wie noch weiter steht, noch nemanden vor ihr gelungen ist.

Hm, wieder sehr viel autobiografischen könnte man meinen und unken.

Es gibt dann auch ein Nachwort der Autorin, das erklärt, wie sie zu dem Schreiben des Buches gekommen ist. Der Beginn war ein Foto ihrer Sammlung, das auch das Cover ziert, ein Frauenkopf mit verklebten Mund, zwei kleine  Plasterstreifen in Kreuzform, am Cover steht auf einem noch “Roman” darauf.

Damit ist sie wohl ausgezogen, die Siebzigerjahre in New York mit den Siebzigerjahren in Italien, den Tod Aldo Moros, den Entführungen durch die roten Brigaden, etcetera zu verknüpfen und dann ist das entstanden, was am Buchrücken noch so beschrieben wird “Als dieser Roman 2013 in new York erschien, löste er ein unbeschreibliches Echo unter Rezensenten und Autoren aus. Einmütig stellten sie fest, daß “Fallenwerfer” über alle vorgefassten Meinungen, was heute einen guten Roman auszumachen habe, hinwegfegt und alle seine Leser mitreißt und begeistert”.

Man kann es dem oben geschriebenen wahrscheinlich schon entnehmen, daß ich diese Meinung auch nicht ganz teile und fast glauben, wirde da wird in den fünfunhunderfünfzig Seiten ziemlich unstrukturuert vor sich hin geschrieben, Geschichten und Ereignisse aneinandergereiht und nach dem, was ich mir in den letzten vierzig Jahren über das Bücherschreiben angeeignet habe, erstaunt mich fast, daß das so große  Beigeisterungswellen auslöste, denn ich würde sagen, da gehört viel mehr strukutriert, eine Handlung hineingebracht, nicht bloße Fakten, Material und Konzeptwissen aneinandergereiht.

Dann werde ich versuchenden roten Faden der Handlung zu finden, was mir, wie ich fürchte, nicht sehr gelingt, denn eigentlich habe ich den  ja nicht entdeckt.

Da ist also Reno, die junge Frau und Konzeptkünstlerinn mit den schnellen Motorrädern, die fährt am Anfang des Buches über die großen Salzseen, hat dabei auch einen Unfall, macht aber einen Rekord. Dann kommt sie nach New York, lernt dort ihre Freundin Giddle kennen, arbeitet bei einem Fotografenteam und Sandro Valero, Sohn einer italienischen Autoreifendynastie lernt sie auch kennen.

Mit ihm verbringt sie einen Sommer in Italien, im Haus oder Schloß seiner Mutter, die dort mit einem alten Dichter lebt, das Hauspersonal ignoriert sie, denn sie ist nicht vom feinen italienischen Adel, wo man nicht “Haus” sondern” Eigenheim” zu sagen hat.

So feine Spitzen gibt es auch. Sandro betrügt sie schließlich mit seiner Cousine. Die roten Brigaden entführen seinen Bruder und bringen ihn um. Es wird auch von der Konzeptkunst erzählt, wo Frauen ihren Arsch oder ihre Titen in einen Kasten stellen und die Männer ihn berühren können und noch während man “Wow !”,denkt”das habe ich doch schon wo gehört!”, wird schon Valie Export erwähnt und kommt auch in dem Nachwort der Autorin vor, wo sie eben erzählt, daß sie die beiden Strömenungen der siebzigerjahre, Italen, New York  und  wahrscheinlich noch viel mehr verknüfen wollte.

Freud wird zitiert oder kritisiert, Sylvia Plath erwähnt und immer wieder Geschichten erzählt. Zum Beispiel von einem, der irgendwohin Kaninchen liefern sollte, aber nicht darauf achteten , daß sie ja zwischen durch Nahrlung, Luft und Wasser brauchten, so daß sie am Ende tot ankamen oder eine von einemMatrosen und auch immer wieder schöne Sätze, die beeindrucken.

Am Schluß gibt es Fotos und auch das Material wird zitiert, aus dem Rachel Kushner ihren Jahrhundertroman, der offenbar doch kein solcher ist, montiert hat und ich bin vielleicht wieder ein bißchen klüger geworden, was das Romanschreiben und die Industrie herum betrifft, weiß nicht, ob mein Leseexemplar gelesen oder so entsorgt wurde und natürlich ist es interessant von einer weiblichen Motorradfahrerin, der amerikanischen Konzueptkunst, dem Feminismus, den Kampf, um das rote Italien und noch viel es mehr zu lesen und war, wie schon erwähnt, erstaunt, daß ein für mich eigentlich eher unstrukturiertes Aneinanderreihen von Fakten und Erlebnissen, wenn auch nur für kurze Zeit ein so großes Medienecho auslösen konnte.

Interessant ist vielleicht noch zu erwähnen. Reno geht als einzige Frau alleine in ein Pornokino. Dort wird zwar kein Popcorn verkauft. Es rascheln aber alle trotzdem mit Papiertüten. Auf einmal geht das Licht aus, der Kartenverkäufer kommt mit einer Taschenlampe heirein und bitte alle ruhig den Saal zu verlassen, denn in New York gab es inzwischen einen großen Stromausfall, der zu Plünderungen und Katastrophen führte, was auch noch beschrieben wird.

Vielleicht sind es Wenungen, wie diese, die diesen Hype und das Mär, um den noch nie dagewesenen Schreibstil auslösten.

Nochmals interessant und wahrscheinlich ein Druckfehler, der Satz auf Seite 13 “Mein Onkel Bobby, der seinen Lesbenunterhalt mit dem Transport von Schrott verdiente…”, passt aber zu dem Buch und seinen Stil sehr gut.

Bis ans Ende Marie

Jetzt habe ich es ausgelesen,  diese “emotionae Achterbahnfahrt durch die Wesenzüge einer jungen Frau”, wie es Michael Stavaric am Buchrücken nannte und Daniela Strigl hat es bei den O- Tönen einen Coming of Age Roman genannt, der bei einer Debutschiene natürlich nicht fehlen darf.

Was ist ein Coming of Age Roman?, habe ich wohl gedacht und ein wenig ratlos auf das aufgeschlagene Buch, bei dem ich gerade hundert Seiten gelesen hatte, geschaut und bin jetzt während des Zuendelesens daraufgekommen, daß wohl hier oder überhaupt, das Erwachsenenwerden und in die Weltgehen junger Menschen gemeint ist.

Gottfried Keller hat das, wohl wenn ich mich nicht irre bei seinem “Grünen Heinrich” auch getan. Ein Entwicklungsroman also. Aber kann man das Ertasten einer zwanzig bis fünfundzwanzigjährigen Psychologiestudentin, die von einem Dominik träumt, von ihrer Mutter immer wieder gesagt bekommt, daß sie besser Medizin studiert hätte, aber das wegen ihrer Blutphobie nicht könnte, wirklich so nennen?

Im Klappentext steht, das habe ich schon erwähnt, geschrieben, daß Marie all das, was die namenlosgebliebene Ich-Erzählerin hat, nicht besitzt: “attratktiv und beliebt, dominat und extrovertiert”.

Die Erzählerin ist verliebt in einen Dominik, der wohl beides, sowohl, die begehrte MedIzin, als auch das “Nebenfach Psychologie”, studiert.

All das, was ich in den Siebzigerjahren, als die Erzählerin noch nicht geboren war, irgendwie auch erlebte und  eine ebenfalls Psychologie studierende Freundin in eine Schizophrenie abgleiten sah und ins berühmte Melkweg in Amsterdam, hat sie mich wegen der Selbsterfahrung auch mitnehmen wollen. Da bin ich standhaft geblieben und habe nicht gekifft und Gras gerochen.

Die Ich-Erzählerin, die am Anfang des Buches, Marie die Musikerin, die offenbar in einer Bar kellnert, kennenlernt und auch eifrig, die Werke Freuds studiert, tut das aber. Sie hascht und trinkt und macht auch ihre sexuellen Erfahrungen. Geht mit Marie, die wie weiter im Klappentext steht, immer herausfordert und Grenzen überschreitet, auf einen Berg. Ißt Schnitzel mit ihr oder eigentlich tut das nur Marie. Denn die Namenlose ist ja Vegetarierin und, als sie das Ketschup sieht, in das Marie ungeniert ihr Pommes taucht, denkt sie wohl verzweifelt”Es ist nur Ketchup!”

Ich tue mir ja, das habe ich schon öfter geschrieben mit poetisch schönen Texten, die ohne Struktur und Inhalt dahinplätschern schwer. Ich brauche die Struktur der Handlung, sowei die zeitliche Chronologie und die scheint mir nicht gegeben, denn mir war öfter nicht ganz klar, ob das, was da jetzt beschrieben wird, vorher oder nachher in der Kindheit der Protogonistin, in ihren Träumen oder auch in ihren Wahnvorstellungen passiert? Denn sie geht weiter hinten in eine Vorlesung, wo der Professor etwas von der Schizophrenie und ihren Sympomen erklärt und sie ihm nachher erzählt, daß sie sich krank fühle.

Aber vorher ist sie noch mit ihren Freunden und mit Marie nach Venedig zu einem Festival gefahren. Hat dort auch etwas mit ihren Haaren angestellt, was die Mutter, selber Ärztin oder Arzgattin, die vom Ehemann mit Tabletten versorgt wird, auch das habe ich von Arztsöhnen erzählt bekommen, daß das in den Sechziger- und siebzigerjahren so war, aber Barbara Rieger wurde ja erst 1982 in Graz geboren, entsetzt und die Tochter auf der Grillparty, die sie gibt, als “Die Rebellin!” vorstellt.

Es gibt auch eine Großmutter, der es schlecht geht, im Rollstuhl sitzt, und wenn ich mich nicht irre, stirbt und Marie zieht zur Erzählerin in eine Wohngemeinschaft. Da erzählt sie der Großmutter schon, daß ihr das nicht guttut. Später wird Silvester gefeiert. Da hat die Mutter der Tochter geraten, ja nicht betrunken auf das Dach zu klettern. Sie bleibt daher mit Tom, das ist offenbar der Kneipenbesitzer, bei dem Marie arbeitet, unten und geht mit ihm ins Bett.

“Tut es weh? fragt Tom. Maries Augen sehen mich an, ich beiße sie zärtlich, ich beiße sie fest. Bist du bereit?  Ihre Augen, ihr offener Mund, ich verschlinge sie zärtlich, sie schnappt nach Luft. Komm sagt er. Ich beiße sie tot.”

Das war offenbar das Ende oder auch nicht. Denn auf der nächsten Seite geht es noch ein bißchen weiter.

“Das Feuerwerk ebbt langsam ab. Tom zieht seinen Penis aus mir heraus, entfernt das Kondom, knotet es zu, lässt es auf den Boden fallen und sieht mich an. Ich bemerke, dass ich weine und lache, ich lache und weine. Marie sagt er. Alles okay sage ich.”

Das ist also ein Coming of Age Roman. Aber vielleicht sind die, wie im Klappentext steht “Begegnungen mit Mare, die immer merkwürdiger und bruchstückhafter werden, als würde etwas nicht stimmen, eine Art Störbild, das sich über die Realität legt”, nur eine Verschmelzung vom Realbild in den Traum und die Marie nur die Wunschverstellung der Namenblos bleibenden?

So etwas habe ich auch schon gelesen und das Cover deutet auch auf die beiden Seiten. Die Dunkle und die Helle hin da sieht man zwei Frauengestalten in weißen und dunklen gepunktenten Blusen und ihre Gesichter sind auch jeweils schwarz oder weiß angemalt.

Ein spannendes Buch, schließt die fast Fünfundsechzigjährige, die in den Siebzigerjahren Psychologie studiert hat und da auch, wie Daniela Strigl einleitete, die Universität erlebt, die Barbara Rieger beschreibt. Ein Buch wahrscheinlich für jüngere Leserinnen von einer jüngeren Frau geschrieben.

Interessant das Erwachsenewerden der heutigen Psychologiestudentinnen zu erleben, die sich auch ihren Weg zwischen Sex, Kondome, Gras und Whisky in die Erwachsenenwerlt erkämpfen müssen und dabei nicht in der Psychiatrie landen sollen.

Finsterwalde

Jetzt kommt nicht nur vom Erscheinungsdatum ein brandtaktuelles Buch, sondern auch eines, das “relativ bald oder vielleicht zwei drei Jahre später”, spielt.

Also eines, wo es, wie im Klappentext steht “Die die EU nicht mehr gibt und überall in Europa die Politik von Nationalismus und Ausgrenzung bestimmt wird” und eines das ich vom Kanal “Goldschrift”, der Berliner Lehrerin, die sich sehr für Bücher um den Holocaust interessiert, empfohlen bekommen hatte.

Max Annas “Finsterwalde”. Der Autor war Journalist, hat in Südafrika gelebt und schon einige aktuelle Politthriller geschrieben und Finsterwalde ist ein kleiner Ort in Ostdeutschland, eine ausgegrenzte Stadt, die in der sehr nahen Zukunft, die das Buch, das wohl eines für jüngere Leser ist, die die Spannung lieben und dennoch über die politische Lage nachdeknen wollen, behandelt, zu einem Lager umgewandelt wurde, wo die Schwarzen, die nicht rechtzeitig auswandern konnten, hingebracht werden.

Marie und und ihre zwei Kinder Kodjo und Antoinette sind dabei. Marie war Ärztin in Berlin und wollte die Stadt wegen der Beerdigung ihrer Mutter erst ein paar Tage später verlassen. So befindet sie sich jetzt hinter Absperrgittern und Zäunen in der aufgelassenen Stadt, oben fliegen die Drohnen vorbei und werfen Nahrungsmittel herab, draußen patrouilliert die Polizei und die Sicherheitsdienste.

Ein bedrohliches Bild und Max Annas weiß sehr geschickt mit der Spannung zu jonglieren oder übertreibt damit vielleicht sogar ein bißchen, so daß man mit dem Lesen fast nicht mehr mitkommt.

Maries Praxis ist also leer und muß wieder bevölkert werden. Dazu kommt schon ein Paar, Eleni und Theo, mit ihren Kindern aus Athen geflogen, denn die Leute vom bankrotten Griechenland werden offenbar in das leergewordene Berlin umgesiedelt.

Die Praxis und die Wohnung Maries wurde von den persönliches Gegenständen der früheren Besitzer geräumt. Marie hat trotzdem ihre Spuren in Form von ein paar Fotos hinterlassen, die Theo, der älter, als die Ärztin Eleni und auch nicht der Vater ihrer Kinder, sondern ein ehemaliger Radioreporter ist, findet und sich damit nach Finsterwalde auf ihre Spuren macht.

Was aber natürlich auch nicht so einfach ist, denn die Eingewanderten haben Fußfesseln abbekommen, die sie ein Jahr zur Bewährung tragen müssen und sie dürften sich auch nicht in die inneren Angelegenheiten des Landes, wo auch überall die Polizei patroulliert, einmischen.

Theo, hat aber schon früher in Berlin gelebt und hier auch ein paar alte Freunde und die führen ihn dorthin, wo man die Fußfessel deaktivieren kann. So schleicht er sich langsam langsam während die Kinder im Kindergarten und mit Eleni bei einer Fortbildung sind, an Finsterwald heran und trifft dort bald auch auf Marie, denn die Leute im Lager, wo natürlich auch Gewalt herrscht und ein früherer schwarzer Polizist erschlagen wurde, müssen sich organisieren, halten Versammlungen ab und kommen so auf einen toten Priester und sein Handy, das ihnen zeigt, daß es in Berlin noch drei verlassene und in einem Keller versteckte Kinder gibt, die sie retten wollten.

So kriecht Marie mit Kodjo und zwei jungen Männern durch die Gullies hinaus und treffen im Wald bald auf Theo. Eine abenteuerliche Verfolgungsjagd beginnt. Überall sind Polizeistreifen, Schüße fallen. Es gibt aber auch Widerstandkämpfer und Leute auf einem Bauernhof, die helfen und so werden die Kinder schließlich gefunden. Kodjo befindet sich auf dem Weg nach Dänemark, Theo kehrt zu Eleni und den Kindern und Marie ins Lager zu Antoinette zurück und die Leser sind vielleicht  in Zeiten, wie diesen, wo die jungen und die alten Rechten, jede Gewalttat  zu einem Bedrohungsszenario und Austauschszenario aufbauschen, die vielleicht, wenn wir nicht sehr aufpassen sehr bald in ein zwei Jahren oder früher zu  den geschilderten Zuständen  führen können, ein wenig ratlos und können nun überlegen, was zu machen ist, , daß solches doch nicht passiert.

Marlene

Alfred Polgar, der, glaube ich, zu den Wiener Kaffeehausliteraten zählt, 1873 in Wien geboren wurde und 1955 starb, war ein früher Fan von Marlene Dietrich, die 1927 in den Kammerspielen in einer Revue namens “Broadway” aufgetreten ist und dort glaube ich, eine Pistole zückte.

Polgar war auch Filmkritiker und ist so höchstwahrscheinlich mit der 1901 in  Berlin Schöneburg geborenen, die, wie er schreibt, zuerst eine Musikerkarriere in Weimar anstrebte, das Studium wegen einer Sehnenscheidenentzündung aber aufgeben mußte, im Max Reinhardt-Seminar nicht aufgenommen wurde und daher in Filmen meistens in Revuegirlrollen auftrat, bevor sie mit Josef von Sternbergs “Der blaue Engel” nach dem Roman “Professor Unrat” von Heinrich Mann berühmt wurde und mit Sternberg in den Dreißigerjahren auch nach Amerika ging.

Alfred Polgar, der ab 1925 vorwiegend in Berlin lebte, mußte, als dort die Nazis kamen, wieder nach Wien beziehungsweise Prag zurückgehen und war offenbar in Geldnot, so daß er einen Brief an die Dietrich sandte, die ihn auch sogleich unterstützte, wofür er ihr versprach, über sie zu schreiben und so ist 1937 – 1938 ein ewa siebzig Seiten Text “Marlene – Bild einer berühmten Zeitgenossin” entstanden, wo er in einigen Kapiteln, das schon erwähnte und dann auch Lobeshymnen auf ihren Stil, ihre Beine, ihren Sexappeal, etcetera,  abgab.

Die Dietrich gab ihm dafür die Erlaubnis in Deutschland über sie ein Buch herauszugeben und da sie im Sommer 1937 in Salzburg beziehungsweise in St. Gilgen war und dort auch eine Villa gemietet hat, hat er sie an beiden Orten besucht und auch ein Interview mit ihr geführt und verschiedene Fragen an sie gesgtellt.

Dann kamen auch in Wien die Nazis und der Verlag mit dem schon ein Vertrag ausgehandelt war, ich wunderte mich ein bißchen wegen der Kürze des Textes, aber vielleicht war das damals üblich, hörte auf zu existieren.

Polgar mußte mit seiner Frau und dem Manuskript im Koffer fliehen, das offenbar dort bis 1984 liegen blieb und erst da von Ulrich Weinzierl, der mit Marcel Reich-Ranicki in den 1980 Jahren an einer Polgar- Gesamtausgabe arbeitete, entdeckt wurde. Der Text kam aber seiner Länge wegen nicht in sie hinein, die Dietrich, die 1992 in Paris gestorben ist, hat zu dieser Zeit auch noch gelebt und so ist der Text von ihm erst 2015 bei “Zsolnay” herausgekommen.

“Zsolnay” gehört zu “Hanser” und “Hanser” hatte zu dieser Zeit auf seiner Facebookseite öfter Gewinnspiele und Facebookaktionen, wo ich einige Bücher gewonnen habe, darunter auch das hundertsechzig Seiten Bändchen, das weil ja kein Rezensionsexemplar auf meiner Leseliste landete und est jetzt von mir gelesen wurde.

Die ersten fünfundsiebzig Seiten gehören also Polgars-Text und da die Dietrich da ja erst Mitte dreißíg war ist es natürlich keine Biografie, sondern eine Huldigung oder ein Portrait in knappen Blitzlichtern. Die nächsten fünfundvierzig Seiten hat der 1954 in Wien geborene Herausgeber geschrieben, der bis 2013 Korrespondent der FAZ war. Hier gibt er unter dem Titel “Aber verliebt in sie war ich schon -Alfred Polgar und Marlene Dietrich”, Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Buches.

Polgar hat Marlene Dietrich später, glaube ich, nicht mehr gesehen, mit Friedrich Torberg war sie befreundet mit Polgar eigentlich nicht und so ist es sehr interessant in den späten Zweitausendzehnerjahren sowohl Einblicke in das Leben der frühen Dietrich, als auch das in Alfred Polgars zu bekommen, der durch die Nazis ja seinen Verlag, seine Reputation und seine Heimat verloren hat.

Außerdem gibt es in dem Buch auch einen Anhang, wo Weinzierl genaue Quellenangaben zu seinen Behauptungen liefert und ein weiterer umfangreicher Teil sind auch den Veränderungen, die an Üolgars Text vorgenommen wurden, gewidmet, der wahrscheinlich hauptsächlich für Literaturwissenschafter und Historiker interesant sein dürfte.

Der gewöhnliche Leser wird sich eher an den beigefügten Fotografien erfreuen und wenn man mehr und die Dietrich “gesamt” erleben will, sollte man sich wohl an eine später erschienene Biografie halten. Connie Palmen hat, glaube ich, in ihrem neuen Buch “Die Sünde der Frau” über sie geschrieben.

Hier ist wohl mehr der historische Zeitrahmen und die Entstehungsgeschichte interessant und daher ist “Die kleine große Biografie über Marlene Dietrich”, wie am Buchrücken steht, höchstwahrscheinlich doch sehr interessant.

Soutines letzte Fahrt

Jetzt kommt ein Vorgriff oder Rückgriff auf das Buchpreislesen, bei dem ich ja nicht ganz sicher bin, ob ich es heuer schaffe, mich wieder durch die Longlists des östBps und des dBps zu lesen.

2013 habe ich mich das auch nicht getraut, aber da hat “Buzaldrins Bücher”, das sogenannte offizielle Buchpreisbloggen durch die Aktion “Fünf lesen vier” oder “Vier lesen fünf” ins Leben gerufen und da stand Ralph Dutlis “Soutines letzte Fahrt” auf der Ll des dBps, den öst hat es  damals noch nicht gegeben und ich hatte von dem Buch schon etwas gehört gehabt, weil es in Leipzig, glaube ich, auf dem blauen Sofa besprochen wurde und mich vielleicht auch etwas über Autor und Thema gewundert und es wohl damals noch für genausowenig literarisch gehalten, wie einer der “Amanzon-Rezensenten”.

Aber was ist literarisch? Nur der große Goethe und der große Bernhard? Wahrscheinlich nein, sondern vielleicht schon das, was dem Leser näher kommen kann und da sind fiktionale Biografien sicher ein sehr guter Weg, sich mit Personen der Geschichte auseinanderzusetzen, denn ich hatte damals sowohl von Ralph Dutli als von Chaim Soutine noch etwas gehört.

Ralph Dutli hat mich dann nicht ausgelassen, denn der ist 2015 wieder auf der Ll gestanden und da habe ich zwar nicht offiziell dBp gebloggt, aber wohl Buchpreis gelesen und dann bin ich einmal nach Ostern auf den Zentralfriedhof zu dem Begräbnis von Friedl Hofbauer und wieder zurückgegangen und bin da in die letzten Tage des Abverkaufs der Buchhandlung auf der Wieder Hauptstraße gekommen, wo heute die Kette “Hannibal” ihre Servietten, Tees, Schokoladen und Pasteten verkauft und da gab es in dem schon sehr leergeräumtes Geschäft “Soutines letzte Fahrt” um drei Euro zu kaufen und wieder hat es etwas gedauert, bis ich es auf meinen Badezimmerstapel geräumt von von dort wieder hinuntergenommen habe.

Eine fiktionale Biografie also, die der 1954 geborene Ralph Dutli  über den weißrussischen jüdischen Maler Chaim Soutine, einem Zeitgenossen von Chagall, Modigliani und Picasso, wie im Klappentext steht, geschrieben hat und der litt an einem Magengeschwür und fuhr am 6. August 1943, als in Frankreich schon die Besatzer waren, in einem angeblich oder tatsächlichen Leichenwagen nach Paris, um dort behandelt zu werden.

Am neunten August ist er jedenfalls in Paris gestorben und Ralph Dutli läßt ihn und das ist wohl der ewige Schmäh der fiktionalen Biografen, sein ganzes <leben durchleben und weil Chaim Soutine ein Maler war, macht Dutli es mit surrealen phantasitischen Bildern und erzählt so das Leben des  1893 in Weißrussland, als Sohn eines Schusters geborenenm, dem der Rabbi dort das Malen verbot. So ging er bald nach Minsk und dann nach Wilna, bevor er sich soviel Geld ersparte, um nach Paris zu kommen.

Im fiktionalen oder tatsächlichen Leichenwagen fährt auch Ma Be oder Marie Berthe als Krankenschwester gekleidet mit und das war zuerst, die Lebensgefährtin von Max Ernst, später die von Soutine und ein uneheliches Töchterlein, um das sich der Maler nie kümmerte, gab es auch und eine Gerda Groth aus Magdeburg und dann den amerikanischen Pharmahzeuten, der früh das Talent des Malers erkannte, der dafür berühmt war, seine Bilder mit denen er nie zufrieden war, zu zerstören. Er kaufte alle auf. Soutine wurde berühmt, wohl auch für seine Farben, die Farbe weiß und rot spielen eine große Rolle und am Cover des bei “Wallstein” erschienenes Buches sieht man den Bäckerjungen, mit den Soutine wohl berühmt wurde.

Die Fahrt ist dann bald zu Ende. Die letzten Kapitel erzählen über das Begräbnis das am Montparnasse stattfand und das letzte sogar von einem Besuch des Autors an Soutines Grab und seine Beziehung zu dem Maler.

Ein interessantes Buch, eine interessante Biografie, die ich da so kurz vor dem heurigen Buchpreisfiebers gelesen habe und jetzt warten, wenn ich mich nicht sehr irre, noch ein Buch über Hemingway oder seine Frau auf mich und eines über Marlene Dietrich, das von Alred Polgar geschrieben wurde, bevor ich mich entscheiden kann, ob ich mich heuer wieder an die großen zwanzig machen werde oder das lese, was abseits davon in diesem Jahr erschienen ist.

Der Pfau

Weiter gehts mit meiner Backlistleseliste und da bin ich jetzt bei meinem Harlander Bücherstapel und einem Buch gelandet, das 2015 oder 16 von den Blogs hochgelobt wurde.

Isabel Bogdans “Der Pfau” und dann bin ich 2017 nach Salzburg gefahren, habe dort gelesen und mit Margot Koller deren eigene offene Bücherkoje besucht und was habe ich dort gefunden, richtig von einer Salzburger Agentur hineingelegt und jetzt ein bißchen auf meinem Bücherstapel über dem Bett gelegen oder abgehangen, wie es in dem Buch, der 1968 geborenen Autorin, Übersetzerin und, ich glaube,, auch Bloggerin, so heißt und dort hängt in einer Speisekammer in den schottischen Highlands der namensgebende Pfrau und das Buch wird von den Kritikern, als eines, das die englische Spannung in die deutsche Literatur hineinbringt, hochgelobt.

Wie warh, schreibe ich bestätigend hinzu, denn es hat einen Ton, der heute vielleicht schon  ein bißchen wagemutig klingt. Heinrich Spoerl hat, glaube ich, in “Wenn wir alle Engel wären” so geschrieben und mich hat das Buch auch ein bißchen an Agatha Christies “Zehn kleine Negerlein”, die heute wahrscheinlich nicht mehr so heißen, erinnert, obwohl  es  kein Krimi ist und ich ich habe es auch als Sommerbuch glesen, obwohl es im Noember spielt und tiefster Schnee in den schottischen Highlands liegt. Es liest sich aber leicht und locker dahin und ist sehr vergnüglich, obwohl es eigbentlich um nicht wirklich Aufregendes geht.

Worum geht es also? Um ein altes verfallenes Schloß oder Herrenhaus in den besagten Highlands, das Lord und Lady McIntosh, die es bewohnen, vermieten müssen, um die Instandhaltungskosten zu bewältigen und da mietet sich im November eine Bankerin mit vierKollegen, einer Psychologin und einer Köchin ein, um ein verlängertes Wochenende lang dort Gruppendynamik zu betreiben.

Schön und gut, es gibt nur ein Problem, der Lord hat ein paar Pfaue herumlaufen und einer ist verrückt oder kurzsichtig. Er greift alles an was blau ist und zerstört es.

Also gibt der Lord, Ryszard, dem polnischen Mann für alles, dem Auftrag, die Pfaue dreimal am Tag in den Wald hinauszutreiben. Aber das klappt nicht ganz, denn am nächsten Morgen ist das Auto der Bankerin beschädigt und der Lord treibt nun selbst den Pfau in den Wald hinaus und erschießt ihn dort. Läßt ihn auch dort liegen, denn er kann ja nicht gut mit einem toten Pfau ins Schloß zurückkehren und die Bankergruppe macht einen Morgenspaziergang und der Hund der Chefbankerin bringt ihr den toten Pfau und sie glaubt, er hat ihn erlegt.

Das traut sie sich dem Lord nicht zu sagen, wie er sich nicht traut, ihr zu gestehen, daß das Auto von dem Pfau beschädigt wurde. So gibt sie David, einem jungen Banker, den Autrag ihn zu beseitigen. Der nimmt Helen, die energische Köchin mit und die hat gleich den Plan, ihn ihrer Truppe vorzusetzen.

Das geht auch nicht ohne Heimlichkeiten und so erklärt sie zuerst, sie macht ein Fasancurry, später aber, als einer der Banker, das in der Speisekammer hängende Tier für eine Gans hält, disponiert sie um.

Inzswischen wird die besagte Gruppendynamik betrieben, ein Schiff gezeichnet, eine Hütte gebaut, die Chefbankerin holt sich eine Verkühlung, einer der Banker verstaucht sich den Fuß, als er vom Etagenbett hüpft und Liz, die Chefbankerin, lädt zu allem Überfluß noch das Vermieterpaar zu dem Abendessen ein, als der Pfau serviert wird. Der wird zwar als Gans ausgegeben, was aber auch zu einem Problem führt, ist doch die Gans der Gastgeber, die auch zum Inventar gehört, plötzlich verschwunden und die Banker glauben nun, der Hund hat auch sie erlegt.

Köstlich, köstlich, könnte man so sagen. Leicht zu lesen und sehr vergnüglich, das gruppendynamische Wochenende wird natürlich ein Erfolg, die Gans wird wiedergefunden und nur der Pfau, den der Lord dann im Wald suchen geht, bleibt wohl ein ewiges Räsel, aber so soll es ja auch sein.