Otto Basil revisited

Heute gab es nicht nur den Opernball und den Skandal um Baumeister Lugners Ehrengäste, sondern gleich vier hochkarätige Literaturveranstaltungen, die mich alle interessierten. Ich hatte auch schon einen Plan, wo ich den Abend verbringen wollte, nämlich in der Buchhandlung Thalia bei der Präsentation von Andreas Unterwegers neuem Buch “Du bist mein Meer”, das ich ja gerne lesen wollte. Dann kam das Alte Schmiede Programm und ich sah, dort liest die Friederike Mayröcker. Gut ich habe schon ein Mayröcker-Archiv im Literaturgeflüster und bin auch öfter auf ihren Lesungen. Das Buch der Susanne Scholl, präsentiert in der Hauptbücherei ist auch sehr interessant, weil es zur Flüchtlingsproblematik passt und in der der Gesellschaft für Literatur wurde der von Milena wiederaufgelegte, 1966 erstmals erschienene satirische Roman “Wenn das der Führer wüßte” vorgestellt. Da ich zwar ein wenig zwanghaft bin und mich gerne an das Vorgenommene halte, dann aber doch auf meine innere Stimme hören kann, habe ich umdisponiert und bin ins Palais Wilczek gegangen.
Vorstellungen über das Buch, hatte ich keine, nur ein allgemein historisches Interesse an Romanen, die die NS-Zeit beschreiben und über den 1901 in Wien geborenen und 1983 gestorbenen Otto Basil wußte ich ungefähr das, was alle von ihm wissen, die sich ein bißchen für Literatur interessieren, nämlich, daß er die Zeitschrift “Plan” herausgegeben hat, die in den ersten Nachkriegsjahren, die wichtigsten Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur, nämlich Bachmann, Busta, Celan, Fried, Haushofer, Mayröcker, etc vorstellte. Dabei ist er offenbar als Schriftsteller untergegangen, denn daß er satirische Romane geschrieben hat, war mir unbekannt.
Die Gesellschaft für Literatur war, als ich sie erreichte, auch nicht sehr voll, ein paar mir bekannt erscheinende ältere Paare habe ich gesehen und die Helga Köcher. Marianne Gruber hat eingeleitet und den Roman, der 1966 bei Molden in einer großen Auflage herausgekommen ist, zweimal fünfundzwanzigtausend Stück und “Wagenburg Deutschland” heißen sollte, hoch gelobt. Obwohl es ein sehr negatives Buch hat, das keinen guten Ausgang nimmt, so daß man es nicht in einem Zug durchlesen kann. Unkommentiert soll man es auch nicht lesen, so hat es der Salzburger Germanistik Professor Johann Holzer herausgegeben und mit einem Nachwort versehen. Er hat auch daraus gelesen und kommentiert. Das Ganze beruht auf einer Utopie oder der berühmten “Was wäre wenn…Geschichte”.
“Was wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte?”
Also beginnt das Buch damit bzw. am 9. November 1960, Hitler hat den Krieg gewonnen, ist aber schon alt und krank und verstirbt auch im Lauf der Handlung, Wien gibt es nicht mehr, die Städte heißen Göringstadt und Kyffhäuserkaff, die Atombomben sind statt auf Hiroshima auf London gefallen, der Papst und der Dali-Lama werden in einer Nervenklinik gefangen gehalten und Deutschland regiert den Rest der Welt.
Daß die Handlung und alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen Zufall und erfunden sind, steht auf der ersten Seite. Dann gibt es aber ein paar deutschtümelnde Großschriftsteller, die an Stehpulten schreiben und Romane geschrieben haben, die mit “Die Dämonen..” beginnen. Nun ja, da lacht das Publikum. Aber der Held des Buchs ist ohnehin ein Wünschelrutengänger namens Albin Totila Höllriegl und der wünschelt dem Großschriftsteller nicht nur sein Schreibzimmer aus, sondern betreibt den Verfall der Werte, sowohl privat als auch überhaupt…
Johann Holzer hat immer nur sehr kleine Stücke aus dem Buch gelesen, dazwischen hat er viel erklärt und auch ein Trakl Gedicht zitiert, denn Otto Basil war auch ein großer Trakl-Kenner, so daß es mir schwer gefallen ist, der Handlung zu folgen, die mir sehr zerzerrt, schwülstig und bizarr vorgekommen ist.
Marianne Gruber hat in der Einleitung den Bezug zur Gegenwart erwähnt, leiden wir ja auch an Wertverlusten und haben gerade eine Wirtschaftskrise durchlebt, aber Basil ist schon lange tot und hat das Buch auch schon vor langer Zeit geschrieben. Ich denke mir eher, daß es mit der Traumatisierung der Nachkriegsgeneration zu tun hat, daß man dann so etwas Absurdes schreibt, um das kürzlich Erlebte zu bewältigen. Hans Weigel hat das ja mit seinen “Grünen Stern” auch versucht, obwohl das nicht so eine absurde Handlung hat, die erinnerte mich eher an die “Merowinger”, um bei Doderer zu bleiben.
Allerdings ist das eine Vermutung, da ich von der Handlung nicht wirklich viel mitbekommen habe, ich spürte aber eine gewisse Abwehr, wahrscheinlich weil ich was dagegen habe, mich über ein totalitäres Regime lustig zu machen, obwohl ich schon verstehe, daß das helfen kann, wenn man ein solches gerade überlebt hat.
Marianne Gruber hat das Lesen und das Kaufen des Buches jedenfalls empfohlen und in der Diskussion wurde es von den älteren Herrn, die sich zu Wort meldeten, auch sehr begrüßt. Aufgelegt wurde es von Milena, dem ehemaligen Wiener Frauenverlag und dagegen, daß es den nicht mehr gibt, habe ich auch sehr viel.
Milena verlegt jetzt nicht nur Männer und Science Fiction, sondern auch alte Bücher neu und so ist neben dem Otto Basil, auch Rudolf Brunngrabers “Karl und das zwanzigste Jahrhundert” neu erschienen und das habe ich vor zwei Jahren sehr gesucht, so daß es mir der Alfred sogar antiquarisch bestellte.
Ich finde schon das Buchcover fürchterlich, braun und alt wirkend mit einem Schriftbild, das von damals stammt. “Geheim” steht auch noch darauf. Kein Buch, das ich unbedingt lesen will, denke ich und habe mich auch gefragt, ob ich nicht doch besser in die Alte Schmiede oder in die Thalia Buchhandlung gegangen wäre?
“Wer liest stirbt nicht!”, steht im Katalog. Eine glatte Lüge und so falsch, wie das utopische Szenario. In der Diskussion wurde noch erörtert, daß die Welt, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte, anders ausgesehen hätte. Ich finde es auch interessant, daß ich von dem Buch, das in den Sechzigerjahren offenbar ein großer Erfolg gewesen war, noch nie etwas gehört habe. Ich habe während der Lesung daran gedacht, daß ich 1960 in die erste Klasse Volksschule, 1966 in die zweite Hauptschulklasse gegangen bin und dort den Namen Otto Basil natürlich nicht hörte. Peter Handke hat da aber, glaube ich, gerade, den ersten Durchbruch erlebt…

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