Katzenfasching

Rolf Schwendter ist nicht nur dreifacher Doktor, sondern auch ein großer Katzenfan und so hat ihm Susanne Schneider den 2. Wiener Katzenfasching im Gasthaus Sittl ausgerichtet und mich, obwohl ich nicht so eine besondere Katzenliebhaberin bin, eingeladen mitzumachen. Da habe ich im November einen Text mit einer Gegenfigur zum Kater Murr, nämlich der Kätzin Murana, der Audi Max Unikatze geschrieben, der zwar nicht unbedingt zum Fasching passt. Aber ein Faschingstyp bin ich ebenfalls nicht, obwohl ich mich schon an Jahreszeitenrituale halten, einer Verhaltenstherapeutin sind Strukturen wichtig, aber Bälle habe ich kaum besucht und das Verkleiden liegt mir nicht so sehr.

Katzenfaschingsgilde

Katzenfaschingsgilde

El Awadallah

El Awadallah

Ich wurde aber von Ruth Aspöck vorgewarnt, die im vorigen Jahr mit Ilise Kilics Katzencomics mitgemacht hat, das erwartet werden könnte, daß man sich verkleidet und die Veranstaltung, wie eine Faschingsgilde angelegt ist. Davon habe ich zwar auch nicht so viel Ahnung. Es stand aber im Programm, daß die Veranstaltung mit einer kräftigen Miau Begrüßung durch das Publikum beginnt und dann die Katzenfaschingsgilde, bestehend aus seiner Hoheit König Rolf I von Katzenstein und Katereck, dem Prinzenpaar Christa von und zu Samtpfoten Krallenberg, dem Prinzen Manfred von Katzburg usw, ein wenig seltsam vielleicht bei Leuten, die man sonst auf dem Volksstimmefest sieht, vorgestellt wird. Das hätte mich auch interessiert, bin aber, weil zu Fuß gegangen, zu spät gekommen, so saß die Gilde schon an ihrer Tafel, Manuel Girisch trug gerade “Die Katze in der unbekannten Klassik” vor und an dem Tisch, wo ich einen Platz bekam, saßen drei als Katzen geschminkte Damen und das Programm ging von neunzehn bis vierundzwanzig Uhr quer durch die gesamte Katzenliteratur.
Beim Lesetheater werden ja eher fremde Texte gelesen, aber einige eigene kommen immer wieder vor, es gab auch einige Gesangs- und Performanceeinlagen und statt Applaus ein kräftiges Miau, das mich anfangs irritierte.

Eva Jancak

Eva Jancak

Ich habe aber Dichterfaschingserfahrung, denn den gab es eine Zeitlang in der Gesellschaft für Literatur. Da hätte man sich auch verkleiden sollen und vielleicht lustige Texte lesen, da aber alle lesen konnten, die wollten, man bekam kein Honorar, aber ein Buffet, haben sich die Leute gemeldet, die sonst nicht lesen dürfen und einfach ihre Texte vorgetragen und da las ich am Anfang, die Opernballszene aus “Zwischen Hütteldorf und Heiligenstadt” und beim zweiten Mal ein Stück aus dem “Wiener Stadtroman”, also auch nicht so besonders lustige Texte.

Die Siränen

Die Siränen

Jetzt gibt es den Dichterfasching nicht mehr und beim zweiten Wiener Katzenfasching gab es eigentlich alles.
Tucholsky, Rosa Luxenburg, Robert Gernhardt, Katzenstories, Sextips und Aphorismen. El Awadalle las ihre “U-Bahn Dialoge”, Susanne Schneider “Barbarinas blaue Stunden”, wo eine Katze mit dem Kater Trotzky auf Abwege geht, am nächsten Morgen aber reuig zurückkommt und auf den Briefträger wartet, um wieder in das Haus zu kommen und Rolf Schwendter schloß um Mitternacht mit einem seiner politischen Gesänge, wo ebenfalls die Uni-Besetzung und das andere Aktuelle erwähnt wurde, dazwischen war immer Zeit für ein Miau, das als Refrain eingebaut war.
Vor der Pause setzte sich ein Betrunkener neben mich und bemerkte, nach einer Weile, daß ihm soviele Katzen auf die Nerven gingen. Dann wollte er selber mitmachen, was bei den anderen Aggressionen erweckte, er wurde unterbrochen und ausgemaut, ließ sich aber nicht abhalten, sondern mokierte sich, als Charles Baudelaire vorgetragen wurde, daß er die “Blumen des Bösen” kenne, das Vorgetragene aber Unsinn sei, denn Baudelaire sei nie im Leben mit einer Katze, sondern mit einer Schildkröte durch Paris gegangen.
Es war also lustig, nachdenklich und interessant. Christa Mitaroff hat auf der Gitarre “Paulinchen war allein zu Haue” aus dem Struwelpeter vorgetragen. Christa Kern war so kunstvoll als Katze geschminkt, daß ich sie fast nicht erkannt hätte und Rolf Schwendter mit einer Krone auf dem Kopf zu sehen, war für mich ein ungewohnter Anblick, sein Text war aber sehr politisch. Die Sozialkritik war auf jeden Fall da und Humor ist sicher ein wichtiges Element bei der Problembewältigung, auch wenn ich nicht sehr lustig bin.
Es scheint auch viele Katzenliebhaber zu geben und daher genauso viele Katzengeschichten, die sich vielleicht doch nicht so gut verkaufen lassen und so haben sich bei meinen Bücherstapeln aus den diversen Büchertürmen oder zur freien Entnahmeschachteln einige Katzenbücher angesammelt, zum Beispiel das “Katzenschnurren” aus dem Residenzverlag oder auch Elke Heidenreichs “Nero Corleone, das ich letztes Jahr gelesen und besprochen habe.
Sonst ist noch zu sagen, daß Regina Alfery mir einen jungen Mann vorstellte, der mir seine Texte übergab, was für mich auch eine interessante Erfahrung ist.

Tristanakkord

In dem 2000 erschienenen Roman von Hans-Ulrich Treichel, geht es wie in der Beschreibung des Suhrkamp Taschenbuchs steht, um Musik und darum, wie ein junger Mann in die Fänge eines Komponisten gerät. Der junge Mann ist der im Emsland aufgewachsene Germanist Georg Zimmer, der sein Studium gerade mit der Note “gut” beendete, sein Zeugnis beim Sozialamt vorlegte, das daraufhin ohne Zögern für seine Miete, einschließlich Strom und Heizung, sowie Krankenversicherung aufkommt. Georg schreibt einen Band Gedichte, die in einem Kleinverlag erscheinen und einen Antrag auf ein Stipendium für eine Dissertation mit dem Titel “Das Vergessen in der Literatur”.
Noch bevor er damit beginnen kann, übernimmt er von einem Freund den Auftrag, den Komponisten Bergmann, der ähnlich berühmt, wie Brahms oder Beethoven ist, bei der Bearbeitung seiner Lebenserinnerungen zu helfen und begibt sich nach Schottland, wo der mit seinem Chauffeur Bruno in einem Sommerhaus auf einer Insel wohnt. Der Komponist erweist sich als Trinker, der mit den Händen durch die Luft rudert, um an seinem Werk “Pyriphlegethon” zu komponieren und hat einen Widersacher, nämlich den Komponisten Nerlinger, den er als Genie bezeichnet, was eine Beleidigung ist.
Georg hat keine Schwierigkeiten bei der Überarbeitung der Memoiren, wohl aber bei seinen Schottlandgedichten, die fallen ihm erst in Berlin ein und als er sie Bergmann schickt, bestellt ihn der nach New York, wo sein Werk im Lincoln Center aufgeführt werden soll, weil er Georgs Anmerkungen überarbeiten will.
Was nun folgt ist eine Farce auf den New York Besuch, des Ghostwriters, der als Kind übergewichtig war und ebenfalls ein berühmter Musiker werden wollte. Er erlebt New York aus dem Touristenguide, der Taxifahrer betrügt ihn, im Hotel trifft er auf einen verrückten Studienkollegen, ins Rockefeller Center laßen ihn die Securityguides nicht hinein und das World Trade Center steht noch auf seinen Platz. Er joggt durch den Central Park und rempelt den Ghettohäuptling an, um den Komponisten in seiner Plaza Suite zu treffen, der bereits am nächsten Werk komponiert und eine wunderschöne Studentin namens Mary hat, die ihm beim Überarbeiten seiner Kompositionen hilft, einen Sekretär, der eine Doktorarbeit über ihn schreibt und sein Gilet nicht findet, so daß er deshalb nach Sizilien zu seiner Haushälterin telefoniert. Er nimmt Georg zu einer Talk Show und zu seiner Uraufführung mit, um ihn nachdem er bei der Premierenfeier zwei Flaschen Rotwein getrunken hat, wegen seiner Emsfelder Strickkrawatte lächerlich zu machen. So fliegt Georg nach Kreuzberg zurück und beginnt an seiner Dissertation zu schreiben, mit der er aber auch nicht weiterkommt, so wie es ihm vorher nicht gelungen ist, den Tristanakkord zu finden, um damit einer Studienkollegin zu imponieren.
Da kommt ein Brief Bergmanns gerade richtig, der ihn nach Sizilien bestellt, um sich für sein neues Werk eine Hymne schreiben zu lassen, die nicht nur schön und betörend sein, sondern auch ein bestimmtes Versmaß mit elegischen Distichen haben soll. Georg nimmt an, obwohl er von elegischen Distichen keine Ahnung hat und schreibt im Stil von Georg Heym, was Bergmann aber als solches erkennt. So starrt Georg in die Dunkelheit, in der sich die schöne Mary nur mit einem Handtuch bekeidet in den Pool begibt und als er verzweifelt nach oben blickt, sieht er den Komponisten in seinem Turmzimmer stehen und dann ertönt der Tristanakkord.
Bei Wikipedia wird die Romanform genau analysiert und angemerkt, daß diese Satire über Schein und Sein des Kunstbetriebs, des 1952 geborenen Hans-Ulrich Treichel, der sich mit einer Arbeit über Wolfgang Koeppen habilitierte und seit 1995 am Leipziger Literatur Institut lehrt, wie die Rezensenten meinen, nicht so gut, wie der vorige, gelungen ist.

Kampf um die Stadt

Diese Woche war wieder von einigen interessanten, wenn auch nicht unbedingt literarischen Veranstaltungen geprägt. So hat es am Montag mit einer Enquette der Volkspartei zur Begabtenförderung im Volksbildungshaus Urania begonnen, am Mittwoch ist es in die Bibliothek der ungelesenen Bücher in die umgebaute AK-Bibliothek gegangen, zu deren Umbau es ein eigenes Jahrbuch gibt und für heute hat mich die Renate Sassmann zu einem Ausstellungsbesuch mit Führung des Wien Museums im Künstlerhaus “Kampf um die Stadt- Politik, Kunst und Alltag um 1930” eingeladen.
Ein Thema das mich sehr interessiert und die anderen Orte haben auch viel mit dem roten Wien und der sozialistischen Bildungskultur zu tun. Die Bildungsenquette der Volkspartei nicht, da bin ich in den Verteiler geraten, vielleicht hat das mit dem Franz Groiss oder mit dem BÖP zu tun und die Ideen der Volkspartei zur Elitenförderung und Beschränkung des freien Hochschulzugangs sind auch nicht unbedingt das, was ich mir unter Bildung vorstelle, es hat aber auch im roten Wien der Dreißigerjahre eine Volkspartei gegeben.
Der Bogen von gestern zu heute, ist also interessant und da ich eine 1953, in einem dieser alten Gemeindebauten, errichtet aus den Mitteln der Breitnerschen Wohnbausteuer, geborene bin, hat mich der Sozialismus der Dreißigerjahre immer sehr interessiert. Selber habe ich ihn, obwohl ich bei den Kinderfreunden sozialisiert worden bin oder vielleicht deshalb, ein wenig verloren. Da waren mir die Sozialisten immer zu vereinnahmend und das war auch in der Ausstellung, in den Zimmer des roten Wohnbaus oder dem, in dem es um die Gesundheitsfürsorge ging, zu spüren. Obwohl das Wäschepaket für alle Wiener Kinder sicher wichtig war und auch das Kinderheim am Wilhelminenberg, das auf einen Bild zu sehen war, das eigentlich im Zimmer des Bürgermeisters hängt, aber noch eigentlicher allen gehört, wie der Bürgermeister bei der Ausstellungseröffnung gesagt haben soll und es soll dieses Kinderheim auch viel später von der Gemeinde verkauft und in ein Hotel umgewandelt worden sein.
Geführt wurden wir von einem freiberuflichen jungen Historiker, der leider nicht im Museum angestellt ist, aber bei der Ausstellung mitgearbeitet hat und die war sehr interessant.
Es gibt dazu ein eigenes Heft mit dem Begleitprogramm, das ich schon vor ein paar Monaten in der alten Schmiede gefunden habe und Anfang Jänner war auch eine Sendung über die Musik dieser Zeit in Ö1 und dazu gehört auch Ernst Krenek und vom Ernst Krenek Institut bekomme ich öfter Einladungen zu schönen Veranstaltungen. Da gibt es am 3. Februar in der Musiksammlung der Wien Bibliothek einen Kammermusikabend, den ich mir schon eingetragen habe und um zur Literatur zu kommen, im Stimmensaal gab es eine Originaltonaufnahme von Franz Werfel, die Bücher Hugo Bettauers lagen in den Vitrinen und was das Thema Volksbildung betrifft, gab es eine Leseliste aus der Bücherei Margareten und dort wurden die Bücher von Jack London und B. Traven am meisten ausgeborgt. Da habe ich auch einiges vom Bücherkasten meines Vaters geerbt, was ich mir immer zu lesen vornehme und höchstwahrscheinlich nie schaffen werde, denn ich habe mir, als ich an der Buchabverkaufskiste der Buchhandlung Reichmann-Edelmann vorbeigegangen bin, die ersten neuen Bücher dieses Jahrs gekauft, nämlich Donna Leon “Venezianisches Finale”, Commissario Brunettis ersten Fall und Antal Szerb “Die Pendragon Legende” auf Deutsch. Auf Englisch habe ich das Buch schon im November bei Buchlandung auf der Landstraßer Hauptstraße aus der Abverkaufskiste gezogen.

Ludwig Laher in der Gesellschaft für Literatur

Heute war ich bei der Lesung von Ludwig Lahers neuen Roman “Einleben” und bin, was den Blogeintrag betrifft, ein wenig ratlos, wie ich sie besprechen soll? Das Buch vielleicht nicht so genau, falls ich es doch zum Rezensieren bekomme.
Also mit Ludwig Laher beginnen, den 1955 geborenen oberösterreichischen Schriftsteller, den ich schon lange kenne. Wahrscheinlich habe ich ihn bei den Generalversammlungen der IG Autoren kennengelernt, aber auch die der GAV wären möglich, engagiert er sich ja in beiden Bereichen und nimmt immer wieder an Sitzungen und Tagungen teil, über die er bei den Versammlungen berichtet.
Er war einmal Lehrer, ab 1998 freier Schriftsteller, habe ich mir aufgeschrieben. Er hat auch den kulturpolitischen Arbeitskreis in Salzburg organisiert und sehr viele Bücher geschrieben. Eines über “Mozarts Sohn”, da kann ich mich an eine Lesung in der alten Schmiede erinnern. Bei “Herzfleischentartung”, geht es um ein SS Arbeitserziehhungslager in St. Pantaleon, das ist der Ort, wo auch Ludwig Laher wohnt.
“Und nehmen was kommt”, ist die Geschichte einer ostslowakischen Romafamilie, da war ich 2007, bei der Lesung in der alten Schmiede, ich habe gerade “Und trotzdem” geschrieben und da ist meine Helga, die Donau hinunter durch die Slowakei geradelt und jetzt “Einleben”, die Geschichte eines Kindes mit Down Syndrom und seiner Mutter Johanna.
Ich kann mich noch an etwas anderes erinnern, nämlich, daß Ludwig Laher im Herbst bei dem Konstantin Kaiser Symposium in der alte Schmiede vorgetragen hat und mir in der Pause erzählte, daß er früher weg muß, weil er aus “Einleben”, bei der österreichischen Down Syndrom Tagung liest und als ich da nachgegooglet habe, war es nicht weit zu den Büchern von Menschen mit Down Syndrom, zu Michaela König und dem Ohrenschmaus….
Die Gesellschaft für Literatur war nicht besonders gut besucht, gestern hat Ludwig Laher gemeint, hätte er in Garsten achtzig Zuhörer gehabt, aber Wien ist anders.
Evelyn Holloway war aber da, Norbert Leser und noch einige andere Interessierte und Manfred Müller hat sehr schön eingeleitet und von einer Trilogie gesprochen, in der es um Menschen geht, die es im Leben nicht sehr leicht haben.
“Einleben” ist der zweite Teil, “Nehmen was kommt”, der erste, am dritten scheint Ludwig Laher gerade zu arbeiten, das Thema wurde nicht verraten.
Manfred Müller hat von einer gründlichen Recherchearbeit gesprochen und von der Kunst Ludwig Lahers mit der er das Journalistische mit dem Literarischen zu verbinden weiß und immer sehr brisante Themen aufgreift. Und das “Einleben” mit Down Syndrom ist ja ein brisantes Thema, wird es bald keine Menschen mehr damit geben, kommen ja 90% der Betroffenen nicht mehr auf die Welt, weil wir eine so gute Diagnostik haben und Höchstgerichtsurteile, nach denen der Mensch als Schadensfall beurteilt wird und die Ärzte, wenn sie nicht genug beraten haben, zu Unterhaltszahlungen verpflichtet werden, so daß man sich, wie Ludwig Laher beschreibt, schon sehr verstecken muß, um den Ultraschall und anderen Untersuchungsmethoden zu entkommen. So hätte das Buch auch “Kopf im Nacken” heißen sollen, aber dann war ihm das “Einleben” zwischen Mutter und Tochter doch wichtiger.
Manfred Müller hat nach der Recherchearbeit gefragt und Ludwig Laher erzählte, daß er in seiner weiteren Umgebung zwei Familien mit Down-Kindern kennt, die hat er besucht und sich Geschichten über sie erzählen lassen. Später ist er auch in Selbsthilfegruppen gegangen und hat den Frühförderinnen bei ihrer Arbeit zugeschaut.
So besteht das Buch aus sehr vielen Geschichten, die er erlebte oder erzählt bekommen hat. Es springt im Stil von den Erlebnissen Steffis zu Johannas Schwangerschaft zurück und erzählt auch von jenem Arzt, der dem Down Syndrom seinen Namen gab.
Eine behutsame Mutter Kind Beziehung wird beschrieben, bei der man viel über das Down Syndrom, das einmal Mongoloidismus geheißen hat und das Leben dieser Kinder erfährt.
In der Diskussion kam die Frage, wieweit das Buch anders geworden wäre, wenn es ein Betroffener geschrieben hätte. So hat Anna Waltraud Mitgutsch in der “Ausgrenzung”, einen Roman über ihren autistischen Sohn geschrieben. Eine Frage, die interessant, aber nicht sehr leicht zu beantwortet ist und mir sind nach den schönen Schilderungen der tierliebenden Steffi, die die Hunde im Lieblingscafe ihrer Mutter mit Keksen füttert, aber auch die Traurigkeit der Oma erkennt, die einmal in der Woche ihren Enkel aus dem Kindergarten holt, einige eigene Erlebnisse mit Down Kindern eingefallen. Es sind meist sehr starke Bilder, die im Gedächtnis bleiben, weil wir ja in einer Welt der Ausgrenzung und der Abschottung leben und normalerweise nicht viel mit Menschen mit Down Syndrom in Berührung kommen, so daß wir solche Bücher brauchen, was irgendwie sehr schade ist.
Mal sehen, ob ich Gelegenheit bekomme, das Buch ausführlicher zu besprechen. Es lohnt sich sicher es zu lesen und so bleibe ich neugierig, will ich ja auch, wenn ich mit dem Korrigieren fertig bin, über dieses Thema schreiben.

Bibliothek ungelesener Bücher

Die Bibliothek ungelesener Bücher wurde 1997 von Julius Deutschbauer im Museumsquartier gegründet, seit 2000 ist sie nomadisch unterwegs. Kunsthalle Wien, Sigmund Freud Museum, Residenzgalerie, Kunsthalle Baselland, Universität Klagenfurt usw und jetzt in der AK Arbeiterbibliothek, so stand es bei Christiane Zintzen zu lesen. Von Ilse Kilic und Fritz Widhalm habe ich kürzlich ein Einladungsmail bekommen und so habe ich den zweiten Abend des Medien-Krieg-Kunst-Symposiums des Elfriede Jelinek Forschungszentrum ausgelassen und bin in die Arbeiterkammerbibliothek gestapft.
Es hat um siebzehn Uhr begonnen. Lsen und handarbeiten im Zirkel zum thema “faul” stand auf dem Programm und als ich in die AK-Arbeiterkammerbibliothek gekommen bin, waren Ilse Kilic, Fritz Widhalm, Julius Deutschbauer und einige andere schon da.
Ilse Kilic häkelte an einem rosa Schweinchen und forderte mich zum Handarbeiten auf, aber ich bin keine Handarbeiterin, zumindestens nicht mit Wolle und mit Stricknadeln und so fragte ich die Frau von der Arbeiterkammer nach dem Karl Stubenvoll, das ist der Freund vom Alfred mit dem er immer nach Patagonien oder sonstwohin fährt und der ist Bibliothekar in der Arbeiterkammer, war aber um siebzehn Uhr schon fort.
Nach einer halben Stunde begann das Programm mit einer Rundumlesung zum Thema “faul”, ein paar Frauen strickten, ein paar andere hatten Texte vorbereitet. Es gab welche von Erich Kästner, Wilhelm Busch und anderen. Ich bekam ein Buch mit Sprichworten von H.C. Artmann in die Hand gedrückt, weil ich mich erkundigt hatte, warum der “Don Quijote” vorgelesen wurde, denn da ging es auch um Sprichwörter und eines davon handelte von Faulheit.
Es gab Wein und Vollkornbrot und in der Pause erschienen die Autoren, nämlich Gabriele Petricek, Hermann J. Hendrich, Christian Katt und Ilse Kilic und Fritz Widhalm lasen vierzig Minuten aus ihrem Verwicklungsroman Teil VI, da ging es um das Atterseeschwimmen, die Radkarawane, Ilse Kilics Krebserkrankung und einigen Vorsorgeuntersuchungen von Fritz Widhalm respektive der Jana und dem Natz, wie die Protagonisten des fiktiven und realen Verwicklungsromans heißen. Einen Teil davon habe ich ja gelesen, es ist sehr interessant und so hat es Ilse Kilic auch angekündigt.
Dann kamen zwei Interviews zu ungelesenen Büchchern nämlich eines mit dem Hausarzt von Julius Deutschbauer, der Thomas Bernhards “Holzfällen” oder “Holzfäller” auswählte und es war sehr lustig zu erfahren, was er alles zu diesem Buch nicht wußte, das ich gelseen habe, als ich noch Assistentin in der Sprachamblanz, an der II HNO Klinik war und der DDr. Bigenzahn kannte, glaube ich, den Komponisten Lampersberg und, daß eine der Protagonistinnen Jeannie Ebner war, bei der das künstlerische Abendessen im Ohrensessel stattfand, habe ich, damals noch nicht gewußt. Die zweite Interviewpartnerin war Reene Gadsden von der Schule für Dichtung.
Danach habe ich Julius Deutschbauer “Die Radiosonate” übergeben und gesagt, daß ich auch einmal lesen möchte, mal sehen was daraus wird. Ich habe bei meinen Anbahnungsversuchen ja nie besonders viel Glück, obwohl das Honorar von der Frauenlesung in der Galerie Heinrich vom November gekommen ist und Christoph Kepplinger hat die Einladung für die Eugenie Kain Gedenklesung am Samstag, den 30. 1. um 17 Uhr im Völkerkundemuseum, in der Laudongasse 15, im Gartensaal, geschickt.
Da werden in Gedenken an Eugenie Kain Ruth Aspöck, Judith Gruber-Rizy, Elfriede Haslehner, Eva Jancak, Ursula Knoll, Hilde Langthaler, Carina Nekolny, Lale Rodgarkia-Dara, Hilde Schmölzer und Simone Schönett lesen.
Ich lade alle sehr herzlich dazu ein und am Samstag den 23. 1. gibts den Katzenfasching des ersten Wiener Lesetehaters im Gasthaus Sittl und da hat mich Susanne Schneider informiert, werde ich von 20.14. – 20.23 aus meiner “Kätzin Murana” lesen. Auch da lade ich herzlich ein und El Awadalla hat mich zu einem Protestaufruf gegen die Kündigung Silvia Bartls aufgerufen, weil das Literaturhaus in finanziellen Schwierigkeiten ist, da habe ich selbstverständlich unterschrieben.
Und ein Jahrbuch über die AK-Bibliothek beziehungsweise ihren Umbau gibt es auch.

Medien-Krieg-Kunst

“Wir sind wieder vor dem Fernseher gesessen”, während der Irakkrieg lief….
“Berichterstattung über Krieg war immer ein wichtiges Mittel zur Verbreitung von Information aber auch der Propaganda und der Manipulation”, deshalb veranstaltete das Elfriede Jelinek- Forschungszentrum am 19. und 20. Jänner ein zweitägiges Symposium im Rahmen der Reihe “Totalitarismus-Fundamentalismus-Kapitalismus.”
Der erste Abend fand im ORF Kulturcafe mit einem Gespräch zu Elfriede Jelineks feministischer Medienkritik in “Bambiland” und “Babel” mit Katharina Pewny und Eva Kreisky statt.
Vorher wurde ein Interview mit Christoph Schlingensief gezeigt, in dem er bezweifelte, ob es eine feministische Medienkritik geben könne.
Dazu kann ich nicht viel sagen, denn ich habe weder “Bambiland” noch “Babel” gesehen, da ich kaum ins Theater gehe, sondern eher eine Jelinek Romanleserin bin.
Aber im Jahr 2003, als der Krieg im Irak ausgebrochen ist, bin ich im Rahmen des Ö1 Quiz zweimal mit dem Zug erster Klasse nach Graz gefahren und in der Zeitschrift “News”, die ich dabei bekam, waren, wie ich mich erinnere, Ausschnitte aus “Bambiland” enthalten.
Ich habe bei der Diskussion also nicht viel mitbekommen, nur die Frage, ob es notwendig und wichtig ist, bei der Überschüttung vom Kriegsbildmaterial den Fenseher abzuschalten?
Eine Frage, die ich auch nicht beantworten kann, da ich keine Fernseherin bin und dachte, das Abdrehen ist es auch nicht, man müßte Gewalt und Krieg verhindern, aber wie geht das, bitte schön?
Dann kam, wie er sich selbst bezeichnete, der Opa der Medienwelt, nämlich Bazon Brock, Professor der neuronalen Ästhetik, hielt einen Vortrag über “Bilderkriege” und ich verstand wieder nichts. Soviel ich mich auch bemühte, blieb nicht mehr hängen, als, daß der Konsument selber schuld ist, wieviel er sieht und nicht der Pornofilmer, sondern der Pornoseher bestraft werden muß. Dann habe ich noch etwas von “wildgewordenen Zicken” aufgeschrieben und die Hypothese, daß der Feminismus in den Fünfzigerjahren entstanden ist, weil die Männer im Krieg geblieben sind und etwas von der Zwangsmusikberieselung der Flugzeugbenützer und Restaurantbesucher. Da hab ich wieder Glück, weil ich seit nine elfen nicht mehr fliege und in den Restaurants, die ich besuche, wird man nicht sehr berieselt.
Was hat das aber mit der Jelinek zu tun?, dachte ich in der Pause ratlos, in der ich mich mit einer Feministin unterhielt und sie fragte, ob sie das verstanden hätte und dem Gespräch zwischen Helga Köcher und Eva Brenner lauschte.
Dann ging es weiter mit der Diskussion über “Die Rolle der Medien im Irakkrieg” zwischen Bazon Brock, Katharina Nötzold vom Arab Media Centre und Friedrich Orter vom ORF, den ich als Nichtfernseherin auch nicht kannte, hier fiel mir wieder Bazon Brocks Zynismus unangenehm auf. Denn es stimmt ja nicht, daß alle Amerikaner blöd und alle Österreicher Analphabeten sind. Das klingt vielleicht lustig, zeigt aber höchstens Hilflosigkeit und ist auch manipulativ zu verstehen.
So schüttelte auch eine Frau den Kopf und sagte “So ein Scheiß!” und eine andere erkundigte sich, ob diese Art von Rhetorik nicht mißverstanden werden könnte?
Es gab aber keinen Tumult im Publikum, obwohl durchaus redegewandte Feministinnen anwesend waren. Ich dachte mir, ich sags dem Herrn persönlich, daß mir sein Zynismus nicht gefällt, worauf er antwortete, ich solle seine Bücher lesen.
Tu ich wahrscheinlich nicht, ich habe aber nachgegooglet und verstehe jetzt ein bißchen besser, denn Jürgen Johannes Hermann Brock hat das Aktions-teaching erfunden, ein Konzept das künstlerische Programmatiken und Agitprop vereint, um sie für die Rezipientenschulung nutzbar zu machen und bei Wikipedia gibt es ein Zitat von ihm, das auf einen Berliner Hinterhof ausgestellt ist.
“Der Tod muß abgeschafft werde, diese Schweinerei muß aufhören, wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter!”
Aber Kriege lassen sich auch mit Agitprop nicht verhindern, wie ich mit Christoph Kepplinger diskutierte, den ich, wie Pia Janke fragte, warum sie einen so wortgewaltigen Agitator, aber viel leisere Feministinnenstimmen eingeladen haben, ob das im Sinn von Elfriede Jelinek ist?
Die Diskussion war aber schon interessant, die Dame, die den Kopf schüttelte, hat sich nämlich zu Wort gemeldet und von jubelnden Irakern gesprochen, als die Amerikaner ihre Inszenierung ab- und Saddam Hussein aus dem Loch zogen, worauf eine andere von der Würde des Menschen sprach, die man auch Saddam Hussein und Nicolai Ceausescu zugestehen sollte und da haben mich die Hinrichtungen auch gestört.
Ich habe also viel gelernt, auch wenn die Hilflosigkeit bleibt, bei Bazon Brock vielleicht, in dem er sich in Agiprop und Zynismus rettet, bei mir, in dem ich zwar nur Ö1 höre, aber auch nicht viel gegen die Kriege der Welt ausrichten kann und morgen geht es weiter “Gegen die babylonische Bilderflut mit literarischden Projektionen vom Irakkrieg”.
Ich habe mich aber, da es morgen die Bibliothek der ungelesenen Bücher mit einer Lesung von Ilse Kilic und Fritz Widhalm gibt, entschlossen dort hinzugehen und werde davon berichten.

Geschichten aus dem Kürnbergwald

Der Debutroman “geschichten aus dem kürnbergwald, gekürzt”, des 1985 in Linz geborenen Christoph Eric Hack, zeichnet laut der Enzyklopädie PlusPedia, eine böswillige Satire der Jugend im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert. Hacks immer wiederkehrende Motive sind sexuelle Ausschweifungen, Gewaltexzesse und soziale Verrohung, was laut Hack, die drei Säulen der Gesellschaft sind.
Das macht neugierig und so habe ich dieses Buch aus dem Resistenz Weihnachtspackerl als erstes gelesen. Es sind zwei Geschichten, die erste heißt “Die Besuche des alten Doktors”, die zweite “Im Namen des Vaters”.
Gekürzt habe ich irgendwo gelesen, hat der Verleger das umfassendere Werk. Vorher gibt es noch in einem Prolog Begriffserklärungen aus denen man erfährt, daß der “Kürnberger Wald” ein Naherholungsgebiet westlich von Linz ist und Leonding, in dem die Geschichten spielen, eine Stadt im oberösterreichischen Zentralraum. Dann gibts noch Erklärungen zu Orgie, Swinger ect und verschiedene Hinweise, das Leondinger Menschen, wie alle anderen sind, man das Buch nicht essen soll und es für Kinder nicht geeignet ist…
Dann geht es los mit der Geschichte von der Hausfrau mit den drei Töchtern Jessica, Marie und Nicole, die sich ihre hundert bis hundertfünfzig Euro am Tag durch Herrenbesuche verdient und das Spermahandtuch extra wäscht. Zu der kommt der alte Gynäkologe mit dem vielen Geld, der fett und einsam ist und macht mit ihr und ihren Töchtern einen Deal. Er will sie zuerst für Geld untersuchen, später verspricht er dem Mädchen eine Menge Geld, das am längsten Jungfrau bleibt, dann wird die Mutter ermordet, der Doktor adoptiert die Töchter als Enkelkinder, sie vertreiben sich ihre Zeit mit den oben zitierten Gewaltexzessen und beschließen den Doktor tot zu vögeln, um sein Geld zu erben, nur leider hat er dieses in Fünfhunderterscheinen von der Bank behoben und einem gewissen Kevin geschenkt, den er vorher mit der Mutter ficken ließ.
Erzählt wird das offenbar von Martin H., der im zweiten Teil, im Monat Dezember an seinen Vater Briefe schreibt. Täglich einen und man erfährt viel dabei, nämlich, daß Martin, der in Leonding nach einigen Ansätzen maturierte, nach Graz studieren geht, es dort nur ein paar Wochen aushält, so daß er nach Leonding zurück und in die Wohnung der schönen Vanessa kehrt, mit der Gruppensex betreibt und Swingerclubs besucht. Den Vater scheint er nie gekannt zu haben, mit der Mutter gibt es die üblichen Ablösungsschwierigkeiten oder mehr. Denn die Mutter erfährt man in den Briefen ist eine Hexe, vor der er den Vater retten muß, so daß er sie in der Weihnachtsnacht, als sie ihn verführen will, mit einem Messer überfällt, ihr den Kopf abschneidet und ihn in Vanessas Wohnung trägt. Später erfährt man noch, daß auch der Vater schon gestorben ist und sich sein Kopf eingemauert in der neuen Garage des Nachbarn Hildebrandt befindet.
Martin H. zieht sich mit seinem Laptop in den Kürnbergwald zurück, schreibt dem Vater noch, daß er auch die Geschichte von dem alten Doktor erfunden hat und hängt sich, wie man im Anhang erfährt, an einem Baum auf. Vanessa gebärt im September darauf ein Kind, der Junkie Kevin ist schon im März eine Stiege hinuntergefallen und im Dezember des nächsten Jahres trifft ein Komet die Erde, schlägt am Leondinger Hauptplatz ein und den Bürgermeister auf den Kopf, was, wie wir schon vom Prolog wissen, wie alles andere natürlich frei erfunden ist.
Das gekürzte Buch enthält viele Satz- und Rechtschreibfehler, ist also nicht sehr gut lektoriert und trotzdem irgendwie interessant, wenn man über die vielen Gewalt- und Vögelszenen hinwegliest, denn die Nöte einer Jugend, die in einer Sozialsiedlung aufwächst, ist trotz aller Übertreibung nicht so schlecht beschrieben und die Geschichte von dem jungen Mann, der seiner Mutter in einer Psychose den Kopf abgeschnitten hat, hat es auch gegeben. Daß alte Ärzte trotz ihrem vielen Geld am Ende ihres Lebens einsam sind, kann ich mir vorstellen und auch, daß Hausfrauen sich ihr Geld durch Sex verdienen, gesoffen und gedealt wird auch und Gewaltorgien kommen leider ebenfalls immer wieder vor…
So weiß ich nicht recht, was ich zu dem Buch sagen soll. Vielleicht, daß es gut gewesen wäre, es noch mehr zu kürzen, weil die Leute, die einen Porno lesen wollen, sich vielleicht nicht so sehr für die sozialkritische Beschreibung einer oberösterreichischen Kleinstadt interessieren und umgekehrt.
Interessant ist auch die Biografie des jungen Autors. Er ist der Sohn eines Ringers, der 1986 bei einer Wandertour ums Leben gekommen ist. Nach dem Tod der Eltern steht bei PlusPedia, ist er bei den Großeltern in Leonding aufgewachsen, hat 2005 maturiert und studiert Geschichte an der Grazer Karl-Franzens-Universität.
Derzeit soll er an einem Gedichtband arbeiten, der ihn an den Rand des Wahnsinns und darüber hinaustreibt, mehr war über den Autor nicht zu erfahren, im Buch gibts ja keine biografischen Angaben.

Vom Ute Bock Preis zum Geburtstagsfest

Die Wochenendaktivitäten waren nur ein bißchen literarisch, aber irgendwie wird bei mir alles zur Literatur.
So wurde am Freitag der Ute Bock-Preis für Zivilcourage an Elias Bierdl vergeben, der 2004, siebendunddreißig Flüchtlinge in Seenot rettete, deshalb der Schlepperei angeklagt wurde und mit vier Jahren Haft und vierhunderttausend Euro Geldstrafe bedroht wurde.
Weil ich jedes Monat fünf Euro an SOS Mitmensch spende, erhielt ich eine Einladung ins Haus der europäischen Union und befand mich einmal in etwas anderer Gesellschaft oder auch nicht wirklich.
Denn einige Bekannte habe ich beim Buffet schon getroffen. Zum Beispiel den Franz, den Studienkollegen vom Alfred, der bei der NÖ Landesregierung arbeitet und der mir gleich erzählte, wieviele Buffethaie hier wären.
Ich habe nur zwei Leute gesehen, die ich von literarischen Veranstaltungen kannte, ich gehe ja hauptsächlich zu solchen, dafür die Renate Sassmann von der Auge, mit deren Sohn Robert, die Anna ein Jahr in die freie Schule Hofmühlgasse gegangen ist und die mich auf die “Kampf um die Stadt-Führung”, nächsten Freitag im Künstlerhaus aufmerksam machte, den Max Koch und zwei grüne Politikerinnen.
Der Franz wußte ganze Lebensgeschichten zu erzählen und hat sich so darüber aufgeregt, daß ich drei petit four Stückchen einpackte, die am Heimweg ein bißchen zerquetscht wurden. Am Samstagmorgen sind wir nach Harland gefahren und am Nachmittag in ein St. Pöltner Gasthaus in einer Kellergasse, weil da der siebzigste Geburtstag von Alfreds ehemaligen Lehrer Peter Sladky mit der Wanderwochengruppe gefeiert wurde.

Eva Jancak, Peter Sladky

Eva Jancak, Peter Sladky

Mit großen Programm: den Fotos vom letzten Jahr, dem Karpfenfischen in Heidenreichstein, das war 2008 zeitgleich mit der Literatur in Nebel, der Alfred war da allerdings in Griechenland, so waren wir nicht dort und ich habe mich per Internet das erste Mal auf die Frankfurter Messe begeben, was bekanntlich ein sehr beeindruckendes Erlebnis war, der Frühlingswanderung in die Hundsheimer Bergen und der ins Dachsteingebiet vom August.
Es gab Musik, ein Geburtstagsständchen, eine Waldviertler Mohn-Heidelbeer-Torte und die Programmvorschau für dieses Jahr. Da soll es im Juni in den Böhmerwald gehen und ich habe ein Stückchen aus dem “Haus” gelesen.
Denn die Wandergruppe ist ja literarisch inspirierend. Als ich 2004 an der “Reise nach Odessa” gearbeitet habe, gabs auch ein Wanderwochenende und Regen, wir sind ins Stift Admont. Da hat mich die Führung zu einer beeindruckenden Szene inspiriert und beim “Haus” hat mich zwar nicht die Hochschwabwanderung mit der Eröffnung des neuen Schiestlhaus inspiriert, aber das “Berg heil!”-Grüßen, das mich anfangs sehr irritierte, weil ich das nicht kannte und so gibt es im “Haus” ein Kapitel das “Hochschwabblick” heißt, das hat nichts mit der Wandergruppe zu tun, sondern mit der politischen Sozialisierung der Klara Gerstinger. Ich habe es gelesen und dem Peter Sladky das Buch mit Widmung überreicht, der mir daraufhin die Geschichte seiner jüdischen Verwandten erzählte.
Es gab noch eine handgemachte Peter Sladky Puppe von der Doris, die auf einem Stück Dachstein steht, mit rotem Kapperl und Rucksack mit Firn-Bonbons, denn die pflegt er immer am Gipfel zu verteilen, ein T-Shirt und eine Karikatur von einem anderen ehemaligen Schüler, der in der NÖN zeichnet, zeigte er uns auch.

Von den Gräsern zur Systemerrettung

Für den Mittwoch hat die Galerie Lindner anläßlich der Ausstellung “Gräser” von Franz Gertsch zu einem Vortrag des Autors und Biologen Gregor Dietrich über “Gräser” mit Fingerfood, Sushi und Maki eingeladen.
Jetzt geht es mir mit der Galerie Lindner ähnlich, wie mit dem Ritter Verlag, das allzu Experimentelle und Konkrete ist nicht ganz das Meine und ich sehe doch sehr schnell nur Farbtafeln an der Wand. Der höhere Sinn hat sich auch mir da noch nicht so erschlossen, wie ich vorige Woche beim Heimweg von der alten Schmiede mit der Kunsterzieherin Trude Kloiber diskutierte.
Die Sushi und die Maki waren aber sehr verlockend und so habe ich mir die blauen und die rosa Holzschnitte mit Interesse angesehen und über Gräser viel gelernt, nämlich, daß Dürer gar nicht so sehr nach der Natur gezeichnet hat und die Welt aus Gräsern und aus Bäumen besteht, die Sträucher sind erst viel höher angesiedelt.
Da ich schon länger nicht mehr in der Galerie Lindner war, habe ich auch nicht viele Besucher gekannt. Eine ehemalige Assistentin der alten Schmiede war aber da, die andere literarische Prominenz hat sich wahrscheinlich, wie Frau Travnicek zu vermelden wußte, bei der “Mauerschau” und der Clemens J. Setz Premiere im Schauspielhaus befunden und am Donnerstag hatte ich zwar keine Premiere, aber meine zweite Lesung im reading!!!room. Wurde da ja die neue Volksstimmeanthologie “Wir retten ein System” zum dritten Mal vorgestellt.

Roman Gutsch

Roman Gutsch

Elfriede Haslehner

Elfriede Haslehner

Es gab Wein, Kaffee, Rehrücken, Lebkuchen und Toblerone. Elfriede Haslehner, Lale Rodgarkia-Dara, Philip Hautmann und ich haben zuerst unsere Anthologietexte gelesen und da war für mich Philip Hautmanns Roman “Yorick” besonders faszinierend. Denn der in der Anthologie enthaltende Abschnitt “Yoricks Expose über den Neoliberalismus” war äußerst theoretisch. Einen so theoretischen Roman habe ich noch nie gehört. Nach der Pause wurde es etwas praktischer. Da las Philip Hautmann einen Abschnitt über Milliardäre und von einem ehemaligen Finanzminister mit einem nicht sehr guten Benehmen und meinte, daß man durchaus Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen erkennen könnte.
Der Roman ist noch ein Manuskript und besteht aus vier- bzw. achthundert Seiten. Philip Hautmann scheint, wie ich im Gespräch hörte, auch an die Selbstverlagsgründung bzw. an das Book on Demand Verfahren zu denken.

Lale Rodgarkia-Dara

Lale Rodgarkia-Dara

Philip Hautmann

Philip Hautmann

Roman Gutsch, der die Veranstaltung moderierte, erzählte von einer Subvention, die eine vierte Präsentation bzw. eine Eugenie Kain Gedenklesung, die ja einen Text in der Anthologie hat, am 30. Jänner nötig macht.
Da wird es ein etwas höheres Honorar, als die zehn Euro Aufwandsentschädigung geben und die sieben im Buch enthaltenen Autorinnen sind eingeladen, im Gedenken an Eugenie Kain ihre Texte vorzutragen.
Sehr erfreulich, ich werde darüber berichten. Als wir noch im Vorraum herumstanden und mit Lale Rodgarkia-Dara über ihre Erfahrungen mit dem St. Pöltner Festspielhaus plauderten, läutete Alfreds Handy. Es war Robert Egelhofer, dem das schöne Foto, das Alfred um den Silvester auf der Rudolfshöhe aufgenommen hat, nicht gefallen hat.
Für etcetera muß es schon etwas Literarischeres sein.

Eva Jancak

Eva Jancak

Da kam die Lesung gerade richtig und so hat Alfred das Lesungsfoto, das auch hier zu sehen ist, nach St. Pölten geschickt. Mal sehen, ob es ankommt und wie es gefällt?
Bezüglich Clemens J. Setz gibt es noch zu berichten, daß er unter 651 Einsendungen für den Wartholzer Literaturpreis in der Schloßgärtnerei Wartholz in Reichenau an der Rax ausgewählt wurde, der im Februar vergeben wird. Unter den anderen Finalisten befinden sich auch Christian Steinbacher und Katharina Tiwald.

Reben

Gleich die nächste Besprechung in meinem Andrea Stift Schwerpunkt, denn “Klimmen” habe ich ja schon gekannt.
Das 2007, bei Kitab erschienene “Reben” ist eine Erzählung über Andrea Stifts Urgroßmutter, die sie nie kannte, da sie schon vor ihrer Geburt gestorben ist.
“Das ist ganz anders!”, hat mir Andrea Stift geantwortet, als ich ihr im Amerlinghaus erzählte, daß ich mit “Reben” begonnen habe.
Ja, natürlich oder auch nein, denn das Gleiche dürfte wohl das sich Erzählenlassen über den Schreibegegenstand sein.
Hat Andrea Stift bei ihrer Lesung ja berichtet, sie hätte sich die Geschichten über das Leben in Wohngemeinschaften von Betoffenen erzählen lassen. Sie hat das bei “Reben” offenbar mit ihrer Familie getan und so gibt es am Schluß ein Dankwort, wo man nachlesen kann, wer aller mit grandiosen Formulierungen über die kleine Anna, die starke Frau, die mit der Hundepeitsche herumgezogen ist, ihre Arbeiter ohrfeigte und die Schwiegertochter demütigte, beigetragen hat.
Die kleine Anna, die aus einer eher desolaten Familie aus der Untersteiermark stammte, 1886 wurde sie geboren, hat irgendwann einmal eine Klosterschule besucht und mit siebzehn in einem Gasthaus gekellnert, bis der Bürgermeister Stift dahergekommen ist und dem Fräulein Annerl den Zahnstocher aus dem Mund busserln wollte. Er hat ihr als Morgengabe einen Weingarten überreicht, daher kommt der Name “Reben”, “Klimmen” kommt von einem russischen Weinstock, wie wir uns erinnern. Anna nimmt das Regiment in die Hand und hat sich fortan als Gnädige die Hand küssen lassen. Die Arbeiter waren angeblich glücklich von ihr geohrfeigt zu werden und das Rathaus, in dem die Familie wohnte, wurde in einen Unter- und einen Oberstock eingeteilt, unten lebte das Gesinde und die Schwiegertochter, oben legte die Gnädige die Patiencen, ließ aber die Enkelkinder neben sich schlafen und ihre Haare wurden grau, als sie den ersten Sohn beerdigte.
Sie überlebte alle drei und auch noch ihren Carl. War auch gut zu ihrem Gesinde, eine richtige Gnädige halt. So war das früher eben, streng, arbeitssam und fleißig. Depressionen gab es nicht, sind das ja Zeichen von Schwäche, nur den Wein, den man in sich hineingießt, aber der zählt zum steirischen Brauch. Die kleine strenge Anna mit dem guten Herzen war auch sehr trinkfest und hat alle einfallenden Soldaten unter den Tisch gesoffen, auch wenn ihr die brave Mitzi nur Lindenblütentee einschenkte.
Andrea Stift fährt mit einer frechen frischen Sprache, die mir schon bei “Klimmen” aufgefallen ist, über das Urgroßmutterfamilienleben drüber und hat auch noch drei Perspektiven dabei.
Die Familiengeschichte nimmt dabei den breitesten Raum ein, wertfrei, frisch und liebevoll wird über die Schatten der Vergangenheit und die Leichen im Keller erzählt.
Dann gibt es ein paar Abschnitte aus dem Weinlehrbuch. “Im Frühling: das Binden, im Sommer: die Laubarbeiten, im Herbst: die Lese, der Winter und dann: die Presse” und noch ein paar Abschnitte, die man als Schreibreflexionen bezeichnen könnte. Da wird knapp vom Vater berichtet, der Andrea durch das Urgroßmutterbuch begleitet und auch Schreibperspektiven kommen vor.
“Wo ist die Prämisse, der Plot, die Crimeline, ist es spannend? Gibt es eine Moral am Ende der Geschichte oder einen erhobenen Zeigefinger?”
Am Ende steht der Tod der Urgroßmutter, die Schulden und der Gang zu dem Presshaus am Grassnitzberg, das jetzt fremden Leuten gehört und ein verstaubtes Türschild mit den Initialen der Hauptakteurin, die auch die von Andrea Stift sind und die Frage, ob sich die unbekannte Urgroßmutter richtig beschreiben ließ, denn “das menschliche Gehirn pflückt sich seine Erinnerungen gern selbst zu einem bunten Sträußchen und die Wahrheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters”, steht auf der Buchrückseite und es war wirklich ein anderes Buch, wenn auch mit Ähnlichkeiten in der Sprachmelodie und möglicherweise vielen Informationen aus dem Leben einer steirischen Familie an der Grenze zu Slowenien.