Vom jüdischen Salon zur österreichischen Literatur

Die letzten Tage waren sehr intensiv, deshalb bin ich auch nicht dazu gekommen, vorher etwas zu schreiben.
Außerdem wollte ich von der Sommerakademie auf einmal berichten, die am Montag im sechsten Stock bei der Erste Bank am Petersplatz begonnen hat, ein wenig kleiner als bei der BAWAG, aber sonst Kaffee und Getränke in den Pausen und die Leute sehr freundlich. Bei der Stiege standen allerdings immer ein Herr oder eine Dame im blauen Kostüm und man durfte nicht hinuntergehen, was die wohl zu verbergen haben? Ansonsten sehr viel Information über alle Schichten des weiblichen Bürgertums, um Achtzehnhundert.
Von den Salons zu den Dienstmädchen. Bei den Dienstmädchen gibt es allerdings nicht viele Quellen, wurde immer wieder erwähnt. Das Material stammte vorwiegend aus Gerichtsakten und es ging hauptsächlich um uneheliche Kinder.
Ansonsten ging es um Tagebücher, in denen die bürgerlichen Frauen die Krankheiten ihrer Kinder beschrieben und nebenbei erwähnten, daß sie im Geschäft mitarbeiteten. Um Toleranzpatente und die Tendenz des österreichischen Hofes alle zu adeligen, die nur genug dafür zahlten und um jüdische Mädchenschulen. Da gab es z.B. eine Gouvernantenausbildung, bei der die Gouvernanten das Schwimmen lernten, wohl damit sie die ihnen anvertrauten Knaben aus dem Wasser ziehen konnten, ob das aber in den damaligen Badeanzügen möglich war?
Am Dienstag ging es selbst in den Salon, bzw. ins Palais Mollard in der Herrengasse, wo es im barocken Rahmen mit etwas weniger Security weiterging. Kaffee und Orangensaft gab es aber auch und zu Mittag eine Führung durch das Globenmuseum, das im selben Haus untergebracht ist und um vier eine Führung durch das jüdische Museum, wo es gerade eine Ausstellung über das “Klischee” zu sehen gibt und man z.B. Marcel Reich-Ranicky als Bücherstütze, aber auch andere seltsame Dinge betrachten konnte.
Das war sehr interessant, ich habe bei dieser Gelegenheit auch nach meinem Schirm gefragt, den ich bei der Torberg Ausstellung vergessen hatte, leider habe ich ihn nicht wiederbekommen.
Am Montag war ich am Abend mit dem Alfred im Kino. Dienstag auf dem Rathausplatz, bin aber, da es erstens regnete und es zweitens ein Pop-Konzert gab, gleich wieder gegangen, nachdem ich eine Sophie Hunger Szene aufnotiert habe.
Die GAV-Nachrichten sind auch gekommen, da konnte ich bei dem Bericht der letzten Vorstandsitzung lesen, daß ich die Organisation des Tages der Freiheit des Wortes zurückgegeben habe. Na ganz so freiwillig war es nicht und Walter Baco rief zur Mitarbeit an einem Blog-Roman auf, da habe ich inzwischen ein Kapitel geschrieben.
Am Mittwoch ist es gleich weiter mit der Literatur gegangen, denn da gab es in der alten Schmiede noch einen Abend zu den “Erzählmustern”.
Helmut Schranz, Heinz D. Heisl und Gundi Feyrer haben ihre Arbeiten vorgestellt und auf dem Weg habe ich Ilse Kilic, Fritz Widhalm und Lisa Spalt getroffen.
Thema war die literarische Brechung von Lebensläufen und zwar bei eher experimentellen Schreibweisen.
Stellte doch als erstes der Grazer Helmut Schranz, der die Zeitschrift “Perspektive” mitherausgibt, sein bei Ritter erschienenes Buch “Birnall” vor und da ging es zwar um eine Figur namens Birnbaumer, aber sonst konnte ich nicht viel Lebensgeschichtliches, sondern eher Aphorismen erkennen, schöne Sätze wie “Graffitis werden an die Wand gesprüht” und in der Mitte gibt es ein Inventar mit all den Wörtern, die darin vorkommen.
Ein wenig hat mich der Stil an Ilse Kilic erinnert, sie meinte aber, sie würde ihre Themen eher begrenzen.
Die Diskussion ging dann im Schmiedemuseum weiter, während im anderen Raum der Tiroler Heinz D. Heisl von Petra Messner vorgestellt wurde, die das wieder sehr genau und sorgfältig machte und in dem bei Dittrich erschienenen Roman “Abriss” geht es einerseits, um die Bewältigung einer Kindheit und die Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit des Vaters, andererseits aber auch um Kursiv-Schrift, Nebenhandlungen und Sprachmelodien, weil der Musiker Heinz D. Heisl vom Hören kommt und seine Werke gern mit Gert Jonke diskutierte. Es gibt Wortschöpfungen wie “Matrosenkappenmann” oder “Genossenschaftsmilchsammelstelle” aber auch leere Seiten, weil der Autor viel Luft braucht.
Bei beiden Autoren ist mir aufgefallen, daß sie sehr selbstbewußt wirkten. Helmut Schranz wurde von seinem Lektor eingeleitet, der das in eher komplizierten Worten machte. Helmut Schranz hat inzwischen sein Hemd hergezeigt, das dasselbe Muster hat, wie eine Grafik in dem Buch und Heinz D. Heisl hat erzählt, daß er den Verlag gewechselt hat und sich bei dem Berliner Verlag viel wohler als bei Haymon fühlt und er hat auch einen Agenten, der seine Verlags- und Pressearbeit macht. Da hat er jetzt viele Rezenssionen in kleinen Zeitungen und verkauft seither viele Bücher.
Danach bin ich gegangen, denn am Karlsplatz gibt es im Juli ein Kino unter Sternen und da gab es eine Lesung von Kurt Palm und seinen Film “In Schwimmen zwei Vögel” und da geht es auch um das Schreiben und Erzählperspektiven.
Wie ein Autor mit seinen Figuren umgeht und die rächen sich dann an ihm.
Der schon verstorbene Grazer Dichter Wolfgang Bauer spielt dabei eine kleine Rolle und Karl-Ferdinand Kratzl, mit dem ich einmal Psychologie studierte, eine größere.
Eine Zeitlang waren unsere Kinder auch in derselben Kindergruppe, dann ist er berühmt geworden. Als er das noch nicht war, das ist jetzt ein geheimer Flüstertip, hat er sich einmal auf einem Volksstimmefest hundert Schilling von mir ausgeborgt und mir dafür einen Band seiner Gedichte gegeben. Ich habe sie mir inzwischen durchgesehen, leider steht auf dem Schnellhefter kein Name, so daß ich es nicht beweisen kann.

In der ehemaligen Synagoge

Der Sommer hat so seine Rituale. So verbringe ich den Juli und August schon seit einigen Jahren in Harland bei St. Pölten und komme nur tageweise nach Wien, um meine Praxis zu machen.
Ende Juni ist das Bachmannlesen und dann die Sommerakademie des Instituts für jüdischen Geschichte Österreichs und zwar beginnt das meistens Sonntag Abend in der ehemaligen Synagoge in St. Pölten mit einem Festakt.
Dazu wird das Wiener Publikum, der Verteiler stammt von den Wiener Vorlesungen, in Bussen hingefahren und um halb zehn wieder zurück.
Am nächsten Mogen geht es los in Wien, drei Tage mit Vorträgen zu einem bestimmten Thema, voriges Jahr waren es die Zahlen, heuer ist es der bürgerliche Salon.
Dazu gibt es einen Katalog, der vom Vorjahr liegt gegen Spenden auf, am Sonntag ein Buffet und am Dienstag ist meist ein Besuch im jüdischen Museum Wien angesagt.
Ein kleines aber feines Institut, das da in der ehemaligen Synagoge unter Martha Keil forscht und arbeitet und in der Sommerakademie sozusagen seine jährliche Leistungsschau von sich gibt.
Die Stimmung war in den letzten Jahren immer sehr besonders. Am Wochenende waren wir in Harland, der Bachmannpreis wurde meistens an diesem Wochenende vergeben, so daß, wenn ich am Montag nach Wien gekommen bin, etwas nachzuhören oder auszudrucken hatte, da es ja bisher kein Internet in Harland gab und dann war es auch sehr heiß und so ist man in Sommerkleidern durch die Stadt gegangen, wo sich die Touristen tummelten.
Bis vor einem Jahr fand die Tagung im Festsaal der BAWAG im Hochholzerhof statt. Heuer wird es wegen dem Skandal bei der Ersten Bank am Petersplatz und im Palais Mollard sein, zu Mittag bin ich immer schnell in die Krongasse gegangen, habe gegessen und die Telefonate erledigt und dann zurück, anschließend vielleicht noch ein paar Stunden machen und am Abend Rathausplatz. Auf diese Weise habe ich in den letzten Jahren das Hauptstadtfest, das es seit 1986 gibt, versäumt, weil ich den Donnerstag und den Freitag für meine Stunden brauchte, aber heuer war das Bachmannlesen schon vor einer Woche und die erste Woche Sommerfrische ist auch schon vorbei.
Ich war beim Hauptstadtfest und komme gerade von der Eröffnung. Das heurige Thema “Salondamen und Dienstboten” ist auch besonders interessant, obwohl mir Ruth Aspöck, als ich sie am Donnerstag fragte, ob ich sie sehen werde, etwas anderes sagte.
Der Bus aus Wien war schon da, als wir kamen, einige bekannte Gesichter, obwohl, wahrscheinlich wetterbedingt, weniger Leute gekommen waren.
Martha Keil hielt die Einleitung, Bürgermeister Stadler, der, wie ich hörte, auch Historiker ist, hat lang eröffnet. Dann gab es Lieder von Felix Mendelssohn Bartholdy und Fanny Mendelssohn und Renate Stockreiter, das ist die Graphikerin des Katalogs, die auch eine schöne Stimme hat, las Beschreibungen zum Arnsteinschen Salon von Gönnern bis zur Geheimpolizei und dann noch Esther Gads, die auch um achtzehnhundert lebte, Äußerungen über Herrn Kampes “Behauptungen, die die weibliche Gelehrsamkeit betreffen”, die dieser für seine Tochter niederschrieb, mit dem ungefähren Inhalt, daß schreibende Frauen das Letzte sind, was Esther Gad lebhaft dementierte.
Heute findet man das lustig und so hat das Publikum auch gelacht. Die Veranstaltung war eher kurz, nachher gab es Brötchen und Wein, der rote war schnell aus, im vorigen Jahr hat es aber, glaube ich, überhaupt nur weißen gegeben.
Ich habe mich ein bißchen mit den Stammbesucherinnen unterhalten und einer meine neuen Bücher gezeigt, die mir von ihren Spaziergängen am St. Marxer Friedhof erzählte und vom hundersten Geburtstag ihrer Mutter, die zu dieser Zeit schon begraben war. Sie wollte ihr erst hundert Kerzen entzünden, hat dann aber ein Geschenk für eine arme Musikerin daraus gemacht.
So hört man die schönsten Geschichten, der Bus ist bald abgefahren und morgen geht es nach Wien zum Symposium.
Heute habe ich wieder geschrieben, bzw. meinen vorläufigen Plan gemacht. Das geht dann immer schnell bei mir. Gestern hatte ich noch keine Ahnung, wie es mit der Sophie Hunger weitergeht, jetzt habe ich die Szenen 71 – 79 aufnotiert, die dann die Letzten sein werden.
Karl Lakner stirbt, Franka Stein hält ihm die Begräbnisrede und Valerie und Felix Baum kommen wahrscheinlich nur bis Prag. So werde ich den ungefähren Zeitplan der letzten zwei Jahre auch einhalten, was ich aber schon tun werde, daß ich das ganze mehr umändere, als es bisher der Fall ist. Mal sehen, ob das stimmen wird.
Ansonsten gibt es zu vermelden, daß es im deutschen Fernsehen eine neue Büchersendung mit Ijoma Mangold und Amelie Fried “Die Vorleser” geben wird. Das Literaturcafe berichtete davon und Amelie Fried, deren Interview ich mir anhörte, ersucht in diesem ihr keine Books on Demand zuzusenden, weil sie die bestimmt nicht lesen oder zurücksenden, sondern nur wegwerfen wird.

Mozarts Friseur und aktueller Schreibbericht

Nach den Geburtstagsglückwünschen, für die ich mich bedanke und einem verregneten Kurzausflug zum Hauptstadtfest, will ich doch ein bißchen was zu Wolf Wondratscheks Novelle “Mozarts Friseur”, aus der ich schon zweimal zitierte, schreiben.
Gerade habe ich sie ausgelesen. Vor einem Jahr hat sie mir der Alfred beim Thalia-Bücherabverkauf um 3.99, den es auch jetzt wieder gibt, kauft man fünf Stück, bekommt man eine besondere Tragtasche dazu, besorgt und 2002, als das Buch herausgekommen ist, war ich bei einer Lesung in der alten Schmiede und den Salon in der Griechengasse gibt es auch tatsächlich.
Erich Joham heißt der Nobelfriseur und hat eine Promiseite bei Wien-live, aber Marie Therese Kerschbaumer hat mir schon vor Jahren von ihrem Frisiersalon Er-Ich, ein Name, der sehr poetisch ist, vorgeschwärmt.
Wolf Wondratschek hat in einer ebenfalls höchst poetischen Sprache darüber geschrieben, mit Kapiteln, die eigentlich abgeschlossene Kurzgeschichten sind und wahrscheinlich das ausdrücken, was die Dichterin Marie Therese Kerschbaumer an ihrem Friseur fasziniert.
Der Friseur ist bei Wondratschek eine Mischung zwischen einem arabischen Findelkind und einem Wiener. In Triest ist er vor Jahren an Land gegangen und wollte in Venedig Perückenmacher werden, kam aber in die Griechengasse, wo er sich verheiratete und Wüstensand auf den Boden des Frisiersalons ausstreute.
Dann umgab er sich mit den seltsamsten Typen. Einem Joe Pichler genannten Udo Proksch, beispielsweise, dem er ein Toupet verpassen soll. Mozart schneidet er die Haare und sammelt die Perücke im Plastiksackerl, wie er überhaupt die herrlichste Prominenten-Haarsammlung hat. Es kommt natürlich Thomas Bernhard vor, dem er ein paar dünne graue Nackenhaare, aus der Zeit seines letzten Lebensjahres vor der Heldenplatz-Premiere entwendet und der ein bißchen a la Wondratschek vor sich hingeifert.
Es gibt einen Friseurgehilfen namens Karotte mit seiner Freundin Puffi, der bei seiner Mutter lebt, die Friseurgehilfin Anna, die Geschichte mit den drei Uhren, die zum Kunstwerk werden und und und …
“Lesen mit Ausrufungszeichen!”, würde Elke Heidenreich sicher sagen. Vielleicht gibt es ein paar Restexemplare beim Thalia Abverkauf, der mir persönlich inzwischen zu teuer ist. So daß ich mich meinem aktuellen Schreibbericht zuwende und da gibt es einiges zu flüstern.
“Sophie Hungers Krisenwelt” blüht und gedeiht, da hat mich das Bachmann-Intensiv-Seminar wirklich sehr beflügelt.
97 Rohseiten und 67 Szenen gibt es schon und ich weiß so ungefähr das Ende. Werde mit dem Rohkonzept wahrscheinlich aber länger brauchen, als mit “Und Trotzdem” und “Der Radiosonate”. Denn da bin ich in den letzten zwei Jahren in Sommerfische gegangen, habe noch ein paar Tage oder eine Woche geschrieben und den Rest des Jahres korrigiert. So schnell wird es diesmal vermutlich nicht gehen. Ich habe auch erst später angefangen und dann hat sich das Ganze auch sehr weiterentwickelt und so wird am Schluß wahrscheinlich etwas anderes herauskommen, als ich am Anfang dachte.
So ist zwar die Sophie Hunger Geschichte mit der Franka Stein und dem Karl Lakner da, aber auch die der Reise des Felix Baum und der Valerie Oswald und das ist diesmal das Spannende am Schreiben. Das Entwickeln der Liebesgeschichte des Mannes, der auf einer Reise von Wien nach Budapest das erste Mal in seinen achtundvierzig Jahren die Beziehung zu einer Frau erlebt und Valeries Oswalds Gesundung vom Messie-Syndrom. Am Anfang habe ich stark das Gefühl gehabt, das ist sehr flach, zuviele “sagte er” – “sagte sie!”.
Und das, was ich bis jetzt habe, ist wahrscheinlich wirklich nur ein Rohkonzept, so daß es mir diesmal vielleicht gelingt, aus dem vor mir liegenden Treatment (ich zitiere aus der Bachmannpreisdiskussion) einen Roman zu machen.
Das Umschreiben konnte ich bisher nie sehr gut. Aber wenn ich meine Sprache etwas germanistischer machen könnte, kann das sicherlich nicht schaden.
Mal sehen, wie es mir gelingt. Im Moment bin ich sehr euphorisch, obwohl es mit dem Schreiben nicht so einfach ist. Denn da ist mir zu Ostern mein alter Laserdrucker, den ich seit einem Jahr in Harland stehen habe, eingegangen und jetzt habe ich ca neun Szenen geschrieben und kann sie nicht ausdrucken.
Und das Papierformat ist für mich wichtig. Ich weiß zwar ungefähr, wohin ich will, so fahren Felix Baum und Valerie Oswald gerade nach Bratislava und gehen auf der Burg spazieren und Karl Lakner zeigt Sophie Hunger seine Bibliothek.
Aber zum Weiterschreiben sollte ich mir das Vorangegangene nicht nur am Bildschirm durchlesen.
Nun gut, es ist schon Samstag und nächste Woche bin ich sowieso zur Gänze in Wien, weil es da die 19. Sommerakademie mit dem Titel “Salondamen und Dienstboten. Jüdisches Bürgertum um 1800” gibt.
Da kann ich mir alles ausdrucken und was den Streit “Spezialbuchhandlungen a la Anna Jeller oder Brigitte Salanda versus Ketten” betrifft und das mit der persönlichen Betreuung der Kunden, kann ich nur sagen, ich war diese Woche zweimal bei Thalia in der Kremsergasse, habe mir von den Damen dort einige Bücher aufmachen lassen und während sie die Schutzhüllen von Sebastian Fitzeks “Splitter” und Sibylle Lewitscharoffs “Apostoloff”, die ich nicht kaufte, entfernten, hörte ich sie den anderen Kundinnen die besten Bücher der Saison empfehlen. Eines davon war Per Olov Enquists “Ein anderes Leben”.
Und Lillyberry hat sich trotz gegenteiliger Beteuerungen offenbar doch entschlossen meinen Stapel ungelesener Bücher nicht unnötig zu vergrößern.

1 Jahr Literaturgeflüster

Es ist so weit. Das Literaturgeflüster gibt es ein Jahr und ich muß natürlich darüber schreiben. Am 3. Juli wurde der erste kurze Artikel verfasst, es war in der Früh, Alfred mußte in die WU und ich habe mich nicht ausgekannt, also ein Pilotversuch und mal sehen, was daraus wird?
Die Idee selbst einen Blog zu machen, ist mir nach dem Bachmann-Kolloquium 2008 gekommen, als ich in den Pausen gelesen habe, was die anderen Blogger darüber schreiben.
Ob ich das ebenfalls kann?
Inzwischen sind 190 zum Teil sehr lange Artikel daraus geworden, 89 Kommentare, bis Dato 9.308 Aufrufe und es hat mir großen Spaß gemacht!
Es ist aber auch mehr. Wenn man sich nämlich über dreißig Jahre sehr intensiv für die Literatur interessiert, mindestens sechsunddreißig Jahre schreibt und etwas weniger lang mehrmals in der Woche zu literarischen Veranstaltungen geht, im Arbeitskreis schreibender Frauen literarisiert wurde und nicht zuletzt Mitglied der GAV ist, hat sich ein ziemliches literarisches Wissen angesammelt, das ich nicht nur für mich ordnen will. Denn es ist ja interessant, was in der Literatur passiert und leider bekommen nur Insider zu wissen, was sich außerhalb des Mainstreams tut!
Über das Lesetheater, die Poetnight, aber auch das Nanowrimo-Writing wird in den Medien kaum berichtet. Auch in Ö1 und in einer Sendung wie dem “Zeitton” gibt es nichts zur “Untergrundliteratur”.
Ein Wort, das ich, wie den “Eigenverlag”, nicht mag, trotzdem ist unter diesem Titel, in der Zeitschrift “Buchkultur”, 1991, ein Portrait über mich veröffentlicht worden.
Dann kommt noch dazu, daß ich den strengen ästhetisch-germanistischen Kriterien nicht ganz entspreche, ein wenig schüchtern bin und mich zumindestens verbal nicht sehr gut präsentieren kann. Und so wurde ich sechsunddreißig Jahre vom Literaturbetrieb aber so etwas wie übersehen und wenn man dazu noch sensibel ist, aber nicht aufhören will, weil die Psychologenseele natürlich schreit, “Tu das nicht!” – ist so ein Blog ein wahrer Segen!
Das hat sich wohl mein Unbewußtes vor einem Jahr gedacht, als ich die paar Zeilen im Pilotversuch ohne Konzept und ohne Ahnung, was daraus wird, geschrieben habe.
Es ist etwas daraus geworden! Schon auf den ersten Kurzartikel, zufälligerweise auch zum Thema “Sommerfrische”, in der ich mich jetzt wieder befinde, ist ein Kommentar von einer Niederösterreicherin gekommen, die mich, keine Ahnung, wie, gefunden hat.
Dann ist mein literarischer Verstärker Otto Lambauer dazugestoßen, hat auch einen Blog gegründet, im März damit aufgehört, aber jetzt, was ich als Erfolg verbuche, wieder angefangen. Weiter so!
Es lebe die Literatur und die Selbstinitiativen, denn wenn wir alles den übersättigten Größen überlassen, kommt am Ende etwas Angebranntes heraus. Und ich habe sie zum Glück noch, die literarische Begeisterung, trotz allem oder wahrscheinlich auch deshalb!
Dann habe ich Autorinnen durch das Bloggen kennengelernt, Andrea Stift und Cornelia Travnicek, mit der ich inzwischen, und das hat nichts mit dem Literaturgeflüster zu tun, in der alten Schmiede gelesen habe.
Und manchmal treffe ich jemanden bei einer Veranstaltung, erzähle ihm von meinen Blog und am nächsten Morgen meldet sich ein anderer und schickt mir einen Kommentar zu dem, was ich vor ein paar Wochen über ihn geschrieben habe oder Rudi Lasselsberger mailt am frühen Morgen “Poetnight, was, wo, wie, warum?”
So habe ich gleich am Anfang sehr viel Lob und Aufmunterung bekommen, vielleicht ist deshalb so viel daraus geworden, denn die konstruktive Kritik ist wichtig, während die destruktive lähmt!
Stimmt auch so wieder nicht, denn dann würde ich schon dreißig Jahre nicht mehr schreiben.
Aber das Literaturgeflüster ist wirklich besser, als das, was ich sonst so schreibe, aufgenommen worden!
Es gab zwar einige, die mir sagten, sie interessieren sich nicht für Blogs, lesen sie nicht und haben keine Zeit dafür. Etwas, was ich früher auch gedacht habe, seit ich mich aber damit befasse, weiß ich, daß hier wahre Goldschätze zu finden sind!
Der Blog der Cornelia Travnicek z.B. Die Schreibwerkstatt und das schriftsteller-werden.de, Anni Bürkl und Christiane Zintzens “inadäquat” nicht zu vergessen und noch vieles mehr.
Das habe ich ja schon vor einem Jahr geschrieben, wenn es das vor dreißig Jahren gegeben hätte, wäre ich heute vielleicht woanders. Ich habe also viel gelernt durch das Lesen und das Schreiben.
Eine Kritik habe ich natürlich auch bekommen, daß ich zu viel und zu offen schreibe, aber GAV- und andere Geheimnisse habe ich nie verraten und das, für wen oder gegen wen ich stimme, ist, denke ich, von öffentlichem Interesse und das ist es auch, was ich mit dem Literaturgeflüster will.
Literarische Hintergrundinformation bieten und das, was ich auf meinen Wegen in die Literatur erfahre, öffentlich machen. Zum Beispiel die letzten Worte der Jeannie Ebner und der Erika Mitterer, die ich von ihnen gehört habe, aber auch, daß Franzobel, als er sich vor dem Bachmannpreis bei der GAV beworben hat, eine große Diskussion auslöste. So ist das Literaturgeflüster zu verstehen und so ist es, glaube ich, auch geworden und, obwohl ich ohne Konzept losgestartet bin, eine interessante Mischung aus allem, woraus die Literatur besteht und ich den Zugang habe.
Denn es ist natürlich subjektiv zu werten und ich werde nur von den Veranstaltungen berichten, bei denen ich war oder die mich aus irgendeinen Grund interessieren und mir aufgefallen sind.
Aber da ich gern über den Tellerrand hinausschaue, ist alles drin, denke ich, die Mainstream- und die Untergrundliteratur, Veranstaltungsberichte aber auch die über das eigene Schreiben.
Ich zelebriere meine eigene Schreibwerkstatt und plaudere über das Entstehen meiner Texte. Schreibe meine Literaturgeschichte und die der Leute, die ich dabei kennenlerne und das sehr ehrlich, offen und subjektiv!
So denke ich, daß ich die, die sich dafür interessieren und sich dafür Zeit nehmen wollen, schon ein wenig einführen kann in die Österreichische, in die Wiener, in die Weltliteratur!
Jetzt ist das Jahr herum, ich bin wieder in der Sommerfrische, das Symposium des Instituts für jüdische Geschichte ist diesmal erst eine Woche später, aber sonst wird sich das Literaturgeflüster wahrscheinlich wiederholen.
Die neue lange Nacht der Literatur bei “Rund um die Burg”, die neue Poet night, der neue Nobelpreisträger u. u. u. und dann das was aktuell passiert, das neue Schreiben, die neuen Bücher, die neuen Skandale, höchstwahrscheinlich auch die neuen Todesfälle. Vielleicht kommen auch neue Stammleser zu den alten hinzu und wenn ich mit dem Literaturgeflüster ein wenig zur Literaturgeschichte beitragen und zeigen kann, da ist eine, die sich sehr für Literatur interessiert und auch recht viel darüber weiß, freut mich das sehr!
“Alles Gute zum Geburtstag, Literaturgeflüster!”, das ja auch wirklich den treffenden Namen hat und am Nachmittag gehts nach St. Pölten zum Hauptstadtfest und die hat auch Geburtstag!

Beginn der Sommerfrische

Da habe ich doch gedacht, ich melde mich nach der Bachmannberichterstattung und zwei intensiven Praxistagen erst heute wieder, wenn ich mit meiner Sommerfrische begonnen habe, die ohnehin nächste Woche unterbrochen werden wird, aber da schreibt die Schreibwerkstatt einen Wettbewerb zum Thema “Traumtinte” aus, wie ich Montag Abend entdeckte, bevor ich mit Alfred ins Kino ging, um mir den italienischen Film anzusehen, wo ein Mann nach dem Tod seiner Frau ein halbes Jahr lang auf einer Bank vor der Schule seiner Tochter sitzt, um seinen Schmerz zu verarbeiten, was mich, als ich die Berichterstattung im Radio hörte, auch an “Sophie Hungers Krisenwelt” erinnert hat.
Ich gehe also ins Kino und denke, da schreibe ich was und stelle den Text auf meinen Blog, sozusagen, um meinen Lesern zum Jubiläum einen Eva Jancak Text zu bieten und außerdem habe ich mir von der Bachmanndiskussion ohnehin mitgenommen, daß ich an meiner Sprache arbeiten will, schöne Worte und realistischer Inhalt, das hat mir ja immer als Idealfall vorgeschwebt und eine Sprachspielerin bin ich vielleicht wirklich nicht.
Also werde ich versuchen, wie beispielsweise Andrea Winkler zu schreiben, die und das ist jetzt ein Geheimtip, diese Woche um drei Minuten vor sieben zum Thema “Vom Träumen” in den “Gedanken für den Tag” in Ö1, zu hören ist.
Zwar konnte ich zuerst mit dem Wort “Traumtinte” nicht viel anfangen, aber schon auf dem Weg zum Kino habe ich die ersten Sätze formuliert und dann bis halb drei am frühen Morgen munter darauf los geschrieben.
Natürlich ist eine Satire zum Bachmannpreis darausgeworden, ich kann wahrscheinlich nicht anders, denn ich bin ja eine realistische Schreiberin und möchte auch betonen, ich will Andrea Winkler nicht verarschen, die wirklich eine höchst poetische Sprache hat und so habe ich vor mich hingeschrieben und war mit dem Korrigieren des Textes noch nicht richtig fertig, da hat mir meine treue Leserin Maria Heidegger schon ihren Kommentar geschickt.
Nun ja, die Wahrheit ist der Schreiberin zumutbar, haben wir aus Klagenfurt gehört, ich hoffe trotzdem auf das Beste.
25 bis 100 Euro Buchgutscheine gibt es zu gewinnen. Da könnte ich mir das neue Buch des neuen Bachmannpreisträgers kaufen und wenn es hoch kommt, auch noch die der Linda Stift und des Lorenz Langenegger …
Mal sehen, im August kommt die Entscheidung, ich werde sicherlich berichten, was daraus wird.
Etwas anderes ist schon geworden, da war ich am Sonntag noch in Harland und mit meiner Bachmannberichterstattung nicht ganz fertig, ist ein Mail von Richard Weihs gekommen, ich kann mir für die “Wilden Worte” ab Jänner einen Termin aussuchen.
Also habe ich mich für Montag, den 11. Jänner 2010 entschieden und werde im Amerlinghaus eines meiner neuen Bücher vorstellen.
Interessierte bitte vormerken. Am Montag kam noch ein Brief von Rolf Schwendter mit dem Anmeldeformular für die Poetnight, die, glaube ich, am 12. September von vier Uhr Nachmittag bis zwei Uhr früh, eine Woche nach dem Volksstimmefest, im “Siebenstern” sein wird.
Da gibt es also schon drei Lesetermine für das alte und das neue Jahr und am Montag gab es noch die Bachmannberichterstattung in den Gazetten bzw. in weiteren Internet-Blogs und das war dann eine Enttäuschung.
So hat mir da der Ton der Großkritiker z.B. Harald Klauhs in der Presse, aber auch Christiane Zintzen aus einem meiner Lieblingsblogs nicht gefallen, denn die haben ihre Meinungen ziemlich vernichtend ausgedrückt und das mag ich nicht, obwohl ich nachvollziehen kann, daß Leute mit streng germanistischen Kriterien mit Catarina Satanik Schwierigkeiten haben, aber ist es nicht toll, daß eine Frau, die noch nie etwas veröffentlicht hat, nicht nur in die Endrunde gekommen ist, sondern auch bei der Publikumswahl die zweitgrößte Stimmenzahl erzielt hat?
Schade finde ich, daß Linda Stift so komplett untergegangen ist und auch bei der heimischen Berichterstattung totgeschwiegen wurde.
An sich, denke ich und das hat man auch bei Arno Geiger und Alina Bronsky gesehen, macht es nichts, wenn man in Klagenfurt nicht so besonders wegkommt, aber da bin ich schon etwas irritiert.
Und jetzt höre ich, hoffe ich, mit der Bachmannpreisberichterstattung auf.
Es war aber ein wichtiges Thema, ich habe viel gelernt und es hat großen Spaß gemacht.
So sind wir gestern spät abends nach Harland gefahren, in St. Pölten ist die Traisen ein klein wenig übergegangen und den Strom hat es auch hinausgehaut und ich werde den Rest der Woche mit der Sommerfrische, wie ich das schon einige Jahre praktiziere, beginnen. Also schreiben, radfahren und vielleicht auch zum “Thalia” in die Kremsergasse schauen, ob es dort wieder einen Bücherabverkauf gibt.
Das Literaturfestival in Brünn beginnt auch im Juni, das hätte ich bei dem Streß der letzten Woche fast vergessen, die Seite des Hauptverbandes www.buecher.at hat mich daran erinnert und da gibt es wahrscheinlich als Reaktion auf die Google-Buch-Erfassung, die derzeit ebenfalls die literarischen Gemüter beherrscht, einen Kurzkrimi von Eva Rossmann zu lesen, den ich allen nur empfehlen kann und Anni Bürkl hat sich auch wieder gemeldet, hat heute ihren Schreibsalon und schreibt auf ihren Blog texteundtee von ihrem neuen und ihren alten Krimi aus dem Salzkammergut.

Wunderschöner Tintentraum

Die Träume sind im Kopf, die Tinte auf dem Schreibtisch, daneben liegt ein Kugelschreiber, der Laptop ist schon startbereit.
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, schrieb Ingeborg Bachmann vor Jahren, heute ist sie es dem Kritiker, dem Publikum und Burkhard Spinnen und der See ist tief und weit. Beim schönsten Betriebsausflug der Literatur ist er herrlich zu durchschwimmen, wenn man das kann und eingeladen wurde, zur Beckmesserei der Meistersingerriege.
Aber das werden ja nur vierzehn Auserwählte Jahr für Jahr aus hunderten oder tausenden Texten von Autoren, die sich die Finger wundgeschrieben haben, mit der Tinte aus den Träumen, mit der Tinte aus dem Kopf.
Die Tinte blau, azurro, wie der Wörthersee, aber den sieht man nicht in der Nacht, beim Wettschwimmen nach dem Empfang in Maria Loretto.
Die Träume aus dem Kopf zu Worten und Sprache geformt. Zu einer wunderschönen Sprache und dem Bilderreigen, den narzistischen Allmachtsphantasien einer wahren Schriftstellerseele.
Realismus gegen Postmoderne, angetreten in Klagenfurt und der Blätterregen am nächsten Morgen ist voll mit den Zynismen der übersättigten Großkritiker, die alles schon gehört und hundertmal gelesen haben und es natürlich besser wissen!
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, die Träume sind es nicht. Die wunderschönen Träume des auf der Wiese liegen und beim Kirschenessen mit den Worten spielen. Dabei die Bilder im Kopf entstehen lassen, wie Seifenblasen, die in den Himmel fliegen oder Luftballone in den Wörtersee.
Währenddessen die Tschetschenen, Georgier und Kosovaren die Lastwägen besteigen, nachdem die Banknoten, in der Welt der wunderschönen Dinge, im schmalen Quader zur blauen Stunde den Besitzer wechselten.
“Good night and good luck!”, bekommen sie zu hören und ab, die Laster ins Wunderland des kollektiven Wirs, das zwar realistisch, aber nicht mehr zulässig ist.
Denn es ist nicht tragbar eine Geschichte so zu erzählen, dem Kritiker nicht zumutbar!
Das wollen wir nicht hören, mahnen streng die Kritikerlippen.
So einen Austriazismus der Umgangssprache muß man schon stilisieren, um im schönen Wörtersee Geltung zu finden oder ist es umgekehrt?
Natürlich, selbstverständlich, das weiß man schon, daß die Leiberln und die Sackerln von der Quadratur des Kreises stammen, von einem esoterisch angehauchten Wunderkind, das es wagte, ohne Veröffentlichung im schönen Klagenfurt zu erscheinen und es dann nicht nur auf die Shortliste, sondern auch zu der zweitgrößten Publikumsgunst zu schaffen.
Ja, dürfen das die Schreiberlinge?, hätte der alte Kaiser sicherlich gefragt. Fragen wir es Franz Josef von Trotta in den drei Wegen zum See?
Aber um die geht es nicht mit der Tinte aus den Träumen in dem Kopf. Der Traumtinte einer Schreibwerkstatt, während die Blätterliebe zu Papier geworden und aufgegessen ist.
Verspeist im wahrsten Wörtersinn von einem literaturbesessenen Wortakrobaten.
Na wenn schon, schreibt der Kritiker. Das ist längsterkalteter Aktionismus aus den Achtzigerjahren und nicht mehr originell. Aufgewärmt, übergelassen und angebrannt. Das interessiert uns nicht, der Jahrgang hat versagt, der Wein ist nicht gelungen, hat nicht gebracht, was von ihm erwartet wurde.
Immer nur der Realismus der deutsch-deutschen Ostdebatte. Dann kommt noch der Realismus des nicht Sterbenkönnens, am Kitsch haarscharf vorbeigeschrammt, der uns in beklemmend schaurigen Bildern den Spiegel vor den Kopf hält.
Die Todessehnsucht der aufgeschlitzten Fischköpfe ist zwar das, was uns erwarten wird, in den nächsten Jahren, aber heute wollen wir es nicht hören. Nicht hinsehen, weil es uns erschreckt!
Aufstehen von der Wiese mit der Wirklichkeit der eigenen, realen Hand, die Haare aus dem Gesicht gestrichen und weggeeilt. Das Wollen und Nichtkönnen, weil man sich zu sehr in die Debatte eingelassen hat, daß das Morphium nicht mehr wirkt!
Der Schuß ist nach hinten abgegangen, während die Pistole auf den Boden fällt, weil ein Zug vorüberfährt in den kleinsten Bahnhof der Welt der Wirklichkeit, mit der Tinte aus dem Kopf, denn auch das kann die Schreibstadt bieten.
Die Experimente der schönen Worte sind vorbei, heute wollen wir uns dem Realismus widmen und auch nicht. Wir wollen es nicht hören! Denn natürlich hat der schöne junge Arzt den Preis gewonnen, der mit seinem schnellen Auto in sein geistiges Refugium braust, um die Freiheit der Literatur der starren Intensivmedizin vorzuziehen.
Keine Angst, raunt das Wortgeraschel im Blätterwirbel, wir entkommen nicht der Realität des eigenen Sterbens und wenn wir uns die Wahrheit in den schönen Worten zumuten wollen, haben wir schon viel gelernt.
Mit den packendenTodessymbolen einer fahlen Landschaft sind sie gekommen, im schönen Klagenfurt am Wörtersee, wo man sich seit zweiunddreißig Jahren zum jährlichen Betriebsausflug trifft, um den auserwählten Worten von vierzehn Autoren zuzuhören.
Auserwählt aus ein paar hundert oder tausend Texten, im überhitzten Klangtheater oder in der Laube beim Marillenmampfen und Bratwürstel essen, wenn vielleicht ein paar Austriazismen am Jahrestag der deutsch-deutschen Einheit zugelassen werden, während die abgelehnten Jungautoren vor den Fernsehgeräten kauern, um den Worten zuzuhören oder sie auch selber auszudenken.
Aus den Träumen in den Kopf, auf das Papier zu bringen mit der Tinte, dunkelblau, wie nicht einmal der Wörthersee und die Sprache kommen lassen, wortgewaltig, wunderbar, um die Kritiker zu erschlagen.
Mit dem Papierflieger die bornierte Kritikerstirn treffen, mit der Blätterliebe in den Wortsalat. Die Sätze in die Kritikerohren geschleudert, wo sie tagelang noch feststecken sollen, in den Ohren und im Hirn.
Das Manuskript ist aufgegessen und im Röntgenbild das Blatt gefunden. Papier im hungrigen Autorenmagen, die Worte im Kritikerhirn sind zu Papier geworden und am Anfang gestanden.
Am Beginn die Stille, schreibt der Autor, aus den Träumen eines Fototeilchens mit der Tinte, während sich die Übergebliebenen mit den Fingern die Handmulden blutig drücken vor Wut und Zorn. Kritikerworte hören, die nichts verstanden haben, während es doch schön war so zu schreiben.
Wunderschön mit der linken und der rechten Hand, den Federkiel in das Tintenfaß getaucht und die Träume aufgeschrieben. Herrlich antiquierte Traumtinte fließen lassen für die Schreibwerkstatt. Aus den Träumen Wortgebilde formen, die wie Luftballons gegen den Himmel fliegen. In Klagenfurt den See umrunden, zu dem drei Wege führen, aber die Bachmann ist ja weggezogen aus der Stadt und hat sie auch nicht sehr geliebt.
Aus der Stadt gegangen und die schönen Worte zurückgelassen. Die Tinte ist übergeblieben, die Traumtinte der Schreibwerkstatt, die ein bis zweitausend schöne Worte fordert, die nicht mehr mit der Hand geschrieben werden, weder mit der rechten noch der linken. So befindet sich die Tinte nur mehr in den Tonerschachteln und der Link fließt papierlos in die Schreibwerkstatt, während die Luftballons schon im Himmel sind.

Klagenfurt 09

Nun der Kommentar zur Preisvergabe, was gar nicht einfach ist, denn ich bin zwar pünktlich ein paar Minuten vor elf aus der Badewanne gestiegen, vorher habe ich ein Kapitel aus Wolf Wondratscheks “Mozarts Friseur” gelesen und das ist seltsam, da finde ich immer Passendes, so daß am Ende wahrscheinlich keine Rezension daraus wird. Also auf Seite 67 steht:
“Für seine Auftritte oder Abgänge ist jeder selbst verantwortlich, aber Ehrgeiz wird bestraft. Wer an die Rampe will, hat unrecht.”
So weit und gut und schon viel vorweg genommen, habe ich ja gestern wieder in Cornelia Travniceks Blog gelesen, wie dieses öffentliche Herabmachen von ausgewählten Texten eine ehrgeizige Autorin fertig machen kann. Ich habe mir überlegt ihr einen Kommentar zu schicken, daß sie ihre Texte nicht wegwerfen soll, sondern weiterschreiben, weiterbewerben und wenn sie einmal eingeladen wird, damit rechnen, daß es ihr vielleicht wie Linda Stift, Andrea Winkler, Phillip Weiss oder Caterina Satanik ergeht, die für eine Debütantin noch am Besten weggekommen ist, aber auch sie hat keinen Preis gewonnen, daß den wahrscheinlich Jens Petersen bekommen wird, war ja spätestens gestern klar, als einer der Juroren den Kitschvorwurf wieder zurückgenommen hat. Dann sicherlich Ralf Bönt, der wie ich gestern noch herausgefunden habe, schon einmal in Klagenfurt gelesen hat und Gregor Sander, aber wer sind die anderen?
Es ist zu befürchten, daß Katharina Born von der Jury einen Preis zugeschanzt bekommt, weil sie eine Schriftstellertochter ist, hat Hella Streicher in ihrem Höhere Welten Blog geschrieben, diese Meinung teile ich nicht, habe aber an Katharina Born nicht besonders gedacht, als ich mir gestern Abend die Preisträger überlegt habe, sondern eher, die Alibi Österreicherin wird wahrscheinlich Caterina Satanik sein, was ihr zu vergönnen wäre und die berühmte Quadratur des Kreises, weil man sich ohne Verlagsempfehlung ja nicht bewerben darf und wie kommt man zu seiner solchen, wenn man noch nie etwas veröffentlicht hat?
Nun gut, der Text von Karsten Krampitz hat mir auch recht gut gefallen und an ihn als möglichen Preisträger habe ich schon beim Portrait schauen gedacht, die Jury schien aber anderer Meinung zu sein.
So habe ich also kurz nach elf meinen Laptop eingeschaltet und auf Preisübertragung getippt und bin nicht hineingekommen, weil ich bei Live-Lesungen klicken hätte müssen, als ich das kapiert hatte, war es schon halb zwölf und die Cevapcici, der Gurkensalat und die Folienkartoffel für den Regengrill waren schon hergerichtet.
Alfred hat mir zwar einmal ganz kurz einen Ausschnitt eingeblendet, aus dem hervorging, daß Jens Petersen der Sieger ist, dann war das aber erst wieder weg und als ich die Übertragung hatte, wurde gerade Katharina Bohrn ermittelt. Dann kam der Sieger des Publikums, dessen Meinung ohnehin immer die beste ist, wie launig angemerkt wurde und Berlin hat offenbar eine stärkere Lobby als Graz, aber ich habe getan, was ich konnte, obwohl mir auch Lorenz Langeneggers Text gut gefallen hat, weil mein jetzt Entstehender ja sehr ähnliche Inhalte hat, wenn auch sprachlich nicht so ausgereift und so hat auch der zweite ostdeutsche Text zu zwanzig Jahren DDR-Geschichte gewonnen, herzliche Gratulation!
Ansonsten bin ich richtig gelegen, obwohl ich mir die Preisvergabe erst anschauen werde, wenn mein Artikel fertig ist und das Video abrufbar.
Ich kann aber trotzdem was zum Siegertext sagen. Das Thema ist ja packend und von einer absoluten Aktualität, die uns alle betrifft.
Mit dem Schluß war ich aber nicht einverstanden und so habe ich auch nicht für ihn gestimmt, denn es ist ja eine indirekte Aufforderung zur Sterbehilfe und da bin ich anderer Meinung, auch wenn das in der Schweiz erlaubt ist.
Man kann auch natürlich sterben, dazu muß man sich zwar vorher vielleicht ein wenig weniger in die Medizin hineinbegeben, aber das Geld wird ohnehin langsam knapp und, daß der Selbstmord dann noch nicht gelingt, das schrammt auch für mich sehr knapp am Klischee, so daß ich am Freitag mehr Freude an dem Andreas Schäfer Text hatte, der auch zu Unrecht untergegangen ist.
Das war also Klagenfurt 09. Interessant und intensiv. Möchte aber trotzdem darauf hinweisen, daß der auserwählte Jahrgang mit dem Sieger, der da morgen in den Zeitungen präsentiert werden wird, nur ein kleiner Auschnitt der deutschsprachig Schreibenden darstellt.
Ein paar Hundert hatten die Verlagsempfehlung und viel mehr Autoren wahrscheinlich nicht und ich finde auch sie sollten gelesen werden und da sind wir schon beim eigentlichen Dilemma:
Denn wer wird das nun wirklich tun? Der Vielschreiber Egyd Gstättner, dessen Textkiste ich einmal als Jurymitglied beurteilen durfte und der für den ORF www.bachmannpreis.at Artikel schreibt, hat da eine herrliche Glosse, wie die anwesenden Lektoren oder Literaturhausmitarbeiter in der Laube sitzen und Marillen essen, aber der Zulauf am Büchertisch sehr schwach ist …
Na ja, die, die in Klagenfurt sind, kaufen sich wahrscheinlich keine Bücher, weil sie sie geschenkt bekommen und die anderen wissen vielleicht gar nicht, daß es so was gibt und in einem Land, dessen Schulen inzwischen 20% Analphabeten produziert, sollte vielleicht das Lesen, die Neugier und die Vielfalt daran fördern, statt immer nur übersättigte längst die Lust verloren habende Experten darüber jammern lassen, daß dieser Jahrgang nun leider wirklich nicht gelungen ist!
Und mein Schlußwort zu diesem Bachmannmarathon, den ich, ich wiederhole es, wirklich sehr genossen habe, übergebe ich wieder Egyd Gstättner, der schon vor ein paar Tagen einen “Gert Jonke”- Preis gefordert hat.
Ja, das wäre gut, einen der anderen Preise so zu benennen oder am besten noch einen dazugeben, daß nächstes Jahr vielleicht eine Österreicherin oder Österreicher weniger sich mit den Fingern die Handmulden blutig drückt oder seine Texte in den Müll werfen will. Und eine Bibliothek hat Otto Lambauer schon gelinkt, soll es in Klagenfurt auch bald geben und das wäre wirklich ein Erfolg und jetzt auf zum Mittagessen!

3. Bachmann-Lesetag

Inzwischen bin ich mit Alfred nach Harland gefahren, um das Wochenende auf dem Lande zu verbringen.
Deshalb habe ich die Gregor Sandor-Lesung versäumt, da Alfred nach einer Abschiedsfeier eines Kollegen erst sehr früh am Morgen nach Hause kam und auch einen Teil der Satanik-Lesung, weil ich bei den Schwiegereltern Mittagessen war.
Habe aber alles nachgeholt und in der kurzen Mittagspause gab es einen Bericht über zwanzig Jahre Fall der Mauer, bzw. Was ist DDR-Literatur? – Was mich dazu veranlaßte, mir das Tellkamp-Portrait und einen Teil der Lesung aus dem Jahr 2004 noch einmal anzusehen. Es gab auch eine Einschätzung von Lektoren und Verlegern zu der Qualität der Texte, die der Meinung waren, das Niveau war diesmal sehr gering.
Da bin ich anderer Meinung, wahrscheinlich liegt es an meinem Literaturbegriff, der naturgemäß ein realistischer ist.
Ich bleibe dabei, der gestrige Lesetag mit den sehr vielen realistischen Texten war für mich der beste und die Texte haben mir gefallen, auch wenn natürlich nicht Herr Goethe oder Frau Bachmann am Lesepult saßen und Faust und Malina schon geschrieben sind!
Aber der kritische Ex-Juror hat ja auch etwas sehr Interessantes gesagt, da war einmal Jurek Becker und ist ohne Preis nach Hause gefahren und bei Josef Winkler habe ich das 1996 auch so erlebt.
Aber zurück zum letzten Lesetag, da gabs ja noch zwei Österreicherinnen, nämlich Andrea Winkler, die so etwas wie ein Jungstar ist, eine schöne junge Frau mit einer wunderbaren Sprache und sehr poetischen vielen Bildern. Ich habe mich aber, wie, ich glaube, es war Herr Mangold, gefragt, um was geht es da eigentlich?
Die Ich-Erzählerin liegt auf einer Wiese, hört Stimmen und läßt sich mit sehr wenig Handlung Bilderstereotype durch den Kopf treiben, spricht vom kleinsten Bahnhof der Welt und immer wieder von ihrer ausgesprochen wirklichen Hand. Irgendwie geht es auch um eine Trennung, aber sonst erfährt man nichts von dieser Welt, als diese zugegeben schönen Bilder in einer für meine Begriffe etwas antiquierten Sprache. Narzistische Allmachtsphantasien eines Schriftstellers hat es einer der Juroren genannt.
Das war dann bei Caterina Sataniks Debuttext “Leben ist anders” etwas differenzierter, denn die ist auch Psychotherapeutin und Religionslehrerin und deren Heldin bewältigt die Trennung von ihrem Mann namens Wolf mit, wie es genannt wurde “gespielter Naivität” und der Inanspruchnahme von Ratgeberliteratur.
Da wurden dann die Austriazismen angeprangert und Karin Fleischanderl meinte, daß Alltagssprache in einem literarischen Text künstlich sein muß, sonst hat sie keinen Bestand.
Das bitte, verstehe ich nicht und denke, die Sackerln und die Leiberln müßten in Klagenfurt schon standhalten, der Berliner Jargon tut es ja auch und da sind wir wieder bei dem Punkt, daß es Österreicher in Klagenfurt immer etwas schwer haben.
Dann gab es, wie erwähnt, noch Gregor Sander aus Berlin mit einer DDR-Geschichte, die am Meer und unter Fischen und Fischern spielt und Katharina Borns “Fifty fifty” eine Abrechnung mit 1968, wie ich hörte oder auch eine Dreiecksgeschichte.
Eine Frau zwischen zwei Männern, einer ist ein berühmter Schriftsteller und die neunzehnjährige Tochter übersetzt seine Texte und kommt drei Jahre später mit einem zerrissenen Blusenkragen ohne Geld, aber schwanger zu den Eltern zurück.
“Wo ist die Gewalt?”, fragten die Juroren und empfahlen Katharina Born einen Lektor, der ihr die beiden Hunde hinausstreichen soll, die innerhalb von vier Seiten vorkommen.
Das waren die heurigen Lesetage. Ab fünfzehn Uhr kann man abstimmen, ich werde für Linda Stift votieren, die ja leider heuer diejenige war, die Pech hatte, obwohl mir ihr Text sehr gut gefallen hat, und dann Radfahren gehen.
In Klagenfurt gibt es um 16 Uhr ein Fußballmatch der Autoren. Aber diese Seite des berühmtesten Betriebsausflugs der Literatur geht mir ab, weil ich das Ganze ja nur virtuell erlebe. Wenn ich aber so in den Zeitungen lese, denke ich, daß ich vielleicht mehr, als die, die dort sind, mitbekommen habe.
In den Wörtersee kann ich natürlich nicht baden gehen, nur an der Traisen radfahren, vielleicht bis nach Herzogenburg, denn mir raucht der Kopf von soviel Intensiv-Literatur. Alfred hat zum Grillen eingekauft, so daß es noch gemütlich werden kann.
Morgen um elf gibt es die Preisverleihung und den neuen Preisträger, der, wie ich schätzen würde, Jens Petersen oder Ralf Bönt heißen wird.

2. Bachmann-Lesetag

Es ist schon ein Dilemma mit der Literatur oder, wie heißt schnell die Mehrzahl? Weil ja schon wirklich alles hunderttausend Mal geschrieben wurde und die vierzehn Autoren und Autorinnen unter ein paar Hundert als die Besten ausgewählt wurden. So sitzen sie nun da und lesen ihre Texte und das ist der übersättigten Jury dann auch nicht recht.
Herr Spinnen hat das Alles bei sich selber schon erlebt und geschrieben, der letzte Ankick fehlte und dies oder das ist nun wirklich Literarisch nicht gelungen, ist zu platt, zu trivial, hat den eigenen Anspruch nicht erreicht und so weiter und so fort …
Da tue ich mir mit meinem sehr offenen Literaturbegriff und meiner Neugier, die, ich staune selbst darüber, nach sechsunddreißig Jahren erfolglosen Schreibens immer noch vorhanden ist, wahrscheinlich leichter.
Denn ich gebe mir auch dieses Block-Seminar mit Begeisterung und egal, was man in den Zeitungen oder auf der ORF-Seite demnächst lesen kann, das waren heute alles sehr intensive Texte mit äußerst brisanten Themen und sprachlich mehr oder weniger künstlich bzw. natürlich erzählt.
Es begann mit Linda Stift, der Cousine von Andrea, die auf ihrem Blog mitzitterte und von der ich spätestens nach “Stierhunger” sehr begeistert war. Das erste Buch hat mich nicht so ganz beeindruckt, aber auch die Geschichte mit den siamesischen Zwillingen ist sehr dicht erzählt.
Karin Fleischanderl hat sie eingeladen und sich sehr für sie eingesetzt und dann ging es los “Mit der Welt der schönen Dinge”.
Man übergibt das Geld im schmalen Quader, schaltet das Handy ab und steigt ein, in den Lastwagen, Rampe zu und da drinnen sind die Kübel für die Notdurft und es stinkt auch fürchterlich.
Einen Moment habe ich an den Film “Der letzte Zug” gedacht, bis mir klar wurde, da geht es um zukünftige Asylwerber bzw. Wirtschaftsflüchtlinge mit allen ihren Hoffnungen von der schönen neuen Welt. Sie haben sich neu eingekleidet und träumen nun davon, während sie im Dunklen durch die Gegend rattern und irgendwann auch die Kübel benützen müssen, die Frauen genieren sich zuerst, die Männer essen ihre Jausenbrote und trinken Schnaps und das alles geschieht im “Wir” und man weiß nicht immer so genau, geht es jetzt um einen Mann oder um eine Frau, um Bosnier, Georgier oder Tschetschenen?
Aber Hand aufs Herz, wissen wir viel mehr von den Leuten, die ein paar Tage später aus dem Lastwagen kraxeln und wollen wir es wissen?
Der Jury hat das aber nicht gepasst und den Text unzulässig genannt. Linda Stift war, glaube ich, ein paar Mal, dem Weinen nahe und Karin Fleischanderl hat sich verzweifelt bemüht zu erklären, daß es zwischen Literatur und Realität einen Unterschied gibt und ich habe gerade dieses kollektive “Wir” als das Gelungene an dem Text gefunden.
Dann kam ein etwas anderer Text, nämlich der des Physikers Ralf Bönt “Der Fotoeffekt”, eine neue Art “Der Vermessung der Welt”. Und irgendwie, obwohl es schon hundert Jahre früher spielt, zum heutigen Generalthema passte, ging es doch um den Gedächtnisverlust durch Quecksilber, den man sich halt zuzog, wenn man damals die Fotografie erfinden wollte.
Die Jury mäkelte an den sprachlichen Ausdrücken herum und gab sich dann auch eine Blöße, weil sie natürlich nicht so viel von Physik wie Ralf Bönt versteht und “Hinter der Wand” des in Spanien lebenden Musikers Karl-Gustav Ruch waren wir schon wieder bei einem brisanten Thema.
Da gab es in einem Zinshaus plötzlich seltsame Geräusche und man weiß nicht recht, sind das die Nachbarn, der erfolglose Sänger, Komponist bzw. österreichische Schriftsteller oder die alte Witwe, der entführte Bankdirektor, bzw. die schwarzafrikanischen, mohammedanischen Flüchtlinge oder doch die Termiten, die ja angeblich jede spanische Brandmauer aushöhlen.
Am Nachmittag, nach einer kurzen Google-Urheberdiskussionspause, ging es weiter mit den großen Themen unserer Zeit, die die Literatur sprengen bzw. man darüber streiten kann, ob es Kitsch wird, wenn man literarisch darüber schreibt.
In Jens Petersen “Bis daß der Tod” chauffiert ein alter oder auch junger Mann namens Alex seine Frau Nana durch die gespenstisch kahle Landschaft in der es von Todessymbolen nur so wimmelt und spricht mit ihr, nur kann sie ihm nicht antworten, weil sie sich offenbar im Wachkoma befindet und es geht um das nicht Sterben können, bzw. was man versäumt, wenn man diese Fälle nicht einer Klinik überläßt. Die väterliche Mühle geht verloren und das Restaurant wird von seltsamen Pfadfindern bevölkert. Und Alex zieht auch plötzlich eine Pistole aus der Tasche und hat auf einem Zettel aufgeschrieben, wie er vorgehen soll, obwohl er vorhin darauf hinwies, daß er das schon einmal verabsäumte, als ihm klar wurde, daß er Nanas Reaktion darauf, nicht berechnen kann. Am Schluß ist Nana tot, Alex Selbstmord wurde aber verhindert und er stürzt in Panik davon.
Das hat nun mich ein wenig unbefriedigt zurückgelassen, bzw. habe ich es aufgesetzt gefunden, weil man sich ein solches Ende von einem literarischen Text wohl erwartet und die Jury forderte auch noch das bißchen mehr dazu.
Oder nein, das war schon beim nächsten Text, nämlich dem von Andreas Schäfers “Auszeit” in dem es zufällig um etwas Ähnliches ging.
Um einen Piloten nämlich, dessen Sohn ermordet wurde und der zu saufen beginnt, als er einen Kollegen sagen hörte, “Also ich an seiner Stelle hätte den Mörder umgebracht!”
Alles starke dichte Texte heute, das nackte Leben und nicht nur l´art pour l´art. Das war gestern bei dem Text “Blätterliebe”, dessen Autor heute prompt in allen Zeitungen steht und man darüber rätselt, ob der verspeiste Text echt oder doch aus Oblaten war?
Ich finde es toll, was alles in Klagenfurt passiert und es war ja auch die Klagenfurter Rede aufregend und hat, wie ich gerade im Kulturjournal hörte, sehr viel ausgelöst, obwohl die Politiker die Anklagen erstaunlich gelassen genommen hätten.
Das war mein heutiger Kolloquium-Bericht und heute habe ich nichts mehr vor, auch nicht den Besuch des Donauinselfestes, das heißt, wenn ich es schaffe, kann ich mich natürlich mit meiner Schreibwerkstatt beschäftigen, denn da habe ich ja jede Menge Anregungen bekommen.

Bachmann mit Zitronenkuchen

Tag eins der Lesungen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt und da ich ein bißchen ehrgeizig bin, habe ich noch ein Extraprogramm dazu gefügt.
So bin ich am Morgen über lillyberry auf einen Bachmannblog gestoßen und habe ein bißchen von der Literaturkurslesung und den Erfahrungen Jan Drees, der ein Kind war, als Rainald Goetz sich 1983 mit der Rasierklinge schnitt und nun das erste Mal in Klagenfurt ist und nicht wußte, wie dort der Dresscode ist und man sich benehmen soll, gelesen.
Das habe ich schon hinter mir, bin ich ja 1996 auf eigene Faust hingefahren und habe, da ich nicht angemeldet war, nicht die Texte bekommen, wegen des Urheberrechts. Wie sich die Zeiten ändern, jetzt kann man sie sich ausdrucken, nachdem der Autor gelesen hat.
Es begann um zehn Uhr mit der Lesung des Schweizer Autors Lorenz Langenegger, der 1980 geboren wurde und ein Buch bei Jung und Jung veröffentlicht hat. Der Text “Der Mann mit der Uhr” war eine Art deja vue Erlebnis, ging es ja um einen, der sein Leben abwechselnd zwischen den Bänken vor dem Kindergarten und denen auf dem Friedhof verbringt, sich selbst als kauzigen Kerl bezeichnet und von einem Mann angesprochen wird, der auf die Entscheidung einer Beförderung wartet und nachdem er genommen wird, kommentarlos verschwindet.
An etwas Ähnlichem arbeite ich ja an meinem Wirtschaftsroman. Auch da kommen Parkbänke auf dem Friedhof bzw. Spielplatz vor. Ich gebe zu, sprachlich bin ich nicht so weit und war das schon gar nicht, als ich neunundzwanzig war.
Der Jury hat es trotzdem nicht so gut gefallen, es altmodisch genannt und Kafka zitiert, aber ich habe es sehr aktuell gefunden.
Dann kam der noch jüngere Wiener Phillip Weiss, das ist der, der in seinem Portrait nur das Gesicht verzieht. Seinen Text konnte ich leider nicht gleich hören, denn da war der Server überlastet und hat mich hinausgeschmissen. So habe ich mir die ersten zwei Texte ausgedruckt und bin in die Küche gegangen.
Bei der Diskussion bekam ich wieder Kontakt und es wurde interessant, denn da hat der Autor seinen Text, bei dem es um das Schreiben geht, anstrengend hat ihn Clarissa Stadler genannt und Thomas Bernhard wurde als Vorbild zitiert, genommen und ihn aufgegessen, was alle ratlos machte.
Danach kam der Berliner Karsten Krampitz an die Reihe, den ich eigentlich für einen der Favoriten gehalten hatte. Die Jury war aber nicht so überzeugt. Es ging um eine ostdeutsche Geschichte. Republikflucht in den Himmel, passend zum Thema zwanzig Jahre Mauerfall, um einen Pastor, der einmal Uhrmacher war und sich fast zu Tode gesoffen hätte und um einen Spitzel, der einem Journalisten seine Geschichte erzählt und dabei behauptet, daß er niemals Mitarbeiter der Staatssicherheit war und alle gingen dem Autor auf dem Leim und es wurde diskutiert, ob man das beurteilen soll, was man hört oder das, was man sich erwartet.
Danach ging die Jury in die Mittagspause, es folgte wieder eine Diskussion zum Urheberrecht und ich machte mich ins AKH zum klinischen Mittag auf, denn da war ich schon lange nicht und ich soll ja jährlich dreißig Stunden Fortbildung sammeln und außerdem war das Thema “Psychoedukation bei Schizophrenie” interessant und die beiden Nachmittagstexte lassen sich ja nachhören.
Christiane Neudecker, die ihr Portrait ebenfalls selbst gestaltet hat und sich als Ringkampfkämpferin darstellte, las einen Text, dem sie den Tänzer Frieder Weiss gewidmet hat und der aus der Sicht eines Mannes geschildert wurde, der seinen Schatten verliert, also eine echte Horrorgeschichte ist.
Leider war es nicht möglich, die Diskussion zu hören, er wurde aber sehr gelobt und auch ihr Portrait ist gut angekommen.
Vorher hat noch der 1957 geborene Bruno Preisendörfer seinen Text “Fifty blues” gelesen, in der ein Psychoanalytiker seinen fünfzigsten Geburtstag feiert und sich dabei mit Gott vergleicht.
Da habe ich hauptsächlich die Diskussion gehört, denn ich hatte ja noch etwas anderes vor. Gab es ja um neunzehn Uhr in der Hauptbücherei die Buchpräsentation der Edition Exil “Zitronenkuchen für die sechsundfünfzigste Frau” der 1971 in Istanbul geborenen und seit 1983 in Wien lebenden Seher Cakir, die 2005 den “Exil-Preis – Zwischen den Kulturen” gewonnen hat und das ist interessant. Ist ja Sandra Gugic, die beim Literaturkurs mitmachen durfte, die Preisträgerin von 2008 und Cornelia Travnicek hat da ja auch einmal einen Preis gewonnen.
Die Edition Exil gibt also sehr viel Literarisches her, so hat Julya Rabinowich mit ihrem Roman “Spaltkopf” den Rauriser Literaturpreis gewonnen und Seher Cakir bekommt inzwischen ein Staatsstipendium.
Als ich eintraf wurde Seher Cakir, die ein schwarzes Abendkleid mit einem roten Schal trug und sehr viel lächelte, gerade vom ORF interviewt.
Das Buch “Zitronenkuchen für die sechsundfünfzigste Frau” enthält zehn Kurzgeschichten von Frauen mit oder ohne Migrationserfahrungen und Seher Cakir hat davon ein paar in Teilen vorgelesen. So begräbt eine Mutter in der Geschichte “Der Nußbaum” das neugeborene Baby der Tochter und pflanzt einen Baum darüber und bei “Sevim u. Savas” geht es um eine Zwangsverheiratung, der Sevim durch Hungerstreik entkommt, als sie aber Savas, nach Österreich zurückgekommen, eine SMS schicken will, bekommt sie keine Antwort, glaubt schon, er hätte sie betrogen, obwohl ihn ihre Familie offenbar inzwischen ermordet hat.
Es gab Musik von Düzgün Celebli und Christa Stippinger wies auf eine Buchparty nächste Woche mit anatolischem Buffet hin.
Buffet gab es auch heute und als ich Christa Stippinger meine neuen Bücher zeigte, hat sie sie mir nicht nur abgekauft, sondern mir auch das von Seher Cakir und eines von Mircea Lacatus geschenkt, der 2007 den Lyrikpreis bekommen hat.
Julya Rabinowich war auch anwesend, hat sich mit Jessica Beer unterhalten und davon gesprochen, daß sie Steven Spielberg fragen wird, ob er nicht ihren Roman verfilmen will, was mir irgendwie bekannt erscheint, bei mir aber ganz anders ist.