Karl Marx in Wien

Jetzt kommt ein interessantes Buch, das zwar schon 2013 oder noch früher erschienen ist, aber bezüglich der aktuellen politischen Situation in letzter Zeit besonderer Präsanz bekam. Wird doch jetzt gerade diskutiert, ob Andreas Babler, der neue Vorsitzende der SPÖ, ein Marxist oder war oder ist, wahrscheinlich war er das in seiner Studentenzeit, aber jetzt gilt das offenbar als Schimpfwort und alle, während der Mittelstand zerschlagen wird, fürchten sich vor den angeblich nordkoreanischen Zuständen, die niemand will.

“Karl Marx in Wien” von Herbert Steiner wiederaufgelegt und herausgegeben von Alexander Weiss, in der “Edition Tarantl” erschienen, der kleine feine Verlag von Gerald Grassl der mir mir gelegentlich seine Publikationen gibt und als ich das Buch bei der “Krit Lit” auf seinen Stand liegen gesehen habe, hat es mich angesprochen, weil Karl Marx für mich ein kritischer Denker und kein Feinbild ist und das Buch ist eigentlich verwirrend, enthält es doch verschiedene Artikel über Karl Marx beziehungsweise über die Tatsache, daß der sich vom 27. August bis 7. September 1948 in Wien aufgehalten hat. Da gab es die Achtzehnachtundvierziger Revolution und im Vorwort erklärt der Herausgeber aus welchen Artikeln sich das Buch zusammensetzt.

Dann kommt gleich ein Artikel von Gerald Grassl, der sich mit den Wiener Orten, die das Wort Marx enthalten auseinandersetzt. Denn da gibt es ja die Marxergasse, St. Marx und der liebe Augustin hat angeblich oder tatsächlich auch Marx mit Vornamen geheissen. Den Karl Marx-Hof in Heiligenstadt, dem größten Wiener Gemeindebau der Zwischenkriegsjahre gibt es auch und der sollte, als die DDR zerbrach und die Marx-Büsten abmontiert wurden, auch umbenannt werden. Er hat das überlebt und soll das in der neueren Debatte offenbar wieder, aber schauen wir uns einmal die sozialen Zustände des Jahres1848 an, wo gerade die Eisenbahn erfunden war und die Arbeiter kein Wahlrecht hatten. Wolfgang Häusler erklärt uns dann in zwei Kapiteln. Johann Nestroy hat in dieser Zeit gelebt und da gibt es ja das “Liederliche Kleeblatt des Lumpazivagabundus”, wo drei Handwerker, das große Glückslos bekommen, zwei wieder verelendigen, während der Dritte, die Meistertochter heiratet, in den Bürgerstand aufsteigt.

Gerhard Hauptmann hat das Drama über die “Weber” geschrieben und die Leute waren sehr arm, hatten nichts zu essen, während die Aristokraten auf den Bällen tanzten und ein Gedicht von Gustave Leyoy wird auch zitiert:

“Was wir begehren von der Zukunft Fernen? Dass Brot und Arbeit uns gerüstet sehen, dass unsere Kinder in der Schule lernen Und unsere Greise nicht mehr betteln gehen!”

Dann kommen wir zu dem gekürzten Beitrag von Herbert Steiner, dem langjährigen Leiter der “Dokumentationsstelle des österreichischen Widerstands”, der 1978 ein Buch mit diesen Titel herausgegeben hat, das mit der Beschreibung der Lage beginnt. Die Arbeiter, damals wurde offenbar viel gebaut, wollten eine Bezahlung an den Regen- und Feiertagen, es gab den Zehnstundentag und viel Elend. Dann sollte der Lohn noch um fünf Kreuzer herabgesetzt werden. Das gab einen Aufstand mit vielen Verletzen und einigen Toten im Prater und dann reiste Karl Marx, Dreißigjährig und gerade das “Kommunistische Manifest” geschrieben aus Berlin mit der Nordbahn an und hielt an verschiedenen Arbeiterbildungsvereinen einige Vorträge.

Davon gibt es es Lithografien. Marx an einem Wirtshaustisch mit einigen Arbeitern, wie darunter steht, die tragen aber alle Anzüge und Hemden und sehen eher bürgerlich aus. Eine Emanze mit Gewehr gibt es auch zu sehen, denn die haben einen Arbeiterfrauenverein im Volksgarten gegründet, wurden von den Männern aber ausgelacht und verspottet und Johann Nestroy sieht mit Gewehrauch bei der Ferdinandbrücke stehen. Hat der doch das revolutinäre Stück “Freiheit im Krähwinkel” geschrieben, das damals aufgeführt worden war. Am siebenten Septebmer ist Marx wieder abgereist und hat einen Artikel darüber in der “Rheinischen Zeitung” geschrieben, die er mitherausgegeben hat und wenn man die damaligen Zuständen mit den heutigen vergleicht, wo die Verelendigung der Massen durch die hohe Inflation und die allgemeine Verängstlichung und Entmündigung offenbar vorangetrieben und die Leute vielleicht zur FPÖ getrieben werden, kommt einer das Schauern. Eine starke Arbeiterbewegung muß wieder her und ein bisschen Aufwind scheint die SPÖ durch ihren neuen Vorsitzenden und die KPÖ ja auch zu haben.

Helmut Häusler beschreibt dann wie es mit der 1848-Revolution weiterging, die dann im Oktober oder November niedergeschlagen wurde. Georg Herweghs “Resumee” ist dann auch noch abgedruckt, bevor die Historikerin Herbert Steiners Biografie 1923-2001, der als Sohn jüdischer Eltern emigrieren mußte, wiedergibt.

Ein interessantes Buch, vor allem wenn man die Situation des Proletariats von damals mit der heutigen Situation vergleicht. Karl Marx also lesen, bevor man ihn verbrennen oder verdammen will, würde ich raten und in DDR-Zeiten hat man das “Kommunstiische Manifest” in den entsprechenden linken Buchhandlungen ganz billig bekommen. Aber das ist wahrscheinlich vorbei.