Und nun zum neuen Buch der Nobelpreisträgerin von 2018, der 1962 geborenen Olga Tokarczuk,, von der ich glaube ich, das erste Mal etwas hörte, als 2000 Polen das Gastland in Frankfurt war und wir dort waren.
Irgendwann hat ein Buch von ihr in der Abverkaufkiste beim “Morawa” gelegen, da es aber, glaube ich ,mehr als drei Euro kostete, habe ich es liegen gelassen.
Später habe ich ein paar Bücher von ihr im Schrank gefunden und den “Gesang der Fledermäuse” gelesen, nachdem sie den “Nobelpreis” bekommen hatte. Das war dann 2019, denn da gab es ja zwei Preisträger, die verkündet wurden und da waren wir auch bei der Buch-Basel, wo sie lesen hätte sollen, aber wie Herta Müller, die in Basel war, nicht gekommen ist.
Jetzt das neue Buch und da war ich wegen des unverständliceh Titel ein wenig abgeschreckt und habe erst beim Lesen erfahren, daß es eine Antwort auf Thomas Manns “Zauberberg” ist oder auch nicht, denn es ist, wie als Unterttitel steht “eine natur (un)heilkundliche Schauergeschichte” und schlägt man den dreihundertsechzig Seiten Roman auf, sieht man zuerst schöne Bilder von dem schlesischen Kurort Görbersdorf, der heute Sokolowsko heißt. Briefmarken aus dem Jahr 2013 oder so, wo das Buch spielt, gibt es auch zu sehen, denn da wird der Student Mieczyslaw Wojnicz aus Lemberg geschickt, weil er an Tuberkulose leidet und steigt dort, weil er wenig Geld hat, in einem Gästehaus ab, das von einem Herrn Opitz geführt wird. Dort lernt er drei Herren kennen, den schwer kranken Thilo aus Berlin, den Herrn Frommer, den Herrn August und den Herrn Lukas, das sind Thelogen, Atheisten, Schriftsteller, etceterta, mit denen am Abend bei einem Gäschen Schwärmerei philosophiert wird.
Am Tag geht es ins Kurhaus zu Dr. Semperweiß, das ist seltsamerweise ein Psychoanlytiker und kein Lungenspezialist und der mokiert sich, daß sich Mieczyslaw nicht ausziehen will.
Also ein seltsam schamhaftes Bürchchen, das auch von der Frau Opitz oder ihren Unterröcken irritiert wird, denn am nächsten tag findet er sie tot auf dem Küchentisch liegen. Sie hat sich erhängt, sagt Herr Opitz und die anderen munkeln, er hätte sie schlecht behandelt oder gar umgebracht.
Vom Dachboden her klingen seltsame Geräusche, das Gurren von Tauben oder anderen Getier und es wird ihm auch erzählt, daß in dem Örtchen jeden November Leute in Stücke gerissen werden.
Sonst rät Dr. Semperweiß zu Spaziergängen und guten Essen. Das macht Herr Optz auch mit seinen Schäfchen. Hr gibt es offenbar einen Rechenfehler der Autorin oder gehört das zu der Schauergeschichte?
Die Herren philosophieren jedenfalls sehr oft und viel von der “Minderwertigkeit des Weibes” und bei den “Notizen der Autorin” findet man den Herrn Weininger zitert. Se besuchen die “Tuntschis”, das sind gebastelte Figuren an denen sich die Köhler und Hrten offenbar befriedigen und Wieszyslaw zieht sich immer öfter in das Zimmer der Toten am Dachboden zurück.
Am Schluß stellt sich heraus, er ist als das nächste Opfer auserkoren oder eigentlich nicht, denn das hätte Thilo sein sollen. Er stirbt nur vorher und so kommt es zu einem wahren Horrorszenario, Mieszyslaw, dessen Mutter früh gestorben ist und dessen Vater und Onkel ihn zum Frauenhasser erzogen und von Arzt zu Arzt schleppen, entkommt und erkennt seine Nonbinärität. So geht er, nachdem er einen Schuh verloren hat und am Bein verletzt wurde, schließlich noch einmal in das Zimmer der toten Klara Opitz, zieht ihre Keider an, entnimmt ihren Paß und entschwindet als sie, in die Zukunft, die, wie wir wissen, keine allzu rosige sein wird.
Ich habe den “Zauberberg” wie ich schon geschrieben habe, als Studentin gelesen und kann mich da nur mehr an den Herrn Settembrini, dem Schriftsteller erinnern, dessen Roman in seinen Zimmer lag, das von der Haushälterin, verächtlich “interessant” genannt wurde und der Hans Castorp hat sich, glaube ich, deshalb nach Davos zurückgeogen, um den ersten Weltkrieg zu entgehen. Zumindest bleibt er sieben Jhre dort.
Hier ist es anders und ich muß gleich sagen, das Buch hat mir sehr gefallen, obwohl ich Anfangs nicht ganz sicher war, ob es für eine Nobelpreisträgerin nicht vielleicht zu flach oder sogar zu kitschig wäre?
Ist es wahrscheinlich nicht, sondern eine hintergründige Abarbeitung mit den Krisen unserer Zeit mit der Klimakatastrophe oder ob man köstliches Gulasch essen soll, wenn man erfährt, daß die Kaninchen mit einem Schuß vorher so erschreckt wurden, daß sie an einem Herzinfark starben, so daß ihr Herz besonders blutig wurde und die jetzt so aktuelle Genderfrage oder die wieviel Geschlechter es nun gibt, wurde in eine Schauergeschichte gepackt, sehr listig und hintergründig verarbeitet.
Was der Herr Weininer und seine seltsame Ansichten über die Frauen des neunzehnten Jahrhunderts damit zu tun hat, habe ich nicht verstanden, denn es ist, obwohl es in einem schlesischen Kurort des Jahres 1913 spielt ein sehr aktuelles Buch.
Und um nicht zu vergessen, das Buch hat mich zweimal an Raphaela Edelbauer erinnert. Erstens an ihr “Flüssiges Land” und dann auch an die “Imkommensurablen”, das ja auch einen eher unverständlichen Titel hat und sich auf die vor erste Weltkriegzeit bezieht.