Vom Folgen und Bleiben

Jetzt kommen die vier Erzählungen der 1963 in Sangerhausen geborenen Lyrikerin Udine Materni, die am Leipziger Literaturinstitut studierte und die sich darin mit den Kriegserfahrungen und in der DDR aufgewachsenen Frauen beschäftigt.

Vier Frauenleben, Großmutter, Tochter, Enkelkind. Eine Familie könnte man sagen oder auch viele Töchter, Mütter, Großmütter und die erste Geschichte beschäftigt sich mit dem Sterben der Großmutter, die einen Krebs im Bauch hatte, man sieht Udine Maternis Sprache ist volkstümlich, Rosinen in ihren Sauberbraten tat, die wie tote Fliegen aussahen, Schokolade auf den Kokuskuchen goß und dann sozusagen verhungerte, weil ihr Magen die Speisen nicht mehr halten konnte.

Dann geht es zur Tochter zu dieser oder einer anderen, die nicht einmal einen Namen trägt, weil weder “Klara, Grete, Henriette, Helga, etc” zu ihr passt, die hatte zwei Männer und hätte eigentlich was gelernt. Hatte Abitur, blieb dann gleich beim Bäcker hängen, von dem sie sich später trennte, so daß sie zwischendurch bei “Mitropa” Brötchen mit Würstchen aus dem Fenster reichte, später, als die niemand haben wollte, in eine Großküche kam, während sich der zweite Mann am Bahnhoff versoff. Sie tat das auch in ihrer drei Zimmerwohnung, versteckte dort die Schnäpse im Kasten, später die krebskranke Mutter zu pflegen hatte und als die Tochter mit Knd und Teddybären einmal überraschend zum Geburtstag auftauchte, endete das in einem Fiasko.

In “Sonnenblumen auf blauen Grund”, stirbt wieder eine Oma. Der Onkel ruft an und fragt die Schwester was er der Toten anziehen soll.

“Wer ist gestorben?”, fragt der kleine Sohn und erkundigt sich später, ob die Oma Spielsachen hat? Die Mutter weiß es nicht und an der Erdbeetorte, die die Tante bringt, kleben Pudding und Früchte. Dann geht es zu der Wohnung der Oma, in der Straße ,die früher “Leninstraße” hieß. Der Junge erzählt das seinem Teddybär und dann wird das Kinderzimmer ausgeräumt. Das heißt, die Tapete hinuntergerißen und da starren wieder Teddybären Sohn und Mutter an. Sehr eindrucksvoll, die Symbole mit denen Udine Materni, die Stimmungen schildert, ich habe mich dagegen gefragt, ob sie nicht aufs Begräbnis gehen und wo dieses war?

“Flugzeuge” ist ähnlich symbolisch. Da gibt es wieder einen Protagonisten ohne Namen. Hier das Baby, das sowohl “Ernestine, Henriette, Ursula, aber auch Maik, Jonas oder Augustin heißen könnte und die Mutter sehnt die Momente herbei, wo sie wieder Frau sein kann, denn den Vater gibt es nur im Telefon oder in den Pralinen oder Lippenstifte die er wahrscheinlich schickt und dann wursteln sich die beiden ab oder nähern sich vorsichtig an. Die Mutter geht einkaufen, während dem Kind der “Streublümchenhimmel” auf den Kopf fällt und wenn die Mutter mit dem Kind sprechen will, gibt es keine Antwort und sieht sie nicht an. Dann sprudelt es wieder Sätze zu der schon sprachlosen Mutter hinaus und am Schluß stehen sie am Fenster, betrachten die Flugzeuge und die Mutter sagt “Ich heiße Klara, und du?”

“Vom Folgen und vom Bleiben verknüpft vier Generationen (ich habe nur drei gefunden) miteinander in der Frage, wie man als Frau in der Gesellschaft, die einen umgibt, ist, existiert, sich entwickelt. Eine suchbewegung durch die Zeit.”, kann man im Beschreibungstext lesen und am grünen Cover des kleinen “mikrotext” erschienen Büchlein ein altmodisches Kind mit einem altmodischen Kinderwagen sehen, den es wahrscheinlich sowohl in der DDR als auch in der NS-Zeit gegeben hat. Zumindest habe ich solche Fotos, wo meine Mutter meine 1942 geborene Schwester spazierenführt, zu Hause.