Aus dem Leben einer Schwurblerin

Und jetzt wieder ein Schmankerl aus dem Work of Progress. Den Beginn der “Schwurblerin”:

“Agathe Bischof hatte das Wahllokal betreten, ihren Ausweis abgegeben und war mit dem Wahlzettel in die Zelle gegangen. Den Zettel ausbreiten, nach dem bereitstehenden Kugelschreiber greifen und ihre bevorzugte Partei ankreuzen.

“Wenn das nur so einfach wäre?”, dachte die achtunddreißigjährige Architektin und seufzte auf. Das letzte Mal vor fünf Jahren war es das gewesen. Da hatte sie sich, die Linkswählerin war, sich für die Grünen entschieden, um die FPÖ zu verhindern. Was war seither geschehen?, fragte sie sich und merkte, daß sich ihr Körper zu schütteln begann. Viel war geschehen. Zuerst die Pandemie, die Corona-Krise, dann der Ukraine-Krieg, die Klimakatastrophe, die Teuerung, dann der Angriff der Hamas auf Israel, der sie im schönen Österreich eigentlich nichts anging. Eine Zwangsorfsteuer war auch eingeführt worden, die sie bezahlen mußte, obwohl sie keinen Fernseher besaß.

“Uje, uje!”, dachte Agathe. Ihr Schütteln verstärkte sich und starrte auf den vor ihr liegenden Wahlzettel ÖVP, SPÖ, FPÖ. Dann gab es noch die Grünen und die Neos. Die Linkspartei, ihr bisheriger Favorit gab es auch, aber wenn sie ehrlich war, hatte sie in den letzten Jahren ihr Vertrauen in den Staat und die Parteien verloren.

“Uje, uje!”, hörte sie sich nochmals seufzen.

“Wenn ich das laut sage, werde ich sicher den Reichsbürgern zugezählt!”

Denn eine Schwurblerin, eine Rechte, eine Corona-Leugnerin war sie schon, weil sie sich nicht impfen und nicht testen hatte lassen und keine Maske tragen wollte! Laut dem Bundespräsidenten, den sie einmal gern gewählt hatte und ein halbes Jahr lang bangte, daß er bei der Wahlwiederholung verlieren würde, eine Kollaborateurin und laut der Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger, eine Staatsfeindin, weil sie gegen die Russlandsanktionen, gegen die Waffenlieferungen an die Ukraine und noch immer für Friedensverhandlungen war. Da kommen diese Parteien wohl nicht in Frage und die Grünen wählte sie nicht mehr. Hatten sie die sie bezüglich der Corona-Maßnahmen und der Zustimmung zur Impfpflicht mehr als enttäuscht. Die Grünen also nicht. Das war klar. Das war ein fehlgeschlagener Versuch gewesen. Die ÖVP nicht und die Sozialdemokraten kamen für sie, die in einem Gemeidebau aufgewachsen und die Tochter eines sehr engagierten Parteigenossen war, auch nicht in Frage. Was blieb also über?, dachte Agathe Bischof und ihr Blick blieb blieb auf dem FPÖ-Kästchen hängen. Die FPÖ, die sie das letzte Mal durch die Wahl der Grünen verhindern wollte und jetzt könnte sie, wenn sie ehrlich war, zumindestens zu fünfzig Prozent wählen. War sie doch zu hundert Prozent mit deren Corona-Ansichten einverstanden gewesen. Hatte sich an ihren Demonstrationen beteiligt und hätte sich auch, wenn die Impfpflicht Wirklichkeit geworden wäre und sie einen Strafbescheid bekommen hätte, die Einspruchsformulare von ihrer Seite heruntergeladen. So weit war es nicht gekommen. Sie war aber immer noch zu hundert Prozent mit der Freiheitlichen Corona-Meinung einverstanden und, daß Herbert Kickl, wenn er Volkskanzler wäre, die ORF-Zwangssteuer abschaffen würde, war auch ein Argument, das sie in diese Richtung bringen könnte. Wenn das nur glaubhaft wäre?, dachte Agathe und seufzte auf. War sie sich doch diesbezüglich gar nicht sicher und mit der freiheitlichen Ausländerpolitik und der Festung Österreich war sie auch nicht einverstanden, wie sie auch weiterhin “Töchter, Söhne!”, bei der Bundeshymne singen und ein bißchen gendern wollte. Das also nicht, obwohl der blaue Kästchen verlockend blinkte und sie 2020 bei der Wien-Wahl auf einer Veranstaltung der Linkspartei im Wiener Prater gewesen war und da eine junge Genossin begeistert von der Enteignung des Theresianums schwärmen hörte. Das ebenfalls nicht, obwohl sie bezweifelte, daß die junge Frau jemals Gelegenheit bekam, ihre Forderung umzusetzen. Die Grünen hatten sie enttäuscht und die FPÖ würde sie auf keinen Fall wählen. Was aber dann?, fragte sich Agathe und wußte die Antwort nicht.

“Brauchen Sie Hilfe?”, hörte sie von draußen eine besorgte Stimme rufen. War sie doch offenbar zu lange in der Zelle verblieben und hielt den Betrieb auf.

“Nein, nein, keine Sorge!”, hörte sie sich dementieren. Steckte das unbeschriebene Formular in das dazugehörende Kuvert, hielt es dem Wahlleiter entgegen und stürzte mit ihrem Paß aus dem Lokal.”

So, das müßte dem Uli eigentlich gefallen. Er wird aber schon etwas finden, was ihn empört.