Casting – Spiel ums Leben

Bevor es vom dBp zum öst Bp geht kommt noch ein Jugendbuch aus dem “Fabulusverlag”, das äußerst spannend war, so daß ich es schnell hinunterlesen konnte, obwohl ich mich der Kritik einiger Rezensenten anschließe, daß die Sprache zumal für eine Erwachsene nicht ganz so einfach zu lesen war.

Die 1956 in München geborene Kunsterzieherin Yvonne Richter hat es geschrieben und es hat eine spannende Horrorvision, die wahrscheinlich in der Zukunft spielt, zum Inhalt, obwohl sie eigentlich und ganz genau betrachtet gar nicht mehr so verschieden von der unseren ist.

Oder doch natürlich ein bißchen, denn in “Casting”, das ein wenig an “1984” erinnern kann, geht es in eine Welt, wo vor allem die Jugendlichen nur überleben können, wenn sie ständig und ununderbrochen an Castingshows teilnehmen, denn nur dort gibt es Eß- Wohn- Schul- Kleidungs und anderen Gewinn, den man zum Leben braucht. Die Verlierer oder Ausgecasteten werden in Fabriken an den Stadtrand ausgegliedert, wo sie zwöllf bis vierzehn Stunden am Tag Essen verpacken, Schuhe oder Kleider nähen müßen und am Abend in Schlafkojen dürfen.

Die Wohngewinne gelten nur für ein paar Monate und die, die einen solchen ergattert haben, werden auch ständig kontrolliert, die anderen schlafen in Hutzen oder Zelten und wir begleiten am beginn Lovis durch eine solche Castingshow.

Die Protagonisten haben, was ein wenig gewollt klingt, sprechende Namen wie Hotte, Schlawine, Propelle, Zuchine, etcetera und es gibt auch streng bewachte Nobelsiedlungen, wo die Juroren der Castingshows fein wohnen und tagen und einen chinesischen Finanzör namens Kon-To, der das alles bezahlt, gibt es auch.

Eine schrecklich schöne Welt und so verschieden von der unseren also und beim Anfangscasting lernt Lovis Jo kennen, die gewinnt und das Essenspaket mit ihm teilt.

So viel Solidarität ist unerwartet, so freunden sich die Beiden an, gewinnen noch andere Freunde, retten die ausgecastete Mutter einer Freundin und bringen sie in ein abseits gelegenes geheimes Wirtshaus, in der sich die Außenseiter und Rebellen, die es natürlich auch gibt, treffen.

Dort entdecken sie eine alte Fabrik und richten sich häuslich ein, pflanzen Gemüse an, revonieren und beginnen aber auch die Castingsshows zu untergraben, so daß sie dort zu einem Gegenschlag ausholen und eine Detektivshow machen, wo die Castidaten den Rebellen auf die Schliche kommen sollen.

Das wird zum Flop und es kommt auch noch zu einigen Verwicklungen, Siegen und Fehlschlägen, bis das Happy End geschehen kann.

Das ist ein wenig kitschig oder zu heil, denn der Sohn des großen Finanzhais, war einer Rebellen und zieht sich reuig zurück, beziehungsweise benützt er fortan seine Millionen, um den den Ausgecasteten ein schönes Leben zu machen und ehe ich es vergesse, einen schrulligen, wahrscheinlichen bayrischen Juror der Sendeleiste Topwitz namens Kaspar Scherzinger, der immer Dialekt redet, was in den Fußnoten, bis auf die eine Stelle, wo es zu ordinär ist, treulich übersetrzt wird, gibt es auch.

Ein spannendes buch für Menschen ab zehn mit dem man auch herrlich über unsere Gesellschaft, wo vielleicht auch nicht mehr alle alle Chancen haben und gehörig ausgecastet wird,  nachdenken und vielleicht, wenn man will auch etwas ändern kann.

Weit über das Land

Buch achtzehn der deutschen Longlist und das letzte was ich von dieser Liste habe, “Hool” und “München” fehlen mir, führt in die Schweiz und zu Peter Stamm und hat mich, ich gestehe es, etwas verwirrt und ratlos zurückgelassen. Denn jetzt habe ich ja einiges von Aufbrüchen älterer Männer, ihren Krisen und schließlich auch die umgekehrte Rückkehr einer Frau in ein Land, wo sie sich nicht willkommen fühlt, gelesen und es beginnt wieder mit einer Midlifekrise.

Ein Paar um die Vierzig mit zwei Schulkindern, sitzt nach der Rückkehr vom Spanienurlaub Ende August vor dem Haus, liest Zeitung, trinkt ein Glas Wein, dann steht die Frau auf, sieht nach den Kindern, beginnt die Koffer auszupacken und der Mann steht auf und geht, geht immer weiter und kommt nicht mehr zurück….

Die alte Geschichte von dem Zigarettenholen und diesen Anfang habe ich ja schon in Leipzig auf dem blauen Sofa gehört, da hat es mich gar nicht so besonders fasziniert, jetzt schon, die ersten zwei Drittel lang.

Denn da wird sehr bedächtig alles ganz genau beschrieben, immer in zwei Strängen, Astrid und Thomas, Thomas geht, durch den Wald, versteckt sich, schläft in einem Campingwagen, gerät durch Zufall in ein Bordell, trinkt dort zwei Bier, orientiert sich an den Bäumen, wäscht seine Wäsche im Fluß, während Astrid den Kindern am Morgen nach dem Aufstehen erzählt, der Papa ist schon weg, dann ruft sie die Sekretärin an, später erzählt sie ihr, ihr Mann ist krank und hat die Gürtelrose, später geht sie, obwohl man es nicht erwartet, zur Polizei, macht eine Vermißtenanzeige, die, ein freundlicher Polizist namens Patrick mit einem kleinen Kind, rät ihr seine Kontobewegungen zu beobachten.

Ja, da sind die zwei Flaschen Bier von dem Bordell und dann noch eine größere Abbuchung in einem Sportgeschäft bei einem Berg, denn Thomas hat sich dorthin bewegt, hat Rucksack, Bergschuhe, etcetera, eingekauft und marschiert los, jetzt fängt Patrick an, ihn mit einem Hund zu suchen, obwohl er Astrid vorher erklärte, daß man das Recht aufs Verschwinden hat.

Astrid fährt ihm auch nach, kommt in das Gasthaus, wo er die Nacht vorher geschlafen hat und dann, bis jetzt hat sich das Ganze innerhalb von ein paar Tagen abgespielt, sehr genau und sorgfältig erzählt, beginnt es über die Zeit zu springen und für mich verwirrend zu werden.

Denn plötzlich, es ist, glaube ich, Ende September,  Patrick kommt und sagt, “Wir haben ihn gefunden!”

Thomas ist auch in eine Felsspalte gefallen und hat sich den Fuß verknöchelt, er kraxelt aber wieder hinauf und geht in eine Almhütte, es hat inzwischen zu schneien begonnen und verbringt dort einige Zeit, Wochen oder Monate. Astrid läß ihn inzwischen für tot erklären, obwohl sie sich nicht, als Witwe fühlt und eine Leiche gibt es ja auch nicht, wieso also ein Begräbnis?

Es kommen dann auch Erinnerungen von beiden, die sich vor Jahren in einer Buchhandlung, wo Astrid gearbeitet hat,  kennenlernten, das ist eigentlich die erste Stelle, wo Thomas an Astrid denkt.

Sie denkt öfter an ihn und er verläßt die Alm wieder, kommt in  einen Ort, wo er in einer Pension wohnt, schwarz zu arbeiten anfängt, er ist Steuerberater, jetzt arbeitet er für einen Schreiner, dann verläßt er den Ort wieder und kommt mit falschen Paß durch ganz Europa und die Monate wechseln in Jahre, während, die Kinder inzwischen das Gymnasium besuchen, eine Lehre beginnen, zu studieren anfangen, die Tochter ein Kind bekommt und so aus den paar Tagen zwanzig Jahre wurden.

Dann hängt Thomas schon sechzig in einem Gerüst und am Schluß kehrt er in sein Haus und zu Astrid zurück, als wäre er nie fortgewesen und das Ganze ist so erzählt, daß man nicht immer ganz klar unterscheiden kann, wo sich jetzt die Realität in Phantasie verwandelt,  ob das jetzt real passiert oder Astrid sich das vielleicht nur ausdenkt und mit den allzu unlogischen Sachen und den Zeit- und den Handlungssrpüngen habe ich ja meine Schwierigkeiten.

Spannend ist es natürlich und man kann viel darüber nachdenken, über den Sinn des Lebens, denn eigentlich hat Peter Stamm ja zwei Romane geschrieben, einen langsamen und einen schnellen und man kann sich fragen, ob das jetzt ein Buch über den Sinn des Lebens ist und natürlich auch, warum steht der Mann plötzlich auf und geht weg, einfach so?

Beiindruckend war für mich, glaube ich, der Angfang bis zu der Stelle wo der Polizist, mit dem Astrid auch eine Beziehung anzufangen scheint, obwohl er ja ein schreiendes Baby hat, kommt und “Wir haben ihn gefunden!”, sagt, denn bis dahin wird alles sehr genau und auch sehr spannend erzählt und ich fragte mich die ganze Zeit, wie geht das weiter, wie ist das, wenn man auf einmal ohne viel Geld und Ausrüstung in den Wald und immer weiter geht?

Der Rest, der sich dann von Weihnachten und Ostern und von der Matura der Tochter bis zur Geburt des Enkelkindes und durch ganz Europa, ein paar Monate hier und ein paar Monate da, spannte, erschien mir unlogischer und auch der Wechsel von der Wirklichkeit in den Traum und umgekehrt,  denn ich mag ja lieber die realistischen Romane.

So bin ich mir nun nicht ganz sicher, ob ich es auf Platz sechs meiner persönlichen Shortlist reihen soll oder nicht?

Denn da hätte ich ja bis jetzt  Thomas MelleReinhard Kaiser-Mühlecker,  Andrej KubiczekSibylle Lewitscharoff und als ganz besonderes Highlight “Drehtür” von Katja Lange-Müller.

Muß ich auch nicht und “Hool” und “München” können ja auch noch kommen, obwohl ich jetzt als nächsten ein Jugendbuch lesen umd mich dann an die österreichische Short- und Longlist mache, wo ich ja erst ein Buch gelesen habe und noch vier auf mich warten.

Von Peter Stamm habe ich jedenfalls den Erzählband “Wir fliegen”, “Agnes” und “Sieben Jahre” gelesen und ich kann noch erwähnen, daß er mit “Weit über das Land” nicht auf Schweizer Shortlist gekommen ist, auf der aber interessanterweise unter anderen Michelle Steinbeck steht und ein bißchen an zwei Stellen hat mich das Buch auch an Anna Weidenholzers “Herren”, bzw ihre “Fische” erinnert, obwohl es nicht wirklich damit zu vergleichen ist.

Drehtür

Buch siebzehn der LL ist auch mein fünftes auf der SL, das geht jetzt Schlag für Schlag, auf die echte ist es nicht gekommen, obwohl es ein Episodenroman ist, der glaube ich, die Kriterien erfüllt, die manche Blogger auf der Liste vermißten, den sozialen Anspruch und die gesellschaftliche Relevanz, statt des eweigen Jammers um den Tod und das Sterben der sich in der Mildlifekrie befindenden älteren Herrn.

Das heißt, vielleicht geht es auch darum, obwohl es von keinem Mann geschrieben wurde, die 1951 in Ostberlin geborene Katja Lange-Müller, die 1986 den Bachmannpreis gewonnen hat und die ich einmal im Rahmen einer der Studentenlesungen im Literaturhaus hörte, ist eine von den sechs Frauen auf der langen Liste und ihre Heldin, die Krankenschwester Asta Arnold, ist genauso alt, wie sie, nämlich fünfundsechzig und  zur Krankenschwester wurde  Katja Lange-Müller, glaube ich, auch ausgebildet.

Der Unterschied befindet sich aber in der Idee und die finde ich sehr sehr originell, es ist kein Roman würde ich wieder sagen, sondern, wie bei Eva Schmidt, eine Ansammlung von Episoden, aber die sind eigentlich nicht zusammenhanglos, sondern drücken die pure Tragik des Lebens aus und die kann eine, wenn man so darüber nachdenkt,  eigentlich umhauen, so daß ich, wie einige andere auch nicht verstehen kann, wieso das Buch nicht auf die Shortlist kam, auf meiner wäre es und es ist sogar neben oder vor Sibylle Lewitscharoff mein Favorit.

Das Ganze spielt sich am Flughafen von München ab, wo ja nicht nur  Asylwerber stranden und von der Polizei aufgegriffen werden, sondern sich auch eine umgekehrte Rückkehr abspielen kann.

Die Krankenschwester, Asta Arnold fünfundsechzig, kommt vom jahrelangen Hilfseinsatz aus Nicaragua zurück. Nicht freiwillig, weil sie nicht mehr einsatzfähig war, sondern vermehrt Fehlleistungen brachte wurde sie mit einem Einway-Ticket sozusagen in Pension geschickt und Detail am Rande, weil das Geld nur bis Münschen reichte, dorthin, obwohl sie eigentlich in Berlin oder Leipzig wohnhaft ist.

Nun steht sie vor der Drehtüre, die in die vermeintliche Freiheit führt, muß noch auf ihr Gepäck warten, raucht eine Zigarette nach der anderen, Euro,s um sich etwas zu essen zu kaufen hat sie nicht und sie hat auch Schwierigkeiten mit dem Vaterland und der Muutersprache, was, angesichts der Tatsache, daß sie zweiundzwanzig Jahre im Ausland war, verständlich ist.

Sie hat jauch schon vorher ihr Vaterland verloren, gibt es die DDR ja nicht mehr.

So steht sie da, denkt an ihren Namen, sie heißt Asta, wie ein Schäferhund oder Asta Nielsen und sieht jedesmal, wenn sie daran denkt, daß sie etwas essen oder unternehmen sollte, einen Menschen, der sie an einen Bekannten oder eine Episode ihres Lebens erinnert.

Das Themen Helfen wird auch angeschnitten. Wozu macht man das, wenn ohnehin alles links und rechts herum, den Bachh herunter geht? Hat man ein Helfersyndrom? Asta, die noch in der DDR zur Krankenschwester ausgebildet wurde, höchstwahrscheinlich, denn der Erste den sie sieht, erinnert sie an einen Koreaner, den sie als junge Frau, in den Siebzigerjahren, von der Straße aufgegabelt hat, in ihr Zimmer brachte und weil er Zahnweh hatte, mit Tabletten versorgte. Am nächsten Morgen läuten dann die Angehörigen der Nordkoreanischen Botschaft, die dicht neben ihrer Wohnung angesiedelt ist, bei ihr, verneigen sich und überreichen einen Strauß Rosen für die erbrachte Hilfsbereitschaft.

Man sieht Katja Lange- Müller hat Humor oder auch eine gehörige Portion Sarkasmus und dafür ist sie auch berühmt geworden.

Die nächste Episode ist länger und passt eigentlich und genau genommen nicht ganz in die Geschichte hinein, dafür ist sie aber höchst beeindruckend und vielleicht sogar der Autorin selbst passiert.

Es ist nämlich die Geschichte einer Kollegin, einer Tamara, die auch als Erzählerin auftritt, die, bevor sie Krankenschwester wurde, Romane geschrieben hat und eine Kurzgeschichte, die von einer Singer-Nähmaschine handelt, die soll sie im Rahmen der Frankfurter Buchmesser einer Delegation indischer Schriftsteller vorlesen und wird daraufhin von einer indischen Feministin nach Indien eingeladen. Das Flugticket wird auch hier nicht ganz und zu spät bezahlt. Sie soll aber vor zweihundert verstümmelten Frauen lesen, die verätzte Gesichter haben, weil ihre Schwiegermütter sie in Feuer stießen und nur Singer-Nähmaschinen können sie vor dem Verhungern retten. So soll Tamara solche auftreiben.

Wieder eine Geschichte, um das Helfen, die Asta durch den Kopf geht, während sie überlegt, ob sie in den Supermarkt gehen und sich etwas zu Essen kaufen soll.

Sie kann es nicht, der Kulturschock, beziehungsweise, die Sozialphobie oder einLogophobie, die sie sich diagnostiziert, hindern sie daran.

So kreist sie munter weiter in der Flughafenhalle, wird an ihren Ex-Freund und einen Urlaub in einem tunesischen Touristenressort erinnert, wo sie eine schwangere Katze namens “Fettknäuel” fand, die sie aufpäppelte und mit Essen versorgte, um ihren Freund zu ärgern, schließlich verschwand die Katze und ließ sie mit ihren sieben Jungen zurück, die nun sie versorgte, aber ihr Abreisedatum war auch schon längst festgelegt.

Ein Schauspieler der einen Naziarzt spielte, der nicht töten konnte, weil er immer, wenn er in die Augen seines Opfers sah, in Ohnmacht fiel, kommt vor und noch einiges anderes.

Dazwischen kreist Asta herum,  jüngere Leser fragen sich vielleicht, was das Ganze soll und sehen keinen Zusammenhang in der Geschichte, ich schon, denn ich denke an die Bruatiltälität des Lebens, die Krankenschwestern nach jahrelangen Auslandsaufenthalt einfach zurückschicken, weil sie nicht mehr können.

Natürlich gibt es in Deutschland einen Rentenanspruch, aber den muß man erst beanstragen. Dazu muß Asta den Kulturschock überwinden, die Sprache wiederfinden, sich in den Bus oder Zug nach Leipzig oder Berlin setzen und zuerst in ein Hotel und dann in ein ensprechendes Amt gehen.

Sie ist nicht dazu imstande, obwohl sie das könnte und die Asylwerber, die auf der anderen Seite stehen, werden vom Staat  gehindert, der lustig diskutiert, ob fünf Euro in der Stunde für den Hilfseinsatz nicht vielleicht viel zu viel für einen Asylsuchenden sind?

Am Ende, als sie schon beschloßen hat , doch wieder nach Nicuargua zurückzufliegen und sich dort mit einer eigenen kleinen Hilfsstation selbstständig zu machen, muß sie doch aufs Klo, diagnostiziert sichselbst einen Herzinfarkt oder Schlaganfall und liegt die Tasche mit den vorher im Duty free Shop eingekauften Zigarettenpäckchen am Boden:

“Asta schiebt sich ihre Umhängetasche unter den Kopf und die rechte Hand zwischen die Brüste, mit der linken umklammert sie die Duty-free-Tüte. Da sind noch neun Päckchen Camel drin, denkt sie, acht volle und eine angerissene, hundertneunsiebzig Zigaretten. Schade, daß ich die nicht mehr rauchen kann…”

Vielleicht irrt sie sich,  wird gefunden und in ein Krankenhaus gebracht, bekommt eine Rente und eine Sozialwohnung und das Leben, der verzweifelten Helferin geht noch zwanzig oder fünfundzwangig Jahre weiter. Von Burnout, Demenz oder Alzheimer war in anderen Besprechungen auch die Rede.

Wir wissen es nicht so genau, was ich weiß ist, daß das ein sehr beeindruckendes Buch ist, das genau mit dieser episodenhaften Erzählweise von dem Elend unseres Lebens ezrählt. Ein höchst gesellschaftskritischer Roman, der uns vielleicht dafür entschädigt, daß keines der Debutromane der jungen Flüchtlinge aus Saudiarabien oder  dem Iran, die in diesem Jahr erschienen sind, auf die lange Liste kamen.

Skizze eines Sommers

Buch sechzehn und das fünfte der SL ist ein Sommerbuch und führt in die DDR, in den Sommer 1985, wo wir mit der kleinen Anna auch dort waren und ich mich noch an ein Plakat in Ost-Berlin erinnern kann, das den Kindern schöne Ferien wünschte.

Rene wohnt in Potsdam und wird gerade sechzehn, das heißtm er hat die Schule abgeschlossen und kann sich jetzt für eine Lehre oder die erweiterte OS entscheiden, beziehungsweise wird er dorthin delegiert und ist so alt, wie der 1969 in Potsdam geborene Andre Kubiczek, der sich an diesen Sommer erinnert und wahrscheinlich seinen Freunden dieGeschichte erzählt.

Die Schule ist fertig, der Geburtstag steht bevor, die Mutter ist vor einigen Jahren, vielleicht an Krebs, das Trauma wird umschifft und nicht besonders erwähnt, gestorben und der Vater, offenbar ein Universitätsprofessor, darf für sieben Wochen in Genf an einer Friedenskonferzenz teilnehmen.

Da hat vorher die Staatspüolizei, die Nachbarn besucht und sich nach dem Lebenslauf erkundigt, die haben es Vater und Sohn gemeldet und offenbar nicht Negatives erzählt, so kauft sich der Vater einen kanariengelben Trenchcoat und läßt sich vom Chauffeur nach Schönefeld fahren und der Sohn, der nach den Ferien, weil er auch  einen vorteilhaften Lebenslauf hat, in ein Internat kommt, wo er die “Organisation der materiell-technischen Basins” studieren soll-.

Der ist zwar  nicht so angepasst, sondern liest mit seinen Freunden Baudelaire und andere dekatente Dichter, deren Bücher man nur ausnahmsweise in den Volksbuchhandlungen kaufen kann, kleidet sich schwarz und ärgert, die jungen Lehrerinnen, weil sie zwar nicht aufpassen, aber trotzdem gute Schüler sind, so daß sie ihnen nichts anhaben können.

Aber noch sind Ferien, die Bude ist  sturmfrei, Rene soll zwar die Hälfte der Ferien im Harz bei den Großeltern verbringen, hat aber nicht viel Lust dazu und der Vater hat ihm tausend Mark, “kein Geld der Welt, sondern Mark der DDR”,  für den Monat seiner Abwesenheit und dann nochmal zweihundert, als Geburtstagsgeschenk hinterlassen.

Rene schwimmt also in Geld, das er getreulich mit seinen Freunden teilt, die heißen Dirk und Michael und waren mit ihm in der Klasse, sowie Mario, der ist erst vierzehn, schaut aber, weil er einen libanesischen Vater hat, viel älter aus und hat, worum Rene ihn beneidet, unschlagbaren Erfolg bei den Mädchen, den er gehörig aufsnützt.

Rene geht es also gut und kann den Sommer genießen, so trinkt er mit den Freunden die sieben Flaschen “Napoleon” aus, die die Großmutter immer den Vater schenkte, fängt zu rauchen an und natürlich interessieren ihn die Mädchen, die ganz besonders.

Da gibt es eines, von der er den Namen nicht weiß, später erfährt er, daß ihre kleine Schwester Fritzi heißt, er trifft sie an seinen an sich einsamen Geburtstagstag, wo die Freunde ihn scheinbar vergessen habe, so daß er sich, um sechzig Mark, die Baudelaire-Ausgabe, die in der Volksbuchhandlung hinter Glas aufgereiht steht, kauft, auf einer Bank am Keplerplatz und  verabredet sich mit ihr für den nächsten Tag in der Jugenddisco trifft.

Dort geht einiges schief, denn Mario kommt dorthin mit seiner Freundin Connie und stellt ihm eine Bianca vor.  Sie und Connie werden eine Lehre beginnen und werden daher, von den “dekatenten Intellktuellen” als Proletarier bezeichnet.

Rene ist aber trotzdem von ihrem tollen Busen hingerissen, es kommt zu einem Kuß oder eine Umarmung,  das Mädchen ohne Namen, kommt nicht zum ausgemachten Date und fährt am nächsten Tag mit ihrer Familie in die Ferien.

So bleibt Rene gar nichts anderes über, als mit Bianca eine Beziehung aufzunehmen und sich mit ihr in einem Gasthaus am See zu treffen, bis auch sie in die Ferien fährt und Potsdam langsam leer wird.

Rene sollte zwar zu seiner Großmutter, fährt aber mit Mari in das Kuhdorf wo Conni das Haus einer Tante hüten soll. Sie werden dort zwar in der Nacht von einem Volkspolizisten auf einer Bank mit dem “Napoleon” aufgegriffen, der entpuppt sich aber als Connies Onkel und bringt die beiden zu ihr.

Eine  Blutschwester hat Rene vorher auch noch gefunden, die intellektuelle Rebecca, eine Künstlertochter, in die sich sowohl Dirk, als auch Michael verlieben und nun soll Rene entscheiden, wer von ihnen die meisten Chancen bei ihr an.

Sie hat aber nur  schwesterliche Augen für Rene und fährt auch in die Ferien und als die vorüber sind, trifft Rene das Mädchen ohne Namen, das ihn  verrät, daß sie Vicotia heißt und eine große Liebe in der letzten Ferienwoche beginnt.

Ein leicht zu lesbares Buch, mäkeln die “Amazon-Rezensenten”, die offiziellen Buchblogger sind begeistester und der Autor dementierte, glaube ich, daß es in dem Buch um die DDR geht und meinte, daß die eher nur Staffage oder Nebenprodukt wäre und ich denke , daß ich jetzt mein viertes Shortlistbuch gefunden habe, bin beigeistert von der leichten Ironie mit der Kubiczek über die DDR-Schikanen drüberwischt und meinte, daß man auch im Jahr 1985, wenn man jung war, viel Geld und eine sturmfreie Bude hatte, sein Leben genießen konnte.

Wahrscheinlich ist wieder viel Autobiografiesches dabei, auch wenn es der Autor bestreiten sollte und denke, daß für mich die DDR, die mich ja sehr interessiert, schon sehr greif und sichtbar war, auch wenn 1985 auch im Westen die Schulabgänger wahrscheinlich rauchten, Kognac tranken und sich für Mädchen interessierten.

Im vorigen Jahr habe ich ja auch ein Buch über die DDR Jugend gelesen und dieses beschreibt die Szene der HO- Läden und der Volkspolizisten sehr dicht, zeigt aber auch, daß man trotzdem widerständig und kritisch sein konnte, auch wenn Rene, dem intellektuellen Künstlervater, der ihn aushorchen will, stolz erzählt, daß er ein echter Kommunist werden wird.

“Andre Kubiczek erzählt wunderbar einfühlsam und hintergründig von jeder Zeit, die auf ewig die beste unseres Lebens bleibt”, steht am Buchrücken und die war offenbar für Rene oder auch für Andre  Kubiczek auch in der DDR möglich.

Fremde Seele, dunkler Wald

Jetzt kommt Buch fünfzehn des dBP, das dort auch auf der Shortlist steht und das erste des öst Buchpreises.

“Fremde Seele, dunkler Wald”, des 1982 geborenen Reinhard Kaiser-Mühleckers, des jungen österreichischen Superstars, der mit seiner “neuen Heimatromantik”, etwas, das der Autor, glaube ich, nicht so gerne hören will, wie er auf der Lesung in der “Gesellschaft für Literatur” vor zwei Wochen sagte, großes Furore machte.

Der titel ist ein Turgenjew-Zitat, das auf der ersten Seite steht:

“Du weißt ja eine fremde Seele ist, wie ein dunkler Wald” und von Peter Handke steht am Klappentext “Zwischen Stifter und Hamsum  sind Sie ein Dritter!, etwas, was der junge Autor vielleicht auch nicht so gerne hören will und ich habe mir mit dem “Langen Gang über die Stationen”, glaube ich, ein bißchen schwer getan, “Wiedersehen in Fiumicino”, hat mich, glaube  ich, auch nicht so beeindruckt, von der Lesung vor zwei Wochen war ich es aber, denn der junge Mann hat einen wirklich sehr dichten Stil.

Er übertreibt auch nicht so sehr, wie die anderen großen Namen, die auf der deutschen Liste stehen und wirkt dadurch authentischer und das Thema ist auch sehr interessant.

Ich weiß, Kaiser- Mühlecker mag den Vergleich mit Rosegger nicht und der letztere wurde ja von einigen Literaturwissenschaftler inzwischen auch vom Kanon gestrichen, aber “Jakob der letzte”, das ich vor einigen Jahren gelesen habe, hat mich sehr beeindruckt.

Und warum darf man “Heimat” nicht mehr sagen oder über sie schreiben, nur weil die Freiheitlichen diesesn Begriff verwenden, gibt es ja trotzdem Leute, die am Land leben und wenn die noch verächtlich gemacht oder übersehen werden und sich die große Literatur nur, um die Midlifekrisen oder das Älterwerden der großen Dichter oder die Experimente der Literaturinstitutabgänger handelt, hilft das glaube ich auch nicht sehr.

“Fremde Seele, dunkler Wald”, spielt in der Gegend, um den Magdalenenberg, in ÖO vermutlich, wo auch der Autor herkommt und “Magdalenenberg” heißt ja auch sein zweiter Roman und es geht, um eine Familie, beziehungsweise um das Leben und die Suche von zwei Brüdern, Alexander und Jakob, etwa dreißig der eine, ein Alter in dem ja auch der Autor ist, der zweite viel jünger, so zwischen sechzehn und achtzehn.

Jakob lebt noch am Hof und führt ihn auch, weil er zu Beginn des Buches zu jung für eine Lehrstelle ist, da gibt es noch den Vater, einen Taugenichts, der die Felder verkauft und immer von seinen großen Plänen spricht, eine schweigende und kochende Mutter, einen Großvater mit Geld, das er dem Sohn nicht gibt und dem Enkel nur verspricht und eine Großmutter, die alles erbt und das Geld schließlich den “Freiheitlichen” vermacht.

Man sieht, es ist auch ein Buch mit kleinen Anpielungen und das Zeitgeschehen, die Besetzung der Krim durch die Russen oder die Mordfälle in der Gegend kommen auch vor.

Alexander, der ältere, der einmal Priester werden wollte, dann zum Militär und in den Kovovo ging, kommt zu Beginn zu einem Urlaub oder einen Krankenstand heim. Er hat irgendwie den Sinn verloren, verbringt seine Zeit in Gasthäusern und bemerkt ein seltsames Kreuz am Magdalenenberg.

Der Bruder erzählt ihm, das hätten wahrscheinlich die “neuen Christen” aufgestellt, eine seltsame Vereinigung, um eine Elvira, mit der Alexander einmal eine Beziehung hatte, weshalb er auch das Priesterseminar verlassen hat.

Der Großvater stirbt, Alexander läßt sich nach Wien ins Verteidigungsministerium versetzen, Jakob fängt eine Beziehung zu einer Nina an, die ein Kind erwartet, das, wie sich später herausstellt, nicht das seine, sondern von seinem Freund Markus ist.

Der bringt sich um, Jakob verläßt Nina und das Kind, weil er ihren Geruch, eine  der  beeindruckensten Schilderungen, der Sprache unserer Seele, die ja nach Arthur Schnitzler ein “weites Land” ist, die ich in letzter Zeit gelesen habe und verliert seine Stelle als Leiharbeiter, wo er seit einiger Zeit tätig war, weil ihm die Großmutter keinen Hof kaufen will, wegen Gerüchte, es hätte neben Markus einen zweiten Strick gegeben und sein Motorrad wäre am Tatort gesehen worden.

Am Schluß meldet  er sich auch zum Heer, während Alexander in eine Krise wegen seiner Geliebten, die die Frau eines seiner Vorgesetzten ist, gerät.

Beinahe zusammenhanglos in schlichter Sprache wird das, was in mehr oder weniger Intenistät wahrscheinlich in jedem Dorf passiert, von Reinhard Kaiser-Mühlecker erzählt.

“Ein mit biblischer Wucht erzählter Roman um Familientragödien und Befreiungsversuche”, schreibt Paul Jandl in der “Literarischen Welt” und am Buchrücken.

Ob die Befreiiungsversuche gelingen, ist fraglich, ebenso, ob Reinhard Kaiser Mühlecker damit auch auf die öst List kommt.

Das heißt am nächsten Dienstag werden wir es wissen. Ich hette dafür ja schon sieben bis acht andere Kanditaten, kann mich dem allgemeinen Lob aber nur anschließen, nach soviel Midlifekrises selbstverliebter älterer Männer,   Sprachverspieltheit und soviel literarische Konstruktion, ein erstaunlich schlichtes Buch mit hautnahen Themen, wie sie wahrscheinlich nicht nur am Land passieren.

Also  vielleicht doch ein Buch, das auf meine persönliche deutsche Shortlist kommt, wo ja auch erst zwei Titel stehen und Jochen Kienbaum, der offizielle Bücherblogger heuer von dieser Longlist auch enttäuscht wurde.

Dem will ich mich nicht unbedingt anschließen, aber ein bißchen konstruiert und ausgesucht ist es schon, was uns da, als das angelblich Beste im deutschsprachigen Leseherbst erwartet. Spannend ist diese Bandbreite aber unbedingt und wenn man so viel am Stück und auf Zeitdruck liest, wird man vielleicht auch anspruchsvoll und mäkelt herum, was auch nicht gut ist, denn es ist ja ein sehr hohes Niveau auf dem wir uns befinden.

Die Erziehung des Mannes

Ein Mann mit fünfundsechzig blickt zurück auf seine Leben, das kann doch nicht alles gewesen sein und das, ich bin noch nicht so weit, ist vorüber, jetzt sind die Kinder erwachsen, die ersten Beziehungen geschieden, die Jugendliebe wieder da, da Leben ist gelungen und das Todesdatum wird immer weiter hinausgeschoben.

Michael Kumpfmüllers “Die Erziehung des Mannes”, Buch vierzehn auf meiner Longleseliste, das ich schon in Leipzig auf dem blauen Sofa hörte, ich glaube beinahe zeitgleich mit Peter Stamms “Weit über das Land”, das als Buch achtzehn und vorläufig letztes der dBp-Bücher an die Reihe kommen wird, ist ein leises Buch, das Buch eines stillen Mannes, eines Zauderers und Sensiblen, der am Schluß doch noch alles auf die Reihe bringt oder solches zumindest von sich behauptet und wenn man von Michael Kumpfmüllers Geburtsdatum 1961 ausgeht, der Sohn eines Achtundsechziger, der in Zeiten studierte und sozialisiert wurde, wo es schon die Frauenbewegung gab und die Frauen sich emanzipierten, obwohl die Mutter den despotischen Vater noch fragen mußte, ob sie arbeiten gehen darf?

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im Ersten ist Georg Musikstudent und lebt seit sieben Jahren mit Kathrin zusammen, zu der er, was ich ungewöhnlich finde, keine sexuellen Beziehungen hat, als er Jule oder Julinka in einem Seminar kennenlernt.

Eine Beziehung zu ihr, die Lehramt studiert, entwickelt sich, die von Anfang an, ein wenig schiwerig ist, so betrügt sie ihn mit einem Arzt, will dann Kinder von ihm, vorher hat sie schon einmal abgetrieben und als Georg sie mit Sonja, einer Cellistin betrügt, wirft sie ihn hinaus. Da gibt es schon Kinder, die altkluge oder ebenso sensible Greta und, die um ein paar Jahre jüngeren Zwillinge.

Im zweiten Teil geht es zurück ins Elternhaus, zum despotischen Vater, der nie zu Hause ist, die Mutter ständig betrügt, als Abteilungsleiter im Unterrichtsministerium Entscheidungen trifft und obwohl er selbst für den Krieg zu jung war, die Kinder zu Anstand und Sitte erzieht, so muß der Sohn mit ein paar Büchern unterm Arm Mittagessen, und wenn die Kinder der Freunde beim Essen schmatzen, bekommen sie die Ohrfeigen, die Mutter steht daneben und kann sich nicht wehren. Die Schwester Ruth rebelliert und hat in der Pubertät grüne und blaue Haare, Georg ist der brave, entscheidet sich dann aber doch gegen des Vaters Willen in Freiburg Musik und nicht Jus zu studieren.

Im Teil drei lebt er mit Sonja, der die musikalische Karriere gelungen ist und die die meiste Zeit des Jahres auf Konzertreisen ist, es gibt den Rosenkrieg mit Jule, die die Kinder gegen den Vater ausspielt.

Die verbringen die Zeit abwechselnd bei beiden Eltern und werden dadurch überfordert, Greta fängt zu lügen und zu stehlen an, die Zwillinge gehen nicht mehr in die Schule, es muß etwas geändert werden. Jule hat Georg schon früher zu einer befreundeten Paartherapeutin geschleppt, mit der sie ihm dann gemeinsam sagt, was für ein Schuft er ist.

Sonja hält die Überforderung durch die Kinder nicht aus, das eigene hat sie verloren, verläßt ihn später und er bleibt zurück.

Die Kinder werden erwachsen, Greta studiert Mathematik und wird Lehrerin werden, Lotte wird Schauspielerin und bekommt ein Kind, Felix hört zu schreiben auf und Georg trifft nach einer Krise Therese wieder, mit der noch vor dem Abitur, die erste Beziehung hatte.

Jetzt zieht er mit ihr zusammen, der Kreis schließt sich und die männliche Sozilisation in Zeiten der Krisen und der Frauenbewegung ist abeschlossen.

In diesem Fall glücklich und erfüllt und Georg, seine Symphonien und Konzerte werden auch aufgeführt, hat sein Ziel erreicht.

In vielen anderen Fällen wird es anders sein und Michael Kumpfmüller, der, glaube ich, mit Eva Menasse zusammen ist oder war, ist ja noch zehn Jahre jünger, als sein Held,  hat ein leises Buch geschrieben, das viel über die Mittelschichtmänner, die Softies, die vielleicht von Nazivätern aufgezogen wurden und im Laufe ihres Leben ihre Träume und Iedalen verloren oder aber wiederfanden, beziehungsweise immer hatten, erzählt.

Unterschiedlich ist die Rezeption natürlich, Tobias Nazemi fühlt sich darin angesprochen, die Frauen haben dagegen  mehr Schwierigkeiten und sehen es anders und mir hat es eigentlich gefallen, obwohl ich am Anfang auch dachte, da passiert ja nichts und der gute Georg ist ein ziemlicher Zauderer.

Also ein interessantes Buch, das den Männern und den Frauen vor und nach der Midlifekrise sehr zu empfehlen ist.

Von Michael Kumpfmüller habe ich übrigens schon “Nachricht an alle” gelesen, das mir glaube ich, nicht so gefallen hat.

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Buch dreizehn des heurigen Longlistenlesen ist wieder kein Roman, sondern der dritte Teil einer Autobiografie, es ist auch schon 2015 erschienen und ein Bestseller des 1967 in Homburg geborenen Schauspielers Joachim Meyerhoff, der ab 2005 am Burgtheater tätig ist oder war.

Dort hat er unter dem Titel “Alle Toten fliegen hoch”, ein sechsteiliges Programm gemacht, in dem er sein Leben erzählte,  womit auch seine schriftstellerische Karriere begann.

“Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, ist Teil drei desselben, der erste “Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war”, erzählt seine Kindheit. Er ist als Sohne eines Direktors einer psychiatrischen Kinder- und Jungenklinik in Schleswig Hohlstein aufgewachsen und hat dort auch gewohnt, im zweiten Teil geht ein ein Austauschjahr nach Amerika und muß in dieser Zeit den Tod eines seiner zwei Brüder erleben.

Im Dritten zieht er nach München in die Villa seiner Großeltern, lebt dort drei Jahre und absolviert in dieser Zeit seine Schauspielausbildiung.

Wenn man in einer Serie hineinplatzt und das lesen mit dem Band drei beginnt, ist es wahrscheinlich immer etwas schwer, so fragte ich mich lange, ob sich jetzt der Titel auf den Tod des Bruders bezieht, der ja eigentlich schon geschehen ist, bis gegen Ende des Buches ein Kapitel diesen Namen trägt.

Der Übertitel bezieht sich wahrscheinlich auch auf das Darstellen des Sterbens in seinen vielfältigen Varianten.

So steht am Buchrücken auch “Meyerhoffs Geschichten vom Leben und vom Tod sind zum Lachen und zum Heulen und erzählen uns auf höchst unterhaltsame Weise von der Tragikommödie der menschlichen Existenz.”

Nun werden meine Leser wahrscheinlich wissen, daß ich es mit den Tragikkommödien nicht so habe und über den Tod und das Sterben auch nicht so gerne lache, kann mich aber erinnern, daß ich von Meyerhoffs wahrscheinlich erstem Buch in einer “Ex Libris-Sendung”, als wir von Harland nach Wien gefahren sind, etwas hörte.

Dann habe ich ihm einmal bei einer “Rund um die Burg-Veranstaltung” daraus lesen gehört, wahrscheinlich war es der erste Teil, das Zelt war sehr voll,den Leuten hat es sehr gefallen und der sehr selbstbewußte Autor hat seine Zeit auch gehörig überzogen.

Er ist mit Buch eins auch schon 2013  auf der Longlist gestanden, hat beim Bachmannpreis das Kapitel mit dem Bücherstehlen gelesen, den “Bremer Literaturpreis” hat er bekommen und wahrscheinlich noch andere Preise und wenn man wissen will, warum seine Bücher auf der Longlist stehen, dann denke ich, wahrscheinlich deshalb, weil es die Bücher für die berühmten Schwiegermütter sind, die den Autor vielleicht vom Theater kennen und, die auch gerne über die Mißgeschicke, die diesem Sohn aus guten Haus passieren lachen wollen und mit den Büchern von Gerhard Falkner, Ulrich Peltzer, Sibylle Lewitscharoff, etcetera, ihre Schwierigkeiten hätten.

Die Buchhändler haben sich über die Nominierung wahrscheinlich auch gefreut, die Literaturwissenschaftler sagen vielleicht, das ist keine Literatur oder auch nicht, denn Meyerhoff ist ja “Bremer Literaturpreisträger” und ist beim Bachmannlesen, glaube ich, sogar auf die Shortlist gekommen.

Da würde ich wieder denken, daß es der berühmte Name ist, denn sprachlich unterscheidet sich das Buch sehr wohl von den zwölf anderen, die ich im letzten Monat gelesen habe.

Es ist linear geschrieben und erzählt in Episoden, das Leben des Schauspielers, der mit zwanzig oder so, nach dem Tod des Bruders nach München gekommen ist, eigentlich als Schwimmlehrer arbeiten und in einem Schwesternwohnheim wohnen will, da gibt es dann die Phantasie des jungen Mannes, das ihm die knackigen Mädchen, des Nachts umschwärmen, es kommt aber nicht dazu, denn er wird auf die Schauspielschule aufgenommen, wo schon seine Großmutter, Inge Birkmann Lehrerin war.

Warum er sich beworben hat und Schauspieler werden wollte, ist mir nicht so klar, denn der junge Mann hat schon bei der Aufnahmsprüfung durchaus seine Zweifel, ob er dorthin will?

Er ist auch zu faul, ich glaube, das steht so in dem Buch, die verlangten drei Rollen einzustudieren, so muß’er improvisieren und die Kommission berät lange, nimmt ihn dann auf Probe auf und Meyerhoff ist sich nicht sicher, ob das jetzt auf Proteketion der Großmutter geschehen ist.

Er lebt jedenfalls bei den Großmeltern während seiner Ausbildung, die eine Villa beim Nymphenburger Schloß, eine Haushälterin, einen Gärtner, eine Putz- und eine Bügelfrau haben, die Sessel aus dem Nymphenburger Schloß, wenn die Familie Meyerhoff mit ihren Kinder kommt, aber mit Plastikschonern verhüllen und der junge Meyerhoff betrinkt sich auch täglich mit den alten Leuten, denn die beginnen das Frühstück mit Champagner, trinken zu Mittag Weißwein, dann Whiskey, zum Abendessen Roten und den Tag beschließen sie mit Cointreu, wie im ersten Kapitel steht.

Sie haben auch einige Schrullen, die Meyerhoff wohl für die Bühne so tragisch komisch lustig beschreibt und der geht dann in den Zoo, denn in der Schauspielschule besteht die erste Übung, der Eleven sich zwei Zettel zu ziehehn auf einem steht ein Dichtername, auf dem anderen ein Tier.

Meyerhoff zieht Kafka und Eule, tauscht es dann, glaube ich, mit Nilpferd und Fontane und muß die Effi Briest dann so darstellen.

Das wird auch ein Fiasko, nur der Auftritt als Transvestit, als die Studenten für in Not gekommene Künstler auf der Bühne des Schauspielhauses alte Kostüme versteigern, gelingt und Meyerhoff resumiert, daß das deshalb war, weil er da so verkleidet war, daß er sich nicht mehr zu genieren brauchte.

Er hat auch andere Schwierigkeiten, kann nicht auf Befehl weinen und nicht richtig lachen, hat auch ein zerknautschtes Gesicht.

Also wird noch einmal beraten, ob er weitermachen darf. Er darf und spielt dann sogar mit der Großmutter in einem Film. Am Ende besteht er die Schauspielprüfung, bekommt aber zuerst nur in Schleswig-Hohlstein ein Engagement und da will er nicht hin, denn von dort kommt er ja her.

So erleidet er einen Schwächeanfall und die alte Ärztin wird geholt und spitzt ein Medikament und ich fragte mich wieder, wieso er Schauspieler wurde und weshalb er, wenn er so ein Tolpatsch war, dann so berühmt wurde?

Aber ich weiß, das ist die Tragikkommik, die die Zuschauer auf der Bühne zum Lachen und die Leser zum Kauf des Buches bringt.

Die Großeltern werden älter und bekommen ihre Leiden, der Vater stirbt und während Meyerhoff, sich als Werther in Kassel, wo er  ein Engagement bekommt, jeden Abend auf der Bühne erschießen muß, erlebt er  das Sterben der Großeltern. Am Schluß wird das Haus verkauft, vorher noch der Tresor geöffnet und der Familienschmuck gefunden.

Ein Buch, das glaube, ich eine große Auflage hat, Anna Jeller hat es in der Auslange liegen, die Blogger haben nach Veröffnetlichung der Liste meistens geschrieben, daß sie es schon kennen und das sicher auch leicht zu lesen ist.

Ein Blick in das Leben der Prominenten, noch dazu so lustig aufbereitet, verlockt wohl viele. Mir hat  gefallen, ein wenig Einblick in den Schauspielunterricht zu bekommen, so fand ich diese Übung mit den Tieren durchaus spannend.

Die Information, wieso Meyerhoff Schauspieler werden wollte, wenn er doch so viele Schwiergkeiten damit hatte und warum er sich so negativ darstellt, fehlt mir noch immer und das Kapitel, wo er ein Buch, das ihn auch seine Großeltern kaufen hätten können, stehlen muß und damit durch ganz München rennt, hat mir auch nicht sehr gefallen, obwohl ich schon weiß, daß Klauen vielleicht zu den Initionsriten gehört und, daß das vielleicht jeder still und heimlich irgenwann einmal tut, möchte ich das auf diese Art und Weise aufbereitet, trotzdem nicht so gerne lesen und auch nicht darüber lachen.

Auf die Shortlist ist das Buch diesmal und auch damals nicht gekommen und jetzt habe ich auch einen Meyerhoff gelesen und kann vielleicht schon jetzt sagen, daß die Bandbreite der heurigen LL eine sehr große und für jeden Geschmack etwas zu finden ist.

Die großen Namen, die experimentellen jungen Autoren, die schöne Sprache, das Abenteuer und jetzt auch die Tragikkomik für die Schwiegermüutter und jetzt bin ich nur noch gespannt, ob die anderen drei Teile auch noch in Buchform herauskommen werden.

Apollokalypse

Weiter gehts mit Buch zwölf der deutschen Longlist,  des 1951 geborenen  Gerhard Falkner, der mir, obwohl ein bedeutendet Dichter, bisher auch entgangen ist, “Apollokallypse”, ein sperriges vierhundertzwanzig Seiten Buch, das sich einige auf die Shortlist wünschten, die Bücherbloggerin Constanze Matthes abgebrochen hat, “Sounds & Books” von der Berliner Sphäre begeistert war und mit Sophie Weigand darüber diskutierte, die, ob der der vielen Perspektivenwechsel und der deftigen männlichen Umgangssprache, wohl auch ein wenig ratlos war und mir, der ja “so politisch korrekten, realistisch denkenden und angeblich unverständlich schreibenden Frau, ist es ähnlich gegangen und ich habe mich nun an die fünf Tage durch das Buch gequält, bis Seite zweihundertfünzig hätte ich der Buchpreisbloggerin auch recht gegeben, aber ich breche Bücher ja nicht ab.

“Gott sei Dank!”, könnte man sagen, denn sonst wäre mir höchstwahrscheinlich einiges entgangen, denn bis dahin hätte ich wohl auch gesagt “Was soll denn das?  Vierhundertzwanzig Seiten, um darüber zu schreiben, daß “Büttner tot war, Isabell verlassen und Billy wieder mal verschwunden war”, das steht auf Seite 291 und auf 293 kommt hinzu “Meine Vermieterin sagt, dies hier wäre ein schlechter Roman. Wahrscheinlich hat meine Vermieterin recht. Sie sagt, man wäre als Leser fortwährend auf der Suche nach einem Zusammenhang, und könne ja nicht Sinn eines Romanes sein, sich bis zu seinem Ende damit abzukaspern, einen solchen Zusammenhang zu entdecken”

Sibylle Lewitaroff hat in ihrem “Pfingstwunder” auch eine ähnliche Stelle eingebaut, die dann die Bücherblogger gegen sie verwendeten.

Es gibt einen Georg Autenrieth aus Augsburg, der  durch die vierhundertseiten Seiten stolpert, mit sich und der Zeit, in der er lebte, indentitätprobleme hat, aber dazu vielleicht erst später, das war dann schon die Erkenntnis, zu der man vielleicht nicht mehr kommt, wenn man das Buch vorher abgebrochen hat.

Bis dahin könnte man sagen “Was soll denn das? Da schreibt einer über das Vögeln, das Scheißen und die Kacke, schreibt von den DDR Zeiten, der RAF und seinem Leben in dieser Zeit mit seinem Freund Büttner, der in der “Klapsmühle”, “Irrenhaus” nicht “Psychiatrie” steht im Buch selbst, landete, der ihm dessen Freundin Isabel wegnimmt, dann eine bulgarische Freundin namenns Bilijana, genannt Billiy hat und so komische Anmerkungen von einem Doppelgänger, einem “Glasmann”, der seine Identität aufzulösen scheint und Andeutungen, die auf eine terrorischte Vergangenheit schließen lassen, kommen auch darin vor!”

Was soll denn das, das ist doch vollkommen unverständlich, siehe oben und offenbar, das schwer zu lesende Buch, das die Juroren diesmal auf die Liste setzte, damit die Blogger und die Rezenten sich daran reiben und man darüber spricht!

Dann habe ich weitergelesen, schon ein bißchen ungeduldig, denn es liegen ja noch so viele Bücher in meinem Badezimmer, sechs von der dBp warten noch und bezüglich der öst, habe ich jetzt auch das vierte dazu bekommen.

Aber ich bin geduldig und beharrlich und habe nicht aufgehört zu lesen, obwohl ich es zwischendurch schon ganz unten vor oder nach dem Stadler angesiedelt hätte und mich wunderte, wie langweilig, die großen Dichter Deutschlands schreiben können und mich auch ein bißchen fragte, was Herr Jung wohl dazu sagen würde, der ja wie er am Mittwoch erklärte, von einem Buch am Anfang, in der Mitte und am Schluß jeweils fünf Seiten liest und dann schon alles weiß?

Mir ist, glaube ich, erst nach Seite dreihundert der Vergleich mit dem vorjährigen Gewinnerbuch gekommen, das ist ja genau dasselbe  Thema und dann habe ich mich vielleicht schon gefragt, ob dieses Buch nicht vielleicht besser ist?.

Gerhard Falkner, habe ich auch irgendwo gelesen, hat ebenfalls Jahre an dem Buch gearbeiter und, man kann hier wirklich viel zitieren, um das Buch zu erklären, auf Seite 361 steht “Natürlich kann man die Vergangenheit der Bundesrepublik rekonstruieren aus ihren Erfolgen, Anstrengungen und Absurditäten, die Währungsreform, der Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder, Mauerbau, die Gründung der DDR, die Notstandsgesetze, Krefelder Beschluß, Adenauers Forderung nach taktischen Atomwaffen, Aufstieg der deutschen Autoindustrie, Gastarbeiter, die wachsenden Macht der Banken, die Spiegel Affaire, die Ermordung Schleyers oder schließlich die Insellage Westberlin und alle daraus resultierdenen Wunder. – In dieser Geschichte aber würde das kaum helfen”.

Also braucht man die multiple Perslnlichkeit, den Dr. Jekyll und den Mr Hyde und so huscht auch Georg Autenrieth durch Buch und Geschichte, verliert seinen Schatten, erkennt sich selbst in jedem der ihm in der U- Bahn gegenüber sitzt wieder, deutet etwas von einer terroristischen Vergangenheit an und trifft dann den Teufel oder seinen Psychiater, der ihm oder war es umgekehrt, die Idetität raubte und wurde wieder auf eine sehr gelehrige Art un Weise,  im Nachhinein würde ich fast sagen, besser, als es der Witzel konnte.

Wir wissen aber, die Erinnerung täuscht und trübt manchmal und ganz am Schluß gibt es noch ein Bild von einem Mann mit einer seltsamen Bekleidung und einer seltsamen Kopfbedeckung. Ein Berliner Original, den Gerhard Falkner, wie er in einem Nachwort erklärt, traf und fotografierte und der nichts mit dem Buch zu tun hat, also weder Georg Autenrieth noch sein teuflischer Psychiater und Identitätsklauer ist, Gerhard Falkner dürfte ihm aber trotzdem zum Anlaß genommen zu haben, die Geschichte dies Nachkriegsdeutschland wieder einmal wild und ungewöhnlich zu erzählen.

Vergleiche vom falschen oder richtigen Auftauchen zur richtigen Zeit am falschen Ort werden auch öfter zitiert. Nun die Tragik dieses Buches oder “Buchpreises” könnte man sagen, ist, daß Gerhard Falkner, da ein wenig zu spät gekommen ist. Jedenfalls steht er nicht auf der Shortlist ist also aus dem Rennen und ich könnte jetzt auf Anhieb gar nicht sagen, ob ich ihn darauf täte? Aber zum Glück gehöre ich in diesem Literaturbetrieb ja nur zum Publikum und muß das nicht entscheiden.

Die Vegetarierin

Jetzt kommt noch einmal eine Pause vom doppelten LLlesen und ein Ausflug in die Welt der internationalen Literatur, “Die Vegetarierin”, neben “The Girls” und “Meine geniale Freundin” das Kultbuch der heurigen Herbstsaison, der Koreanerin Han Kang, die damit auch den “Internationalen Man Booker Prize” gewonnen hat.

Ich habe es mir bestellt, weil ich die Besprechungen interessant gefunden habe, als wir vom Berg zurückgekommen sind, habe ich auch eine in “Ex Libris” gehört und jetzt, glaube ich, ein anderes Buch gelesen, zumindestens habe ich es anders aufgefaßt, denn die Realistin in mir, die vor kurzem auch “Die Welt im Rücken” gelesen hat, sieht von Kafka keine Spur, aber vielleicht habe ich den nur noch nicht genügend gelesen und kann sich das alles ganz real und gesellschaftlich bedingt deuten.

Die klare schöne Sprache und das “fremdländische Flair” besticht, zumal in der Übersetzung auch einige Worte zu finden sind, die für unseren Sprachgebrauch fremd und ungewöhnlich klingen.

Übersetzt hat das Buch, die in München lebende Ki-Hyang Lee, um das auch einmal anzugeben, obwohl das für mich meistens nicht sehr wichtig ist und das Buch ist in drei Teilen gegliedert und wird von drei Protagonisten in jeweils einem Jahresabstand erzählt.

Der erste ist Yong-Hyes Ehemann, ein ziemlicher Unsympathler setzte ich gleich hinzu, aber die Männer kommen in dem Buch überhaupt nicht sehr gut weg, der sich über die Veränderung seiner Frau wundert, denn die, die bisher eher durchschnittlich und unaufällig bisher, das einzig Auffällige war, daß sie keine BHs trug, fängt plötzlich an kein Fleisch zu essen, weil sie böse Träume hat.

In der veganen Welt, in der wir seit einigen Jahren leben, nichts Ungewöhnliches könnte man denken. In Korea gibt es auch genügend Vegetarier, wie in dem Buch steht, trotzdem flippt Yong-Hyes Familie aus, sie magert allerdings auch sehr ab und beginnt sich immer öfters nackt zu zeigen.

So verständigt  der Mann, die Familie, die trifft sich in der Wohnung von Yong-Hyes Schwester und der autoritäre Vater gibt der Tochter eine Ohrfeige und versucht ihr mit Hilfe des Bruders, ein Stück Fleisch in den Mund zu zwingen. Die spukt es aus und greift zum Messer, um sich umzubringen,  der Schwager trägt sie auf seinen Armen in die Klinik.

Teil zwei “Der Mongolenfleck” wird von diesem erzählt. Der ist ein, glaube ich, nicht so besonders erfolgreicher Video-Künstler, lebt vom Kosmetikgeschäft seiner Frau und ist von Yong-Hyes Mongolenfleck, den sie am Gesäß hat, fasziniert.

So kommt er zu ihr mit dem Begehr auf ihren nackten Körper Blumen aufzumalen und läßt sie dann mit einem ebenfalls bemalten Künstler Sex haben, der rennt aber davon, so läßt er sich selbst bemalen und hat den Sex mit ihr, die sich nicht wehrt, denn seit sie die Bemalung hat, fühlt sie sich besser und die Träume, die sie quälten sind auch weg.

Pech ist nur, daß die besorgte Schwester des Morgens schon früh aufsteht, um Yong-Hye Essen zu bringen und die beiden findet. Sie schaut sich auch das Video an und holt die Rettung, denn die beiden müssen, wenn sie sowas machen, ja krank sein.

Teil drei spielt wieder ein Jahr später und die Schwester fährt in die Klinik um Yong-Hye zu besuchen. Die ist dort vor einiger Zeit ausgerissen und hat sich im Regen in den Wald gestellt, um ein Baum zu werden und sich mit der Natur zu verschmelzen. Seither ißt sie auch nicht mehr und wird in der Klinik natürlich fixiert und zwangsernährt, denn man hat ja nicht das “Recht zu sterben”, wie sie sich einmal  bei ihrer Schwester beklagt.

Offenbar nur das zu funktionieren und das hat In Hye, Yong-Hyes Schwester bisher auch getan, sich um den Sohn gekümmert, den ungetreuen Ehemann verlassen, die Klink für die Schwester bezahlt und sie ärgert sich auch über deren Ehemann, der sich gleich nach der Veränderung von der Schwester scheiden ließ.

Die Ärzte haben alles versucht, Yong-Hye weigert sich weiter zu essen und driftet in ihre eigene Welt ab. So wird sie im Krankenwagen in eine andere Klink gebracht, die Schwester begleitet sie, reflektiert ihr Leben, den gewalttätigen Vater, der sich hauptsächlich an Yong-Hye vergriff, ihr eigenes Funktionieren und am Ende könnte es sein, daß auch bei ihr die Rebellion beginnt und sie sich vielleicht, wie ein Vogel aus dieser Welt davonzumachen versucht.

Ein sehr beeindruckendes Buch, das ich, wie schon geschrieben hauptsächlich aus der realistischen Sicht las und mich frage, warum man unbedingt essen muß , sich nicht umbringen darf und wenn man es trotzdem versucht, gewaltsam daran gehindert wird und, daß In Hyes Ehemann, zuerst in die Klinik mitgenommen wurde, dann nur mehr wegen Ehebruch verhaftet wurde und sich schließlich aus dem Staub machte, finde ich auch sehr seltsam.

Vielleicht ist das in Korea, wo vielleicht alles noch ein bißchen konventioneller ist noch so. Die Psychiatrie, die hier beschrieben wird, erinnert mich an die Fünfziger bis Siebzigerjahre, wo ich Anfang der letzteren ja zu studieren und dort Vorlesungen zu besuchen begann.

Inzwischen hätte ich gedacht, ist es ist etwas besser geworden. Das Buch kann aber trotzdem aufrütteln und nachdenklich werden lassen, die schöne Sprache, die auch mit Haraki Murakami verglichen wird, ist auch zu erwähnen und stehen bleiben wird der Satz, den Yong-Hye ihre Schwester fragte: “Ja und? Ist es denn verboten zu sterben?”

Freiwillig offenbar ja, obwohl wir es ja alle irgendwann werden und müssen.

Der letzte Zeitungsleser

Zur Abwechlung jetzt ein wenig in den Sachbuchbereich oder das Plädojer eines Chefredakteurs, Michael Angele vom “Freitag” über das Zeitungssterben, nein nicht direkt über dieses selbst, kein wirklicher Abgesang über die Zeitung, die nach und nach von den Online-Ausgaben ersetzt wurden, so daß es nur mehr den letzten Zeitungsleser gibt.

Das ist höchstwahrscheinlich genauso übertrieben, wie das letzte Buch, denn in meinem Badezimmer türmen sich ja die Bücherberge, die zur Frankfurter Buchmesse beziehungsweise für den Weihnachtsbaum erscheinen und dort liegen sie wahrscheinlich immer noch, weil man will ja die Bücher  riechen, tasten, schmecken, auch wenn ich vor einigen Jahren einen E-Bookreader bekommen habe.

Dort lese ich nur selten, meistens nur, wenn ich von einem Verlag ein PDF bekommen habe und das ist mir jetzt mit Michael Angeles letzten “Zeitungsleser” so passiert.

Am Cover prangt eine alte Zeitung und das Buch ist, wie einer der “Amazon-Rezensenten” schreibt, herrlich schnell zu lesen, er schreibt von einer Stunde, ich habe mehrere gebraucht, es besteht aber nur aus einer Spalte mit einem breiten Rand links und rechts, so daß man, wenn man die Printausgabe wählte, viel notieren kann.

Ein paar Fotos gibt es auch dabei, denn man muß ja die Leserbindung herstellen, darf den Abonennten nicht überfordern und, um seinen Geist nicht zu ermüden, braucht es immer wieder die Ablenkung des Bildes.

Das meint der 1964 in der Schweiz geborene Journalist und Literaturwissenschaftler, der in Berlin leben dürfte, durchaus kritisch und beginnen tut es mit der Literatur, nämlich mit Thomas Bernhard, der wie Michael Angele nachweisen will, ein großer Zeitungsleser war.

In “Wittgensteins Neffe”, hat er geschrieben, daß er 1968 dreihundert Kilometer durch halb oder ganz Oberösterreich gefahren ist, um eine Neue Zürcher Zeitung zu bekommen. Wer tut das heute noch, wo man die NZZ ganz leicht online lesen kann? Aber Thomas Bernhard ist ja schon 1989 gestorben, vorher hat er einen Leserbrief an eine  oberösterreichische Lokalzeitung geschrieben, um sich zu empören, daß die Gmundener Straßenbahn eingestellt werden soll.

Die fährt offenbar noch immer und Thomas Bernhard war, was ich, glaube ich, schon vorher hörte, ein begnadeter Lesebriefschreiber, die gibt es heute  auch nicht mehr oder nur mehr marginal, dafür aber Kommentare, die wahre Shitstorms auslösen und Michael Angele stellte sich die Frage, warum es keine Studie über “Thomas Bernhard als Zeitungsleser”  gibt.

Die sollte man anstellen, also fragt er bei  Peymann und anderen nach, was sie davon halten?

Die Antwort steht später im Text, denn erst gibt es allgemeine Überlegungen über das Zeitungslesen und was wir alles verlieren würden, wenn es die nicht mehr gäbe.

Zum Beispiel das Lesen im Urlaub, da fährt man nach Griechenland, in die Türkei oder wo auch immer und sucht am Kiosk die “Bild”, die “FAZ”, in meinem österreichischen Fall die Kronenzeitung und bekommt, die vom letzten Tag, meist auch zu überhöhten Preisen, merke ich an. Nachrichten von gestern sind längst veraltet, deshalb stirbt die Zeitung wahrscheinlich auch, aber wenn man auf Urlaub ist, ist das ein Gruß der Heimat und man kauft sie trotzdem.

Das erscheint mir bekannt und habe zwar nicht ich, aber der Alfred so getan und Thomas Bernhard, der ja internationaler war, kaufte sich sogar in Japan oder Russland Originalzeitungen, obwohl er die nicht lesen konnte.

Das erzählt dann schon Claus Peymann, der obwohl überarbeitet, Michael Angele einen Gesprächstermin gab und dann einige Stunden von sich selbst erzählte, denn er ist auch ein begnadeter Zeitungsleser.

Die Zeitung wird nur am Wochenende überleben, meint Michael Angele und führt die Zeitungsleser an, die sich die Samstagzeitung kaufen, das sind in Deutschland, die dicken mit den vielen Beilagen, die zerteilen sie dann Samstags, um sie für den Sonntag aufzuheben. Aber da gibt es schon die Sonntagzeitung und man kommt nicht dazu.

Also  ist viel Zeitung ungelesen geblieben, das ist wahrscheinlich genauso, wie bei den Büchern. Es gibt aber auch Sammler beziehungsweise Messies, wie das auch heißen oder in diesen Begriff übergehen kann. Also ganze Wohnungen vollgestopft mit Zeitungsstapeln, so daß man im schlimmsten Fall, weder Tisch noch Bett benützen kann.

Es gibt aber auch die Leser. Michael Angele führt ein paar Beispiele von treuen und weniger treuen an, seine Eltern kaufen beispielsweise regelmäßig eine solche, schimpfen über sie, denken aber trotzdem nicht daran das Abonnent zu kündigen.

Das ist die Lesertreue und jetzt merkt Angele noch an, daß die Redaktionen ihre Leser unterschätzen und ihnen alles in der “Frage zum Tage” zerklären würden, was ihn stört.

Natürlich da gibt es wohl dem Drang zum Mittelmaß und leichten Lesen, damit allle alles verstehen und dann sind einige empört, schimpfen und kündigen trotzdem nicht.

Peter Handke wird noch angeführt, Thomas Bernhards großer Konkurrent, aber ist der nicht Doderer gewesen? Der mag, schrieb er im “Nachmittag eines Schriftstellers” keine Zeitungen, war also kein Zeitungsleser, Claus Peymann zitierte ihm trotzdem immer die guten Kritiken und meinte, sie hätten ihm gefreut.

Ein interessantes Buch und ein sehr liebevolles Plädoyer einer aussterbenden Spezie. Mag sein, denn der Alfred liest seit einiger Zeit den “Standard” auch online und die Wochenendausgaben, die wir  früher Samstag kauften, werden seltener. Früher habe ich mir regelmäßig die Gratiszeitungen mitgenommen und die kostenlosen Probeabos abonniert. Das tue ich auch nicht mehr und wenn sich die Zeitungsstapel ansammeln, muß man sie entsorgen, das geht gar nichts anders, bei den Büchern tue ich das nicht, ganz im Gegenteil.

Trotzdem sind die Kioske immer noch voll von Zeitungen, auch wenn in den Redaktionen, wie ich immer höre gekündigt wird, Zeitungen eingehen und man entweder gar nicht oder online liest, gibt es sie noch und der letzte Zeitungsleser zum Glück oder Gottseidank Utopie und Michael Angele liest ja auch online, hat sogar, glaube ich, ein solches Magazin oder Zeitung herausgegeben und sein Buch habe ich wie schon geschrieben, als PDF auf dem Computer nicht im Reader, der hinter mir am Bücherstapel liegt, gelesen, habe einiges an Literatur und über Thomas Bernhard, beziehungsweise das Wiener und andere Kaffeehäuser, dabei mitbekommen und jetzt kann ich, wenn ich will, mich auf das Klo begeben, wo ja der “Wochenend-Standard”, den wir gestern kauften, liegt, denn den habe ich, ich gestehe es, nur durchgeblättert. Ich hätte also, wenn nicht nur das LL-lesen, das Mittagessen auf der Rudolfshöhe und das nachmittägliche Stumfest  warten würde, noch sehr viel zu lesen.