Belmonte

In Zeiten, wo wir gebannt nach Italien schauen und Kanzler Kurz immer sagen hören, daß er nicht solche Zustände haben will, wo die Ärzte wählen müssen, wen sie behandeln wollen und sich die Verwandten nicht von ihren Toten verabschieden können, ein deutsch-italinischer Familienroman “Belmone”, der von einer deutschen Bestsellerautorin geschrieben worden, die denNamen Antonia Riepp, als Pseudonym wählte und von “Piper” wohl als Frühlingsereignis präsentiert worden wäre, wäre nicht Corona dazwischengekommen.

Als ich von unseren Winterurlaub mit der Ruth zurückgekommen bin, habe ich das Buch im Postfach liegen gehabt, ein unverlangt zugeschicktes Exemplar, und auch nicht unbedingt mein Lesegeschmack, obwohl ich mich ja, wie ich immer schreibe, nicht nur quer durch den literarischen Gemüsegarten lese, sondern ganz gern auch Krimis und CickLits lese und, wie ich, als meinen “unwürdigen Literaurgeschmack”, zugeben muß, sehr gern und viel Courths-Mahler gelesen habe.

Jetzt ist es aber moderner, spielt es doch in der Gegenwart oder doch nicht so ganz, es beginnt im Jahr 1944, als die beiden Freundinnen Marta und Teresa, die in dem fiktiven Örtchen Belmonte in der Provinz Marken wohnen, ihren Partisanenfreunden Essen bringen, Teresa ist in einen Cesare verliebt, Teresa in einen Salvadore und am Rückweg von deutschen Soldaten vergewaltigt werden.

Für Marta geht das “gut” aus, sie kann ihren Salvatore heiraten, hegt aber für den Rest ihres Lebens einen Haß gegen die Deutschen und ihr Geheimnis gibt sie auch nicht kund. Teresa wird dagegen schwanger, will das Kind abtreiben, es gelingt ihr nicht und ihr Vater schlägt sie zuerst halb tot,  später verheiratet er sie gegen einen Weinberg, an den kriegsversehrten einarmigen Ettore und als die kleine Franca geboren wird, wird ihr  im Dorf “Bastard” nachgerufen.

Die stirbt nun im Allgäu, in dem Städtchen Kempten und hinterläßt ihrer Enkeltochter Simona ein Haus in Belmonte. Die ist Landschaftsgärtnerin und hat gar nicht gewußt, daß die Nonna, bei der sie eigentlich aufgewachsen ist, dort ein Häuschen hatte. Daß sie die Enkelin einer italienischen Gastarbeiterin ist, wußte sie schon und Italienisch hat ihr die Nonna auch beigebracht.

Simona, die sich gerade in einer Krise befindet, beziehungsweise ihren Job verloren hat und mit ihrem Freund Sebastian auch nicht so glücklich ist, fährt hin und nach und nach bekommt die Viergenerationen Familiengeschichte heraus und die ist recht kompliziert, denn es war immer eine in den falschen verliebt und  konnte nicht so glücklich werden.

Teresa ist jedenfalls, als Franca sechs war, verschwunden und man wußte nicht so recht, wurde sie von ihrem Ehemann erschlagen oder ist sie mit ihrem Liebhaber durchgebrannt. Franca wurde von Marta und Salvatore aufgezogen und hatte auch ein recht eigenartiges Verhältnis zu deren Sohn Federico. Als sie neunzehn war, ging sie mit Salvatore nach Deutschland, wurde Näherin, später Änderungsschneiderin und heiratete einen Tobias Mälzer und zu ihrer Tochter Marina, die recht schwierig war, hatte sie immer ein sehr distanziertes Verhältnis. Die brach mit Achtzehn mit ihren Hippiefreunden auf Europareise auf und versetzte mit ihren Kumpanen ganz Belmonte in Aufregung. Sie kam auch schwanger zurück und die Großmutter zog dann die kleine Simona auf, die lange nicht wußte, wer ihr Vater war?

Jetzt in Belmonte soll sie es nach und nach erfahren und wird vielleicht auch in eine Liebschaft verwickelt, beziehungsweise muß sie sich entscheiden, ob sie in Belmonte bleiben, dort einen Gemüseladen aufziehen oder zurück nach Deutschland zu ihren Sebastian will?

Sie entscheidet sich für Letztes, werde ich gleich spoilern, sonst aber nicht mehr sehr viel erzählen über diesen Unterhaltungsroman, der die Unterdrückung der italienischen Frauen zeigt und der durch die Corona- Krise wohl nicht so unbefangen gelesen werden wird, wie er wohl gedacht war.

Ja richtig, eines habe ich noch vergessen, ein Erdbeben hat es 1997 in Markenauch gegeben, das wahrscheinlich das Dörfchen Castiglioni di Arcevica, das wie Antonia Riepp uind in ihren Nachwort und Danksagung verrät, das Vorbild für Belmonte war, in Mitleidenschaft zog.

Murmeljagd

Meine Ulrich Becher-Geschichte könnte meinen Lesern ja bekannt sein. Da bin ich einmal in den Neunzigerjahren, als wir noch in der Gumpendorferstraße wohnte, an der städtischen Büchereifiliale, die es glaube ich, nicht mehr gibt, vorbei gegangen, beziehungsweise vor der Schachtel der von dort ausrangierten Büchern stehengeblieben, denn damals war ich ja mitten in meiner Gratisphase und habe zwei Bücher von einem Ulrich Becher  “Kurz nach 4” und “Und Nachtigall will zum Vater fliegen” entdeckt und mitgenommen.

Auch angelesen aber bald damit aufgehört, denn wer bitte ist Ulrich Becher, den Johannes R. Becher kannte ich, ja und habe, glaube ich, die Kerstin Hensel auch einmal in dem Haus in der Berliner Linienstraße besucht, wo er angeblich ein Bordell besucht haben soll, aber der Ulrich?

Internet, wo man nachgooglen hätte können, gab es oder hatte ich noch keines und auch kein Literaturlexikon und der expressionistische Stil in dem die Bücher geschrieben waren, war auch nicht so meines.

2005 sind wir zu Utes Geburtstag einmal außer Buchmessezeiten nach Leipzig gefahren, in der Stadt spazierengegangen und dort beim “Hugendubel” in einen “Aufbau-Taschenbuchabverkauf” hineingekommen, da war. Darunter war ein Büchlein mit Briefen die der Verlag an Ulrich Becher, die sich auf sein “Kurz nach vier” bezogen haben, waren dabei, das hat mich dann wahrscheinlich dazu animiert, das Buch 2010 doch zu lesen. Etwas später hat dann der “Arco-Verleger”, der das Buch neu herausgegeben wollte, meinen Blogartikel gelesen, die Briefe haben wollen und mir dann auf einer “Buch-Wien”, die Neuausgabe geschenkt, worüber ich sehr dankbar war.

Nicht, daß ich das Buch nochmals gelesen habe, das geht nicht bei meinen Bücherbergen, aber da waren endlich mal biographische Angaben drin, was ich bei den gefundenen Büchern leider vermißte.

Ich wußte damals aber schon, daß der 1910 in Berlin geborene und 1990 in der Schweiz verstorbene, der dazwischen auch in Wien gelebt hat, auch den “Bockerer” geschrieben hat, den ich ja einmal im Volkstheater und später natürlich im Kino gesehen habe.

Den “Nachtigallenzyklus” habe ich inzwischen auch gelesen und das Buch das Konstantin Kaiser über Becher hinausgegeben hat und 1910 als der Ulrich hundert wurde hat der “Schöffling-Verlag” die “Murmeljagd”, die 1969 erstmals erschienen ist, nochmals herausgegeben, da hatte ich es wohl noch nicht so mit den Rezensionsexemplaren, jetzt ist die fünfte Auflage erscheinen und damit gleichzeitig, die “New Yorker Novellen”, die habe ich dann gleich mitbestellt, bin aber schon beim Auspacken daraufgekommen, das ist der “Nachtigallenzyklus” minus einer Geschichte.

Es kamen also beide, der damals gefundenen Bücher inzwischen neu zu mir und ich muß sagen, ich war ein wenig ratlos bei dem über siebenhundert Seiten Buch, auf dessen Titel das Riesenrad prangt und wahrscheinlich nicht so begeistert, wie Eva Menasse, die das Nachwort schrieb.

Nun ja, ich bin ja eher eine realistische Autorin, wie ich immer schreibe, obwohl mich die Vor-Zwischen und Nachkriegszeit ja sehr interessiert, aber Ulrich Becher macht es seinen Lesern nicht sehr leicht, springt er doch von hinten nach vorn und wieder zurück. Kommt vom Hundertsten ins Tausendste, verwendet Dialekte, fremde Sprachen, literarische Anspielungen und wahrscheinlich noch viel viel mehr.

Aber in dem Versuch, das Ganze zusammenzufassen, spoilern ist hier wohl ohnehin kaum möglich. Da gibt es Albert Trebla, man beachte, daß der Nachname ein Anagram des Vornamens, auch etwas typisch Becherisches wahrscheinlich.

Der war im ersten Weltkrieg Soldat oder Offizier, wurde verwundet, war dann in Graz Sozialdemokrat und beim Februaraufstand aktiv, Journalist war er ebenfalls und, ich glaube, auch Jurist, wie sein Autor.

Als nach Österreich, die Nazis kamen, mußte er mit seiner Frau in die Schweiz fliehen, das heißt, er tat es mit den Schiern über die Grenze, die Frau Xane mit Freunden im Zug erster Klasse, sein Paß ist abgelaufen und jetzt sitzt er mit seiner Frau in zwei Zimmern in Engadin, wird vom Heuschnupfen geplagt, nimmt dagegen Tabletten und wird von Wahnvorstellungen oder auch von den Geschehnissen, um ihn herum, man schreibt das Jahr 1938, geplagt.

Man weiß das nicht so genau und bekommt das auch beim Lesen nicht so ganz mit, denn Becher hüpft ja, wie schon erwähnt, wirr herum im Zeitgescheheh und macht es seinen Lesern nicht leicht.

Sein bester Freund, ein Grazer Armenarzt, ist in Dachau oder auf dem Weg dorthin, umgekommen, da ihn zwei Nazibuben ein Messer in die Stirn stecken und der sich das Herausziehen verbat, weil er wußte, daß er das nicht überleben würde und sein Schweigenvater, ein Zirkusclown genannt Rosenvater, eine Anspielung auf Bechers Schwiegervater Roda Roda lehrt uns Eva Menasse, kommt auch im KZ auf höchst skurile Art um, die ich hier nicht spoiliern will, um ein etwaiges Lesevergnügen nicht zu zerstören und Trebla bemüht sich im ganzen Buch, das seiner Frau zu verschweigen, beziehungsweise weiß er nicht, wie er ihr das beibringen soll?

Er fühlt sich auch von zwei blassen blonden Burschen verfolgt, weiß nicht, sind das harmlose Murmeltierjäger, deshalb der Name des Buches oder wurden sie von seinem ehemaligen Kriegskameraden und jetztigen Gestapomann Laimgruber auf seine Spur gesetzt und so hetzen wir durch die siebenhundert Seiten, wo all das und noch viel mehr passiert.

Lesen würde ich empfehlen, in Zeiten, wie diesen die ja auch höchst verwirrend  sind, ist es vielleicht hilfreich sich auf Ulrich Bechers “Murmeljagd” einzulassen und vielleicht einen, wie Eva Menasse in ihren Nachwort schreibt, leider zu Unrecht vergessenen Autor zu entdecken.

Nun mir war er bekannt und meine Blogleser können sich auch gern in meine Becher-Geschichte einlesen und sie weitergeben.

Bis zum Ende

Remigiusz Mroz, dem polnischen Kultautors “Bis zum Ende” habe ich  nicht angefragt, wohl aber seine “Kalten Sekunden” gelesen und damit, ob der Brutalität und der überraschenden Wendungen, meine Schwierigkeiten gehabt, aber eigentlich auf das vor einem knappen Jahr gelesene Buch inzwischen fast vergessen, so daß ich, als ich den Inhalt von “Bis zum Ende” gegooglet habe, ein deja vue hatte und glaubte, ich hätte das Buch schon gelesen, aber nein, “Bis zum Ende” ist  die Fortsetzung der “Kalten Sekunden”, der Geschichte von  Damian Werner, dem seine Braut Ewa verloren gegangen ist, sie suchen will, sich an eine Detektei wendet, die Detektivin Kassandra von ihrem Mann Robert mißbraucht wird und sich dann in Ewa verwandelt und so weiter und so fort.

Nun sind zu den zehn Jahren des Verschwindens ein weiteres vergangen. Damian Werner zieht in eine neue Wohnung, trinkt Bier,  lebt depressiv vor sich hin, bis er Kassetten  findet. Wieder eine Botschaft von der verschwundenen  Ewa und Kassandra, seine Feindin taucht auf, erzählt von ihrem verschwundenen Sohn, den finden sie dann im Koma in einer Klinik. Kassandra wird verhaftet, im Gefängnis mißbraucht und Damian Werner zieht mit Kassandras Assistentin, die er in einem Sushi-Lokal findet, zu einem ehemaligen Jugendclub und man forscht wieder in Ewas Vergangenheit.

Dann taucht Ewa plötzlich auf und verschwindet wieder, beziehungsweise zwingt sie Kassandra, die Kassetten aufzunehmen, also eigentlich eine Zeitsprung nach hinten, wenn ich nicht etwas mißberstanden habe und die Schwierigkeit, der Bücher ist auch, daß sie in zwei Perspektiven geschrieben sind, in der von Damian Werner und der von Kassandra.
Aber beide in Ich- Form, dann hatte ich genau, wie einige “Amazon-Rezensenten” auch Schwierigkeiten mit den Namen, obwohl ich das Vorbuch ja gelesen habe. Hat man nicht,   tut man sich wahrscheinlich noch viel schwerer, das Ganze zu verstehen, obwohl es ja eigentlich nur, so weit ich es verstanden habe,   eine Wiederholung des Erstens ist und nicht wirklich neue Fakten bietet oder doch vielleicht, Ewa sticht Kassandra nieder, die wird von Damian gerettet und die beiden gehen in ein neues Leben.

Man könnte den Thriller also auch psychanalytisch deuten und dann wäre ich auf den dritten Teil gespannt. Mal sehen ob ein solcher zu mir kommt?

“Zuerst war es Stieg Larsson, dann Jo Nesbo, jetzt ist die Zeit für einen weiteren sensationellen Spannungsautor gekommen:ausPolen”, steht  am Buchrücken.

Leichte Böden

Jetzt kommt das Buch zur Situation, könnte man unken, die alltägliche kleine Katastrophe, in der großen, in der wir gerade stecken und keine Ahnung haben, ob und, wie wir da hinaus und davonkommen können?

David Fuchs zweiter Roman, mit dem ersten ist der 1981  in Linz geborene Onkologe und Palliativmediziner 2018 auf einigen Debutpreisschienen gestanden und er hat wieder ein brandaktuelles Thema gewählt, das er sowohl auf eine sehr witzige Art und Weise und dann auch der gehörigen Portion Spannung und Crime zu erählen weiß und uns damit über das Altern und ein Leben in Würde nachdenken lassen würde, wenn die aktuelle Situation nur nicht so brandtaktuell wäre und David Fuchs vielleicht jetzt statt an seinem Schreibtisch in  der Intensivstation stehen wird.

Da ist Daniel Kobicek, ein Biologe oder Biologielehrer, der wurde von seiner Schule auf ein Sabbatical geschickt, weiß nun nicht so genau, was er in diesem anfangen soll und fährt aufs Land hinaus zu Tante Klara, weil er in deren Garage seinen Porsche abgestellt hat. Den will er nun holen, um eine Spritzfahrt nach Italen oder Frankreich zu machen.

Das klingt vielleicht ein bißchen unglaubwürdig, das einer jahrelang sein Auto am Land stehen läßt, aber David Fuchs brauchte es wahrscheinlich für seinen Handlungsbogen und es beginnt schon einmal äußerst spannend, beziehungsweise komisch.

Denn der Held kommt am Bahnhof an, muß dringend aufs Klo, pinkelt in die Büsche, wird von einem Polizeiauto verfolgt, gerät in Panik. Es ist aber nur die Nachbarstochter Maria, mit der er als Kind aufgewachsen ist, die ist Polizistin und fährt ihn zu der Tante, die mit ihrem dementen Mann Alfred und dem krebskranken Nachbarn Heinz, der sich nur noch mit einem Sprachcomputer verständlich machen kann, in einer Art Wohngemeinschaft lebt.

Maria lebt daneben, als ihre Mutter Hilde gestorben ist, ist der Vater zu Klara hinübergezogen, die ihn versorgt und Daniel erwacht nun in der Nacht von komischen Geräuschen, bemerkt, daß es Alfred ist, der schreit, weil Klara ihn eingesperrt hat und ist entsetzt darüber.

Beim Frühstück will Alfred trotz allem Bemühen seinen Toast nicht essen und als Daniel ihn füttern will, scheißt er sich an. Dann will er essen, soll aber in die Dusche und außerdem sagt er zu allem nur “Ja genau!”

Daniel ist noch mehr entsetzt, denn man mußt doch den Alten helfen, so organisiert er ein Babyphone, damit Alfred nicht mehr eingesperrt werden muß, was aber nur zur Folge hat, daß er in den Schweinestall entfleucht und der ist ein bißchen geheimnisvoll, denn Maria weigert sich ihn zu betreten.

Vielleicht nicht so schlimm, würde man nun vermuten, denn er gute Biologe ist auch nicht so ohne, spielt mit Schwertern, hat eine Spinnenphobie und trägt Psychopax bei sich, die er Alfred aufdrängen will.

Klara sagt ihm dann, daß Heinz Maria  als Kind immer in den Schweinestall gesperrt hat. Alfred aber jeden Abend kam, um sie von dort herauszuholen und während man noch glaubt, daß der Palliativmediziner uns weißmachen will, daß man sich nicht die scheinbar nicht so perfekte Pflege einmischen und mit besten Willen alles noch viel schlimmer, als es ist, machen soll, bahnt sich schon die nächste Tragödie  an und nun wird es ein bißchen aktionreich, denn nur das alltägliche psychosoziale Elend genügt ja nicht, den Lesern, denn die haben wir ja ohnehin zu Haus, wir wollen es schon mit der Spannung haben.

So kommt es zu einem Stromausfall, Heinz Tablett funktioniert nicht mehr und schließĺich findet Daniel, der sich langsam mit Maria angefreundet hat, die beiden Alten wieder im Schweinstall. Heinz hat Alfred niedergestoßen, der erleidet einen Schenkelhalsbruch, muß ins Spital. Daniel zerrt Heinz auch dorthin, weil er sich bei ihm entschuldigen soll und schließlich findet man, während Daniel bei Maria ein Schäferstündchen hat, Heinz erschoßen im Stall und die Beiden fahren dann mit dem Auto, dessen zuerst verschwundene Batterie doch gefunden wurde, davon.

Ob ins Glück oder ins neue Elend weiß man nicht so genau, ich habe aber, glaube ich, eines der besten Bücher der Saison gelesen und denke fast, man könnte es den Krisenmanagern empfehlen, die jetzt vielleicht verzweifelt versuchen, uns vor der Katastrophe zu retten und womöglich schon daran sind, uns weiter hineinzustürzen.

Und noch etwas könnte ich hinzufügen, daß ich wieder nicht verstanden habe, warum das Buch so heißt?

Die rechtschaffenen Mörder

Das zweite Buch der Belletristik-Schiene, des diesmaligen “Preises der Leipziger-Buchmesse”, der nicht dort vergeben wurde. Nach der Lyrik und dem Mondgedicht, folgt nun der beinharte Wenderoman oder die drei Variationen darüber, denn so einfach läßt sich das wohl nicht erzählen, wie durch einen DDR-Dissidenten und Lesemenschen ein Rechtsradikaler wurde, wie das in Ostdeutland wohl öfter passierte oder gerade passiert.

Autor ist Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, ich habe ihn nach der Wende, wie ich ja immer schreibe, bei einer Lesung in der “Alten Schmiede” kennengelernt und einiges von ihm gelesen, einiges habe ich wohl auch noch ungelesen in den Regalen und von dem Buch, das den “Buchpreis” nicht gewonnen hat, habe ich, bevor ich zum Lesen gekommen bin, schon einiges gehört, hat Ingo Schulze es ja, glaube ich, trotzdem in Leipzig und auf jeden Fall auf der Online-Buchmesse vorgestellt.

Drei Teile und ein wunderschöner Klappentext “Ich wollte eine Erzählung schreiben über das Lesen und die Leser und ich wollte fragen, ob man durch Lesen sein Leben verfehlen kann oder warum es Leser gibt, die plötzlich zu verraten scheinen, was ihnen ihr Leben lang wichtig war”, hat dort Ingo Schulze und dann geht es los mit dem ersten langen Teil und das ist wohl der Wenderoman, wie ihn der Leser sich vorstellt oder vielleicht auch das Lieschen Müller, weshalb sein Held der Dresdner Antiquar Norbert Paulini auch von einigen Amazon-Rezensenten, als naiv dargestellt wird.

Ich, die ich ja ebenfalls eine Vielleserin bin und mich jetzt auch durch die Corona-Krise lese, vielleicht um nicht verrückt zu werden und zu denken, ich wäre in einen dystopischen Roman, empfinde das nicht so und habe ja auch Bücherberge in meiner Wohnung und wahrscheinlich auch die fünftausend ungelesenen Bücher, von denen in dem Buch, glaube ich, irgendwo geschrieben wird.

Da ist also Norbert Paulini, 1950, glaube ich, in  die DDR geboren und seine Mutter Dorothea war Buchhändlerin, beziehungsweise Antiquarin. Sie ist, glaube ich, bei der Geburt gestorben und der Vater sammelte all ihre Bücher in die zwei Zimmer, die er in der Villa Kate bewohnte, so daß der kleine Norbert auf Bücherbergen aufgewachen ist.

Zuerst nach der Schule etwas “Anständiges” lernen sollte. Er war schon damals Vielleser, dann von Freunden vermittelt, eine Buchhändlerlehre machte und schließlich in der Villa sein Antiquariat aufzog, das, wie man vielleicht sagen könnte, die DDR zu etwas Besonderes machte, zu einem Hort des geistigen Widerstands, wo es Lesungen und Feiern in den Räumen gab und Paulini hier eine Menge Intellektuelle und Künstler kennenlernte. Doch dann kam die Wende und die schönen DDR- Bücher und vielleicht auch die etwas weniger schönen, wie die Honegger Biografien, ich schreibe das deshalb, weil ich vor circa vierzig Jahren eine solche, von einer Müllhalde gerette, geschenkt bekommen habe, wurden dorthin gekippt und niemand wollte mehr Paulinis schätze haben.

Die Bank gewährte keinen Kredit mehr, sondern zuckte nur die Achseln und die Frau, die Paulini geheiratet hat, eine Friseurin, entpuppte sich zuerst, als Stasi-Spitzel, später als Kapitalistin, die zwischen ihren drei Friseursalons hin- und herpendelte, weil alle nur von der Chefin frisiert werden wollte und Paulini versuchte sich zuerst als Kassier in einem Supermarkt. Dann flüchtete er mit seinen Restbeständen in die sächsische Schweiz und dort klopft eines Tages die Polizei bei ihm an. Denn es gab einen Anschlag an ein Asylheim und Paulini und sein Sohn wurden verdächtigt, die Täter zu sein.

So weit, so gut.

“Wie wird ein aufrechter Büchermensch zum Reaktionär- oder zum Revoluzzer. Eine aufwühlende Geschichte, die uns alle angeht”, steht am Buchrücken.

Wenn es Ingo Schulze dabei belassen hätte, hätten wohl alle geschrieen, nicht schon wieder ein DDR-Roman, das wollen wir nicht hören, kitschig, aus, etcetera.

Also endet es nicht da, sondern es gibt einen zweiten und einen dritten Teil. Im Zweiten taucht ein Ich-Erzähler auf, der sich imTeil drei, als der Autor Schultze entpuppt, der Paulini einmal in seiner Villa “Prinz Vogelfrei” wie er sich auch nannte, kennenlernte und dann einen Roman, beziehungsweise, die Novelle über ihn schrieb, die wir auf den ersten hundertsechsundneunzig Seiten gelesen haben und im Dritten sind dann Paulini und seine Weggefährtin Elisabeth Samten tot, bei einem Bergunfall vergunglückt und Schultzes Lektorin macht sich auf den Weg mit dem Nachfolger des Antiqarats zu sprechen und herauszufinden, was wirklich geschehen ist.

Also drei deutungen, drei verschiedene Versionen des Geschehehn oder Perspektiven. Drei Wahrheiten und, daß die ja sehr verschieden sein kann, habe ich  erst kürzlich bei Daniel Zipfel gelesen.

Ein Buch, das mit gefallen hat, füge ich hinzu und ich wäre wahrscheinlich auch mit dem ersten Teil schon zufrieden gewesen.

So habe ich, muß ich gestehen, den Titel nicht ganz versctanden. Denn wer hat oder, wie hat Paulini jetzt ermordet?  Der Autor Schultze, wie das die Autoren mit ihren Figuren gerne tun?

Wieso dann das Plural?

Vielleicht kann  mir das einer meiner Leser erklären? Mein Stammleser Uli wird das Buch aber wahrscheinlich nicht gelesen haben.

Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau

Buch vier der Übersetzerschiene der zum “Leipziger Buchpreis” 2020 nominierten, den ersten Band der sämtlichen Erzählungen der 1929 geborenen brasilanischen Autorin Clarice Lispector, die in der Ukraine geboren wurde  und 1977 mit sechsundfünzig Jahren verstorben ist und von Clarice Lispector habe ich, glaube ich, vor einigen Jahren in der Sendung Ex Libris zum ersten Mal etwas gehört und dann auch später immer wieder ihre Bücher in Buchhandlungen liegen gesehen.

Jetzt habe ich das erste Mal etwas von ihr gelesen und bin überrascht, denn der Schreibstil ist wirklich ungewöhnlich, obwohl ich Erzählungen, wie ich immer schreibe, eigentlich nicht so mag.

Nominiert wurde natürlich nicht die Autorin, sonder der 1970 in München geborenen Luis Ruby, der das Buch übersetzt hat, das von dem  1976 in Texan geborene Benjamin Moser, herausgegeben wurde.

Die Erzählungen sind in mehrere Abteilungen gegliedert und am Schluß gibt es einen Anhang, wo unter anderen Clarisse Lispector darüber schreibt, wie ihre Erzählungen entstanden sind.

Die erste Abteilung sind die ersten Geschichten und fielen mir schon am Anfang durch die ungewöhnliche Themengestaltung auf, so erzählt in “Triumpf” eine Frau, daß sie von ihrem Mann verlassen wurde, weil der sich von ihr beengtfühlte. Der ist Schriftsteller und sie liest ein zurückgelassenes Notizblatt, was sie mit Triumph erfüllt, weil sie danach weiß, daß er zurück kommt, weil sie die Stärkere ist, was man als Widerstand, der vor fünfzig oder siebzig Jahren unterdrücken Frauen gegen die Männer interpretieren kann. Die Stärke und die Schwäche ist ein wichtiges Thema und auch der Widerstand gegen das Mittelmaß.

Das kommt auch in “Obsession” so vor, wo eine Frau von ihrer unauffälligen Kindheit erzählt. Sie heiratet dann einen Mann, ist eine Weile mit ihm glücklich, bis sie erkrankt und zu Erholung auf Kur in eine Pension geschickt wird. Dort lernt sie einen Mann kennen, zu dem eine seltsame Obsession beginnt und bei ihr wie sie schreibt “Ihr Erwachen als Mensch  und Frau” beginnt.

Sie verläßt, was zu erwarten war, ihren Mann. Später dann den Liebhaber, der sie sie ja sehr herablassend behandelt, kehrt zu ihrem Gatten zurück und trotzdem ist nachher nichts mehr wie es vorher war.

Zehn mit Ausnahme der “Obsession”, eher kurze “Erste Geschichten”, die von den unterschiedlichsten Beziehungsmustern handelt, da geht es um einen “Fiebertraum”, um eine Frau, die ihren Mann schließlich doch nicht verläßt, “Briefe an Hermengardo” geschrieben von einer Idalina und von einem  jungen Mädchen, namens Tuda, das sich ratsuchend in die Sprechstunde einer Dr. B. begibt.

Auch in der nächsten Abteilung, der, der “Familären Verbindungen” geht es weiter mit den kleinen feinen,  oft auch sehr rätselhaften und überraschenden psychischen Veränderungen, die vor allem die wahrscheinlich unterdrückte Mittelschichtfrau der damaligen Gesellschaft betrifft.

So bleibt die namensgebende Heldin in ihrem Tagtraum plötzlich im Bett liegen, worauf sich ihr Gatte ihre Veränderung mit einer Krankheit erklärt. Als sie dann mit ihm und einem Geschäftsfreund in ein Restaurant essen geht, betrinkt sich sich unmäßig, während der Geschäftsfreund unterm Tisch zufällig oder nicht ihr Bein Berüht.

Eine andere Dame fährt mit ihren Einkäufen in der Straßenbahn nach Hause, sieht da einen Blinden Kaugummi kauen, was sie in einen seltsamen Ausnahmezustand versetzt, so daß das Netz hinunter fällt, die Eier, die damals noch in Papier verpackt wurden, zerbrechen und sie auch die Station, wo sie eigentlich aussteigen sollte, verpaßt.

Eine Henne, die für das Mittagessen des Hausherrn bestimmt war, fliegt davon. Die Köchin schaut ihr verdutzt nach und wir erinnern uns, daß das Buch in Zeiten geschrieben wurde, wo jeder bessere Haushalt noch ein Dienstmädchen hatte.

Dieses soll in einer anderen Geschichte, der Freundin ihrer Hausfrau die Rosen überbringen, die diese vorher am Markt kaufte, dann aber darüber hadert, ob sie sie nicht besser für sich behalten hätte sollen?

Und ein Geburtstagsfest gibt es auch, wo die Söhne und die Schwiegertöchter samt ihren Kindern zu einer neununachtzigjährigen Jubilarin kommen und dann nicht so recht wissen, was dabei anfangen sollen, was diese mit feinen Humor kommentiert.

Makaber die Geschichte von der “Kleinsten Frau der Welt”, in der auch von Kindern erzählt wird, die mit einer Toten spielten, weil sie keine Puppen hatten.

Die kleinen feinen Beobachtungen, der seelischen Zustände des Menschens können schon manchmal skurille Züge annehmen. Bleiben wir also bei den familiären Verbindungen, die, füge ich hinzu, auch manchmal etwas surreal und seltsam sind.

Ein Abendessen in einem Restaurant beschrieben, von den “Anfängen eines Vermögens”, sowie von dem “Verbrechen des Mathematiklehrers”, erzählt, bevor es in die dritte Abteilung, in die “Fremdenlegion” geht.

Das sind schon einmal “Sofias Dramen”, eine umgekehrte “Lolita-Geschichte” sehr beeindruckend, man sieht Clarisse Lispector hat ein Talent alles umzudrehen und mit der Absurdität zu spielen, was auch noch später vorkommen kommen wird.

Hier ist ein neunjähriges Mädchen in ihren Lehrern verliebt und will ihn, nicht ganz leicht zu verstehen, dadurch retten, in dem sie ihm ihren Haß ausdrückt.

“Im Brechen der Brote”, geht es, wie schon der Titel vermuten läßt, um das “Essen und in den “Affen”, die übrigens wahrscheinlich Brasilien bedingt, in dem ganzen Buch öfter vorkommen. Hier kauft einer eine Äffin, “Lisette”, genannt, wie das damals offenbar üblich war,  mit Rock und Ohrringen ausgerüstet für sich und seine Kinder und muß sie dann in der Tierklinik mit Sauerstoff behandeln, beziehungsweise verenden, lassen.

“Die Henne und das Ei”, ist noch einmal extra hintergründig, mutet doch die sehr lange Geschichte, zuerst fast, wie ein philosophischer Dialog, etwa, was zuerst da war oder wichtiger ist, an, bevor es sich wieder, um den Ausdruck einer menschlichen Seele oder fast, um ein psychotisches Geschehen, dreht, wie die Psychologin deuten würde.

In der “Reise nach Petropolis” wird eine obdachlose Frau hin- und hergeschoben.

“Die Lösung” ist eine Geschichte über zwei Freundinnen, wo die eine auf die andere mit einer Gabel sticht, nachdem sie sie”Fette Kuh!”,  genannt hat und in der fünften Geschichte wird fast spielerisch über das Geschichtenschreiben erzählt, während ich auch nach zweimaliger Lesung die Namensgegebung der titelgebenden Geschichte nicht ganz verstanden habe, in der es  um eine Beziehung zwischen einem Mädchen und einem Küken geht, aber ja, Tiere spielen in den manchmal  sehr surreal anmutenden  Geschichten eine große Rolle.

Dann gibt es noch ein paar Texte, die mit “Ganz hinten in der Schublade” übertitelt sind. Da ist ein Drama dabei und eine Eröffnungsrede und ich kann sagen, daß ich über manche Geschichten eher hinweggelesen habe, während mich manche  wegen ihres ungewöhnlichen Tons und ihrer ungewöhnlichen Erzählweise sehr beeindruckt haben.

“Clarisse Lispector ist eine Ikone weiblichen Schreibens. Diese vierzig Erzählungen neu und teilweise erstmalig ins Deutsche übertragen, zeigen ausdrücklich Virtuosität, Poesie und Humor “einer der geheimnisvollsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts”, hat Orhan Pamuk, der Nobelpreisträger von 2006 am Buchrücken geschrieben und ich füge hinzu, Clarisse Lispektor ist für mich eine unbedingte Entdeckung, so daß ich über die Buchpreisnominierung, ohne die das Buch vielleicht nicht zu mir gekommen wäre, sehr dankbar bin.

Superbusen

Jetzt kommt ein Debut oder ein Poproman, das Erstlingswerk der 1989  in Dresden geborenen Paula Irmschler, die 2005 zum Studium nach Chemnitz zog.

Sie ging dann nach Köln, arbeitete dort als Garderobiere und begann eine Kolumne zu schreiben.

Im Herbst 2018, wo Chemnitz ja berühmt wurde, wurde sie Redakteurin der “Titanic” und hat in “Superbusen” höchstwahrscheinlich in einem sehr rotzigen frechen Ton von sich selbst erzählt und wahrscheinlich auch noch das eine oder andere dazu erfunden,  die berühmte Stadt aber, glaube ich,  mit ihren sozialen Problemen, treffend geschildert.

Das in drei Teilen mit einem Epilog geschriebene Buch beginnt, als Gisela, die eine Zeitlang mit ihrem Freund Paul in Berlin lebte, wieder nach Chemnitz zurückkommt, wo sie vor einigen Jahren, nach dem sie eine eher sozialschwache Jugend in Dresden erlebte, wie ihre Autorin zum Studium in diese Stadt  gekommen ist, dort in einigen WGs wohnte und mit ihren Freundinnen Fred, Meryam und Jana, die Band “Superbusen” gegründet hat, mit denen sie durch die Lande zog.

“Nächste Woche soll`s wieder scheiße wern”, hieß der erste Song.

Vorher wird in einigen mehr oder weniger starken Szenen, das Studentenleben ohne Geld erzählt. Das Studium geht nicht so recht voran, die Studenten sammeln Flaschen oder klauen sie, um dann das Pfand abzukassieren, leben von Spaghetti, die sie in einer Sauce mit Ketchup, Milch, Wasser und Pfeffer essen.

Gisela, die nicht so genannt werden will, arbeitet, wie ihre Autorin, als Garderobiere, hat ein Problem mit ihrem Übergewicht, wird gehänselt und hat auchProbleme mit der Stadt in der sich die Antifa mit den Nazis, beziehungsweise,  umgekehrt, bekriegen oder auch das nicht passiert.

Ein wildes freches Buch, dem vielleicht ein wenig der strigente Handlungsrahmen fehlt, eines, das als superlustig beschrieben wird, als Ereignis der Saison,  auf “Amazon” sehr gute Kritiken bekommen hat und von Chemnitz der berühmt berüchtigten Stadt, die zu DDR -Zeiten,  in Karl Marx Stadt umbenannt wurden, haben wir 2018 ja sehr viel gehört und sich darüber mit einem  Roman, wie diesen, ein Bild zu machen, ist wahrscheinlich auch in Zeiten wie diesen, wo höchstwahrscheinlich,  wenn wir nicht großes Glück haben, noch viel kaputt gehen wird, sicherlich sehr interessant.

Und wie wir hassen!

Haß im Netz ist ja seit es das Internet gibt und wir bloggen, twittern, facebooken, etcetera, ein großes Thema, dem ich beispielsweise durch meinen Freund Uli im Jahr 2016 begegnet bin, vorher hatte ich schon einige Troll oder Spam-Kommentare, Beschimpfungen eigentlich selten, weil ich ja schon berufsbedingt und, weil ich, wie mir eine Mutter bei einem Elternabend der Kinderguppe oder freien Schule meiner Tochter Anna vor zig jahren einmal sagte, harmoniesüchtig sei, immer freundlich darauf antworte.

Ich antworte, lösche,  blockiere nie und zeige auch nicht an, weil ich die Kommunikation und das gute Auskommen für wichtig halte, konnte aber an meinen Kommentierern, beispielsweise einer der letzten, wo es um das Wort “MS” das offenbar nicht ausgeschrieben in einem Kinderbuch steht, ich als solche aber zu erkennen glaubte, merken, wie  schnell das umschlagen kann.

Ich bin also keine Haßposterin und mein “Haßposting an Corona”, richtet sich auch weniger gegen die Krankheit, als an den Haß und die Gewalt, die vielleicht deshalb entstehen kann und  wurde da durch die fünfzehn Haßreden inspiriert, die Lydia Haider, die 2015,  Finalistin beim “Alpha” war, bei “Kremayr & Scheriau” herausgegeben hat und fünfzehn meist jüngere Autorinnen und bildende Künstlerinnen dazu eingeladen hat. Die Betonung liegt auf dem “I”, denn es ist ein Buch von Frauen.

Ich habe es schon länger im Badezimmer liegen, vor einigen Wochen eine Ö1 Sendung darüber gehört und Gertraud Klemm, hat bei der Lesung zum Frauentag, der letzten Veranstaltung, die ich coronabedingt, bis jetzt besucht habe, einen Teil daraus vorgetragen.

“Und, wie wir hassen – 15 Hetzreden”, Haß liegt mir eigentlich nicht, habe ich schon geschrieben, Literatur interessiert mich dagegen sehr, auch wenn ich mit mancher, die vielleicht zu sehr hetzt und schimpft meine Probleme habe und zum Leidwesen meines Freundes Uli , der sich manchmal darüber lustig macht, auch mit der Ironie, es also nicht mag, wenn neben mir im Literaturhaus eine oder einer sitzt, der oder die laut auflacht, wenn der Autor, die Autorin beispielsweise vorliest, wie er oder sie ihrem oder seinem Partner eine hinunterhaut.

Trotzdem habe ich das Buch gelesen und es hat mir auch gefallen, obwohl ich, wie schon geschrieben, Haß  eigentlich nicht mag, also sollte ich mich vielleicht auch von dem kurzen Vorwort, der 1985 geborenen Lydia Haider, die in der “Wienzeile”, auch eine eher offensive Literaturzeitschrift, publiziert, distanzieren.

Man kann aber auch, wie ich es getan habe, darüber hinweggelesen und dann sind die Texte mit Ironie betrachtet, wie die Autorinnen beim Interview auch betonten, eigentlich nicht mehr so arg.

Die, wie sie schreibt, im letzten Jahrhundert geborene deutsche bildende Künstler Sophia Süßmilch beginnt mit einer “Vollständigen und fairen Liste alle Dinge, die ich hasse”, die mit “Ich hasse Hoden”, beginnt und mit “Ich bin so voller Hass, das muß Liebe sein”, endet, was schon einmal nachdenklich machen kann.

Die Publikumspreisträgern des “Bachmannpreises” von 2018, die mit dem “Flüssigen Land”, sowohl auf der “Shortlist des dBp” als auch des “Öst” gestanden ist, steuert eine Haßrede an den Literaturbetrieb bei und schreibt am Schluß “(Die Autorin lässt ihre Entschuldigungen dafür ausrichten, dass sie sieben Jahre nach Verfassen dieses Textes doch noch irgendwie zum Hauptpavillon geschossen weorden ist. Sie kann sich nicht erklären, wie das zugegangen ist.)”

Nora Gomringer, die ja ihren letzten Gedichtband beim Leipziger- Onlinemesse Erstatzprogramm vorgestellt und sich dabei als sehr gläubig geoutet hat, hat erlebt, wie ein schnell ein Brief, der die Worte “hochverehrt, bezaubernd und klug” enthält, sehr schnell zu einem mit “verfickte Schlampe, Männerhasserin” umschwenken kann, wenn man nicht, wie gewünscht darauf regiert.

In Sibylle Bergs Text hat die Erzählerin Schwierigkeiten mit ihrem zwanzigjährigen fußballbesessenen Sohn und ist, wie ich erstaunt feststellt, weniger offensiv, wie ich es eigentlich von Sybille Berg erwartet hätte.

Texte der kurdischen Rapperin Ebow sind auch immer eingestreut.

Die ebenfalls beim “Bachmannpreis” gelesen habende,1986 geborene Stefanie Sargnagel, die Mitglied der Burschenschaft “Hysteria” ist, drückt ihren Haß in Auszügen aus ihren Tagebüchern aus.

Die in Belgrad geborene “Prießnitz-Preisträgerin” Barbi Markovic, erzählt von einem Klassenbuch, das die Erzählerin über ihre Mitschülerinnen angelegt hat und dafür von ihrer doch nicht allerbesten Freundin Mira, zu Grund und Boden niedergeschimpft wurde.

Die 1983 geborene Judith Rohrmoser erzählt in “Sesshaft von ihrer jüdischen Familie und beginnt mit den Worten “Ich hasse es, wenn Leute in diesem gekünstelten Hochdeutsch mit mir reden, anstatt ihrer naturgewachsenen Bauerngoschn zu benutzen.”

Die  1971 in Wien geborene Gertraud Klemm hat von ihren ” Vier Zumutungen”, ihre Haßrede an die Frauenministerin schon im Literaturhaus gelesen, dann gibt es noch eine an ein Vorstandsmitglied, eine an die Vegetariergegner und einen Nachschlag gibt es auch.

Die Politikwissenschaftlerin und Genderforscherin Judith  Goetz hat ihre “Verachtung gegen die entbehrlichen Herren”, schon bei derr Ö1-Diskussion ausgedrückt.

Die 1971 geborene Kathrin Röggla  mit der ich schon  einmal in Salzbrug gelesen habe,  läßt ihre Protagonistin eine “Taxifahrt” mit einem Rechten erleben, fährt mit ihm an einer Demonstration vorbei und hat auch ihr Geld vergessen.

Die “Todespostings”, der 1983 in Wien geborenen Puneh Ansari Todespostings” und die “Haßtiraden” der 1983 in Wien geborenen Köchin und Sprachkunststudentin Maria Muhar, waren mir  fast zuviel, da hat mir dann,  die “Hasshasenagst”, der 1974 in Zehdenik geborenen Manja Präkels, deren Debutroman “Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß”, ich gelesen habe, die an Hand eines Angriffs an ein elfjähriges irakisches Mädchens, die Entstehung des Hasses analysiert, besser gefallen.

Ein interessantes Buch mit interessanten Texten interessanter starker Frauen, die einmal, den Spieß umdrehen  und denen ich dennoch zurufen möchte “Weniger Haß ist mehr!”

Die Wahrheit der anderen

Jetzt kommt wieder ein aktuell gesellschaftspolitisches Buch, das heißt so aktuell ist es wahrscheinlich gar nicht, spielt es doch im Jahr 2011, glaube ich, als eine Gruppe pakistanischer Flüchtlinge die Minorittenkirche besetzt.

So etwas gab es, glaube ich, in etwa dieser Zeit in der Votivkirche und ein Journalist, der in Hamburg, die “Henri Nannen-Schule” besuchte und dann in seinen preisgekrönten Berichten, die Fiction mit den Facts vertauschte, gab es vor viel kürzerer Zeit auch und da ist der 1983 in Freiburg am Breisgau geborene Jurist und Asylberater Daniel Zipfel, dessen Erstling “Eine Handvoll Rosinen”, ein ähnliches Thema behandelte und eines der ersten Bücher der “Kremayr & Scheriau-Literaturschiene” war.

Durch einen Zufall oder eigentlich meine wohlbekannte Schlampigkeit ist es nicht zu mir gekommen, denn damals hat es zwei “Kremayr & Scheriau-Veranstaltungen” gegeben, in denen die literarischen Neuerscheinungen präsentiert wurden, zweimal  je drei der vier Neuerscheinungen, einmal bei einem Fest im “Siebenstern” und einmal in der “Gesellschaft der Literatur”  und als ich die Bücher anfragte, habe ich bei der Antwort, welche ich will, den Daniel Zipfel übersehen, was nicht so schlimm wäre, denn damals, 2015 am Höhepunkt der Flüchtlingskrise, war ich das erste Mal beim Literaturhaus-Flohmarkt und hatte das Buch schon in der Hand zwei euro hätte es, glaube ich, gekostet.

Ich dachte “Sei sparsam und geh stattdessen lieber zum offenen Bücherschrank!” und legte es zurück, dumm, ich weiß, denn als ich es am nächsten Tag kaufen wollte, war es nicht mehr da.

So etwas ist mir schon mit Peter Zimmermanns “Odessabuch” passiert, daraufhin habe ich meine “Reise an Odessa” geschrieben und 2015 war ich gerade bei meinem “fünften Nanowrimo” und den dritten Teil meiner Flüchtlingstrilogie oder dem Adventkalender, jetzt ist die “Wahrheit der anderen”, der neue Roman des jungen Juristen, viel einfacher zu mir gekommen.

Ich habe ihn gelesen und ich muß sagen, ich bin ein wenig verwirrt. Vielleicht macht mir auch die aktuelle gesellschaftspolitische Situation, das Corona-Virus und der offenbare Zusammenbruch der Wirtschaft infolge dessen, etwas zu schaffen, so daß ich mit den chronologischen Sprüngen nicht ganz mitgekommen bin. Obwohl es wahrscheinlich ganz einfach ist, denn da wird  eine eigentlich ganz einfache Geschichte in verschiedenen Perspektiven oder aus unterschiedlichen Sichtweisen erzählt.

Da sind also die die Flüchtlinge in der Minoritenkirche und da ist der Hamburger Journalist Uwe Tinnermann, der seine Chance sieht, eine junge Pakistanin fotografiert und dann seine Geschichte daraus machen will.

Die, Veena Shahida, die immer einen grünen Schleier trägt und  sehr elegant gekleidet ist, Tochter aus guten Haus, Wirtschaftssctudentin, stellte einen Asylantrag, weil sie von ihrem Vater nicht zwangsverheiratet werden wollte und wird nun von diesem Journalisten und ihrer Anwältin Birgit  Toth hin und hergerißen, weil jeder sein eigenes Süppchen kochen will.

Am Ende wird sie abgeschoben und die Geschichte wird von einem Konrad Brandt, dem Chef, Lehrer und Ziehvater Tinnermanns, der ihn von Hamburg nach Wien holte und es selbst einmal in London mit der Wahrheit, der Geschichten, nicht so genau nahm, erzählt.

“Ich habe das aufgeschrieben, damit nicht Tinnermann`s Artikel alles erzählen. Glauben Sie mir.”, lauten die letzten Sätze und am Buchrücken steht noch “Ein Roman über die Grauzonen der Asylpolitik und die verschiedenen  Gesichter der Wahrheit”.

Angesichts der aktuellen politischen Situation erscheint das gerade erschienen Buch, das vor kurzem, als es dort noch Veranstaltungen gab, gemeinsam mit den “Verlassenen Kindern” von Lucia Leidenfrost vorgestellt wurde, fast anachronistisch, es ist aber trotzdem sehr interessant zu lesen und da man den Buchhandel, wegen seiner Sperrung und die Autoren wegen ihrer abgesagten Lesungen unterstützen soll, empfehle  ich es sehr.

Das Andere

Jetzt kommt, was bei mir nicht sehr oft passiert, ein absolut unverlangt zugeschicktes Buch, meistens werde ich vorher angefragt, das, glaube ich, neunte Buch, des 1968 in Salzburg geborenen Peter Simon Altmanns, von dem ich, glaube ich, noch nichts gehört habe, obwohl es in der GAV einen Gerhard Altmann gibt, mit dem ich ihn zuerst verwechselt habe.

Peter Simon Altmann steht auf seiner “Wikipedia-Seite” hat Theologie und Philosphie studiert, unternimmt regelmäßige Reisen nach Chinas und Japan, die sein Werk, wie auch sein zueltzt erschinenes Buch, das in der kleinen Edition <laurin,von der ich, glaube ich, aucvh noch nicht sehr viel gelesen habe, erschienen ist, außerdem hat er auf der Liste Kurz bei den letzten Wahlen kanditiert.

Und das Buch ist sehr interessant, schildert es doch die Sinnsuche eines, würde ich meinen, eher Unsympathlers, Jakob Waltz, ein erfolgreicher Geschäftsmann, geschieden, steigt nach einem Herzinfark, den er gut überlebt, aus seinem gewohnten Leben aus und begibt sich auf die Suche nach einem anderen.

Dafür fliegt er, was jetzt warhscheinlich nicht mehr so gehen wird, das Buch spielt um den Jahreswechsel 2018/2019 und wurde wahrscheinlich im letzten Jahr geschrieben, ständig zwischen China und Salzburg, beziehungsweise Deutschland hin un her, besucht dort die verschiedenen Massagesalon, kann oder will aber keine tieferen Beziehungen zu Frauen aufbauen, hat auch den Kontakt zu seinen Kindern abgebrochen und läßt sich von den Romanen von Stendhal, beispielsweise von dem berühmten “Rot und Schwarz” oder der “Kartause von Parma” inspierien.

Peter Simon Altmann scheint sich in der Literatur sehr auszukennen, hauptsächlich wird er aber, beziehungsweise sein Held von den Büchern eines französischen Arzt und Autors der 1919 gestorben ist und der den Begriff des “Anderen” prägte, inspiriert.

Peter Simon Altmann hat ihn als die Vorlage für seinen Roman genommen. Sein Held jagt seinen Ideen nach, versucht zu dem Anderen zu kommen, kann es aber, füge ich hinzu, weil beziehungslos und wahrscheinlich bindungsunfähig, nicht finden.

Äußerlich geht es dem Frauenhelden, der egoistisch glatt  durch das Leben fliegt, sehr gut. Er erbt von einer Tante ein altes Hotel in Bad Reichenhall, verkauft es, kauft dafür zwei Wohnungen in Salzburg, die er nicht bezieht, sondern, als Anlage versteht und reist so, ohne arbeiten zu müssen, nach der Suche nach dem Leben durch die Welt, beziehungsweise durch Fernost.

Darüber kann man wahrscheinlich in Zeiten, wie diesen, in der Lesequarantäne herrlich spekulieren und Schlüße für sein eigenes Leben zu ziehen, so daß ich sehr froh darüber bin, mit Buch und Autor Bekanntschaft gemacht zu haben.