Schlafende Sonne

Jetzt kommt Buch neunzehn der 2017 dBp langen Liste, Thomas Lehr schlafenden Sonne, das ich damals natürlich angefragt habe, aber für Blogger leider leider keine Bücher.

“Aber lassen Sie sich dadurch nicht entmutigen!”

Natürlich nicht, obwohl ich während des Lesens der siebzehn anderen Bücher oder auch schon früher gehört habe, daß das Buch ähnlich unlesebar sein soll wie Reinhard Jirgls “Nichts von euch auf Erden” oder Ulrich Peltzers “Das bessere Leben”, das ich übrigens vovorgestern im Schrank in der Zieglergasse gefunden habe, als ich ins Literaturhaus ging und das ich mir damals vom Otto ausgeborgt habe.

Ich habe ja die Straßergassenschulkollegin Trude K., die mir gegenüber wohnt, mir zum Geburtstag immer ein Buch bringt und weil sie da zwei oder dreimal eines aussuchte, das ich schon gelesen hatte, mich immer vorsorglich fragt, was ich denn haben will?

“Thomas Lehrs “Schlafende Sonne!”, habe ich tapfer geantwortet und das Buch dann bei unserem Fest Anfang 2018, wo wir die Riesenweinflasche, die uns der Josef und die Angela brachten, verkosten wollte, von ihr bekommen.

Da kam dann auch der Otto und brachte, nicht abgesprochen, Buch zwanzig, so daß ich höchstwahrscheinlich in wenigen Wochen, wenn nicht noch zu viele Neuerscheinungen kommen, mit dem dBp 2017 fertig bin, ehe die neue Buchpreisliste kommt und das wäre dann mein fünftes Buchpreisbloggen, wo ich wahrscheinlich wieder anfrage, aber vielleicht mit ein wenig weniger Enthusiasmus, wir werden im August ja auch wieder in der Schweiz sein und heuer wahrscheinlich die Buch-Wien auslassen, das alles lesen werde.

Aber zurück zu Thomas Lehr, obwohl ich vor ein paar Tagen, meine deutsche Liste auf die sich angesammelt habenden, noch nicht gelesenen Bücher ergänzt habe und demnächst wahrscheinlich über fünf Jahre Buchpreisbloggen schreiben will, von dem ich, wenn ich mich nicht täusche, schon einiges gelesen habe.

Die Novelle “Frühling” auf jeden Fall, sonst bin ich mir nicht sicher, ob ich einen seiner Monsterromane gelesen habe und ob das Buch des 1957 in Speyer Geborenen, jetzt unlesbar ist?, wollen meine wahrscheinlich nicht vorhandenen Leser jetzt vielleicht wissen.

Unlesbar nein, würde ich sagen, denn es ist mit einer schönen, kunstvollen, irgendwo habe ich auch Phanatsiesprache gelesen, geschrieben, aber es hält nicht, was der Klappentext verspricht.

Denn da steht doch, daß ein Dokumentarfilmer und Essayist von Tokio, glaube ich, nach Berlin fliegt, um die Vernissage seiner ehemaligen Studetnin Milena Sonntag zu besuchen, die wohl “Schlafende Sonne” heißt und an einem einzigen Tag stattfindet.

Soweit so gut und klingt auch interessant. Man könnte sich wohl fragen, wie man das in sechshundertdreißig Seiten preßt und dann liest man etwas anderes, was eigentlich auch noch nicht so unverständlich klingt und im Text auch beschrieben wird, daß es da, um die Familiengeschichten des gesamten vorigen Jahrhunderts geht und irgendwo im Buch bekommt man auch heraus, daß es 2014 geschrieben oder begonnen wurde und denkt, aha, der erste Weltkrieg ist ja klar und mit dem habe ich mich in meiner Lektüre der letzten fünf Jahre ja auch öfter beschäftigt und mich sozusagen hinauf- und hinuntergelesen.

Was es wohl wirklich so schwierig macht, steht im Nachwort geschrieben: “Dieses Buch ist ein Werk der freien Phantasie und doch zutiefst abhängig von der Wirklichkeit, über deren Erfindungsreichtum der Künstler nur staunen kann.”

Und nach dem letzten Satz steht “Wird fortgesetzt!” und damit man sieht, daß ich mich in der letzten Woche wirklich durch das Buch gelesen habe, zitiere ich auch noch ein paar Sätze von den Seite hundertneunzig und einundneunzig: “Von außen gleich die Räume einzelnen, von Kinderhand übereinandergetürmten Schachteln, doch weil man im Inneren des verworrenen Bauwerks steckt, weiß man nicht, was beim Öffnen der nächsten Tür mit einem geschicht, wo man hingerät , wie schräg der Boden ist, ob man von der Decke her auf einen Küchenboden fällt oder wie auf einer Rampe hinabtaumelt In einem dröhnend beschalten Partykeller oder einen von Endkampf-Parolen widerhallenden Parteitag.”

Damit wird, glaube ich, viel über das Buch und seine Machart gesagt und wem das jetzt zu unverständlich ist, kann es damit und mit dem Klappentext belassen, denn man kommt in das Buch wirklich schwer hinein, weil Thomas Lehr mit seiner Phantasie würde ich so sagen, hin- und hergesprungen ist.

Er erzählt von einer oder vielleicht auch mehreren Familien, beginnend oder endent im Wilhelminismus, dem in der Ausstellung oder im Buch mehrere Kapitel in zum Teil kursiver Schrift gewidmet ist.

Die drei Hauptpersonen sind Rudolf Zacharias, der Professor, Milena Sonntag, die Künstlerin und ein Jonas, mit dem das Buch beginnt, der ist Physiker und der Exmann von Milena, glaube ich und dann wird in den sechshundert Seiten ein bißchen was vom ersten Weltkrieg, vom zweiten natürlich und den Schicksalen jüdischer Familien und dann auch sehr viel vom Aufwachsen in der DDR, Milena Sonntag ist dort, glaube ich, aufgewachsen und, ich glaube, auch vom Heidelberger Studentenleben  der siebziger oder achtziger Jahre erzählt.

Wenn der Uli das lesen sollte und sich über meine vielen “glaube ich”, aufregt, die sind dem Stil geschuldet, denn Thomas Lehr springt durch das Buch, erzählt mal von einem, mal vom anderen, erklärt auch nicht viel, wer jetzt wer ist und wie er das macht, ist auch durchaus spannend, interessant und lesbar, nur der Zusammenhang fehlt.

Worum geht es in dem Buch? Um das letzte Jahrhundert Deutschlands an Hand einiger Schicksale und ,um eine Ausstellung, die von der Sonne handelt und sich in einigen Bildern oder Exponaten, so werden den Besuchern Kostüme angezogen und ihnen Gegenstände in die Hand gedrückt, damit beschäftigt.

So würde ich es ausdrückeh und wieder die Frage nach den Buchpreisbüchern stellen? Nach welchen Kriterien sie von der Qualitätsjury ausgewählt werden?

Nach denen der schönen Sprache, würde ich wieder sagen, denn der Inhalt, eine Familiegeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, wurde ja schon sehr oft erzählt und kann man wahrscheinlich in jeder Buichpreisliste finden. Da kommen wir wieder zu der Frage, ob die Leser das Lesen wollen und da stöhnen die Buchhändler ja immer und fordern: “Setzt andere Bücher auf die Longlist, denn die Leute lesen das nicht!”

Das ist eine interessante Frage und ich gestehe, ich habe auch einiges überflogen, mich manchmal nicht ausgekannt, das Buch aber trotzdem interessant und spannend gefunden, wenn auch nicht so neu und so ungewöhnlich.

Jetzt kann ich natürlich auf die Fortsetzung gespannt sein und natürlich auf die neue Liste, von der ich derzeit noch sehr wenig Vorstellungen habe, was darauf stehen könnte und mich dann an ein Buch der österreichischen Liste und wie schon erwähnt, an das zwanzigste 2017- Buch zu machen, um wieder einmal vollständig zu sein, denn das war ich bisher ja nur 2015 bei meinem ersten Buchpreislesen und da habe ich geborgt , in Buchhandlungen gelesen und mir die Bücher schenken lassen und den anderen Jahren fehlt mir ein bißchen, wenn auch nicht viel, da ja die Verlage der Buchpreisbloggerin gegenüber sehr großzügig sind, während es für heuer, glaube ich, noch keine ausgesuchten Buchpreisblogger gibt und diese Idee vielleicht fallengelassen wird, obwohl ich das vier oder fünf lesen zwanzig was es ja 2013 gab und der Stein des Anstoßes war, sehr spannend fand.

Dann schlaf auch du

Jetzt kommt ein Buch, das, 2017, als Frankreich das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse war, in aller Munde war und das, glaube ich, auf einen wahren Fall basiert.

Hat ja doch in Amerika, glaube ich, ein überfordertes Au Pair- Mädchen einmal ihre Gastkinder umgebracht und Leila Slimanis Debut, mit dem sie den Prix Goncourt gewonnen hat, beschäftigt sich damit und zeichnet auf diese Art und Weise haarscharf die französischen Verhältnisse.

Vor dem Buch habe ich ja die “Subutexs-Trilogie” gelesen, die das noch stärker aufzeigt und Leila Slimani ist eine französisch markkoanische Autorin, die 1981 in Rabbat geboren wurde, in Marakko aufwuchs, auf einer franhzösischen Eliteuniversität sutdierte und jetzt in Paris mit ihren zwei Kindern lebt.

Das Buch, habe ich  bei “Amazon” gelesen, nimmt die Spannung gleich vorweg, denn auf der ersten Seite erfährt man gleich, was geschehen ist.

“Das Baby ist tot.”, lautet der erste Satz und, ich denke, schon das erste Kapitel, gibt eine haarscharfe Schilderung der französischen Verhältnisse mit all ihren Problemen.

Dann wird es ein wenig verworrener und widersprüchiger, als die Portraits von Myriam, Paul und vor allem Louise, dem wunderbaren und doch so widersprüchigen Kindermödchen, der weißen Nanny oder Nounou,  wie sie genannt wird, die am Anfang des Buches an Mary Poppins erinnert.

Das heißt, nicht ganz am Anfang, denn da erfährt man was geschehen ist. Die Kinder, der kleine Adam und die etwas ältere Mila tot. Der Bub ist gleich gestorben. Mila hat sich gewehrt. Das Kindermädchen hat versucht, sich umzubringen, was aber nicht gelungen ist. Die Mutter, Myriam eine erfolgreiche Rechtsanwältin, ist geschockt und weinend in ihr Zimmer geflüchtet und muß von den Ärzten niedergespritzt werden.

Dann erfährt man, daß Myriam, die glaube ich, wie die Autorin, eine marokkanische Herkunft hat, die aber nicht näher ausgeführt wird, mit Mila ein paar Wochen vor ihrer letzten Juraprüfung schwanger wurde. Paul begann da gerade eine Karriere als Musikproduzent. Myriam scheint keine Eltern zu haben, Pauls Eltern lassen aus und ziehen sich lieber auf Land und auf Reisen, als zu ihren Enkelkindern zurück.

Zuerst geht aber Myriam ohnehin in ihrer Mutterrolle auf und damit sie noch länger daheim bleiben kann, schummelt sie auch ein bißchen mit der Verhütung, so daß sie wieder schwanger wird.

Dann wird es ihr doch zuviel. Die Decke fällt ihr auf den Kopf. Mila ist auch noch ein eher schwieriges, schreiendes Kind, das ununderbrochen Karusell fahren will und so findet ein früherer Studienkollege, die abgehetzte Myriam vor dem Karussel und bietet ihr an, in seine Rechtsanwaltkanzlei einzutreten.

Paul murrt zwar, daß, das, was sie da verdient, für die Nanny aufgehen würde. Aber die muß her, denn sie verdienen zuviel, um einen staatlichen Kindergartenplatz zu bekommen. Zu wenig eigentlich sich eine Nanny leisten zu können. Miriam geht aber doch in eine Agentur, hängt dann überall Zettel auf und das Paar nimmt sich  einen Tag Zeit, die Bewerberinnen zu überprüfen.

Da bleibt dann nur Louise über, denn Myiriam will keine, die mit den Kindern Arabisch spricht und auch keine, die Schwierigkeiten mit ihren Papieren hat. Alles soll legal sein und Louise, eine etwa fünfzigjährige Frau, deren Mann gestorben und deren Tochter verschwunden ist, erweist sich auch gleich, als Wohltäterin.

Sie kocht und putzt, schickt das Paar am Abend ins Restaurant, um sich zu entspannen, kocht für die Freunde der Familie, alle sind happy und Paul und Myriam bemühen sich sehr, Louise nicht zu kränken, sie nicht auszunützen und die sozialen Unterschiede nicht merken zu lassen.

Die bilden sich allmählich heraus. Zuerst kommt ein Kapitel, in dem Stephanie, Louises Tochter vorgestellt wird, die mit den Tageskindern der Mutter aufgewachsen ist und als sie einmal von deren Arbeitgebern in den Urlaub mitgenommen wurde, durfte sie sich nicht rühren und sich nicht bemerkbar machen.

Louise wird aber von Myriam und Paul in den Urlaub nach Griechenland mitgenommen, die freut  sich sehr, herrscht die Kinder aber das erste Mal an, als Mila ins Wasser will, sie aber nicht schwimmen kann.

Das ist noch nicht so das Problem, Schwimmflügerl werden besorgt, aber einmal, als Paul nach Hause kommt, ist die kleine Mila sehr geschminkt da herrscht der Vater, die Nanny an und sagt, das darf nicht sein.

Eine Nachbarin, die die Polizei gerufen hat, erzählt der, Louise hätte sie, weil sie sich in finanziellen Nöten befand, um einen Zweitjob gebeten und Paul muß noch einmal mit Louise sprechen, weil sich das Finanzamt gemeldet hat, Louise soll ihre Sachen in Ordnung bringen, aber die verbrennt nur die ungeöffneten Briefe und hat auch Schwierigkeiten mit ihrem Untermietzimmer, wo die Dusche verschimmelt ist und der Vermieter sie hinaushaben möchte.

Deshalb bleibt sie auch, als Myriam und Paul sie beim nächsten Urlaub nicht mehr mitnehmen, heimlich in deren Wohnung, ladet dorthin auch eine andere Nanny ein, aber sonst hat sie mit diesen nicht viel Kontakt und Paul und Myriam überlegen schon, daß sie, wenn Adam auch in den Kindergarten kommt, Louise dann nicht mehr brauchen.

Das darf nicht sein, denkt die, denn wo soll sie dann hin und versucht Myriam ein drittes Kind einzureden, aber die träumt davon, als Partnerin in die Kanzlei einzusteigen und schüttelt den Kopf.

Da gibt es eine bizarre Szene, wo Louise, damit Paul und Myriam  im Bett zueinanderfinden, mit den Kindern nachts auf ihre Kosten essen geht, ihnen beim Chinesen ein Würstchen aufzwingt, dafür ihr letztes Geld ausgibt und die Kleinen dann durch das nächtliche Paris zerrt.

Louise kann nichts wegwerfen, so hebt sie alles auf, Myriam verbietet ihr aber, den Kindern abgelaufene Sachen zum Essen zu geben. So schmeißt sie ein Hühnchen in den Müll, findet dann am Abend, als sie müde von der Kanzlei heimkommt, das Gerippe am Tisch und Louise hat die Kinder gezwungen, das Hühnchen zu essen, was die ihr dann auch brühwarm erzählen.

So werden nach und nach die Klassenunterschiede aufgedeckt. Louise blieb für mich dennoch ziemlich widersprüchlich und das Buch hat bei “Amazon”, sowohl, ein als auch fünf Sterne-Rezensionen bekommen.

Die Ein-Sterner mokieren sich über die einfache Sprache und, daß sie nach dem ersten Kapitel schon alles wissen. Gut der “Subutex” war komplizierter und ein ziemlich genaues Bild der heutigen französischen Gesellschaft mit all ihren Problemen, hat mir das Buch trotz all seiner Widersprüche  gegeben.

Leila Slimani lese ich bei den Blogs, hat gerade ihr zweites Buch herausgebracht, wo es, glaube ich, um eine moderne “Madame Bovary” geht.

Die kommenden Jahre

Norbert Gstrein zukunftsträchtiger Roman, 2018 erschienen, der sich mit den zwei aktuellen Themen dieser Zeit, die Klimafrage und die Flüchtlingskrise beschäftigt, ist im Vorjahr zwar weder auf der dBd noch auf der österreichischen Buchpreisliste gestanden. Ich habe aber sowohl in Göttweig als auch bei den O-Tönen daraus gehört und mir das Buch von meiner Straßergassenschulkollegin Trude K. zum Geburtstag gewünscht.

Ich habe von dem 1961 in Tirol geborenen Autor schon einige Bücher gefunden, war auch auf seinen Lesungen, aber noch nicht soviel von ihm gelesen, aber das thema ist sehr zukunftsweisend und ich interesse mich ja für die gesellschaftspolitischen Fragen der Zeit.

Da ist Richard, ein etwa fünfhzigjähriger Gletscherforscher mit Frau und Kind in Hamburg lebend. Aber das Buch beginnt auf einem Kongreß in New York zu den Wahlkampfzeiten, wo alle noch versicherten, daß sie nach Kanada auswandern würden, wenn Donald Trump die Wahl gewinnen würde?

Der Kollege Tim macht Richard auch eine solches Angebot und die mexikanische Kollegin Idea unterstützt ihn auch darin. Er reist aber nach Hamburg zurück, beziehungsweise in das von seiner Frau Natascha, einer Schriftstellerin geerbte Häuschen im ehemaligen Osten, das sie, medienträchtig vermarktet, an die syrische Flüchtlingsfamilie Fahri vermietet haben.

Richard ist das ein wenig peinlich und er spart auch nicht an zynischen Kommentaren. Natascha ist aber begeistert und es gibt auch gleich Probleme und Gerüchte.

Zuerst will aber Herr Fahrdi nur konvertieren und wird deshalb öfter vom Pastor besucht. Es gibt auch vermummte Jugendliche, die sich dem Haus nähern, die beiden Söhne entführen und in einem Baumhaus gefesselt liegen lassen. Die Nachbarn streuen Gerüchte und Natascha, die sich mit Herrn Fahrdi anfreudet und mit ihm auch an einem Kunstprojekt arbeitet, weigert sich mit Richard und der Tochter Fanny den Rest des Sommers, wie geplant in <kanada zu verbringen.

Das Ganze ist und das ist sehr interessant, in dreizehn Kapiteln geschrieben, oder in zwei Teilen, die zwölf Kapitel enthalten. Dann gibt es zwei dreizehnte, die das schildern, was sich zugetragen haben könnte, als Richard wieder nach New York geflogen ist, dann kommt das, was verrät was wirklich geschehen ist.

Richard kommt in Kanada an, wird aber von Natascha angerufen, die erzählt, Herr Fahrdi hätte mit der Waffe, die sie ihm gegeben hat, auf die Angreifer geschossen und sei verhaftet worden.

Norbert Gstrein hat, glaube ich, im MQ gesagt, daß er absichtlich nicht Stellung bezogen hat, also nicht für oder gegen die Flüchtlinge ist, sondern das Ganze neutral gehalten hat.

Das könnte man dem Buch ankreiden, daß es die Themen nur anreißt, aber nicht wirklich eine Lösung bietet und, daß das, was da erzählt wird, eigentlich alltäglich ist.

Der weiße Intellektuelle ist frustriert, die Annäherung an die Flüchtlingsfamilie gelingt nicht wirklich, die Gletscher schmelzen und Norbert Gstrein hat ein hochaktuelles Buch geschrieben, das, glaube ich, auch in der Literatursendung von Ellen Kositza und Susanne Dagen besprochen wurde.

Der trübe Morgen

Jetzt kommt nach den “Schwestern”, gleich Teil drei von Alexej Tolstois Trilogie “Der Leidenweg” über die russische Revolution, denn den zweiten Teil habe ich ausgelassen, obwohl ich ihn mir von Stephan Teichgräber ausborgen hätte können, denn der hat ja  im November in dem Antiquariat in der Margaretenstraße alle drei Bände für das “Doml”, beziehungsweise seinem “Revolutionsworkshop” gekauft.

Aber damals war ich noch so mit meinen Rezensionsexemplaren beschäftigt und hatte wahrscheinlich weder die deutschen noch die österreichischen Buchpreisbücher alle gelesen, so daß ich gar nicht daran dachte, mich an die mehrfach umgeschrieben und dem sozialistischen Realismus angepassten Bücher des 1945 verstorbenen Alexejs Tolstois zu machen.

Aber es kommt ja immer anders als man denkt, die Rezensionsexemplare sind ausgelesen, jetzt könnte ich mich an meine Backlist machen, wo  noch einiges wartet, aber da bin ich vom “Theodor Kramer-Sommerfest” nach Hause gefahren,  am “Wortschatz” vorbeigekommen und da lag der “Trübe Morgen” diesmal nicht in der schönen Ausgabe, die Stephan Teichgräber, um zwanzig Euro erstanden hat, sondern in einer schon recht vergilbten “Globus-Ausgabe” aus dem Jahr 1984, die vierte durchgesehene Ausgabe, aus dem “Ragusa Verlag in Moskau”, die in der UDSSR gedruckt wurde.

Das sieht man dem Papier auch an. Die Übersetzung stammt wieder von Maximilian Schick, der, wie ich “Wikipedia” entnehme, 1884 in Moskau geboren und dort 1968 gestorben ist. Von 1882- bis 1907 lebte er in   Berlin, wo er auch studierte und war außer als Übersetzer auch als Balletkritiker tätig.

Daß ich den zweiten Teil, “Das Jahr Achtzehn” ausgelassen habe, könnte man bereuen, denn ich habe mich, da in dem Buch keine Inhaltsangabe und auch keine Notizen zum Autor, noch ein Vorwort oder ein Nachwort enthalten ist, mit dem Lesen, beziehungsweise den Lücken recht schwer getan.

Teil eins endet mit der Revolution und dem Sturz des Zaren. Teil drei spielt, glaube ich, von 1919 bis 1920 und schildert hauptsächlich Kampfhandlungen, die sich bis in die Ukraine ziehen. Die Rote Armee und die Bolschewiken müßen gegen die “Weißen” und die “Kosaken” kämpfen und da bräuchte man wahrscheinlich ein historisches Vorwissen, um die Abläufe zu verstehen und dann habe ich ja, natürlich selbstgewollt, eine Lücke, was mit den Schwestern im Jahr 1918 passiert ist, was man leider auch nicht in “Wikipedia” nachlesen kann, denn offensichtlich haben sich die Paare getrennt.

Darja ist mit einem ehemaligen Popen in einem Dorf unterwegs. Ihr Mann Iwan Iljitsch Telegen kommandiert ein Matrosenregiment, wo es auch eine Köchin namens Anissja, eine ehemalige Bäuerin gibt, die durch die Kosaken oder die “Weißen” ihren Mann und ihre zwei Kinder verloren hat.

Katjas zweiter Mann Wadim Petrowitsch ist auf der Suche nach ihr und erfährt in einem Restaurant von einem deutschen  Offizier, daß sie noch am Leben ist.

Sie ist inzwischen als Lehrerin in der  Ukraine tätig, muß von dort aber nach Moskau flüchten, siedelt sich in ihrer ehemaligen Wohnung, die inzwischen von einem  Genossen Maslov bevölkert ist, der sie fragt, ob sie nicht wisse, “daß man in Moskau des Hungers stirbt!”, sie dann aber doch in ihrem ehemaligen Zimmer wohnen läßt, sie aber sexuell bedrängt.

So daß es gut ist, daß sie zuletzt doch zu ihrem Wadim Petrowitsch und natürlich auch zu Telegin und ihrer Schwester findet, am Ende, das ist dann schon im kalten Winter 1920, begeben sie sich alle zu einem Vortrag in ein Theater, wo auch der Genosse Lenin anwesend ist und das Buch schließt mit den dramaischen Sätzen:

“Der Würfel ist gefallen!”, sprach der Mann an der Karte, auf den Stock wie auf eine Lanze gestützt. “Wir kämpfen auf den Barrikaden für unser und der Welt Recht, ein für allemal der Ausbeutung des Menschens durch den Menschen ein Ende zu machen.”

Die Leserin weiß im Sommer 2019, daß das nicht gelungen ist und kann noch hinzufügen, daß “22. Juni 1941”, darunter steht.

Unter den “Schwestern” in der schönen Moskauer Ausgabe ist “1921” gestanden, so daß man raten kann, ob es sich bei Band drei schon über eine überarbeitete Ausgabe handelt, während der erste noch eine Frühform ist, das Buch ist aber in den Fünfzigzerjahren erschienen.

Anmerken kann ich auch noch, daß es einige sehr beeindruckende Stellen gibt, wie beispielsweise die, wo der Kommandant den ehemaligen Popen in eines der Dörfchen schickt. Denn es naht ein christliches Fest, die sind zwar jetzt abgeschafft, die Bauern aber noch immer gläubig und sie brauchen auch die Feste, um ihre Jungfrauen zu verheiraten und die Kinder zu taufen. Vorher liefern sie kein Getreide ab. So kommt der Pope und traut und die Mädchen haben sich auch alle mit kostbaren Kleidern herausgeputzt, die sie wohl vorher den Bürgerlichen oder dem Adel entwendet haben.

Eine zweite ist dann die, wo die Truppe um Telegen Schillers “Räuber” mit Anissja als “Amalie” und dem Popen als “Franz” aufführt.

Bücher spielen in Tolstois Trilogie, beziehungsweise den zwei Teilen, die ich gelesen habe, auch eine große Rolle und ein spannendes Detail ist da, daß sich der Genosse Maslow mit dem “utopischen Sozialismus” beschäftigt und Katja seine Bücher zeigt, wo ich mich frage, ob eines davon, vielleicht Samatjatins “Wir” ist, mit dem wir uns bei Stephan Teichgräbers “Utopieworkshop” ein wenig beschäftigt haben, aber das war damals vielleicht noch nicht erschienen.

Die Schwestern

Jetzt kommt der erste Teil von Alexej Tojstois Trilogie “Der  Leidensweg”, die, wie in “Wikipedia” steht, “Am Beispiel einer Intellektuellen Familie ein Panaroma der russischen Gesellschaft vor, während und nach der Revolution” zeichnet.

Sonst ist im Netz nicht sehr viel über das Buch zu finden, während man  über den 1882 oder 83 geborenen und 1945 gestorbenen Alexej Tolstoi erfahren kann, daß er ein Verwandter des berühmten Lew war, in Paris und Deutschland gelebt und unter Stalin Todesurteile unterzeichnet und Schauprozessen beigewohnt hat.

Der Dichter und seine Trilogie ist über Stephans Teichgräber Revolutionsworkshop, das ich nun schon das zweite Semester besuche, zu mir gekommen.

Das heißt, das Buch hat Stephan Teichgräber in November ein einem Antiquariat gekauft und ich habe mich erst zum Lesen entschlossen, als ich Band drei in einer “Globus-Ausgabe” im Schrank gefunden hat. Stephans Teichgräbers Anthologie, dessen erstes Kapitel von Teil eins wir ja ungefähr ein Semester lang gemeinsam mit Alexander Döblins Vierteiler über das Jahr 1918 bearbeiteit haben, stammt aus dem “Verlag für fremdsprachige Literatur Moskaus” aus 1955, wurde von Mamililian Schick übersetzt und ist  sehr schön gestaltet.

Die ersten Kapitel, die ich also schon sehr gut kannte, zeichnen ein Bild eines sehr dekadenten verkommenen Petersburg, in das der Dichter Bessonov des Nachts in der Kutsche fährt.

Alles ist dekadent und lüstern aufgemacht. In dem Lokal “Roten Schellen”, sitzt eine Dichterin, die an Anna Achmatowa erinnern könnte. In der “Philosophischen Gesellschaft” gibt es Vorträge und dort lernen wir auch Dascha, eine der Schwestern, ein neunzehnjähriges Mädchen, Studentin, der Rechtswissenschaft, das bei der Schwester Katja und dem Schwager, einem Rechtsanwalt, lebt, kennen.

Die Wohnung ist mit vielen futoristischen Gemälden ausgestattet, denn die ein paar Jahre ältere Schwester liebt es, sich mit moderner Kunst auszustatten. Es gibt auch jede Woche einen literarischen Salon und, daß Katja ihren <mann betrogen hat, erfahren wir auch sobald.

Die flieht nach Paris, der Schwager an die Krim und Dascha begibt sich zuerst aufs Land zu ihrem Vater, der dort Arzt ist und sich zu Tode raucht, zurück.

Auf der Schiffsfahrt dorthin verliebt sie sich in den Ingenieur Telegin und, daß das Ganze 1914 spielt, erfahren wir durch den Vater, der in der Zeitung von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo liest.

Das löst bekanntlich den ersten Weltkrieg aus, Telegin wird eingezogen, Dascha läßt sich als Krankenschwester ausbilden, um die verwundeten Soldaten in Moskau zu pflegen. Katja, die aus Paris zurückkehrt, tut es ihr gleich und Telegin gerät in österreichische Kriegsgefangenschaft.

Kommt aber zurück und nun sind wir schon im Jahr 1917, wo die Revolution beginnt. Der Zar wird gestürzt, die Dienstmädchen gehen zu Dienstmädchenversammlungen, der General erklärt den Soldaten, daß sie ihm nun die Hand geben und nicht mehr “Zu Befehl!”, sagen müssen und Katjas Mann kommt um.

Sie findet schnell Ersatz für ihn und kehrt von Moskau nach Petrograd, wo  inzwischen auch Dascha und Telegin  übersiedelt sind, zurück.

Damit endet der erste Teil, den zweiten “Das Jahr 1918” müßte ich mir von Stephan Teichgräber ausborgen, werde aber gleich zum “Trüben Morgen” übergehen, was dann wahrscheinlich nach der Revolution angesiedelt sein wird.

Kreise ziehen

Nun kommt ein Quartbuch aus dem “Wagenbach-Verlag”, das ich als E-Book gelesen habe. das Debut des  in Bangladesh geborenen und in Toronto lebenden Arif Anwar, das 2018 unter den Titel “The Storm” erschienen ist und die Geschichte, die von verschiedenen Liebespaaren, die zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten lebten und die kunstvoll miteinander verknüpt ist,  bezieht sich auch auf einen Sturm, den es 1970  in Bangladesh, Bengalen, gegeben hat.

Von dem wird Honfua überrascht und nachdem sie ihre Besitztümer vergräbt und ihre Freundin bittet, ihren kleinen Sohn in Sicherheit zu bringen, geht sie in einem Tempel zu der Göttin Kali beten, obwohl sie längst zum Islam, dem Glauben ihres Mannes, dem Fischer Yamir konvertierte und daher in der Dorfgemeinschaft zur Außenseiterin geworden ist.

Das nächste Kapitel spielt dann 2004 in Washington DC, da ist Shar, oder Shahryar, ein Absolvent eines Politstudiums, dabei seine kleine Tochter Anna, mit deren Mutter er nicht verheiratet ist, zu besuchen. Sein Aufenthaltsvisum läuft ab und er muß, wenn er keine Stelle findet, nach Bangladesh zurück, will aber bei Anna bleiben, so gerät er in Kontakt zu einem Anwalt, der ihm eine Stelle verspricht, wenn er dafür für ihn spioniert.

Dann geht es in die Vierzigerjahre nach Indien zurück, dort wird Rahim, der später mit seiner Frau Zahira, Shar, nachdem dessen Eltern bei dem Sturm umgekommen sind, adoptierten, entführt, Lösegeld wird verlangt, was ihn und Zahira veranlassen, nach Bangladesh zurückzukehren, was einige Verwicklungen auslöst, die erst später erklärt werden.

Es gibt dann noch eine paar weitere Handlungsstränge, die in die Politik des geteilten Indiens, ab der Neunzehnhundertvierzigerjahre einführen, so gibt es eine britische Ärztin, die einen gefangenen japanischen Piloten rettet und einen aus Österreich stammenden budhistischen Mönch, den der Pilot in Burma aufsucht, gibt es auch.

Nicht chronologisch, sondern durcheinander, werden dieser einzelnen Handlungsstränge erzählt, so daß sie erst nach und nach ein Gesamtbild ergibt und einen langsam in ein wahrscheinlich fremdes Land und eine fremde Kultur einführt und so ein interessantes Panaroma der Liebe und, wie im Beschreibungstext steht “der Versöhnung und darüber, wie Menschen einander helfen und man eine Familie findet” entsteht.

Eine Parallele zum heutigen Flüchtlingsgeschehen und den Verwirrungen, die Menschen, durch durch Krieg erleiden, läßt sich dabei auch  ziehen.

Suchbild mit Katze

Jetzt kommt wieder etwas von meiner Backlist, nämlich ein Buch, das mir der Alfred im April 2017 in Göttweig bei “Literatur und Wein” kaufte, Peter Henischs  Memoiren, mit dem der 1943 in Wien geborene, auf der Long- und Shortlist des ersten öst Bps gestanden ist, den dann Friederike Mayröcker gewonnen hat

Peter Henischs, von dem ich ja gerne schreibe, daß ich ein Fan von ihm bin und lange gedacht habe, wenn der bei “Residenz” verlegt, muß es auch bei mir klappen, Kindheitserinnerungen, wo der kleine Peter am Ercker des Hauses von dem im Krieg ein Stück heruntergebombt wurde, mit seiner Katze sitzt und über seine frühen Erinnerungen nachdenkt, beziehungsweise, die immer wieder mit Einsprengseln, aus seinem späteren Leben, wo er mit seiner ersten Frau Sonja nach Griechenland fährt, mit seiner jetztigen Partnerin Eva in Italien das Meer und es erst nicht und dann später doch findet und sein Leben einer jungen Reporterin erzählt, die immer wieder kritische Fragen stellt.

Das Buch ist bei “Deuticke” erschienen, ich habe daraus eine Diskussion mit Jochen Jung, der ihn ja früher verlegte und Martina Schmidt in der “Gesellschaft” gehört, auf der “Buch Wien” und auch sonst wahrscheinlich 2016 daraus gehört und das Buch, nachdem Peter Henisch es mir signierte, auf dem Harlander Stapel liegenlassen, es aber auf meine 2019 Leseliste gesetzt.

Eigentlich ein sehr einfaches Buch und auch schnell zu lesen, vor allem wenn man auch in Wien und ein paar Jahre später geboren ist und Peter Henisch bezieht sich auch immer wieder auf seine Werke, vor allem aber bezieht er sich auf seine Katzenliebe. Er hat auch einmal in einem Aufsatz mit dem Titel “Was ich werden will?” “Katze” geschrieben und als der Lehrer mahnte, daß das kein Beruf sei, “Schriftsteller” hinzugefügt, weil man dann ja über so etwas schreiben kann.

Der kleine Peter, Sohn eines sehr erfolgreichen Fotografen, über den er eines seiner ersten Bücher geschrieben hat, ist ein sehr altkluges Kind, daß da in einer Schar von intellektuellen Erwachsenen aufwächst. Er gewinnt bei den Spielen immer und verblüfft die Erwachsenen durch seine Klugheit, im Flur hängen erotische Bilder von nackten Frauen, die der Vater geknipst hat, die Eltern nehmen ihn auch immer ins Kino und da oft in nicht jugendfreie Vorstellengen mit.

Als er aber in die Schule kommt und das erste Mal unter Kindern ist, hat er Tränen in den Augen, die der Vater dann prompt fotografiert, weil er das nicht gewohnt ist.

Er ist in Schreiben und Lesen, den anderen weit voraus, im Rechnen nicht so sehr, er hat auch einen gutenLehrer, der ihn an “Dr. Doolittle” erinnert. Diese Bücher über den mit den mit Tieren sprechenden Arzt, hat er, wie auch ich, gern gelesen und hat, weil darin keine Katzen kommen, auch eine Fortsetzung schreiben wollen.

Karl May hat er auch sehr gern gelesen, das hat er mir voraus und ist mit seinen müttlerlichen Großvater wandern gegangen, als er schon etwas größer war.

War er noch kleiner, haben ihn die Eltern, wenn sie Zeit für sich haben wollten oder die Mutter den Vater zu Presseterminen begleitete, zu den Großeltern in die Hasengasse gebracht.

Über die andere, die “belesene Oma”, die mit dem Enkel durch den Stadtpark spazieren ging, hat Peter Henisch auch schon ein Buch geschrieben und seine erste Liebe war die Hausmeistertochter Friedi, die er in einem Gedicht vereweigt hat.

Präsident Renner ist gestorben, Theodor Körner folgte ihm nach und den Film “Erster April 2000” mit Josef Meinrad in der Hauptrolle hat der kleine Peter im Apollokino gesehen und da mit etwas Mühe ausgerechnet, wie alt er zu diesem Zeitpunkt sein würde?

Ein interessantes Buch, über das man sich, wie schon geschrieben, schnell durchliest, das vielleicht nicht so ganz literarisch ist, aber Peter Henisch hat damit ja fast den östBp gewonnen,  inzwischen auch schon weitergeschrieben und das neue Buch, beziehungsweise den wiederaufgelegten “Mai” auch bei den letzten “O-Tönen” vorgestellt.

Das Schlangenmaul

Jetzt kommt ein Krimi des 1944 geborenen und 1987 auf einer Autobahn verunglückten Jörg Fauser.

Jörg Fauser habe ich eigentlich für einen eher experimentellen sprachschöpferischen Autor, so ungefähr a la Marcel Beyer gehalten, hat ja Michael Köhlmeier, als er die Bachmannrede gehalten hat, sich auf ihn und den Veriß, den er als er in Klagenfurt gelesen hat, durch MRR erhalten hat, bezogen.

Gelesen hatte ich bisher noch nicht von ihm, aber zwei Bücher auf meiner Liste, die ich mir bei Abverkäufen gekauft habe, bei Thalia in St. Pölten und Würzburg wahrscheinlich und jetzt hat “Diogenes”, das  “Schlangenmaul” wieder aufgelegt und ich bin daraufgekommen, das ist ja ein Krimiautor. Friedrich Ani hat das das Nachwort geschrieben und wahrscheinlich ist er nur ein halber oder ein satirischer, denn es gibt in dem Buch, das in Berlin in den Neunzehnachtzigerjahren spielt durchaus ungewöhnliche Elemente, Einfälle und Wendungen, obwohl die Handlung oberflächlich ganz banal ist und man sie wahrscheinlich hundertmal bei Agatha Christie oder sonst wo gelesen hat.

Das heißt, so ganz banal beginnt es doch nicht. Denn es taucht im ersten Kapitel ein Steuerfahnder bei Heinz Harder auf und mahnt ihn an seine Schuld und der ist ein abgehalfteter Journalist und dann wieder doch nicht, hat er doch eine Anzeige aufgegeben, in der er sich als “Bergungsspezialist für außergewöhnliche Fälle, was offenbar Fausers satirische Umschreibung für eine Detektivtätigkeit ist.

Als der Steuerfahnder verschwunden ist, meldet sich schon die erste Klientin, eine Nora Schäfer-Scheunemann und die sucht ihre verschwundene Tochter Miriam.

Das Besondere an dem Buch ist auch, daß  Fauser in die einzelnen Kapitel immer mit einem Handlungsvorsprung einsteigt. Das heißt, er ist in dem einen bei der Klientin, im nächsten steht er dann im Boxring und so weiter und so fort.

Eine weitere Besonderheit ist vielleicht auch, daß hier außer Whisky auch viel Milch und Kamillentee getrunken wird und das würde ich auch als das satirisches Element, das sich Lustigmachen über das Genre bezeichnen, denn eigentlich ist dieser Harder, der geschieden ist und eine Tochter hat, ein harter Bursch.

Es taucht aber auch seine Ex auf und mit ihr besucht er einen Klub, vorher hat er ein Bordell besucht und, als der Stuerfahnder bei ihm war, tauchte plötzlich eine nackte Frau aus dem Badezimmer auf, die ist eine thailändische Prostiuiterte und wird später ermordet.

Aber erst einmal sucht Harder ganz konventionell den Vater Miriams auf, das ist ein ehemaliger Baulöwe und Politiker, liegt aber jetzt in einer Entziehungsklinik gefangen.

Nora Schäfer-Scheunemann hat ihm auch ein paar Hinweise gegeben, beziehungsweise Namen genannt und Bilder gezeigt und einen Hinweis, daß sich Miriam in Berlin befinden könnte, gibt es auch.

Die Spur führt dann über das schon erwähnte Bordell zu einem Institut für physio-soziale Therapie. Da fragt man sich natürlich, was das ist?

Die Antwort ist wieder so ein Einfall wie der “Bergungsspezialist”, das Bordell heißt “Kamasutra” und der Hinweis auf eine “Farm für freie Entfaltung” gibt es auch.

Dort soll sich Miriam befinden und dort wird auch mit Schlangen hantiert und so schleust sich Harder mit seiner Ex zu einem Abend der offenen Tür dort ein. Eine Frau Doktor Frenkel-Ahisma hält einen Vortrag. Miriam, die sich jetzt Shiva nennt, tanzt in Trance mit einer Schlange und das Ganze führt, in Zeiten, wie diesen, höchst aktuell, wie  imKlappentext und am Buchrücken steht: “Hinein in das Berlin der windigen Geschäftmänner, illegalen Clubs und dubiosen Politik-und Finanzmachenschaften.”

Eine Morddrohung und ein abgebranntes Nachbarhaus, gibt es dabei auch,  Nuchali, die thailändische Prostituierte wird ermordet und einen Besuch beimPolizeirat Smetana und noch einige andere höchst dramatsche Wendungen, wie das Abhören durch ein spezielles Tonbandgerät, in Zeiten wie diesen auch höchst aktuell, gibt es auch, bis Harder Miram-Shiva wieder zu ihrer Mutter zurückbringt, aber die ist natürlich, wen wundert es, auch in die kriminellen Machenschaften verstrickt und Heinz Harder am Schluß des Buches. als spannende Wenung wieder Besuch von seinem Steuerfahnder bekommt.

Da liegt dann ein Scheck ausgestellt auf zwanzigtausend deutsche Mark am Küchentiscvh. Der Steuerfahnder will begierig danach greifen:

“Der ist leider faul”, sagte ich und zeriß den Scheck”, lautet der letzte Satz des Buches und man kann das Nachwort des Krimiautors Friedrich Ani lesen oder sich informieren, welche Bücher Jörg Fauser noch geschrieben hat.

Die kalten Sekunden

Jetzt kommt ein Plädoyer gegen Gewalt an Frauen, der 1987 geborene Pole Remigiusz Mroz, der Jus studierte, aber mit seinen “nicht einmal noch dreißig Jahren schon fünfundzwanzig Bücher veröffentlicht hat”, hat die Thrillerform dafür gewählt, wie auch am Cover steht.

Das heißt, daß es immer wieder ungewöhnliche Wendungen und einen großen Spannungsbogen gibt, obwohl dann wieder über weite Strecken, die ganz banale alltägliche Gewalt beschrieben wird und weil es soviele Spannungsbögen gibt, erscheint mir auch einiges offen, unverständlich und nicht ganz nachvollziebar, was aber vielleicht auch Absicht war, ist das Leben doch nicht logisch zu erklären, obwohl die Krimileser das natürlich wollen.

Ungewöhnlich ist vielleicht auch, daß es zwei Ich-Perspektiven gibt. Da ist einmal Damian Werner, im folgenden Wern genannt, obwohl er das gar nicht will, der hat vor zehn Jahren seine Braut Ewa verloren, was ihn völlig aus der Spur brachte, sein Wirtschaftsstudium aufgegeben, sandelt er als Barkeeper vor sich hin, bis ihm ein Freund die Nachricht überbringt, er hätte Ewa auf einem Konzert gesehen.

Er geht zur Polizei, wird dort nicht ernst genommen, als aber später der Freund ermodert wird, flüchtet er zu seinen Eltern und kommt auch zu dem Schluß, daß Ewa noch leben muß, obwohl ihre Leiche kurz darauf gefunden wird.

Die zweite Perspektive ist Kassandra Reimann, das ist die Frau des Besitzer des Detektivbüros, an das sich der Freund wandte, um die Sache aufzuklären und da beginnen, dann die nicht so thrillertypischen Elemente.

Denn Kassandra, die schon am Vormittag trinkt, wird, stellt sich bald heraus, von ihrem Mann mißhandelt und gequält. Sie erduldet, was auch nicht so ganz logisch ist, alles wegen ihres  Sohns, der in dem Buch aber kaum vorkommt oder, wie in Trance herumläuft.

Dafür kommen die Angestellten in dem Haus vor, die Kassandra überwachen, die Hausarbeit wird aber von ihr und ihrem Mann erledigt. Kassandra kann sich nur gelegentlich in ihr Zimmer flüchtet und dort nimmt sie eine Internetverbindung mit Damian Werner auf, der inzwischen mit Internetbotschaften von Ewa durch das ganze Land gejagt wird. Die Polizei ist ihm auf der Spur, er kann aber immer glücklich entkommen.

Kassandra überweist inzwischen das Geld ihres Mannes an ihn, damit er sie und ihren Sohn retten kann und als der besonders brutal zuschlägt und schon alle Rippen gebrochen hat, steht Wern vor der Tür, wird aber auch niedergeschlagen. Kassandra tötet nun ihren Quäler und stellt sich als die verschwundene Ewa heraus.

Sie war es dann doch nicht, kann ich gleich spoilern, flieht aber mit Wern und dem Kind bis an die ukrainische Grenze. Dort kommt es zu einer neuerlichen Wende, Kassandra kann sich retten, Damian wird zurückgelassen und sie hat fortan Schuldgefühle, ob es richtig war, das zu tun, aber um all die Frauen, die sie vielleicht mittretten konnte, lohnt es sich vielleicht wieder. Kassandras Handlungsstategien und auch das Buch zu lesen, das ein ungewöhnlicher Thriller aus einer ungewöhnlichen Thrillerrichtung kommt. Schon daher lohnt es sich wahrscheinlich das Buch zu lesen und ein Nachwort, das sich gegen die Gewalt, die den Frauen täglich in Polen und wahrscheinlich auch sonst in der Welt richtet,  widerfährt, gibt es auch.

Schönbrunner Finale

Jetzt kommt ein kleiner Revolutionsliteraturschwerpunkt, habe ich doch zu meinem Backlistlesen, wo zufällig Gerhard Loibelsberger “Schönbrunner Finale” an die Reihe kam, das mir der Alfred vorigen November in der Krimibuchhandlung der Lisa kaufte, als ich, die bei der Lesung in der Parlamentsbibliothek zum November 2018 getroffen habe, Alexej Tolstois dritten Band seinens “Leidenswegs” im “Wortschatz” gefunden und da packten mich die Schuldgefühle, daß ich den ersten Teil “Die Schwestern”, zwar schon ein Vierteljahr  im Schlafzimmer liegen habe, weil Stephan Teichgräber die Trilogie ja als Unterlage für den Workshop bei einem Antiquar kaufte, aber wegen meiner überlangen Neuerscheinungs oder Herbstrückständeleseliste nicht gelesen haben.

Nun denn einen Ruck gegeben und weil das Revolutionsworkshop nach längerer Unterbrechung ja jetzt wieder angefangen hat, werde ich die zwei Bände lesen, wo ich den ersten seit vorigen Herbst mit Stephan Teichgräber analysiere.

Zuerst aber zum “Schönbrunner Finale” , ein  Roman oder historischer Krimi aus dem Jahr 1918, wie am Cover steht und der 1957 in Wien geborene Gerhard Loiblsberger ist ja ein “Spezialist” von historischen Wien-Romanen, einen davon habe ich glaube ich gelesen und mit dem ersten Weltkrieg habe ich mich ja seit dem Jahr 2014 auch sehr intensiv beschäftigt.

Da war ich sogar einmal am Naschmarkt, wo Essensackerl  mit den Rationen aus dem Jahr 1914 verteilt wurde und, um das Essen, das Hamstern und das Hungern geht es in dem Buch auch sehr viel.

Es gibt Wienerische Kochrezepte, die wohl damals üblich waren, Knackwürste mit Erdäpflschmarrn zum Beispiel oder die Hungervarianten, die damals in den Gasthäuser serviert wurden oder die Hausfrauen kochen mußten.

Gerhard Loibelsberger ist auch ein Spezialist des Wienerischen, um die vorvorige Jahrhundertwende, so gibt es ein umfängliches Glossar und Fußnoten zur Erklärung, was “abpaschn”, “Beisl” “Einbrenn”, etcetera auf Bundesdeutsch bedeuten. Mit manchen Übersetzungen bin ich nicht so ganz einverstanden und daß “Einbrenn” “Mehlschwitze” bedeutet, finde ich auch ein wenig komisch, weil wer spricht in Deutschland so?

Aber das nur nebenbei. Das Buch beginnt schon im September 1917 an der Front. Da kommt Kaiser Karl zur Inspektion, die Soldaten werden neu angezogen und die besser Ausschauenden in die erste Reihe gestellt. Der Kaiser spaziert huldfrau vorbei und sagt zu allen “Brav! brav!”, was bei Ambrosius Zach Widerwillen erzeugt, so daß er ihm am liebsten anspucken möchte.

Das gelingt nicht ganz. So desertiert er des Weiteren mit dem Tschechen Karel Husak und kommt nach Wien und in das Jahr 1918 hinein, wo der Polizeiinspector, das wurde damals so geschrieben und auch “Bureau”,  Joseph Maria Nechyba bekannt aus den “Naschmarktmorden” residiert, beziehungsweise herumschimpft,  sich überhaupt auf dem Schwarzmarkt oder mit Hilfe seiner Amtsgewalt, Essen organisiert, so geht er zu einer Greißlerin, die gerade ein gehamstertes Butterbrot mampft, um ihr das zweite abzukaufen. Die wird später von Ambrosius Zach, der früher, in friedlichen Vorkriegszeiten bei der Arbeiterzeitung Setzer war, ermordet und ausgeraubt und Gerhard Loibelsberger will damit wohl zeigen, daß der Krieg, die Menschen abstumpft, denn da wird wegen einem Butterbrot und ein paar Kreuzern sehr viel erschlagen und erstickt.

Die beiden Deserteuere gehen aber zuerst als Bettgeher zu einem Stanislaus Gotthelf, der wird aber auch erschlagen, so daß sie wegen Mordverdachts flüchten müßen, sie quartieren sich bei einer Köchin ein, deren Gnädige derweil auf Sommerfrische ist, da sind wir noch im August 1918.

Karl Husak kommt bei einem Fleischhauer unter und das ist der, beziehungsweise seine Frau, die dem Hofrat Schmerda, bei dem Nebychas Frau Aurelia Köchin ist und der gibt sein ganzes Vermögen im Schmarzmarkt für Fleisch aus und weil er gerne wieder einmal Eierspeise essen will, hält er sich in seiner Luxuswohnung auf dem Parkettboden Hendln, das heißt, da wurde Erde daraufgeschüttelt, was die Frau Hofrat zur Verzweiflung bringt.

Der Versuch also den bundendeutschen Lesern das Elend Wiens im Jahr 1918 auf amusante Art und Weise näher zu bringen, diese Volkstümelei nervte  manchmal ein bißchen, auch der Wiener Dialekt, von dem ich ganz ehrlich bezweifle, daß die Leute damals wirklich so gesprochen habe.

Es ist aber ohne Zweifel  lehrreich zu lesen und ein gutes Bild vom damaligen Wien, wo meine Elterrn, kleine, wahrscheinlich auch hungrige Kinder waren, bekommt man auch und so geht es durch den Herbst, bis zu dem historischen November, wo der Kaiser abdanken und Schloß Schönbrunn verlassen muß. Da wird noch einmal ordentlich die Hofküche leergegessen und sich an den guten Weinen betrunken.

Nebycha und der Koch tun das. Der Kaiser hat mit seiner Familie längst sein Automobil bestiegen und die beiden Deserteure, die sich der roten Garde angeschlossen haben, werden vom grantelnden Nebycha bei Plündern erwischt. Zach kommt um und Husak wird von Nebycha persönlich zum Bahnhof gebracht und in den Zug nach Prag gesetzt.

“Vy jeste Cech!” – “Bist du Tscheche?”, ruft der schon abfahrende Joseph Maria Nebycha nach und der “brummt dann mehr für sich als für irgendjemand anderen: “Ich bin Österreicher!”

So endet das Buch. Gerhard Loibelberger hat diese Stelle auch bei der Lesung in der Parlamentsbibliothek vorgetragen. Dann hats ein Buffet mit Grammlpogatscherln, Nuß und Mohnkipfern gegeben und ich komme nicht umhin anzumerken, daß ich diesen Roman aus wahrhaft historischen Zeiten Österreichs in eben diesen gelesen habe. Stehen wir ja gerade vor einer Regierungsumbildung, einer Expertenübergangslösung und einem Mißtrauensantrag, bis zur nächsten Wahl, die es im September sein wird.