Im Dezember der Wind

Jetzt kommt wieder eine literarische Neuentdeckung und zwar hat diesmal nicht ein alter Herr ein altes Manuskript auf seinen Dachboden gefunden, sondern die an der Universität von Barranquilla, Kolumbien, lehrende Literaturwissenschaftlerin Rike Bolte hat die “Bibel von Barranquilla”, das heißt den Roman “Im Dezember der Wind”, der 1939 in Barranquilla geboren, sei t 1971 in Paris gelebt habenden und 1995 verstorbenen Marvel Moreno ins Deutsche übersetzt. Im Original ist das Buch 1987 herausgekommen und hat auch einige Preise bekommen. Marvel Moreno ist aber wahrscheinlich wie das halt so ist, ein wenig im Schatten ihrer berühmten Kollegen wie Gabriel Garcia Marquez gestanden, mit dem sie auch befreundet war.

“Also habe ich den “ausschweifenden, subversiven Roman”, der bei “Wagenbach” erschienen ist, gelesen und mein literarisches Wissen, wieder um ein Stück erweitert. Fernanda Melchor,” die ich ja auch durch “Wagenbach” kennenlernte“, beschreibt ihre ältere Kollegin als “eine Naturgewalt, die ihre Leser mitreißt. Hellsichtig und messerscharf, mit einer sinflutartigen Sprache, die selbst die dunkelsten Abgründe der menschlichen Seele vordringt”, schreibt sie am Buchrücken.

Aufmerksam auf das Buch wurde ich schon vor Leipzig, weil da habe ich von “Wagenbach” den Folder mit der Post bekommen und dann auch das Buch, das, wie auch das “Herz des Hais”, das ich vor kurzem gelesen habe, in den fünfziger oder sechziger Jahren spielt, aber ganz ganz anders ist, denn der wahrscheinlich konservative ältere Herr Becher hat da eine harmlos friviole Lebesgeschichte geschrieben, wo, obwohl die Frau den Mann verläßt, nichts wirklich Schlimmes passiert.

in dem über vierhundert Seiten Buch Marvel Morenos passiert aber sehr viel. Zuviel könnte man vielleicht sagen, wenn man mit den vielen hier geschilderten Personen vielleicht nicht ganz mitkommt. Das Buch ist aber in drei Teile gegliedert und jeder Teil hat ein Bibelzitat zu Beginn. Ja, in Kolumbien war man in den fünfziger Jahren sehr katholisch, ist das vielleicht immer noch und das, was mir besonders gut gefiel, ist, daß eine Lina quasi als Erzählerin durch das Buch führt, die wahrscheinlich das Alter Ego ihrer Autorin ist.

Sonst erfährt man nicht sehr viel von dieser Lina, die da von ihren Freundinnen Dora, Catalina und Beatrix erzählt, beziehungsweise werden deren Lebensgeschichten geschildert.

Das sind alle junge Frauen der kolumbianischen Oberschicht, Geld spielt also keine Rolle und sie werden in den feinsten Internaten von Nonnen erzogen und dann verheiratet, wie das eben so ist. Sie haben aber und das ist auch sehr interessant, eine eigene Sexualität. Die sich aber meistens nicht durchsetzt. Die katholische Erziehung hat sie ja schon vorher unterdrückt. Die Ehemänner betrügen sie und setzen ihre Frauen unter Psychopharmaka. Psychiater, das ist auch interessant, spielen auch eine Rolle und so führt uns Marvel Morano durch die kolumbianische Gesellschaft der Fünfzigerjahre und eine große Rolle spielt auch Lina Grioßmutter, die Lina lakonisch erklärt “warum ihre Freundin Dora einen Mann heiraten wird, der sie schlägt” und diese Dora ist überhaupt sehr interessant und wird vielleicht plastischer geschildert als Catalina und Beatrix, denn ihre Mutter hat sie vor allen Männern fernhalten wollen. Dann tut sie aber etwas, was man in der besseren Gesellschaft der Neunzehnhundertfünfziger Jahren in Kolumbien nicht durfte. Sie geht nicht mehr als Jungfrau in die Ehe mit einem Psychiater, der sie dann quält, unter Beruhigungspillen setzt und sogar in eine Klinik einweisen will, was aber Linas Großmutter oder ihr Vater verhindern.

Interessant ist die Sprache Marvel Morenos, die ausschweifend ist und sich kein Blatt vor dem Mund nimmt und zeigt uns auf, wie es damals in den höheren Kreisen Kolumbiens, vor denen sie, wie auch ihre Protagonistin Lina nach Paris floh, war.

Ein interessantes Buch, aber nicht ganz leicht zu lesen, denn in den drei Teilen werden nicht nur die Geschichten Doras, Catalinas und Beatrix sondern auch noch die von vielen anderen geschildert, so daß der Leserin der Kopf braust, was auch in den “Amazon-Rezensionen” kritisiert wird.

Spannend eine starke feministische Stimme kennenzulernen, die ja wie so viele andere spannende Frauen im Hintergrund berühmter männlicher Autoren geblieben sind und erst jetzt langsam entdeckt werden.

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