Die zweite Utopie

“Dann hatte sich die Situation verschärft. Ärger und ärger war sie geworden und Lisa hatte auch ein Mail von ihrer Betreuerin bekommen, die sie zu sich bestellt und ihr mitgeteilt hatte, was sie schon in den Nachrichten gehört hatte, daß sie, wie die meisten arbeitslos gewordenen in das “15/15 Grundprogramm” überstellt würde und die Betreuerin hatte sehr erfreut getan.

“Das ist doch großartig, Frau Schneider, freuen Sie sich über die gute Nachricht!”, hatte sie geschwärmt und Lisa hatte die Schultern gezuckt und das überhaupt nicht so gesehen.

“Das AMS wird umstruktuiert und und zum größten Teil von den KIs übernommen, so daß sie sich nicht mehr herbemühen müßen!”, hatte sie geflötet und Lisa hatte kurz daran gedacht, daß das wohl auch die Betreuerin um den Arbeitslatz bringen würde.

“Ab November brauchen Sie sich nicht mehr zu mir bemühen! Sie kommen ins Grundprogramm, bekommen ihre 1500 Euro pünktlich, über die sie, wenn das andere stimmt, nach Belieben verfügen könnten!”, hatte sie geschwärmt und als Lisa sich erkundigte, was das “15/15!”, bedeutete, hatte sie ihr, wie Erhart erläutert, daß sie, wenn sie sich wohl verhielt, jeden Tag fünfzehn Minuten lang spazieren oder einkaufen konnte und ihren Wohnraum nicht um mehr, als fünfzehn Kilometer überschreiten dürfe. Als ob man das in fünfzehn Minuten schaffen könne?”, hatte Lisa entsetzt gedacht.

“Und sonst bin ich eingesperrt?”, gefragt, was ein Verdacht war, den Helga Pfleger auch nicht entkräften konnte, obwohl sie sich bemühte ihre Bedenken zu zerstreuen.

“So weit der C02-Gehalt das erlaubt, Frau Schneider! Sie wissen ja, wir müssen unsere Klimaziele erreichen und wenn wir alle uns unbegrenzt auf den Straßen bewegen, kann das nicht funktionieren! So hat sich die Regierung, die WHO und auch die europäische Union dieses Programm ausgedacht und da Sie ja einen Computer haben und über Skype und Zoom kommunizieren können, werden Sie die Einschränkungen gar nicht bemerken! Ist es doch im Gegenteil sehr schön, daß Sie nicht mehr in der Hitze auf die Straße müssen! Sie können in ihrer klimatisierten Wohnung bleiben und wenn Ihr Punktekonto stimmt, können Sie auch jeden Tag fünfzehn Minuten hinaus! Sie können einkaufen und eine Runde, um den Wohnblock laufen! Sie werden sehen, damit kommen Sie schon recht!”, bekräftigte Frau Pfleger und sah jetzt auch ein wenig bekümmert aus, als würde sie sich Sorgen machen, daß ihr das auch passieren könnte, wenn sie das AMS ausgelagert hatte. Sie gab das aber nicht zu, sondern strahlte sie betont freundlich an und Lisa kam nicht umhin entsetzt zu denken, daß sie dann mit Erhart den ganzen Tag eingesperrt wäre.

“Was soll ich da nur anfangen?”, dachte sie entsetzt und dachte es immer noch, als sie das AMS, das letzte Mal, wie es schien, verlassen hatte, in den Supermarkt ging und sich bemühte, so schnell wie möglich Brot, Joghurt und ein paar Gemüsesorten, die in den Regalen zu finden waren, zusammenzupacken.

“Und das in Zukunft nur noch fünfzehn Minuten lang! Was soll ich da den ganzen Tag anderes tun, als fernzuschauen und mit Erhart zu streiten, der auch gelangweilt und unterfordert ist, denn ihm, das habe ich schon herausgefunden, tut dieses Grundprogramm auch nicht gut und ich bin von ganzen Herzen Krankenschwester und soll jetzt den ganzen Tal lang unbeschäftigt zu Hause sitzen und den KIs meine Arbeit überlassen! Das kann es doch nicht sein?”, dachte sie verzweifelt und stieg mit ihren Einkaufskorb, die Stufen ihres Wohnhauses hinauf.

“Ab jetzt hier eingesperrt! Nur fünfzehn Minuten täglichen Ausgang und das auch nur bei Wohlverhalten! Das kann es doch nicht sein!”, dachte sie und überlegte, ob es nicht besser wäre, sich vielleicht die Pulsadern aufzuschlitzen oder die Tabletten, die sich zu Hause befanden, auf einmal einzunehmen, als sie von oben Schritte hörte und eine Bewohnerin vom dritten Stock auf sie zukommen sah.

“Guten Tag, Frau Hermann!”, begrüßte sie die alte Frau.

“Wo wollen Sie denn hin!” fragte sie auf deren Morgenrock und Hausschuhe schauend und überlegte, wie die das mit ihren fünfzehn Minuten Kontigent, den sie, als Pensionistin sicher ebenfalls hatte, hielt und als sie den ratlosen Blick der alten Frau sah, die die Antwort nicht zu wissen schien, fiel ihr ein, daß sie von Erhart von ihrer Demenzdiagnose gehört hatte.

Wo war nur die Robot-KI , die sich um die alte Frau kümmern sollte, während die diplomierte Krankenschwester beschäftigungslos zu Hause saß? Das konnte doch nicht sein und durfte es nicht geben.

“Soll ich Sie nicht wieder hinaufbegleiten? Es ist vielleicht zu heiß um spazieren zu gehen!”, sagte sie und hängte sich in die alte Frau ein, die sich widerspruchslos in den dritten Stock hinaufführen los, wo die Wohnungstüre offenstand und sich die Zimmer, wie sie sah, in ziemlicher Unordnung befanden.

“Kommen Sie, ich räume Ihnen ein wenig auf!”, sagte Lisa erleichtert und überlegte, ob sie sich vielleicht, statt beschäftigungslos zu Haus zu sitzen, um Frau Hermann kümmern sollte, wenn deren KI das nicht tat, denn offenbar schien das “15//15 Grundprogramm” doch nicht so problemlos zu funktionieren.”

So da ist es gleich weiter mit dem Roman in dem Roman gegangen, von dem wir schon eine Szene kennen. Morgen gibt es dann einen Schreibbericht über mein derzeitiges Work on Progress “Die Toten lassen grüßen”, in dem die beiden Szenen vorkommen könnten oder werden, denn da schreibt ja Fabian Kratky einen utopischen Roman.