Das Ende ist nah

Amir Gudarzis Debutroman, hätte ich eigentlich schon im Sommer lesen können. Wurde es mir da doch zum Lesen angeboten. Dann sind wir aber nach Frankreich gefahren und als wir zurückkamen, hatte mir die Post das Buch mit einem anderen zurückgeschickt. Ich habe es dann zwar wieder bekommen, da standen aber schon die österreichischen und deutschen Longlistbücher auf meiner Leselistem und ich habe den 1986 in Teheran geborenen Theaterautor, der 2009 nach Österreich gekommen ist, schon einmal in der “AS” erlebt.

Er hat das Buch dann zeitgleich mit dem “Wildgans-Preis” in der “AS” vorgestellt und auf der “Buch-Wien” hat er den Roman auch vorgestellt. Da habe ich ihn am Donnerstag Vormittag gesehen, wollte aber Michael Hammerschmid der auf der Kinderbuchbühne gelesen hat auf das Gstöttmaier-Buch ansprechen.

Also wieder versäumt und jetzt nach dem ich mit dem deutschen und den österreichischen Buchpreislesen fertig bin, das Buch gelesen und ich muß sagen, es ist in Zeiten, wie diesen, wo man ständig und überall hört, daß die Integration gescheitert ist und man alle Syrer, Afghanen etcetera zurückschicken soll, weil sie Frauen vergewaltigen, das Sozialsystem ausnzen und in der Schule nicht Deutsch lernen wollen, so daß die PISA Ergebnisse dadurch beeinträchtigt wuren, ein wichtiges Buch, weil man da hautnah aus dem Leben eines sehr erfolgreich Integrierten erfahren und sich eine Vorstellung davon machen kann, wie es den Asylwerbern geht, wie sie leben, was sie denken und welche Schwierigkeiten sie haben.

Ganz ausgereift würde ich den Erfahrungsbericht, das autofiktionale Memoir des Theatermachers nicht empfinden, ist das Buch doch sehr vielschichtig und es beginnt im oder vor den Jahr 2009, wo sich A. , der in Teheran eine Theaterschule besuchte, an Demonstrationen beteiligte.

Er hat eine Freundin namens Ava. Aber da ist der Kontakt schwierig, muß er sich doch einen Tschador anziehenm wenn er sie besuchen will, damit die Nachbarn ihn nicht sehen. Sie läßt ihn auch nicht wirklich an sich heran, sondern fordert ihn, von ihrer Mutter beeinflußt auf, ihn zu heiraten, da muß er aber viele Versprechen machen, sich verschulden, etcetera.

Er flieht dann nach Österreich. Eigentlich will er, glaube ich, nach Kanada, sucht aber dann hier um Asyl an. Er ist aber mit dem Flugzeug gekommen und hat auch eine Menge Geld mit sich, das er einem Taxifahrer übergibt, bevor er sich nach Traiskirchen aufmacht.

Dort wird er vorwiegend von den Iranern angegriffen, weil er nicht fromm ist und nicht betet, wird von ihnen für einen Spion gehalten und bestohlen. Es kommt auch zu Übergriffen und Schlägereien. Ein Polizist, der Farsi spricht, ist freundlich zu ihm. Er spricht recht gut Englisch, kommt damit aber nicht weiter. Schließlich kommt er in ein Flüchtlingsheim nach Plankenstein, wo der Chef täglich eine Lebensmittelration ausgibt, sich aber sonst um seine Schutzlinge nicht kümmert. Ein Deutschkurs wird ihm auch verweigert und als er im Supermarkt mit einem fünfhunderteuroschein zahlen will, wird die Polizei geholt, auch wenn er sich Äpfel vom Boden aufklaubt.

Er lernt dann eine Sarah kennen, die an sich sehr hilfreich ist und ihn unterstüzen will. Er aber Schwierigkeiten hat, sich in eine Beziehung mit ihr einzulassen. Er findet einen Platz in einer WG in Wien, sein Asylantrag wird mehrmals abgelehnt. Er arbeitet schwarz als Pizzabote oder als Mädchen für alles in der Pizzeria, wird von seinem Chef ausgenützt, bis er endlich Asyl bekommt und Deutsch gelernt hat.

Das Ganze geht natürlich nicht ohne psychische Schwierigkeiten und am Ende bringt sich Sarah, die ihn lange Briefe schreibt und psychoanalytische Theorien findet, warum es mit der Beziehung nicht klappt, um, was ihn erst recht zu entwurzeln scheint. Spricht er doch, als er die Mutter anruft mit einem persischen Akzent und kann sich an sein Leben nicht erinnern, dann endet aber das Buch mit den Zeilen:

“Das Ende ist nah. Sie hat meinen Körper hat mich übernom…

Nein, das stimmt nicht. Ich habe nur einen Albtraum gehabt. Alles, was ich bis jetzt geschrieben habe, ist eine Lüge. Ab jetzt will ich die Wahrheit offenlegen. Ab jetzt gibt es die wahre Geschichte.”

Seien wir gespannt darauf. Bis dahin können wir über das Buch nachdenken, von dem Julia Franck am Buchrücken schreibt “Ein seltener Einblick in das, was Menschen auf sich nehmen, wenn sie flüchten. Und ein kostbares, tief bewegendes literarisches Dokument”

Was man vor allem auch den FPÖ-Wählern empfehlen könnte. Deshalb mein Vorschlag, das Buch für die nächste “Eine Stadt- ein Buch-Aktion” auszuwählen, aber das fürchte ich, wird nicht passieren.

Auf meine 2023-Bestenliste wird es aber kommen.