Wie geht es mit dem Canceln?

Im der Hauptbücherei wurde heute in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus die Anthologie “Canceln: Ein notwendiger Streit”, die von Tobias Heyl, Florian Kessler, und Jo Lendle im “Hanser Verlag” mit Beiträgen von zwölf anderen Autoren herausgegeben wurde, vorgestellt.

Jana Volkmann moderierte und diskutierte mit Daniela Strigl und Mithu Sanyal, die Texte in dem Buch hatten und interessant, daß Mithu Sanyal, die mit ihren “Identiti” vor zwei Jahren auf der deutschen Shortlist gestanden ist und derzeit auch Jurorin beim Bachmannpreis ist, zugeschaltet und nicht persönlich anwesend war. Interessant, was es heute alles gibt und deshalb fand die Veranstaltung wahrscheinlich in der Hauptbücherei statt, weil die vielleicht bessere technische Möglichkeiten haben. und das Thema Canceln ist auch sehr interessant und wurde auch schon auf den Messen und bei den GAV-Arbeitskreisen diskutiert.

Was darf man heute noch sagen und was darf man schreiben? Darf eine weiße Frau Amanda Gorman übersetzen und muß das Wort “Negerkönig” aus der “Pippi Langstrumpf weggestrichen werden und darf man in eine Autorenversammlung, wenn man ein Buch geschrieben hat, das “Mohr im Hemd” heißt?

Vor zehn Jahren hat man damit, glaube ich, noch Stipendien bekommen. Heute habe ich gehört, darf man das nicht mehr so nennen und als ich “Paul und Paula”, geschrieben habe, hat Chris Bader auch gemeint, daß ich weil ja nicht trans, sowas nicht schreiben darf und auch nicht über einen Joint, weil ich noch nie einen ggeraucht habe, wie mir die Doris Nussbaumer einmal sagte.

Aber dann darf man bald überhaupt nichts mehr schreiben. Norbert Kröll nicht eine Frau als Hauptperson nehmen und auch nicht über den dreißigjährigen Krieg, denn den haben wir auch nicht mehr erlebt und dann wird es eng in der Literatur, die sich ja damit rühmt, Geschichten zu erzählen, die wir dringend brauchen.

“Kein vernüftiger <mensch will Literatur verbieten oder doch?”, heißt es in der Buchbeschreibung und Jurenka Jurk zitiert gern ein Zitat von Maxim Gorki, “daß man nicht einer Bratpfanne gelegen haben muß, um über ein Schnitzel zu schreiben.

Es wird aber eng, denn in Frankfurt wurde ja Adania Schibli ausgeladen oder ihre Preisverleihung verschoben, weil sie Palästinenserin ist und das ist ja derzeit ein heikles Thema.

Und jetzt kann man ja Texte zensurieren, verändern oder zurückziehen, wie es beispielsweise auch in der Antohologie “O boy” über die neue Männlichkeit passierte. Aber was ist mit den Texten, die schon erschienen sind?

Also den “Negerkänig” raus aus der “Pippi Langstrumpf” und “Von Wiinde verweht” neu übersetzen, um die “rassistischen Wörter” hinauszustreichen und das führt zu einem interessanten Thema über das ich mich schon länger wundere, daß immer wieder neue und, jetzt die “Wahren Übersetzungen”, herauskommen und, daß “Schuld und Sühne” auf einmal plötzlich “Verbrechen und Strafe” heißt, was ich nicht verstehe.

Also jetzt ein Buch mit Beiträgen über Bücher, die einen prägten und die heute nicht mehr als korrekt gelten und da hat sich die 1971 geborene Mithu Sanyal Enid Blyton und ihre Jugendbücher ausgesucht, die sie als Kind geliebt und viel gelesen hat, obwohl die sehr rassistisch waren und da war auch interessant zu hören, daß da die Übersetzer viel verändert haben, so daß “Hanni und Nanni” im Original ganz anders heißen. Da bin ich dagegen über das Verändern und eigentlich auch über das Hinausstreichen des “N-Wortes”, weil das ja der damalige Sprachgebrauch war und solange sich nicht die Einstellung verändert, wird man die Worte immer umändern müßen, was wie ich hörte, jetzt schon dem Wort “schwarz” passiert.

Ich muß gestehen, daß ich Enid Blyton nicht sehr gelesen habe und die “Pippi Langstrumpf” eigentlich nur der anna, aber nicht selber als Kind und weiter interessant ist Daniela Strigls Beitrag, die sich mit Amanda Gorman beschäftigte bzw, den Wirbel, den es wegen der niederländischen Übersetzung gegeben hat.

Ein weiße Frau darf das nicht, wo kommen wir da hin? Obwohl es natürlich stimmt, daß der frühere Kanon weiß und alt war, während höchstens die adeligen Frauen schreiben durften und dann nur einige erfolgreich wurden. Aber wenn man das jetzt den Weißen verbietet, kommt man auch nicht weiter. Auf der Uni hat sich bezüglich Gendern und politischer Korrektness in den letzten Jahren einiges verändert, so daß die Studenten jetzt mehr auf ihre Gefühle achten und nicht darin verletzt werden wollten. So gibt es immer wieder Triggerwarunungen und manchmal wird dabei sehr übertrieben, wenn sich zum Beispiel, wie diskutiert wurde, Studenten weigern, James Baldwin zu lesen, weil er das Neger-Wort verwendete. Da denke ich, muß man differenzieren, wenn das junge Schwarze tun und sagen, der war konservativ, dann ist es wahrscheinlich verständlich. Tut das eine weiße Studentin, dann finde ich das eher dumm, aber vielleicht will die überhaupt und nicht lesen und drückt sich nur darum und da habe ich auch einmal gehört, daß der Ausdruck “Onkel Toms Hütte” verbobten wurde, weil der ja kein rebellischer Sklave war, aber hätte Harriet Beecher Stowe, das Buch nicht geschrieben, hätte sich da vielleicht nichts verändert.

Interessant, schreibe ich wieder und finde die derzeitigen Diskussionen sehr überhitzt, wenn man beispielsweise, wie auch Daniela Strigl meinte, jeden der anderen Meinung ist, gleich als Nazi oder faschistisch beschimpft und das Gespräch abbricht, wie das derzeit geschieht, gibt es keine Diskussionen mehr und das ist eigentlich sehr schade.

Also weiter schreiben was und wie man es will und sich nicht abschrecken lassen und die Diskussion war sehr interessant, auch weil wir ja das das Beispiel Thomas Bernhard haben, der sich in “Holzfällen” und beim “Heldenplatz” auch kein Blatt vor dem Mund nahm und da kann man auch zu Daniel Kehlmann und sein “Lichtspiel” überblenden, wo er über G. W. Papst geschrieben hat und dabei auch sehr viel erfunden hat, worüber sich, glaube ich, die Papst-Enkel empörten.

Identitti

Jetzt kommt schon Buch vierzehn des dBps,das dritte Shortlistbuch und meiner Meinung nach das zweitbeste, das ich in diesem Jahr gelesen habe und daher das, das ich mir bisher als Preisbuch wünschen würde.

Es ist auch das Dritte, der fünf, die von Frauen geschrieben wurden, die sich mit Diversitäts- oder Migrationsfragen beschäftigten.

acism würde das wahrscheinlich Saraswati, die Professorin aus Mithu Sanyals Buchs in ihren Postcolonialstudies-Vorlesungen so nennen würde und das versöhnlicher, als Shida Bazyars “Kameradinnen” ist und mir deshalb gut gefallen hat, weil es ungewöhnlich modern das beschreibt, was derzeit sehr chaotisch und turbulent , um uns passiert.

Ich habe von der 1971 in Düsseldorf, als Tochter einer polnischen Mutter und eines indischen Vaters Geborenen, die schon zwei Sachbücher geschrieben hat, noch nichts gelesen und gehört und bin jetzt über den frischen Ton sehr erfreut und auch, was ich gar nicht erwartet habe, trotz aller Chatsbeiträge, Twittermeldungen zwischendurch und was mich ein bißchen irritierte, immer wieder englische Ausdrücke und Redemeldungen bzw. Abkürzungen, die mir nicht so geläufig waren, eine spannende Handlung und eine durchaus verständliche Geschichte gibt.

Da ist also Nivedita Anand, wie ihre Autorin, Tochter einer polnischen Mutter und eines indischen Vaters und daher mit ihrer identität im Wickelwackel, die in Düsseldorf an der Heinrich Heine Uni Postcolonialstudies bei Professorin Saraswati studiert, die dafür bekannt ist, daß sie in ihren Seminaren alle weißen Studenten hinauswirft, also ganz schön brutal. Aber das ist vor kurzem ja auch wirklich so geschehen, daß auf einer Uni einer Stelle ausgeschrieben wurde, dwo sich Weiße nicht bewerben sollten.

Das Buch beginnt mit einem Interview, das Nivedita ,die den Blog “Identiti” führt, mit einem Sender führte. Dann platzt die Bombe, Saraswati ist gar keine people of colour, als PoC, sondern die weiße Sarah Vera Thielmann, sowie und Zahnarzttochter.

Der Shitstorm beginnt und Nivedita, die eine in England aufgewachsenen Cousine namens Priti, sowie einen Freund namens Simon hat und in einer WG lebt, fält aus allen Wolken. Sie zieht dann zu der Professorin, die sehr cool und selbstbewußt auf den Shitstorm reagiert.

Oluchi ,eine Studentin mit, glaube ich, afrikanischen Hntergrund zettelt eine Demo an. Die Professorin wird von ihrer Uni zur Entschuldigung aufgefordert und später, glaube ich, entlassen. Die Anwältin schaltet sich ein und es kommt heraus, Priti hat Saraswatis Bruder, Konstantin der die Schwester geoutet hat, ein Foto gegeben und der stellt sich heraus, hieß eigentlich Raji und wurde von dem Zahnarztpaar, weil keine Knder kamen adoptiert. Dann kam, wie üblich, die kleine Schwester und hat, sich stellt sich schließlich heraus, um den Bruder die Identität zu erleichtern zu einer Hormonbehandlung entschlossen.

Das ist die Geschichte, die man so eigentlich logisch oder auch kitschig, je nach Geschmack nennen könnte. Interessant wird sie, glaube ich, durch die immer wieder erfolgenden theoretischen Einschüben und Erklärungen, Bücher werden genannt, Studien erklärt, einen Anhang gibt es auch und man fängt in einer so chaotischen Zeit wie dieser, wo Bahnhöfe und Restaurants umbenannt werden, Joanne K. Rowling und Morddrohungen bekam, als sie postete, daß es (nur) zwei Geschlechter gäbe, glaube ich, eigentlich auch oder Elke Heidenreich, die gerade einen Shitstorm auslöste, weil sie sich bei Markus Lanz bezüglich der neuen Grünsprecherin Sarah-Lee Heinrich kritisch und gegen das Gendern äußerte, zu überlegen an und denkt, “Hey, Michael Jackson hat sich ja eigentlich auch eine weiße Identität gegeben!”

Warum darf man sich dann nicht auch in eine “People of colour” verwandeln? Weil das ein Rassismus ist? Da gab es ja auch Aufregung, weil sich Kindergartenkinder nicht mehr als IndianerInnen verkleiden durften. Was ich auch für Blödsinn halte und interessant ist auch, daß Mithu Sanynal, die wirklich intellektuell darüber stehen dürfte, die polnische Mutter auch davon sprechen läßt, daß sie mehr über “ageism” als über “raceism” leidet.

Ja älter werden darf man auch nicht und muß sich stattdessen liften oder Botox spritzen lassen, wenn man sich das leisten kann. Viele können das nicht und altern, während andere ewig jung bleiben und, daß mit dem nicht Wohlfühlen in der eigenen Haut, ist ja auch ein Problem, das die Psychologin beschäftigt, die schon bemerken konnte, daß man auch nach Brustoperationen oder Geschlechtsumwandlung unsicher bleibt und, daß es wahrscheinlich die Toleranz ist, die unsere Gesellschaft braucht und die gegenseitige Gesprächsbereitschaft und das ist es auch, was mir an dem Sanyal-Buch gefälllt und ich bei Shida Bazyar ,die ja ein ähnliches Thema bearbeitete, vermißte.

Daß man nicht “Woher kommst du?”, fragen darf, wird auch thematisiert und damit habe ich auch Schwierigkeiten. Weil, wenn ich das nicht mehr fragen darf, bin ich zum Schweigen verdammt und das gegenseitige Näherkommen fehlt und das passiert ja jetzt auch, wenn ich, wenn ich sage, “Ich lasse mich nicht impfen!” oder “Finde die Maßnahmen übertrieben!”, gleich in der Verschwörungs- und Nazikiste lande und mit denen spricht man dann nicht mehr!

Dann bleibt der Rest Schweigen und das ist, denke ich, auch nicht gut, deshalb würde ich mir “Identiti”, ich spreche es Deustch aus und finde das gerade besonders interessant obwohl das Österreichische das Wort “Titen” für den Busen eigentlich nicht verwendet, als das Buchpreisbuch wünschen und es allen, vielleicht auch den Uli zum Lesen empfehlen.

Mithu Sanyal hat, habe ich beim Lteraturcafe gelesen, den Brief unterschrieben, wo sich, glaube ich, Künstler beschwerten, daß keine schwarzen Frauen für den “Leipziger Buchpreis” und da wird es auch ein bißchen schwierig, denn ich habe ja auch ein Problem mit den Auswahldefinitionen.

Kein Selbstgemachtes darf darauf, aber da gab es bis vor kurzem viele ältere “weiße” Manner mit ihren Midlifekriseproblemen und keine schwarze frau und gleich viele Männer, wie Frauen müßen eingeladen werden und der Prozentsatz mit Migrationshintergrund muß auch stimmen!

Dann bleibt vielleicht die Qualität unberücksicht und so schlage ich wieder vor, alles lesen!

Von weißen, schwarzen, gelben Männern und auch solchen Frauen. Bücher aus den Groß- und den Kleinverlagen, aber auch aus der Selfpublisherschiene und dann selber urteilen!

Und diese Liste, ich wiederhole es noch einmal, finde ich sehr interessant und auch ausgewogen, weil da zwar nicht alles aber vieles von vielen drinnen ist und von den vierzehn Büchern, die ich bis jetzt gelesen habe, sind fünf von Frauen auf meiner Shortliste und jetzt werde ich zu Norbert Gstrein übergeben, dem “weißen alten Mann” auf der Liste, aber das ist ein Ausdruck, den ich, ich betone es noch einmal, nicht mag, halte mich auch nicht für eine “alte weiße Frau” und lege mich auch gerne unter die Sonne.

Bin also im Sommer eher braun, aber selbstbewußt, als älter werdende Frau, die sich ihre Haare nicht färben läßt und plädoyiere wieder für das Miteinander und Philip Roth, der ja auch so ein “weißer alter Mann” war, der sich mit seinen Midlifeproblemen beschäftigte, hat, erinnere ich mich, auch ein Buch mit dem Titel “Der menschliche Makel” geschrieben, wo einer mit seiner Identität nicht zufrieden war und sie daher veränderte.

Also miteinander statt gegeneinander! Mit allen reden, auch vielleicht “Woher kommst du?” und das dann nicht gleich als Rassismus empfinden, wäre das, was sich die Psychologin und nicht so erfolgreiche schreibende, aber über den Tellerrand lesende Frau, wünschen würde!