Jetzt kommt ein Buch auf das ich bei der “Diogenes-Frühjahrsvorschau” gekommen ist und das im Juni das Ö1-Buch des Monats war. Ein Buch, das in den Fünfzigerjahren in Mexiko geschrieben wurde, siebzig Jahre in den USA auf einen Dachboden lag, dann entdeckt wurde und von der Tochter des 1901 in Budapest geborenen Janos Szekely herausgegeben wurde.
Szekely, der Drehbuchschreiber war und den ebenfalls bei “Diogenes” erschienenen Roman “Verlockung” geschrieben hat, ist 1938 in die USA emigriert, dann vor der Mc Carthy-Äära nach Mexiko gegangen und schließlich in die DDR emigriert, wo er 1958 in Ostberlin starb.
Das allein ist schon interessant. Sein Roman, der in einem offenbar fiktiven ungarischen Dorf im Sommer 1944 spielt, ist es aus und schließt fast nahtlos an Paul Binnerts “Lügenlayrinth” an oder auch nicht, denn eigentlich geht es in dem Buch gar nicht so sehr um den Holocaust, sondern um die Unterdrückung der ungarischen Bauern, die, wie der Titel schon sagt, vor siebenhundert Jahren begann, denn da wurden die Bauern von den ungarischen Aristokraten unterdrückt, zu Leibeigenen erklärt und mussten zu einem Hungerlohn arbeiten und das hat sich im Jahr 1944, wo die Nazis, die Juden und die Zigeuner, ja, so hat das damals geheißen und heißt es auch im Buch, obwohl das da zweimal entschuldigt wird, deportieren, nicht sehr geändert.
So beginnt das Buch auch damit, daß der Zigeunerprimas Marci Balogh, der VI, der sehr selbstbewußt, aber auch sehr skrupellos ist, in das Haus des Bauern Garas kommt, dort die Wanderzigeunerin Julka sucht und sie sehr beschimpft.
Erst in den nächsten Kapiteln erfährt man warum. Julka und Marci waren schon auf dem Todesmarsch, sind aber entkommen und haben nun bei Garas Unterschlupf gefunden und Julka ist die Geliebte beider geworden. Für Kost und Quartier teilt sie mit dem Bauern das Bett und führt ihm den Haushalt und in den nächsten Kapiteln wird erstaunlich einfühlsvoll der Werdegang Julkas erklärt, die sich durch ihr Leben schlafen und stehlen muß, denn was soll sie denn anderes machen, wenn sie keine Arbeit findet? Sie liest aus der Hand, sagt die Zukunft den “Gnädigen Herren und Frauen” heraus und wünscht sich dabei nur eines, einen braven Ehemann und viele Kinder, für die kochen und putzen darf.
Dann wird in dem siebenhunndert Seiten Buch, das ein Nachwort von Sacha Batthyany hat, der Graf beschrieben, der die Bauern zur Fronarbeit zwingt, der aber im Wahrheit verschuldet ist und von der Bank lebt und sein Schloß gehört eigentlich dem Nationalsozialisten Lorant Barankay, dem Massenmörder, der ständig betrunken ist, seine Frau, Exzellenz genannt, die von unten kommt, lebt im Nebenschlößchen und und das ist wohl ein bisschen unglaubwürdig oder wahrscheinlich ein Schelmenstück von Janos Szekely, die Geliebte von Marci, der zwischendurch, während der Bauer arbeitet, auch Julka besucht und nun in diesem Szenario, es gibt noch eine Familie Rosenberg und eine Stern, die ehemals den Laden und das Gasthaus führten und sich nun verstecken müssen, beschließen die Bauern zu streiken und versuchen das dem Grafen beizubringen.
Es gibt dann noch einige Nebenhandlungen und Verwicklungen und am Schluß werden alle deportiert, entkommen aber dem Viehwaggon und gehen in einer guten oder ungewissen Zukunft entgegen, was auch ein bisschen phantastisch beschrieben wird und ich habe, obwohl ich das gar nicht mehr wollte, ein sehr interessantes Buch gelesen, zu dem ich wieder sehr lange gebraucht habe, das mich und das ist auch sehr interessant, immer auch ein bisschen an unsere chaotische Gegenwart erinnert hat und noch etwas ist interessant und da bin ich wieder bei dem Wort “Zigeuener,”, das in dem Buch häufig verwendet werden.
Natürlich, denn die Nazis werden zu ihnen nicht Sinti oder Roma gesagt haben und in den Neunzehnfünfzigerjahren war das Wort auch der offizielle Sprachgebrauch, der Verlag entschuldigte sich, daß sie nicht wußten welcher Volksgruppe Marci und Julka angehörten und interessant ist da, daß das Manuskript, das auf dem amerikanischen Dachboden gefunden wurde in Englisch war, obwohl es Szeklely seiner Frau auf Ungarisch diktiert wurde, die es dann abtippte und jetzt von Ulrich Blumenbach aus dem Englischen übersetzt wurde und da steht statt Gipsy nun Zigeuner. Die “Neger” sind aber als Schwarze übersetzt und interessant finde ich das deshalb, weil ja Alain Claude Sulzer vor kurzem Probleme mit der Verlagsförderung hatte, weil in seinen Roman auch das Wort “Zigeuner” vorkommt.