Mein Herz ist eine Krähe

Bevor ich zum Schweizer Buchpreisträger komme, geht es nach Schweden. In das von Neunzehnhundert bis Neunzehnhundertsiebzig und es ist das Debut der 1977 in Norrals geborenen Lina Nordquist und die hat eine verdammt gute Sprache, obwohl man bei Übersetzungen ja nie sicher sein kann, wie das Original ausschaut.

Erzählt wird in zwei abwechselnden Strängen von Unni, der Urmutter und Kara.

Kurz vor Neunzehnhundert mußte Unni mit ihren Geliebten Armod und ihren Sohn Roar von Norwegen nach Schweden fliehen. Denn Unni ist eine starke Frau, die sich mit Kräutern gut auskennt und damit auch ein bißchen Geld verdient. Dem Pfarrer von Trondheim gefällt das nicht, auch nicht, daß Unni unehelich schwanger ist, obwohl das Kind von ihm ist und will sie in eine Irrenanstalt einweisen.

Lina Nordquist erzählt in einer sehr starken Sprache von den Grausamkeiten und der Armut, das in Schweden um Neunzehnhundert existierte, obwohl das Schweden der Neunzehnsiebziger, als das Modernste galt, was sich, glaube ich, auch schon wieder geändert hat.

Damals war es offenbar üblich, daß sich die Männer von den Frauen nahmen, was sie brauchten und so landet die kleine Familie in einer schwedischen Kate im Wald und erlebt den Hunger. Beeren werden gesammelt, Kartoffel ausgegraben und dann gibt es noch die Eheringe, die Unni offenbar von dem Pfarrer mitgehen ließ und jetzt an Schuldgefühlen leidet.

Es gibt das Erlebnis mit der Bärin, die die Familie angreift. Die wird getötet, nach Hause geschleppt und hurrah, gekocht, aber leider viel zu wenig, so daß es zu Vergiftungen kommt.

Es kommt ein zweites Kind, die kleine Tone Amalie mit ihrer Puppe und dann noch ein Mädchen, aber da ist Armod, der Holzfäller schon gestrorben und Unni erzählt das alles ihrem Sohn Roar.

So geht es dahin, wenn Unni dem Bauern ihre Schulden nicht zurückzahlen kann, wird sie von ihm vergewaltigt und sie versucht immer die Kinder vorher in den Hochstand zu schicken, damit sie nicht zu viel davon mitbekommen.

So geht es dahin und eines Tages verschwindet Unni, wie vorher schon eine ihrer Töchter. Tone Amalie stirbt und Roar bleibt allein zurück, hat zuerst eine Freundin namens Irma, die Unni nicht gefällt und später Bricken und da sind wir schon beim zweiten Strang und in dem jetzt zweistöckigen Haus im Wald, in den Siebzigerjahren, zu der Zeit als Roar gestorben ist.

Da leben jetzt zwei Witwen und trinken Kaffee. Die eine ist Bricken, die Gattin von Roar, die andere Kara, ihre Schwieigertochter und die erzählt in abwechselnden Kapitel ihr Leben. Sie hatte psychische Probleme, kam bald mit der Psychiatrie in Berührung und Tabletten verschrieben, so daß sie Neunzehnhundertsiebzig Substanz abhängig war. Sie versteht sich nicht mit Bricken, die sie unterdrückt oder sie sich von ihr unterdrückt fühlt. Sie scheint auch ein Verhältnis mit Roar gehabt zu haben. Geheiratet hat sie dessen Sohn Dag, der ist auch schon tot und die Beziehung war auch nicht gut. Es gibt den Sohn Bo, der aber verschwunden ist und so geht es dahin.

Das Verhunderfünfzig Seiten, bei “Diogenes” erschienene Buch, ist wie schon geschrieben, sehr eindrucksvoll, mit einer sehr schönen Sprache und vielen Wortschöpfungen.

Ich habe mir einiges davon aufgeschrieben und es war für mich ein wenig schiewerig, mich darin zurchtzufinden, so habe ich über eine Woche zum Lesen gebraucht, denn Lina Nordquist springt ständig von vorn nach hinten zurück.

Erzählt wird manches auch zweimal oder dreimal. Wahrscheinlich, um um die “Liebe, den Wahnsinn und die Verbundenheit”, auszudrücken, wie am Buchrücken steht und die Geheimnisse aufzulösen, die, die beiden Frauen näher bringen und miteinander verbindet.

Und ich habe eine mir bisher unbekannte Autorin kennengelenrt und muß sagen die nordische Literatur ist wirklich sehr eindrucksvoll und man sollte mehr von ihr lesen.

Der Weg nach Hause

Statt Buch sechs des dBps kommt jetzt ein schwedischer Bestseller, wo man vielleicht ganz gut den Unterschied zu den Buchpreisbüchern feststellen kann. Nämlich den neuen Roman der 1974 geborenen Sofia Lundberg, eigentlich ein Sommerbuch, das an einem zwölften August spielt. An vielen solchen von 1948 bis 2020, wo auch in dem Lockdown freien Schweden die Pandemie herrschte

Aber das Buch beginnt in Gotland am zwölften August 2019 im Haus am Meer der alten Viola. Die ist Witwe und hat im Sommer Besuch von ihren Töchtern, der Enkel-und der Urenkeltochter bekommen, während die am Strand sind bekommt sie einen Anruf. Es ist eine Lilly, die besteFreundin, die sich von ihr verabschiedet, weil sie jetzt stirbt. Das ist ganz schön verwirrend, aber dann geht es zurück ins Jahr 1948. Das sind die Mädchen zehn und bei Lilly wird gerade ihr kleiner Bruder Sture geboren. Er ist das neunte Kind der Wallins und die Mutter Lisbeth stirbt daran. Und die beiden Freundinnen beschließen sich von der Mutter zu verabschieden,beziehungsweise sie in einer Art Seance wiederherzuholen.

Das tun sie an jeden zwölften August und die Wallins sind arm, während Viola in relativ behütenden Verhältnissen aufwächst. Es gibt einen Vater, eine Mutter,, eine Großmutter die den Wallin-Kinder Essen und Kleider zustecken, was der Vater nicht will.

Die Kinder werden älter. Lilliys größter Wunsch ist zu singen. Sie fängt aber in einen Restaurant zu arbeiten an, während Viola Sekretärin wird und als die Mädchen noch älter werden, kommt es zu einem Skandal,der Restaurantbesitzer Uno Engström wird verdächtigt eine Frau ermordet zu habenund kommt ins Gefängnis. Es stellt sich aber heraus, daß Lilly mit ihm zusammen war. Violas Eltern übernehmen das Restaurant, das heißt der Vater kauft es, Viola führt es Lilly singt und serviert. Beginnt dann mit ihrem Bruder Alvin im Keller Schnaps zu brennen, wo sie dann verhaftet wird. So zieht sie mit ihrem Bruder nach Paris und macht dort die große Karriere, während um wieder ins Jahr 2019 zurückzukommen, Viola am zwölften August auf den Dachboden geht um nach Lillys Adresse zu suchen und dann beschließt sie mit den Töchtern Juni und Maj, der Enkeltochter Sara und dem Baby Ellen nach Paris zu fliegen. Inzwischen gehen wir weiter in die Sechzigerjahre hinauf, bevor Lilly zu einem großen und sehr neurotischen Star, dem alle nachrennen und sie sich vor ihren Fans verstecken muß und von ihrem Bruder gegängelt wird, wird sie in einer Bar vergewaltigt und in Visby findet Viola, die mit einem Gunnar verheiratet ist, ein Kind in einem Körbchen, das sie ist schon mit Maj schwanger aufzieht und später adoptiert, währen Lilly in einem Kaufhaus einen Anfall bekommt, weil ein Kind ein Autogramm von ihr will.

Man ahnt schon den Zusammenhang und Viola bekommt einen Brief von Lilly, die sie und die Geschwister zu einem Konzert nach Stockholm lädt. Es kommt aber zu keiner zu einer Begegnung und wieder in Paris zurück spüren sie mit Saras Hilfe zuerst Lillys Wohnung auf. Erfahren dann, das sie in einem Krankenhaus liegt, weil sie mit Schlaftabletten in auf einer Bank gefunden wurde. Viola nimmt sie und den inzwischen an Alzheimer erkrankten Bruder nach Gotland zurück und da sitzen sie dann am zwölten August 2020 mitten in der Corona-Krise. Alle kommen wiederzusammen und der Bruder erkennt Viola in die er einmal verliebt war, wieder einmal nicht. “Viola”! sagt er überrascht” im letzten Satz “Du bist aber alt geworden” und ich habe einen spannenden und etwas übertrieben konstruierten Roman gelesen, wo ich die Idee mit dem zwölften August sehr interessant fand und an das arme Kind dachte, daß am seinem Geburtstag auch den Todestag der Mutter miterleben muß. Etwas was früher wahrscheinlich viele Kinder betraf. Heute aber schon Gegenstand einen dramatischen Unterhaltungsromes ist, der möglicherweise viele Leser findet. Ich habe ihn schon in St. Plölten beim “Thalia” auf dem Neuerscheinungsstapel liegen gesehen.

In jedem Augenblick des Lebens

Das Memoir über den Tod seiner Frau, die nach einem Kaiserschnitt an Leukämie gestorben ist, des schwedischen Dichters Tom Malmquist hat mir “Klett-Cotta” zur Verfügung gestellt und ich habe es, bevor ich es gelesen habe,  schon in großer Auflage bei “Thalia” liegen sehen.

Ist es doch ein Buch mit einem interessanten Thema, das viele Leute interessieren könnte und Tom Malmquist hat sich damit, wie man im Klappentext lesen kann, durch seine Trauer geschrieben, als er mit der kleinen Livia zu Hause war undseine Vaterschaft gerichtlich einklagen mußte.

Ein Buch das daher schon viele Rezensionen bei “Amazon” hat, die von ein bis fünf Sterne gehen und auch einiges zu bemängeln haben, daß es keine Ausrufungszeichen hat und man daher nicht sofort erkennen kann, wer hier spricht, beispielsweise oder auch, daß es sich teilweise wie ein medizinischer Bericht liest und keine Gefühle zu erkennen sind.

Die fehlenden Ausrufungszeichen haben mich auch ein bißchen irritiert und ich hatte Anfangs  Schwierigkeiten mich bei den vielen Vornamen, die genannt wurden, auszukennen, wer jetzt wer ist?

Die Gefühle habe ich mir vorstellen können, beziehungsweise denke ich, daß es einem, wenn man plötzlich mit einem Baby alleine ist, von der Neonatologie in die Intensivstation hetzt und dann noch seinen Vater an Krebs verliert genau so ist und alles geht ja die Öffentlichkeit auch nicht an und ich habe sogar die Art wie Tom Malmquist die Zeit in dem Krankenhaus beschreibt und wie er  sich mit Distanz gegen den medizinischen Apparat in den er da hineingeraten ist, wo jeden Augenblick, die Tür zu den einfachen Familienzimmern aufgerissen werden, jemand hereinkommen und “Hallo, ich bin John Perrson, Oberarzt in der CIVA und zuständig für Karins Zeit hier” sagen kann, wehrt.

Die Patienten werden in Schweden offenbar mit Vornamen angesprochen, alles ist licht und modern und Karin mit der Tom seit zehn Jahren zusammen ist, hat eineinhalb Monate vor dem Geburtstermin offenbarAtemprobleme und mußte ins Krankenhaus. Dort wird eine Myeloische Leukämie festgestellt, das Baby mit Kaiserschnitt herausgeholt und Tom rennt von der einen in die andere Abteilung, kämpft mit den Krankenschwestern, weil er unbedingt die Decken austauschen und mitbringen will, um Karin den Geruch Livias und der, den der Mama zu übermitteln.

Er kämpft auch mit den Angehörigen und darum, daß er als erster von den Ärzten die Informationen bekommt, die er dann an Sven und Lillemor, Karins Eltern, weitergibt, weil die das offenbar so haben wollte. Auch das wird bei “Amazon” bekritelt, daß den Eltern den Zutritt zur sterbenden Tochter verwehrt.

Im ersten Teil wird das geschildert und man bekommt einen guten Einblick von der modernen Medizinallmacht, wo man warten muß “bis Karin installiert ist” bevor Tom an ihr Krankenbett darf und dann kommen auch noch die Genetiker und Psychologen, die reden und Informationen austauschen wollen und manchmal kommen sie im falschen Moment, weil Tom mit der kleinen Likva schon wieder an einem Krankenbett sitzt und jetzt seinem Vater beim Sterben zuschaut. Aber ich greife vor.

Im zweiten Teil ist Tom mit Liva zu Hause und bekommt, seltsam könnte man denken, aber vielliecht ist das in Schweden so oder auch wieder Tom Malmquist Schreibstil sich gegen die Behörden zu wehren, einen Brief vom Jugendamt, daß er die Vermögensverhältnisse des “Kindes weiblich, Unbekannt Lagerlöff deklarieren soll”.

Seltsam, denn eigentlich sollte es ja um das Sorgerecht gehen, war Tom doch nicht mit Karin verheiratet. Aber als er am Jugendamt anruft, wird er ans Finanzamt verwiesen und die Vaterschaft muß er auch einklagen, beziehungsweise muß das das Gericht für die Tochter tun.

Dazwischen reflektiert er seine Beziehung zu Karin mit der er zehn Jahre zusammen war. Sie war Literaturkritikerin und hat auch geschrieben, Tochter eines Psychoanalytikers und einer Lehrerin und im nächsten Teil ist Livia vier Monate, die Vaterschaft ist noch nicht ganz erstritten, aber Tom sitzt schon wieder in einem Intensivzimmer einer Palliativstation, eine Krankenschwester kommt herein und erklärt, bevor er in sein Zimmer darf, den Zustand seines des krebskranken Vater.s

Der war Sportreporter, hat einen großen Skandal aufgedeckt, hat auch zuviel getrunken und seiner Frau im Haushalt und in der Kindererziehung offenbar alles überlassen.

Auch das wird reflektiert und dann kann Livia schon “Papa!” sagen und krabbeln, muß in die KITA und auch da kommen die Erzieher und stecken dem Papa Formulare in die Hand, wo er die nächsten Angehörigen, das sind die beiden Großmütter angeben muß und Reservewäsche für den Regen in die Spind legen.

Dann geht er hinaus, darf der kleinen Livia am Arm der Erzieherin nachwinken, die zuerst keine Ahnung zu haben scheint, wie man das tut, dann aber “unterm Kirschbaum steht und winkt”

Man kann und es wurde schon, darüber dieskutieren, ob man Bücher über seinen Krebs, seine bipolare Störung etcetera schreiben darf und soll, ob sie wichtig oder eine Zumutung sind und den anderen belästigen?

Es ist aber sicher interessant, daß sie meistens, wenn sie von einem bekannten Autor stammen, in großen Auflagen erscheinen.

Wie bekannt der 1978 geborene Dichter, Musiker und Songwriter in Schweden ist, habe ich keine Ahnung. Mir war sein Name jedenfalls völlig unbekannt.

“In jeden Augenblick unseres Leben” ist sein erster Roman, entnehme ich dem Klappentext, ergänze wieder etwas oberlehrerhaft, daß es eher ein Memoir ist, daß mich die angeblich fehlenden Gefühle nicht gestört haben, mir die Distanz mit denen er den medizinischen und den Sozialapparat Schwedens beschreibt, gut gefallen hat und man natürlich darüber diskutieren kann, wie authentisch, geschönt, überarbeitet, etcetera, die dreihundert Seiten jetzt sind. Gehe aber davon aus, daß es wichtig für den Autor war, über diese Erfahrungen seines Lebens zu schreiben und es ist sicherlich auch sehr interessant darüber zu lesen, obwohl, da das Kindbettfieber jetzt ja überwunden ist,  es zum Glück inzwischen nicht mehr so oft  passiert, daß man seine Frau bei der Geburt eines Kindes verliert, während es viel wahrscheinlicher ist seinen krebskranken Vater oder Mutter durch die letzten Tage zu begleiten.