Es geschah im November

Jetzt kommt ein Buch, das ich, das heißt, einen Auszug daraus bei Stephans Teichgräbers Festival kennenlernte und, daß mir kurz darauf von Barbara Brunner angeboten wurde.

“Es geschah im November” in dem die 1963 geborene Alena Mornstajnova den Versuch unternommen hat, die Geschichte umzudrehen. Was wäre wenn die Novemberrevolution von 1989 nicht geklappt hätte und der Sozialismus in Tschechien geblieben wäre?

Bei der Lesung fragte ich mich noch, was dann gewesen wäre und konnte mir die Handlung nicht vorstellen. Habe aber begierig das Leseangebot angenommen und das Buch begeistert gelesen. Ein paar Fragen bleiben, denn das, was nach Alena Mornstajnova nach 1989 in der damaligen tschechoslowakischen Republik passiert wäre, ist wahrscheinlich das, was dort vorher passierte und das was vielleicht in China oder Nordkorea passiert. Vor 1989 wahrscheinlich, denn die sozialen Überwachungssysteme hat es damals nicht gegeben und in Alena Mornstajnovas Buch, das bis 2019 geht, ist das Internet auch verboten oder den obereren Sicherheitsschichten vorbehalten.

Die andere Frage ist, was sich Alena Mornstajnova beim Schreiben dachte, die das Buch wahrscheinlich während der Pandemie geschrieben hat und ich habe die darin beschriebenen Zustände natürlich mit denen von heute, der Scharfstellung der Impfpflicht beispielsweise oder dem Verbot auf Demonstrationen bei Covid verdächtigen Personen, beispielsweise, verglichen.

Es beginnt auch ganz erwartbar im November 1989. Da sind Marie oder Maja und Joska oder Josef, die in einem tschechischen Provinstädtchen leben und dort gerade die Wohnung renovieren. Die Kinder haben sie zu den Großeltern gebracht. Sie waren auch bei einigen Demos und dann wird in der Nacht plötzlich an der Tür gehämmert und die beiden aus dem Bett im Nachthemd und mit nackten Füßen in den zu großen Stiefel in die Lastwägen gestoßen und Marie sieht Joska nie wieder. Marie ist die Tochter eines Ingenieurs, der zum Lagerarbeiter degradiert wurde. Deshalb hat sie nicht Medizin studieren dürfen, sondern konnte sich nur zur Krankenchwester ausbilden. Sie hat zwei Kinder, das eine ist von einem Chefarzt, das zweite, die Tochter Lenka ist von Joska und es gibt in dem Buch immer wieder geschwärzte Briefe, die Marie aus dem Gefängnis an das Töchterlein geschrieben hat.

Sie glaubt sie bei den Eltern in guten Händen. Der Sohn wurde vom Chefarzt schon nach wenigen Tagen abgeholt, der mit ihm und seiner Frau in den Westen flüchtete. Lenka wurde wegen Unzuverläßigkeit der Großeltern in ein staatliches Heim gebrafht und sollte dort zu einer mustergültigen Sozialistin erzogen werden, während Marie zu zwanzig Jahre Gefängnis verurteilt wurde.

Die Kapitel schwenken bald zu Lenka oder Magdalena, Magda genannt, die das sozialistische Erziehungssystem erlebt. Es wird den Kindern immer wieder eingebleut, daß sie die Hoffnung für morgen sind. Dafür müßen sie sich nach den Regeln verhalten und alle anderen verraten, die das nicht tun und es wird ihnen auch vorgesagt, daß ihre Eltern sie verraten und sich nicht um sie gekümmert hätten, so daß der Staat das für sie tut.

Die Zimmergenossin Jana ist anderer Ansicht und verrät Magda daß ihre Mutter einmal mit ihr flüchten mußte aber von einer Erzieherin verraten wurde und Magda wird auch Zeugin, wie die kleine Zuzana von ihrer Mutter während eines Spaziergangs entführt wird.

Die Kinder werden älter und Jana gründet ,um Gutpunkte zum Studieren zu bekommen, einen Leseclub, da müssen die Bücher von der Erzieherin gegengezeichnet werden und als die Kontrolle kommt, wird der inspizierende Genosse Zeuge, wie einer der Zöglinge ein Referat über ein verbotenen Buches herunterstottert, so daß die Erzieherin versetzt wird.

Das war eine Intrige einer anderer, die einmal eine Verbrennung bei Lenka verursachte, als sie zwang ins zu heiße Wasser zu steigen und bei den Büchern ist interessant, daß eines, ein erlaubtes “Die junge Garde” von Fadejew ist und das hat Stephan Teichgräber in seinen Revolutionsworkshop besprochen, während das Verbotene, das die Erzieherin ihre Stelle kostete “Die Kinder vom Arbat” von Anatoli Rybakow stammt.

Lenka wird Kinderbuchautorin und Chefredakteuerin in einem Kinderbuchverlag und bekommt von Jana eines Tages die Adresse ihrer Mutter zugesteckt. Die wurde 2004 auf Bewährung entlassen und zur Arbeit in einen Schweinestall in ein Grenzdörfchen gestreckt. Wohnt dort aber ein bei einer alten kräuterkundigen Frau, die sie in die Kräuterkunde einführt und ihr das Haus verkauft. Das ist deren Tochter nicht recht. So kommt es zu recht “unsozialistischen Intrigen” und als Lenka, die Mutter besucht, kommt es zu Mißverstännnissen, denn die ist ja sehr mißtrauisch und die Briefe, die ihr Marie schickt, bekommt sie auch erst nach fünf Jahren, als sie ihre alten Sachen im Verlag abholt, weil sie inzwischen im Mutterschaftsurlaub war und, als die Gerüchte, um Marie zu stark werden, versucht sie mit ihrem nunmehrigen Lebenspartner in den Westen zu flüchten und wird dabei erschossen und das Buch endet ganz optimistisch in dem sich Lenka zum dreißigsten Jahrestag der niedergeschlagen Revolution mit einer Kerze in der Hand zu den Demonstranten stellt.

Ganz so versöhnlich wird das nicht sein, denn dann ist ja ihre mustergültige Karriere zu Ende aber mir hat das Buch sehr gut gefallen, obwohl ich immer noch nicht ganz verstehe, was Alena Mornstajnova damit ausdrücken wollte, da wir ja trotz erfolgreicher Revolution nicht wirklich in einem Schlaraffenland der Freiheit leben.

Fünfzehnter literarischer Lenz im Centrope

Auf den “Literarischen Lenz im Centrope”, das Literaturfestival in dem die Literatur aus Ungarn, Tschechien, Slowakei und Österreich einmal jährlich in dem Theater in der Münzwardeingasse vorgestellt wird, hat mich Stephan Teichgräber schon vor Jahren aufmerksam gemacht, noch bevor er mich zu seinen Workshops eingeladen hat. Ein paarmal bin ich dort gewesen, dann kam Corona, da hat es das Festival zeitlich verschoben zwar gegeben, aber mit Maske, Anmeldung, 2 oder 3G, und anmelden hätte man sich auch diesmal sollen, aber sonst war es wie auch bei den anderen literarischen Veranstaltungen, die ich ich seit circa drei Wochen schon besuche, weitgehend normal und es hat sogar Brötchen und Getränke gegeben.

Jelena Semjonowa-Herzog und Stephan-Immanuel Teichgräber haben moderiert und begonnen hat es mit der 1943 geborenen Philosophin und ehemalige Hochschullehrerin Etela Farkasova aus Bratislava, die sich als Feministin vorstellte und aus ihren Roman “Die Rettung der Welt nach G.” ein philosophischer Roman, wie sie erwähnte, der auch Corona thematisierte und die Ruhe, die durch die Lockdowns aufgetreten ist.

Als nächstes kam wieder eine Österreicherin nämlich die 1990 geborenen Theodora Bauer, die thematisch passend aus ihren Roman “Chikago” las, geht es da ja um die burgenländischen Auswanderer aus Amerika vor hundert Jahren.

Der 1940 geborene ungarische dichter Otto Tolnai konnte gesundheitsbedingt nicht anreisen und wurde durch einen ungarnsprachigen Schauspieler ersetzt, der mit zwei anderen, die die deutsche Übersetzung lasen vier Gedichte vortrug, die sehr originell und ungewöhnlich klangen.

Dann wurde die Pause mit den Brötchen vorgezogen, denn Egyd Gstättner von dem ich gar nicht gewußt habe, daß er in Wien lebt, war noch nicht da und er las sehr launig aus seinem Roman “Leopold der Letzte”, wo es auch um Corona, hört hört, da beschäftigen sich offenbar doch viel mehr Schriftsteller, wie man glaubt, mit diesem Thema, als auch um Leopold Sacher- Masoch und einem Rollingstone-Konzert geht und die Tschechin Alena Mornstajnova hat die Geschichge mit ihren Roman “November” umgekehrt.

Das wars für Tag eins und am Mittwoch geht es noch einmal mit fünf Autoren weiter. Aber vorher gabs per Stream ein Pressegespräch zu einer Auftaktveranstaltung des Gastlands Österreich in Leipzig,tur nächsten April, das sich inzwischen auf eine Literatour durch alle deutschen Literaturhäuser und ein Jahr der österreichischen Literatur ausgeweitet hat und da in Berlin mit einer Abendveranstaltung beginnt.

So präsentierte Katja Gasser die Kuratorin ihr Programm, Benedikt Föger vom Hauptverband leitete ein, eine Dame von der Auslandkultur erläuterte ihre Projekte. Da gibt es eines mit Lydia Mischkulnig und die tritt ja auch in im Centrope auf, es gab einen Vortrag mit dem bosnischen Autor Dzevad Karahasan, der auch auf der Abendveranstaltung auftritt, aber da müßte man vor Ort in Berlin sein und die Botschafterin, bei der die Präsentation, glaube ich, stattfand, hat auch gesprochen und die Vielfalt der österreichischen Literatur präsentiert.

Also auf in die Münzwardeingasse zur Literatur im mitteleuropäischen Raum und da gings im selben Rhythmus weiter. Zuerst stellte Stephan Teichgräber, die 1984 geborene slowakische Autorin Barbora Hrinova und ihre Kurzgeschichten vor. Sie las zwei davon. “Einhörner” heißt das Buch mit dem sie auch einen bekannten slowakischen Literaturpreis bekommen hat. Dann kam Lydia Mischkulnig, die Verza Canetti Preisträgerin von 2017 mit einem Ausschnitt aus ihrer 2020 erschienen “Richterin”, ein Buch das ich mir einmal von den Gutscheinen meiner Schwiegermutter kaufte, aber noch nicht gelesen habe, wo es um Asylverfahren und afghanische Flüchtinge geht und dann ging es wieder nach Ungarn zu Edina Szvorens Kurzgeschichten und die, die sie las, handelt von einem Toten, der in einer Schule gefunden wird und Ferdinand Schmatz, 1953, glaube ich, in Korneuburg geboren, diskutierte mit Jelena Semjonova, ob er ein experimenteller Autor ist oder nicht und sie erwähnte auch die beiden Gedichtbände, die er vor Jahren mit Franz Josef Czernin geschrieben hat, um zu beweisen, wie man schlechte Gedichte unterjubeln kann. Er ist auch der Nachlaßverwalter von Reinhard Priessnitz, den er einmal bei Hermann Nietsch in Prinzendorf kennengelernt hat und las aus seinem noch nicht erschienen Gedichtband “strand.der verse lauf” und die Tschechin Zuzana Kultanova, die ihre noch nicht erschienene Geschichte, ein Romanausschnitt, zu Stephan Teichgräbers Erstaunen von ihrem Handy las und nachher gab es wieder, ganz wie in den alten Zeiten, das Buffet mit Brötchen und Pogatschen gestiftet vom tschechischen oder slowakischen Kulturinstitut, in gehörigen Abstand, stand noch auf den Plakaten und es war wieder einmal sehr spannend in die Literatur des Centropes hineinzuschauen, während in Berlin die österreichische Literatur präsentiert wurde.