Der Liebesdilettant

Noch ein Buch aus dem “Wortreich-Verlag” und eine Entdeckung eines wahrscheinlich nicht so bekannten oberösterreichischen Autors.

Dabei habe ich den1961 in Bad Ischl geborenen Andreas Tiefenbacher, der deutsche Philologie studierte, in Wien und in  Bad Goisern lebt und seit 1995 bei der GAV ist, schon bei mindestens einer Lesung gehört.

Thomas Bernhard läßt grüßen, könnte man bei der zart melancholischen Geschichte über den jungen Wenzel Wurm, zitieren, die Bücherliebe, ein Thema, das mir ja auch sehr vertraut ist, wenn ich es auch wahrscheinlich ganz anders verarbeite, taucht auf, die anbeblich so Wienerische Todessehnsucht und noch vieles anderes.

Wenzel Wurm, man beachte den wahrscheinlich nicht zufällig gewählten Namen, ist achtundzwanzig und lebt als Zivildiener im Salzkammergut. Er hat ein Germanistik und Kunstgeschichtsstudium hinter sich, lebt bei einer Freundin namens Marion, die ganz anders ist als er, nämlich schnell und sportlich, während er als Rettungsfahrer durch die Gegend fährt und am Leben scheitert, sich in dieses nicht hinein traut, ihm nicht gewachsen ist, etcetera.

Ein sehr bekanntes und beliebtes Klischee könnte man meinen, vielleicht ist es auch nur eine ganz normale Entwicklungsstufe, die die jungen Menschen in das Leben machen. Zuerst kommt die Schule und das Studium, dann der Zivildienst oder das Heer bei den Männern. Eine Freundin braucht man auch und wenn man da nicht entsprechend hart genug, sondern sensibel ängstlich oder schüchtern ist, kommt es leicht zum sogenannten Scheitern.

In der Literatur muß man das Normale, das, was wahrscheinlich in der einen oder anderen Form alle durchmachen, natürlich entsprechend überhöhen und verstärken.

So zitiert der Germanist Tiefenbacher Arthur Schnitzer und meint, er hätte Wenzel Wurm, einen Liebesdilettanten genannt.

Aber zuerst wird einmal ein wahrscheinlich ganz normaler Arbeitsalltag des Zivildieners geschildert, der alte Leute zur Dialyse fahren muß oder auch mal zu einem Unfall gerufen wird. Als Zivildiener bei der Rettung sieht man wahrscheinlich viel, was man mit Neunzehn oder auch schon mit Achtundzwanzig vielleicht nicht so leicht verkraften kann. So kauft sich Wenzel nach dem Arbeitstag eine Kiste Bier, verzieht sich damit auf dem Balkon. Die Freundin ist natürlich nicht zu Hause, geht danach in die Badewanne und schneidet sich die Pulsadern auf. Als Zivildiener bei der Rettung weiß man natürlich, wie das richtig geht, dennoch ist Wenzel so betrunken, daß der nicht tief genug trifft, so findet ihn die Freundin. Er wird gerettet, wird, nachdem er verspricht sich psychotherapeutisch behandeln zu lassen, auf dem Spital entlassen und kann weiter bei der Rettung arbeiten.

Der Zivildienst ist auch bald aus und so beschließt Wenzel, um seine Beziehung zu retten, Marion auf eine Reise nach Griechenland einzladen. Die Rettung bleibt aber aus, denn Marion läßt ihn allein am Strand mit seinen Büchern liegen, trifft sich vielleicht mit anderen Männern. So kneift er aus, fährt zurück, sucht in Wien seinen Freund Konstantin auf und fragt ihm ob er vorläufig bei ihm wohnen kann?

Das geht, denn Stani kann nicht nein sagen. Wenzel braucht aber trotzdem einen Job und eine Wohnung, fängt, obwohl ja Germanist zuerst bei “Thalia” am Westbahnhof, als Verkaufsberater an. Verdient dort aber nicht genugt, so wechselt er ins Musikhaus Döblinger und im Lentos in Linz bewirbt er sich auch.

Dabei trifft er im Zug auf eine Schöne, die er sich nicht recht anzusprechen traut. So gibt er wochenland Announcen auf, um sie zu finden. Trifft sie dann auch in einem Konzert wieder und als sie zu Ostern in die Musikalienhandlung kommt, um nach einem Lied zu fragen “Bist du bei mir geh ich mit Freuden zum Sterben und zu meiner Ruh”, eine Arie von Bach, kneift er wieder aus, verläßt den Landen und rennt davon. So weit, so what.

Er wird entlassen, fängt an Rezensionen zu schreiben, eine Wohnung hat er inzwischen auch gefunden und geht in Internetforen, wo er verschiedene Frauen trifft, deren Liebschaften und das Scheitern mehr oder weniger genau beschrieben werden.

Rückblenden in die Kindheit, zu der schlagenden Mutter und den Großmüttern gibt es auch und dann tauchen kurz eine Nadja, eine Lea, die sich aber Cosima nennt auf, bis es ein Kapitel über eine Franka oder Franiska gibt, die eine Liebe zu einem Italiener hat, nach dem sie ihren Zwerghasen nennt.

Zu der beginnt er eine Beziehung, die ziemlich kompliziert verläuft. Sie tötet seinetwegen auch ihren Hasen, den sie dann weinend am Donauhafen versorgt, magert ab, und macht noch allerlei, was meiner Meinung nach viel zu flüchtig erzählt wird, bis sich dann Wenzel in der Berndhardschen Manier aus dem Fenster  und auf einen Lastwagen mit Textilplane stürzt.

Das hat sein Schutzengel für ihn arrangiert, daß ihm nicht viel passiert. Das Leben geht wahrscheinlich weiter, das Buch ist aus und ich habe dank “Wortreich” eine sehr interessante Entdeckung eines nicht so bekannten österreichischen Autors gemacht, denn mir hat die Schilderung eines eher schüchternen jungen Mannes und sein Weg in das Leben sehr gefallen, obwohl ich wahrscheinlich zwei Bücher daraus gemacht hätte.

Das erste hätte den Tag als Zivildiener,  seine Arbeits- und Liebessuche in Wien, das alles eher episodenfhaft beschrieben, umfasst. Das zweite Buch wäre eine genauer ausgeführte Beziehung zu Franka geworden. Ein bißchen hätte ich das Buch von den Klischees und literarischen Anspielungen befreit, obwohl die wie Wenzel in das Gasthaus Blauensteiner strümt und dort Fotos von Hermann Schürrer und Heimito von Doderer sieht und dazu Anekdoten erzählt, sehr interessant ist und das zuviel an den Geschehen und  Zufällen weggenommen.

Aber sonst hat mir das Buch des oberösterreichischen Autors gefallen und kann es jeden, der sich für die österreichische Literatur abseits von Bernhard und Schnitzer interessiert, empfehlen.

Erich Hackl hat dazu noch: “Tiefenbacher ist ein unerbittlicher Chronist der Ungleichzeitigkeit, der Tatsachen also, dass der Alltag der Menschen nicht mit ihren Wünschen und Trieben Schritt hält”, auf den Buchrücken geschrieben.

Cartoons zum Ruhestand

Nach den Cartoons über Wien, Literatur, Kunst, Katzen, Hunde, Fußball, Weihnachten, etcetera, kommt nun richtig, etwas über den “Ruhestand” und interessant, daß es sich dabei, um kein Hochglanzbuch, wie bei den genannten Bänden, sondern ein eher kleines Heftchen, um fünf Euro handelt.

Ob das eine Frage des Themas oder der Sparsamkeit ist?

Des letzteren würde ich vermuten, denn der Ruhestand ist ja ein Thema, das uns früher oder später wahrscheinlich alle erreichen wird.

Ein Thema für alle sollte man also meinen, das auch alle interessiert und das kleine Cover, merke ich, die über sechzigjährige, die keine Brillen hat, noch an, ist vielleicht für die ältere Generation gar nicht so gut lesbar, wie das größere Format.

Egal, egal, Ari Plikat, Christian Habicht, Dorte Landschulz, Elisabeth Semrad, FEICKE, HUSE, Johann Mayr, Karl-Heinz Brecheis, KATZI, Marko Finkenstein, Markus Grolik, Martin Zak, Matrattel, Michael Dufek, Miriam Wurster, Pascal Heiler, Petra Kaster, Rainer Schwalme, Rene Lehner, Schilling & Blum, Steffen  Gumpert und Uwe Krummbiegel, alles mehr oder weniger Bekannte, haben ihre Cartoons zu dem Büchlein beigetragen, das wie der Rücken verrät, Fragen wie “Was machen eigentlich Staatsanwälte im Ruhestand? Wie sieht die Sturm und Harnandrangperiode aus? Ist ein Arbeitssiumlator das richtige Geschenk zur Pensionierung? Und warum werden manche Menschen 278 Jahre alt?”, beantwortet.

Alos wieder ein Gang durch die Cartoons, die mir, ich kann es gleich verraten, zum Teil sehr gut, zum Teil gar nicht gefallen haben und einige von ihren habe ich auch nicht verstanden.

Was vielleicht auch am Thema und an der Betroffenheit dazu liegen könnte. An den Vorstellungen vielleicht, die jüngere Leute  zum Thema Alter haben und den Vorurteilen, die uns wahrscheinlich alle plagen oder plagten. Ist das ja ein Thema, das man leicht verdrängt und so wirken die Witzchen darüber vielleicht auch sehr leicht platt, geschmacklos und abgedroschen, aber manches, vielleicht das noch nicht so oft gehörte, wirkt wieder gut und regt auf jeden Fall zum Nachdenken an.

Martin ZAK hat das Cover beigesteuert. Ein alter Mann sitzt mit einer fetten Katze am Polstersthuhl, daneben stehen zwei Prothesengläschen. Nun ja, nun gut, so wars einmal und wird vielleicht noch immer kommen und auch die Katzen werden älter. Selbstverständlich, kann ja gar nicht anders sein.

“Einer geht noch!”, denkt sich vielleicht die Frau Blauensteiner,  als sie mit ihrem Hündchen, die Grabsteine vom “Erwin”, “Karl” und “Heinz” verläßt. Aber vielleicht ist sie eine ganz gewöhnliche Dreifachwitwe und wir haben ihr nur etwas Schlechtes unterstellt.

“Unheilbar? Und wenn ich reich wäre?”, fragt der Patient den Arzt. “Dann wären Sie länger unheilbar krank!”, antwortet der kryptisch.

“Wie wahr!”, denke ich und merke ich  an, daß mir dieser Cartoon von Ari Plikart ausgezeichnet gefällt.

Der von Christian Habicht, wo ein alter Herr neben seinem Geburtagskörcbchen zum Achtziger sitzt und von seinem Sohn oder Enkel eine gute und eine schlechte Nachricht “Gleich kommt eine  Striptease-Tänzerin. Sie ist in deinem Alter”, bekommt, gefällt mir natürgemäß dagegen nicht.

Dagegen finde ich den von Dorthe Landschulzu, wo sich zwei alte Damen über den Sex unterhalten, wieder witzig:

“Ich bin für meinen Mann ja nur noch die Krankenschwester!”, klagt die eine.

“Oh je, ist er pflegebedürftig?”, fragt die andere.

“Nein, Quatsch. Er steht auf  diese albernen Verkleidungspielchen beim Sex!”

Dazu gleich der nächste worst case, beziehungsweise Geschmacklosigkeit, die auch von Dorthe Landschulzu, uje, uje, stammt.

Denn da zieht sich der Prinz am Zopf zum Rapunzel hoch, aber  uje, die ist eine alte Dame mit Brille und empfängt ihn grimmig lächelnd mit ihrer Brille “Hallo, mein Hübscher!”

Ob er jetzt loslassen wird?

Ach ja und was machen jetzt die Staatsanwälte im Ruhestand.

FEICKE verrät es uns auf Seite 12. Sie fordern ihre Gattin, zu einer “klitzekleinen Straftat auf, damit sie ermitteln können”.

Und Frage, ist es jetzt witztig, wenn die Frau im Rollstuhl “keinen Altenplfeger, sondern einen jungen!”, fordert. Der Gleichberichtigung wegen, müßte man auch das wahrscheinlich anmahnen. Aber ja, ich gebe es zu, ich hab geschmunzelt.

Und wieder sehr grimmig und hoffentlich nicht ganz wahr, die Statistik: “Ruhestand vor dreißig Jahren”, teilte sich gleichmäßig zwischen “Geld, Familie und Freizeit “auf. In dreißig Jahren wird man dann nur noch, befürchtet Katzi die “Ruhe haben.

Michael  Dufeks Cartoon, der die Frage beantwortet soll, warum “Herr Weber letztendlich 278 Jahre alt wurde”, ist einer, den ich nicht verstanden habe.

Oder sollte sich Gevatter Tod, wirklich durch die Aufforderung “Weißt was, geh scheißen!”, abhalten lassen. Wär schön, wenn das so einfach wäreoder auch nicht, denn alle Leute wollen vielleicht auch nicht dreihundert werden.

Wir erfahren dann noch etwas über die “Biologische Uhr des Mannes” und welche Geschichten, die Enkel nerven werden.

Ein solcher Cartoon war auch schon auf Seite vier von Ari Plikat zu sehen und kann man Teenager  wirklich schocken, wenn man ihnen was über den Sex im Alter erzählt?

Ich denke eher, wenn sie erfahren, daß es das dann auch noch gibt, denn zu meiner Zeit, glaubte man vielleicht noch, das hört automatisch im Ruhestand auf, wäre das  eine Veränderung, wozu das “Holzbaum Büchlein” einige witzige und einige ein wenig klischeehafte Cartoons anzubieten hat.

Neugierig geworden? Also auf zum Lesen. Wenn man schon älter ist, wird man vielleicht eine Brille brauchen, um das Kleingedruckte zu entziffern und Uwe Krummbiegel bringt es ganz am Schluß noch auf den traurigen Punkt. Auch ein Cartoon, den ich sehr empfehlen könnte.

“Benachrichtigung: Sie gehören ab sofort keiner Zielgruppe mehr an!”, steht in dem Brief, den  der Senior aus dem Postkasten zieht.

Aber so sollte es eigentlich nicht sein. Denn wir alle werden älter und wenn man dann nicht nur die Ruhe, sonder auch noch ein wenig Spaß, Gesundheit und Freude hat, wäre schon viel gewonnen und vielleicht gibt es dann auch Cartoons zum Ruhestand, die nur mehr klischeefrei sind.

Aber dazu muß man sich wohl schon in jungen Jahren mit dem Alterwerden auseinandersetzen. Also wieder ein Grund das Büchlein zu lesen und sich seine Gedanken darüber zu machen.

 

Ich Dylan Ich

In Leipzig  hat mir der “Wortreich-Verlag” ein paar Bücher mitgegeben, darunter die 2015 erschienene Thomas  Dylan Hommage des 1954 in Rostock geborenen Peter Wawerzinek, von dem inzwischen bei “Transit” “Bin ein Schreiberling” erschienen ist.

Der Bachmannpreisträger von 2010 hat darüber am blauen Sofa diskutiert und interessant, daß er dabei etwas erzählte, was auch in “Ich Dylan Ich” vorkommt.

Nämlich, daß er, der in einem Waisenhaus aufgewachsen sist, weil seine Mutter 1956,  die Kinder in der Wohnung zurückgelassen hat, um in den Western zu gehen, dann von einem Lehrerehepaar adoptiert wurde und dort in der Lehrerwohnung zwei Erfahrungen machte. Im Keller hat er nämlich die Literatur entdeckt, im Wohnzimmerschrank der Lehrer standen dagegen nur einige Lexika und Gesundheitsbücher und Alkohol hat er  da auch zu trinken angefangen.

Er hat dann auch noch im Radio eine Entdeckung gemacht, nämlich Gedichte des walisischen Dichters Thomas Dylan, der übrigens an meinem Geburtstag, den 9. 11. 1953, gestorben ist.

Von da an war er ihm verfallen und hat in seinem Sinn zu  dichten angefangen, auch davon ist wahrscheinlich in dem neuen Buch zu lesen, zumindest hat Peter Wawerzinek in Leipzig ein paar seiner Stehgreifgedichte vorgetragen.

Später als er dann erwachsen und die Mauer schon gefallen war, durfte er nach Wales, seinem Idol nachreisen und hat das, mit einigen Freunden, weil man allein nicht reisen soll, auch mehrfach getan.

Nach Swansea, dem Geburtsort des Dichters ist er mit seiner Freundin gefahren, hat dort sogar in dem Haus gewohnt und in den Kleidern des Dichters in seinem Bett geschlafen.

Das soll man aber nicht, denn er Schlaf war, wie Wawerzinek schreibt, der übrigens, was ich, obwohl ich  2010 für ihn stimmte und daher ein Teilchen dazubeigetragen habe, daß er auch Publikumspreisträger geworden ist, so genau noch gar nicht wußte, ein ausgezeichneter Schreiber ist, der die Töne ganz genau trifft, beschreibt, sehr unruhig.

So hat er die Kleider des Idols wieder ausgezogen, das Zimmer gewechselt und dem Dichter weiter nachgereist, nach dem sich Bob Dylan, der Nobelpreisträger von 2016 übrigens genannt haben soll und dessen Werke von Erich Fried in Deutsche übersetzt wurde.

Ich bin, was sich jetzt rächt, keine Pop-Poetin, so war mir der Name des Dichters, der an dem Tag gestorben ist, als ich zur Welt kam, bisher ziemlich unbekannt.

Peter Wawerzinek, der auch Stadtschreiber von Klagenfurt war und 2015, die diesbezügliche Festrede gehalten hat, führte mich aber in sein Leben ein, reiste zu den Schreiberhütten, die er bewohnt, erzählt von seiner Frau Caitlin, der er kein guter Gatte war und auch auf seine Kinder nicht besonders schaute, obwohl er gut verdiente, mit dem Geld aber nicht umgehen konnte und zu Tode hat er sich 1953 auch gesoffen.

Das ist auch eine Verbundenheit mit seinem Autor, hatte ja auch Peter Wazerinek Alkoholprobleme und darüber geschrieben und er meinte auch, daß er wenn er eine tötdlich Diagnose bekommen würde, an Meer reisen und dort achtzehn Whiskys trinken würde.

Thomas Dylan hat aber die Whiskys, die er nicht mehr vertragen hat und daher ins Koma fiel, in New York City getrunken und ich denke, daß mein Körper, wenn er Krebs hat, soviel Alkohol auch schon vorher auspeien würde.

Ein schönes Bild und auch das der Fürsorge, die Wawerzinek hat, der meint, daß er, wenn er könnte, zu dem Dichter reisen würde,  vom Trinken abhalten und ihm eine bessere Erhährung beibringen würde, ist sehr schön.

Ich bezweifle aber, daßes funktionieren würde. Der Dichter würde sich wohl auch von seinem Dichterkollegen nicht abhalten lassen, ihn wahrscheinlich eher mitreißen, mit ihm die  achtzehn Whiskys zu trinken.

Denn das  unterscheidet die Genies wahrscheinlich doch von den Normalmenschen, daß sie nicht Maßhalten können und sowohl geniale Verse schreiben, als auch sich selbst ruinieren.

Der Vergleich zu Till Eulenspielel, Dyl Ulenspiegel kommt auf und Peter Wawerzinek hat mich, wofür ich ihm sehr danke, den  1914 geborenen Dichter  nähergebracht, dem “Wortreich-Verlag” von dem ich eigentlich dachte, daß er nur österreichische Autoren verlegt, danke ich natürlich auch dafür und ehe ich es vergessen,  Raben dürften sowohl bei Wawerzinek, als auch bei Thomas Dylan eine wichtige Rolle gespielt haben.

So heißt, das Buch mit dessen Ausschnitt, Wawerzinek, 2010 den “Bachmannpreis” bekommen hat, ja “Rabenliebe” und das Cover von “Ich Dylan Ich”, ist ein Gemälde, das die Künstlerin Alice Haring angefertigt hat.

Chiru

Der “Wagenbach-Verlag” ist unter anderem ein Spezialist in italienischer Literatur. Da habe ich mir vor Jahren im Abverkauf bei der Buchlandung auf der Mariahilferstraße, eine Reihe ein Euro Büchlein gekauft und noch nicht sehr viel davon gelesen.

Der Alfred hat mir einmal einen Spezialband geschenkt und seit einem halben Jahr bekomme ich auch vom Verlag  Bücher angeboten, habe da ein sehr interessantes Debut entdeckt und jetzt auch etwas Italienisches gelesen.

Den neuen Roman der 1972 geborenen Sardin Michela Murgia und ich fühlte mich in die Zeiten eines Alberto Moravia versetzt, von dem ich ja auch einiges gelesen habe und kann nur staunend feststellen, daß die italienische Literatur offenbar etwas Besonderes ist, wo es knarscht und knistert voll geheimnisvoller Erotik, auch wenn die Autorin eine fünfundvierzigjährige Frau ist und in dem Buch Handies, SMS und blaue Fingernägel vorkommen.

Zum Glück tun sie es, denn sonst würde ich mich im Rom eines Alberto Moravia wähnen oder in Sizilien oder bei “Erica und ihren Geschwistern” und es ist ein Buch mit vielen Fragezeichen.

Noch nie habe ich in eines soviele Fragezeichen hineingemacht, wie in diesen, wo es um die Beziehung einer achtunddreißigjährigen Schauspielerin zu ihrem achtzehnjährigen Schüler geht.

Die, die jetzt wissend nicken und “Aha!”, sagen, kann ich belehren, sie wissen nichts, denn darum geht es nicht.

“Um was geht es dann?”, wird man nun fragen.

Um das Knistern und die Spannung, die geheime Erotik, die heutzugtage vielleicht gar nicht so nötig wäre und auch, um das viele andere, was man nicht braucht oder doch. Doch nattürlich und das ist so wichtig, daß man dafür Lehrer braucht und die Schauspielerinnen sich Schüler halten.

Denn Chiru, der Achtzehnjährige ist Musikstudent, wozu braucht er also eine Schauspielerin als Lehrerin? Für den Sprechunterricht?

Nein, denn dieses Schüler-Lehrertum, von dem ich nicht sicher bin, ob es das tatsäöchlich in Italien gibt oder gab, ist eine Art Mentorentum oder auch nicht wirklich.

Eleonora soll Chiru in das Leben und in die Gesellschaft einführen. Und sie hat im Laufe ihres achtunddreißigjährigen Lebens schon einige solcher Schüler gehabt, drei um genau zu sein und sie waren alle jünger als Chiru. Deshalb ist ihr Ex-Geliebter Fabrizio auch besorgt und rät ihr davon ab, ihn anzunehmen, als sie ihm davon erzählt. Auch das ist etwas was ich nicht verstanden habe, was ist das Risiko daran?

Eleonora, die Ich-Erzählerin ist jedenfalls eine scharfsinnige Frau, die schon als achtjährige, das Unglück dieser Welt erkannte und es gibt ein paar sehr eindrucksvolle Szenen in den Buch, in eben diesen Moravia-Ton, würde ich meinen, die das belegen.

So hat Eleonra mit acht ihre Unschuld verloren, als sie mit Papa und Mama und dem älteren Bruder in dem Dörfchen, wo sie groß wurde, auf ein Fest ging und dort nicht den Eiswagen bekam, den sie sich wünschte, während der Bruder selbstverständlich, die Spritzpistole bekam.

Warum der Vater, das verwehrte habe ich auch nicht verstanden und auch nicht die Bedeutung darum herum.

Eleonora hat sich das Spielzeug aber offenbar selber gekauft, denn es steht jetzt in der Wohnung der erwachsenen Frau und es gibt noch so eine beeindruckende Sezne.

Das ist Eleonora schon über zwanzig, trägt ein schwarzes Kostüm und geht vorsprechen. Nachher wird sie von dem Regisseur zu einem Sushi-Essen eingeladen. Sie hat aber noch nie mit Stäbchen gegessen, kann es nicht, ist ungeschickt dabei, der Fisch fällt auf den Tisch oder auf den Boden und die Peinlichkeit beginnt.

Zwei wirklich sehr eindrucksvoll geschilderte Szene, obwohl mir die Bedeutung darum herum, wohl etwas zu pathetisch war. Denn natürlich muß man in Sardienien erst mit Stäbchen umgehen lernen, wenn man zu Hause mit Spaghetti aufgewachsen ist.

Eleonora entscheidet sich jedenfalls ihren Schülker anzunehmen und geht mit ihm in ein Stoffgeschäft, um ihn die unterschiedlichen Satmsorten anfassen zu lassen. Sie geht mit ihm auch auf Parties und dann geht sie auf eine Tournee nach Stockholm, Prag und noch wo anders hin.

Da soll er eigentlich mitkommen, aber in Stockholm beginnt sie ein Verhältnis mit dem dortigen Operndirektor Martin de Lorraine. Der war schon auf der Party in Italien und Chriu, der nicht wußte, daß er ein Operndirektor war, war unhöflich zu ihm.

Jetzt will der Eleonoras “Patensohn” zum Vorspielen einladen, sie wehrt aber ab und als sie Chiru in Florenz dann doch trifft, bittet er sie darum und sie nennt das  genauso “ungehörig”, wie ihr damals der Vater den Wunsch nach dem Spielzeug versagte.

Es gibt dann noch eine Schlußszene, wo Eleonora mit dem Direktor in einem Restaurant ißt und Chiro dort mit einen anderen Direktor trifft und den beiden auch das Essen bezahlt und als Martin Eleonora fragt, ob das ihr Patensohn war, schüttelt sie den Kopf und verleugnet ihn.

Es tut mir leid, das war mir wohl zu viel bedeutungsschwangere und zu geheimnisvolle Erotik, beziehungweise eine solche, die ich in Zeiten, wie diesen eigentlich für unnötig und schon überwunden halte.

Vor ein paar Jahren habe ich Alberto Moravias “Romerin” gelesen, die mir eigentlich ganz gut gefallen hat. Denn sie spielt ja in einer vergangenen Zeit, wo die armen Mädchen vielleicht wirklich nicht anders konnten, als sich und ihren Körper zu verkaufen.

Vor einem Jahr habe ich “Mimikri-das Spiel des Lesens” gelesen und da sollte der Roman  erraten, beziehungsweise umgeschrieben werden und ich war erstaunt, als der Autor oder Gastgeber ihn sehr kitschig nannte.

“Nein!”, habe ich gedacht.

“Das war eben damals so!”

Jetzt lese ich einen Roman von einer fünfundvierzigjährigen Frau, die sich genauso in geheimnisvollen Andeutungen übt und lese am Buchrücken, daß das den Kritiker gefallen hat und sie den Roman auch sehr loben.

Ich denke, die Zeit der erotischen Spielchen ist oder sollte vorbei sein und habe vor einigen Jahren auch einen  italienischen Roman gelesen, der einer anderen Tradition entstammte, womit ich mir leichter tat.

Ach, Wien

Während meines Pendels von Harland nach Göttweig oder Krems, lese ich Maximilan#bezirkowitschZirkowitschs “Hommage an das Zufällige in der Stadt”, ein Büchlein aus, wie könnte es anders sein, dem “Holzbaum-Verlag”, denn das ist der junge Mann, der bei den Präsentationen von “Kafee”, Frühstück” etcetera “in Wien” mit einem Bällchen an der Spitze steht, es in die Menge wirft und nachher an die glücklichen Gewinner Goodietüten verteilt.

Das Buch des Fotografen, der durch die Stadt marschiert, den Alltag abknipst und seine Geschichten dazu schreibt, scheint es schon länger zu geben, denn Maximilian Zirkowitsch hat beim “Buchquartier” im Dezember daraus gelesen. Jetzt ist es auch zu mir gekommen und so kann ich, bevor es zur Sektmartinee nach Krems geht, ein bißchen darin schmökern und meinen Flüstereindruck geben.

“Maximillian “Bezirkowitsch”-Zikowitsch fotografiert gern komische Alltagsbegebenheiten, die Geschichten erzählen. Seine liebsten Bilder hat er hier gesammelt. Herausgekommen ist ein Stadt- und Landportrait der etwas anderen Art, eine Liebeserklärung an den Alltag”, steht am Rücken  des achtundvierzig Seiten Heftchens das um wohlfeile fünf Euro zu haben ist.

Also gehen wir es an und schauen hinein:

“I love  VOLKSTOD” steht auf einem Pickerl. “Wien 15; Märzstraße #RHSH bleibt real und hat keine Angst”, hat Maximilian Zirkowitsch draunter geschrieben.

“#Opfa” ist offenbar ein beliebter Hashtag-Index, denn da gibt es ein überklebten H.C.Strache-Plakat. Am Donaukal steht “I love you” auf einen Stein und auf einem anderen “Opfa-Foto”, ist “Dein Vater” zu lesen.

Weiter geht es mit den “Maggi-Suppen”, die offenbar ihre Faschingseditionen haben. “Prinzessinnn” und “Feuerwehr”, steht auf den rosa und blauen Tüten.

“Jetzt neu im Angebot: schwule Suppe und Heterosuppe”, hat der Bezirksflaneur dazugeschrieben.

Es gibt Fotos von Kinderwägen und eines, wo auf der Kleiderbox der “Caritas” das Wörtchen “kills” dazu geschrieben steht und für alle, die es noch nicht wissen: “NOTHING WILL MAKE YOU PERFEKT EXCEPT ALLAH”.

“Aha!”

Und wenn man wissen möchte, was Maximilian Zirkowitsch von der Werbung hält;: “WILLST DU GUT UND BILLIG KAUFEN, MUSST DU ZUM SOCKENKAISER LAUFEN”

Wiederum “Aha!” und weiter in dem Alltagsbüchlein, das nicht nur Fotos, sondern auch Texte anzubieten hat.

In einem, den Maximilian Zirkowitsch, glaube ich, auch im Museumsquartier gelesen hat, geht es, um den Fund einer “Seekuh” in seiner “Heimatgemeinde Bad Vöslau”.

Es gibt aber auch politische Texte, beziehungsweise solche, die sich mit den Zeitungsmeldungen nach den Terroranschlägen in Frankreich von 2015 beschäftigen und sehr erbaulich, das Alltagsgespräch zweier künftiger Sozialarbeiter: “In welchen Bereich soll ich als Sozialarbeiter gehen, wenn die FPÖ Präsident und Kanzler stellt und alles kürzt?” Sozalarbeiter im Burnout “Gefängnissozialarbeit”

Zum dritten Mal aha und alles ändert sich oder doch nicht so ganz, beziehungsweise sind wir noch nicht so weit und als die Neonazis von der Polizei in Plauen in der Höhe der Karl-Marx-Grundschule von der Polizei mit Wasserwerfern gestoppt wurden, haben sich die Kinder mit Zäunen auf den Plakaten gewehrt.

Es gibt also auch ein bißchen Hoffnung in unserem neoliberalen Leben und Facebool-Postings von unserem Alltagsmeister, der offenbar auch U-Bahn fährt, gibt es natürlich auch.

Denn da will eine junge Mutter ein Kind beim Ausziehen stoppen, schreit es an und erklärt den staunenden Passanten “Ich glaub nicht, dass die Leute das sehen wollen.” Das Kind bleibt unbeirrt bei seinem Vorhaben. Darauf wird sie wieder lauter. “Hast du die Mama schon einmal so was machen gesehen?” Das kind schaut und murmelt “Ja.” “Da prustet eine alte Frau neben mir los “Heit is haaß, Leiite denkt nix!”, hat Maximilian Zirkowitsch offenbar dazu geschrieben und macht sich auch Gedanken, wie man den “Bachmann” oder sogar den “Mörike-Preis” mit Hilfe seines Handies gewinnen kann.

“Aus meinen ganzen ‘Autocorrect Fehlern könnte ich auch einen lyrischen Text machen”,gibt es dazu zu lesen, den Rest müßte man sich wohl anschauen, um ganz zu verstehen.

Spannend  also in Maximilian Zirkowitsch literarisches Nähkästchen zu sehen und mit ihm auf eine Wiener Alltagstour zu gehen.

Ob es auch eine Buchpräsentation gegeben hat, in dem man, wenn man das Bällchen fing, das Buch gewinnen konnte, weiß ich nicht.

In dem Bananenblatt übers Reisen, habe ich aber, glaube ich, auch eine diesbezügliche Werbung gesehen und jetzt auf  nach Krems, wo ein bißchen “geFIANT” und “geJANDELT” werden wird, was wohl auch zum  literarischen Alltag von Wien gehört.

In jedem Augenblick des Lebens

Das Memoir über den Tod seiner Frau, die nach einem Kaiserschnitt an Leukämie gestorben ist, des schwedischen Dichters Tom Malmquist hat mir “Klett-Cotta” zur Verfügung gestellt und ich habe es, bevor ich es gelesen habe,  schon in großer Auflage bei “Thalia” liegen sehen.

Ist es doch ein Buch mit einem interessanten Thema, das viele Leute interessieren könnte und Tom Malmquist hat sich damit, wie man im Klappentext lesen kann, durch seine Trauer geschrieben, als er mit der kleinen Livia zu Hause war undseine Vaterschaft gerichtlich einklagen mußte.

Ein Buch das daher schon viele Rezensionen bei “Amazon” hat, die von ein bis fünf Sterne gehen und auch einiges zu bemängeln haben, daß es keine Ausrufungszeichen hat und man daher nicht sofort erkennen kann, wer hier spricht, beispielsweise oder auch, daß es sich teilweise wie ein medizinischer Bericht liest und keine Gefühle zu erkennen sind.

Die fehlenden Ausrufungszeichen haben mich auch ein bißchen irritiert und ich hatte Anfangs  Schwierigkeiten mich bei den vielen Vornamen, die genannt wurden, auszukennen, wer jetzt wer ist?

Die Gefühle habe ich mir vorstellen können, beziehungsweise denke ich, daß es einem, wenn man plötzlich mit einem Baby alleine ist, von der Neonatologie in die Intensivstation hetzt und dann noch seinen Vater an Krebs verliert genau so ist und alles geht ja die Öffentlichkeit auch nicht an und ich habe sogar die Art wie Tom Malmquist die Zeit in dem Krankenhaus beschreibt und wie er  sich mit Distanz gegen den medizinischen Apparat in den er da hineingeraten ist, wo jeden Augenblick, die Tür zu den einfachen Familienzimmern aufgerissen werden, jemand hereinkommen und “Hallo, ich bin John Perrson, Oberarzt in der CIVA und zuständig für Karins Zeit hier” sagen kann, wehrt.

Die Patienten werden in Schweden offenbar mit Vornamen angesprochen, alles ist licht und modern und Karin mit der Tom seit zehn Jahren zusammen ist, hat eineinhalb Monate vor dem Geburtstermin offenbarAtemprobleme und mußte ins Krankenhaus. Dort wird eine Myeloische Leukämie festgestellt, das Baby mit Kaiserschnitt herausgeholt und Tom rennt von der einen in die andere Abteilung, kämpft mit den Krankenschwestern, weil er unbedingt die Decken austauschen und mitbringen will, um Karin den Geruch Livias und der, den der Mama zu übermitteln.

Er kämpft auch mit den Angehörigen und darum, daß er als erster von den Ärzten die Informationen bekommt, die er dann an Sven und Lillemor, Karins Eltern, weitergibt, weil die das offenbar so haben wollte. Auch das wird bei “Amazon” bekritelt, daß den Eltern den Zutritt zur sterbenden Tochter verwehrt.

Im ersten Teil wird das geschildert und man bekommt einen guten Einblick von der modernen Medizinallmacht, wo man warten muß “bis Karin installiert ist” bevor Tom an ihr Krankenbett darf und dann kommen auch noch die Genetiker und Psychologen, die reden und Informationen austauschen wollen und manchmal kommen sie im falschen Moment, weil Tom mit der kleinen Likva schon wieder an einem Krankenbett sitzt und jetzt seinem Vater beim Sterben zuschaut. Aber ich greife vor.

Im zweiten Teil ist Tom mit Liva zu Hause und bekommt, seltsam könnte man denken, aber vielliecht ist das in Schweden so oder auch wieder Tom Malmquist Schreibstil sich gegen die Behörden zu wehren, einen Brief vom Jugendamt, daß er die Vermögensverhältnisse des “Kindes weiblich, Unbekannt Lagerlöff deklarieren soll”.

Seltsam, denn eigentlich sollte es ja um das Sorgerecht gehen, war Tom doch nicht mit Karin verheiratet. Aber als er am Jugendamt anruft, wird er ans Finanzamt verwiesen und die Vaterschaft muß er auch einklagen, beziehungsweise muß das das Gericht für die Tochter tun.

Dazwischen reflektiert er seine Beziehung zu Karin mit der er zehn Jahre zusammen war. Sie war Literaturkritikerin und hat auch geschrieben, Tochter eines Psychoanalytikers und einer Lehrerin und im nächsten Teil ist Livia vier Monate, die Vaterschaft ist noch nicht ganz erstritten, aber Tom sitzt schon wieder in einem Intensivzimmer einer Palliativstation, eine Krankenschwester kommt herein und erklärt, bevor er in sein Zimmer darf, den Zustand seines des krebskranken Vater.s

Der war Sportreporter, hat einen großen Skandal aufgedeckt, hat auch zuviel getrunken und seiner Frau im Haushalt und in der Kindererziehung offenbar alles überlassen.

Auch das wird reflektiert und dann kann Livia schon “Papa!” sagen und krabbeln, muß in die KITA und auch da kommen die Erzieher und stecken dem Papa Formulare in die Hand, wo er die nächsten Angehörigen, das sind die beiden Großmütter angeben muß und Reservewäsche für den Regen in die Spind legen.

Dann geht er hinaus, darf der kleinen Livia am Arm der Erzieherin nachwinken, die zuerst keine Ahnung zu haben scheint, wie man das tut, dann aber “unterm Kirschbaum steht und winkt”

Man kann und es wurde schon, darüber dieskutieren, ob man Bücher über seinen Krebs, seine bipolare Störung etcetera schreiben darf und soll, ob sie wichtig oder eine Zumutung sind und den anderen belästigen?

Es ist aber sicher interessant, daß sie meistens, wenn sie von einem bekannten Autor stammen, in großen Auflagen erscheinen.

Wie bekannt der 1978 geborene Dichter, Musiker und Songwriter in Schweden ist, habe ich keine Ahnung. Mir war sein Name jedenfalls völlig unbekannt.

“In jeden Augenblick unseres Leben” ist sein erster Roman, entnehme ich dem Klappentext, ergänze wieder etwas oberlehrerhaft, daß es eher ein Memoir ist, daß mich die angeblich fehlenden Gefühle nicht gestört haben, mir die Distanz mit denen er den medizinischen und den Sozialapparat Schwedens beschreibt, gut gefallen hat und man natürlich darüber diskutieren kann, wie authentisch, geschönt, überarbeitet, etcetera, die dreihundert Seiten jetzt sind. Gehe aber davon aus, daß es wichtig für den Autor war, über diese Erfahrungen seines Lebens zu schreiben und es ist sicherlich auch sehr interessant darüber zu lesen, obwohl, da das Kindbettfieber jetzt ja überwunden ist,  es zum Glück inzwischen nicht mehr so oft  passiert, daß man seine Frau bei der Geburt eines Kindes verliert, während es viel wahrscheinlicher ist seinen krebskranken Vater oder Mutter durch die letzten Tage zu begleiten.

Walter Nowak bleibt liegen

Julia Wolfs zweiter Roman, aus dem sie letztes Jahr ein Stückchen beim “Bachmannpreis” vorgelesen hat, habe ich mir neben Feridun Zaimoglus “Evangelo” mit als “deutsche Lektüre” nach Leipzig mitgenommen.

Zum Lesen bin ich dann nicht gekommen, obwohl es gepasst hätte, lebt doch die1980 geborene in Leipzig und in Berlin und es ist auch eigentlich mein Thema, über das die junge Frau da in einem klaren und doch nicht einfach zu verstehenden Stil geschrieben hat.

Denn Walter Nowak, achtundsechzig und ein “Alphatier” wie es in den Beschreibungen so heißt und ich das gar nicht so empfunden habe, redet oder denkt sich um sein Leben.

Walter Nowak, achtundsechzig, ein Ex Geschäftsmann, Nachkriegs- und Besatzungskind, dreht, vielleicht seit er sich in Pension befindet, jeden Morgen seine Runde im Schwimmbad, das ist gesund und soll man auch so tun und so beginnt das Buch auch damit.

Seine zweite Frau Yvonne ist auf einer Tagung, er sieht im Bad eine junge Frau in rosa Bikini mit einem Kind und dann passierts, er stößt sich den Kopf an, fährt mit der Badekappe und den Ohrstöpsel nach Hause, liegt dann am Boden, eine Beule, überall Blut oder ist es vielleicht doch nur Saft und einmal liegt Walter Nowak im Bett, einmal geht er in den Keller, um ein Wildschwein aus der Tiefkühltruhe zu holen, fährt mit dem Auto zu seiner ehemaligen Firma, ruft seine erste Frau an, um sich nach einem Wildschweinrezept zu erkundigen, sperrt eine Fledermaus ins Bad oder sind das alles doch nur Phantasien eines Sterbenden, eines Mannes nach einem Schlaganfall vielleicht?

Eine Diagnose von einer afrikanischen Ärztin gibt es auch und Yvonne hat ihm, bevor sie zu ihrer Tagung entschwand, auch einen sehr diätischen Speiseplan gemacht, Graupensüppchen und Brei, vielleicht deshalb die Sehnsucht nach dem Wildschweinbraten.

Wenn man so am Boden liegt und sich nicht rühren kann und sich das Blut überall in der Wohnung verteilt, gehen einem die Gedanken über sein bisheriges Leben durch den Kopf und da hat man mit achtundsechzig höchstwahrscheinlich auch schon viel erlebt.

Walter Nowak, der Sohn eines Besatzungssoldaten, selber Vater, der Sohn Felix ist von seiner Frau Gisela, die er wegen der hübschen Yvonne mit dem Pferdeschwanz verlassen hat. Der Sohn ist, als er sich in der Pubertät befindet auf Ahnenforschung und sucht im Stammbaum nach seinem Großvater.

Der hat ein Grab in Nebraska, so will er dort unbedingt hin. Walter Nowak weigert sich zuerst, fährt dann mit Sohn und Yvonne, er er hat in den USA auch etwas zu finden, gibt es doch eine Elvis Verehrung und in dem Örtchen, wo er lebt, einen nach dem berühmten Sänger benannten Platz, der dann aber so nicht mehr heißen soll.

Die Freunde tauchen auf, sogar die russische Putzfrau und schließlich erscheint, während Walter Nowak liegen bleibt oder muß, auch noch der Sohn und soll die Fledermaus aus dem Badezimmer holen.

Rasant, rasant diese Reise durch ein Leben und sehr eindrucksvoll von der siebenunddreißigjährigen Frau erzählt.

Das zweite Buch das ich vom letzten Bachmannpreis in meinen Besitz haben, das erste ist Isabelle Lehns “Binde zwei Vögel zusammen”, ein Geburtstagsgeschenk, das ich noch nicht gelesen habe, aber die Autorin in Leipzig daraus vortragen hörte.

Eine interessante Ausbeute des vorigen Bachmannwettbewerbs und, wie schon geschrieben, ein Thema das mir sehr gefällt, der Monolog des alten Mannes und der Gang durch ein Männerleben, das ich gar nicht so machohaft, eher ganz normal und alltäglich empfunden habe und denke, daß ich die Machophatasien eher in der vorigen Novelle vorgefunden habe.

Hier denkt die Psychologin in mir, die ja auch viel in Pflegeheimen unterrichtet hat, daß so das Leben zu Ende geht, da kommt alles hoch und daß das Ganze wird wahrscheinlich auch sehr ungeordnet, durcheinander,  in Puzzlestücken, die man sich erst zusammenlegen muß, wie Marina Büttner, die das Buch schon gelesen hat, in ihrer Rezension beschreibt, erzählt.

Mexikanische Novelle

Von Bodo Kirchhoff, der mit dem Novelle genannten Roman “Widerfahrnis”, den letzten deutschen Buchpreis gewonnen hat, habe ich mir einmal, des Titels wegen, den 2002 erschienenen “Schundroman” zum Geburtstag  von Judith Gruber-Ritzy schenken lassen und mich sogar ein bißchen dafür geniert, er hat mir aber, so weit ich mich erinnern kann, ganz gut gefallen.

Das Buchpreisbuch habe ich sehr künstlich und konstruiert, wenn auch sehr kunstvoll ausgearbeitet gefunden und es wäre nicht meine Wahl gewesen und jetzt hat der 1948 geborene und in Frankfurt lebende Autor, seine 1984 erschienene “Mexikanische Novelle” noch einmal neu umgearbeitet, herausgebracht und mein bei “Widerfahrnis” gemachter Eindruck hat sich bestätigt und es stimmt auch wohl, was am Buchrücken steht, “daß jedes Wort sitzt und Bodo Kirchhoff ein Meister seines Handwerks ist”, dennoch diese Novelle hat mir noch weniger gefallen, als “Widerfahrnis” und das liegt wohl am Sujet und der Handlung, die meiner Meinung nach kein Klischee ausläßt, sondern mit allem Bösen, wenn auch wahrscheinlich meisterhaft spielt und es ist wahrscheinlich wieder eine Altherrenphantasie, die hier ausgelebt wird und nichts, gar nichts, was man sich nur ausdenken kann, ausläßt.

Eine Altherrenschichte, also, obwohl vor dreißig Jahren, war Bodo Kirchhoff noch gar nicht so alt und sein Held, der namenlose Journalist, der nach Amerika fliegt, um dort eine Reportage über einen Kampfpiloten zu verfassen, ist wohl auch so um die vierzig.

Er soll, als die Reise beendet ist, mit den anderen Journalisten, offenbar war es ein Gruppenflug, wieder zurückfliegen. Er läßt aber seine Freundin allein in das Flugzeug steigen und fährt über die mexikanische Grenze. Dort mietet er sich in ein Hotel mit Pool ein und lernt an diesen, eine Schöne, Baby Ophelia, die Schwester des Hotelbesitzers kennen, die ihn einlädt, sie in Aclatan, das ist eine Küstenstadt, wo sie mit ihrer Mutter wohnt und offenbar auch als Journalistin, was von ihm ein wenig angezweifelt wird, zu besuchen.

Er soll sich da in ein Hotel einmieten und sie  in zwei Tagen in einem Cafe treffen, dann wird sie mit ihm in sein Zimmer gehen und mit ihm schlafen.

Das passiert auch, es taucht dann nur noch der Leutnant Ritzi, das ist der, über den er das Portrait schreiben soll, auf und weil in der Stadt gerade ein Fest gefeiert wird, bekommt er kein Hotelzimmer, so daß er sich bei dem Ich-Erzähler einquartiert und spazieren geht, wenn die schöne Ophelia am Nachmittag das Zimmer betritt.

Es gibt zwei sowohl sehr präzis beschriebene, wenn auch sehr sexistische Szenen. Die eine ist die, von dem Jungen, der am Klo des Cafes, in der er sich im Ophelia trifft, die Herren bedient. Er wischt ihnen die Flecken aus den Hosen und putzt die Schuhe. Die andere ist die, wie der Leutnant in das Hotelzimmer kommt, wo der Erzähler mit der nackten Ophelia im Bett liegt und die sich in das Laken einwickelt, um ihre Scham zu bedecken.

Schön beschrieben, nur nicht mein Geschmack.

Es kommt auch noch eine geheimnisvolle Krankheit vor, die beide Herren packt und Emiliano, Ophelias Bruder, taucht auch h auf und verlangt von dem Erzähler, daß er die Schwester, wenn er sie schon fickt, gefälligst heiraten soll.

Der ist aber ein Unsympathler und verspricht es zwar, hat aber vor sich zu drücken und unter dem Vorwand, daß er beruflich zurück muß, wahrscheinlich nicht wiederzukommen. Er geht auch von Ophelia weg in ein Bordell oder läßt sich in einer Bar in ein diesbezügliches Zimmer führen. Dann kehrt er in sein Hotel zurück und findet Ritzi in seinem Blut und in der Hand hält er den zerfetzten Geldschein, den der Ich-Erzähler von Emiliano bekommen hat und damit, um die Handlung noch auf die kitschige Spitze zu treiben, auch noch die Prostiutierte bezahlte.

Es kommt, wie es kommen muß oder auch nicht, weil viel zu übertrieben und absolut unrealistisch. Er wird verhaftet und verhört. Baby Ophelia und Emiliano leugnen ihn zu kennen und in seiner Gefängniszelle trifft er auch noch den kleinen Roul, das ist der Junge von der Herrentoilette, der schon vorher wegen Drogenhandel verhaftet wurde und verfällt in seinen Armen.

Es tut mir leid, auch wenn die Novelle kunstvoll geschrieben ist, ist mir zuviel an Männerklischee darin, aber vielleicht bin ich nicht die richtige Adressatin für das Buch.

In Zeiten, wie diesen, wo die Amerikaner die Grenze zu Mexiko dicht machen und schon längst ansäßige Familien wieder zurückschicken, hätte ich mir bei einer Neubearbeitung eigentlich schon erwartet, daß diese Probleme aufgenommen werden, statt die Phantasien und Erlebnisse zu beschreiben, in die ein weißer Mittelschichtmann offenbar automatisch kommt, wenn er an einem Pool eines mexikanischen Abbruchhotel ein schönes Mädchen mit langen Haaren sitzen sieht.

Lieben muss man unfrisiert

Vor  vierzig Jahren hat die in Wien geborene und in der DDR gestorbene Maxie Wander ihren Interviewband “Guten Morgen, du Schöne geschrieben”, der prägend für den Feminismus war und sehr viel vom Leben der Durchschnittsfrau, ihren Gefühlen und Verletzlichkeiten in die Öffentlichkeit brachte.

Ein Buch, das ich wahrscheinlich im “Arbeitskreis schreibender Frauen” kennenlernte und gelesen habe und das heute wahrscheinlich ziemlich vergessen ist.

Die 1989 geborene Nadine Kegele, die ich, glaube ich, beim “Linken Wort” kennenlernte und die inzwischen Karriere machte hat in ihrem dritten bei “Kremayr& Scheriau” erschienen Buch daran gedacht und genau, wie Maxie Wander, ab 2015 Interviewes mit Frauen über ihr Leben ihre Verletzlichkeit und die Gewalt, die sie erlebten, geführt.

“Lieben muss man unfrisiert” heißt der Band, ein Zitat einer der Frauen, wie Nadine Kegele in Leipzig im “Österreich-Cafe” Roman Kollmer, der sie  interviewete, erklärte und der, die Gewalt, die Frauen auch heute noch erleben, gar nicht glauben konnte und es ist sicherlich sehr spannend, sich durch die Veränderungen zu lesen, die es inzwischen gegeben hat oder auch nicht, denn vor fast zwei Jahren hat es ja einen Aufschrei gegeben, als Ronja von Rönne “Der Feminismus kotzt mich an!” oder so polemisierte.

Was ist davon geblieben und wie emanzipiert ist die Frau heute in den neoliberalen Zeiten und war es vielleicht in der DDR doch ein bißchen anders könnte man so meinen oder fragen?

Also “Lieben muss man unfrisiert – Protokolle nach Tonband”, wie gleich unter dem Titel steht und vorher gibt es noch ein fiktives Interview, das Nadine Kegele mit der 1977 gestorbenen Elfriede Brunner führte, wo sie versucht Vergleiche zwischen ihr und sich zu ziehen. Beide haben, glaube ich, kein Abitur beziehungsweise Matura, beide waren Sekretärinnen, beide haben Karriere gemacht und beide haben Frauen interviewt, beziehungsweise sich für das Leben der Frau und ihre Emanzipation sehr eingesetzt.

Nadine Kegele hat das in Leipzig Roman Kollmer gegenüber sehr engagiert getan und hat auch einige Stellen in ihrem Interview umgeschrieben.

Aus der Frau einen Mann gemacht, um zu zeigen, wie absurd das klingt, wenn dem plötzlich, die Gynäkologin Oliver auf den Po klopft.

Kein Wunder also, wenn eine so engagierte Frau wie Marlene Streeruwitz das Vorwort geschrieben hat und dann geht gleich los mit den achtzehn Interviews, da hat sich Nadine Kegele, glaube ich, an die Vorlage gehalten und  auch versucht beim Alter der Interviewpartnerinnen genau zu sein.

Die erste Frau ist  “Michaela, 48, Reinigungsfachkraft”, die aus Serbien kommt und wahrscheinlich so frech und rotzig, wie auch Maxie Wanders Interviepartnerinnen, von ihrem Leben als Putzfrau erzählt und davon, daß den Frauen, das Putzen wahrscheinlich näher, als den Männern ist und sie es mit der Sauberkeit genauer, als sie nehmen.

“Fanny, 92, Konturistin”, ist Nadine Kegeles Nachbarin, von der sie auch in Leipzig erzählte. Mir der hat sie, glaube ich, ihre Interviews begonnen und die alte Dame hat zu sprechen angefangen, als sie das Mikrophon gesehen hat und drei Stunden später oder so damit aufgehört und dazwischen mußte sie ihrer Interviewerin noch erklären, was DDT ist, weil man dieses Spritzmittel heute offenbar nicht mehr kennt.

Und in allen Interviews geht es um die Weiblichkeit, die Verletzlichkeit der Frau, die Aufklärung, das sich wehren oder unterdrückt werden, etcetera.

Die Filmemacherin Ona, kommt aus Polen, lebte und arbeitete offenbar viel in Spanien und ist die, die ihre Erlebnisse beim Gynäkologen erzählt, beziehungsweise die im Bus, wenn man plötzlich eine Hand auf die Schenkel gelegt bekommt und sich nicht wehren kann. Sie hatte aber einen aufgeklärten Vater, der der Mutter immer Blumen zum Frauentag schenkte und ihr welche als sie die erste Regel bekam und sie war auch die erste in ihrer Klasse die einen BH trug.

“Ich kenne Catwalk, Cat Lady kenne ich nicht”, sagt “Ingrid, 60, Architektin, die, obwohl in einer bürgerlichen Familie aufgewachsen, wo schon die Mutter studieren durfte, ähnliche Erfahrunge, wie ich hat. Jedenfalls erwähnt sie oft Johanna Dohnal, mit ihrem Frauenstaatssekretariat, die später die erste Frauenministerin wurde, erwähnt die Skulpturen am “Vorwärts-Haus” und am ehemaligen “Staffa-Gebäude” auf der  Mariahilferstraße und  die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky mit ihrer Frankfurter-Küche, als ihr großes Vorbild, deretwegen, sie zur Architektin wurde.

Rosa und Greta scheinen aus Berlin zu kommen und “Rosas, 27, Autorin” Ansichten über das Schreiben sind besonders interessant.

Eine so junge Frau und schon Autorin, die gelegentlich vom Staat für ihre Arbeit finanziert wird, aber keine Garantien auf Förderung hat, sich vorher aber von Praktikum zum Praktikum weiterhantelte, was wohl auch nicht aussichtsreicher war.

Nur bekommen nicht alle Autoren Förderungen, manche müssen sich mit dem Hobbyautorstatus herumstreiten und “Autorin” sagt Rosa “ist ein Beruf, der nicht als Beruf anerkannt ist. Eines der Probleme beim Schreiben ist, dass die Leute denken, das könne jeder, sie könnten das ebenfalls, Aufsätze in der Schule hätten sie ja auch geschrieben.”

Das ist ein Argument, das ich auch schon öfter hörte und bei dem ich bekannterweise anderer Ansicht bin, denn ich denke ja, ein jeder, der es will, soll es tun und tue es ja auch, aber interessant, daß eine so junge Frau schon so selbstbewußt ist und sich in den Ringkampf des Literaturbetriebs hineinwirft, der ja, wie ich glaube, mindestens so hart wie vor vierzig Jahren, vielleicht sogar in Zeiten des Prekariats noch härter ist.

Sehr schön die Geschichte von der Lesung von Wilhelm Genazino auf der sie  einmal war. Nachher stand sie neben ihm am Getränkebuffet und griff gleichzeitig mit ihm nach einem Glas. Er sagte “Prost!”, sie auch, als sich das dann wiederholte ist sie von der Veranstaltung davongelaufen.

Und “Greta, 42, Bibliothekarin” ist eine Frau neben der Mauer aufgewachsen, die sie später auch vermißte, weil ihr ein Teil ihrer Lebensrealität entschwand,  mit einer Vielzahl von Problemen, in Zeiten aufgewachsen, wo die Frauenemanzipation zumindestens in Liedern selbstverständlich war und das Gärtnerkind ganz selbstverständlich neben dem Arztkind auf der Schulbank saß. Die Ungleichheiten sind ihr dann erst später aufgefallen, haben sie eingeschränkt und geprägt.

Das Elternhaus war nicht gut, so daß sie Ängst, Depressionen und auch ein Übergewicht entwickelte, daß sie dann insbesondere auf Flugzeugsitzen einschränkte und weil alle auf sie schauen, diskriminierten.

“Hillary, 16 und Barbara, 17, Schülerinnen”, sind Nadine Kegeles jüngste Gesprächspartnerinnen, scheinen aus Ghana, beziehungsweise aus Serbien zu kommen und plaudern locker über Snapchat und die Mühe einer Mutterschaft vor sich hin.

Die Scheidungsanwältin “Ruth, 45” scheine ich zu kenne oder gibt es eine andere mit diesen Namen, die sehr berühmt in der Wiener Szene ist. Sie hat von Robert zwei Kinder, sich dann geoutet und ist von ihrer Freundin Adriana inzwischen wieder getrennt. Die Kinder gleich und mit gleichen Rechten zu erziehen hat sie versucht und sie schildert aus ihrer Praxis auch die Schwierigkeiten und Unterschiede beim Scheidungsrecht.

Dann kommt die Transfrau “Helen, 45, Informatikerin”, die sich als als “femmesexuell” bezeichnet und “Ist okay, wie du bist!”, als ihr Motto nimmt.

Das “Kind aus dem Käfig” – “Nehir, 28, juristische Mitarbeiterin, ist Türkin und sowohl in einer Hausmeisterwohnung, als auch auf dem Fußballplatz im Park aufgewachsen, obwohl sie als Mädchen nicht Fußball spielen durfte und sie sich trotzdem zur Feministin entwickelt hat.

Und die “Prinzessin mit Cape” – “Esther, 49, Tänzerin”, ist besonders vielseitig, nämlich Spastikerin und auch eine Zeitlang als “Drag  King” unterwegs und ebenfalls sehr kämpferisch und selbstbewußt, so führt sie Nadine Kegele auch in die “Behindertensprache” ein und erklärt ihr, was ein “Rehabler”,  ein “Geher” und ein “Roller” ist.

“Nora, 35, Sozialarbeiterin” hat ein Kind mit Klumpfuß und die Wohnungslosenhilfe gearbeitet.

Dann gibt es noch eine Lesbierin, eine Transenfrau und eine mit Fluchterfahrungen und und….

Nadine Kegele hat “Nach dem Vorbild von Maxie Wanders Kultbuch”, wie auf dem Buchrücken steht, “Literarische Portrait voll Weisheit und Witz” geschaffen, die das gesamte Spektrum der Frauenwelt umfassen, weil man, wie Maxie Wander einmal sagte “Über alles reden können muß”, deshalb “Ich sage es hier auf Tonbald,damit alle mich hören können”, ist das Zitat, das großauf den roten Seiten vorn und hinten steht und das Buch sozusagen umfassen.

Ein bißchen schwierig war für mich noch, daß ich nicht immer zuordnen konnte, ob es sich jetzt um eine deutsche oder österreichische Gesprächspartnerin handelte, wenn von “Abitur”, “Kita”, gesprochen und geschrieben wurde.

Aber eigentlich ist das auch eigtal, denn das Frauenleben ist ja länderübergreifen und es ist auch sicher interessant Nadine Kegels Portraits der Zeitausendfünfzehnerjahre mit den vierzig Jahre vorher entstandenen zu vergleichen und etwaige gesellschaftspolitische Unterschiede zu analysieren.

Evangelio

Wir haben jetzt ein Luther-Jahr, denn Martin Luther hat ja 1517 seine Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen und das schlägt sich auch  in der Literatur nieder, wo es viele neue Bücher zu diesem Thema gibt, darunter  einen Luther Romandes 1964 in Anatolien geborenen Feridun Zaimoglu, der einmal den Bachmann-Preis gewonnen hat, Preisträger der “Literaturhäuser in Leipzig” war und desen “Siebentürmeviertel”, ich vor einem Jahr gelesen habe, als es auf der Longlist stand.

Und ich bin ja eine, die sich bei der Auswahl ihrer Bücher nach den Namen der Autoren, weniger nach ihrem Inhalt richtet und so bin ich erst daraufgekommen, daß es dabei um Martin Luther geht, als ich es schon aufgeschlagen hatte. Dann habe ich vorübergehend zu lesen aufgehört und nach ein paar anderen Büchern, beispielsweise zu denen aus dem “Kremayr&Scheriau-Verlag” gegriffen, denn ich wußte ja, daß ich bald nach Leipzig fahre und da nehme ich mir ja gerne etwas “Deutsches” beziehungsweise etwas von einem Leipziger Autor mit, dachte an Clemens Meyer dabei, da ich aber noch einige Rezensionsexemplare auf meiner Leseliste hatte, habe ich umdisponiert, als ich die Wörter “Eisenach” und  “Wartburg” las,  mir “Evangelio” mitgenommen und im Auto auf der Fahrt nach Leipzig weitergelesen.

Was vielleicht ein nicht ganz so guter Einfall war, denn ich bin ja keine Luther-Expertin und Feridun Zaimoglu ist, was ich eigentlich schon von den “Siebentürmebviertel”, das mir ja sehr gut gefallen hat, wußte, nicht sehr leicht zu lesen und diesmal hat sich der in Anatlolien geborene Autor auch noch in die Sprache des sechzehnten Jahrhunderts hineinversetzt und es mir damit nicht leicht gemacht.

Obwohl, um sehr viel Handlung geht es dabei ohnehin nicht, denn das, was in dem Buch passiert, steht eigentlich schon im Klappentext.

Von Mai 1521 bin März 1522 wurde Luther, über den ja ein Bann ausgesprochen war, auf der Wartburg festgehalten und hat dort die Bibel ins Deutsche übersetzt.

Feridun Zaimoglu hat sich dafür einen Erzähler namens  Burkhard, einen katholischen Landsknecht, der den Professor, beschützen oder bewachen sollte, ausgedacht und der hat eine sehr derbe,  mittelalterliche Sprache und erzählt sich auf diese Art und Weise durch das Buch.

Dazwischen gibt es auch immer Briefe Luthers an den”Hernn Georg Spalatin, kurfürstlichen Rat und Hofprediger” oder “an den hochgelehrten Melanchton, meinen Bruder im Geiste”, beispielsweise, die das Ganze etwas genauer dokumentieren und immer mit den kirchlichen Datum, wie beispielsweise “Am Tage der Teilung der Apostel, da Herr Jesus ihnen Vollmacht über die unsaubernen Geister gab”, unterzeichnet sind.

Am Beginn des Buches steht ein Zitat von Martin Luther “Oft plagte mich der Satan durch seine Erscheinungen, ganz besonders auf jener Burg, in der ich einige Zeit lang gefangen wurde”, auf das sich das Buch auch bezieht und  am Schluß gibt es Feridun Zaimoglus Danksagung in der er die Orte aufzählt, die er zur Recherche aufgesucht hat, die Wartburg und das Lutherhaus in Eisenach beispielsweise und auch dazuschreibt, daß er mit einen Freund laut die mittelalterliche Sprache übend, durch die Gegend gezogen ist.

“Gelobt der der Herr in der Höh”, lautet der letzte Satz der Danksagung und das ist auch ein Zitat aus dem Buch, in dem Deutsch mit harten “T” geschrieben wird und das wirklich von kräftigen Ausdrücken nur so wimmelt, so daß man sich wahrscheinlich ein  gutes Bild vom Leben im sechzehnten Jahrhundert machen kann, wo gesoffen, gehurt und mit dem Schwert in der Hand herumgezogen wurde, die Frauen als Hexen verbrannt und aus Kinderleichen Kerzen erzeugt wurden.

Das habe ich sehr spannend empfunden, über Marthin Luthers Leben hat mir die Ute in Leipzig einiges erzählt, die ja  Christenlehrerin ist. Man kann den Lebenslauf aber nachgooglen und in Leipzig auf der Messe wurden auch einige Bücher vorgestellt, wo man  das Leben Luthers und seine Auswirkungen auf die Geschichte und die Welt nachlesen kann.

“Auch wenn es der Klappentext vermuten läßt, ist es kein Historienroman”, habe ich bei “Amazon” gelesen und war  durch das deftige Mittelalterbild, das mir Feridun Zaimoglu vermittelte, sehr beeidruckte, auch wenn ich mir den gelehrten Professor oder Ketzer, wie ihn der Landsknecht Burkhard mehrmals nennt, nicht so besonders gut vorstellen konnte, von der Bibelübersetzung, “Biblia”, wird sie in dem Buch genannt, nicht viel mitbekommen habe und auch etwas verwirrt darüber war, wieviel der Landsknecht mit seinem Schutzbefohlenen durch die Gegend gezogen ist, wo ich ja von der Gefangenhaltung in der Wartburg ausgegangen bin.

Aber spannend, einen so deftigen Einblick in die Luther-Zeit erhalten zu haben und, daß sich ein in Anatolien Geborener so intensiv in das deutsche Mittelalter hineinversetzt hat, finde ich ganz besonders interessant.