Herr Brechbühl sucht eine Katze

Mit den Häusern beziehungsweise, dem anonymen oder doch vielleicht doch nicht so anonymen Wohnen in einer soolchen  Hochhaus- oder Genossenschaftsanlage geht es gleich weiter und nach dem Realsozialismus der Neunzehnhundertsiebzigerjahre, dem modernen Debutantensurrealismus und den Geistern von Berlin geht es zum Crowdfunding und, wie es auf den Verlagsaussendungen heißt, zu dem sensationellsten, experimentellesten Romanprojekt des Jahres, etcetera

Und mit diesen Alternativen zu den herkömmlichen Verlagsprodukten beschäftige ich mich ja seit einiger Zeit und da gibt es auch einige solche.

So hat Tilmann Rammstedt mit “Morgen mehr” vor einem Jahr mit “Hanser” ein Crowdfunding-Projekt gestartet, das im letzten Mai auch als Buch erschienen ist und jetzt auf meinem Badezimmerstapel liegt und Jaqueline Vellguth, die “Schriftsteller-de-Schreibwerkstättengründerin”, hat im Vorjahr ein anderes, vielleicht genauso interessantes Projekt, wenn auch auf der Selfpublisherseite gelegenes, gestartet, in dem sie zwölf Bücher in einem Jahr geschrieben und veröffentlicht hat und da bin ich vielleicht schon bei den Blogromanen und da habe ich auch einen geschrieben oder nein, ich habe 2015 einen Adventkalenderschreiben wollen, das im November im Rahmen des “Nanorimos” getan und weil ich diese Idee schon ein paar Jahre mit mir herumgetragen habe, gab es im Monat Dezember in meinem Blog auch schon mal ein paar diesbezügliche Artikel.

2016 war das Buch fertig und ich habe dann immer im Dezember auf die entsprechenden Artikel verlinkt, beziehungsweise, wenn ich Platz für einen Artikel hatte, ein neues Kapitel eingestellt, so daß es im Dezember einmal den ganzen Roman, den man auch als Buch beim ir kaufen kann, im Blog geben wird.

Ist das ein sensationelles Projekt?

Wahrscheinlich nicht, ich bin aber auch keine die mit ihrem “Literaturgeflüster” Aufsehen erregt, ganz im Gegenteil, manche halten meine Rechtschreibfehler und Flüchtigkeiten sogar für das Schlechteste was sie jemals gelesen haben und übersehen dabei vielleicht das ennorme Archiv das es über die letzten Jahre des vorwiegenden Wiener Literaturleben bei mir gibt oder es interessiert sie einfach nicht.

Aber ich wollte von Tim Krohn und seinem sensationellen Projekt erzählen, auf das mich “Galiani” aufmerksam gemacht hatte, in dessen Verteiler ich bin, seit ich im letzten August bei “KIWi” anfragte, ob ich die LLs für mein Buchpreisblogprojekt als Rezensionsexemplare haben kann.

Der 1965 geborene Tim Krohn, von dem ich höchstens, glaube ich, den Namen kannte, ist ein 1965 geborener Schweizer Autor und lebt in einem schönen alten Bauernhaus.

Dann wurde seine Mutter krank oder pflegebedürftig und er wollte sie zu sich nehmen, aber im Erdgeschoß gab es kein Bad. Geld eines einzubauen war nicht da. So kam es zu der Idee mit dem Crowdfundig und Tim Krohn sammelte, glaube ich, ersteinmal die menschlichen Gefühle oder “Regungen”, wie er es nannte, und bot dann seinen Lesern an, sich eines herauszusuchen, noch ein bis drei persönliche Worte dazu beizusteuern, zweihundertfünfzig Franken oder einen anderen Betrag nach Wunsch einzuzahlen und er setzt sich hin, schreibt eine Geschichte dazu und nimmt sie am Abend noch für den Eigentümer auf.

Wenn ich das mache oder bei meinen Gewinnspielen drei Fragen bezüglich des neuen Buches stelle, wo man es gewinnen kann, rüht sich kein Schwein.

Tim Krohn hatte flugs das Geld, das Bad, aber auch den Auftrag jetzt hundertdreißig Geschichten zu schreiben. Was er auch tat und weil er bei “Galiani” anfragte, gibt es jetzt den ersten Band der “Menschlichen Regungen”, nämlich “Herr Brechbühl sucht eine Katze” mit den ersten fünfundsechzig Geschichten. Band zwei soll noch im Sommer, der dritte Band im Frühling folgen und weil die Liste, glaube ich, noch mehr Gefühle aufzuweisen hat, kann man sich  auch noch Geschichten kaufen.

Das ist, möchte ich, ganz vorsichtig anmerken ist auch nicht ganz so neu, Richard Weihs tut das schon seit Jahren mit seinen “Wunschgedichten” bei den “Wilden Worten” und nennt das Kundenanbindung, damit die Leute auch im nächsten Monat ins Amerlinghaus kommen, um sich ihr Gedicht anzuhören.

Er schickt es allerdings auch schon vorher via Mail aus und man muß nichts dafür bezahlen und so gibt es in meinen Büchern merke ich auch noch kurz an, bevor ich zu den Häusern und zu Herrn Brechbühl komme, in meinen  zwei schöne Wunschgedichte, ein paar andere gibt es auch, denn ich gehe ja ziemlich regelmäßig zu den “Wilden Worten” und wünsche mir dann auch immer Gedichte und bei meinem jetztigen “Work in Progress” hat er mir sogar den Beschreibungstext, um den ich sonst ja sehr betteln muß und oft Absagen bekomme, gemacht und auch erklärt, was es mit dem Bibliotheksgespenst auf sich hat.

Aber was hat das Ganze jetzt mit den Häusern zu tun?

Ganz einfach, denn Timm Krohn ist auf die Idee gekommen, das Ganz in Züprich in einem Genossenschaftshaus spielen zu lassen.

Es gibt elf Bewohner, die dort leben, beziehungsweise von denen die Geschichten erzählen. Das Ganze beginnt in der Silvesternacht 2000, also eigentlich schon lange her, und die Herren, die drei Bs, die damals die Welt beherrschten, Bush, Berlusconi, Blocher sind vielleicht gar nicht mehr so mächtig, interessant, denn in meinen Work on Progress, schreibe ich ja die “Die Viertagebuchfrau” um oder neu, weil, die ja schon 2000 spielt und jedes Kapitel, das Buch  hat, wie schon erwähnt fünfundsechzig, beginnt mit einem der Gefühle, die von “Aalglätte” bis “Zynismus” gehen  und am Ende des Bandes gibt es eine Liste mit den Namen der Käufer und die Personen, die in dem Biuch vorkommen, wurden auch in einem kostenlosen E-Book, mit dem Übertitel “Menschliche Regungen”, das ich mir vorige Woche hochladen konnte, aber eigentlich nur eine erweiterte Inhaltsangabe ist, vorgestellt.

Wer lebt nun in den Haus?

Da ist nun einmal der Namensgeber Hubert Brechbühl, das ist ein frühpensionierter Tramschaffner, der hat zu Beginn des Buches einen Traum, ich merke vielleicht noch an, daß mich, die ich ja auch schon einmal daran dachte, mit so einer Wortliste einen Roman zu schreiben, interessiert, wann Tim Kröhn, die Idee hatte, aus dem Ganzen einen Roman, beziehungsweise eine Serie zu machen, beziehungsweise, daß man diese Absichtsloigkeit dem Buch vielleicht anmerken kann.

Nun Herr Brechbühl hat am Anfang einen Traum, dann gehts aber gleich zu Julia bezihungsweise zu Mona. Mona ist vier oder fnf, die Tochter der alleinerziehenden Lektorin namens Julia, dann gibt es noch die arbeitslose Schauspielerin Selina, die hat eine Theraterratte namens Malkovic. Die stirbt gleich zu Beginn und damit Mona, die nebenbei erwähnt, ziemlich verwöhnt oder auch verzogen ist, nicht traurig wird, verspricht ihr Julia eine Katze.

Aber die kann sie nicht in ihrer Wohnung haben, so läutet die Kleine bei Herrn Brechbühl an und sagt, er soll mit ihr die Wohnung tauschen.

Das ist vielleicht die Rahmenhandlung, die die Geschichte zusammenhält. Es gibt aber noch mehr Bewohner.

Pit und Petzi, zwei Studentien, so um die zwanzig, die im ersten Semester studieren, sich aber eigentlich die ganze Zeit durchvögeln, was in dem hellhörigen Haus, die ganze Beohnerschaft mitbekommt.

Es gibt in dem Haus auch eine strenge Hausordnung und keine eigenen Waschmaschinen, so muß man die gemeinschatlichen benützen, das führt zu Streit und zu Unstimmigkeiten.Trotzdem gibt es in dem Haus aber eine sehr optismistische Verbundenheit, das ist vielleicht das Gegenstück zur Isolation, die Ingeborg Drewitz in ihrem “Hochzaus” zeigt.

Man könnte vielleicht sagen, die Gefühle halten die Hausgemeischaft zusammen und vieles ist auch originell und ungewöhnlich, einiges alltäglich menschlich.

So leben auch Gerda und Erich Wyss, ein über achtzigjähriges Ehepaar in dem Haus. Er pflegt sie, aber als der Enkel, der in Berlin lebt, bei seinem Chef Geld veruntreut und das dann auch noch im Casino verspielt, fährt der alte Erich nach Konstanz, um es mit seinem System zurückzugewinnen. Er verliert natürlich und schlägt auch noch eine Fensterscheibe ein und als der Filmregisseur, der die Schauspielerin Selina für einen Film über aktive Sterbehilfe engagieren will, sie besuchen kommt, aber nicht findet, säuft er mit dem alten Ehepaar die Nachtlang durch, was dazu führt, daß Erich am nächsten Morgen über die Stiege fällt, ins Krankenhaus muß und sich fortan Sorgen über das betreute Wohnen macht.

Es gibt aber noch ein Gastarbeiterpaar, Adamo ein Italiener mit seiner Frau Efgenia.Er ist Rettungsfahrer, sie hat einen kaputten Rücken und ist deshalb eine Ungustelin.

Das heißt, sie stört die Waschordnung, grantelt alle an und als Adamo, um sie aufzuheitern einen Aprilscherz macht, sagt, sie soll den Hausmeister für einige Zeit vertreten, beginnt das Ganze zu kippen. Sie tut das nämlich mit Feuereifer, obwohl sie das gar nicht dürfte, braucht für ihren Rücken, aber Morphium, das er dann aus Liebe für sie entwendet. Schließlich kommt sie doch zu ihrer Operation, er aber, um den Job und und…

Man sieht, glaube ich, ganz gut, wie es läuft und Herr Brechbühl, um wieder zu ihm zurückzukehren, muß auch schmerzlich erfahren, daß man ihn gar nicht mehr so braucht, wie er glaubte.

So freundet er sich mit einer esoterischen Buchhändlerin an, macht vielleicht eine Liebe, die wir möglicherweise in Band zwei oder drei weiterverfolgen können und sucht im ganzen Buch eine Katze?

Nun eigentlich tut er das nicht wirklich, das ist ja Monas Idee. Trotzdem gibt es einen Carusu, das ist der Kater des Stammwirtens, der eine Rolle spielt und Mona liegt mit Moritz, das ist noch hein Student, der im Haus wohnt, auf der Lauer, um eine angeblich öfter das Haus besuchende Katze zu finden, den dicken Carusu, den Herr Brechbühl vorübergehend für sie einqaurteirte, will das verwöhnte Fräulein aber nicht und die alleinerziehende Julia hat mit ihrem Verlag Sorgen, weil sie Mona immer vom Hort abholen muß und ihr Chef, sie deshalb immer kündigen will oder ihr die Praktikantinnen, als mögliche Nachfolgerinnen vor die Nase setzt.

Ein interessantes Projekt, ob wirklich so sensationell, wie vom Verlag angekündigt, wird sich zeigen, wie es bei den Bloggern oder in den Buchhandlungen aufgenommen wird, auf die nächste Longlist kommt, den Schweizer Buchpreis macht, etcetera…

Im Sommer gibt es  jedenfalls den nächsten Band “Erich Wyss übt den freien Fall”, der dann von “Julia Sommer sät aus”, im nächsten Frühling gefolgt wird.

Ich  fand es, wie schon erwähnt, besonders spannend, in ein paar Tagen einen ganzen Reigen von neuen oder auch alten hochhausbücher  gelesen zu haben und es war höchst interessant, sie nebeneinanderzustellen, beziehungsweise untereinander zu vergleichen.

Tierchen unlimited

“Hart, mitreißend und wahr: an einem Tag weggelesen, schallend gelacht”, schreibt Feridun Zaimoglu über das Debut des 1981 in Sarajewo geborenen Berufschullehrers Tiljan Silan, der wohl viel aus seiner Schule plaudert und in einem sehr harten, manchmal etwas slapstickartig übertriebenenen Ton das Hin- und Herpendeln zwischen Verletzung und Härte, Traum und  Wirklichkeit seiner traumatisierten Schüler oder derer, die jetzt mit Migrationshintergrund aus Syrien oder Afghanistan mit ihren unverarbeiteten Erlebnissen in einer Welt der Härte, Verständnislosigkeit, des Mulitkultikampfes und der Pegidademonstrationen aufwachsen.

“Die Geschichte eines Jungen im bosnischen Bürgerkrieg, seiner Flucht nach Deutschland und das Leben unter deutschen Neonazis”, erklärt uns der Buchrücken und es beginnt gleicherweise dramatisch und vielleicht gar nicht so komisch mit einer Flucht nackt auf dem Rennrad.

Der Ich-Erzähler wurde vom Bruder seiner Freundin Leonie aus dem Bett geprügelt, flieht so in das Krankenhaus nach Frankenthal, wo er seine Schulfreundin Sarah-, die inzwischen Polizistin geworden ist, interessant die Rollenumkehr in Silas Werk, die ich als ironisch interpretieren würde, die Mutter ist Physikerin, der Vater hat Bibliothekswissenschaften studiert und die Schulfreundinnen, deren Brüder Neonazis sind, werden alle Polizistinnen, der Ich-Erzähler studiert dagegen, wie sein Autor Germanistik und später Bibliothekswissenschaft, -widertrifft, die nimmt für ihn die Rache in die Hand, nennt ihn “Mausi” oder braver Kerl, dabei war das Leben in den Neunzigerjahren in dem kriegsgeplagten Sarajewo, die Eltern sind mit dem Sohn 1994 nach Deutschland gegangen, gar nicht so brav, sondern hart und er stahl mit seinen Freunden am Markt, den alten Frauen Pornohefte, die er dann mit den Soldaten gegen Luchpaketen tauschte und, als er schon in Deutschland war, ging es-, die Flucht wird wahrscheinlich ebensowenig komisch, vielleicht ist das die Schilderung, wohl aber nicht die Realität, in einem überhitzen Bus geschildert, wo sich alle bis zur Unterwäsche ausziehen müssen, dabei entsetzlich stinken und sich, weil sie nicht hinauskönnen, auch anmachen müssen und er zuerst in eine Hauptschule kam, weil seine akademischen Eltern, das deutsche Bildungswesen nicht verstanden, aber die Mutter hat ihren Traum, als Hilfsdozentin auch nicht wahrmachen können und was macht ein studierter Bibliothekswissenschaftler in Deutschland, wenn er kein Wort dieser Sprache spricht,  -weiter mit dem harten und wahrscheinlich nicht so komischen Leben, das, die mit dem Migrationshintergrund und wahrscheinlich auch die ohne in den überfüllten Hauptschulen erleben.

Siljas Held erlebte seine Jugendlieben mit den Schwestern von Nazibrüdern, die ihm dann eben aus dem Bett prügelten, studiert später in Heidelberg und geht mit seiner Studienkollegin Grace, die aus Taiwan kommt, einbrechen.

Da stiehlt er auch einmal ein Auto, wird vom Verfassungsschutz beobachtet und eine Melanie kommt vor, die eigentlich Schriftstellerin werden will, aber auch Polizistin wird und, die er für die strenge Sarah beobachten soll und am Schluß endet das Ganze in einem Traum.

Dem Helden wird, das am Ende des Buches, das mir ein bißchen ungeordnet erzählt erschien, da ist die Zusammenfassung geordneter, aber Traumatisierungen verlaufen eben nicht gradlinig, sondern ungeordnet und in Flashbacks, klar, das mit “In einem Moment halben Bewusstseins verstand ich, dass ich schlief und träumte” endet und ich habe wieder ein sehr interessantes Debut gelesen, von dem ich nun gespannt bin, was ich von dem Buch noch hören werde und, ob und auf welche Short- oder Longlist es kommen wird, das uns in sehr harten Worten, die mich eigentlich abschrecken hätten sollen, denn ich mag keine Aggressivität, von dem Leben und Aufwachsen im Krieg und dem Leben nachher in der neuen Heimat unter lauter wirklichen oder vermeintlichten Neonazis erzählt.

Dazu noch zwei Anmerkungen oder Kritikpunkte, erstens habe ich den Titel nicht ganz verstanden und zweites wies das Buch, das ich mit einer Schutzhülle, dreimal, also in drei Tagen gelesen habe, nach der Benützung deutliche Gebrauchsspuren und einen zerrissenen Buchrücken auf, was eigentlich nicht sein dürfte, da ein Buch mit einem so wichtigen Thema  länger haltbar und auch mehrmals gelesen werden können sollte.

Truggestalten

Mit den Häusern und den surrealen Erlebnissen, die man in ihnen haben kann, geht es gleich weiter, denn “Galiani”, hat mir die Berlin-Episoden des Regisseur und Sachbuchautors  Rudolph Herzog geschickt, in denen er in sieben Teilen, das heutige mit dem vergangenen Berlin verbindet und auf die Geister und die Truggestalten hinweist, die man dort erleben kann.

“Schlüssel”, heißt die erste Geschite und das sind die Truggestalten nur  ansatzweise und splitterartig ausgeführt. Jemand zieht in eine Eigentumsanlage, die von einem Konzern verwaltet wird, dem alten Hausmeister, der hier schon einmal Blockwart war, wurde gekündigt. Er hat aber immer noch irgendwo eine Wohnung und hilft auch aus, wenn das Wasser tropft und sich das Callcenter des Konzerns nicht meldet.

Es soll auf dem Gelände auch ein Spielplatz gebaut werden, der Hausmeister ist dagegen, denn da waren einmal Zwangsarbeiter untergebracht, die auch bei einem Bombenangriff ums Leben kamen.

Es wird auf ihn nicht gehört und mit dem Bauen begonnen. Da werden Knochen gefunden und schließlich fällt der Hausmeister, als er einen Tag, wie ein Totenwächter davor steht, in die Grube und wird erfroren herausgefischt.

Etwa präziser geht es in der nächsten Geschichte “Die Näherin” zu.

Da geht es auch wieder um eine hochmoderne Luxusanalge, die über der ehemaligen Charite errichtet wurde. Ein Unternehmensberater, der Schwierigkeiten mit seinem hochexplosiven Chef hat, der alle kündigt, die nicht effizient genug arbeiten, wohnt dort mit der russischen Frau und der kleinen Tochter, die sich plötzlich in ihrem Zimmer fürchtet.

Denn sie sieht eine Frau, eine Näherin auf einem Sessel sitzen. Björn, der Vater findet ein graues Haar, das Kindermädchen das Alena in ein Museum führt, findet dort ein Bild einer Näherin, die im neunzehnten Jahrhundert zuerst politisch aktiv wurde, auf Mißstände hinwies und   sich schließlich in der Psychiatrie, die sich dort befand, wo jetzt Björns Wohnung liegt, das Leben nahm, in dem sie ihr Nähmaterial verschluckte.

In “Tandem” geht es von Griechenland vor oder in der Krise nach Berlin. Denn da sucht ein astmatischer Ingenieur einen Job, muß aber vorher noch besser Deutsch lernen. So tut er sich mit Lotte zusammen, die Griechisch lernen will. Die bringt ihm aus Eicheln gebackenes Brot mit und brät ihm Fische, die aus Fischmehl hergestellt wurden. Als er ihr von der Hungersnot in Griechenland, die im Krieg von den Deutschen ausgelöst wurde und von der auch seine Großmutter betroffen war, erzählt, verläßt sie fluchtartig die Wohnung, triff sich mit ihm aber auf einem Friedhof wieder, wo sie Ratten isst.

Und “Ifrit” sind die türkischen Geister, die erst durch die Hodschas ausgetrieben werden können und so einer war noch in einer ehemalig hausbesetzten Wohnung, die nun der ehemalige Hippie und jetzige Jogalehrer aufkaufte, mit seiner alten Frau und jungen Freundin dort lebt und die Türken, die auch einmal dort lebten, hinausgetrieben hat.

So bricht sich der Neumieter den Finger, hat Alpträume und wäre fast verbrannt, bevor der Althippie zu ihm kommt und ihm weinend seine Jugendsünden gesteht.

Mit den “Geistern von Berlin”, so der Untertitel, geht es in der vierten Geschichte “Ex Patria” in die DDR-Vergangenheit, das heißt eine amerikanische Künstlerin quartiert sich in ein ehemaliges Geschäft ein, die Mieten sind nebenbei erwähnt sehr hoch, sie hat aber einen reichen Vater und sieht Blut, sieht auch den Körper eines DDR-Grenzsoldaten und bekommt heraus, da hat man von Westen aus versucht einen Tunnel zu graben, um eine Ostdeutsche und ihren Liebsten hinüberzuschmuggeln. Der Osten hat beobachtet, der Versuch ist gescheitert, ein junger Soldat, der später studieren wollte, ist dabei aber ums Leben gekommen.

Und dann erzählt in “Doppeldecker”, eine Frau von den Untoten, die es auch zu geben scheint. Denn da wurde ein Mann entdeckt, der schon 1901 fotgrafiert wurde und dann 2015 noch einmal, inzwischen ist er aber nicht gewaltert und die Ich-Erzählerin soll die Sache aufklären und bekommt noch heraus, daß es sich dabei um einen ehemaligen Piloten handelt.

Am Schluß noch einmal in die DDR zurück oder zu einer jungen Studentin, die eigentlich ihre erste Liebe erlebt, sie hat aber eine trinkende Mutter und die sieht Gespenster in der Wohnung, Bilder werden verrückt und sie stammt auch aus der ehemaligen DDR und dazwischen erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter der Staatssicherheit, wie man das damals so machte. Man drang einfach in die Wohnungen der Aufsäßigen ein, vertauschte Gegenstände, so daß sie verrückt wurden, in die Psychiatrie kamen, etcetera.

Und das alles ist wohl wirklich so oder in anderer Form einmal in Berlin passiert, das sich inzwischen ja sehr geändert hat, modern und hipp geworden ist.

Die Vergangenheit holt uns ein, sagt uns der Regisseur und man merkt seinen Episoden die filmische Sprache durchaus an.

Truggestalten und Geister gibt es nicht wirklich,  es ist ist sicher interessant zu wissen, was sich einmal in der schicken Eigentumswohnung, die man bewohnt, weil man beispielsweise ein erfolgreicher Unternehmer ist, früher alles passierte.

Die Geister werden die jungen Urbans höchstwahrscheinlich dabei nicht einholen, also ist es sicherlich interessant zu lesen, was sich ein erfolgreicher Filmer diesbezüglich ausgedacht hat.

Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Jetzt kommt wieder eine Neuerscheinung auf die mich “Wagenbach” aufmerksam machte, das jetzt im sogenannten “Eidechsenmonat” steht und mir kurz darauf das Debut der 1988 geborenen Juliana Kalnay, die in Hamburg  geboren wurde, in Hildesheim studierte und auch in Malaga lebte, schickte und das seltsamerweise eine Fortführung des Oldies “Das Hochhaus” sein könnte, das ich vor kurzem gelesen habe oder auch nicht.

Ingeborg Drewitz hat in ihrem in den Siebzigerjahren geschriebenen, sozialkritischen Roman, auf die Isolation und Einsamkeit in Hochhäuser hinweisen wollen, Juliana Kalnay tut das, glaube ich, auch, allerdings auf eine surrealistische Art. Irgendwo steht, glaube ich, etwas von magischen Realismus oder man könnte daran denken und ich bin jetzt gespannt, ob ich das Buch vielleicht auf der Nominiertenliste des nächsten dBp oder Debutpreises finde.

Originell finde ich es allemal, vielleicht ähnlich, wie das Buch der Nele Pollatschek vom Vorjahr, das allerdings auf den letzten Seiten durch seine gehäuften Todesfälle, die dann plötzlich auftraten, entglitt.

Hier bleibt, glaube ich, der neue originelle, frische Ton, obwohl, das schreibe ich jetzt auch gleich dazu, das Buch wahrscheinlich nicht leicht zu lesen ist und es ist auch optisch kreativ gestaltet, besteht es doch aus Dialogen, fast leeren Seiten oder solchen, wo im unteren Drittel ein paar Zeilen stehen.

Es gibt immer wieder Überschriften wie “Die Kinder im Haus”, “3. Stock, links: Blütezeit”, beispielsweise und dann gibt es eine Ich-Erzählerin, die ebenfalls durch die Wände sehen kann und alles, was im “Haus Nummer 29”, passiert, dokumentiert, aufzählt und beschreibt und in dem Haus Nummer 29 passieren viele sehr Ungewöhnlichkeiten.

Da gibt es zum Beispiel Rita, die älteste, die immer schon in diesem Haus lebte, alles weiß, weil sie am Balkon mit einem Spiegel sitzt, dabei strickt und trotzdem alles sehen kann.

Es gibt Maia, die sich immer in Löchern versteckt und  eines Tags verschwindet. Es gibt das Ehepaar Lina und Don und Don verwandelt sich eines Tages in einen Baum, der fortan auf Linas Balkon steht, sie streichelt ihn, schmiegt sich an ihn und kocht Marmelade aus den seinen Früchten. Es gibt auch Besucher, die in das Haus, in diese Wohnung pilgern, um sich den Baum anzusehen.

Es gibt Kinder, die barfuß durch das Haus schleichen, mit dem Feuer spielen, beziehungsweise Schnecken und auch anderes, in Grillpfannen verbrennen und stolz auf die Blasen an ihren Fingern sind.

Es gibt einen Mann, der im Lift wohnt und oben im vierten Stock seine Spiegeleier brät, zum Baden geht er zu einem Hausbewohner. Einmal versucht er es in einer anderen Wohnung und sieht dort im Bidet ein seltsamens Lebewesen.

Es gibt eine Schwester, die ihren Bruder im Kasten versteckt und mit Keksen, die in Manteltaschen stecken ernährt. Es gibt eine geheimnisvolle Wohnung, dessen Bewohner immer verschwinden und Kinder, die im Bett liegen und durch Löcher in der Wand das Geschehen beobachten und eines Tages, als sie ausziehen sollen, aus dem Fenster stürzen.

Es gibt Ronda, die mit einem Aqarium im Bett schläft und morgens mit toten Fischen auf ihrem Körper aufwacht, die sie dann in Blumentöpfen vergräbt, in denen sie Katzenminze anpflanzt.

Es gibt und und und.., eine ganze Reihenfolge sonderbarer Vorfälle, die nicht sein können und die es auch nicht geben kann, werden in einer poetisch schönen Sprache erzählt. Zusammenhänge und Handlung gibt es, glaube ich, keine, also sehr schwer nachzuerzählen oder zu spoilern.

Es gibt aber schon Dinge, die man erzählen kann. So stirbt Rita beispielsweise und kurz danach bricht in dem Haus, in dem schon vorher immer wieder Bewohner verschwunden sind, deshalb auch der Titel, ein Feuer aus und die Ich- Erzählerin erinnert sich viel später, als sie schon längst woanders wohn an diese Ereignisse, beziehungsweise schaut sie sich Fotos zur Erinnerung an.

Ein interessantes Debut einer jungen Autorin, von der ich schon sehr gespannt bin, was ich von ihr noch hören werde, vielleicht wird sie zum Bachmannlesen eingeladen, gewinnt den “Aspektepreis”, etcetera und weil ich immer gerne auf vergleichbares verweise, mit dem ähnlich lautetend Buch von Richard Schuberth ist das Buch nicht zu vergleichen, eher schon mit Simone Hirths Debut obwohl die “”Kurze Chronik des allmählichen Verschwindens”, poetischer ist und gut, als Metapher für die Einsamkeit in den Hochhaussilos, wo man seine Nachbarn nicht kennt und nicht weiß, was in den Neben- Unter- oder Oberwohnungen passiert, zu gebrauchen.

Und da, denke ich, vergraben sich die Leute nicht in Löchern, braten wahrscheinlich auch keine Schnecken, verwandeln sich nicht in Bäume oder schauen durch geheimnisvolle Löcher, mißbrauchen vielleicht aber ihre Kinder, schlagen ihre Frauen, ritzen oder schneiden sich und hängen sich auf und wir haben keine Ahnung, bekommen es nicht mit und wollen es vielleicht auch gar nicht wissen.

Mein schlimmster schönster Sommer

Im “Aufbau-Verlag” ist gerade als Spitzentitel ein Roman der 1970 geborenen Unternehmensberaterin Stefanie Gregg erschienen, die jetzt nur noch fürs Schreiben in der Nähe von Münschen lebt und die Inhaltsangabe war eine, die mich sofort faszinierte.

Geht es da ja auch um eine Unternehmensberaterin namens Isabell, die vom Krankenhaus mit einer Krebsdiagnose, eine Männerfaust im Bauch, kommt, sich einen gelben Campingbus kauft und damit für vierzehn Tage  in die Provence fahren wird.

Das erscheint mir doch bekannt, habe ich doch in “Und Trotzdem” etwas ähnliches mit dem Rad ans schwarze Meer beschrieben und in “Im Namen des Vaters” geht es um die Behandlungsverweigerin und Campingbusse mit denen pensionierte oder auch betrogene Frauen um die Welt oder nach Kroatien fahren, gibt es bei mir auch.

Meine Romane interessieren aber niemanden, sind angeblich schlecht geschrieben, also der Meisterin mit der Startauflage von zwanzigtausend Exemplaren über die Schulter gucken und das Themas ist ja auch sehr interessant, werden Krebsdiagnosen ja täglich gestellt und was macht man dann, Chemo, Strahlentherapie, Operationen oder fährt man ihm davon und verschwindet der dann auch wirklich, wenn man das tut?

Das Buch ist rassant und flott geschrieben, verblüfft aber immer wieder durch Zickzackwendungen, die vielleicht auch die Ratlosigkeit in einer solchen Extremsituation ausdrücken.

Zuerst spielt Isabell, die jetzt vierzehn Tage Urlaub hat, wie ihr der freundliche Arzt emfiehlt, bevor es unter das Messer geht, mit  der Kirsche, dem Tennisball, dem Taubenei in ihrem Körper, dann fährt sie im Taxi davon und sieht auf einmal einen gelben Campingbus auf der Straße stehen, zu verkaufen steht darauf, sie steigt aus, ruft an, ein Typ mit Rasterlocken meldet sich und will 2800 Euro haben, sie gibt ihm zweitausend für vierzehn Tage und will gleich einsteigen.

Er muß aber zuerst nach Freilassing, die Urne seiner Mutter abholen, also fährt er bis dahin mit. Isaell hinterläßt ihrem Freund Georg ebenfalls ein Unternehmenberater, das sind die die Leute entlassen und dabei viel Geld verdienen, so daß sie immer in schwarzen Kostümen oder Hosenanzügen herumlaufen, eine Nachricht auf dem Handy und dieses auf den Tisch und sie fahren los.

Daß sie in die Provence will, weil sie dort einmal eine Seiltänzerin gesehen hat, fällt ihr noch ein und daß “Der Himmel über Berlin” ihr Lieblingsfilm ist, also das was man vielleicht klischeehaft nach einer solchen Diagnose macht.

Es kommt aber anders, denn Rasso, das ist der Rastertyp will zuerst die zweitausend Mark bei einer Bank einlegen, richtig einen Hund namens Streuner haben sie inzwischen auch gefunden und aus der Bank kommt plötzlich ein Bankräuber gesprungen und flieht über die Dächer davon.

Die pflichtbewußte Isabell will eine Zeugenaussage machen, aber Rasso, der verhinderte Musiker, hat zufällig fünf Kilo Haschisch im Auto liegen und rast damit und mit ihr davon.

Sie besteht darauf das Zeug im Wald zu verbrennen und als sie danach zum Auto zurückkommen, liegt plötzlich die Tasche mit den erbeuteten Geldscheinen darin und ein seltsamer Guru taucht auch noch auf und nimmt im Bus Platz, weil er die beiden für seine Götter hält.

In diesem Moment habe ich gewußt, was in dem Buch anders, als bei meinen depressiven Frauen, wo angeblich nichts passiert, ist und, daß Stefanie Gregg ihr spannendes Handwerk erlernte oder kann, war einen Moment versucht es wegzulegen oder habe jedenfalls “Uje!”, gedacht.

Es geht aber rassant und genauso unlogisch weiter und das kann ich gleich verraten, in die Provence zu den Lavendelfeldern kommt Isabell nie und es kommen auch immer wieder Zwischenkapitel vor, die von dem eigentlich sympathischen Georg, den Isabell sofort vergessen hat, erzählen, wie er dasteht mit dem Handy und der Angst, daß er nichts von seiner Freundin weiß, denn es ruft noch der diensttuende Arzt an und erzählt und das ist vielleicht die Wendung und das Unerwartete daran, denn meine Helga Schwarz wird ja vielleicht am schwarzen Meer gesund, die Veronika stirbt und Isabell hat nicht nur eine Männerfaust im Bauch sondern auch einen Tumor im Kopf und sollte sofort operiert werden.

Und während Isabell ihren schlimmsten schönsten Sommer erlebt, sich dabei in ihren Traummann verliebt, es ist nicht Rasso, der Hippie, plagen sie immer wieder Schmerzen und die Polizei ist ihnen, beziehungsweise dem verschwundenen Geld, auch auf der Spur.

Im Epilog ist es dann noch einmal unlogisch, denn jetzt ist es ein Jahr später und Rasso, der inzwischen zu seiner Caro zurückgefunden hat und im Begriff ist, als Musier Karriere zu machen, wird zu einem Notar nach München bestellt, um dort noch einmal sehr viel Geld zu bekommen.

Wie die Geschichte mit dem Bankraub ausgegangen ist und woher Isabell auf einmal soviel Geld zum Vererben hatte und was sie nach ihrer Verhaftung machte, erfährt man aber nicht.

Trotzdem spannend und rasant zu lesen, obwohl ich anmerken möchte, daß wenn man seinem Krebs davonfährt mit Sicherheit nicht soviel auf einmal passiert und, daß die Taschen mit den Millionen auch nicht so herumfliegen und sich der Bankräuber in echt wahrscheinlich auch, um sein Geld gekümmert und die beiden verfolgt hätte, aber der kommt ja dann nie wieder vor.

Interessant vielleicht auch zu überlegen, wie das Buch auf Menschen, die wirklich von dieserDiagnose betroffen sind und es zwischen ihrer Chemotherapie, Operationen und Strahlenbehandlungen lesen, wirkt.

Vielleicht kann da die Absurdität und die rasante Handlung helfen mit dem eigenen  Alltag und dessen Schwierigkeiten besser fertig zu werden und ich nehme mir für mein Schreiben mit, zwar bei der Realistik zu bleiben, aber meine Szenen vielleicht auch etwas bunter auszuarbeiten, zuviel Slapstick wird es bei höchstwahrscheinlich aber trotzdem nicht geben.

Und zwei Hinweise auf andere Bücher mit Krebsgeschichten gibt es hier.

Unter der Sonne

Jetzt kommt wieder etwas ganz Altes, nämlich Daniel Kehlmanns, 1998 bei “Deuticke” erschienener Erzählband “Unter der Sonne”, da war der 1975 in München geborene und in Wien aufgewachsene Sohn des berühmten Regisseurs Michael Kehlmann, gerade dreiundzwanzig.

“Beerholms Vorstellungen”, das ich mir einmal in einem Antiquariat in der Kirchengasse, um dreißig Cent kaufte, war da schon erschienen und das Buch stammt aus einem der Bücher-Türme der “Literatur im März”, wo ich mir ja damals viel mitnahm und langsam aufzulesen versuchte, als ich mir vor ein paar Jahren alle meine ungelesene Bücher auf meine Leseliste schrieb. Die habe ich im vorigen Herbst mitten meines Buchpreislesens, als sich die Rezensionsexemplare türmten und ich sah, daß ich sie nicht, schaffte, wieder umgeändert.

“Unter der Sonne” ist daraufgeblieben und das Buch passt jetzt auch ganz gut, wurde gerade ein Theaterstück von Daniel Kehlmann, der ja inzwischen aufgestiegen und berühmt geworden ist, in der Josefstadt aufgeführt, deshalb war er auch in der Sendereihe im Gespräch und eine Frage beim Ö1-Quiz und ich habe von den noch nicht so berühmten Kehlmann “Der fernste Ort”, 2001, bei “Rund um die Burg” sowie in der “Alten Schmiede” gehört und die dabei gemachten Erfahrungen in meiner “Viertagebuchfrau” verarbeitet.

Dann kam 2003 “Ich und Kaminsky”, alles schon bei “Suhrkamp” erchienen und der kleine österreichische “Deuticke” und inzwischen “Hanser-Ableger” leidet ja noch immer, daß der große Khelmann ihn verlassen hat, obwohl schon ein Vertrag, für dann bei einem anderen Verlag erschienenes Buch, geplant oder vorhanden war.

Nun ja, die “Vermessung der Welt” erschien 2005 bei “Rowohlt” und machte den Autor schlagartig mit einem historischen Roman berühmt, interessant, bei dem Radiointerwiew sagte er, daß er in seinem Literaturstudium gelernt hat, daß man ja nicht, unter gar keinen Umständen mehr einen historischen Roman schreiben dürfe und dann kam vielleicht auch ein Knick, denn die späteren Werke sind möglicherweise nicht mehr so erfolgreich oder bekannt geworden.

“Ruhm” habe ich jedenfalls gelesen und den Roman “F” 2013, als ich noch nicht so buchpreisbloggte auf der LL des dBps und jetzt ein Griff zu den Anfängen und die sind, ich schreibe es gleich, sehr interessant.

Richtig, etwas habe ich noch vergessen. In einer der aus Leseproben zusammengeknipsten Gratisbücher zum Welttag des Buches des Hauptverbands, war einmal eine Kehlmann-Geschichte, die mich sehr beeindruckt hat, sonst würde ich den inzwischen auch nicht mehr so ganzen jungen Mann ja eher für einen sehr eifrigen und ehrgeizigen Schreiber halten, der vielleicht auch gut gefördert wurde und jetzt sind diese Kurzgeschichten, die ich ja gar nicht so gerne lese, auch höchst eindrucksvoll.

“Bankraub” heißt die erste und da wacht ein höchst mittelmäßiger junger Mann mit einem ganz gewöhnlichen Leben, der eine kleine Wohnung hat, gerne Bücher liest, aber sonst keine Interessen, auf und hat, als er seinen Bankauszug ansieht, plötzlich durch einen Irrtum ein paar Millionen auf dem Konto. Er hebt sie ab, bekommt sie sonderbarer Weise auch gleich in einem Koffer, nimmt ein Taxi, fährt zum Flughafen und dann an einemfernen Ort, um dort ein neues Leben zu beginnen.

Geht wahrscheinlich und passiert auch in Echtzeit nicht, ist aber sicher der Traum des kleinen Mannes und sehr gut und sehr präzis erzählt, das ist wahrscheinlich auch Daniel Kehlmanns Stärke.

“Töten” heißt die zweite und erzählt von genausoviel Mittelmäßigkeit, vielleicht auch ein Kehlmann Thema.

Sommerferien, irgendwo in einer Gartensiedlung, ein gelangweilter Vierzehnjährigerärgert sich über den Hund des Nachbarn, schnappt im rennenden Fernseher ein paar Sätze über das Böse im Menschen auf, geht auf die Straße findet einen Ziegelstein, schmeißt ihn auf ein Auot, geht zurück, klaut der Mutter Wurst aus dem Kühlschrank, vermischt sie mit Rattengift, füttert den Hund damit und die Mutter fragt beim Essen “Wunderbares Wetter, nicht. Genau richtig für die Ferien. War das nicht ein schöner Vormittag?”

“Doch!”, sagte er dann, “doch ja. Er war ziemlich gut!”.

Für mich noch beeindruckender die Titelgeschichte, in der ich  Vorstudien für “Ich und Kaminski” vermute, denn da geht ein, wahrscheinlich, wie Kehlmann sagen will, wieder mittelmäßiger Literaturdozent auf die Suche nach seinem Idol, der heißt Bonvard und ist ein schon verstorbener Dichter, der einen Roman oder eine Trologie unter dem Titel “Unter der Sonne” geschrieben hat und Kramer, so heißt der erfolgllose Dozent hat sein ganzes Leben ihm gewidmet. Seine Bücher gelesen, vielleicht wegen ihm Literaturwissenschaft studiert, Diplomarbeit, Dissertation, jetzt die Habilitation, die in einem mittelmäßigen Verlag erscheinen soll, allles ihm gewidmet. Er hat ihm auch öfter Briefe geschrieben und ihm seine Verehrung ausgedrückt, keine Antwort, der Sekretär des Berühmtes hat die Briefe wohl alle weggeschmissen. Jetzt soll das Buch “Bonvards Grab” heißen. Ein Foto von desselben ist aber nicht aufzufinden. So reist der Wissenschaftler in der Sommerhitze, an den kleinen französischen Ort, wo der Dichter lebte, hetzt einen Berg hinauf auf den Friedhof, um vom Gärtner dort zu erfahren, das Grab liegt in einem anderen Ort. Er fährt dorthin, aber der Zug ist ein schneller, der nicht stehen bleibt, sondern direkt nach Paris fährt, wo der Wissenschafter auch am Abend einen Vortrag halten muß. Jetzt erkennt er seine Mittelmäßigkeit und fängt im Zug zu weinen an und der Schaffner geht betreten hinaus.

Nun, das ist vielleicht ein wenig übertrieben und was soll eine seit über vierzig Jahren erfolglos Schreibende, der öfter von ihren Kriikern geraten wird, doch endlich damit aufzuhören, zu dem Text eines Zwanzigjährigen sagen, der inzwischen viel höher aufgestiegen ist?

Den Nobelpreis, den Bonvard übermütig ablehnte “Solche Ehrungen der Mittelmäßigkeit benötige ich weder künstlerisch noch finanziell”, hat er aber noch nicht und wird ihn vielleicht auch nicht bekommen, denn wir haben ja schon eine Nobelpreisträgerin und Deutschland, wo Kehlmann jetzt wieder zu leben scheint, hat die auch schon und so füge ich nur hinzu, daß ich auch einmal an einem sehr heißen Sommertag auf den Grinziger Friedhof hinausgegangen bin und während die anderen in wahrscheinlich fröhlicher Runde beim Leichenschmaus saßen, vergeblich das Grab unseres Idols Thomas Bernhard suchte und es auch nicht gefunden habe, aber ich bin ja eigentlich kein Fan der großen Meister und also auch von diesem nicht.

Mit der genauen Beschreibung der Sinnlosigkeit des durchschnittlichen Lebens beziehungsweise dessen Extremsituationen geht es weiter.

In “Auflösung” verschwindet einer in die Psychiatrie, weil er die Zeit verliert. in “Pyr” legt ein Pyromane seinem Autor die Liebe zum Feuer in die Feder und in “Schnee” verschwindet der Direktor einer Firma in den weißen Massen und erlebt ein nie geahntes Glücksgefühl dabei.

Wie schon gewußt, sehr präzise und genau erzählt “Ein Fall von früher Meisterschaft”, schrieb die “Abendzeitung am Buchrücken.

Wir wissen  nun inzwischen, wie es mit Daniel Kehlmanns Begabung weitergegangen ist.

 

Das Hochhaus

Jetzt kommt wieder etwas ganze Altes von der Leseliste, ein Buch, das ich in einem der offenen Bücherschränke gefunden habe. Und da reagiere ich vorwiegend nach Namen, die schönen Cover tuens mir auch manchmal an.

Aber den Namen Drewitz kannte ich, glaube ich, aus der Zeit als es noch, die sozialistische Zeitschrift “Die Frau” gegeben hat, die meine Mutter abonniert hatte, vielleicht auch aus der “Emma” oder der “Stimme der Frau”, die ich eine Zeittlang gelesen habe, beziehungsweise der Alfred sie in den Achtziger- und Neunzigerjahren oder so lange es sie gab, für die Anna abonniert hatte.

Keine Ahnung, der Name hat sich mir eingeprägt und jetzt habe ich natürlich nachgegooglet, daß Ingeborg Drewitz, die 1923 in Berlin geboren wurde und  1986 dort gestorben ist, eine gesellschaftpolitische, sozialkritische Autorin war, die einige Romane und Sachbücher geschrieben hat und bis vor ihrem Tod, auch Jurorin beim “Bachmannpreis” war.

Es gibt auch einen nach ihr benannten Preis oder Preise.

Heute scheint sie aber ziemlich vergessen und ihre Bücher höchstwahrscheinlich nur mehr antiquarisch erhältlich.

Am Buchrücken steht fettgedruckt “Menschen und Gefühle in Beton….” und unter der Inhaltsangabe “Ein Roman aus der Unwirtlichkeit unserer Städte.”

Das Buch ist 1975 erschienen und spielt 1974 in einem Hochhaus in Berlin. Die Handlung zieht sich eine Woche von Freitag bis Donnerstag hin und da wird jeden Tag eine Beschreibung voranggestellt.

“Freitag” beispielsweise “Freitagnacht ist die erste Nacht der Woche. Freitagnacht werden Kinder gemacht. Freitagnacht wird viel Alkohol getrunken. Denn Freitagnacht fühlt sich der Mensch als Mensch.”

Dann gehen wir hinein in das Haus und lernen seine Bewohner kennen, die recht unterschiedlicher sozialer Herkunft sind, was ich beispielsweise nicht so realistisch finde.

Da zieht jedenfallls in den sechzehnten Stock aus Kassel, ein Direktor mit seiner Frau und seiner Tochter Susanne ein und rüstet sich zur Willkommensparty, wo er die anderen Direktoren samt Gattinen seiner Firma einlädt.

Die zwölfjährige Susanne hat mittlerweile die Bekanntschaft des gleichaltrigen oder vielleicht dreizehnjährigen Peters gemacht, sie beobachtet aus dem Fenster, wie er von zwei Jungen, Jockel und Kalli am Bein verletzt wird.

Die wohnen auch in dem Haus, Jockel ist schon fünfzehn und hat seine Mutter verloren, jetzt lebt er mit dem Vater, einem Fernsehautor, beziehungsweise reißt er, nachdem er Peter ein Bein gestellt hat, aus, kommt eine Nacht nicht heim, raucht einen Joint, bevor er vom Hausmeister, der stark berlinert nach Hause gebracht wird.

Kalli ist der Sohn eines Omnibusfahrers, Schofför steht in dem Buch, aber das ist der, der im Mercedes den Herrn Direktor Montag früh abholt und in die Firma bringt, während Jockels Vater einen BMW fährt.

Kalle hat einige Geschwister und wenn, die Eltern ein bißchen Sex haben wollen, schicken sie die Kinder nach draußen zum Spielen. Viele Kinder und eine schon wieder schwangere Frau hat auch der Herr Pastor, der ebenfalls in dem Haus wohnt.

Dann gibt es noch zwei ältere Damen und, um wieder zu Peter zurückzukommen, sein Vater, ein Maler, hat sich politisch betätigt und sitzt jetzt im Gefängnis. Darüber wird getruschelt, die Mutter Mitte Dreißig ist Verlkäuferin in einer Stoffabteilung und besucht den Vater jeden Sonntag in Tegel.

Bis Montag zieht sich die Handlung dahin und wir lernen die einzelnen Charakäre kennen, die Kinder freunden sich untereinander an, Susanne und Peter tun das, Jockels Vater macht ein großes Essen für den wiederheimgekommenen Sohn und verschafft ihm eine kleine Rolle im Fernsehen.

Susannes Mutter nimmt  Reitstunden und kleidet sich und die Tochter auch in standesgemäße Breeches ein und Peters Mutter geht Montagabend plötzlich aus dem Haus und alleine in ein Tanzlokal.

Sie fährt dann im Taxi heim, wird von einem, mit dem sie einige Male tanzte, im Auto verfolgt und am Dienstag steht der dann im Flur und fragt bei den Postkästen, eine der alten Damen nach einer Frau Aussehens.

Die antwortet aus Angst nicht, in einem wirklichen Hochhaus werden sich auch nicht alle Mieter kennen und mir würde nicht auffallen, wenn ein Fremder plötzlich am Montag bei den Postkästen steht.

Der findet jedenfalls die Mutter, als sie von der Arbeit nach Hause kommt und fährt mit ihr weg und nun nimmt die Handlung einen rassanten Schwung und es passiert wohl das, was Ingeborg Drewitz damit thematisieren wollte.

Die Mutter kommt jedenfalls nicht mehr zurück und der Sohn ruft am Dienstag aus der Schule in dem Kaufhaus an, die Kollegin meinte zwar, die Mutter wäre krank, meldet sich, was mir auch ein wenig unrealistisch erscheint, gleich bei der Fürsorge und, die erscheint dann auch und klopft oder läutet.

Es macht ihr aber niemand auf, denn Peter hat sich vor Schreck in der Wohnung verbarrikatiert. Ob das realistisch ist weiß ich nicht so genau. Er hat jedenfalls Angst, daß die Möbel geklaut werden würden, wenn ihn die Fürsorgerinnen in ein Heim bringen.

Die Fürsorgerin fragt beim Hausmeister nach und der geht auch hinauf und klingelt, überlegt, ob er den Kleinen nicht nach untern oder von dort was zum Essen hinaufbringen soll?

Diese Überlegungen haben auch der Pastor, die alte Dame, inzwischen steht das Verschwinden der Mutter schon in der Zeitung, ruft bei der Pfarre an, wo die Sekretärin zur selbständigen Nächstenliebe rät und Kallis Vater.

Sie kommen aber nicht dazu, den Kleinen in ihre Wohnungen mitzunehmen und ihren überlasteten schwangeren Frauen einen Tischgast zuzumuten, denn der macht nicht auf und der Pastor weiß auch schon weiter, daß das die Fürsorge nicht zulassen wird, weil sie mit ihm ja nicht verwandt sind.

Am Donnerstag oder so hat die Fürsorge, dann die Wohnung aufgebrochen und Peter mit einer Rotenkreuzschwester ab- beziehungsweise in ein Heim geführt und das Leben geht in dem Hochhaus weiter, beziehungsweise macht Susanne ihren Eltern Schwierigkeiten, als sie sich zu Essen weigert, wird aber von ihnen gleich belehrt, daß es eben soziale Unterschiede geben muß und am Schluß des Buches gibt es noch zwei kurze Zeitungsnotizen, die eine daß eine etwas Dreißighährige Frau erwürgt am Ufergebüsch aufgefunden wurde und dann noch eine von einem Autounfall und einen ausgebrannten Wagen, wo man rätseln kann, ob das der des Mörders der Mutter ist: “Bisher fehlt die Bestätigung des Unfalls der DDR-Behörden” steht noch darunter, was uns daran erinnert, in welcher Zeit das Buch geschrieben wurde. Die Väter, die darin vorkommen, sowie der Hausmeister müssen sich ja auch noch die Frage gefallen lassen, was sie vor 1945 gemacht haben und der Hausmeister ist, wie man liest, auch Blockwart gewesen.

Und mir hat sich beim Lesen die Frage gestellt, was man in einem solchen Fall wohl wirklich richtig macht?

Was macht ein Zwölfjähriger, dessen Mutter am Abend nicht nach Hause kommt? Geht er zur Polizei, zu den Nachbarn, am nächsten Tag zur Lehrerin oder in die Direktion?

Und die Nachbarn, Kallis Eltern, vielleicht auch, die von Susanne, obwohl sie den Jungen noch gar nicht kannte, der Pfarrer, der Hausmeister sollen sich vorläufig, um ihn natürlich kümmern, wenn er anläutet und sagt “Die Mama ist nicht da?”

Aber dann wird sich vermutlich tatsächlich das Jugendamt einschaltetn und nach Verwandten fragen und wenn, die Mutter unauffindbar ist, ihn wahrscheinlich auch in ein Heim bringen.

Ein spannendes Buch, wo sich das meiste, abgesehen von den politischen Geschehen, das inzwischen anders ist, vielleicht auch heute noch so abspielen könnte.

Ich würde nur bezweifeln, daß sich Hartz IV Empfänger oder Alleinerzieherinnen wirklich unter einem Dach mit einem Pastor und einem Betriebsdirektor, der vom Chauffeur abgeholt wird, befindet, auch wenn es natürlich Dachetagen gibt, die viel teurer und viel größer sind und Ingeborg Drewitz dürfte es wohl auch vorwiegend, um die soziologischen Aspekten bei ihrem Roman gegangen sein, wie man an der “benützen Literatur”, die auf den letzten Seiten angegeben ist, sehen kann, besteht die  hauptsächlich aus Büchern über “Die wohnliche Stadt”, “Städtbauliche Utopien” und andere “Wohnbaubücher. Literatur von Konfrad Lorenz und Alexander Mitscherlich ist aber auch angegeben.

Im Lande Israel

Jetzt kommt wieder etwas von meiner Leseliste und aus dem Bücherschrank, ein grünes “Suhrkamp-Taschenbüchlein” aus dem Jahr 1984, das Jahr in dem meine Tochter Anna geboren wurde.

Amos Oz “Im Lande Israel” und da ist der 1939 in Jerusalem geborene Schriftsteller, der in einem Kibbuzt lebt oder lebte, 2015 hat die Übersetzung seines “Judas” den “Preis der Leipzigerbuchmesse” bekommen, 1982, wie er im Vorwort schreibt, im Lande herumgereist und hat Gespräche mit verschiedenen Menschen geführt, die hier in den einzelnen Kapitel widergegeben werden, das von dem Land, seinen Leuten, seinen Schwierigkeiten, Problemen, Freuden erzählt.

Für eine, die nicht sehr viel Ahnung von der israelischen Literatur hat und gerade mal ein paar diesbezügliche Krimis, sowie einen Roman von Judith Katzir, David Grossmann und einen Meir Shalev gelesen hat, wo sie sich wunderte, wie gewalttätig, das Leben in den Jerusalemer und Tel Aviver Straßen ist und, daß da oft nicht einmal Kinder ungestört in ihre Schulen fahren können, nicht sehr einfach zu lesen.

Es kommt auch noch dazu, daß sich seit den frühen Achtzigerjahren des vorigen Jahrhundert sicher viel verändert hat, die Politiker nicht mehr die selben sind und, die Menschen die hier zu Wort kommen, vielleicht gar nicht mehr leben. Trotzdem ist der Streifzug durch das Land in dem ich nie gewesen bin sehr interessant, macht neugierig, verlockt zum Lesen und mit Ajelet Gundar-Goshen “Löwen wecken”, ein Buch über das ich in Leipzig vor zwei Jahren, wo Israel ja Gastland war, werde ich das, weil inzwischen auch gefunden, hoffentlich in diesen Jahr noch tun und jetzt hinein in das Land und zu seinen Leuten, mit Amoz Os durch Israel, der aus seinen Streifzügen sehr poetische Schilderungen machte und mit den Leuten,  mit denenAmos Oz, wie er in seinem Vorwort noch betonte, ohne Aufnahmegerät seine Interviews machte, über Religion und Glauben, die Araber und das leidige Palästineserproblem, über die Goj ims und die Dschidden, was die letzteren sind, kann man in den Fußnoten, wenn man es nicht schon weiß. nachlesen, führte. Es geht auch, um die Frage, was der Unterschied zwischen einem Israeli und einem Juden ist?

Ich würde da sagen, daß ein Jude einer mit dem entsprechenden Glaubensbekenntnis und ein Israeli der ist, der in diesem Land wohnt, aber vielleicht sieht man am Orte des Geschehens diesbezügliche Unterschiede.

Es wird auch die Frage diskutiert, ob die Juden, wenn sie sich nur rechtzeitig gewehrt hätten, den Holocaust verhindern hätten können und oo das ihre Palästinenserpolitik rechtfertigt.

Amos Oz besucht die Ost Jerusalemer Zeitung “Die arabische Morgenröte” und den Friedhof von  Sichron Ja`akow und läßt einen arabischen Schriftsteller über seine schwierige Annäherung an die Israeli und seine Erfahrungen, daß diese auch Menschen sind erzählen. Dann diskutiert er mit Pater Dubois über “den Kampf zwischen Juden und Arabern, zwischen Irsrale und den Gojim und hört noch einen alten Mann über die Erfahrungen der Gründung Israels erzählen.

Am Schluß gibt es noch die Erfahrungen, die Amos Oz nach den Veröffentlichungen seiner Aufzeichnungen in der wöchentlichen Beilage der Zeitung “Davar” machte und die “New York Times Book Review hat über “Im Lande Israel geschrieben:  “Dieses Buch führt in eindringlicher Weise jene menschlichen Realitäten vor Augen, die die explosive Situation der israelischen Gesellschaft bewirken.”

Interessant mit Amos Oz durch Israel zu reisen und sich die verschiedenen Stimmen von Land und Leute anzuhören, aber natürlich setzte ich hinzu, daß es wahrscheinlich noch interessanter ist, sich selber in den Flieger zu setzen und das heutige Land und seine heutigen Stimmen und Stimmungen zu beobachten und zu erfahren.

Aber ich bin ja, wie ich immer schreibe nicht sehr reiselustig, so hat es ein literarischer Kurzausflug zur Eindrucksfindung sicher auch getan und neugierig auf die israelische Literatur und seine Schriftsteller, bin ich, wenn ich das nicht schon vorher war, auf jeden Fall geworden.

stella maris

Jetzt kommt die erste österreichische Neuerscheinung aus dem “Braumüller-Verlag”.

Mit “Stella Maris”, der 1976 geborenen Isabella Feimer, die zeitgleich mit Cornelia Travnicek beim “Bachmann-Preis” gelesen hat, im Vorjahr “Hans-Weigel- Stipendiatin” war und von der ich schon zwei Bücher gelesen haben, ein sehr poetischer dystopischer Roman gelungen, ein Science Fiction der Poesie könnte man so sagen, es geht um Eva, das Urweib, die unsterbliche, die zwar nicht aus dem Paradies, aber von den Schmetterlingen gekommen ist, jetzt auf der Raumkapsel mit der sie sich, als die Welt in Scherben lag, mit dem Captain, Ines der Dschungelfrau die dort die Pflanzen retten soll und noch zwei Männern zurückgezogen hat.

Der Captain vermutet, daß sie dorthin den Teufel bringt, aber Eva, die urweibliche sucht nur nach ihren Stern, den “stella maris” und geht dazu durch die rote Tür der Erinnerungen.

In Fragmenten tauchen diese auf und so wird auch nicht von der ganzen Weltgeschichte erzählt, sondern stichpunktartig frühere Lebenserfahrungen in Rom und und Paris mit Luigi, Joe und auch der Signora, die immer Orangenlikör trinkt, bei der Eva wohnt wiedergegeben.

In Rom gibt es nicht nur die Ruinen, sondern auch in den Duce und den Faschismus, in Paris wird  zum Widerstand gerüstet und Eva, die unsterbliche, die weibliche, die für die Liebe nicht für den Teufel lebt, rast durch ihre Vergangehheit und ihre Lieben, sucht die auch auf der Kapsel, mit Roul dem Maschinisten, mit Jaques, sowie den Captain, der vielleicht auch unversterblich ist, sich aber in seinen Glassarg zurückgezogen hat.

Sehr kunstvoll wird all das von der Liebe, den Schmetterlingen und den Drachen erzählt. Den wirklichen Science Fiction Liebhabern wird Isabella Feimers Sprache vielleicht zu schön und das Ganze zu poetisch sein.

Aber man streicht immer wieder Sätze und Wendungen an, die mir nicht so kitschverdächtig, wie Valerie Fritsch letzter dystopischer Roman erschienen und mir das Buch auch verständlicher war, als die “Tropähen”, die ich zweimal lesen mußte, um die Handlung mitzubekommen.

Hier ereichte das eine Mal und Handlung gibt es eigentlich auch keine zu erzählen, denn es ist eine Gesang an die Liebe, eine Erinnerung an die Natur und ihre Pflanzenwelt, die Sehnsucht nach den Sternen, dem Unzerstörbaren, wärend die Welt unter den Unsterblich gewordenen längst in Trümmern liegt.

“wir sind gefallen, Eva, sagt der Captain, alles war umsonst, nichts ist es wert gerette zu sein. nein, wiederhole ich, denke Licht, Sonnenstrahl, denke mich für einen Augenblick zurück in den Ozean meiner Erinnerung, nichts weiter   als ein vergessener Stern ist der Mensch, sagt der Captain, nichts ist der Mensch, nein sage ich, blicke mich um, sichtbar das All und das was hinter Dunkelheit und Stille liegt.

“Du hattest recht, mein Captain sage ich leise, der Mensch ist ein vergessener Stern, er hat sich in seinem eigenen Licht verloren”

So schließt das Buch und die Liebhaber der Sprachräusche und der schönen Worte, haben einige Stunden Poesie gehabt, bevor sie zurückgehen in diese Welt  und vielleicht das Radio aufdrehen, um von Regierungs- undFlüchtlingkrisen, Terroranschlänge und den neuen Plänen des neuen amerikanischen Präsidenten zu hören.

Wolfgang Kauers Podium Portrait

Aus Salzburg habe ich mir als Souvenir ein wenig Lyrik mitgebracht oder Wolfgang Kauers Podium Portraitband 92, das sind die kleinen sechzig Seiten Heftchen, die der Literaturkreis Podium immer zu den runden Geburtstagen seiner Mitglieder und Wolfgang Kauer wird im  Februar sechzig, herausgibt und sie dann meistens im Fünferpack in der “Alten Schmiede” und wahrscheinlich auch an anderen Orten vorstellt.

Bei ein paar solcher Veranstaltungen bin ich gewesen und bekomme die Heftchen auch regelmäßig geschenkt, so daß ich schon ein paar besprochen habe, während noch andere auf meinen Stapeln warten.

Dabei liest sich Lyrik eigentlich sehr schnell und man sollte sich nicht nur im März, im Monat der Lyrik, wo es in der “Gesellschaft für Literatur” regelmäßige Veranstaltungen gibt, die GAV einen “Lyrik im März Auftritt” hat und der “Literaturkreis Podium” auch immer einen diesbezüglichen Folder herausgibt, mit ihr beschäftigen.

Noch haben wir aber Januar, also einen kleinen Rundgang durch Wolfgang Kauers Lyrik, der 1957 in Linz geboren wurde, in seiner Jugend Schlagzeuger war, Germanistik studierte und jetzt als Lehrer und Kulturvermittler in Salzburg lebt, er hat da, glaube ich, eine eigene “Freitag-Reihe”, wo er in seinem Stadtteil Literaten vorstellt, mit Margot Koller hat er zweimal zum Thema “Abgeschoben” und “Angekommen” eine Veranstaltung im AAI in der Salzburger Wiener Philharmonikergasse, gleich beim Festspielhaus, organisiert, wo ich aus der “Wiedergeborenen”, sowie den “Sommererlebnissen” gelesen habe.

Er ist auch, glaube ich, historisch sehr interessiert und forscht jetzt zu Felsritzbilder, die auch am Dom angebracht sind und, die er uns am Donnerstagabend zeigen wollte, hat  schon eine große Anzahl von Publikationen, den 2010 bei “Arovell” erschienenen Prosaband  “Funken regen”, habe ich mir einmal vom Bücherflohmarkt der Stadtbücherei St. Pölten gekauft und jetzt habe ich Wolfgang Kauer auch, als Lyriker kennengelernt, das heißt einige der Gedichte, habe ich schon gekannt, hat er daraus doch bei unserer Lesung vorgetragen und hat, glaube ich, auch einige Gedichte speziell für das Portrait ausgesucht, in dem es, wie bei der Portraitreihe üblich, zuerst ein großes Bild des Autors gibt, dann folgt eine sehr genaue und ausführliche Einführung von Maria Herlo in Wolfgang Kauers künstlerisches Schaffen und dann geht es in die “Ausgewählten Gedichte”:

“Salzburg, kleine Stadt von Welt”, heißt es da gleich zu Beginn und man kann einen lyrischen Streifzug durch die Mozartstadt machen. Kann “Mit dem Flussgott auf Kuschelkurs” gehen, “dem Jupiter aus Zorn beide Hörner abgebrochen und sie den Bürgern der Stadt aufs Haupt gesetzt hat.”

Man sieht, der Lyriker, Wolfgang Kauer hat eine sehr prosaische Sprache und er zeigt sich auch gleich weiter von seiner historischen Seite, in dem er auf die “Schnabelkanne”, das ist eine Bronzedarstellung, die im Keltenmuseum Hallein zu bewundern ist, der er, glaube ich, auch eines oder mehrerer seiner Werke, gewidmet hat.

Dann gibt es, für den Deutschlehrer typisch, mehrere Hommagen, an Trakl, Bachmann, Jandl, beispielsweise, aber auch, was  an den Musiker erinnert, einen Rap, der von Matthea  Harvey und Mieze Medusa inspiriert  wurde:

“Ja, wenn das Wippen über den Rippen zu langsam geht, dann wird es mal wieder viel zu spät.

Die die Trümmer kontrollieren, dürfen hier passieren, dürfen schikanieren, dürfen injizieren….”

Ein “So nett” auf das Jahr “1968”, das ja für die in den Fünzigerjahren Geborenen, zumindestens, als Erinnerung sehr wichtig war, gibt es auch.

Von  den Achtundsechzigern geht es  zu einem “Anakreontischen Naturgedicht:

Die Vögel im Bade am Dach meiner Habe. In der Tonne die Sonne, im Spiegel das Siegel der Verschwiegenheit”

Es wird aber gleich wieder politisch, wenn es an die “Überfischung” der Meere geht.

Wolfgang Kauer kann es  auch humoristisch und macht als Gymnasiallehrer eine “Ode an eine Gymnastikhalle”, über die man sicher schmunzeln kann.

Die Politik bleibt aber, was mir sehr sympathisch ist, nicht aus und wird uns gleich wieder einholen, wenn es an die

“Vergangenheitsbemächtigung” geht:

“Streu mir Springkraut der Erinnerung auf die Waagschale Nagle mich fest zwischen den dornigen  Fingerkuppen”, heißt es etwa da und läßt einen lange nicht los und es geht weiter mit einem “Vergabespiel”:

“Es gab eine Zeit, da hat man Köpfe vermessen. Heute vermisst man sich am Faktor Mensch. Herr, gib uns die Kraft, Stand zu halten, wenn sie über uns kommen, die Heuschrecken!”

Die schon erwähnte Flüchtlingsproblematik holt uns ein in dem Gedicht “Volatilität:

“Wir lassen keinen mehr ins Boot, die Suppe reicht nicht mehr für alle!, bellts doggenhaft am Rednerpult”.

Im “Spießrutenlauf” wird an die Ereignisse in Parndorf, wo ein LKW mit siebzehn erstickten Flüchtlingen, im August 2015 gefunden wurde, gedacht.

Dann geht es zurück nach Salzburg, beziehungsweise “Maxglan”, wo Leni Riefenstahl, den Film “Tiefland” drehte, dafür einige Roma und Sinti aus den Lagern holte, sie “wunderschöne Menschen” nannte und nach Abschluß der Dreharbeiten wieder zur Vernichtung zurückschickte.

Eine Hommage an die “Milchnudeln”, der 1945 im Internierungslager Karlsdorf verstorbenen Katharina Kauer, gibt es auch und man hat in dem schmalen Bändchen sehr beeindruckende, politische Gedichte gelesen, die sowohl nachdenklich, als auch auf eine weitere Lektüre der Kauerschen Werke neugierig machen.