Male

Nach einigen anderen Neuerscheinungen komme ich nun, nachdem auch auch schon die Shortlist bekanntgegeben wurde zu Buch zehn der deutschen Longlist, dem Episodenroman “Male” des 1983 geborenen Roman Ehrlich, den ich, glaube ich, von seiner “Bachmann-Lesung” kenne.

Er wird als dystopischer Roman angepreist und ist, wie ich einem Interview mit dem Autor bei “Papierstau” entnommen habe, eher eine Episodensammlung,die mit viel Witz und Ironie von einer untergegehenden Insel, die von einigen Aussteigern bewohnt wird, mit vielen Anspielungen auf die Gesellschschaft und der Literatur erzählt.

Und die eher ihnhaltslose Aneinderhäufung von verschiedenen Handlungsträngen, die eigentlich keinen rechten Zusammenhang haben, habe ich als sehr witzig gefunden und Roman Ehrlichs eher leichten Stil sehr angenehm. Ein Buch das mir also sehr gut gefallen hat, obwohl es ja nicht auf die Shortlist gekommen ist.

Es beginnt mit einem Gefesselten, der in einem Keller der ehemaligen Hauptstadt der Maldeviven, wie Roman Ehrlich immer wieder betont, untergebracht ist. Das klingt schon einmal sehr nach einer Dystopie, der Roman ist aber, glaube ich, keine wirkliche, obwohl er wahrscheinlich in der Zukunft spielt.

Die Malediven versinken im Wasser und im Müll, werden von herumpatroullierend Milizen überwacht. Es gibt ein Schiff auf dem Drogen hergestelt werden, die Droge heißt Luna und die Aussteiger der ganzen anderen Welt, haben sich in der ehemaligen Hauptstadt zusammengefunden, die ein ehemaligen Luxushotel, das “Royal Raaman Residence” hat, einen Gasthof, den “Blauen Heinrich”, ein Fastfood Restaurant nahmes “Hühnersultan” und ein Schwimmbad in einem ehemaligen Krankenhaus.

Das nun mal zu dem Sezenario. Elmar Bauch der, wie es immer wieder heißt “verzweifelte Vater der verschwundenen Schauspielerin Mona Bauch”, ist auf die Insel gekommen, um man seiner Tochter zu suchen. Es gibt auch immer wieder erwähnt, die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Frances Ford und den ebenfalls verschwundenen Lyriker Judy Frank, der offenbar gemeinsam mit der Schauspielerin verschwunden ist.

Ja, Roman Ehrlich scheint es auch mit den Namen zu haben. Es gibt, wohl um die Internationalität zu unterstreichen neben den klingenden auch viele schwer zu merkende wie Maliko Barbari. Es gibt aber auch eine Valeria Lenin und einen Professor, der so wie die Gräftin in Raphaela Edelbauers “Flüsssiges Land”, an das mich “Male” ein wenig erinnert hat, der die Ausstiegerriege sozusagen regiert. Der lebt mit Bücher und einer verfaulenden Katze in einem Zimmer über dem “Blauen Heinrich” und der verzweifelte Vater der später auch einen unfall hat, so daß er auf einer Krüke gehen muß, muß zu ihm in Audienz.

Die Müllentsorgung wird thematisiert und es gibt auch immer wieder Anspielungen an das Schreiben oder an die Literatur. So beschäftigt sich die amerikanische Literaturwissenschaftlerin mit der “Österreichischen Literatur des einundzwanzigsten Jahrhunderts” und es steht auch geschrieben “Im Lichte ihrer Forschung und in Anbetracht der überall auf dieser Insel, an den Wänden im Blauen Heinrich und selbst noch auf der Haut der Ausgestiegenen ausgestellten Symbole, der Mondanbetung und des Blümchenfetisch, erscheint ihr alles hier wie eine Re-Inszenierung x-ter Ordnung (Romanticismus to the nth degree), denkt Ford in ihrer Muttersprache und fragt sich, ob das nicht irgendann ein Albumtitel gewesen ist), als die- wie immer- kritiklose Übernahme des ganzen ideologischen Gerümpels von Novalis, Byron, Puschkin, über die sozialistischen Arbeiterpoeten der DDR, bis hin zu den Kornblumen an den Revers der rechtsnationalen Nationaldichter und Politiker der Nachwende- und Nachjahrundertswendezeit, der volle Schwumms dieser Totalüberladung, hier nochmals eingeführt aus der tiefen Sehnsucht danach, eine Heimat aus tiefempfundener Verbundenheit auch andersort installieren zu können und also nicht gefesselt zu sein an die eigene Herkunft und am Herkunftsort herrschenden Verhältnissen, den Mindset, die Trägheit, die Verblödung, die Angst und das Feindselige der anderen, von diesen Herkunftgsort Hervorgebrachten”.

Das nur zum Stil von Roman Ehrlich, was man glaube ich, an diesem Endlossatz hervorragend demonstrieren kann, obwohl ich eigentlich nur die literarische Anspielung zitieren wollte.

Es gibt auch einen beleibten Schriftsteller, der einige Inseltypen zum Essen in den “Hühnersultan” ein und sich von ihnen Geschichten erzählen läßt, um Inspirationen für seine Romane zu bekommen.

Ein interessantes Buch und eine Abwechslung zu den vielleicht allzu hochgestochenen anderen Buchpreisnominierungen, das ich, wie schon erwähnt, sehr amüsant und spannend gefunden habe, weil es mich zumindestens ein bißchen an meinen eigenen Schreibstil erinnert hat.

Himmel auf Zeit

Mit den Frauen aus den Neunzehnhundertzwanzigerjahren geht es gleich weiter, bevor es wieder an das Lesen der deutschen Buchpreisliste geht und zwar hat da Karen Grol einen fiktiven Roman über die vergessene Malerin Anita Ree, die in Hamburg in einer jüdischen Kaufmannsfamilie 1885 geboren und protestantisch erzogen wurde und deren Bilder sich in der Kunsthalle Hamburg befinden, geschrieben.

Im Nachwort gibt es Hinweise auf die verwendeten Materalien und beginnen tut es mit einer Rahmenhandlung.

Da kommen 1937 die Nazis in die Kunsthalle, um sich die Bilder für ihre Ausstellung der “Entarteten Kunst” in München zu holen. Der Hausmeister oder Assistent Wilhelm, dem wir noch öfter begegnen, holt gerade die Bilder, um sie unter seinem Bett zu verstecken.

Dann erfahren wir viel von der schüchternen Künstlerin, Karen Grol hat ja in ihrem Nachwort geschrieben, daß sich der Roman, nicht Biografie aus Fakten und Fiktion zusammensetzt, die gerade von einer Sommerschule zurückkommt, wo sie sich bis 1910 etwa bei einem Arthur Sibelist ausbilden ließ.

Das ist ihr aber zu wenig. Sie will nach Paris, um sich an Matisse, etecerta zu orientieren. Das geht aber in einer gehobenen Kaufmannsfamilie nicht, obwohl der Vater für das Studium der Tochter Verständnis hat. Die Mutter zu der es offenbar ein schwieriges Verhältnis gab, das eher nur bis zur Eheschließung duldete. Anita reist aber nach Berlin, um Max Liebermann ihre Arbeiten zu zeigen. Der lobt ihr Talent und ein Matisse-Schüler namens Franz Nölken nimmt sie ans Schülerin an.

Sie verliebt sich in ihn, er will aber davon nichts wissen und fällt später im ersten Weltkrieg. Sie geht nun doch für einige Monate nach Paris, lernt dort Aktzeichnen, orientiert sich an Renoir, Cezanne und Leger und als der erste Weltkrieg kommt, ihre Schwester Emilie hat sich inzwischen verheiratet, leidet sie an Hunger. Es gibt überall nur Steckrüben zu essen und das Geld des Vaters ist auch durch die Inflation verschwunden. So muß sie Portraits malen und verkaufen.

Sie ist mit verschiedenen Künstlern, wie beispielsweise Ida Dehmel, der Gattin des Dichters befreundet, geht zu Vorträgen von Gerhard Hauptmann und Gottfried Benn, erlebt den anwachsenenden Antisemitismus und geht 1922 für einige Jahre nach Italien. Dort wird sie von einer neuerlichen Liebe, dem Buchhändler Christian Selle öfter besucht, raucht mit ihm Opium und malt die verschiedensten Modelle. Dann muß sie nach Deutschland zurück, da ihre Familie das Elternhaus verkaufte, zieht von Wohnung zu Wohnung, verkauft einige Bilder und hat auch schöne Ausstellungen, trotzdem scheint sie an Depressionen zu leiden und unglücklich zu sein.

Ein Ekzem an der Hand behindert sie auch am Malen und am Schreiben, das sie offensichtlich ebenfalls betreibt. Die Nationalsozialisten kommen und entlarven ihre jüdische Herkunft, so daß sie einige Aufträge, Bemalungen an Kirchenwände verliert.

Geplante Auslandsaufenthalte scheitern, das Geld geht aus. Die letzte Zeit verbringt sie in einer kalten Dachkammer in Sylt, wo sie sich 1933 das Leben nimmt und das Buch endet im Jahr 1947, als alles vorbei ist und der Hausmeister Wilhelm, die Bilder mit seiner Anna wieder zurück in die wiedereröffnete Kunsthalle bringt, die inzwischen von einem Freund von Anita Ree geleitet wird.

Interessant eine mir bisher unbekannte Künstlerin kennenzulernen, am Klappentext gibt es ein Selbstportrait der Malerin, die venezuelanische Wurzeln hat, zu sehen. Im Netz sind weitere zu finden und interessant ist auch, daß die 1964 geborene Karen Grol, wie Robert Seethaler ebenfalls den Kunstgriff mit einer nicht so bedeutenden, wahrscheinlich erfundenen Person, die die Hauptpersonen begleiten, wählte.

1929 – Frauen im Jahr Babylon

Die Neunzehnhundertzwanzigerjahre waren ja sehr aufbruchsbereit und brachten viel revolutionre fortschrittliche Veränderungen, bis es einige Jahre später zum Rückschritt und zum Zusammenbruch kam, was sich neben dem Bubikopf und anderen, in der Literatur ausdrückte.

Da war ich ja einmal, als das noch ging, bei einem diesbezüglichen Vortrag von Evelyne Polt-Heinzl in der Wien-Bibliothek, habe auch schon einiges von Vicki Baum, etcetera gelesen und vor kurzem ein Mail bekommen, daß “ebersbach & simon” fünf Bücher herausgebracht hat, die sich mit diesem Thema beschäftigen.

Zwei habe ich schon bekommen und beginne mit dem der 1961 geborenen Germanistin Unda Hörner “1929 Frauen im Jahr Babylon”. Sie hat, glaube ich, schon eines über “1919” herausgebracht, wo sie Monat für Monat in die damals wichtige Frauenwelt einführt und dabei mit Erika Mann beginnt, die mit ihrem Bruder Klaus im Oktober 1927 ein halbes jahr auf Amerika-Fahrt gegangen ist, dort Vorträge, etcetera hielt und nun ein Reisebuch darüber schreiben will und ihre Scheidung von Gustav Gründgens ist gerade auch erfolgt. Die Geschwister sind von dem fortschrittlichen Amerika begeistert, empören sich über die Rassenunterschiede, die dort herrschen und Erika Mann möchte auch nach ihrem Vorbild der Auto begeisterten Clärenore Stinnes, die gerade mit einem Fotografen und zwei Technikern von Argeninien nach Chile fährt, den Pilotenschein machen, während Marlene Dietrich im Tonfilm sich zu “Ich küße ihre Hand Madame!”, zeigt und der Roman “Im Westen nichts Neues” erschienen ist.

Im Februar soll dann der berühmte Alexander Platz umgestaltet werden, da spielt das Architekten und Designerpaar Peter Behrens und Else Oppler-Legband eine Rolle und aus Amerika kommt Luise Brooks angereist, um in G. W. Papst “Lulu” eine sehr laszive Rolle zu spiele, während Vicki Baum im Hotel Excelsior putzt, um dort ihre Recherchen für die “Menschen im Hotel” zu machen.

Die “Stud. chem. Helene Willfüer” ist schon erschienen, Vicki Baum hat der Harfe abgesagt und sitzt jetzt in der “Ullsstein-Redaktion” und die Verlegerin Edith Jacobsohn hat im März in Erich Kästner einen Kinderbuchautor gefunden und der schreibt im Cafe Josty seinen “Emil und die Detektive”.

Brecht führt seine “Dreigroschenoper” mit Lotte Lenya auf, die auch vorher in den “Pionieren in Ingoldstadt” von Marieluise Fleißer auf und heiratet Helene Weigel, obwohl er viele Freundinnen hat. Die Fotografin Lotte Jakobi fotografiert die Berliner Prominzenz und Lotte Lenya möchte in die kommunistische Partei eintreten.

Am ersten Mai 1929 kam es in den Berliner Arbeiterbezirken zu heftigen Ausschreitungen, während Lotte Jakobi die Bauhausmöbel fotografiert. Später kauft sie sich eine Leica, während der Rundfunk und der Tonfilm die Welt eroberten und die schon erwähnten Stars ihre Rollen spielen.

Im Sommer geht es aufs Land oder an Nord- bzw. Ostsee, Thomas Mann entdeckt sein Häuschen in Nidden, bei dem ich schon war. Gerhard Hauptmann logiert, glaube ich in Hiddensee. Behrens gewinnt die Ausschreibung am Alexanderplatz, wo seine Frau mitarbeitete und um die übersehenen Frauen an der Seite der großen Männer, die unbemerkt einen großen Teil der Arbeit machen, geht es auch.

Joachim Ringelnatz und Kurt Tucholsky dichten, Cläirenore Stinnes kommt von ihrer Weltreise zurück, wo ihr Ford sein Museum vom Traum des freien Mannes, wo jeder sein eigenes Haus, Auto und Urlaub hat und nicht mehr denken muß, zeigte und sie vom Präsidenten Hoover empfangen wurde und macht auch einen Film daraus und im August findet in Nürnberg im fränkischen Saal der vierte Reichsparteitag der NSDAP statt.

Im September geht es in Theater, da wird Friedrich Wolfs “Cyankali”aufgegeführt und Josef von Sternheim sucht für den “Blauen Engel”, die “Professor Unrat” Verfilmung, die Darstellerin der Hauptrolle, die er schließlich in Marlene Dietrich findet.

Im Oktober kommt der Börsenkrach in den USA und in Berlin gibt es die Angst, daß das Alexanderplatz-Projekt nicht fertig werden kann. Dafür erscheint aber Döblins berühmter Roman und mit diesen und dem “Emil” oder den “Menschen im Hotel” kann man sich ein genaues Bild Deutschland Ende Neunzehnhundertzwanzig machen.

Im November bringt die kleine Elisabeth Mann ihrem Vater ein Telegramm, das aus Stockholm kommt. Die Geschwister Mann wollen wieder auf Reisen gehen und es gibt Ausstellungen über die modernen Frauen.

Aber die Abtreibungen sollen verboten werden. Die Nazis werden durch die unzufriedenen Arbeiter an die Macht gebracht, die die Frauen wieder an den Herd zurückbringen wollen und so sind wir in dem Buch durch ds Jahr1929 gekommen, haben nicht nur von den berühmten Frauen, sondern vom aktuellen Zeitgeschehen gehört.

Unda Hörner schreibt vielleicht schon an einem Buch über 1939. Seien wir gespannt und das dritte Buch aus der Neunzehnzwanziger-Reihe ist auch schon zu mir gekommen.

Genossen

Jetzt kommt ein politisches Sachbuch das mir “Wagenbach” schickte, der 1962 geborenen amerikanischen Politikwissenschaftlerin Jodi Dean, die sich mit dem Begriff des “Genossen” der ja vom Genießen kommt, in allen Richtungen mit vielen Fußnoten und Erklärungen auseinandersetzt und das finde ich, die sich damit ja schon theoretisch als auch praktisch auseinandergesetzt hat, interessant, das einmal von der amerikanischen Seite, die da ja eine andere Geschichte und Sichtbild hat, zu betrachten, noch dazu, da ich mich mit der amerikanischen Politik nicht sehr auskenne.

Jodi Dean, die schon mehrere Bücher geschrieben hat, beginnt im Kapitel “Wie aus Unterstützern Genossen” werden mit einem Beispiel, wie Barak Obama, 2016 Bernie Sanders “scherzhaft aufs Korn nahm” in dem er ihn als “Genossen!”, bezeichnete, obwohl er ja einer anderen Partei angehörte.

Dann kommt es zu einer Abgrenzung des Begriffs Genossen, der, wie Dean vermutet in Europa als zu stalinistisch oder altmodisch abglehnt werden könnte, vom Kamerad und Kollegen abgrenzt und zitiert Beispiele, daß Leute von der Herzenswärme berichten, die sie spürten, wenn sie mit Genossen zusammenkamen. Man ist plötzlich in einer Reihe von Höherrangigen, die einen als Genossen bezeichnen, der Begriff kann aber auch Beispiel oben im negaiven Sinn verwendet werden.

Genosse ist man, um sich zu helfen und zu unterstützen und da sind wir schon bei dem amerikanischen System der Unterstützer, die es seit fünf Jahren auf den Unis gibt, wo sich Wohlhabende, um andere kümmern sollen und da gibt es schon ein Ratgeber, gibt wie sich der Unterstützer zu verhalten hat.

Dann gehts zur momentan ja sehr kritisierten Frage, ob ein Genosse weiß und männlich sein muß?

Dean beginnt mit der Genossin, da wären ja Rosa Luxemburg, Angela Davis und Clara Zetkin und eine Reihe mir unbekannter Namen Gegenbeispiele und bei den schwarzen Genossen wären wir schon bei der heute sehr oft diskutierten Frage, ob schwarz nicht mit Armut gleichzusetzen ist und ob Schwarze und Weiße wegen der zitierten sozialen Unterschiede wirklich Genossen sein können?

Bei den Genossinnen zitiert Dean noch das Beispiel einer, die in einem Kurs Hausarbeit als wichtigen Teil erwähnte und da von den Genossen unterbrochen wurde, weil das ja wirklich nicht wichtig ist, aber notwendig, füge ich hinzu und Dean komm zur “Negativität”, des Genossen und zitiert da den russischen Dichter Platonow, der ja, glaube ich, derzeit viel gelesen wird, der meinte, daß die Genossen schnell weg wären, sobald sie Brot und Eigentum besäßen, weshalb das zu unterbinden sei.

Im dritten Kapitel werden dann vier Thesen zum “Konzept des Genossen” aufgestellt und an vielen Beispielen, wie zum Beispiel dem 1936 entstandenen Film “Ninotschka” von Ernst Lubitsch mit Greta Garbo aber auch einer 1096 erscheinenen Erzählung von Naxims Gorki, den schon erwähnten Roman Platonow aber auch den Schriften von Marx, Trotzki Lenis, etcetera erläutert, daß

1.”Der Genosse durch Gleichheit, Gleichstellung und Solidarität ausgezeichnet wird

2. daß jeder kann aber nicht alle Genossen sein können

3. Daß das Individum ein anderer oder etwas anderer, als der Genosse ist und

4. wird die Beziehung des Genossen durch Treue zu oder an eine Wahrheit vermittelt werden”, was beispielsweise oft eine Partei sein wird.

Im letzten Kapitel “Mein Genosse bist nicht” geht es um das Ende der Genossenschaft, die Dean als “Ausschluß, Austritt, Abwendung und Ende der Welt”, definiert.

Beim Kapitelteil “Ausschluß”, da habe ich ja viel von den Ausschlüßen, die die KPÖ in den Fünfziger- oder sechzigerjahren bezüglich des Thema Stalinismus betrieben habe, gehört.

Dean führt die Moskauer Prozeße an, da habe ich ja kürzlich den Ruge und früher den “Lärm der Zeit”gelesen und außerdem das Beispiel, wie Trotzki eine Bahnfahrt verwehrt wurde, er blickte zu seinen Genoßen, die sind aber stumm geblieben, angeführt.

“Austritt” ist, wenn ich mich selber von der Partei abwende also kein Kommunist mehr sein will. Da schildert Dean das Beispiel eines C. L. R. James, der 1962 eine amerikanische Arbeiterzeitung verlassen hat.

“Abwendung” ist wohl, wenn ich ideologisch die Partei verlasse und beim Kapitel “Ende der Welt”, wo ich mir zuerst “No na oder was ist das wohl?”, dachte, wird lang und breit aus Doris Lessings “Goldenen Notizbuch”, zitiert, das ich, glaube ich, einmal gelesen habe, weil es mir Judith Gruber- Rizzy zum Geburtstag schenkte, als Lessing den Nobelpreis bekam, mich aber nicht mehr so gut erinnern kann, es also wieder lesen müßte.

Was wahrscheinlich überhaupt die Quintessenz nach dem Lesen von Jodi Deans Theorie ist. Lesen und sich mit dem Thema weiter befassen. Der amerikanische Kommunismus ist mir ja, wie schongeschrieben, sehr fremd. Sonst wurde ich öfter an Stephan Teichgräbers Workshops erinnert. Der mich ja bei den Themen Utopie, Revolution– und Partisanenliteratur, sehr oft mit alten russischen Büchern, die sonst an mir vorbeigegangen wäre, in Beziehung brachte. So habe ich ja zwei Teile des “Leidensweg” gelesen und beim Thema “Partisanen”, war ja auch einiges dabei, interessant, also eine amerikanische Wissenschaftlerin kennengelernt zu haben, die sich mit den “Genossen” befaßt, aber wenn man sich mit den amerikanischen Beispielen aus zeitlichen Gründen nicht weiterbeschäftigen kann, wird es zumindestens bei mir nur bei den Überschriften bleiben.

Die schwarze Stunde

Jetzt kommt bevor es mit dem Buchpreislesen weitergeht, ein Krimi oder Thriller, das kann ich nicht so wirklich unterscheiden, denn “Rowohlt” hat mir Antonio Manzinis fünften Band aus seiner Rocco Schiavone-Bestsellerreihe geschickt und das war, wenn man die vorigen Bücher nicht gelesen hat und auch sonst noch nie etwas von dem 1964 in Rom geborenen Autor, dessen Bücher offenbar auch verfilmt wurden, ein wenig schwierig mit der Handlung mitzukommen, obwohl es ja immer heißt, daß Krimis spannend sind und man mit dem Lesen gar nicht mehr aufhören kann.

Mitnichten, denn es ist ein Krimi im Krimi und obwohl ich es natürlich nicht beurteilen kann, habe ich doch das Gefühl, mir fehlt das Vorwissen der vier anderen Bücher, um das Ganze richtig zu verstehen und dieser Vicequestore scheint auch ein rauher Kerl mit Vorleben zu sein, das ich auch nicht ganz verstanden habe.

Es beginnt im Aostatal, wo der Vizequestore, der immer wütend wird, wenn man ihm Commissario nennt, aus Rom versetzt wurde. Er ist vor kurzem umgezogen und hat einen Hund namens Lupa und einen sechzehnjährigen Nachbarjungen dessen lauten Musik ihn stört.

So fängt es dann, dann schnappt ersich seinen Hund geht in eine Bar frühstücken, liest einen Zeitungsartikel, wo über ihn geschrieben wird und geht dann zu seinen Vorgesetzten, die ihm auffordern seine Geschichte zu erzählen.

Das ist die Rahmenhandlung, denn dann geht es, bisher waren wir im Jahr 2013 nach Rom und nach 2007 zurück und da wird Rocco gerade von seiner Frau Marina verlassen, weil sie ihm daraufgekommen ist, daß er kein so ganz reines Vorleben hat, sondern sich so ein bißchen wie Robin Hood an den Reichen vergriffen hat, um den Armen zu helfen oder auch ein bisschen dealt und Drogen konsumiert und drei Freunde, die er als Hehler arbeiten, sich aber sehr um ihn kümmern, hat er auch.

Das finde ich schon einmal ein bißchen ungewöhnlich. Dann gehts los mit dem Fall, denn es werden nacheinander zwei zwanzigjährige Jusstuenten aus guten Haus brutal ermordet und Rocco kommt darauf, daß sie in einem Drogenhandel verwickelt waren und klärt diesen Fall, während seine Marina, die als Kirchenrestauratorin arbeitet, wieder zu ihm zurückkommt, in circa dreihundert Seiten auf.

Eigentlich ist diese Handlung, obwohl sie sehr ausschweifend erzählt wird und auch einige sehr beeindruckende gesellschaftskritische Szenen hat, ziemlich banal. Die beiden Studetnen wollten im Drogenhandel mitmischen, sind der Maffia in die Quere bekommen, die sie brutal beseitigten und Rocco jagt mit seinen Kollegen nun zwei Männern Luigo Baiocci und Sandro Silvestrini, die die Drogen über einen getarnten Möbelhandel ins Land schmuggeln und von nigerianischen Unterhändlern verteilen läßt.

Marina wird auf dieser Jagd von Luigio Baiocci erschossen und damit endet Teil eins und wir kehren wieder in Aostatal zurück, wo inzwischen und das habe ich nicht ganz verstanden, die Frau von seinem Freund Sebastiano in Roccos Wohnung erschossen wurde, weshalb Rocco umgezogen und von einer Reporterin gejagt wurde und das Geheimnis, das nun noch etwa fünfzig Seite hat, ist, daß Rocco den Mörder seiner erschoß, weshalb er nun von Luigios BruderEnzio gejagt wird, der hat Adele, Sebastianos Frau erschoßen und der verlangt nun von Rocco, daß er ihn rächen kann.

Also Blutrache und Ehrenmord nicht nur bei den Türken, sondern auch bei den Italienern, dieser Bruder Enzio, ist inzwichen auch aus dem Gefängnis, in das ihn Rocco brachte, ausgebrochen und versteckt sich vor den Rächern. Das Gute an der Geschichte ist, daß sie ihn nicht finden und Rocco kehrt mit seinem Hund und mit seinem schlechten Ruf offenbar doch wieder ins Leben oder zu Fall sechs, zurück, schreibt noch Briefe an seine tote Frau, freundet sich aber, denn er hat ein gutes Herz unter der rauhen Schale mit dem Nachbarjungen an.

Eine Kollegin, die ihn versteht und zu ihm hält, gibt es auch und wie geschrieben, auch einige beeindruckende Stellen, wenn auch die vielen Namen und die vielen Handlungsstränge für eine nicht Manzini-Kennerin, ein wenig schwierig waren und der gute Rocco mit seiner deftigen Sprache für ein Sensibelchen, wie mich, auch etwas zu rauh.

Dresden. Die zweite Zeit

Nach Jens Wonnebergers Buch über den Niedergang der ostdeutschen Dörfer bleibe ich in der Ex-DDR und komme nach Dresen, beziehungsweise zum 1956 in Henigdorf geborenen Kurt Drawert, der in Darmstadt lebt, dort ein Zentrum für junge Literatur leitet, beim “Bachmann-Preis” gelesen hat und 2018 Stadtschreiber in Dresden war.

Da wieder in die Stadt gekommen ist, in der er aufwuchs, seine Mutter lebt und er familäre Wurzeln hat.

Roman steht natürlich auf der ersten Seite und es ist natürlich keiner, wie auch Dorothee Elmigers Recherchen “Aus der Zuckerfabrik” keiner ist.

Was ist es aber dann das Stadtschreiberbuch? Ein Memoir? Eine vorsichtige Annäherung an die Stadt in der jetzt Pegida herrscht? Eine Abrechnung mit seiner Familie? Mit dem dritten Reich, der Welt seiner Großväter, der DDR, des Vaters, ein Polizist, der später dement wurde, mit der ordnungliebenden putzsüchtigen Mutter zu der er ein ambivalentes Verhältnis hat?

Es ist alles davon und das schwierige daran ist der abgehackte Stil. Daß dieser “Roman” in Kapitel aufgegliedert ist, die “Heimat.Ankunft (2)”, “Vaters Buch (2)” oder “Kolumne SZ”. heißen.

Richtig, Zeitungsartikel, Fotos gibt es auch und ganz am Anfang, den Ärger als er in die Stadtschreiberwohnung kommt, dort seine Bücher, die er für seine Arbeit braucht und die die er bei Besuchen verschenken will, ausräumt, merkt, daß die fremde Wohnung Geräusche hat, die ihn bei der Arbeit hindert und als er sich darüber beschweren will, ist die freundliche Dame erstaunt, denn das hat sie noch nie gehört und es melden sich auch alle, die eine Interview von ihm wollen, ihn zu einer Lesung einladen oder etwas anderes von ihm möchten.

Er geht durch die Stadt kommt in eine Ausstellung über die “Ostdeutsche Malerei und Skulptur von 1949 -1990” , wo ihn ein Bild an eines erinnert, das in seinem Schulbuch war.

Er kommt in die Straße, wo er als junger Pionier stand, um den Soldaten zuzujubeln, die in die Tschechei rasselten, um den Prager Frühling aufzuhalten und er wird daran erinnert, wie er als kleiner Junge mit seiner Großmutter in die Bäckerei ging und dort ein Mädchen ein Stück Pflaumenkuchen essen sah. Das wollte er auch. Aber man darf nicht darum betteln und keine Wünsche und Gefühle haben, deshalb bekommt er ihn nicht, obwohl ihm die Großmutter sonst ein Stück gekauft hatte.

Es gibt zwei Brüder Andre und Ludwig, den Steinespezialisten und offenbar autistisch, der starb, weil er beweisen wollte, daß man mit offener Türe im Lift fahren kann, die schon erwähnte ordnungsliebende Mutter und den Vater, der eingegliedert in die DDR, mit seinem aufmüpfigen Sohn Schwierigkeiten hatte, deshalb ein West T-Shirt zeriß, das eigentlich einem Freund gehörte, der Sohn heiratete mit Achtzehn und verändert seinen Namen. Er nennt seinen Sohn auch nicht Karl, wie der Vater, der Großvater etcetera hießen, sondern Leo und schreibt in seinem Buch “Spiegelland” über den Vater. Der revanchiert sich mit autobiografischen Schriften, wird dement und stirbt.

Die Mutter ist aber da, die er an den Sonntagen besucht, verspricht den Kuchen mitzubringen, dann darauf vergißt und als er auf die eisige Straße geht, um ihn doch zu holen, rutscht er aus, zerkugelt sich die Schulter und weiß nun nicht, ob er operieren soll oder nicht?

Er läßt sich dann doch. Die Operation mißlingt und so muß er fortan den Körper verrenken, wenn er eine Tasse zum Mund führen will und in die Fabrik muß er nach der Schule, weil er nicht unterschreiben will, daß er in die “Freie deutsche Jugend” eintritt. Dort gibt eine paramilitärische Ausbildung und dort kommt der “Dicke Heinrich zu Tode, weil er zu dick ist, um in den Fuchsbau zu springen.”

Das ist der Satz, der Drawert veranlaßt Schriftsteller zu werden, später klopft dann die Stasi an seiner Wohnungstüre an, um ihm eine zweite Chance zu geben. Er sagt zu dem Mann “Auf Wiedersehen!” und verläßt 1985 offenbar Dresen, um 2018 als Stadtschreiber zurückzukommen, seinen “Roman” zu schreiben und über die Stadt und sein Leben zu befinden

“Dresden ist mir eine Metapher dafür, daß es keine Gegenwart gibt, die nicht von den Insignien der Erbschaft durchdrungen wäre. Und jede Erbschaft ist zugleich ein Rätsel, das seine Spuren in die Zukunft legt.”, steht am Buchrücken.

Ein interessantes Buch, das ich zuerst für ein literarisches Sachbuch gehalten habe. Von der Stadt in der ich mit dem Alfred und der kleinen Anna zwei Tage gewesen bin und dann, weil ich für eine DDR-Zeitschrift einen Reisetext geschrieben habe, ein Dresden-Buch als Dank erhalten habe, habe ich zwar nicht viel erfahren.

Aber dahin kann ich ja, wenn Corona und die Reisewarnungen vorüber sind, wieder fahren und mir ansehen, was sich seit 1985 alles verändert hat.

Mission Pflaumenbaum

In Buch neun der deutschen Longlist, das in einem kleinen Salzburger Verlag erschienen ist, geht es nach Dresden, beziehungsweise in ein ostdeutsches Dorf, denn der mir bisher völlig unbekannte 1960 geborene Jens Wonneberger lebt in Dresen, hat bei “müry salzmann aber schon einge Bücher herausgebracht und in seinem “Buchpreis-Portrait” erzählt er, daß ihm die Idee zu seinem Buch gekommen ist, als er einen alten Mann in einem Dorf auf einer Bank sitzen sah und daraus hat sich dann die Geschichte, des schon im vorigen Herbst erschienen Romans entwickelt.

Jens Wonneberger dürfte sein Buch da auch in der Hauptbücherei vorgestellt haben, was mir ebenfalls entgangen ist, auf der Verlagsseite kann man aber die Veranstaltung nachhören.

Bei “Wikepdia” gibt es einige Rezensionen, die von dem Buch gar nicht so begeistert waren und meinten, Wonneberger würde immer dasselbe schreiben.

Das kann ich nun nicht beurteilen, dazu müßte ich erst seine vorigen Bücher lesen, mir hat der kleine feine stille Text, den ich ähnlich oder natürlich anders, als bei Seethaler auch als Kammerstück bezeichnen würde, gut gefallen.

Da ist Kramer ein Bibliothekar um die oder wahrscheinlich eher Mitte fünfzig, da er schon eine zweiunddreißigjährige Tochter hat und die besucht er nun an einem Wochenende mit seinen Rucksack in dem Dorf in das sie mit ihren Mann hingezogen ist.

Seine Ehe wurde schon lang geschieden, die Tochter ist bei der Mutter aufgewahsen, so daß es keine oder nur eine ambivalente Beziehung zwischen beiden gibt und ein Teil des Buches beschreibt auch, wie Tochter und Vater zueinander finden.

Der andere ist dem Zerfall der DDR gewidmet. Denn als Kramer aus dem Bus ausgestiegen ist, trifft er den schon erwähnten alten Mann. Rottmann oder den Webervogel, wie er genannt wird und der erzählt ihm gleich, daß einmal an dieser Stelle eine Gurtenweberei gestanden hat.

Die wurde nach dem Zerfall der DDR natürlich geschlossen und noch ein bißchen früher, nämlich 1945, als der Krieg zu Ende war, hat sich der Fabriksbesitzer Freudenberg mit seiner Frau und seinen sechs Kindern aus Angst vor den Russen in der Fabrik oder in seiner Villa erhängt.

Eigentlich ist er ganz einfach der Plot aus der Jens Wonneberger sein Buch zusammenfügt.

Der Vater kommt der Tochter näher und den alten Rottmann trifft er in den zwei tagen in denen er sich in dem Dorf aufhält auch immer wieder. Er führt ihn herum zur Kirche, wo er ein altes Buch findet in dem auch ein Bild der Tochter ist. Denn Kramer und seine Frau Gabriele waren vor dreißig Jahren politisch sehr aktiv und in Kramers Arbeitszimmer hängt auch ein Bild von einem Kirschenbaum, den die tochter einmal malte.

Der Pflaumenbaum steht im Garten des Hauses, das sich die Tochter Justine, Jussi oder Tine zusammen mit ihren Hans-Günther kaufte. Der ist abgestorben und die Mission Pflaumenbaum besteht daran, daß der Vater einmal wiederkommen wird, um mit seiner Tochter den abgestorbenen Baum umzusägen.

Sehr still und ruhig plätschert das Buch dahin, die Pegida und das Flüchtlingsheim, das im Nachbardorf angezündet wurde, taucht nur am Rande auf.

Der ehemalige Fabriksbesitzer und seine Villa aus der die Möbel mehrmals enteignet werden, kommt öfter vor und ich habe ein interessantes Buch gelesen und einen interessanen Autor kennengelernt und finde es auch sehr interessant, daß seine Bücher in einen eher unbekannten österreichischen Verlag erschienen sind, von dem ich einige Bücher habe und jetzt verlasse ich ein bißchen das Buchpreislesen, gehe aber nach Dressden und lese da das Buch eines Stadtschreibers weiter und das ist sicher auch sehr interessant.

Der letzte Satz

Buch acht der deutschen Longlist und eines von dem ich schon sehr viel Schlechtes gehört habe. Hat es doch das Literaturcafe Robert Seethalers Mahler-Novelle würde ich sagen und mir das Wort Roman wieder wegdenken, sehr verrissen und gemeint, daß man all das, was in den hundertsechsundzwanzig Seiten steht auch bei “Wikipedia” finden könnte und eine andere Rezensentin hat es “Mahler für Eilige” genannt und ich habe, könnte man so sagen, zu dem 1966 geborenen Robert Seethaler von dessen “Trafikanten”, den ich dann im Kino gesehen, aber nicht gelesen habe, ich bei “Rund um die Burg” das erste Mal etwas hörte, ein eher gestörtes Verhältnis.

Das heißt, ich habe von seinem Kultbuch, “Ein ganzes Leben” von dem ich auf einigen Lesungen Auszüge hörte, eigentlich nicht so einen besonderen Eindruck bekommen, daß ich es lesen wollte. Jetzt hat es der Alfred zum Geburtstag bekommen und ich kann das überprüfen und auch bei den Lesungen um Musa oder bei den O-Tönen, wo sein “Feld”, das ich gelesen habe, vorgestellt wurde, war ich nicht so begeistert.

Ich habe aber, obwohl ich dachte, daß Wolfgang Tischers Eindruck auch meiner sein könnte, ihm, wie ich es ja öfter mache, wenn ein Schriftsteller angegriffen wird, widersprochen und bin nun wieder einmal überrascht, denn es ist ein sehr sehr tolles Buch und widerlegt vieles, was ich bisher über Robert Seethaler dachte.

Es ist kein Roman, auch keine Biografie und wenn ich alles über den Hofoperndirektor Gustav Mahler, dessen “Lied von der Erde” mich in meiner Otto Bauergasse-Studentenzeit, sehr begleitet, wissen will, lese ich vielleicht besser die oder studiere “Wikipedia”, aber ich denke, das ist auch gar nicht der Anspruch des schmalen Buches, das ich eher als ein Kabinettstück interpretieren würde und das meiner Meinung nach hervorragend komponiert ist.

Es beginnt am Schiff, der alte und kranke Gustav Mahler kehrt aus New York, wo er nach dem er zehn Jahre Hofoperndirektor in Wien war, einige Jahre lebte, er sitzt am Bord, wird dort von einem Schiffsjungen betreut, der ihm Tee bringt und mit dem er sich auch unterhält, seine Frau Alma und seine Tochter Anna sitzen derweil im Speisesaal beim Frühstück und geht sein Leben durch und das ist Robert Seethaler meiner Meinung nach brillant gelungen.

Am Anfang war ich etwas irritiert, weil ich plötzlich in Toblach war, wo Mahler offenbar seine Sommer verbrachte und auch seine Komponierhäuschen hatte. Aber das ist wahrscheinlich der besondere Trick der Novelle, die an einem Vormittag auf dem Schiff spielt.

In jeden Kapitel geht es da in das Leben des großen Meisters zurück. Es geht nach Paris, wo ihm der Schwiegervater zum fünfzigsten Geburtstag von Rodin eine Büste machen ließ und meisterhaft das Gespräch und die Abwehr der beiden Meister.

Es geht auch zu den Spannungen die Mahler mit der schönen Alma hatte, die offenbar mit dieser Zeit schon mit dem “Baumeister” liiert war und es geht auch, obwohl ich in den schon erwähnten Rezensionen gelesen habe, daß es darum gar nicht gehen soll, um die Musik. Da bekommt man durchaus einen Einführung über die Smphonien, an denen er schrieb und den Vogel als Todesmetapher gibt es auch.

Im vorletzen Kapitel bricht Mahler offenbar zusammen und wird ohne, das er es bemerkt von Deck geholt und im letzten Kaptel geht der Schiffjunge in eine Kneipe und liest da in einer Zeitung daß der Meister gestorben ist, was schon mehr als die geschmähte “Wikipedia-Fingerübung” ist, sondern ich, noch ehe ich dort gelesen habe, daß Mahler das Vorbild für Thomas Mann “Tod in Venedig” war, an diese Novelle dachte.

Ein tolles Buch, das meinen Seethaler-Eindruck revidierte, ja liebes Literaturcafe man erlebt beim Lesen immer seine Überraschungen und daher bin ich sehr dafür auch über die erste Seite weiter zu lesen, aber da habe ich wahrscheinlich schon gewußt, daß mir das Buch gefallen wird und schade, daß es bei einigen Rezenseten so schlecht wegkommt, denn ich halte es für das Beste, was ich bisher von Robert Seethaler gelesen habe.

Ich an meiner Seite

Buch sieben der deutschen Buchpreisliste und der erste oder zweite Roman der 1985 im Pongau geborenen Birgit Birnbacher, die Soziologe studierte, als Sozialarbeiterin gearbeitet hat und 2019 den “Bachmannpreis” gewonnen hat.

Ihr Debut “Wir ohne Wal” mit dem sie auch für den “Alpha” nominiert wurde und auf das ich durch den “Bloggerdebutpreis” aufmerksam geworden bin, habe ich gelesen und hatte meine Schwierigkeiten, weil ich so schnell von einer Geschichte oder Kapitel nicht zum nächsten springen konnte und daher den Romaninhalt nicht ganz erfaßte.

Die Bachmanngeschichte der “Schrank”hat mir aber sehr gefallen und, ich glaube, ich habe beim Publikumsvoting auch dafür gestimmt.

“Ich an meiner Seite” wurde auch bei den O-Tönen vorgestellt und da mußte der Moderator die Autorin nach dem realistischen Thema, es geht ja um einen Haftentlassenen fragen und wunderte sich darüber, daß eine Soziologin Romane schreibt oder so und das ist glaube ich, auch das Dilemma des Romanes, beziehungsweise der Birigit Birnbacher oder des Anspruches, daß vielleicht nur dann etwas als literarisch gilt, wenn es sehr abgehoben ist und damit habe ich ja, die realistisch schreibende erfolglose Autorin meine Schwierigkeiten.

Bei der Lesung bin ich auch nicht ganz mitgekommen, was ja natürlich ist, wenn man aus einem Buch nur Auszüge hört und jetzt, denke ich, daß es sehr schwer und wahrscheinlich unmöglich ist, auf eine literarisch anerkannte Art, die Geschichte eines Haftenlassenen zu erzählen.

Da geht es mir dabei wahrscheinlich ähnlich wie bei “Blauschmuck” wo ich ja auch dachte, so spricht eine türkische Unterschichtfrau nie im Leben bei “Ich an meiner Seite” ist es noch viel viel schwieriger, da Birgit Birnhaber meiner Meinung nach hier zu oft von einem Stil und einer Zeitebene zur anderen hinundherpendelt, obwohl das Buch von der Kritik sehr gelobt wird und es vielen auch sehr gefallen hat.

Birigt Birnbacher erwähnte bei den O-Tönen noch, daß ihr Arthur nach einem realien Vorbild geschrieben wurde und ich muß sagen, das Buch hat mich sehr verwirrt.

Es beginnt mit einer Fahrt von St. Pölten nach Wien, da fährt Arthur auf die Universität und traut sich dann nicht hinein, weil er hat ja eine Haft hinter sich und das darf er den Mitstudenten nicht verraten.

Dann geht es zurück oder nach vor. Das Buch wechselt, wie schon geschrieben, sehr oft die zeitlichen Ebenen. Da ist jedenfalls Arthur zweiundzwanzig, der eine drei jährige Haftstrafe hinter sich hat. Man erfährt lange nicht, das wurde auch bei den O-Tönen thematisiert, warum er gesessen ist,

Er hat jedenfalls einen Bewährungshelfer oder komischen, sprich unkonventionllen Therapeuten namens Dr. Vogl genannt Bird, der an ihm ein besonderes “Starring” genanntes programm ausprobieren will, wo er in “Schwarzschrift” alles aufschreiben soll.

Sigmund Freud hat, das glaube, ich freies Assoziieren genannt. Aber bei Birgit Birnbacher ist alles komplizierter und Arthur schreibt auch alles schön auf und da erfahren wir teilweise ganz realistisch und das fand ich sehr gut, den Lebenslauf des Arthur, auch wenn der wieder ganz schön verwirrend ist.

Er ist in Bischofshofen in einer Eisenbahnsiedlung aufgewachsen, hat einen Bruder, der Vater hat die Mutter bald verlassen und er sollte eigentlich auch Mario heißen. Die Mutter fand dann bald einen anderen Freund und ging mit ihm und den Kindern nach Andalusien, um dort ein luxus Sterbehospitz zu gründen, was auch schon mal ganz ungewöhnlich ist, das von einer Eisenbahnsiedlung aus zu machen.

Es gibt dann einen Freund und eine Freundin und einen Unfall, die Freundin ertrinkt, Arthur fühlt sich an ihrem Tod schuldig und kehrt kurz nach der Matura nach Österreich zurück. Dort hat er kein Geld und kommt so in den Betrug hienein, der ihn drei jahre ins Gefängnis bricht.

Nun ist er entlassen und soll resozialisiert werden, hat den schon erwähnten Bewärungshelfer, wohnt in einer betreuten WG und soll Bewerbungsschreiben schreiben und Praktika machen.

Daß ein Haftentlasser in der Gesellschaft wie dieser, seine Schweirigkeiten hat, ist auch sehr realistisch und Birgit Birnbacher versucht auch, glaube ich, mit dem Buch das aufzuzeigen, warum dann eine alte Exschauspielerin die an einer unhelbaren Kranheit leidet und Patientin in dem elterlichen Hospitz war, Arthur nach Wien mit ihren vierundzwanzig Stunden Betreuerinnen ins Hotel Bristol folgt, um ihn zu helfen, ist wahrscheinlich nicht ganz realistisch und warum sie nicht, wenn sie das schon tut, ihn nicht unter die Arme greift, sondern ihn seiner seltsamen Therapie und dem ähnlich seltsamen Wohnheim überläßt, ist auch nicht klar.

Ein Buch das “Jung und Jung” und auch der Literaturkritik gefällt, bei “Amazon” schreiben die Leser, das Strafentlassene bisher eher etwas Fremdes für sie waren und ich bin nicht ganz sicher, ob man dem Thema nach diesem Buch wirklich näher gekommen ist und auch nicht, ob das Leben des Vorbildes wirklich so wiedersprüchlich war, wie Birigt Birnhaber es in ihrem Roman schildert.

Die Infantin trägt den Scheitel links

Nun kommt Buch sechs der deutschen Longlist, der zweite Roman der 1983 in Oberndorf bei Salzburg geborenen helena Adler, die eigentlich Stehphanie Helena Prähäuser heißt und deren erstes Buch bei “Arovell” erschienen ist. Der zweite bei “Jung und Jung” erschienene Roman hat dann eingeschlagen, ist auch auf die “Öst” gekommen und bisher bei mir wegen dem Titel und dem Cover, wo es ein Kinderbild mit Beschmierungen und einer Augenklappe zu sehen gibt, an mir vorbeigegangen ist, denn was heißt denn das?

Das Buch ist auch an mir vorbeigegangen, als es bei den O- Tönen vorgestellt wurde, denn da hat es geregnet.

Malte Bremer der im Literaturcafe die Longlisttitel nach ihrer Lesbarkeit bewertet, war von den der “schwarzen Regensuppe zum Nachtmahl” und dem Bruegel-Gemöde im Eingangskapitel, des “Antiheimatromans”, wie das Buch auch genannt wird, nicht begeistert und ich habe, als ich auf Seite siebzehn war, gleich einen Kommentar geschrieben und bin dann ein bißchen hin und hergeschwankt, ob das jetzt ein tolles Buch ist und sprachlich noch viel besser als Valerie Fritsch oder vielleicht doch ein bißchen übertrieben und manche Formulierungen zu sehr abgehoben?

Ich weiß auch jetzt noch nicht so genau, ob ich es auf die Shortlist geben würde, sie ist aber sehr beeindruckend, diese Heimatgeschichte vom Aufwachsen im Dorf, die, außer im Literaturcafe überall gelobt wird und mit Winkler und Innerhofer verglichen wird.

Das erscheint mir mir vielleicht auch ein bißchen übertrieben, es ist aber auf jedenfall sehr beeindruckend das Buchm das wahrscheinlich Autobiografisches in einer sehr ungewöhnlichen, zum Teil rotzigen Sprache erzählt.

Das beginnt außer beim Titel schon bei den Kapiteln, die Namen wie “Glaube Hoffnung Liebe”, “Der Triumpf des Todes”,”Tod des Helden”, “Bäuerin eine Kuh melkend”, etcetera tragen und die offensichtlich, wenn auch vielleicht weniger klar, wie beim Eingangskaptiel Assoziationen zu berühmten Gemäden, die im Anhang zitiert werden, darstellen sollen und dann wird die Geschichte der aufmüpfigen Ich-Erzählerin, der Infantin, die am Schluß auch mit einem Kind an ihrer Brust endet, in einundzwanzig Kapitel erzählt.

Sie lebt im Dorf mit Urgroßeltern, Großeltern, Eltern und den Zwillingsschwestern, die sie mobben und unterdrücken. Es beginnt gleich damit, daß sie den Stall abfackelt, der Vater zwinkernd vom “Blitz” spricht und grinsend zur Feuerversicherung geht und dann wird von Kapitel zu Kapitel mit der Familie abgerechnet.

Die Mutter erscheint am Anfang noch ganz vernünftig, später erscheint sie dann bigott, denn sie will vom Vater eine Kapelle erbaut haben weil ihr eine Marienerscheinung begegnete. Es war aber nur die Maria des Vaters.

Soviel zum Stil, manche Formulierungen wie die “ÖVP Frisur” oder die der “selbst diagnostizierte Sozialverwaisung” haben mich sehr begeistert und an Angela Lehners Debutroman vom Vorjahr erinnert, so daß dieser Antiheimatroman sicher, als stärker zu interpretieren ist als Petra Piuks “Toni und Moni”.

Es geht dann von den Urgroßeltern, deren Tod beschrieben wird, weg, bis ins Gymnasium, in das die Lehrerin die aufmüpfige infantin schickte, um “Sozialstudien” zu machen. Dort gerät sie in schlechte Gesellschaft oder an schlechte Freundinnen, während sie selbst den Drogen, die die “schwarze Anna” auf die Psychiatrie bringt, widerstehen kann. Die Mutter ist entsetzt, gerät aber auch an Beruhigungssmittel und in Streit mit dem Vater, der mit seinen Gewehren alle zu erschießen droht. Die Mutter zieht in die Stadt, der Vater kommt ins Gefängnis und sie ist zuerst auf dem großen Hof, wo es auch eine Beziehung zum Cousin, Inzest ist natürlich auch ein Thema, wie der Mißbrauch in dieser Antiheimatgeschichte, allein, bevor sie von den Schwestern hinausgeworfen und um ihren Pflichtteil betrogen wird.

Ein starkes Buch auf jeden Fall, mir vielleicht wieder ein bißchen zu übertrieben, obwohl mich die Überhöhung der Alltagssprache, die ich so noch nie gelesen habe, sehr begeistert hat und ich Helena Adler alles Gute wünsche, gespannt bin, was ich von der jungen Frau mit der starken Sprache noch so alles hören oder lesen werde und wieder nur empfehlen kann, ein Buch auch weiter als bis zur ersten Seite zu lesen, obwohl mein Eindruck in diesem Fall ja eher in die umgekehrte Richtung, als die von Malte Bremer ging.