Eine andere Welt

Jetzt kommt ein Wälzer oder ein Kanon zum “Gegenkanon”, nämlich “Bücher, die in die Zukunft weisen”, aus dem “C. H. Beck-Verlag”, herausgegeben von Jonathan Beck und da fängt es mit der Antike an. Wurden da doch Autoren ausgewählt, die ihre zukunftsweisenden Bücher vorstellten.

Die Erste in der Reihe ist Eva Gesine Baur, die, glaube ich ,unter den Namen Lea Singer schreibt und sie beginnt gleich mit “Laozi” von Dao de Jing, der ihr die Zukunft erträglich macht.

Mit Thukydides und seinen “Peloponnesischen Krieg” , beziehungsweise seiner “Historie mit Zukunftsanspruch” präsentiert von dem Historiker Jonas Grethlein vorgestellt, geht es weiter und da berichtet uns der Literaturagent Thomas Karlauf mehr von dem mir bisher völlig unbekannten Autor.

Xu Shen hat vor langer Zeit ein chinesisches Wörterbuch geschrieben und bei Marc Aurels “Selbstbetrachtungen” wird es bei mir dann etwas bekannter und am Schluß in der Antikabteilung geht es dann zur Bibel, die von dem Kirchengeschichtswissenschaftler Hubert Wolf sehr gepriesen wird.

Dann kommen wir schon zum “Mittelalter und zur frühen Neuzeit” und da wird zuerst Hildegard von Bingen “Scivias” zitiert und da rät Julia Voss den nicht Gläubigen das Buch, wie einen Lyrikband zu lesen. Friedich II hat ein “Falkenbuch” geschrieben, auch noch nie davon gehört und dann geht es schon zur Martin Luther und der “Freiheit eines Christenmenschen”.

Franziska Augstein hat sich Michail de Montaigne angenommen und hier einen Brief an den “Meister Felken” geschrieben.

Hans Pleschinski von dem ich schon einiges gelesen habe, hat über Saint-Simons “Memoiren” geschrieben.

Dann sind wir schon im “18.Jahrhundert” und da beginnt es mit Louis-Sebastien Mercier, der interessant, das Jahr 2240″ beschrieben hat, wo wir leider noch nicht nachprüfen können, wie sehr er sich irrte oder übereinstimmte.

Dann geht mit Christoph Martin Wieland weiter und dem hat sich natürlich Jan Philipp Reemtsma angenommen, der sich damit beschäftigt, “Wie man eine Anekdote liest?” Immanuel Kant erklärt uns dagegen was Aufklärung ist, um den “Ewigen Frieden” geht es bei ihm auch und Friedrich Schiller hat sich in seiner Antrittsvorlesung am 26. Mai 1789 in Jena mit “Was heißt und zu welchen Ende studiert man Universalgeschichte” beschäftigt. Davon läßt sich sicher einiges für die Gegenwart verwenden.

Das neunzehnte Jahrhundert beginnt dann mit Novalis oder Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, wie er wirklich hieß. Da hat sich Hans Maier mit dem Buch “Die Christenheit oder Europa” beschäftigt.

“Rot und Schwarz”, das von Franziska Meier vorgestellt wurde, habe ich, dank dem Bücherschrank meiner Eltern, schon gelesen.

Dann geht es zu Carl von Clausewitz, den laut Dominik Geppert, jeder kennt, aber keiner gelesen hat und seinem “Vom Kriege”, da gibt es in Zeiten, wie diesen sicher einige Gegenwartsbezüge, die sich entdecken lassen, wenn man das Buch lesen will.

Dann geht es zu Alexis von Toqueville, von dem ich noch nie etwas gehört habe, der aber gleich zweimal besprochen wird und seine Eindrücke über die “Demokratie in Amerika”.

Dann kommt schon das “Kommunistiche Manifest”, das habe ich auch nicht gelesen, obwohl man in meinen Studientagen eine billige DDR-Ausgabe nachgeworfen bekommen hat. Ich habe aber heuer das Buch über “Marx in Wien” Gerald Grassl bei der “KritLit” abgeschnorrt und ein Buch über “Marx stand still in Darwins Garten”, habe ich sogar zweimal gefunden und das passt, den Charles Darwin, ist der übernächste der für die Zukunft empfohle wird, obwohl man bei Marx zumindestesten Wien derzeit Schreikämpfe bekommt, wenn man ihn erwähnt und feststellt, daß der SPÖ Vorsitzende Andreas Babler angeblich eine Büste auf seinem Schreibtisch stehen hat.

Der Philosoph Ludwig Feuerbach wird erwähnt und dann wird es wieder literarisch wenn wir zu Gustave Flaubert kommen, von dem es, glaube ich, auch einige Romane im Bücherschrank meiner Eltern gab.

Den “Middlemarch” von George Eliot habe ich ebenfalls schon gelesen, weil es 2020 für den “Leipziger Buchpreis” nominiert war. Der nächste Roman oder ein Stück daraus, das man lesen soll ist “Der Großinquisitor” von Fjodor Michajlowitsch Dostojewskij und dann kommen wir schon zu Robert Louis Stevensons “Schatzinsel”, ein Buch, das wie Stephan Speicher schreibt, nicht nur für Kinder geeignet ist und in dem es um die Doppelrolle des Schiffkochs John Silver geht. Ein Buch, das ich wahrscheinlich in meinen Regalen, aber nicht gelesen habe und nun ein großer Sprung, wie ich finde zu Bertha von Suttners “Die Waffen nieder”, das man in der heutigen Kriegsbegeisterung, sicher sehr zum Lesen empfehlen kann, was ich schon im Gedenkjahr 2014 getan habe und dann kommt Sigmund Freuds “Traumdeutung”, das habe ich mir als Studentin gekauft und, ich glaube, auch gelesen.

“Die Erste Hälfte des 20. Jahrhundert” beginnt mit Theodor Herzls “Altneuland”, geht über zu Max Webers Kapitalismuskritik, die auch gleich zweimal gewürdigt wird. Käthe Kollwitz “Tagebücher” werden erwähnt und dann die von Franz Kafka, die habe ich einmal im Bücherschrank gefunden und auch gelesen, obwohl ich ja kein Kafka-Fan bin. 

“Dada” ist kein Buch sondern eine Kunstrichtung wird aber trotzdem von Thomas Krüger erwähnt und zusammengefasst.

Dann kommen wir zu dem Russen Jewgeni Samjatin, der mit seinem dystopichen Roman “Wir”, schon Orwells “1984” und Huxleys “Schöne neue Welt” vorweggenommen hat.

Robert Musils “Mann ohne Eigenschaften” habe ich im Sommer 1974 im Gartenhaus am Almweg gelesen und nicht verstanden. Das Wiederlesen würde sich also lohnen, aber wann nehme ich mir die Zeit dazu?

Und Joseph Roths “Radetzkymarsch”, auch ein Fund aus dem Bücherschrank habe ich schon gelesen. Man sieht, daß der Bücherkasten in der Wattgasse offensichtlich gut gefüllt war.

Dann kommen wir zu Ernst und Friedrich Georg Jünger und der Erstgenannte galt ja lang als Naziautor. Das scheint sich jetzt geändert zu haben und ich kann wahrscheinlich auch einiges von ihm in meinen Regalen finden.

Bei Stefan Zweig, von dem es ja einmal geheißen hat, daß man ihn aus dem Kanon streichen soll, wird der “Erasmus” zitiert. Den habe ich, glaube ich, gefunden aber nicht gelesen, halte seine Biografien ,aber nicht für so besonders und würde wenn ich für das Buch eingeladen würde “Die Welt von gestern” vorschlagen.

Das “Tagebuch der Anne Frank” wird natürlich auch erwähnt und gehört gelesen. Dann kommen wir zu Hermann Hesse, dessen “Sidharta” ja ein Jugendpflichtbuch ist. “Unterm Rad” habe ich nach meiner Matura gelesen und sein Wohnhaus auch bei einem unserer Schweiz-Urlaube besucht. Hier geht es um das “Glasperlenspiel” und das müßte ich noch lesen.

Von Karl Raimund Popper, dem berühmtenNamensgeber der “Popper-Schule” wird “Die offene Gesellschaft und ihre Feinde” besprochen, was ein interessanter und neugierig machender Titel ist.

Primo Levi war wie Luca Guilani schreibt, eigentlich ein unauffälliger Mensch, der in seinen Geburtshaus in Turin auch gestorben ist, wenn da nicht Auschwitz und sein berühmtes “Ist das ein Mensch?” gewesen wäre.

Und bevor wir zu der “Zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts” kommen, wird natürlich noch George Orwell und sein berühmtes Buch besprochen, das leider inzwischen gar nicht mehr dystopisch ist und das habe ich als Studentin, glaube ich, in der Wattgasse gelesen. Im Seminar des Stephan Teichgräbers besprochen und es mir auch in zwei meiner Texte zum Vorbild genommen.

Die zweite Hälfte beginnt dann mit Hannah Arendt und ihren “Elementen und Ursprünge totaler Herrkunft.”

Im Romanbereich wird Ray Bradburys “Fahrenheit 451” vorgestellt. Da habe ich zwar nicht das Buch gelesen, aber in den Siebzigerjahren den Film mit Oskar Werner als Feuerwehrmann gesehen.

Mit Raymond Chandler wird ein Krimiautor beworben und weil die ja nicht zur ernsten Literatur zählen, muß Paul Ingendaay betonen, daß der “Lange Abschied” schon zum dritten Mal übersetzt wurde.

Nach Leo Brandt wird Günther Anders erwähnt, der in erster Ehe mit Hannah Arendt in zweiter mit Elisabeth Freundlich verheiratet war und sich mit ihr in Wien niederließ und seine “Antiquiertheit des Menschen sehr gelobt.

Astrid Lindgren muß in dem Buch natürlich auch vorkommen. Aber hier wird statt der “Pippi”, die “Madita” erwähnt.

Der mir unbekannte Frantz Fanon hat “Die Verdammten dieser Erde” geschrieben und der Verleger Christoph Lincks, der in der DDR aufgewachsen ist, erzählt uns, daß das Buch dort nur schwer zu bekommen war.

James Baldwin, der von Rene Aguigah vorgestellt wurde, habe ich dagegen schon gelesen, da er ja jetzt, glaube ich, sehr modern und in aller Munde ist.

Dann kommt der Nobelpreisträger von 2016 Bob Dylan, der wahrscheinlich mit “Blonde on Blonde” keinen Roman geschrieben hat. Dafür hat Vladimir Nabokov der in bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, eine Autobiografie geschrieben.

Dann kommt der 1877 in Königsburg geborene Rudolf Borchardt der mit dem “Leidenschaftlichen Gärtner” offenbar ein Gartenbuch geschrieben hat mit dem er seine politische Meinung ausdrückte.

John H. Elliott wird erwähnt und verschiedene Wirtschaftskritiker.

Harold James schreibt, daß er “hätte es den 24. Februar 2022 nicht gegeben” sich nicht für Alexander Solschenizyn entschieden hätte.

“Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten” wird auch beschrieben und der schon erwähnte Carl von Clausewitz wurde von Raymon Aron in einem Roman erwähnt.

Die “Soziale Systeme” des Soziologen Niklas Luhmann werden von Armin Nassehi kommentiert. Dann wird wieder literarischer wenn wir zu Italo Calvino kommen.

Saul Friedländers “Das dritte Reich und die Juden” wird von Gerd Krumeich besprochen, ebenso wie die “Geschichten eines Deutschen” des Journalisten Sebastian Haffner von Volker Ullrich.

Dann kommen wir schon ins “21. Jahrhundert”, obwohl die Autoren, die da besprochen werden, lange vorher geboren wurden, also keine Debuts, die müssen wohl noch auf sich warten, denn es beginnt mit dem 2009 verstorbenen Ralf Dahrendorf, den ich, glaube ich, auf einigen Veranstaltungen erlebte und seiner “Suche nach einer neuen Ordnung”.

Der schwedische Schrftsteller Per Olov Enquist von dem ich einige Bücher gefunden aber noch nichts gelesen habe, ist 2020 gestorben. Sein “Besuch des Leibarztes” ist sehr berühmt, hier wird aber “Großvater und die Wölfe” erwähnt.

Dann gehts zur Widerstandkämpferin Freya von Moltke deren Mann im Jänner 1945 zum Tode verurteilt wurde.

Wieder geht es viel um Kapitalismustheorien, die Geschichte des Kongos und die chinesische Geschichte, bevor wir zu Greta Thunberg kommen, die jetzt ja ein bißchen in Ungnade gefallen ist und die ja will “dass ihr in Panik geratet!”, das waren wir ja die letzten drei Jahre und sind es immer noch, so daß es gut ist wenn uns Cedric Herrou rät “Ändere deine Welt” und auf das “Recht der gelebten Brüderlichkeit” setzt.

Die Corona-Pandemie wird erwähnt und beschrieben, wie sie alles, besonders das Schreiben und die Sicht auf Bücher, geändert hat.

Andrej Kurkows, von dem ich heuer schon zwei Bücher gelesen habe, “Tagebuch einer Invasion” wird von Aleida Assmann thematisiert, der uns den Unterschied zwischen Ukrainern und Russen erklärt.

Ein spannendes Buch, das einer viele Einblicke und Leseempfehlungen gibt, viel Philopsophie, Kapitalismuskritik, etcetera und viele Autoren von denen ich noch nie etwas gehört habe.

Ob ich die vorgeschlagenen Bücher lesen werde, weiß ich nicht, bin ich ja eher an der Gegenwartsliteratur interessiert, kann das Buch aber gerade für die Weihnachtsfeiertage sehr empfehlen.

Der Magier im Kreml

Der Titel des nächsten Buches macht schon neugierig, so daß ich es gleich anfragte, als ich den “C. H. Beck-Katalog” durchblätterte.

Der “Magier im Kreml” das Debut des 1973 geborenen italienisch schweizerischen Schriftsteller Guiliano de Empoli, das in Frankreich im Vorjahr zum Bestseller wurde.

Nun ja, seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine wollen wahrscheinlich alle lesen, wie das mit Wladimir Putim und seinen Politberater Vadim Baranow, der in Wahrheit, glaube ich, Vladislav Surkov hieß, den das Buch ist den realen Begebenheiten nachgefunden.

Das macht natürlich neugierig, obwohl ich gleich verraten kann, so weit ist es wahrscheinlich nicht her, aber einen gewissen Eindruck, wie das mit der neueren Geschichte Russlands ist, kann man aber auf jeden Fall bekommen.

Es gibt eine Rahmenhandlung und die hat mich am Anfang sehr verwirrt, denn da wird immer von einem Zaren geredet. Es geht aber um Putin habe ich dem Klappentext entnommen, Stalin kommt auch vor und ein Erzähler, der möglicherweise der Autor ist, denn der bekommt dann in den weiteren Kapiteln, die Geschichte des Schauspielers und Fernsehproduzenten Vadim Baranow erzählt, denn der hat seine Politkarriere inzwischen beendet.

Wie war das also mit dem Magier oder dem berühmten Politberater?

Der beginnt seine Geschichte mit seinem Großvater und dessen Bibliothek, denn das Buch ist sehr gelehrig. Da gibt es Anspielungen, um Anspielungen, Literaturhinweise und Rückblenden in die Stalin-Ära.

Da erfährt man eine eher lineare Geschichte, Vadim Baranows Beziehung zu seinem Vater. Das Treffen mit der schönen Xenja, die ihm später von Michail Chodorkowski auch eine reale Figur ausgespannt wurde.

Ein Fernsehproduzent hat dann in den Neunzigerjahre die Idee Wladimir Putin als Nachfolger des schwerkranken Boris Jelzin vorzuschlagen.

Es kommt dann zu einer Einladung Vadims zu einem Abendessen mit Putin und die Beraterkarriere beginnt. Dann kann man Einzelheiten zur Geschichte Russlands erfahren.

Der Fensehproduzent wird in seiner Villa tot aufgefunden, Chodorkowski wird aus dem Gefängnis entlassen und der Ukraine Krieg beginnt, bis Vadim Baranow dann auf eine Sanktionsliste kommt, seine Beraterkarriere beendet und dem Erzähler seine kleine Tochter “wie eine keine Brioche frisch aus dem Ofen” vorstellt.

Die Sprache der Sonne

Ein Roman des 1969 in Hamburg geborenen Matthias Görlitz, der in St. Louis lebt und an der Washington Universität lehrt, auch Lyriker und Übersetzer ist, mit dem er sich nach Istanbul begibt, beziehungsweise dorthin seine Protagonisgtin Lee schickt, um ihre Doktorarbeit über ihre Großmutter Helene fertig zu schreiben und ihren Spuren, die sie dort hinterließ zu erforschen.

Denn Gromutter Helene, eine Jüdin hat sich, nach dem sie in die Schweiz geflüchtet war, nach Istanbul begeben. Hat dort gelehrt, bevor sie nach Amerika kam und dort an der Universität tätig war, an der Lee jetzt forscht.

Mit den Tagebüchern ihrer Großmutter fliegt sie aus Berlin, wo sie Zwischenstation machte, nach Istanbul. Da hat sie ihren türkischen Freund verlassen und will jetzt das Verhältnis ihrer Großmutter zu dem 1900 in Wien geborenen Georg Naumann, der noch am ersten Weltkrieg mitmachte, dort verwundet wurde und jetzt in einem Spital in Istanbul lebt, erforschen.

Das Buch spielt im Jahr 2016-2017. Georg Naumann ist also, etwas unrealistisch hundertsechzehn Jahre alt und will den ältesten Menschen der Welt übertrumpfen, was ihm, wie ich anmerken kann, nicht gelingt.

Er stirbt im Sommer 2016 nachdem er bekannte, daß er Lees Großvater ist und Lees Mutter Marie odee Mary stirbt kurz vorher und deren Verhältnis zu ihrer Mutter war nicht sehr gut und das Buch, kleingedruckte dreihundertdreißig Seiten, die gar nicht so leicht zu lesen waren, ich habe eine knappe Woche dazu gebraucht, pendelt nun zwischen dem Istanbul von 1936 und 37 zu dem von 2016 hin und her und erzählt im Großen und Ganzen Georg Neumanns Geschichte, die, wie sein hohes Alter eine sehr widersprüchige ist.

Wie schon geschrieben in Wien geboren, sein Vater ein Hofrat, glaube ich, war ein echter Österreicher, der Monarchie nachtrauernd wahrscheinlich, während sein Sohn sowohl an das neue Deutschland glaubte, als auch von der Orentalistik sehr begeistert ist.

Das studiert er lange und schließt es nie ab, schreibt für verschiedene Zeitungen über die neue Türkei. Seine Artikel werden von den deutschen Redakteuren aber umgeschrieben und die Liebe zu Männern prägt ihn auch.

Da gibt ein leidenschaftliches Verhältnis zu einem Ulrich van Stetten, der dann nach Istanbul geht. Naumann wird von den Nazis erwischt und zum Spitzeln nach Istanbul geschickt. Dort findet er seinen Ulrich aber nicht, dringt nicht zu ihm vor, wird einmal auch verfolgt und dann gefoltert, bis er dann auf Lees Großmutter trifft.

Eine Begegnung zu Atatürk der in den Dreißigerjahren, die deutschen jüdischen Wissenschaftler nach istanbul holten, damit sie sein Land reformieren gibt es auch.

So wirkt der Roman teilweise, wie ein Sachbuch und ist daher schwer zu lesen, weil die spannende Handlung eigentlich fehlt oder die, die es gibt, langatmig und langweilig wirkt.

Man erfährt aber viel über die jüdischen Wissenschaftler, die damals nach Istanbul gingen und dort ihre Vorlesungen hielten. Der 1957 in Conneticut verstorbene Literaturwissenschaftler Erich Auerbach beispielweise, der zehn Jahre in Istanbul forschte.

Es gibt aber auch viele literarische Anspielungen. Orhan Pamuk, der Nobelpreisträger von 2006 wird erwähnt. Aber auch der Putsch von 2016. Matthias Görlitz scheint da sehr gelehrt zu sein, viel zu wissen oder genau recherchiert zu haben. Deshalb ist das Buch und die Rolle Istanbul in den Dreißigerjahren aber auch in der Jetztzeit, die sehr lebeding geschildert wird, auch sehr interessant und es lohnt sich wahrscheinlich es zu lesen.

schlafbaum-variationen

Neue Gedichte des 1972 in München geborenen Nico Bleutge, der 2012 den “Erich Fried Preis” bekonnen hat, von wo ich ihn auch kenne. Seine “Drei Fliegen” – “über Gedichte” habe ich gelesen und jetzt ein neuer Band. In schöner Kleinschrift geschrieben, was manche Gemüter, siehe das “Literaturcafe” aufrege nmag und zum Duden greifen läßt.

Aber trotzdem schöne Sprache und zum Lesen sehr empfehlen, die drei Teile, die der Band, den ich als e pub gelesen habe, enthält.

“anfangen wieder”, beginnt der erste Teil gleich mit einem Langgedicht. Dann geht es zur “schneebeere” über, “schneebeere, leichthin weiße mit überhängenden zweigen- in mein zimmer ist ein fremder vogel gekommen” heißt es weiter “fuchshaft.sorge wetzte die steine”.

Dann geht es zu den dreiteiligen “funken”. “nehme die nase der kleinen/ zu meiner nase./ frage ich nicht: warum. geduld nur/ geduld. das läßt sich/ hören, das läßt sich strecken,”

Im zweiten Teil geht es sehr beeindruckend “ins klinikum”

“da ist der mann/der liegt in der klinik Regensburg/ da ist der raum/ da ist der plan/ da ist der film/ wo ist der mann?/ der liegt in der klinik Regensburg/ sechs tage lang/ der plan ist leer/ und ohne raum/ das war in der klinik in Regensburg”

Mit “hufe zählen” geht es weiter. Da ändert sich das Schriftbild, das sonst eher konventionell ist, einige Male, bevor es mit “pelzentbehrt” weitergeht.

“und drüben bleiben, lethe/und blüte, kein bleistift/ zwischen/den klappen-/ pelzentbehrt. heißt ohne/stachel”, bis es mit dem dritten Teil weitergeht.

Der ist dem titelgebenden Langgedicht gewidmet, wo sich plötzlich die Falken in den Schlafbäumen wiegen und sich plötzlich in den Lüften hunderte von Vögel befanden.

“natürlich kann es sein, daß ich mich falsch erinnere”, schreibt Nico Bleutge und das “daß” Kritiker, steht hier so geschrieben und kommt dann zu den Staren.

“die stare hattest du gemeint, nicht die flocken.die stare als könnten sie sprechen.”

“auf der schulter des bären sitzt ein kleiner falke” geht es weiter

“mit einem schnabel der langsam anwächst

an seiner spitze zwei schartige spitzen

aus grauen honiglicht”

“schon möglich, daß krähen/im kopf sind die dort nicht hin/gehören etwas zischt/in den büschen vielleicht/ein nest”

“nicht den wald aufessen!/ was ist los mit dir?/nur noch ein bißchen mehr”, uns so weiter und so fort mit den vogelreichen Versen, bis es zu den Anmerkungen geht, die verraten, daß Nico Beutge, die wichtigsten Anregungen von Elke Erb, Friedrich Hölderlin, Terezia Mora, Elisabeth Bishop, die auch das Motto für den dritten Teil gestiftet hat,Thomas Kling, Rosmarie Waldrop, Ilse Aichinger y und vielen mehr bekommen hat und ich habe mich wieder obwohl es noch gar nicht März ist in die schöne Sprache eines poetischen Lrikers einlesen können, aber Gedichte, merke ich an, kann man ja das ganze Jahr über lesen und sollte das auch tun.

Die Arena

Paris ist damit gemeint, im zweiten Roman der 1969 im Iran geborenen Regisseurin Negar Djavardi, die schon mit ihrem Debut “Desorientale” aufgefallen ist. Jetzt hat sie mit ihrem sehr filmlastiges Portrait, die Millionenstadt in eine Arena verwandelt, den Schmelztigel, in dem sich zahllose gestrandete Gestalten verschiedenster Nationen aufhalten, ihr Schicksal durchleben und die Stadt sehr verändert haben.

Am Beginn des Presseexemplars gibt es einige Interviews und dann geht es los mit dem rasant geschriebenen Buch, das durch die Pulvedrstadt hastet und die Schicksale ihrer Bewohner schildert.

Da gibt es Benjamin Grossmann, der glaubt es geschafft zu haben. Als Sohn einer alleinerziehenden Filmemacherin, war er immer schon vom Film Fasziniert, hat da auch einige Exemplare geklaut und unter seinem Bett versteckt. Jetzt ist er Europachef eines amerikanischen Streaminganbieters und gerade dabei, aus Steuergründen wahrscheinlich, von Paris nach Dublin zu ziehen. Er ist mit einer Schauspielerin verheiratet, die gerade einen Roman schreibt und ein Kind erwartet. Die Ehe scheint nicht sehr gut zu sein. Benjamin ist ein Getriebener von den vielen ungeschriebenen Vorschriften, ob er rauchen darf oder joggen soll, die ihn dorthin brachten, wo er gerade ist und kommt gerade vom Besuch bei seiner Mutter, die ihm eröffnete, daß sie einen afghanischen Jugendlichen namens Amir, in seinem Zimmer einquartiert hat. Dann wird ihm in einer Bar sein Handy mit George Cloonys <privatnummer gestohlen und die Katastrophe beginnt.

Denn der Junge, den er verdächtigt, wird tot aufgefunden und Camille Karvel, die sich im Netz @corky nennt, filmt wie die türkisch stämmige Polizistin Asya Bayda, Sam genannt, ihm einen Fußtritt versetzt und stellt das Video ins Netz. Das bringt Stephane Jahanguir Sharif, der die Vereinigung “Bürger zweiter Klasse” gegründet hat auf den Plan. Er tritt im Fernsehen auf, während sein Sohn mit Camille und einigen Freunden, in die ehemalige Wohnung der Polizistin, die längst verhaftet ist, aufbrechen, um es ihr heimzuzahlen.

Es trifft eine Medizinstudentin, die gerade für eine Prüfung lernt, während es im Stadtviertel zu großen Unruhen kommt. Sams Kollege kommt dabei um. Ein Haus steht in Flammen und Ariane, Benjamins Frau, der inzwischen von Chinesen erpresst wurde, damit die ihre Schulden bezahlen können durchmacht und sich nur mit Psychopharmaka aufrechthalten kann, verliert ihr Kind.

Im Nachspann wird es dann ein wenig kryptisch.Benjamin ist eineinhalb Jahre später allein in Dublin und von Ariane getrennt, liest aber ihren Roman bei dem er Vorbild war und eine Serie, die das Geschehen von damals schildert, wird gerade ausgestrahlt.

Ein interessantes Buch, das einen Einblick in das brodelnde Paris von heute gibt. Interessant und aufsehenserregend und spannend eine neue starke literarische Stimme kennengelernt zu haben. Ich bin neugierig, was ich noch von Negar Djavadi hören werde und kann das Buch allen am sozialen Geschehen Interessierten sehr empfehlen.

Der Feuerturm

Jetzt kommt eine Neuerscheinung, der siebente oder achte Roman des 1967 in Temeswar geborenen Catalin Dorian Florescu, der seit 1982 in Zürich lebt und dort Psychologie studierte.

Sein “Jacob beschließt zu lieben” habe ich 2019 gelesen, als wir den Sommer in Locarno verbrachten und ich mich da mit der Schweizer Literatur beschäftigte. Da ist es genausowenig um die Schweiz gegangen, wie im “Feuerturm” wo das letzte Jahrhundert in Bukarest beschrieben wird oder fünf Generationen einer Feuerwehrfamilie.

Der Erzähler, der durch das Buch führt, ist der 1932 geborene Victor Stoica, der nicht so recht an die Wende glaubt, wo das Buch endet und von dem Feuertrum schwärmt, der einmal das größte Gebäude von Bukarest war, bis ihm die Plattenbauten der Kommunisten überragten. Sein Großvater Darie ist als Kind mit seinen Eltern und der Großmutter Ekatarina einer sehr gläubigen Frau dorthin gezogen. Den Ururgroßvater, den ersten Feuerwehrmann haben sie zurück gelassen und Victor, den ein Gefängnisaufenthalt sehr traumatisert hat, ist der erste der kein Feuerwehrmann, sondern Schneidergehilfe und Arbeiter in einer Streicholzfabrik wurde.

In abwechselnden Kapitel wird durch das Buch bis zum Jahr 1989 erzählt und beginnen tut es mit der “Legende vom Mann der warnen wollte”.

Das war im fünfzehnten Jahrhundert. Da ist der spätere Heilige durch die Stadt gelaufen und hat immer “Vin!” gerufen, was sowohl Wein als auch “Sie kommen!” bedeuten kann.

Dann geht es ins Jahr 1876, wo der Großvater Darie zum Feuerturm zieht. Die gläubige Urgroßmutter, besucht dabei alle Kirchen und sammelt dabei einige verlorene Kinder auf, die sie bei sich wohnen läßt. Da sind Rosi und Dorn und deren Sohn wird der Freund des Großvaters und ein Kommunist, als das noch verpönt war und verschwindet immer wieder.

Der Gefängnisaufenthalt und die Folterung dorrt Victors im Jahr 1956 füllt einige Kapitel. Es gibt auch das wo der Urgroßvater in den ersten Weltkrieg zieht.

Victor, der in den Sechzigerjahren entlassen wird, heiratet dann die Lehrerin Magda, bekommt die Tochter Iana, tauscht die Streichhölzer gegen verschiedene Lebensmittel oder stellt sich in Ceaucescus -Zeiten vor den Läden an. Dafür mietet er sich ein Knd, weil man dann mehr Fleisch bekommt, das er dann zu dem Feuerturm zeigen will, weil man dort die schönste Aussicht hat, was diesen aber nicht beeindruckt.

Als die Wende naht, hören alle den Feindsender im Radio und der Securitate kommt, um Schokolade zu verteilen, um von seinen “Schützlingen” eine gute Nachrede zu bekommen. Eine sehr beeindruckende Stelle, wie auch die, als der Friedhof, wo die Ahnen begraben sind, aufgelassen wird und am Schluß, weichen die Kommunisten, wie auch einmal die Faschisten wichen, aber der Turm bleibt.

Ein sehr beeindruckendes Buch in dem man sich in die Geschichte Bukarest einlesen kann und spannend, Dracula kommt auch darin vor und darüber hat ja die ebenfalls in der Schweiz lebende Dana Grigorcia einen Roman geschrieben, mit dem sie auf der deutschen Buchpreisliste gestanden ist, während Catalin Dorian Florescu mit “Jacob beschließt zu lieben” den “Schweizer Buchpreis” gewonnen hat.

Wolkenkuckucksland

Jetzt kommt wieder ein Buch das ich von der 2021 Liste ,mitgenommen habe und das seit September, glaube ich, auf meinen Stapel liegt und dem ich im Netz immer wieder begegnet bin, ist es doch, wie ich vielleicht ein wenig frech schätzen würde, ein Abenteuerroman, der ähnlich wie Sharon Dodua Otoo,die ganz Geschichte zu umspannen zu versucht.

Es versucht es nicht mit der Frauen- sondern mit der Weltgeschichte, bzw., der der Bibliotkeken. Ein Lob des Lesen also und versucht die Geschichte von den Argonauten bis zur Argos neu zu erzählen. So was gibt es im Jugendbuchbereich wahrscheinlich zu Hauf. Bei C. H. Beck ist es wahrscheinlich Novum und der in Clevland 1973 geborene Anthony Doerr hat, glaube ich, einmal oder öfter den “Pulitzer-Preis” bekommen. Einer seiner Bestseller heißt “Alles Licht, das wir nicht sehen”. Ich muß gestehen, noch nie etwas davon gehört und habe mir beim Lesen auch ein bißchen schwer getan.

“Wolkenkuckucksland kann man nicht mehr aus der Hand legen, es ist eines dieser Bücher, die unser Leben verändert. Auf solche Bücher hofft man immer, aber es gibt sie nur ganz selten. Ein absolutes Meisterwerk”, schreibt Betsy Burton von The King´s Englisch Bookshop auf dem Rücken, auch davon habe ich noch nichts gehört und deckt nicht nicht mit meiner Wahrnehmung, es gibt aber einige Details die ich für interessant halte.

So schaut das Buch nach dem Lesen, es wäre mir ein paarmal fast in die Badewanne gefallen, es ist ja sehr umfangreich, ziemlich durchnäßt und zerfetzt aus und das passiert auch einem der Protagonisten in dem Buch. Da ist es zwar nicht die Badewanne, die gab es im fünzehnten Jahrhundert wahrscheinlich noch nicht. Der Protagonist namens Oumeir setzt es nachher aber wieder sorgfältig zusammen. Ich werde es auf die Heizung legen und trocknen lassen und Detail zwei, was mit dem Inhalt nicht so viel zu tun hat, zumindestens nicht was die Absicht des Autors betrifft.

Ich bin ja mit meinem letzten Text den “Arbeitstitel” auch in die Zukunft gegangen. Zuerst habe ich es mit 2099 versucht, aber wie sieht die Welt da aus? Dann bin ich bis 2053, meinen hundertsten Geburtstag, zurückgegangen und habe gedacht, da ißt man aus der Retorte und die KIs servieren das Essen und Anthony Doerr, ich muß es zugeben, ist perfekter als ich, no na, ist er ja unwidersprochen viel mehr Profi , obwohl er wahrscheinlich nicht so lange schreibt, wie ich, da kann man sich das Essen drucken lassen. Warum ist mir das nicht eingefallen? Aber zum Buch zurück.

Es geht um ein Buch, um einen Roman oder einen, der in Tafeln von einen Antonis Diogenes geschrieben wurde. Da findet man diese immer wieder in den fünfhundert Seiten verstreut und dann, was das Jugendbuch betrifft. Es geht um fünf Jugendliche, glaube ich und um einen alten Mann, der glaube, ich 2020 gestorben oder etwas später gestorben ist. Etwas später natürlich, denn 2020 war erst der Terroranschlag in der Bibliothek und da kann ich mich gleich wieder unterbrechen, genial oder interessant ist vielleicht auch, daß, ich glaube, daß Anthony Doerr, da die Covid-Krise in den Text einbezogen hat. Rennen doch alle mit Mundschutz herum und es gibt auch Sauerstoffmesser. Aber da sind wir schon in der “Argos”, das ist, glaube ich, eine Weltraumkapsel, denn die Welt ist tatsächlich oder angeblich untergegangen und da fliegt die vierzehnjährige Konstanze überwacht von ihrer KI Sybill um die Welt herum oder befindet sich in einer virtuellen Bibliothek und ein großer Teil des Buches spielt 2020 in einer Bibliothek in Lakeport. Da hat der sechsundachztigjährige Zenos, der vorher im Koreakrieg war, dieses “Wolkenkuckusland -Manuskript” irgendwo gefunden, es auf Englisch übersetzt und führt es mit sozial benachteiligten Jugendlichen auf. Die Aufführung wird aber unterbrochen, denn da gibt es einen Jugendlichen nam,ens Seymour der den Umweltgedanken mißversteht. Man sieht Anthony Doerr ist höchst aktuell und der plant einen Terroranschlag. Zenos rettet die Kinder. Aber gehen wir ins fünfzehnte Jahrhundert zurück und nach Konstatinpbel. Da stickt eine Anna bei einer Witew, stieht deren Wein und läßt sich dafür Altgriechisch beibringen. So fällt ihr dann das Manuskript in die Hände, das Omeir, der zum Krieg dorthin geschickt wird, nach ihrem Tod nach Urbino bringt, aus dessen Klosterbiliothek, es glaube ich, herkommt.

So ganz habe ich den welt- und zeitumfassenden Inhalt nicht verstanden und reime es mir selbst zusammen und Konstanze entdeckt in ihrer virutellen Bibliothek, unterstützt von einem Computerhund, ,das Buch, bzw. daß es auf dem Nachtkästchen ihres Vaters lag. Wie kam es dorthin? Er war natürlich eines der Kinder, die Zenos gerettet hat und interessant, interessant, kann ich nur sagen und äußerst spannend, wie sich dieses Buch in der Weltliteratur behaupten wird.

Wir es da ja schon als “Weltbestseller” bezeichnet, “Dieser ganze Roman ist einfach ein großes und stauneswertes Geschenk” schreibt Booklist, USA. Ö1 hat es, glaub ich, ebenfalls besprochen und da muß ich noch auf das Motto hinweisen, das es auf den ersten Seiten gibt, das natürlich auf Aristophases und seine “Vögel” hinweist.

Unsere Spiele enden nicht

Jetzt kommt etwas Lyrik aus dem “C. H. Beck-Verlag”, nämlich der neue Gedichtband des 1966 in Kiel geborenen Dirk von Petersdorff, der in Jena Professor für neue deutsche Literatur an der Friedrich Schiller-Universität ist und auch den “C. H. Beck-Gedichtekalender”herausgibt. 2006 hat er in Kagenfurt beim “Bachmann-Preis” gelesen. Von da kenne ich seinen Namen und das kleine blaue Gedichtbändchen umfaßt auf vierundsiebzig Seiten Gedichte in vierAbteilungen oder Kapitel. Der Klappentext nennt sie “Kleine poetischen Studien der Verwandlung”. Ein eigenes Vor- oder Nachwort gibt es nicht. Harald Hartung von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat aber am Buchrücken “Dirk von Petersdorff ist ein Bote zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Er ist ein leichtfüßiger Poet. Er trägt geflügelte Schuhe”, geschrieben, was auch ganz schön poetisch ist.

Also hinein in die vier Abteilungen, die mit den “Familien” beginnen und da geht es gleich “An eine Dreizehnjährige”, vielleicht eine Tochter deren “schimmelige Joghurtbecher und hartgewordenens Müsli” er aus ihrem Zimmer räumt.

Bei”Brücken” geht es um die “Alte Mutter” die “jetzt ihre Brücke hinuntertappt/ mit der sinnlos vollgestopften Handtasche,/ Haare wie Algen, aufs dunkle Ufer zu -“

Bei der “Durchgeschnittenen Seite” geht es dann um den Vater:

“Was ich brauchte, hat mir mein Vater aus der Stadt mitgebracht:” und sehr beeindruckend:

“Franziska in Omas leeren Bungalow”

“im Garten noch das Windrad,/ rot und weiß, so kreisen die Gedanken,/ Schneeweißchen und Rosenrot,/ das Buch auf Omas Knien, ein Märchen/ wie der ausgeräumte Bungalow jetzt,/ nur ein Lippenstift an der Fußleiste-/

Franzi, kleines Schneeweißchen, wird bald/ in einer WG einen verzauberten Bären/ den Pelz shamponieren,/ denn das Rad der Widergeburt/ dreht sich, rot und weiß, verläuft,/ Korn mit Kirschgeschmack wäre gut,/ aberOma hatte höchstens Eierlikör-“

Es gibt ein Gedicht nach einem Bildvon August Macke

“Schwellen zum Leben, zum Tode, Abschiede und Ankünfte, alte und neue Liebe, die Gegenständie des Alltags und die der Pop-wie der Hochkultur, August Macke und das Skateboard”, schreibt der Klappentext und wir gehen weiter in den “Liebesmorgen”

“und zögernd wachgewühlt aus Kissen, Fellen,/ zurück sich wühlen in die Zeit der Wellen,/”

Ja bei Dirk von Petersdorff wird manchmal gereimt.

Und in der dritten Abteilung “An der Schleuse” gibt es eine “Kurzbiografie”:

“”Neue Heimat” hieß die Baugesellschaft/ meines Elternhauses. Am offenen Fenster/ zeige die Antenne des Tranistorradios/ auf die weiß ziehenden Wolkenberge./ In nebeligen Winternächten hörte man/ ein Schiffshorn klagen vom <kanal herüber,/ und die ganze Juninacht blieb/ ein schmaler Streifen Himmel hell.”

Dazu gibts eine “Ergänzung”:

“”Kork”, rief Christine, als wir in der Nordseestraße/ pfützenfroh in Gummistiefeln herumtollten – “Dirk” ist am Anfang schwer auszusprechen.”

Die Abteilung vier , die “Mediationen” sind der Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska” gewidmet und enthalten relativ lange Texte.

So gibt es ein “Aufwachsen mit Vogelstimmen” “Pinien” und “Beim Olivenbaum”,”Eiche mit Efeu” und vielleicht gar nicht so meditativ

“Deutsch lernen”

“Pass”, diesesWort kennt er schon/ zu gut, “Pass- Ersatz”,/,vieles kann man zusammen-/setzen im Deutschen.”

Und ich habe wieder einen interessanten Dichter kennengelernt und mich eingelesen in die Kurzform der Lyrik und dem, der von den “Spielen” bzw. Gedichten noch nicht genug davon bekommen kann, kann ich außer dem Lesen des Buchs, noch verraten, das demnächst noch etwas von Peter Paul Wiplinger, dem unentwegten, kommen wird, der mir so getreulich seine in der “Edition Pen” erschienenen Gedichtbände schickt.

Inneres Wetter

Jetzt kommt wieder eine Neuerscheinung, nämlich”Inneres Wetter”, der 1961 geborenen Elke Schmitter, von der ich “Frau Satoris” gelesen habe, das von Marcel Reich-Ranicki sehr gelobt wurde und hier geht es um einen Geburtstag des siebenundziebigjährigen Georg Kupfer, der verwittwet ist und drei Kinder hat, Sebastian, Huberta, Bettina, alle in den Sechzigerjahren geboren, also über fünfzig, da das buch 2014 zu spielen scheint. Zumindest gibt es Mails, die darauf hinweisen, da möchte Bettina nämlich ihre Geschwister veranlaßen für den Vater eine Überraschungsparty zu veranstalten.

Alles sher banal und gewöhnlich würde man sagen, daß man den Geburtstag seines Vaters feiert. Meistens ist der auch darauf vorbereitet. Aber hierzieht sich alles auf zweihundert Seiten hin und ist auch in drei Teilen gespaltet, findet der Geburtstag des Vaters, glaube ich, im Oktober statt. Es beginnt aber im Frühling, da wird dann ein Tag beschrieben. Dann folgt der zweite Teil, der “Zwei Tage im Sommer” heißt und der dritte wenig originell “Drei Tage im Herbst” und dazwischen plätschert es dahin und wir erleben das “innere Wetter” oder das Alltagsleben der Geschwister, bis es soweit ist, daß sie den Vater in einem Restaurant treffen und sich von der Kellnerin die Speisekarte erklären lassen.

Die drei Geschwister und ihre Familie gehören wahrscheinlich, wie auch Elke Schmitter der Mittelschicht an. Am Interessantesten ist aber Sebastians Frau Mora, die aus Dalamtien stammt und von der wir relativ viel erfahren. Sie verkauft tageweise in einer Boutique, da werden ihr einmal einige Schals gestohlen. Die Diebin trifft sie dann am Elternsprechtag ihres Sohnes Ben oder ist es der der Tochter Adiana wieder. Ben spricht jedenfalls wenigmit den Eltern und steht im Verdacht Autist zu sein.

Gesellschaftls- und Alltagsereignisse, wie julian Assange oder die Flüchtlingsfrage werden erwähnt und Bettina hat auch zwei Freudninnen, Angelika und Selma. Zu Beginn des Buches gibt es ein Personenverzeichnis. Angelika hat Probleme mit ihrer Wohnung. Selma berichtet von einer Tagung, Huberta ist Ethnologin und warlange in Äthiopien und die Handlung, der Plot und die Spannung fehlen wieder.

Es wird, das habe ich auch in einer Rezenson gelesen, dahin geplätschert. Der Vater weiß natürlich von der Party die Geschwister haben es ihm verraten und sich auch Sorgen gemacht ob er am Tage der Überraschung daheim sein wird und muß tun, als wüßte er von nichts und das Interessanteste an dem Buch ist wahrscheinlich der Stil. Da gibt es Briefe und Mails und vieles ist auch kleingeschrieben.

Schwierig ist auch der ständige Perspektivenwechsel. Denn da wußte ichoft nicht,wo ich jetzt bin und wer jetzt spricht, denkt oder handelt. Aber natürlich ist das Midlifeleben der intellektuellen Mittelschicht und ihre Probleme interessant und das war wohl auch die Absicht des Romans, den ich eigentlich wieder nicht als solchen bezeichnenwürde das aufzuzeigen.

Ich finde trotzdem es wurde zuviel bla bla und zuviel Auwand, um so etwas Alltägliches wie den Geburtstag des alten Vaters gemacht,obwohl natürlich klar ist, daß jedes der Kinder, Schwiegerkinder und auch die Freundinnen ihre Probleme haben, die sie trotz des Geburtstags bewältigen müssen. Aber da das Buch in Vor-Corona-Zeiten spielen, haben sich diese inzwischen auch schon überschlagen, sind andere und vielleicht auch größer geworden.

Drei Fliegen

Jetzt kommt die ideale Buchbegleitung zum neuen Romanschreibjahr, nämlich Nico Bleutges “Drei Fliegen – über Gedichte.”

“In seinen Essays und Skizzen taucht Bleutge in die Sprachwelten anderer Dichter und Dichterinnen ein und bringt dabei zugleich Gedanken über das eigene Schreiben an die Oberfläche”, steht auf einem beigelegten Zettel des bei C.H. Becks erschienenen Bandes und ich habe den 1972 in München geboren Nico Bleutge 2012 in Wien kennengelernt, als der Erich Fried-Preis bekommen hat und da hat seine Dankesrede den Titel “Drei Fliegen” gehabt, die wahrscheinlich im “Standard” aber auch in den “Akzenten” 2014, herausgekommen sind. Jetzt ist es der Titel des Buches über Gedichte, das aus Essays und Skizzen in sechs Kapitel besteht und die erfolglose Schreiberin, die sich wieder zum wiederholten Male in einem Schreiblernkurs versucht in die schöne Sprache einführt, könnte man so sagen.

Ich schreibe ja keine Gedichte, keine wirklichen und ankerannten jedenfalls, denn ind den “Wiener Verhältnissen”, ist eines vorhanden, ein Corona-Gedicht habe ich heuer an das Literaturcafe geschickt, eines über Weihnachten 2000 ist in der Schreibwerkstatt der Gewerkschaft zu dieser Zeit entstanden und in meinem zweiten Corona-Buch das demnächst erscheinen wird, gibt es angeregt von Doris Kloimstein auch immer wieder ein paar Gedichtzeilen, aber jetzt mit Nico Bleutge, den ich inzwischen öfter in Wien gesehen habe, in die schöne Sprache eintauchen und herauszufinden, was er über das Schreiben denkt und wie er sich sprachlich damitauseinandersetzt.

Das beginnt schon im ersten Kapitel mit dem Wort “Muschelkalk” das ihm am Flughafen Tempelhof, den er dann erforschte, begegnete.

Die “Drei Fliegen” sind dann auch in dem Kapitel erhalten. Er liest die Fried-Werkausgbe, tut sich schwer dabei, beobachtet dabei eine Fliege und kommt dann zu dem Buben, der sie auf dem Pingpongtisch aufspießt. Er hat als Kind auch Fliegen beobachtet, aber nicht getötet und eine Fliegengeschichte von Robert Musil gibt es auch dabei.

Im zweiten Kapitel beginnt Bleutge mit den Erinnerungen beziehungsweise mit einem Bild von sich als kleinen Buben, das sein Vater einmal von ihm mit der Kulisse von Venedig nach einem Italienurlaub malte. Dann bleibts in der Vergangenheit und es geht an die Erinnerungen an die Großmutter, an ihren Balkon, Lift und ihr Stiegenhaus und ” Das Treppenhaus”, schreibt Lutz Seiler einmal, gehört zu den magischen Orten der Kindheit.”

Das kann ich so zwar nicht bestätigen, aber Nico Bleutge nimmt immer wieder Bezug zu seinen Schriftstellerkollegen auf. Dann gehts zu den Träumen beziehungsweise zum Schlaf, denn das hat er als Kind nicht wollen, die Mutter hat ihm da immer ein Liedchen vorgesungen und das führt zu dem “Bucklichen Männchen und zu Walter Benjamin beziehungsweise zu Joseph von Eichendorff, der sich auch darauf bezogen hat.

Dawzischen werden noch zwei Gedichte analysiert, nämlich die “Dunklen Augen von Marcel Beyer und das des schwedischen Dichters Gunnar Ekelöf “Klima”, den Nico Bleutge sehr zu verehren scheint.gehe

Um drei Fliegen geht es im dritten Kapitel, wo es unter anderen um die Sprache der Tiere geht, noch einmal. Her handelt es um ein Bild des niederländischen Malers Jaques de Gehyn, das Nico Beutge in einer Ausstellung entdeckt und den Text 2019 geschrieben hat.

Im vierten Kapitel gehen wir zuerst zu der 1959 geborenen Barbara Köhler und durch deren Bücher, dann folgt die Büchner-Preisträgerin Elke Erb, sehr ausführlich beschäftigt sich Nico Bleutge mit dem “Alphabet” der 1935 geborenen und 2009 verstorbenen dänischen Autorin Inger Christensen und kommt dann zu Zsuzsanna Ghase von der ich schon einiges gehört und gelesen habe.

Der 1835 in Warmbronn geborene Christian Wagner ist 1895 “auf eine kleine Reise nach Italien” aufgebrochen und berauschte sich dort in einem Wirtshaus am Klang der italienischen Sprache und war froh darüber, daß er den “Klatsch” um den es dort wahrscheinlich ging, nicht verstanden hat. In einem weiteren Kapitel beschäftigt sich Bleutge sehr ausführlich mit den Wiederholungen.

Ein wichtiges Element des Gedichts, so lesen manche Dichter, wie etwa Reiner Kunze, ihre Gedichte oft zweimal. Im Wiegenlied gibt es Wiederholungen, die die Kinder beruhigt einschlafen lassen und Ernst Jandl hat seine Mutter früh verloren. Das war wahrscheinlich plus seiner Kriegserfahrungen sein Trauma, das zu seiner speziellen Sprache führte. Bleutge erwähnt ein altes Fotos. Jandls Vater hat seine Familie künstlerisch fotografiert, was zu Jandls Familienfoto” führte.

“der vater hält sich gerade/ die mutter hält sich gerade, der sohn hält sich gerade/die tochter hält sich gerade” und interessant finde ich dabei daß es in Jandls Familie fünf Söhne und zwei Töchter gibt.

Die Fliegen kommen im fünften Kapitel ein drittes Mal vor, da murmelt Bleutge “im zimmer, drin ich schlafe” und bezieht sich auf Rilkes “Herbstfliegen” im “Malte Laurids Brigge”, den ich nicht gelsen habe und noch einmal auf Jandl.

Dann kommt ein prosaischer text über seine ambivalente Beziehung zu den Großeltern, den Bleutge mit einem Roman von Wolfgang de Bruyn verknüpft. Ja das gibt es in einem Essayband über Gedichte auch. Der unbekannte Dichter Wilhelm Klemm, der 1881 in Leipzig geboren wurde, wird erwähnt und Thomas King, der obwohl, das Kapitel so beginnt, glaube ich, kein Romantiker ist, aber wie Bleutge betont keine Wasserglaslesungen mag.

Ein interessantes Buch aus dem die, deren Sprchw ja immer sehr bemängelt wird “Sie schimpfen sich Dichterin?”, tue ich nicht, nur schreibende Frau und das bin und tue ich auch, sehr viel lernen kann. die Achtsamkeit bezüglich Sprache etwa oder erfahren kann, wie Sprachkünstler zu ihren Gedichten kommen. Einige der Texte wurden extra für das Buch geschrieben, andere sind, wie schon der erste Fliegen-Text Laudatios oder Dankreden. So hat er etwa eine Laudatio für Zsuszanna ghase gehalten oder eine Dankrede zum Eichendorff-Preis, für Barbara Köhler hat er eine Laudatio gehalten und den “Christian Wagner-Preis” hat er auch bekommen.