In den Fußspuren der Bachmann

Eja Augustin rauchte der Kopf, als sie das Kino verließ, in dem pünktlich zu ihrem fünfzigsten Todestag ein Film über Ingeborg Bachmann gezeigt wurde, die ja am siebzehnten Oktober 1973 an den Verbrennungen oder den Folgen einer Medikamentenabhängigkeit, wie man heute weiß, in einem Spital in Rom gestorben war.

Damals war sie fast zwanzig gewesen, hatte im ersten Semester studiert und auch ihre erste Erzählung verfasst gehabt, denn sie hatte im Mai des Jahres die sogenannte Knödelakademie in der Straßergasse sehr euphorisch mit dem Wunsch Psychologie zu studieren und zu schreiben, verlassen und beides auch getan.

In den Spuren der Bachmann, dachte Eja Augustin und schüttelte den Kopf, konnte sie sich doch vorstellen, daß ihre Kritiker in den weltweiten Netzen, aber auch die, die sie auf literarischen Veranstaltungen traf, jetzt aufschrieen und “Überschätz dich doch nicht so, die Bachmann hat den “Büchner-Preis” bekommen bei der Gruppe 47 gewonnen und wäre vielleicht, wenn sie länger gelebt hätte “Nobelpreisträgerin” geworden!”

Außerdem hatte sie im Oktober 1973, als sie noch bei ihren Eltern und ihrer Schwester in der Wattgasse gewohnt hatte, nicht viel von der Bachmann gekannt, die in ihrem Deutschunterricht bei der Frau Prof Friedl keine große Rolle gespielt hatte. Oder doch natürlich, den Haneke Film “3 Wege zum See” hatte sie sicher noch in den Siebzigerjahren im elterlichen Wohnzimmer im Schwarzweißfernseher gesehen und sich viele Jahre später, als den “Radetzkymarsch” , ein Fundstück aus dem elterlichen Bücherkasten gelesen hatte, über den Namen “Trotta” gewundert, der in beiden Texten eine Rolle spielte. Die Todesnachricht hatte sie höchstwahrscheinlich auch gehört und damals im Sommer 1973, als die Grazer Autorenversammlung gegründet wurde, auch viel gelesen.

Von Michael Scharangs “Charly Traktor” und Andreas Okopenko “Lexikonroman” hatte sie im Radio gehört und sich in den Buchhandlungen “Der Mann ohne Eigenschaften” und eine Rilke-Gesamtausgabe besorgt und eifrig gelesen. Die Bachmann erst ein paar Jahre später, als sie sich von ihren Eltern die vierbändige Gesamtausgabe schenken hatte lassen. Den “Fall Franza” im Türkenschanzpark zwischen ihren Psychologieskripten gelesen und selbst geschrieben oder es zumindestens versucht, weil das ja in Zeiten, wo es noch keine Schreibschulen gab und man das Schreiben höchstens in Leipzig studieren hätte können, nicht so einfach war.

Die erste Erzählung, im Sommer 1973 geschrieben und nicht richtig korrigiert, war unveröffentlicht geblieben. Spätere Schreibversuche scheiterten. erst 1977 war ihr wieder eine Erzählung “Die Einladung zun Tee” gelungen, die von zwei Freunden, denen sie sie zeigte, als schlecht bezeichnet wurden.

Später war sie Mitglied im “Arbeitskreis schreibender Frauen” geworden und dadurch in Kontakt zu Schriftstellerinnen, wie Marie Therese Kerschbaumer, Elfriede Haslehner, Christa Stippinger, etcetera gekommen.

In die Spuren der Bachmann natürlich nicht, dachte sie also, als sie fünfzig Jahre später kurz vor ihrem siebzigsten Geburtstag vom Kino nach Hause ging. Denn so berühmt, wie die Bachmann war sie selbstverständlich nicht geworden, war es ihrdoch nicht einmal gelungen einen richtigen Verlag zu finden. Nur einmal hatte Jack Unterweger, der umstrittene Autor und Kleinverleger ihre “Hierarchien” herausgebracht, bevor er aus der Strafanstalt Stein auf Initative der kritischen Autorenschaft entlassen wurde und sich Jahre später, als er nach weiteren Frauenmorden verurteilt wurde, in einer anderen Haftanstalt erhängte, das ebenfalls stark kritisiert wurde.

Dann hatte es nur zwei Sach- und Ratgeberbücher gegeben, die sie in ihrer Rolle als Psychologin, denn das Studium hatte sie problemlos geschafft, über das “”Stottern” in großen Verlagen gegeben, während sie nun schon seit über zwanzig Jahre ihre Bücher selber, ohne ISBN-Nummer drucken ließ und es dadurch erst recht nicht in den Literaturbetrieb hineinschaffte, obwohl sie seit 1987 Mitglied bei den “Grazer Autoren-Autorinnen”, wie das jetzt heißt,war.

Über sechzig selbstgemachte Bücher reihen sich in ihren Regalen, die sich alle sehr gesellschaftspolitisch und realistisch waren, sich mit dem Älterwerden, dem Tod und dem Sterben aber auch mit den Schreiben beschäftigten und in den letzten Jahren hatte sie das Thema Corona sehr beschäftigt, mit dem sie, weil sie das sehr kritisch betrachtete, wahrscheinlich noch einen Stückchen weiter an den Rand gerückt war.

Links oder rechts war hier die Frage und eigentlich betrachtete sie sich schon länger als eine Borderlinegängerin, allerdings im nicht kinischen Sinn, sondern eine, die immer, wenn sie sich zu nahe an der Mitte befand, erschreckt einen Schritt zur Seite machte und jetzt den Spuren der Bachmann folgen?

Ja, natürlich, obwohl, wie festgestellt lange nicht so berühmt oder eigentlich das gar nicht. Da keine wirklichen ernstzunehmenden Preise und nicht einmal ein Stipendium bekommen, obwohl sie sich seit Jahren in einigen literarischen Juries befand und zu dem berühmten “Bachmannpreis-Lesen” war sie, obwohl sie das ganz gern wäre, nicht eingeladen worden.

Trotzdem schrieb sie tapfer weiter und hatte angesichts der fünfzig Jahre, die sie nun schon länger, als die Bachmann lebte, höchstwahrscheinlich mehr als sie geschrieben und weil sie nicht so berühmt geworden war, waren ihr vielleicht auch ihre Krisen erspart geblieben.

Denn ihr Leben war sicher nicht so turbulent. Zwar trank sie ganz gern ein Gläschen Wein, rauchte aber nicht und hatte auch nie Drogen und Beruhigungsmittel konsumiert. Deshalb war ihr ihr tragischer Tod erspart geblieben, litt zwar unter ihrer Erfolglosigkeit war aber nie unter einen solchen Druck gestanden, der die Bachmann, wie sie psychologisieren würde, überfordert hatte, so daß sie zu Alkohol, Medikamente und Zigaretten gegriffen hatte.

Kein schöner Tod und wahrscheinlich trotz ihrer Berühmtheit sicher auch kein sehr schönes Leben, würde sie vermuten und trotzdem weitermachen. Weiterschreiben, ob in- oder außerhalb der Bachmannschen Fußspuren war eigentlich egal. Denn höchstwahrscheinlich schrieb sie ganz anders, war sie ja keine Lyrikerin, sondern eine sehr bemühte, unentwegt schreibende Frau, die ihr Leben der Literatur gewidmet hatte, aber auf der anderen Seite stand.

Auf der des Publikums, der Literaturveranstaltungsbesucherin, der Buchpreis-Leserin und daher auch andere Erfahrungen als die Bachmann hatte, den Literaturbetrieb von der anderen Seite sah, daher höchstwahrscheinlich auch gesünder lebte, obwohl die ständige Erfolglosigkeit auch depressiv machen konnte, dachte Eja Augustin, hatte ihre Wohnung erreicht, die Jacke abgelegt und war zu ihrem Bücherregal gegangen, um sich die Gesamtausgabe herauszuholen und darin zu blättern .

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