Eja Augustin auf der Buch-Wien

“Da bin ich wieder, werde mir jetzt viereinhalb Tage lang einen literarischen Urlaub in der Welt der Bücher geben und dabei auch meinen siebzigsten Geburtstag feiern! Was gibt es besseres für das Jubiläumsjahr mit fünfzig Jahre schreiben, fünfzehn Jahre bloggen und fünfzig Jahre GAV?”, dachte Eja Augustin und atmete tief durch.

Es gibt wahrscheinlich nichts, denn sie hatte ja ein Superplus Festival Ticket und konnte sich daher in Ruhe umsehen und alles ansehen, bei der “Buch-Wien”, die es jetzt ja auch schon fünfzehn Jahre gibt. Da konnte Eja Augustin sich erinnern, daß damals vom Hauptverband sehr viel Werbung gemacht wurde, so daß sie sich etwas ähnliches wie Frankfurt oder Leipzig erwartete und dann ein paar Schritte in die eine Rchtung, ein paar in die andere machte und als sie das viermal getan hatte, enttäuscht dachte, war es das jetzt?

“Was soll ich da vier Tage?”

Dann wurde doch etwas daraus, auch die nächsten fünfzehn Jahre lang. Das heißt, nicht ganz, denn 2020 im Corona-Jahr gab es ja keine Messe. 2021 hätte sie sich zwar akkreditieren können, hätte aber 2G und höchstwahrscheinlich auch eine Maske gebraucht und einmal ist sie nach dem ersten Tag mit den Nachtzug nach Basel zur “Buch-Basel” gefahren. Aber jetzt das Ticket in der Tasche und als Eja Augustin kurz vor halb fünf die Halle D betrat, sah sie schon eine lange Schlange vor den Eingangsschalter, denn Einlaß war erst um halb. Also anstellen, uje uje, dann war es nicht so arg. Zwei Drittel der Plätze der ORF-Bühne, wo die Eröffnung stattfand, aber reserviert und sie wußte nicht recht, ob da auch einer für sie dabei war?

Sich also wieder ein wenig isoliert und einsam fühlen, während die Autoren, denen es besser als ihr ging, die Verlagsmenschen etcetera an ihr vorbeimarschierten.

Die Eröffnungrede wurde von der schottischen Autorin E. J. Kennedy gehalten und dann ging es los mit der langen Nacht der Bücher, die diesmal nur bis neun dauerte und die Eröffnungsrede auch für alle möglich war, was ja sehr fein war.

Also zum Wein in die VIP-Lounge strömen, die sich langsam füllten. Junge Mädchen mit den “Buch-Wien-Shirts” kontrollierten die Berechtigung. Dann gab es Wein und später auch einen Korb mit Semmeln und Brezeln und viele Küßchen, Umarmungen, Begrüßungsschreie und sie stand wieder mal daneben. Grüßte aber tapfer nach allen Seiten, denn das hatte sie sich vorgenommen und wurde von Gustav Ernst prompt darauf angesprochen, daß sie immer und überall die Erste wäre”

Diesmal schon, aber sonst nicht. Denn was nützte es, eine halbe Stunde vorher zu kommen, wenn die guten Plätze schon ausreserviert waren und nur die zwei vorletzten überblieben und was nützte es, wenn sie, weil sich ja selbst verlegend, nie auf einer Buchpreisliste stehen würde?

Sich davon aber doch nicht entmutigen lassen, nahm sie sich tapfer durch und atmete durch. Sprach Anton Thuswaldner auf seinen “Gegenkanon” an, begrüßte die Frau M. die ihr sogar ihr Rotweinglas anbot und natürlich auch die Literaturreferentin, die ja immer sehr freundlich war und zum siebzigsten Geburtstag gratulierte und bei der “Donau Lounge” gab es sogar einen Goodiebag, obwohl sie die heilige Gisela mit der Kaiserin Ssi verwechselt hatte. Die Hertha Müller ,zwar gewußt, aber da nicht die erste war. Dann den Büchergutschein der Tochter eingelöst um sich ein bißchen mit dem Frankfurt Gastland Slowenien zu beschäftigen und dann nach Hause fahren, weil ja die lange Nach um neun endete.

Da gab es weil drei Jahre lang Straßenbahnabstinenz auch Probleme mit der U-Bahn, die lötzlich nur bis zum Schottenring und dann wieder zurückfuhr und das jetzt vier Tage?

Vier Tage lang in die Bücherwelten eintauchen.

“Da werden Sie Bücher finden, von denen Sie gar nicht wußten, daß Sie sie gesucht haben?”, hatte die Staatssekretärin in ihrer Eröffnungsrede behauptet und am Donnerstag, Freitag, etcetera, dann weniger VIPS, nur das gewöhnliche Publikum, das sich dann die Bücher kaufen und sie lesen durfte. Aber sie würde tapfer dabei bleiben und ihren Geburtstagsurlaub genießen, auch wenn sie nur im Publikum und nicht auf den Bühnen sitzen würde. Was aber nicht ganz stimmte, weil sie den lieben Conny, als der sie am Donnerstag fragte, ob sie auch auftreten würde”Ja!”, sagen konnte.

Sie selbst zwar natürlich nicht, aber das Buch, das sie lektorieren durfte, wurde um fünf auf der “Standard-Bühne” vorgestellt und außerdem hatte sie sich auch vorgenommen, ein ganz kleines bißchen unbotmäßig sein und ihre Bücher einfach bei den IG-Autoren oder sonstwo zur freien Entnahme aufzulegen. Denn das müßte eigentlich gehen. Dürfte nicht verboten sein und vielleicht würde sich jemand sogar darüber freuen….

In den Fußspuren der Bachmann

Eja Augustin rauchte der Kopf, als sie das Kino verließ, in dem pünktlich zu ihrem fünfzigsten Todestag ein Film über Ingeborg Bachmann gezeigt wurde, die ja am siebzehnten Oktober 1973 an den Verbrennungen oder den Folgen einer Medikamentenabhängigkeit, wie man heute weiß, in einem Spital in Rom gestorben war.

Damals war sie fast zwanzig gewesen, hatte im ersten Semester studiert und auch ihre erste Erzählung verfasst gehabt, denn sie hatte im Mai des Jahres die sogenannte Knödelakademie in der Straßergasse sehr euphorisch mit dem Wunsch Psychologie zu studieren und zu schreiben, verlassen und beides auch getan.

In den Spuren der Bachmann, dachte Eja Augustin und schüttelte den Kopf, konnte sie sich doch vorstellen, daß ihre Kritiker in den weltweiten Netzen, aber auch die, die sie auf literarischen Veranstaltungen traf, jetzt aufschrieen und “Überschätz dich doch nicht so, die Bachmann hat den “Büchner-Preis” bekommen bei der Gruppe 47 gewonnen und wäre vielleicht, wenn sie länger gelebt hätte “Nobelpreisträgerin” geworden!”

Außerdem hatte sie im Oktober 1973, als sie noch bei ihren Eltern und ihrer Schwester in der Wattgasse gewohnt hatte, nicht viel von der Bachmann gekannt, die in ihrem Deutschunterricht bei der Frau Prof Friedl keine große Rolle gespielt hatte. Oder doch natürlich, den Haneke Film “3 Wege zum See” hatte sie sicher noch in den Siebzigerjahren im elterlichen Wohnzimmer im Schwarzweißfernseher gesehen und sich viele Jahre später, als den “Radetzkymarsch” , ein Fundstück aus dem elterlichen Bücherkasten gelesen hatte, über den Namen “Trotta” gewundert, der in beiden Texten eine Rolle spielte. Die Todesnachricht hatte sie höchstwahrscheinlich auch gehört und damals im Sommer 1973, als die Grazer Autorenversammlung gegründet wurde, auch viel gelesen.

Von Michael Scharangs “Charly Traktor” und Andreas Okopenko “Lexikonroman” hatte sie im Radio gehört und sich in den Buchhandlungen “Der Mann ohne Eigenschaften” und eine Rilke-Gesamtausgabe besorgt und eifrig gelesen. Die Bachmann erst ein paar Jahre später, als sie sich von ihren Eltern die vierbändige Gesamtausgabe schenken hatte lassen. Den “Fall Franza” im Türkenschanzpark zwischen ihren Psychologieskripten gelesen und selbst geschrieben oder es zumindestens versucht, weil das ja in Zeiten, wo es noch keine Schreibschulen gab und man das Schreiben höchstens in Leipzig studieren hätte können, nicht so einfach war.

Die erste Erzählung, im Sommer 1973 geschrieben und nicht richtig korrigiert, war unveröffentlicht geblieben. Spätere Schreibversuche scheiterten. erst 1977 war ihr wieder eine Erzählung “Die Einladung zun Tee” gelungen, die von zwei Freunden, denen sie sie zeigte, als schlecht bezeichnet wurden.

Später war sie Mitglied im “Arbeitskreis schreibender Frauen” geworden und dadurch in Kontakt zu Schriftstellerinnen, wie Marie Therese Kerschbaumer, Elfriede Haslehner, Christa Stippinger, etcetera gekommen.

In die Spuren der Bachmann natürlich nicht, dachte sie also, als sie fünfzig Jahre später kurz vor ihrem siebzigsten Geburtstag vom Kino nach Hause ging. Denn so berühmt, wie die Bachmann war sie selbstverständlich nicht geworden, war es ihrdoch nicht einmal gelungen einen richtigen Verlag zu finden. Nur einmal hatte Jack Unterweger, der umstrittene Autor und Kleinverleger ihre “Hierarchien” herausgebracht, bevor er aus der Strafanstalt Stein auf Initative der kritischen Autorenschaft entlassen wurde und sich Jahre später, als er nach weiteren Frauenmorden verurteilt wurde, in einer anderen Haftanstalt erhängte, das ebenfalls stark kritisiert wurde.

Dann hatte es nur zwei Sach- und Ratgeberbücher gegeben, die sie in ihrer Rolle als Psychologin, denn das Studium hatte sie problemlos geschafft, über das “”Stottern” in großen Verlagen gegeben, während sie nun schon seit über zwanzig Jahre ihre Bücher selber, ohne ISBN-Nummer drucken ließ und es dadurch erst recht nicht in den Literaturbetrieb hineinschaffte, obwohl sie seit 1987 Mitglied bei den “Grazer Autoren-Autorinnen”, wie das jetzt heißt,war.

Über sechzig selbstgemachte Bücher reihen sich in ihren Regalen, die sich alle sehr gesellschaftspolitisch und realistisch waren, sich mit dem Älterwerden, dem Tod und dem Sterben aber auch mit den Schreiben beschäftigten und in den letzten Jahren hatte sie das Thema Corona sehr beschäftigt, mit dem sie, weil sie das sehr kritisch betrachtete, wahrscheinlich noch einen Stückchen weiter an den Rand gerückt war.

Links oder rechts war hier die Frage und eigentlich betrachtete sie sich schon länger als eine Borderlinegängerin, allerdings im nicht kinischen Sinn, sondern eine, die immer, wenn sie sich zu nahe an der Mitte befand, erschreckt einen Schritt zur Seite machte und jetzt den Spuren der Bachmann folgen?

Ja, natürlich, obwohl, wie festgestellt lange nicht so berühmt oder eigentlich das gar nicht. Da keine wirklichen ernstzunehmenden Preise und nicht einmal ein Stipendium bekommen, obwohl sie sich seit Jahren in einigen literarischen Juries befand und zu dem berühmten “Bachmannpreis-Lesen” war sie, obwohl sie das ganz gern wäre, nicht eingeladen worden.

Trotzdem schrieb sie tapfer weiter und hatte angesichts der fünfzig Jahre, die sie nun schon länger, als die Bachmann lebte, höchstwahrscheinlich mehr als sie geschrieben und weil sie nicht so berühmt geworden war, waren ihr vielleicht auch ihre Krisen erspart geblieben.

Denn ihr Leben war sicher nicht so turbulent. Zwar trank sie ganz gern ein Gläschen Wein, rauchte aber nicht und hatte auch nie Drogen und Beruhigungsmittel konsumiert. Deshalb war ihr ihr tragischer Tod erspart geblieben, litt zwar unter ihrer Erfolglosigkeit war aber nie unter einen solchen Druck gestanden, der die Bachmann, wie sie psychologisieren würde, überfordert hatte, so daß sie zu Alkohol, Medikamente und Zigaretten gegriffen hatte.

Kein schöner Tod und wahrscheinlich trotz ihrer Berühmtheit sicher auch kein sehr schönes Leben, würde sie vermuten und trotzdem weitermachen. Weiterschreiben, ob in- oder außerhalb der Bachmannschen Fußspuren war eigentlich egal. Denn höchstwahrscheinlich schrieb sie ganz anders, war sie ja keine Lyrikerin, sondern eine sehr bemühte, unentwegt schreibende Frau, die ihr Leben der Literatur gewidmet hatte, aber auf der anderen Seite stand.

Auf der des Publikums, der Literaturveranstaltungsbesucherin, der Buchpreis-Leserin und daher auch andere Erfahrungen als die Bachmann hatte, den Literaturbetrieb von der anderen Seite sah, daher höchstwahrscheinlich auch gesünder lebte, obwohl die ständige Erfolglosigkeit auch depressiv machen konnte, dachte Eja Augustin, hatte ihre Wohnung erreicht, die Jacke abgelegt und war zu ihrem Bücherregal gegangen, um sich die Gesamtausgabe herauszuholen und darin zu blättern .

Ein gemütlicher Abend

Hier wieder ein Eja Augustin Artikel, ein Versuch mein literarisches Leben in literarischer Form mit einem literarischen Alter Ego aufzuarbeiten und damit Gedankensplitter, Ideen und Alltagsereignisse wiederzugeben. Einen davon, der ein bißchen von den O-Tönen inspiriert war, gibt es ja schon, ein paar weitere was das die Buchpreise, die Buchmessen oder was immer betrifft, kann es vielleicht noch geben.

“Es war für einen achten August ziemlich kalt, als Eja Augustin ihre Wohnung verließ, denn es hatte am Wochenende ziemlich geregnet. In der Steiermark und in Kärnten hatte es katastrophale Überschwemmungen und Überflutungen gegeben. Sie war auf ihren Sonntagssapziergang auf die Rudulfshöhe und beim Radfahren auf den Markt sehr naß geworden. Jetzt war sie auf den Weg zu einer literarischen Veranstaltung und freute sich darauf, denn sie war als erfolgsfrei Schreibende eine literarisch interessierte Person.

Bevor sie aber das Gasthaus, in dem die Lesung stattfinden würde, kam sie an einem der offenen Bücherschränke voerbei, für den sie immer einen Plastiksack in ihrer Handtasche trug, da sie, obwohl in ihren Regalen schon mehrere tausend Bücher warteten, immer alles Interessante und es interessierte sie sehr viel, einzupacken pflegte.

Der Bücherschrank war, als sie ihn erreichte, erstaunlich belebt. Eine Frau räumte gerade einen Stoß in den ohnehin sehr vollen Schrank hinein. Auf der anderen Seite sortierte ein Paar den Inhalt und Eja bemerkte einen Stoß Kinderbücher, die von einem Drachen, aber auch, was sie besonders lustig fand von einer Petrolllea Apfelmus handelte. Ein Fund also für sie oder besser geschrieben, für die kleine Enkeltochter, für die, sie ihren Sack von dem Vorrat, der größer war, als sie einpacken konnte, füllte.

“Nicht so viel den Kindern auf einmal geben, damit werden sie nur verwöhnt!”, sollte ein Stammlesetheaterbesucher später zu ihr sagen und die Psychologin in ihr konnte nur antworten, daß das auch die Konzentration verringerte. Aber Loslassen war ja etwas, das sehr schwierig ist und die Mutter konnte ja aussortieren und das nicht gebrauchte, wieder zu den Bücherzellen zurücktragen, die es auch in ihrer Umgebung gab und ein Buch über eine Petrolella Apfelmus klang sehr lieb und etwas Zweisprachiges in ungarischer Übrsetzung gab es aucn.

Also eingepackt und später am Gasthaustisch Platz genommen. Einen gespritzten Ribelwein bestellt. Eine Spezialität, die es wahrscheinlich nur in dem etwas altmodischen Gasthaus gab und das Buch, das sie in ihrem Rucksack hatte, herausgenommen, um bis zum Beginn der Veranstaltung darin zu lesen. Die schon anwesenden Veranstalter begrüßen und einer eleganten alten Dame zu nicken, die wissen wollte, ob sie an ihrem Tisch Platz nehmen dürfe?

“Natürlich, selbstverständlich!”

Drei Pätze waren ja noch frei oder doch nur zwei, denn auf einen hatte ein, wie sich später herausstellen sollte, Musik- und Mathematikstudent mit lockigen brauen Haaren schon sein Limonadeglas abgestellt.

“Vielen Dank!”, bedankte sich die ältere Dame und erklärte den Studenten, daß es ihr trotz ihrer fünfundsiebzig Jahre sehr gut gehe und sie ihr Leben genießen würde. Das Leben genießen und deshalb nichts von Tod und Krankheiten, die eine in diesen Alter betreffen könne, nichts wissen wollen. Stattdessen umarmen, küssen und den Bekannten zunicken, denn der Veranstaltungssaal hatte sich inzwischen gefüllt.

Ein Schmalzbrot bestellen, obwohl sie eigentlich am Abend nicht viel aß, aber ihr Nachbar hatte ihren Gusta darauf geweckt und dann ging es schon los mit der Veranstaltung mit den “Katertotenlieder”, der “Unmöglichkeiten zu telefonieren” und den “Theorien der Subkultur”, denn damit hatte sich der inzwischen vor zehn Jahre verstorbeneä, dem die Veranstaltung gewidmet war, beschftigt und sie hatte ihn auch sehr gut gekannt. Hatte mit ihm mehrmals auf den Volksstimmefest gelesen, bei den “Poet-Nächten” oder war mit ihm am Ostermontag durch Wien spazieren gegangen um an literarischen Orten Lesungen zu veranstalten und den dort gelebt habenden zu gedenken. Er hatte auch für kurze Zeit eine inoffizielle Gedenktafel am Donaukanal gehabt.

Jetzt lasen die Veranstaltungen im Chor seine Texte vor. Eja biß in ihr Schmalzbrot und nickte der alten Damit zu, die ihr guten Appetit und gute Unterhaltung wünschte.”

Die Metamorphosen der Eja Augustin

Lauter Applaus drang aus dem Haupthof des Museumsquartiers, die “O-Töne”, das sehr beliebte Literaturfestival, daß sich Eja Augustin gern und regelmäßig anzuhören pflegte, war zu Ende und sie konnte nach Hause gehen.

So stand sie also auf, packte ihre Handtasche und schüttelte den Kopf. Denn eigentlich hatten ihr die die Aussagen der Autorin nicht gefallen. Letzte Woche war es ähnlich gewesen. Da hatte die Autorin den Moderator kritisiert und statt auf seine Frage zu antworten auf seine roten Schuhe hingewiesen und mehrmals betont, daß er vor kurzem “Staatspreisträger” geworden war. Gut, sie hatte sich über seine vielleicht zu anmaßenden Kritikerfragen geärgert und zurückgeschossen. Das war okay und voll in Ordnung und das würde sie, wenn sie in diese Situation kommen würde, genauso tun, denn sie war ebenfalls eine schreibende Frau. Zwar keine berühmte, sondern nur eine sich in Außenseitersituation befindende Selfpublisherin. Aber eine, die sich sehr für Literatur interessierte, viel las und daher auch das Gratisangebot der Stadt Wien, beziehungsweise der Literaturabteilung gern annahm.

Also durfte die Autorin, den sie interviewenden Moderator gerne kritisieren, die diesmalige Autorin hatte aber eigentlich nichts anderes getan, als die Literatur für sinnlos und unwichtig zu erklären. Etwas, was sie überhaupt nicht so sah, denn sie nahm ihr Schreiben sehr ernst, auch wenn sie, wie sie immer hören konnte, es längst nicht so gut beherrschte, wie die ehemaligen “Bachmann-Preisträgerin”, die jetzt sogar eine der wichtigsten Literaturzeitschriften Österreichs herausgab, obwohl sie wahrscheinlich halb so alt, wie Eja Augustin war.

Vielleicht war ihr ihr Ruhm zu Kopf gestiegen oder hatte es sie überfordert, plötzlich von einer Lesung, von einem Interview zum anderen herumgereicht zu werden? Das wäre verständlich und da könnte Eja ihr keinen Vorwurf machen. Schließlich hatte sie ja einmal Psychologie studiert. Trotzdem war es aber unbefriedigt von der Autorin nichts anderes gehört zu haben, als, daß das Leben und das Schreiben sinnlos war und das schien jetzt modern zu sein.

Hatte sie doch in letzter Zeit öfter Romane gelesen, wo die Autoren erklärten, daß sie ihren Text selbst nicht erklären können, oder den Inhalt vollends auf den Kopf stellten und da hatte Eja sich gedacht, daß das wohl deshalb war, weil schon so viele Bücher geschrieben worden waren und wollte man da auffallen, musste man da vielleicht schlapsige Antworten geben. Das wäre eine Erklärung, mit der sie etwas anfangen konnte, aber eine, die ihr nicht so besonders gefiel, denn sie nahm ihr Schreiben ernst, wurde aber zu solchen Veranstaltungen nicht eingeladen,

“Da sind Sie nicht gut genug! Haben Sie doch keinen Verlag! Wer will Sie lesen? Wenn wir Sie einladen haben wir lauter leere Stühle und das wollen wir nicht! Das können wir uns nicht leisten!”

Und es stimmte. Der Hof des Museumsquartiers war sehr voll. Das Publikum hatte begeistert geklatscht und drängte sich jetzt auch um den Bücher- beziehungsweise, um den Signiertisch, um sich ein Autorgramm von der Autorin zu holen und das war vielleicht ein weiteres Problem über das man sich ärgern konnte. Die Leute lasen immer wieder und schrieben dafür mehr. Fünfundzwanzig Prozent der Schulabgänger konnten, wie sie neulich gehört hatte, nicht mehr sinnerfassend lesen, wenn sie die Schule verließen und die die es noch konnten, lasen vielleicht lieber Comics, Chick Lits oder gingen vielleicht gleich ins Internet, um dort zu chatten.

Sie las sehr viel und würde sich jetzt auch die Buchpreisbücher wieder holen. Die zwanzig Bücher, die für den “Deutschen Buchpreis” nominiert würden und die zehn von der “Österreichischen Buchpreisliste”, während ihre selbstgemachten Bücher niemand lesen wollte.

“Das interessiert uns nicht, wir sind lieber für Qualität!”, war eine Antwort, die sie öfter hören konnte und jetzt drängten sich tatsächlich einige Leute, um den Büchertisch oder stellten sie sich am Signiertisch an, um ein Autogramm von der ehemaligen “Bachmann-Preisträgerin” zu bekommen.

“Ob die alle gelesen werden?”, fragte sich Eja Augustin kritisch, die jetzt selbst um den Büchertisch herumstrich, sich aber keines kaufen würde, weil sie ihr ganz ehrlich zu teuer waren und hatte auch ihre Zweifel daran, weil sie öfter die sehr gehypten Bücher von den Buchpreislisten in den offenen Bücherschränken oft noch originalverpackt fand.

“Da hat wieder eine Schwiegermutter ein Buch von Reinhard Jirgl oder Ulrich Petzer zu Weihnachten bekommen und fängt nicht viel damit an, weil sie lieber Kimis oder vielleicht auch gar nichts liest”, dachte sie kritisch und dann wieder an ihre sechzig selbstgemachten Bücher, die sie im Laufe ihres Lebens schon geschrieben hatte. Und das Thema schreiben, war auch eines, daß sie sehr interessierte.

Gab es da ja schon “Den verrückten Traum der Thea Leitner”, wo eine erfolglose Autorin in dem berühmten “Star-Verlag” eingesperrt wird und sich dann in den Verleger verliebt, sowie “Das literarische Leben der Dora Faust”, wo eine erfolglose Autorin einen Roman schreiben will und da über sehr viele Geschichten stolpert. Eine literarische Agentur an die sie das Buch geschickt hatte, hatte nicht viel damit anfangen können und eine Schriftstellerkollegin hatte sich über den sprechenden Namen sehr mokiert. Denn eine Thea Leitner gab es ja. Gut, das waren vielleicht Anfangsfehler und wahrscheinlich würde es jeden Namen, den man einem Protagonisten verlieh, im wirklichen Leben schon geben und neben dem ” Literarischen Leben” und dem “Verrückten Traum” könnte sie auch Metamorphosen stellen.

“Die Metamorphosen der Eja Augustin” und unter diesen Titel ihre Schreibgedanken in ihren Blog stellen oder als einundsechzigstes selbstgemachtes Buch herausgeben.

“Eine interessante Idee!”, dachte Eja Augustin.

“Habe ich heuer ja ein Jubiläumsjahr, schreibe ich nun schon fünfzig Jahre, habe seit fünfzehn Jahren einen literarischen Blog in dem ich meinen Senf über den Literaturbetrieb verspritze und feiere im November meinen siebzigsten Geburtstag. Da könnte ich ein literarisches Geburtstagsfest machen und siebzig Minuten aus meinen sechzig Büchern oder aus meinen “Metamorphosen” lesen!”, dachte sie und lächelte der Autorin, die jetzt vom Signiertisch aufschaute aufmunternd zu.

“Es ist doch nicht alles so sinnlos, wenn man erfolgreich ist und das Schreiben und das Lesen ist schön und wenn sich Ihre Leser über Ihre Bücher freuen, sollten Sie das vielleicht auch tun!”