Die Metamorphosen der Eja Augustin

Lauter Applaus drang aus dem Haupthof des Museumsquartiers, die “O-Töne”, das sehr beliebte Literaturfestival, daß sich Eja Augustin gern und regelmäßig anzuhören pflegte, war zu Ende und sie konnte nach Hause gehen.

So stand sie also auf, packte ihre Handtasche und schüttelte den Kopf. Denn eigentlich hatten ihr die die Aussagen der Autorin nicht gefallen. Letzte Woche war es ähnlich gewesen. Da hatte die Autorin den Moderator kritisiert und statt auf seine Frage zu antworten auf seine roten Schuhe hingewiesen und mehrmals betont, daß er vor kurzem “Staatspreisträger” geworden war. Gut, sie hatte sich über seine vielleicht zu anmaßenden Kritikerfragen geärgert und zurückgeschossen. Das war okay und voll in Ordnung und das würde sie, wenn sie in diese Situation kommen würde, genauso tun, denn sie war ebenfalls eine schreibende Frau. Zwar keine berühmte, sondern nur eine sich in Außenseitersituation befindende Selfpublisherin. Aber eine, die sich sehr für Literatur interessierte, viel las und daher auch das Gratisangebot der Stadt Wien, beziehungsweise der Literaturabteilung gern annahm.

Also durfte die Autorin, den sie interviewenden Moderator gerne kritisieren, die diesmalige Autorin hatte aber eigentlich nichts anderes getan, als die Literatur für sinnlos und unwichtig zu erklären. Etwas, was sie überhaupt nicht so sah, denn sie nahm ihr Schreiben sehr ernst, auch wenn sie, wie sie immer hören konnte, es längst nicht so gut beherrschte, wie die ehemaligen “Bachmann-Preisträgerin”, die jetzt sogar eine der wichtigsten Literaturzeitschriften Österreichs herausgab, obwohl sie wahrscheinlich halb so alt, wie Eja Augustin war.

Vielleicht war ihr ihr Ruhm zu Kopf gestiegen oder hatte es sie überfordert, plötzlich von einer Lesung, von einem Interview zum anderen herumgereicht zu werden? Das wäre verständlich und da könnte Eja ihr keinen Vorwurf machen. Schließlich hatte sie ja einmal Psychologie studiert. Trotzdem war es aber unbefriedigt von der Autorin nichts anderes gehört zu haben, als, daß das Leben und das Schreiben sinnlos war und das schien jetzt modern zu sein.

Hatte sie doch in letzter Zeit öfter Romane gelesen, wo die Autoren erklärten, daß sie ihren Text selbst nicht erklären können, oder den Inhalt vollends auf den Kopf stellten und da hatte Eja sich gedacht, daß das wohl deshalb war, weil schon so viele Bücher geschrieben worden waren und wollte man da auffallen, musste man da vielleicht schlapsige Antworten geben. Das wäre eine Erklärung, mit der sie etwas anfangen konnte, aber eine, die ihr nicht so besonders gefiel, denn sie nahm ihr Schreiben ernst, wurde aber zu solchen Veranstaltungen nicht eingeladen,

“Da sind Sie nicht gut genug! Haben Sie doch keinen Verlag! Wer will Sie lesen? Wenn wir Sie einladen haben wir lauter leere Stühle und das wollen wir nicht! Das können wir uns nicht leisten!”

Und es stimmte. Der Hof des Museumsquartiers war sehr voll. Das Publikum hatte begeistert geklatscht und drängte sich jetzt auch um den Bücher- beziehungsweise, um den Signiertisch, um sich ein Autorgramm von der Autorin zu holen und das war vielleicht ein weiteres Problem über das man sich ärgern konnte. Die Leute lasen immer wieder und schrieben dafür mehr. Fünfundzwanzig Prozent der Schulabgänger konnten, wie sie neulich gehört hatte, nicht mehr sinnerfassend lesen, wenn sie die Schule verließen und die die es noch konnten, lasen vielleicht lieber Comics, Chick Lits oder gingen vielleicht gleich ins Internet, um dort zu chatten.

Sie las sehr viel und würde sich jetzt auch die Buchpreisbücher wieder holen. Die zwanzig Bücher, die für den “Deutschen Buchpreis” nominiert würden und die zehn von der “Österreichischen Buchpreisliste”, während ihre selbstgemachten Bücher niemand lesen wollte.

“Das interessiert uns nicht, wir sind lieber für Qualität!”, war eine Antwort, die sie öfter hören konnte und jetzt drängten sich tatsächlich einige Leute, um den Büchertisch oder stellten sie sich am Signiertisch an, um ein Autogramm von der ehemaligen “Bachmann-Preisträgerin” zu bekommen.

“Ob die alle gelesen werden?”, fragte sich Eja Augustin kritisch, die jetzt selbst um den Büchertisch herumstrich, sich aber keines kaufen würde, weil sie ihr ganz ehrlich zu teuer waren und hatte auch ihre Zweifel daran, weil sie öfter die sehr gehypten Bücher von den Buchpreislisten in den offenen Bücherschränken oft noch originalverpackt fand.

“Da hat wieder eine Schwiegermutter ein Buch von Reinhard Jirgl oder Ulrich Petzer zu Weihnachten bekommen und fängt nicht viel damit an, weil sie lieber Kimis oder vielleicht auch gar nichts liest”, dachte sie kritisch und dann wieder an ihre sechzig selbstgemachten Bücher, die sie im Laufe ihres Lebens schon geschrieben hatte. Und das Thema schreiben, war auch eines, daß sie sehr interessierte.

Gab es da ja schon “Den verrückten Traum der Thea Leitner”, wo eine erfolglose Autorin in dem berühmten “Star-Verlag” eingesperrt wird und sich dann in den Verleger verliebt, sowie “Das literarische Leben der Dora Faust”, wo eine erfolglose Autorin einen Roman schreiben will und da über sehr viele Geschichten stolpert. Eine literarische Agentur an die sie das Buch geschickt hatte, hatte nicht viel damit anfangen können und eine Schriftstellerkollegin hatte sich über den sprechenden Namen sehr mokiert. Denn eine Thea Leitner gab es ja. Gut, das waren vielleicht Anfangsfehler und wahrscheinlich würde es jeden Namen, den man einem Protagonisten verlieh, im wirklichen Leben schon geben und neben dem ” Literarischen Leben” und dem “Verrückten Traum” könnte sie auch Metamorphosen stellen.

“Die Metamorphosen der Eja Augustin” und unter diesen Titel ihre Schreibgedanken in ihren Blog stellen oder als einundsechzigstes selbstgemachtes Buch herausgeben.

“Eine interessante Idee!”, dachte Eja Augustin.

“Habe ich heuer ja ein Jubiläumsjahr, schreibe ich nun schon fünfzig Jahre, habe seit fünfzehn Jahren einen literarischen Blog in dem ich meinen Senf über den Literaturbetrieb verspritze und feiere im November meinen siebzigsten Geburtstag. Da könnte ich ein literarisches Geburtstagsfest machen und siebzig Minuten aus meinen sechzig Büchern oder aus meinen “Metamorphosen” lesen!”, dachte sie und lächelte der Autorin, die jetzt vom Signiertisch aufschaute aufmunternd zu.

“Es ist doch nicht alles so sinnlos, wenn man erfolgreich ist und das Schreiben und das Lesen ist schön und wenn sich Ihre Leser über Ihre Bücher freuen, sollten Sie das vielleicht auch tun!”

Von der Forschungswerkstatt zur Literaturkritik

In der Wien-Bibliothek im Rathaus gibt es gerade zum Gedenkjahr 1938 eine Ausstellung. Da war ich bei der Eröffnung und da ist auf den Plätzen ein Folder gelegen, denn es gibt dazu ein umfgangreiches Begleitprogramm und da war ich heute bei der ersten diesbezüglichen Veranstaltung.

“Ja oder nein, Plakate zur Volksabstimmung am 10. Apruil 1938. Da hätte es vorher zwar eine Volksberfragung geben sollen, wo man sich zu Schuschnigg und zu Österreich bekennen hätte sollen. Das wäre im März gewesen, da sind aber vorher schon die Nazis in Österreich einmarschiert und haben dann das Volk pro forma dazu befragt.

Der Kreis in dem man mit “Ja” ankreuzen sollte, war ungefähr dreimal größer als der mit “nein”. So sollten wohl damals schon die Werbepsychologie wirken und es hat, glaube ich, auch keine richtigen Wahlzellen gegeben, so daß das Ergebnis dann 99 oder so Prozent lautete.

Meine Mutter hat trotzdem mit “nein” gestimmt. Das hat sie mir erzählt und ich glaube es ihr auch. Von meinem Vater weiß ich es nicht, aber der war ein aufrechter und aktiver Sozialist und wird sich wahrscheinlich auch dementsprechend geäußert haben.

Julia König hat die Veranstaltung “Aus der Forschungswerkstatt” im Seminarraum der Wien-Bibliothek, es gibt auch noch Ausstellungsrundgänge und Ausstellungsgespräche im Programm, geleitet. Das heißt, sie hat die Plakate projeziert, die es diesbezüglich gegeben hat.

Ich interessiere mich ja für die Geschichte Wiens der Zwischenkriegsjahre, während des Nationalsozialismus, etcetera. So habe ich mir einige besonders interessante Veranstaltungen aus dem Programm in meinem Kalender eingetragen und hätte trotzdem fast nicht hingehen können. Denn die Veranstaltung war um fünf. Da hatte ich mir keine vier Uhr Stunde eingeteilt, hatte dann aber eine um sechs und da wäre ich, nachdem die Veranstaltung eine dreiviertel Stunde dauerte, nicht rechtzeitig in meiner Praxis gewesen und um sieben wollte ich schon in die “Gesellschaft für Literatur”.

Ich konnte aber die Stunde auf vier verschieben. Die Klientin ist auch ein wenig früher gekommen, so daß es sich sehr schön ausgegangen ist und ich nachher ganz bequem und langsam mit einem Umweg über die Buchhandlung Kuppitsch und, nein, das Klaus Modik-Buch “Konzert ohne Dichter”, um 5. 95 habe ich mir nicht gekauft, obwohl das eigentlich ein Versehen war und es mir nachher fast leid tat, in die Herrengasse spazieren konnte und da gab es auch ein besonderes Programm. Stellte da doch die wahrscheilichlich nicht nur in Österreich sehr bekannte Literaturkritikerin Daniela Strigl ihr bei “Droschl” erschinenen Erssayband “Alles muß man selber machen” vor und das hat mich sehr interessiert, obwohl mir Henirke Blum das PDF schon geschickt hat und ich das Buch demnächst lesen werde.

Wenn ich es schon gelesen hätte, wäre ich wahrscheilich eher ins Literaturhaus zu der Lesung von Cordula Simon neuem Buch “Der Neuauber” gegangen, obwohl ich das Buch auch auf meinem Badezimmerstapel liegen habe, weil ich ja eher nicht zu Veranstaltungen gehe, wenn ich das Buch schon gelesen habe, aber das habe ich noch nicht und ein wenig Hintergrundinformation dachte, ich wäre auch sehr gut.da

Der Veranstaltungssaal sehr voll, obwohl ich schon sehr früh eingetroffen bin, kein Wunder, wenn Österreichs bekannteste Literaturkritikerin liest, die außerdem noch sehr charmant und schlagfertig ist, kommen die Leute und für mich gab es auch eine Überraschung, lagen doch auf dem Tischchen mit der freien entnahme die “Hammer 95” und wahrscheinlich 96 auf und da habe ich ohnehin schon fast alle verteilt, die mir Kurt Neumann zuschickte. So nahm ich mir einen Stoß und verteilte sie dann munter an das Publikum. Dine Petrik war da, Frau Schmidt-Dengler, Helga Köcher, und und und…

Manfrend Müller leitete ein und erklärte, es gäbe Biografie, Essays und Kritiken in dem Buch und die 1964 in Wien geborene, die glaube ich über Theodor Kramer dissertierte, ein Buch über Marlen Haushofer und eines über Marie von Ebener Eschenbach geschrieben hat, bekannte in ihrem ersten lesen Block, das ihr das Schreiben über ihre Persönlichkeit eher schwer fiele. Esg ibt eine Menge Ebner Eschenbach-Aphorismen in dem Buch, die sie zitierte. Dann las sie über die Rolle der Kritik und dann noch etwas Persönliches. Dazwischen gab es Gespräche mit Manfred Müller, die sie zu den Biografien befragte. Die wräen  jetzt modern und ich habe in der letzten Zeit auch eine ganze Reihe gelesen und die Leute lesen sie offenbar lieber als Romane. So erzählte Daniela Strigl von einer Frau, die sie angesprochen hat, als die Haushofer Biobgrafie vorgestellt wurde und sie von ihr wissen wolle, ob sie nun Haushofer lesen würde.

“Nein!”, sagte die Damie.

“Ich lese nur Biografien!”

Das ist wohl eine Enttäuschung für die Bigorafin. Dann ging es weiter zur Literaturkritik und zu den Verrissen. Das ist ja recht schwer, wenn man mit dem Autor befreundet ist und in Österreich kennt ja jeder jeden, meinte Manfred Müller. Das trifft zumindestens auf das literarische Publikum in Wien zu und eine Konkorrenz der Literaturkritik ist ja bekanntlich auch die Kritik im Netz. Daniela Strigl nannte sie leicht belustigt, Befindlichkeitskritik und meinte, da würden die jungen Mädchen ihr Buch in die Höhe halten und stolz sagen “Das habe ich am Strand gelesen!” und das ist natürlich etwas anderes, als die Feuilletons und auch das was Ḿarcel Reich Ranicki vor einiger Zeit betrieben hat. Daniela Strigl zitierte sich auch durch die Geschichte und brachte Außerungen von Kurt Tucholsky, der schon vor achtzig oder so Jahren, beklagte, daß die Leute keine Kritiken+ mehr lesen würden.

Nun muß ich gestehen, ich lese sie eigentlich auch nicht sehr viel, weil ich ja keine Verrisse mag und auch nicht, wenn der Kritiker glaubt, allles sehr viel besser zu wissen, werde mich aber wenn ich meinen “Koran-Krimi”, den mir “Literturtest” geschickt hat und auch die Amerikareportagen von Martin Amanshauser, die er übrigens heute beim “Thalia” vorstellte und bei denen der Alfred war, der ja im Kuni wieder nach Amerika fährt, ausgelesen habe, auch an eine Befindlichkeitskritik machen, wie ich Henrike Blum und Manfred Müller schon andeutete. Bei Daniela Strigl habe ich mich das nicht ganz getraut zu sagen, habe sie aber beim Weggehen nicht mehr gesehen.