Das zwölfte Nika-Fenster

Es geht rasant weiter mit den geöffneten Adventerkalenderfenstern aus der “Nika-Weihnachtsfrau”, die ich im Jahr 2015 nach einigen Anläufen geschrieben habe, so daß bald das ganze Buch, das den ganzen Dezember umfasst hier enthalten sein wird:

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“Samstag zwölfter Dezember

Am Samstag war eine kleine bunte Kindertrompete hinter dem Adventkalenderfenster verborgen und Nika dachte, daß sie zu “Pippi Langstrumpf-Jessica” passen würde, die sie heute sicher sehen würde, als sie in die Küche hetzte, schnell eine Portion Fertigmüsli in eine Glasschale schüttelte, Milch dazu gab und Kaffee trank. Sie mußte sich beeilen, auf die Mariahilferstraße zu kommen, denn heute war der dritte Einkaufssamstag und sicherlich viel los, so daß sie ihren Sack besonders gut füllen würde müssen. Mit “Naps” und “Stollwercks” höchstwahrscheinich. Der Krampus war schon vorbei. Nur in der Lade lagen noch zwei der übergebliebenen Figuren, eine davon steckte sie in den Mund, als würde sie sich damit auf den Arbeitstag vorbereiten.

“Pfui, Frau Magister, wie können Sie nur?”, würde Herr Widerling bestimmt unken.

“Die Krampusse waren für die Kinder unserer Kunden und nicht für Sie bestimmt! Jetzt verstehe ich, warum die sich beschwert haben, daß sie letzte Woche keine bekommen haben, wenn Sie sie nach Hause nehmen!”, würde Mister Widerling schimpfen, wenn er sie sehen könnte. Konnte er aber nicht, denn sie ließ ihn nicht in ihre Wohnung und selbst wenn, war bald nichts mehr zu entdecken, dachte Nka schelmisch und steckte das ausgewickelte Schokoladestück in den Mund. Das dazugehörige Staniolpapier warf sie in den Abfalleimer. Der letzte Krampus kam in die Dose mit den übergebliebenen Weihnachtskeksen. Aus den Augen aus dem Sinn. Aber wahrscheinlich war ihre Angst unbegründet und Herr Widerling hatte Besseres zu tun, als sich um die Krampusse der vergangenen Woche zu kümmern und heute wahrscheinlich ohnehin nicht anwesend. Aber sie mußte pünktlich sein und hatte sich zu beeilen, da er sicher seine Spione aufgestellt hatte, die es ihm berichten würden, wenn sie zwei Minuten zu spät auf der Mariahilferstraße erschien.

“Wie können Sie nur Frau Magister? Habe ich Ihnen nicht eingeprägt, daß Pünktlichkeit zu den höchsten Tugenden einer Weihnachtsfrau zählt, noch dazu, wo ich Sie aus vierundneunzig hochqualifizierten Bewerberinnen ausgewählt habe?”

Das wußte sie schon! War sie doch nicht von gestern! Also hastig die leere Schale in den Geschirrspüler räumen, in die Jeans und den Pullovet schlüpfen, die Tasche nehmen, die Tür versperren und zur U-Bahn hetzen. Laura Augustin ihre pensionierte Nachbarin kam gerade die Stufen hochgestiegen. Sie war schon einkaufen gewesen, steckte doch ein Milchpaket und ein Baguette in ihren Korb und wie bei ihr nicht anders zu erwarten, waren auch Bücher dabei.

“Waren Sie beim Bücherschrank?”, fragte Nika fröhlich und winkte ihr zu. Die Nachbarin nickte ein wenig schuldbewußt.

“Ich kann es nicht lassen, obwohl ich schon einen ganzen Stapel ungelesener Bücher in meinem Schlafzimmer habe! Aber man findet so interessante Sachen in den Schränken, schauen Sie nur!”, sagte sie und nahm die Bücher hinaus.

“Michael Köhlmeiers “Zwei Herren am Strand”. Das hat letztes Jahr auf der “Deutschen Buchpreisliste” gestanden und Mirko Bonnes “Nie mehr Nacht”, stand dort vor zwei Jahren. Da muß ein Buchhändler seine Leseexemplare hineingelegt haben und ich freue mich darüber!”

Dann hatte sie gefragt, ob sie wieder auf die Mariahilferstraße fahre?

“So ist es, Frau Augustin, ich muß mich auch beeilen, damit nich nicht zu spät komme und mein Chef nicht schimpft! Bis später also, lesen Sie schön und einen guten Tag!”, hatte sie hastig ausgerufen und war die Stufen hinuntergehetzt. In der U-Bahn gab es dagegen nicht so viel zu lesen. Gab es am Samstag keine Gratiszeitung und sie wußte auch nicht, ob Harald Schwabeneder immer noch über den Toten in Veras Klo schrieb. Seit der Enthüllung von Andrea Herbst war es um den Fall still geworden. Schien doch bewiesen, daß Klaus Kronauer an einem Schlaganfall gestorben war und es hatte sich auch noch Andrea Herbst Therapeutin gemeldet, die betonte, daß es für ihre Klientin sehr wichtig gewesen war, den Leuchter zu entsorgen, beziehungsweise den Toten damit zu konfrontieren, damit sie ihr Trauma überwinden könne! So weit, so klar! Vera hatte das auch gemeint, versuchte zu neuen Klienten zu kommen und Ruth hatte sich mit der Jugendamtstante unterhalten und wiederholt, daß sie weder Alimente von Joe Prohaska, noch ein Besuchsrecht für ihr ungeborenes Kind wünsche und ihr hatte sie mitgeteilt, daß sie sich dafür bedanke, in seine “Faiust- Vorstellung” zu gehen. Von ihr aus könne er auch den “Mephistopheles” spielen!

“Das ist ohnehin die bessere Rolle für ihn und er soll mich in Ruhe lassen!”, hatte sie empört gerufen und Nika verließ den U-Bahnzug. Lief den Ausgang in Richtung Stiftgasse hinauf und in die Personalgarderobe, wo sie in ihr Kostüm schlüpfte, die Mütze aufsetzte, den Sack im Magazineursbüro, wo kein Rade Jovanovic zu sehen war, füllte und zum Ausgang hetzte. Da kam sie an der Handschuhabteilung vorbei und noch ehe sie nach Jessicas Mutter Auschhau halten konnte, kam eine aschblonde Frau auf sie zu, sah sie unsicher an und fragte, ob sie fünf Minuten stören dürfe? Dabei sah sie sich ängstlich um, wie um sich zu vergewissern, daß ihr Chef sie nicht bei Privatgesprächen ertappte und flüsterte ihr zu, daß sie Dragana Nikolic sei.

“Jessi hat mir erzählt, daß sie sich mit Ihnen angefreundet hat! Ich hoffe sie stört Sie nicht! Aber wissen Sie, sie ist soviel allein, da ich geschieden bin, mein Ex-Mann sich nicht um sie kümmert, ihre Oma in Zagreb lebt und sie auch keine Geschwister hat! Sie sollte nicht so oft herkommen! Die Vorgesetzten sehen das nicht gern und ich predige ihr das auch jeden Tag! Aber was soll ich machen? ich kann sie nicht zu Hause einsperren und wenn sie sagt, daß sie sich alleine fürchtet, habe ich ein schlechtes Gewissen!”

Sie stört nicht, keine Sorge!”, antwortete Nika fröhlich und schüttelte den Kopf, als Dragana Nikolic nach Max Schröder fragte und wissen wollte, ob sie den alten Mann, von dem Jessica so viel erzähle, kenne und glaube, daß er gefährlich für sie sei?

“Sie sagt sie sei sein Weihnachtswichtel und müsse ihm beim Einkaufen helfen, damit die Religionslehrerin zufrieden ist! Aber glauben Sie nicht, daß es gefährlich ist, wenn sie zu dem Mann in seine Wohnung geht?”, fragte sie besorgt. Nika schüttelte wieder den Kopf und meinte, daß ihr der alte Mann vertrauenswürdig vorkomme.

“Überzeugen Sie sich selbst!”, schlug sie vor.

“Ich muß jetzt auf die Straße, Sie wissen schon, der Chef und die Pünktlichkeit, aber wenn sie kommt, schicke ich sie zu Ihnen und vielleicht können Sie in der Mittagspause mit ihr zu Herrn Schröder gehen! Ich glaube, er wohnt im Haus gegenüber, um sich zu überzeugen, daß er harmlos ist! Er ist ein pensionierter Lehrer! Verwitwet, hat “Parkinson” und kommt mit dem Einkaufen und dem Haushalt nicht mehr so zurecht!”, sagte sie. Jessicas Mutter nickte zuerst erleichtert, dann zuckte sie zusammen, als eine ältere Verkäuferin scharf “Frau Nikolic, Kundschaft!”, rief.

“Ich komme gleich, Frau Meisel!”, rief sie ängstlich und flüsterte Nika “Vielen Dank!”, zu, die wieder fröhlich nickte und “Keine Ursache, ich muß auch auf die Straße, denn ich bin schon viel zu spät daran!” antwortete.

So und das nächste geöffnete Fenster wird es am vierzehnten Dezember geben.

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