Koslik ist krank

Weiter gehts mit einem Debut, obwohl ich meine Empfehlung für den Blogger-Debutpreis schon abgegeben habe und “Koslik ist krank”, der 1990 in Berlin geborenen Julia Rothenberg auch nicht auf der Shortlist gestanden ist.

Wir bleiben im Krankenhaus, aber hier wird kein Thriller abgewickelt, sondern wieder einmal, diesmal von einer sehr jungen Frau , die Midlifekrisis eines Mannes und für die immer unken, daß ich so fürchterlich schlecht schreibe, ja ich hätte mit Siebenundzwanzig keinen solchen Roman schreiben können, obwoh man hier zuerst auch denken könnte, daß da  nichts passiert.

Interessant ist noch das Cover des in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen Buches, ein grauer Umschlag mit einer kleinen Tür und einem kleinen weißen Gang.

Koslik ist krank, es sind bei dem Erwachsenenbildener Mitte vierzig Schlaganfallsymptome aufgetreten, so daß er sich im Krankenhaus befindet und Untersuchungen auf ihn warten.

Erst will er noch um zwölf in seinen Deutschkurs, aber “Den sagen Sie besser ab!”, sagt die Pflegekriaft und Koslik befindet sich in einem Zimmer mit einem Mitpatienten, der ständig vor sich hinröchelt und als er die Station erlassen will, hält ihn die Kraft am Stützpunkt wegen der dann nicht mehr geltenden Versicherung auf.

“Bleiben Sie noch ein paar Tage, wir machen noch ein paar Untersuchungen!”, sagt der Arzt und die ziehen sich hin, so ruft er seine Schwester an, daß sie ihm ein paar Sachen bringt, die verständigt seine Mutter, aber mit der hat er ein schlechtes Verhältnis und im Aufenthaltsraum triff er  noch auf einen ehemaligen Studienkollegen Frank, den er auch nicht sehen will, denn der hat ihm einmal seine Freundin und auch einen Job weggeschnappt, hat aber jetzt MS mit schlechter Verlaufsform und es geht ihm eigentlich nicht gut.

Weil Koslik aber noch gehen kann, wird er in einen anderen Krankenhausteil, die Geschichte spielt in Freiburg, ein ehemaliges Hotel verlegt, das alle loben, weil es viel schöner ist, obwohl man vom Fenster nur auf einen Parkplatz und auf einen Aldi sehen kann.

Als Koslik zu einer Untersuchung ins Haupthaus muß, darf er alleine zurückgehen. Er versäumt auch ständig das Essen und verliert immer mehr die Orientierung, beziehungsweise wird er in sein Leben und in das, was noch nicht bewältigt ist zurückgeworfen.

Eine esoterische Mitpatientin verwirrt ihn  mit ihrer Krankengeschichte, seine Exfreundin Marlies, die Frank besuchen kommt, nennt ihn aggressiv,  sein Zimmernachbar Bude verschwindet plötzlich und Schwester Natascha darf ihm natürlich keine Auskunft geben.

Dann bekommt er doch einen Termin für das Herzecho, wird im Aufwachraum ein wenig vergessen, der Pfleger wartet aber schon mit den Entlassungspapieren, denn in einem Krankenhaus muß alles ruckizucki gehen und so wird Koslik, der eigentlich gar nicht bleiben wollte, wieder entlassen und kennt sich in seiner Welt nicht mehr aus.

“Koslik schaut auf den Busfahrplan und fragt sich, was er jetzut tun soll. Rauschend dehnt sich vor ihm nach links und rechts die Straße, und über ihm schwebt grau der himmel. Er weiß nichts von dieser Welt.”

Wenn mir auch einiges in diesem Debut nicht ganz logisch und auch nicht ganz ausgeführt erscheint, ist es doch verblüffend, wie präzise eine so junge Frau über die Midlifekrise-Sorgen eines Mannes, der fast ihr Vater sein könnte erzählt.

Der Krankenhausalltag erscheint mir auch sehr eindringlich beschrieben. Ein interessantes Debut also, das nicht auf die Bloggershortlist gekommen ist, aber gut daraufgepasst hätte und interessant ist auch, daß die Frankfurter Verlagsanstalt in auch ein Buch von einer jungen Frauen mit dem Titel “Walter Nowak bleibt liegen” herausgab, wo ja auch von einem Mann am Boden, der sein Leben durchgeht.

Oder Florida

Buch fünf der Shortlist des Bloggerdebuts eine Auswahl aus vierundsechzig Longlistbüchern ist wieder komplett anders und eigentlich in meinem Sinn, nämlich ein DDR-Roman und die lese ich doch gerne.

Da waren also drei poetisch sprachlich anspruchsvolle Bücher, die ich wie folgt reihen könnte:

  1. Immer ist alles schön
  2. Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens
  3. Still halten

Dann die Biografie des Genies James William Sadis und jetzt ein “So lustiges und trauriges, ein so politisches und gefühlvolles Buch über das Deutschland nach der Wende, habe ich schon sehr lange nicht mehr gelesen!”, wie Jana Hensel am Buchrücken schreibt.

Die 1976 in Borna geborene Jounalistin und Autorin die  “Zonenkinder” geschrieben hat, meint das.

Nicht ich, denn ich habe ja erst vor kurem “Peter Holtz” gelesen und hätte dieses Buch gern auf der Shortlist des dBp haben wollen und  muß auch gestehen, daß ich nicht gleich in den Roman, des 1979 in Frankfurt an der Oder geborenen Christian Bangel hineingekommen bin.

Am Anfang erschien er mir etwas langatmig und unverständlich, aber dann habe ich mich hineingelesen und habe mir gedacht, daß das realistische Erzählen ja etwas für mich ist, obwohl es natürlich auch ironisch und komisch ist.

Natürlich ist es das und damit habe ich auch meine Schwierigkeiten und deshalb hab ich mir anfangs beim Lesen vielleicht ein bißchen schwer getan. Velleicht lag es auch am Format, denn es ist das zweite Buch das ich bei “Netgalley” öffnen konnte. Das Erste war Kerstin Preiwuß “Nach Onkalo”.

Das habe ich dann aber als Printausgebe gelesen. Als ich aber am Freitag mit diesem Buch anfangen wollte, war die noch nicht da, also habe ich das PDF oder E-Book angefangen und das ist ja ein bißchen schwieriger, obwohl man auch da hineinkommt.

Dann habe ich das Buch bekommen und habe es mir auch ins Literaturhaus mitgenommen und in den Pausen des “Fried Festtivals”, darin gelesen.

Wir gehen, womit man wieder sehen kann, daß die meisten Bücher und auch sehr viele Debuts etwas Autobiografisches haben, nach Frankfurt an der Oder und in das Jahr 1998 und da ist der zwanzigjährige Matthias Freier und der hat gerade seinen Zivildienst hinter sich, ist Redaktuer eines Magazins, das sein Freund  Fliege gegründet hat und der hat noch andere Pläne. Er will nämlich, es sind gerade Wahlkampfzeiten und Gerhard Schröder wird etwas später Helmut Kohl ablösen, einen Kapitalisten zum SPD Bürgermeister machen, der heißt Franziskus und hat sehr neobliberale Ansichten, obwohl oder gerade, weil er aus dem Osten kommt und Freier, wie Matthias genannt wird, wird zu seinem Pressesprecher.

Frankfurt (Oder) heißt der erste Teil des Buches, weil es dort spielt und 1998 ist die Stadt offenbar sehr von den Neo Nazis bevölkert, die Freier auch krankenhausreif zusammenklatschen und der der frisch gebackene Pressesprecher eines Kapitalisten, der ihm von Florida vorschwärmt, weil dort ja alles so kapitalistisch ist, deshalb heißt das Buch auch so, hat gerade genug Probleme.

Lebt er doch in einer leeren Wohnung mit einem leeren Kühlschrank, die Mama, die die Wende in ein Callcenter verpflanzt hat, schickt ihm zwar Carepakete, beiehungsweise stellt sie ihm Letschodosen in die Küche, die Freier dann hinter im Bücherradel versteckt, weil er kein Letscho mag.

Die Mama ruft ihn auch mitten in ihren Meinungsforschungsinterviews an und fragt ihm dann nach seiner Meinung und erst wenn die Luft von den Supervisorn rein ist, wie es ihm geht.

Ja, so sans die Kapitalisten und Franziskus Wahl geht gehörig schief, weil man im Osten 1998 offenbar auch schon das Dirty Campaining kannte und da wird aufgedeckt, daß Franziskus in Florida ein Geschäft aufbauen will ,um die faulen Ossis zur Schulung dorthin zu schicken.

So wird er ausgepfiffen und verliert die Wahl, macht Freier aber, der auch um seine Jugendliebe Nada trauert, die mit ihrer Mutter  in den Westen mußte, weil die im Osten keine Arbeit mehr bekam, die er aber jetzt wiedergesehen und einen Kurzausflug nach Berlin mit ihr gemacht hat, wo er aber auch von den Nazis verfolgt wurde, ein moralisches oder unmorialisches Angebot.

Er nennt ihn jedenfalls einen Rohdiamanten, den er schleifen will. Das heißt Freier soll nach Hamburg und sich im Zoofachgeschöft eines befreudeten Kapitalisten in die BWL einarbeiten, dann nach Florida fliegen, für Franziskus ein Geschäft aufbauen und bekommt dann von ihm hunderttausend Dollear.

Die Mutter rät davon ab. Freier sagt zu und muß bei dem befreundeten Kapitalisten nun Kartons falten, Dosen aussortieren, Fischbecken putzen, etcetera und wird immer wieder vertröstet und zusammengeschißen, so daß er schließlich vor der Wahl steht, ob er sich weiter verskalven lassen oder nach Berlin abhauen und mit Nadja ein schönes neues freies Leben beginnen soll?

Ein interessantes Buch, vielleicht nicht ganz so knallhart iroinisch wie  “Peter <holtz” erzählt. Aber knallhart komische Stellen hat es schon. Etwa gleich am Anfang, als Fliege mit dem Slogan “Mehr sonne für Frankfurt!”, in den Wahlkampf tzieht oder knallhart grausam, als er im zweiten Teil “(Oder ) Hamburg draufkommt, daß die Kapitalisten die Azubis aus dem Osten alle Udo nennen “unser dummer Ossi”.

Ansonsten ist Deutschland weit von Österreich weg und und das Jahr 1998 weit von 2017, wo die Neo Nazis ja nicht mehr Türken klatschen, sondern sich “Patrioten”nennen,  den Linksfaschismus bekämpfen und auf der Buchmesse “Wir alle hassen Antifa”, einem hilflos daneben stehenden messedirektor ins Gesicht schreien und ich denke mir 1998 ist lang vorbei. Die blauschwarze zweite Wende oder die “Orbanisierung” Österreichs fängt hier erst an und begann zu überlegen, ob ich für Debutpreis wirklich nur drei poetisch schöne Bücher rangreihen will und, obwohl ja eine realistische Autorin, die realistischer geschriebenen außen vorn lassen will?

Ich will, das kann ich gleich verraten, nicht und werde das noch genauer in einen eigenen Artikel begründen.

Immer ist alles schön

Jetzt kommt noch ein Debut, nämlich der Roman, der 1983 in Tansia geborenen und in Zürich lebenden Julia Weber, die damit den “Franz-Tumler-Literaturpreis” gewonnen hat. Ein sehr poetisches Buch, das auf eine sehr poetische Art und Weise, wie man sagen könnte, das Leben von zwei Kindern und ihrer alleinerziehenenden Mutter erzählt, das eigentlich gar nicht so schön ist. Ganz und gar nicht ist das Leben solcher vom Jugendamt betreuten Kinder, die nicht zur Schule gehen, deren Müutter Bartänzerinnen sind, in der Realität höchstwahrscheinlich.

Julia Weber macht ein Poem daraus und es gibt im Anhang oder im letzten Teil des Buches auch Zeichnungen, die das Ganze noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise sehr poetisch erklären.

Im Interview erklärte Julia Weber, die  am Literaturinstitu von Biel studierte und Daniil Charms, Aglaia Veterany und Nathalia Ginzburg, also auch sehr poetische Autoren, als ihre Vorbilder angibt, daß sie für das Buch länger keinen Verlag gefunden hat, weil es denen zu unfertig schien.

Jetzt ist es fertig und in dem wahrscheinlich eher kleinen “Limmat-Verlag” erschienen, der mir auch die “unbekümmerten Anarchistinnen” zugeschickt hat und es ist wirklich ein sehr beeindruckendes Buch und eines, wie man es vielleicht noch nicht sehr oft gelesen hat und es beginnt auch sehr beeindruckend.

Ich wünsche mir einen Urlaub voller Feuer und Fernweh und Bruno wünscht sich einen Alkohol!”, ist der Beginn und dann ziehen Anais, die Ich-Erzählerin, ihr jüngerer Bruder Bruno, der weise und intellektuelle mit der Mutter Maria los und sie landen auf einen Campingplatz.

Die Mutter nennt die Kinder “Meine Tierchen” und das könnte auf der einen Seite abwertend klingen. Tiere spielen in dem Buch aber eine große Rolle und man merkt es gleich oder auch nicht, diese Mutter liebt ihre Kinder, auch wenn in dieser Beziehung, alles sehr ungewöhnlich ist.

Denn der kritische Bruno will  keinen Alkohol, die Mutter aber liebt einen Becher Wein, den sie auch trinkt und dann kommt noch ein Mann und führt die Mutter zum Tanzen aus. Sie wehrt sich zuerst, einigt sich dann auf einen Tanz und kommt nicht zurück, so daß die Kinder sie erst holen müßen.

Die Mutter ist, erfährt man etwas später, Bartänzerin und der Besitzer der Bar, Fred ist ihr Freund. Es kommen dann auch Kapitel, in denen die Mutter von ihren Schwangerschaften und wieder sehr poetisch von ihrer Lebe zu den Kindern spricht.

Aber ganz scheint sie das nicht zu schaffen, denn es kommt zu einem Besuch von einem Riesen, das ist, stellt sich heraus oder man kann es sich so deuten, ein Sozialarbeiter vom Jugendamt auf Hausbesuch, weil die Kinder nicht zur Schule gehen. Die Wohnung scheint auch vermüllt. So ganz einfach ist das durch die poetische Sprache nicht zu erkennen und gerade diesen Kontrast finde ich, die ich ja heuer schon einige Debuts gelesen und gehört habe, sehr ungewöhnlich und neu.

Die Mutter verschwindet dann auch, läßt die Kinder mit einem Brief zurück, daß sie zur Nachbarin gehen sollen, wenn sie was brauchen. Es kommt der Riese wieder, um die Kinder zu betreuen oder sie aus der Wohnung zu locken. Er bringt ihnen auch Essen und erzählt ihnen von seinen Kindern, was ein Sozialarbeiter wahrscheinlich normalerweise auch nicht so einfach tut und in dem Teil “Zeichnungen” wird die Geschichte dann noch einmal in der Bildersprache nacherzählt.

Spannend, spannend dieses ungewöhnliche Debut und fast eine wenig an Michelle Steinbecks “Mein Vater war im Land ein Mann und ein Wasser ein Walfisch” erinnernd, aber eigentlich viel weniger verstörend, obwohl das, was hier erzählt wird, auch nicht gerade lustig ist und bei “Amazon” gibt es, und das ist auch sehr interessant, derzeit sowohl eine Einstern als auch eine Fünfstern Rezension, die Fünfsternrezension ist sehr genau und erzählt von den Unterschieden der beiden Kinder und dem Sinn des Buches, das ein Leben erzählt, in dem eigentlich gar nicht so viel Schönes passiert.

Die Einstern Rezension meint, das Buch wäre langweilig geschrieben, stimmt so ganz leicht zu verstehen ist es nicht und man muß sich wohl auch auf die poetische Sprache einlassen und die Realistin in mir schreit auch gleich, ganz so einfach ist es nicht.

Trotzdem bin ich von Julia Webers Bildern und Poetik sehr beeindruckt, denn einen Sozialarbeiter mit einem Riesen zu vergleichen, muß einer erst einmal einfallen und so würde ich sagen, daß manche Stellen, wie beispielsweise, der erste Satz oder die Riesenmetapher sehr beeindruckend sind, während manches vielleicht nicht so ganz einfach zu verstehen ist und, ob die schöne Sprache über eine triste Wirklichkeit hinwegtäuschen kann, ist wohl immer die Frage, obwohl ich zugeben muß, daß das Julia Weber beeindruckend gelungen ist.

 

Verwüstung der Zellen

Jetzt kommt noch ein Buch das im Vorjahr auf Longlist zum “Debutpreis” stand, eines das Marc Richter sehr gefallen hat und das er sich für die Shortlist wünschte. Er hat es dann zu Weihnachten verlost, ich habe es bekommen und so habe ich Markus Mittmansgruber, ein Buch aus dem österreichischen “Luftschacht-Verlag” “Verwüstung derZellen” gelesen, obwohl ich länger gezögert habe, schien es mir doch sehr experimentell zu sein und das habe ich ja nicht so gerne.

Der mir bisher unbekannte Markus Mittmansgruber wurde 1981 inLinz geboren, studierte Philosophie an der Uni Wien, hat verschiedene Veröffentlichungen in “Kolik”, “Rampe”, “Podium” und hat mit der “Verwüstung der Zellen” 2016 seinen Debutroman herausgebracht.

In der Beschreibung steht etwas vom “Verfall einer Familie” und zwei Erzählsträngen und dann fängt es gleich ein wenig schwierig in der Kleinschrift an und ich dachte schon “Uje!”, bis es dann im zweiten Handlungsstrang etwas konkreter wurde.

Da wird nämlich von einem Sohn erzählt, dessen Vater eine degenerative Krankheit hat und sich damit sozusagen von seiner Familie verabschiedet. Er will nicht besucht, vielleicht auch nicht beim Sterben beobachtet werden. Die Mutter nimmt das hin, der Sohn ein abgeborochener Philosophiestudent, der jetzt in einer Consultingfirma arbeitet, nicht.

Der Vater kommt dann in ein Pflegeheim, der Sohn besucht ihn dort, die Mutter, die er auch besucht, hat im Kühlschrank lauter abgelaufenes Essen, geht viel spazieren und, als ein Arzt anruft und von einem Aggressionsschub des Vaters erzählt, geht die Mutter mit ihm in das Heim.

Der Sohn, der unter “Tinnitus” und “Angstzuständen” leidet und auch die entsprechenden Medikamente nimmt, besucht dann auch eine etwas seltsame Körpergruppe, die von einem Paar geleitet wird.

Da muß man aus sich herausgehen, “das Kamel in sich hinter sich lassen und zum Löwen werden” und ganz eigene kreative Übungen abliefern.

Johanna, mit der der Sohn sich befreudet und die an einen schwachen Magen leidet und glaubt von einem Wurm befallen zu sein, macht das sehr eskatisch und wird vom Christian, dem Leiter, der mit einer “Burgerkingkrone” auf einem Lehnsessel sitzt, auch gelobt, während der Sohn, in Erinnerung an seinem Vater immer etwas von einem “Türspalt” erzählt, was dem Leiter nicht gefällt und die Leiterin zum Gähnen bringt.

Das Ganze wird manchmal sehr spannend und auch in einer sehr schönen  Sprache erzählt, dann wird es wieder sehr theoretisch und unverständlich und die Ebenen und die Handlungsfäden wechseln sich auch sehr rasant ab, so daß ich das Lesen etwas mühsam fand und eigentlich eine realistischere Erzählweise über das Älterwerden und den Tod, wie Beispielsweise dem Roman von Susann Pasztor, den ich vor kurzem gelesen habe, vorziehen würde.

Denn irgendwie wirkt das Ganze distanziert und die Suche des Sohnes, der von psychischen Leiden gequält wird, nach  Familiengeheimnissen,sehr philosophisch abstrakt.

Nun der Autor hat Philosophie studiert und arbeit auch in einen wissenschaftlichen Verlag. Ob viele Leute das Buch lesen werden erscheint mir aber etwas fraglich und ich bin auch nicht sicher, was der sogenannte “Mehrwert” ist, den man ja bei “guter Literatur” haben und sich mitnehmen soll.

So hätte die realistische Autorin in mir, es wahrscheinlich auch nicht auf die Shortlist gesetzt, bin aber gespannt, was ich noch von den dem Autor hören und lesen werde und werde jetzt auch nachgoolen, ob er  GAV-Mitglied ist und ich ihn vielleicht auch schon bei einer der “Neuaufnahme-Lesungen” gehört habe.

Fliegenpilze aus Kork

“Ihr erster Roman wird schon im Februar erscheinen”, sagte Michael Hammerschmid bei der Studentenlesung im Jänner im Literaturhaus, als er die 1995 in Wien geborene Marie Luise Lehner vorstellte und “Wui!”, eine so junge Frau, erzählt in Roman genannten Prosaepisoden aus ihrem Leben oder, wie im Klappentext steht, von einem “Vater, der mit seiner Tochter durch Wien streunt, sich nachts in Parks einsperren läßt, beziehunsweise Kupferleitungen von Baustellen stiehlt” und erwähnt,  “daß die Tochter erkennen muß, daß das, was wie ein Abentuer aussieht keines ist, weil der Vater nicht wie andere, sondern manchmal Bildhauer, Sozialarbeiter und manchmal auch arbeitslos ist und kein Geld für Essen zu Hause hat….”

Aber eigentlich erzählt sie von einem Leben,von ihrem oder dem, der, glaube ich, namenlosen Ich- Erzählerin.

Erzählt von deren Geburt und der Scheidung der Eltern. Dann wird sie vom Vater, der der Mutter vorher noch ein Kleid aus Griechenland mitbrachte, das sie nicht haben wollte, wochenweise oder über das Wochenende betreut und das erzählt Marie Luise Lehner in kleinen Prosastückchen und dazwischen kommen immer wieder Überschriften, wie “Geboren werden”, “Zwei werden”, “Drei bis Zwanzig”, bis zum Ende des Buches und das war wohl auch das Alter der Autorin, als sie das Buch geschrieben hat.

Und der Vater ist ein sehr ungewöhnlicher Mensch. Ein Mann mit vielen Berufen, Bauarbeiter, Schloßer, Bildhauer, Behindertenbetreuer, Sozialarbeiter und dann wieder arbeitslos, einer, der sich sehr um sein Kind, seine Kinder kümmert, denn es kommt  auch bald noch eine Schwester, von deren Mutter er auch geschieden oder getrennt ist hinzu und der mit ihnen sehr ungewöhnliche Sachen macht.

Er stiehlt, wie schon erwähnt, die Kupferleitungen von den Bausstellen oder Elektroteile von Mülldeponien. Er stieht Katzen aus den Wohnungen verstorbener Freunde, oder Meerschweinchen, die er dann betreut. Geht mit der kleinen Tochter auf den Rathausplatz zum Live Ball, um das Einziehen der Gäste zu beobachten und mit der Erwachsenen nach Schönbrunn, um sich dort an ihrem Geburtstag mit ihr im Schloßpark einsperren zu lassen.

Er ist, wie die Erzählerin schreibt, sehr mager, raucht sehr viel, später hört er damit auf, hat gelbe Zähne und kein Geld, den Töchtern Essen zu kaufen und macht Sachen für die sich die Kinder schämen.

Die Erzählerin wird zuerst in der Schule, dann auf der Uni gefragt, was ihr Vater beruflich macht und gibt immer die verschiedensten Antworten, Bauarbeiter, Sozialarbeiter, etcetera…

Aber der Vater nimmt das Kind, die Kinder auch immer auf seinen Arbeitsplatz mit und er nimmt sie auch mit zu der Großmutter nach Oberösterreich, borgt sich von ihr Geld für sich und  für die Tochter aus, ist einmal liebevoll und einmal fordernd und, als die Großmutter dann dement oder psychotisch geworden, im Altersheim, in das sie von der Schwägerin gebracht wurde, stirbt, gibt es auch ein sehr ungewöhnliches Begräbnis, wo der Vater statt in schwarz, wie alle mit einem beigen bodenlangen Mantel erscheint und  vom Pfarrer oder den Totengräbern verlangt, daß der Sarg noch einmal aufgeschraubt werden muß.

Er ist sehr viel, sehr ungewöhnlich und auch sehr widersprüchlig, was da in kurzen Episoden auf knapp zweihundert Seiten passiert. Der Vater ist auch noch Walddorflehrer, schleppt die Tochter gegen ihre Willen zu kirchlichen Versammlungen, hat viele Freundinnen und vielleicht auch zu wenig Verständnis für ihre Regelschmerzen oder ihre Freundinnen, die sie an den Vater erinnern.

Ein seltsame ungewöhnliche Vater-Tochter Beziehung, diese Mischung zwischen Wunderwuzzi und totalen Versager. Denn wer will schon einen arbeitslosen Vater haben, für den man sich genieren muß und viele Töchter oder Söhne werden mit solchen aufgewachsen sein und nicht darüber geschrieben haben und die Psychologin in der Leserin schwankte auch oft  bei der Frage, ist das jetzt Autobiografie oder literarische Erhöhung und wieviel hat die Sprachkunststudentin von dem hier beschriebenen erlebt und was hat sie sich nur ausgedacht, um ein literarisches Debut daraus zu machen, mit dem man zum “Bachmannpreis” eingeladen wird?

Eine ungewöhnliche Mischung und auch eine höchst ungewöhnliche Darstellung, über die man auch herrlich philo- oder psychologisieren kann.

Die ebenfalls sehr junge Nele Pollatschek hat es auf eine  romanhaftere Art vielleicht ganz ähnlich ungewöhnlich versucht. Hier ist es literarischer und bruchstückhafter, aber auch gepaart, mit vielen, sehr ungewöhnlichen Einfällen.

Nicht leicht zu lesen, habe ich einer der schon vohandenen Amazon-Rezensionen gelesen und kann dem nur zustimmen. Denn es passiert in den Episoden zuviel, als daß man alles verstehen und nachvollziehen kann. Der poetische Tonfall bleibt aber hängen und läßt einen beeindruckt zurück.

Vieles ist dem Alter der jungen Autorin geschuldet, noch zu wenig ausgereift und natürlich übertrieben. Vieles aber auch literarisch eindrucksvoll in seiner Ungewöhnlichkeit und spannend, sich in die Ambivanlenz hinein zu lassen, wie das ist, mit einem ungewöhnlichen Vater aufzuwachsen, der sowohl ein Egoist und Versager, aber auch ein  liebevoller Kümmerer ist und so ungewöhnlich, wie es sich wohl die meisten Kindern mit Nullachtfünfzehn Vätern, nur wünschen oder phantasieren können.

Die Muttergestalten bleiben dagegen schwach und verschwinden hinter der Vaterfigur.

Die Tochter, aber auch die Großmutter und die Tante aus der Vaterfamilie haben dieselben Marotten, wie dieser ambivalente Vater und ich bin  jetzt natürlich neugierig, was ich von Marie Luise Lehner, die auch schon Erzählungen in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht hat und ich auch schon etwas von ihr gelesen habe, noch hören werde.

Ja und den Buchtitel sollte ich vielleicht noch erklären, zu Silvester streunen Vater und Tochter auf den Straßen, sammeln die Sektkorken auf und malen mit roter Farbe Punkte darauf.

 

Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Jetzt kommt wieder eine Neuerscheinung auf die mich “Wagenbach” aufmerksam machte, das jetzt im sogenannten “Eidechsenmonat” steht und mir kurz darauf das Debut der 1988 geborenen Juliana Kalnay, die in Hamburg  geboren wurde, in Hildesheim studierte und auch in Malaga lebte, schickte und das seltsamerweise eine Fortführung des Oldies “Das Hochhaus” sein könnte, das ich vor kurzem gelesen habe oder auch nicht.

Ingeborg Drewitz hat in ihrem in den Siebzigerjahren geschriebenen, sozialkritischen Roman, auf die Isolation und Einsamkeit in Hochhäuser hinweisen wollen, Juliana Kalnay tut das, glaube ich, auch, allerdings auf eine surrealistische Art. Irgendwo steht, glaube ich, etwas von magischen Realismus oder man könnte daran denken und ich bin jetzt gespannt, ob ich das Buch vielleicht auf der Nominiertenliste des nächsten dBp oder Debutpreises finde.

Originell finde ich es allemal, vielleicht ähnlich, wie das Buch der Nele Pollatschek vom Vorjahr, das allerdings auf den letzten Seiten durch seine gehäuften Todesfälle, die dann plötzlich auftraten, entglitt.

Hier bleibt, glaube ich, der neue originelle, frische Ton, obwohl, das schreibe ich jetzt auch gleich dazu, das Buch wahrscheinlich nicht leicht zu lesen ist und es ist auch optisch kreativ gestaltet, besteht es doch aus Dialogen, fast leeren Seiten oder solchen, wo im unteren Drittel ein paar Zeilen stehen.

Es gibt immer wieder Überschriften wie “Die Kinder im Haus”, “3. Stock, links: Blütezeit”, beispielsweise und dann gibt es eine Ich-Erzählerin, die ebenfalls durch die Wände sehen kann und alles, was im “Haus Nummer 29”, passiert, dokumentiert, aufzählt und beschreibt und in dem Haus Nummer 29 passieren viele sehr Ungewöhnlichkeiten.

Da gibt es zum Beispiel Rita, die älteste, die immer schon in diesem Haus lebte, alles weiß, weil sie am Balkon mit einem Spiegel sitzt, dabei strickt und trotzdem alles sehen kann.

Es gibt Maia, die sich immer in Löchern versteckt und  eines Tags verschwindet. Es gibt das Ehepaar Lina und Don und Don verwandelt sich eines Tages in einen Baum, der fortan auf Linas Balkon steht, sie streichelt ihn, schmiegt sich an ihn und kocht Marmelade aus den seinen Früchten. Es gibt auch Besucher, die in das Haus, in diese Wohnung pilgern, um sich den Baum anzusehen.

Es gibt Kinder, die barfuß durch das Haus schleichen, mit dem Feuer spielen, beziehungsweise Schnecken und auch anderes, in Grillpfannen verbrennen und stolz auf die Blasen an ihren Fingern sind.

Es gibt einen Mann, der im Lift wohnt und oben im vierten Stock seine Spiegeleier brät, zum Baden geht er zu einem Hausbewohner. Einmal versucht er es in einer anderen Wohnung und sieht dort im Bidet ein seltsamens Lebewesen.

Es gibt eine Schwester, die ihren Bruder im Kasten versteckt und mit Keksen, die in Manteltaschen stecken ernährt. Es gibt eine geheimnisvolle Wohnung, dessen Bewohner immer verschwinden und Kinder, die im Bett liegen und durch Löcher in der Wand das Geschehen beobachten und eines Tages, als sie ausziehen sollen, aus dem Fenster stürzen.

Es gibt Ronda, die mit einem Aqarium im Bett schläft und morgens mit toten Fischen auf ihrem Körper aufwacht, die sie dann in Blumentöpfen vergräbt, in denen sie Katzenminze anpflanzt.

Es gibt und und und.., eine ganze Reihenfolge sonderbarer Vorfälle, die nicht sein können und die es auch nicht geben kann, werden in einer poetisch schönen Sprache erzählt. Zusammenhänge und Handlung gibt es, glaube ich, keine, also sehr schwer nachzuerzählen oder zu spoilern.

Es gibt aber schon Dinge, die man erzählen kann. So stirbt Rita beispielsweise und kurz danach bricht in dem Haus, in dem schon vorher immer wieder Bewohner verschwunden sind, deshalb auch der Titel, ein Feuer aus und die Ich- Erzählerin erinnert sich viel später, als sie schon längst woanders wohn an diese Ereignisse, beziehungsweise schaut sie sich Fotos zur Erinnerung an.

Ein interessantes Debut einer jungen Autorin, von der ich schon sehr gespannt bin, was ich von ihr noch hören werde, vielleicht wird sie zum Bachmannlesen eingeladen, gewinnt den “Aspektepreis”, etcetera und weil ich immer gerne auf vergleichbares verweise, mit dem ähnlich lautetend Buch von Richard Schuberth ist das Buch nicht zu vergleichen, eher schon mit Simone Hirths Debut obwohl die “”Kurze Chronik des allmählichen Verschwindens”, poetischer ist und gut, als Metapher für die Einsamkeit in den Hochhaussilos, wo man seine Nachbarn nicht kennt und nicht weiß, was in den Neben- Unter- oder Oberwohnungen passiert, zu gebrauchen.

Und da, denke ich, vergraben sich die Leute nicht in Löchern, braten wahrscheinlich auch keine Schnecken, verwandeln sich nicht in Bäume oder schauen durch geheimnisvolle Löcher, mißbrauchen vielleicht aber ihre Kinder, schlagen ihre Frauen, ritzen oder schneiden sich und hängen sich auf und wir haben keine Ahnung, bekommen es nicht mit und wollen es vielleicht auch gar nicht wissen.

Chronik einer fröhlichen Verschwörung

Nun kommt ein Geburtstagsbuch vom vergangenen Jahr, Richard Schuberths Debutrom, den ich mir wünschte, weil ich ja wenigstens teilweise bei der Präsentation im Ost-Club war, der natürlich auch in dem Buch vorkommt, Robert Schindel war mit Sabine Gruber ebenfalls anwesend und der, habe ich mir zumindest am Anfang des Buches gedacht, könnnte das Urbild für den Ernö Katz sein, aber dann macht das fünfhundert Seiten Buch ja sehr rasante Sprünge, aber schön langsam, hübsch der Reihe nach, denn ich soll ja nicht so unverständlich schreiben.

Den 1968 Geborenen kenne ich, glaube ich, vom “Volksstimmefest”, ich bin auch irgendwie in seine Kartei gekommen, denn er schickt mir regelmäßig die Einladungen zu seinen Veranstaltungen. Er hat Essays und Theaterstücke geschrieben, “Wie Branca sich nach oben putzte” bespielsweise, aber auch das “Neue Wörterbuch des Teufels”, mit seinem 1915 erschienenen Debutroman, stand er im Vorjahr auf der Longlist des “Alphas”, heuer hat er auf den Ö- Tönen daraus gelesen und das Stück, was ich im Ost-Club daraus hörte, hat mir sehr gefallen, wohl wissend, daß Richard Schuberth mir wahrscheinlich  zu männlich aggressiv sein wird und er sehr viel über Sex schreibt und manches in dem Roman war schlichtweg so kitschig, daß man sich wundert, daß er bei “Zsolnay” erscheinen konnte.

Bei “Amazon” gibt es ein paar fünf Stern und eine ein Stern Rezension. Ich vergebe ja keine Sterne, Hauben oder Bücher, weil ich Bücher ja nicht verreißen möchte, hier könnte ich aber sowohl das eine, als auch das andere geben und das ist wahrscheinlich auch der Vorzug des Buchs.

Wieder schön der Reihe nach und die Handlung des Buches ist eigentlich sehr schnell erzählt und steht auch so am Klappentext.

Der siebzigjährige Jude und ehemalige Universitätsprofessor Ernö oder Ernst Katz fährt auf der Westbahnstrecke mit dem Zug nach Wien und ist stinkwütend, maßt sich da doch ein junger Autor namens Rene Mackensen, wie er in der Zeitung gelesen hat, einen Roman über das Leben Klara Sonnenscheins zu schreiben. Eine Wiener jüdin, die ein paar Jahre in einer Wohnung versteckt wurde, dann ein paar Monate in Mauthausen war und sich in den Sechzigerjahren in Belgien erhängte. Sie war Philosophin, hat Aphorismen und Haikus geschrieben, sowie Briefe an Ernst Katz zu dem sie irgendeine Beziehung hatte, Teile aus ihrem Werken sind den jeweiligen Kapiteln vorangestellt und die Aphorismen “Arschloch: Tunnel, in den die Karriereleiter führt und an desen Ende es kein Licht gibt”, beispielsweise, stammen wohl auch aus dem “Wörterbuch des Teufels.”

Im Zug lernt der Fluchende die siebzehnjährige Birgit oder Biggy Haunschmid aus St. Pölten kennen, die aus einer HTL geflogen ist und die nun bei ihm einzieht.

Er zahlt ihr alles, sie gibt das Geld auf seiner Kreditkarte mit vollen Händen aus und das ungleiche Paar zieht im ersten Drittel des Buches durch Wien herum, säuft und kifft und treibt allerhand seltsame Sachen, in dem sie beispielsweise verkleidet in den Ost-Club ziehen und dort Tischfußball spielen.

Dann schmieden sie ein Komplott, denn das Schreiben des Romans muß verhindert werden. So hetzen sie den armen Rene, der den Roman am Anfang gar nicht schreiben will, aber von seinem Agenten und Verleger Carsten Kempowski  und seiner älteren Geliebten Almuth, einer Literaturritikerin dazu gezwungen wird, mit gefälschten Wikipediaeinträgen und gefläschten Briefen zuerst nach Belgrad, dann sogar nach Tel Avic und als Mackensen Dr. Katz besuchen will, weil der ja eine Vorlesung über Klara Sonnenschein gehalten hat, spielt er ihm einen senilen inkontinenten alten Trottel vor, der ihm Unterricht in Hegels Werke geben will.

Man sieht ein sehr ungewöhnliches Buch, es wird geschnackselt und gevögelt und Birgit, die zu dem alten Philosophen natürlich nur eine unerotische Beziehung hat, betrügt ihn mit allen möglichen Sorten von Arabern. Sie zeigt ihm auch gruppendynamische Kniffe. Beispielsweise, daß sich alle Leute in der U-Bahn entschuldigen, wenn man ihnen auf die Zehen tritt. Dann kommt es zu einer Wende. Katz beginnt ein Verhältnis zu Mackensens Geliebter, Birigit eines mit Rene. Der alte Katz erleidet einen Schlaganfall, als er, das ist eine der kitschigen Szenen, im Cafe Landtmann eine rassige Frau küssen soll, um Almuth von ihm abzubringen.

Dann begeht er noch einen Selbstmordversuch. Biggy rast zu ihm ins Spital und dort, aber auch in einer Bar, wo inzwischen der betrunkene Mackensens herumhängt, erscheint Klara Sonnenschein allen drein und bringt Biggy platonisch oder nicht, mit dem alten Katz zusammen, bevor sie wieder ins Paradies entschwebt und der Epilog ist ein Kronenzeitung-Artikel, in dem über dem Live Ball berichtet wird, wo sich Abdulramahn Mackensen, der junge Dichter, hat während des Romans, nicht nur seine jüdischen Wurzeln entdeckt, sondern ist auch zum Islam konvertiert mit seinem schönen Freund befindet und einen tollen Roman, der aber ein ganz anderer, als der über Klara Sonnenschein ist, denn den, hat ihr Geist dem alten Katz verraten, wird natürlich Biggy verfassen, hat er auch geschrieben.

Wird man mir jetzt glauben, daß es ein sehr intellktuelles, höchst anspruchsvolles Buch ist, das sich mit Gott und der Welt und noch vielen anderen beschäftigt und das gar nicht so leicht zu lesen ist?

Es ist so manchmal und manchmal ist es, wie schon erwähnt wieder unerträglich kitschig. Mir zuviel harten Männersex und auch zu aggresssiv und die Stelle, wo Biggy in die Wohnung, wo Klara Sonnenschein, die von ihrem Verstecker natürlich auch mißbraucht wurde,  gelebt hat, einbricht und dann von den jetztigen Bewohnern, einem Juppiepärchen nicht nur fünfzehnausend Euro als auch noch ein Bild von Maria Lassing geschenkt bekommt, die “Identitären” würden das wohl “Ethno-Masochismus” nennen, habe ich vollends nicht verstanden.

Aber ich weiß schon, Richard Schuberth hat sich in seinem Debut ordentlich ausgetobt, alle Saiten gezogen und über alle Stränge gesprungen, irgendwie phaszinierend und sehr interessant.

Ein ungewöhnliches Buch, über eine “ungewöhnliche Freundschaft”, wie am Buchrücken steht, auf jeden Fall.

Eine Mischung zwischen E und U oder besser eine zwischen einem Porno und einem philosophischen Essay und das so etwas möglich ist und noch dazu bei “Zsolnay” erscheint und auch auf die “Longlist des Alphas” für das beste Debut kommt, ist auch sehr ungewöhnlich.

Wie schon geschrieben, ich habe das Buch sehr ambivalent gelesen und bin jetzt schon auf seinen nächsten Roman, von dem ich schon ein Stück lesen durfte, weil er damit einmal ein “Hans Weigel- Stipendium” bekam, sehr gespannt und ehe ich es vergesse, eine Satire auf den Literaturbetrieb ist das Ganze auch noch.

Wir ohne Wal

Weil ich ja jetzt mit dem “Shortlistenlesen” des “Bloggerdebutpreises” fertig bin, gehe ich zur “Longlist”, beziehungsweise den dort eingereichten Bücher über und lese natürlich nicht alle davon, die von “Kremayr&Scheriau” und Friederike Gösweiner habe ich auch schon gelesen, nur die, die ich mir inzwischen bestellt habe oder zum Geburtstag wünschte und das sind noch vier andere und das erste das auf meiner Leseliste steht und auf die Besprechung wartet, ist Birgit Birnbachers “Wir ohne Wal”.

Da war ich ja im September beim “Schlagabtausch zwischen Deuticke und Jung” und da hat ja Martina Schmidt den Debutroman aus Jochen Jungs Produktion sehr gelobt und ein Stückchen daraus vorgelesen.

Mir war die 1985 im Pongau geborene Autorin, die mit dem Buch inzwischen auch den “Literaturpreis der Jürgen Ponot Stiftung 2016” gewonnen hat, bisher unbekannt und Martina Schmidts Schwärmerein haben mich auch nicht so berührt, daß ich mir das Buch bestellt hätte.

Dann geriet ich aber auf diesen Debutblog und da hat ja der Blogger Marc, der mir inzwischen ein paar Kommentare geschrieben hat, das Buch auf seine höchstpersönliche Shortlist gestellt und ich bin neugierig geworden.

Das Thema ist auch sehr interessant und schließt an Friederike Gösweiners Prekariat der Dreißigjährigen an.

Hier geht es um die Generation fünfundzwanzig und von ihnen erzählt, die Soziologin und Behindertenpädagogin in zehn Kapiteln oder Episoden, denn eigentlich ist es wieder ein Episodenroman und in den einzelnen Kapiteln, die schöne Titel haben und denen auch immer ein Zitat voransteht, erzählt eine Person, deren Namen oben neben dem Titel steht, etwas einer anderen und so entsteht ein Reigen von Personen und Ereignissen, die wir, wie auch in meinen “Dreizehn Kapiteln” in den anderen Kapiteln gelegentlich wiederfinden.

Das Ganze ist sehr poetisch und sprachlich schön erzählt, deshalb ist es wohl auch bei “Jung und Jung” erschienen und deshalb hat die Autorin auch schon mehrere Preise bekommen.

Und der Wal, der Titel gebend ist, ist eine Installation, eine Performance, die die Künstlerin Anna, der das erste Kapitel gehört, über eine Kleinstadt installiert hat, der ist immer zu sehen und schwingt sich so  durch den Reigen bis zum letzten Kapitel, wo er plötzlich verschwunden ist und die Personen, Markus, Anna, Sanela, Eve, Nora, Ella, Lautsprecher, etcetera, die durch die Kapitel führen sind entweder Studenten, Künstler oder Schulabbrecher.

Ein paar gehören wohl auch zu den Klienten von Birigit Birnbacher, denn Therapeuten, Bewährungshelfer, betreute WGs, etcetera, spielen in dem Buch eine Rolle.

Die einzelnen Kapitel oder Episoden hängen nicht sehr zusammen und es liegt wohl auch an mir, daß ich ab Kapitel fünf irgendwie den Anschluß  verloren habe und nicht mehr wirklich wußte, um was es da eigentlich geht?

Obwohl der Klappentext  eine sehr schöne Zusammenfassung von dieser verlorenen Generation gibt, die da in ihrer Kleinstadt sitzt, Drogen nimmt, zu Sexparties gehen und auch aus Langeweile und im Drogenrausch Tankstellen überfällt und dann in einer sozialtherapeutischen Einheit landet, wo man mit seinem Bewährungshelfer Psychospiele spielen muß.

Aber wieder schön der Reihe nach, die ersten Kapitel waren auch sehr beeindruckend, ist da ja die Künstlerin Anna, die zu ihrer Schwester Johanna, die Tierärztin ist, nach Zürich fährt, von ihrer Kunstinstallation erzählt und darunter leidet, daß sie nicht sozialversichert ist und, daß der Vater die Schwester, nicht sie danach fragte, ob sie ihm eine Niere spenden will?

Dann wechselt die Szenerie, von der Performancekünstlerin geht es in die therapeutische Wohngemeinschaft, denn Marko hat mit einer Pistole  im Drogenrausch eine Tankstelle überfallen und der dortigen Kassierin eine posttraumatische Belastungsstörung beschert. So bekommt er einen Bewährungshelfer, muß für ein paar Wochen in die WG und als er entlassen wird, schleppt ihm seine große Liebe Sanela gleich zu einer Party in ein geschlossenes Schwimmbad und drückt ihm wieder ein Drogenbrieflein in die Hand. Er macht wahrscheinlich das Vernünftige und, das was die Bewährungshelfer raten würden, er fährt ihr im Bus davon.

Dazwischen gibt es ein Kapitel, wo einer oder eine nach einem Unfall und einem Wohnungsbrandt im Krankenhaus liegt und aus dem Fenster den Wal beobachten kann.

Dann geht es zu Sanela, die auch in therapeutischer Behandlung ist, um mit ihrer Paranoia zurechtzukommen, das habe ich dann schon ein wenig weniger dicht gefunden und denke im realen Leben passiert es wahrscheinlich, daß Beziehungen auseinandergehen, hier war mir das aber  zu wenig ausgearbeitet und ab da habe ich, wie ich fürchten muß, den Anschluß trotz der schönen Sprache  verloren  und bin  mit dem weiteren Geschehen, wo eine Frau von einer Brücke springt, ein paar der Protagonisten Parties besuchen, wo sie sich ausziehn müßen und es auch, um die Frage geht, wie ähnlich sich Menschen und Bananen sind, nicht mehr recht mitgekommen oder noch den vorigen nachgehangen, da die  einzelnen Episoden, doch mehr Erzählungen sind, die, wie andere Rezensenten meinten, eher gewaltsam zu einem Roman zusammengestoppelt wurden, um sich, als Roman verkaufen zu lassen.

Wahrscheinlich war es mir zu poetisch und zu abgehoben und eine realistischere Erzählung, wie es mit Marco und Sanella oder der Künstlerin Anna weitergeht, wäre mir lieber gewesen, als dieses hochpoetische Hopping von Kleinstadtereignis zu Kleinstastadtereignis, das beim Lesen auch sehr anstrengend wurde, wenn man noch bei der vorigen Erzählung war, sich aber schon auf die nächste Geschichte einstellen sollte.

Das Leben ist heutzutage, hart genug, da muß man wahrscheinlich gar nicht dreißig werden und trotz bester Ausbildung keinen Jobs bekommen, auch das Leben in einer Kleinstadt, wo es Wale, als Kunstinstallationen gibt und Bananenstauden vertrocken, ist es wahrscheinlich und kann, wie ich in dem letzten Buch, das ich gelesen habe, erlebte, auch ganz einfach erzählt werden und trotzdem packen.

So bleibe ich ein wenig ratlos zurück und ich bin gespannt, was ich noch von Birgit Birnbacher hören werde und, ob ich mit ihren anderen Texten besser kann?

Familie der geflügelten Tiger

Neben der 1988 in Greifwald geborenen Nele Pollatschek und der 1985 im Pongau geborenen Birgit Birnbacher ist Paula  Fürstenberg 1987 geboren und in Potsdam geboren, die dritte unter Dreißigjährige deren Debutroman ich jetzt gelesen habe.

Über das Leben in Potsdam im Sommer 1985 konnte man ja auf der Shortlist des dBp nachlesen und Paula Fürstenberg beschäftigt sich mit der berühmten Frage “Vater was hast du im Krieg getan?”, in der DDR-Variante.

Da ist nämlich Johanna, wie ihre Autorin Geburtsjahr 1987, die Mutter Astrid, die zufälligerweise so, wie die Mutter von Nele Pollatscheks Protagonistin heißt, ist Tierärztin, hat aber nach der Wende den Anschluß nicht gefunden, sondern hat eine Halbtagsstelle als Tierpflegerin. So nimmt sie in der Uckermark, wo sie lebt, sämtliche Igel, Hasen, etcetera, die sie auf der Straße findet in Pflege und die Tochter haut  ab und geht nach Berlin, nicht zu studieren, sondern, um sich dort zur Straßenbahnfahrerin ausbilden zu lassen, was für die Mutter ein Schock ist.

Es passiert aber noch etwas in Johannas Leben, sie bekommt nämlich einen Anruf ihres Vaters Jens, der die Famalie am 4. Oktober 1989, also kurz vorder Wende und dem Mauerfall verlassen und nie mehr etwas von sich hören hat lassen.

Jetzt liegt er im Krankenhaus, das genau vor dem Stückchen Mauer liegt, das es noch gibt und an das Johanna mit ihrem Ausbildner Rainer mit ihrer Straßenbahn vorüber fährt, sie besucht den Vater, der noch eine andere Tochter, Antonia, aus einer anderen Beziehung hat und beginnt sich mit dessen Vergangenheit zu beschäftigten.

Nur leider hat sie Pech, hat doch der Vater, der sich in der Endphase seines Krebs befindet, gerade die Sprache verloren und kann der Tochter nicht mehr Auskunft geben.

So tut sie das, was wir alle wohl in dieser Situation machen, sie beginnt nachzuforschen und, als das nicht so einfach geht, weil ihr alle eine andere Version der Geschichte erzählen und man in die Stasiakten nur selbst Einsicht nehmen kann und als sie versucht, die Unterschirft von Jens zu erzwingen, kommt die Mutter, haut ihr fast eine herunter und zerreißt das Antragsformular. So kauft sie sich am Flohmarkt eine alte Schreibmaschine und beginnt selbst die Stasiakten zu schreiben und hat da bald mehrere Versionen, denn Jens könnte am 4. 10 in den Westen abgehauen, verhaftet worden und noch vieles anderes sein.

Zu Auskunftszwecken schläft sie ein paar Tagen bei Antonio, schneidet Hilde, Jens Mutter die Nägel und erschrickt fürchterlich, als sie mit ihrer Straßenbahn am Zoo vorüberfährt und dort die Mutter mit Rainer hineingehen sieht. Sie verläßt unerlaubter Weise, die Straßenbahn und schleicht den beiden nach und als jens dann noch stribt, ist die Geschichte zu Ende. Sie kann nur noch die Unre besorgen und alles andere der Phantasie überlassen.

So ist es doch mit den Geschichten der Vergangenheit. Jeder hat seine eigene Version und so spielt auch noch Honeckers persönliche Krankengymnasiastin darin eine Rolle, bis es ein paar Jahre später wieder eine Wende gibt und nun auch Angehörige in die Akten Einsicht nehmen dürfen. Johanna stellt den Antrag, zerreißt dann aber, als die Antwort kommt den Brief, denn so ganz genau will sie es jetzt gar nicht mehr wissen.

Ein interessantes Buch und wieder eine andere Variante eines Debutromans, neben den hochpoetischen und sehr skuril phantasievollen, gibt es auch flott vor sich hinerzählte, von einer jungen Frau, die Stipendiatin am “Literarischen Colloquium” war und ach ja, was das ganze mit einem geflügelten Tiger zu tun hat?

Johanna ist auch Landkartensammlerin und in denen der DDR damals war die Westgrenze falsch eingeziechnet, so daß die Flüchtlinge sich schon dort glaubten, als gerade die Grenzposten auf sie zumarschiert kamen und im Mittelalter zeichneten die Mönchen Phantasietiere an die Leerstellen und da Johanna aus welchen Gründen nun auch immer, vaterlos aufgewachsen ist, bezeichnet sie ihre Familie, als die der geflügelten Tiger.