Jetzt kommt schon oder erst Buch sechs der heurigen deutschen Buchpreisliste, habe aber inzwischen fast die ganze österreichische gelesen und bin jetzt endlich, könnte man so sagen, in das deutsche Lesen, weg von Österreich gekommen und da habe ich inzwischen erfahren, spielen einige Bücher in der EX-DDR und das erste sozusagen ist das der 1958 in Ahrensburg geborenen Angelika Klüssendorf, die mit ihrer “Mädchen oder April- Trilogie” schon öfter auf der dBp stand. Den dritten Teil der Trilogie “Jahre später” habe ich gelesen und bin da nicht recht hineingekommen, fehlen mir da ja die Kinderheitserinnerungen der Autorin, auch eine Meisterin des autofiktionalen Schreibens ist.
Das läßt sich mit den “Rissen” nachholen und da kann ich gleich wieder anfügen, was ich ja öfter schreibe und mich auch stört, es ist wieder kein Roman, sondern ein Erzählband und der dBp ist doch ein Romanpreis, allerdings ein besonderer, denn alle zehn Geschichten, handeln von dem namenlosen Mädchen, das später, wenn ich mich nicht irre “April” heißt und noch etwas besonderes gibt es dabei, das auch vom “Papierstaupodcast” kritisiert wurde, scheint es sich bei dem Buch doch, um eine Neubearbeitung einer früheren Erzähling zu handeln und in der beschäftigt sich Angelika Klüssendorf damit, was in der ersten Erzählung anders war und was sie davon ausgelassen hat.
Die Sprache, muß ich klein erwähnen, ist sehr kunst-und eindrucksvoll und ansonsten springt die Autorin von einem Erzählstil zum anderen, vom Mädchen zu der jungen Frau, die ihre Mutter ist und es beginnt mit der “Großmutter im Kirschbaum”, die das Mädchen in seinen ersten Lebensjahren offenbar betreute oder eigentlich beginnt es in einer Art von Vorwort mit dem Tod der Mutter und da erinnert sich die Autorin, daß die “Aus allen Himmeln” gelesen und das Buch als “voller Lügen” bezeichnete, was sie zur Rchtigstellung veranlaßte.
Es werden also die Erinnerungen des Kindes aus den Sechzig und Siebzigerjahren erzählt, den Streit zwischen der Mutter und dem Vater, der ziemlich gewalttätig war, den Schmuck, den die Großmutter hinterließ, nahm und damit ein paar schöne Tage am Meer verbrachte, wo er sich als Landschaftsmaler ausgab. Dann kehrte er zurück weil er das “Fitzelchen Gold”, was auch noch da sein sollte, haben wollte. Das trug die Mutter aber in ihren Mund. Dann brach er noch den Schrank auf, in dem die Mutter, die gelegentlich kellnerte, ihre “Schätze” verbarg.
“In Samstag, zwanzig vor zwölf”, schickt die Mutter, das Mädchen zum Fleischer Leberstreichwurst holen, nach dem sie drei Tage und zwei Nächte nicht nach Hause gekommen ist. Es ist aber zu spät. Das Geschäft schon zu und in der Richtigungsstellung, die es nach jeder Geschichte gibt, berichtet Angelika Klüssendorf von den Ritualen, die sie bei diesen “Leberwursttagen”, einen Schritt vor, einen zurück, durchführte, um das Ganze zu bewältigen.
In “Jui, Juli, August” wird das Mädchen im Sommer aus Leipzig abgeholt und vom Jugendamt zu seinem Vater und dessen neuer Frau nach Usedum gebracht, wo sie einmal vor Freude am Meer tanzt. Der Vater und die Stiefmutter führen dort eine Gaststätte und das Mädchen muß am Nachmittag mit der taubstummen Köchin die Fische verarbeiten. Sehr poetisch wird das beschrieben. Der Vater erzählt dem Mädchen von der Scheinschwangerschaft der Stiefmutter und scheint dann auch die Freundin Evi sowie die Köchin zu vergewaltigen, während das Mädchen ihre Basteleien am Strand zu verkaufen versucht, sich ins Weizenfeld in die Sonne legt und sich in seine Höhle flüchtet.
In “Alles hat seine Zeit”, geht es um die Armut, die das Mädchen diesmal in “Ich-Form” erlebt und das wird wieder sehr stimmungsvoll beschrieben. Das Mädchen geht Brot kaufen und sieht, wie sein Vater eine Geldbörse aufhebt, die ein Junge aus ihrer Klasse verliert. Darin sind zwei Mark dreiundachtzig, die der Vater bei der Polizei abgibt. Dann schickt er das Kind mit einem Goldring in den Konsum, um dafür Zigaretten, Brand und auch Eis einzutauschen. In der Geschichte holen die Verkäuferinnen die Polizei, während die das, wie Angelika Klüssendorf anmerkt, ihr den Brand und die Zigaretten gaben, das Eis hat sie zu verlangen vergessen.
In “Yvette intim”, ist die Mutter stolz auf die Tochter, als sie beim Stehlen erwischt wird, fragte sie darüber aus und schickt sie später auch auf Diebstour”. Dann geht es in “Gespenster” zu einem verpatzten Weihnachtsfest, die Mutter kommt betrunken heim, der Christbaum wird später aufgeputzt, dann schickt die Mutter das Mädchen in die Apotheke um Tabletten für ihr Kopfweh zu holen. Sie klaut ihr fünfzig Pfennige, die die Mutter später sucht und die kleine Schwester mit dem unbehandelten Leistenbruch so lange quält, bis sie den Diebstahl zugibt. Später quält sich das Mädchen selbst, daß sie den Diebstahl nicht zugegen hat und in “Hölle oder Himmel” startet der Vater jeden Karfreitag einen Selbstmordversuch und macht das Mädchen dabei zu seinen Zeugen. Der Letzte gelingt, die Tochter wacht mit einer Gasvergiftung auf und schreibt nach des Vaters Tod diese Geschichte.
In “Eine Krankheit” werden die Perspektiven gewechselt. Da erzählt eine Erzieherin, die ein Praktikum in einem Kinderheim, von der kleinen Nelly, die vierzehnjährig und spideldürr zu ihnen gekommt. Die ist brav und eifrig, weiß alles, hilft allen, so daß sie vom Heimleiter zu den “guten Kindern” gezählt wird. Dann ist sie aber auf einmal weg. Die Polizei bringt sie zurück, sie ist aus Sehnsucht nach ihrer Schwester nach Hause gelaufen oder ein Stück schwarzgefahren. DerJeimleiter stuft sie nun als schon mittelschwierig ein und das Weglaufen und von der Polizei zurückgebracht werden, wiederholt sich, so daß der Heimleiter, der für psychischen Befindlichkeiten kein Verständnis hat, sie als extra schwierig einteilt und im Nachsatz schreibt Angelika Klüssendorf von einem Fräulein Eulitz, das sie verstanden hat.
Dann geht es mit dem Ausreißen und dem Aufgegriffenwerden von der Polizei weiter. Das Mädchen gibt alles emotionslos zu Protokoll und wird dann von einem Polizisten ins Nebenzimmer geführt, der seine Hand auf ihre Schenkel legt, was zu Erinnerungen in ein Kinderheim und die Rituale, die die Mädchen dort hatten, führt. Trotzdem bleibt das Mädchen, spindeldürr und immer Hosen tragend, Jungfrau, was zu der letzten Geschichte “Sommer” genannt, führt. Da ist ein Polizist, der Erzähler und der erinnert sich an seine Sommer, wo er das Mädchen zuerst für einen Jungen hielt. Jahre später, schon in der Polizeiausbildung, kommt sie wieder und erzählt von einer Vergewaltigung.
Sehr eindrucksvoll, die zehn Geschichten, ein Paradebeispiel, wie man aus Geschichten einen Roman machen kann, mit verschiedenen Perspektiven, verschiedenen Erzählern immer wieder dasselbe erzählt.
“Das schlimmste was einem im Leben passiert!”, wie es Ana Znidar vom “Writersseminar” immer nennt, was mich immer zu der Frage führt, ob das gut für eine sein kann? Aber Angelika Klüssendorf gehört wohl zu denen. die immer wieder um ihre Erfahrungen und Erlebnissen kreist und Literatur daraus macht.
Die Frage, wie sehr das alles stimmt und ob das gut die Autoirn sein kann?, stellt sich natürlich auch und ich kann im Gegenteil zu “Jahre später” anfügen, daß mich hier die Sprache sehr beeindruckte. Wie geschrieben, ich habe “Das Mädchen” und “April”, die ja auch schon auf den deutschen Buchpreislisten standen, nicht gelesen und weiß daher nicht, wie sehr sich die Inhalte darin wiederholen oder verschieden sind. Würde Angelika Klüssendorf aber zutrauen, daß sie sehr gekonnt damit umzugehen weiß.