Es knarrte ein bißchen als sich Eja Augustin, auf den braunen Stuhl des sogeannten Pfarrcafes setzte, und Fritzi Jelinek erwartungsvoll anblickte.
Was erwartete sie sich eigentlich von der Schreibtrainerin, die sie vor kurzem bei einer Veranstaltung kennengelernt hatte?
Sie wußte es, um korrekt und genau zu sein, gar nicht. Die andere, eine etwa Dreißigjährige mit einem dunklen Pagenkopf, die schwarze Leggins, ein schwarzes T-Shirt und eine grüne Leinenjacke darüber gezogen trug, hatte ihr erzählt, daß sie eine Schreibtrainerausbildung absolviert hatte und angehende Autoren und ihre Werken coachen würde und da hatte sie für sich vollig überraschend gesagt “Das können auch bei mir tun!”
Die Frage sofort zurücknehmen und mit “Unsinn! War nur ein Scherz!”, kommentierten wollen.
Die andere hatte aber erfreut geschaut.
“Sehr gern!”, gesagt und ihr das Pfarrcafe vorgeschlagen, in dem sie einmal in der Woche eine Schreibgruppe abhalten würde.
“Wenn Sie Lust haben, kommen Sie doch dorthin!”, gesagt. Und für Eja wieder völlig überraschend, hatte sie das, obwohl sie das ja eigentlich gar nicht wollte, getan. Eineinhalb Stunden zwischen einer handvoll älterer Damen gesessen, die die neue österreichische Buchpreisliste durchgekaut und als “Wenig überraschend!”, bezeichnet hatten.
“Dann treffen wir uns am besten nachher im Cafe und Sie sagen mir, wo der Schuh drückt!”, hatte die Schreibtrainerin zu ihr gesagt, nachdem sie sie begrüßt und ihr versichert hatte, wie sehr sie sie freue, Eja in ihrer Schreibgruppe zu sehen.
“Vielleicht haben Sie Lust regelmäßig teilzunehmen!”, gehofft. Eja hatte den Kopf geschüttelt und tat das jetzt noch einmal. Denn eigentlich hatte sie keine Ahnung, was sie von der mindestens dreißig Jahre jüngeren junge Frau wollte. Was wollte sie bei ihr coachen? Oder ja, doch natürlich und selbstverständlich. Wurden ihre Texte doch immer kürzer. Die letzten Romane, die sie geschrieben hatte, waren nicht länger als zwanzig bis fünfundzwanzigtausend Worte geworden und wenn sie im November wieder am “Nanowrimo” am nationalen writing month, der von Amerika auch nach Österreich hinübergeschgewappt war, teilnehmen wollte, mußte sie fünfzigtausend Worte zusammenbringen. Das hatte sie in den letzten Jahren schon mehrmals getan und die erforderte Wortzahl, für die man sich dann eine Winner-Urkunde und einen Tusch abholen konnte, auch zusammengebracht. Gut, da hatte sie auch öfter zusammengestückelt und jetzt war sie nicht ganz sicher, da ihre Texte immer kürzer wurden und sie, die erfolglose Autorin, die sehr darunter litt, daß es ihr nicht und nicht gelang in den Literaturbetrieb hineinzukommen, ein wenig den Verdacht hatte, vielleicht schon ausgeschrieben zu sein.
“Wo drückt der Schuh? Wo kann ich Ihnen helfen!”, fragte sie schwarzhaarige und schwarzgekleidete Trainerin, nachdem sie ihren Kaffee ausgetrunken hatten, auch jetzt und Eja Augustin schüttelte wieder nachdenklich den Kopf.
“Damit länger und erfolgreicher zu werden! Endlich einmal aufzufallen und positives Feedback zu bekommen!”, war natürlich die Antwort.
Aber ob ihr da die junge Frau, die eigentlich auch nur ein Phantasieprodukt und in ihren Texten zu finden war, ihr helfen konnte, war die Frage? Wahrscheinlich würde sie, wenn sie die Taktik der konstuktiven Kritik, die ihr früher sehr gefehlt hatte, beherrschte, sie loben und ihr dann auch raten, sich Zeit zu lassen, auf ihre Schwächen, die natürlich vorhanden waren, zu schauen und sich nicht unter Druck zu setzen.
“In der Kürze liegt die Würze!”, würde sie vielleicht ein bekanntes Sprichwort zitieren und dann hinzufügen, daß man in der Kürze auch die Dichte sehen könne
“Vielleicht sind Sie einfach dichter und lyrischer geworden!”
Und das wurde auch von den Literaturprofis gefordert und ihr dann zu ihrer Beharrlichkeit gratulieren und ihr empfehlen sich nicht irriteren zu lassen, sondern einfach weiterschreiben.
