Tage mit Ora

Während ich mit dem Alfred und der Ruth um den Neusiedlersee geradelt bin, habe ich noch ein Sommerbuch gelesen und eines, in dem es auch um eine Reise geht.

Nämlich Michael Kumpfmüllers “Tage mit Ora”, das da vor kurzem erschienen, eigentlich auch auf der LL des dBp stehen hätte können, ist der 1961 in München geborene Michael Kumpfmüller doch 2016 mit der “Erziehung des Mannes” darauf gestanden.

Ein bißchen hätte ich es erwartet und bin dann wieder froh darüber, daß es nicht mein sechstes Longlistenlesebuch geworden ist, geht es dabei doch wieder um die “Midlifekrise des Intellektuellen Mannes” und das habe ich nicht so gern auf der Buchpreisliste. Eigentlich überhaupt nicht so sehr, beziehungsweise amüsiere ich mich ganz gern darüber oder frage mich, was das Neue daran ist, ein solches Buch zu lesen?

Als Reiselektüre war es etwas anders, obwohl der Neusiedlersee von LA und St. Diego weit entfernt ist, aber diese Städte habe ich einmal mit dem Alfred und der Anna, nämlich 1989, auch besucht und über Amerika habe ich ja auch vor kurzem bei Martin Amanshauser gelesen.

Warum geht es also? Der Klappentext spricht von einem Stadtneurotiker in Woody Allen-Manier, beziehungsweise einem gebeutelten Paar, das einem Song nach, vier amerikanische Orte besucht, obwohl sie sich noch kaum kennen und daraus wurde laut Klappentext ein “Roadtrip über dessen Ausgang am Ende nur der Leser entscheiden kann.”

Erzählt wird die Geschichte von einem über fünfzigjährigen Intellektuellen, der, glaube ich, über irgend etwas Sachbücher schreibt, Psychophamaka nimmt, eine Trennung hinter sich hat, eine Psychoanalyse macht und Ora, das ist eine vierzigjährige Schneiderin, auf einer Hochzeit kennengelernt hat.

Sie schreiben sich eine Weile, bis Ora zustimmt, mit ihm in die USA zu fliegen und dann besuchen sie in zwei Wochen vier Städte, nämlich Olympia, Winnteka, San Diego und Mesa und was sie dabei erleben ist, ganz amüsant.

Sie kommen sich dabei auch sexuell näher. Zuerst bewohnen sie getrennte Zimmer, dann schlafen sie im Doppelbett und der Mann, der Stadtneurotiker, wie ihn der Klappentext schildert, erzählt von seiner mißglückten Beziehung zu Lynn. Er glaube, sie hätten eine Gute. Dann kommt er von einem Besuch bei seiner Mutter zurück und sie hat die Wohnung ausgeräumt, auch seine Sachen mitgenommen und ist verschwunden. Davon erzählt er seiner Therapeutin und als er ihr von der geplanten Reise mit Ora erzählt, glaubt er ihr Entsetzen und ihre Eifersucht zu bemerken.

Nun das kann seine Phantasie und auch die literarische Auschmückung, die Woddy Allen-Manier des Stastneurotikers sein, da das in Wahrheit nicht vorkommen sollte.

Aber auch Ora nimmt Tabletten und ist vom Leben gebeutelt. Die Zwei finden sich aber, glaube ich, auf der Reise und so ungewöhnlich finde ich es auch nicht, daß zwei Menschen miteinander verreisen und sich dabei näher kommen.

Ein leichtes Sommerbuch also, das ich Anfang September auch auf einer Reise, beziehungsweise Radtour gelesen habe, das mich an meine Amerikaaufenthalte erinnerte. Ein Buch, wo wieder ein Intellektueller, die Wunden seines Lebens hinunterschreibt und das wahrscheinlich leicht und locker zu lesen ist und die Leser auf den Geschmack nach Amerika zu besuchen bringen kann, wenn sie sich nicht, wie ich an eine solche Reise erinnern.

Vermutlich hat Michael Kumpfmüller auch eine solche Reise gemacht und ein leichtes lockeres Sommerbuch angesichts der Trump-Wahl, die in dem Buch, glaube ich, gerade stattfindet, darüber geschrieben.

Wie gesagt, obwohl ich ja nicht immer von gestörten Männerpsychen lesen will, hat mir die Amerikareise gefallen, nur, daß Michael Kumpfmüller und damit, wie am Buchrücken steht “Eines der wunderbarsten schrägen Paare der deutschen Literatur geschenkt hat”, kann ich nicht so ganz nachempfinden, weil mir die Beiden nicht so außergewöhnlich und auch nicht so schräg vorgekommen sind.

Was dann nachher so schön fliegt

Jetzt kommt eine kleine Pause von meinem heurigen dBp-Lesen, da ich, da ich ja soviele andere Neuerscheinungen habe, die nicht auf der Liste stehen, parallel, beziehungsabwechselnd lesen werde, nämlich das Debut des 1967 geborenen “Streiflichter- Redakteurs” HiIlmar Klutes “Was nachher so schön fliegt” und es ist eines, das durchaus daraufstehen könnte und auch eines, das meine Themen, das Schreiben und den Literaturberieb worüber ich ja auch schon sehr viel geschrieben hate, in einer wie  im Klappentext schreibt, Weise behandelt, wie man es noch nie gelesen hat. Was ich zum Teil auch bestätigen wüede

Es geht um Volker Winterberg, der zwanzigjährig, im Jahre 1987 im Ruhrgebiet seinen Zivildienst in einem Altersheim macht, aber eigentlich schreiben will, der größte Dichter der Welt wahrscheinlich und dabei sehr sehr viel von der deutschen Literatur weiß. Es ist ein Lobgesang der “Gruppe 47” kann man sagen und es ist wahrscheinlich auch sehr viel Autobiografie des Autors dabei, über das er sich sehr lustig macht, nur mit den verschiedenen Ebenen, die das Buch beleuchtet, bin ich ein wenig durcheinander gekommen und hätte mir da vielleicht mehr Straffung gewünscht.

Denn der Volker Winterberg erzählt sehr schnoddring aus seinem Leben. Erwähnt auch durchaus, daß er die Literatur aufsaugt und noch keinen eigenen Stil hat.

Liest er die Bachmann, dann schreibt er, wie sie und am nächsten Tag, wie Heiner Müller etcera. Er  hat sehr viel gelesen, hat seine Idole, aber, was mich auch ein wenig irriterte oder wunderte, mag er Erich Fried nicht, das habe ich nicht so ganz verstanden, denn ich mag ihn gern und halte ihn auch für ein Idol, aber Volker, der am Morgen die Alten in dem Heim betreut und mit der Schwester Erika vögelt, die ihm erklärt, ob er weiß, daß  die Generation, die er da pflegt, die ist, die Auschwitz ermöglicht hat, geht einerseits wieder sehr kritisch und leicht ironisch mit den Pflegenotständen in dem Heim um. Er macht auch Gedächtnistraining mit den Alten und kümmert sich um sie, andererseits macht er sich auch über die Zustände lustig.

Dann war ein einmal in Paris und hat da ein Gedicht geschrieben und deshalb wird er zu einem Nachwuchswettbewerb nach Berlin eingeladen, wo er sich in eine junge Studentin verliebt, also wieder Liebesabenteuer hat, andererseits sehr schön beschrieben wird, wie die “konstruktive Kritik” zu MMRs Zeiten passierte.

Da gibt es einen Workshop, wo man seine Gedichte vorstellen kann, eine junge Frau zeigt ihre Gefühle und wird heruntergeputzt. Da ist Volker wieder einfühlsam und mahnt, die anderen, sie doch nicht in den Selbstmord zu treiben. Dann verhält er sich wieder ein wenig arschhaft.

Einige junge Dichter werden beschrieben, wo mir nicht ganz klar war, ob die fiktiv und erfunden sind und die besten Stellen, die nicht ganz durchgehalten werden, sind, glaube ich, auch die, die  der Klappentext meint, wo sich Volker neben seinem realen Aufenthalt bei jenem Seminar, immer wieder die “Gruppe 47” die ja schon viel früher stattfand, vorstellt und da auch einen Günter Grass beschreibt, mit dem er Auto stoppt und der den mitnehmenden Autofahrer von seiner “Blechtrommel” erzählt oder er erzählt, wie er mit Erika an einem solchen Treffen teilnimmt und Hans Werner Richter stürzt sich gleich auf sie.

Es sind starke Stellen in dem Buch, die wahrscheinlich, die Biografie eines besessenen jungen Dichters erzhlen, was ich sehr nachvollziehen kann, weil ich mich ja auch seit fünfundvierzig Jahren mit dem Schreiben beschäftige. Dann sehr viel Literaturgeschichte, die eingewoben wird, die mich auch sehr interessiert und dann gibt er auch indirekte Schreibtipps, wo er seine Protagonisten nach Paris oder Berlin ziehen läßt, um etwas zu erleben, über das man dann schreiben kann und das ist ja etwas, was ich auch gerademache.

Ein spannendes Buch, das vielleicht deshalb nicht auf die LL gekommen ist, weil das Schreiben und die Literaturgeschichte nicht so viele Leute interessiert. Ich würde es aber hinauf tun und könnte es mir auch gut auf der Debutpreisshortlist vorstellen. Kann das Lesen daher allen Literaturinteressierten sehr empfehlen.

Über die Mißstände in den Altenheimen und über die Erfahrungen eines Zivis erfährt man auch sehr viel und da ist ja in Österreich vor einem Jahr auch ein anderen Buch eines jungen Wunderkindes erschienen, das zwar, glaube ich, nicht über die “Gruppe 47” sogut Bescheid weiß, aber sehr intensiv über seinen Zivildienst in einer betreuten WG schreibt und Clemens J. Setz hat das auch einmal getan.

Der Buchtitel ist übrigens ein Gedichtzitat, das, glaube ich, von Peter Rühmkorf stammt.

Ikarien

Jetzt kommt ein Buch, das nicht auf der LL steht, ich das aber eigentlich erwartet hätte, ist doch der 1940 geborene Uwe Timm, 2013, glaube ich, mit “Vogelweide” dort gestanden.

Ich habe noch kein Buch von ihm gelesen, wohl aber, glaube ich, einige Bücher in meinen Regalen und gehört natürlich schon sehr viel und das Thema ist sehr interessant, das Buch aber wahrscheinlich insgesamt zu leise, zu linear und zu chronologisch, um auf die erwähnte Liste zu kommen.

Wir gehen in das Jahr 1945 zurück, in den Frühling, der Krieg ist gerade vorbei und es rücken die amerikanischen Besatzer an, einer von ihnen ist ein junger Literaturwissenschaftler, in Deutschland geboren, aber sein Vater schon 1932 aus beruflichen Gründen nach Amerika immigriert  und nun wird der deutschsprechende Michael Hansen, obwohl er kein Mediziner ist, dem medizinischen Ressort zugeteilt und er soll über die Eutanasie und die Rassenhygenik die im dritten Reich betrieben wurde, recherchieren.

Das Biuch ist vielleicht doch ganz raffiniert geschrieben, beginnt es doch mit einem von seinen Eltern wahrscheinlich versteckten, behinderten Kind, das von den anderen gehänselt wird von Hansen oder seinen Chauffeur einen Kaugummi geschenkt bekommt und den mit dem Papier in den Mund schieben will.

Der Kaugummi, das, was die Amerikaner in das zerbomte Deutschland brachten, spielt in dem Buch auch eine große Rolle und die Vogelstimmen, vielleicht ein Steckenpferd von Uwe timm.

Der junge Amerikaner wird jedenfalls in die Nähe von München geschickt, er soll dort einen alten Mann verhören, einen Widerstandskämpfer, der mit dem Rassenhygieniker Alfred Ploetz befreundet war.

Der, erfährt man, wenn man nachgooglet und das kann man, wie bei Christine Wunnike, hat von 1860 bis 1940 gelebt, wurde sogar einmal für den Nobelpreis vorgeschlagen und war mit Gerhard Hauptmann befreundet.

“Die Reise nach Ikarien” erfährt man, wenn man weiter googlet, ist ein  utopioscher Roman des Frühsozialisten Etienne Cabet und der Roman von Uwe Timm erzählt nun in zwei Strängen einmal das Lebens und die Frauenbeziehungen von Michael Hansen im frühen Nachkriegsdeutschland und zweitens, vereinfacht ausgedrückt, wie es dazu kommen konnte, daß das Volk der Denker und Dichter, dem Rassenwahnsinn und noch einigem anderen verfiel und im Besonderen, auf die beiden aus Breslau stammenden Freunde Ploetz und Wagner bezogen, wie man von einem Sozialisten zum Nazi werden konnte.

An dreizehn Tagen besucht Michael Hansen nun den alten Mann, einen Antiquar, der in Dachau war und sich auch lange im Keller des Antiquariats verstecken mußte, und der erzählt ihm von der Jugend der Freunde und dem Geheimbund, der Ikarier, dem sie mit den Brüdern Hauptmann am Anfang des Jahrhunderts angehörtetn.

In Amerika gab es auch solche Ikarier. Dort reiten die Freunde auch hin und lebten eine zeitlang die sozialistische Utopie, wo Frauen allerdings kein Mitspracherecht hatten.

Langsam langsam verwandelt sich Alfred Ploetz, der dem Alkohol abgeschworen hat und auch nachweisen will, daß er das Gerhin und die Erbmasse verändert zum Rassenhygieniker und lieferte damit die Grundlage zu dem was im dritten Reich zur Vernichtung des angeblich nicht lebenswerten menschlichen Lebens führte.

Das wird an Beispielen erzählt und dazwischen beschlagnahmt Hansen Autos, verteilt an Kindern Kaugummi und trifft sich mit Frauen, die ihn aber nur ausnützen und eigentlich nichts von ihm wissen wollen.

Nach den dreizehn Gespräch, wird Ploetz Forschungskartei und anatmomischen Sammlungen mit den in Alkohol eingelegten Hirnschnitten  abtransportiert und auch Hansen wird abgezogen und anderen Aufgaben zugeführt.

Verglichen mit den Longlistenromanen wahrscheinlich ein stilles Buch, das  trotzdem auf eine sehr literarische Weise von der Eutanasie und wie es dazu kommen konnte, erzählt und eines mit dem sich Uwe Timm offensichtlich sehr lang beschöftigt hat.

Im Anhang schreibt er, daß er schon in den Siebzigerjahren damit begonnen hat  und er führt, obwohl, wie er schreibt “Ein Roman keine Dissertation ist”, auch einen genauen Nachweis der Werke an, mit denen er sich  für die Recherche beschäftigt hat und führt dabei neben Hauptmann und Ploetz, was ich besonders interessant finde, auch “Wikipedia” an und da habe auch ich  nachgegooglet, schon um zu verstehen, was das Wort “Ikarien” und damit der Titel bedeutet.

Als kleinen Nachtrag kann ich noch anmerken, daß Uwe Timm mit dem Buch, zwar nicht auf die LL des dBp aber auf die Shortlist des Wilhelm Raabe Preises gekommen ist. Ich wünsche ihm viel Glück für den Gewinn.

Elisabeth Reichart in der Alten Schmiede

Heute sollte es in der “Alten Schmiede” die Präsentation von zwei Herbstneuerscheinungen geben, nämlich Evelyn Schlags “Yemen Cafe” und Elisabeth Reichards “Frühstück bei Fortuna”, die beide an den Buchpreislisten vorbeigegangen sind.

“Interessant!”, habe ich gedacht und war sehr in Eile, nämlich eine Menge Stunden und dann sollte ich auch die Abrechnung machen, was an sichgegangen wäre, wenn der Computer nicht so lahm gewesen und so vieles nicht funktioniert hätte.

Dann ist die sechs Uhr Klientin aber wieder so pünktlich gekommen, daß es sich fast ausgegangen wäre, pünktlich zu kommen, weil ich die unfertige Abrechnung liegen gelassen habe.

Also zehn nach sieben in die “Alte Schmiede” gehuscht und gewundert, daß in der Zeitschriftengalerie nur ein paar Leute und der Saal leer und als ich in den Keller hinuntergehen wollte, hat mir Annalena Stabauer nachgerufen, die Schlag Veranstaltung fällt aus, weil die2 Autorin krank.

“Fein!”, habe ich gedacht, was mache ich jetzt in der Stunde, im Zeitschriftensaal herumsitzen ist auch nicht gerade lustig, aber wenn ich nach Hause gehe, komme ich auch nicht zum Abrechnen, weil die nächste Veranstaltung ja schon um halb neun beginnt.

Dann ist mir, als ich mich in Richtung Praxis aufmachte, Ruth Aspöck in den Weg gelaufen und wir haben die Zeit genützt im “Alt Wien” ein Achterl zu trinken und die Ruth hat bei einem Schweizer Gast eifrig Werbung für die “Alte Schmiede” gemacht.

Johannes Tröndle einer der Assistenten, der glaube ich, auch GAV-Mitglied ist, hat die 1953 in OÖ geborene Autorin, die mit “Februarschatten” bekannt geworden ist, vorgestellt.

“Die unsichtbare Fotografin” habe ich gelesen, ein paar anderer ihrer Bücher stapeln sich, glaube ich, in meinen Regalen und in “Frühstück bei Fortuna geht es um die Naturwissenschaft, beziehungsweise, um die Lieben einer Genetikerin oder Stammzellenforscherin, die aus dem Wissenschaftsbetrieb ausgestiegen ist und nun die Zellen retten will.

Das klingt ein wenig abstrakt, Elisabeth Reichart hat aber sehr begeistert von der Lieben zu den Zellen gesprochen und dann auch sehr betont einige Stellen aus dem Buch gelesen.

Es gibt auch einen Mann, der in die namenlose Heldin verliebt ist und einen anderen, mit denen sie in ihrer Jugend in Höhlen klettert und die Flüchtlingsströme, die im vorigen Sommer über die Autobahn wanderten, erkannte sie auch an ihrer Zellen.

Das geht vielleicht ein bißchen in den esoterischen Bereich und die Wissenschaftler sind meistens nüchterner und Elisabeth Reichart antwortete Johannes Tröndle in der Dikussion auch die Frage, wie sie für das Buch recherchiert hat. sie ist ins AKH gegangen, hat eine halbe Bibliothek gelesen und lange an dem Buch gearbeitet, weil sie schon immer mal ein solches schreiben wollte.

Nachher gab es überraschend Wein und Brötchen, also auch einige Gespräche, ich habe mich intensiv mit einer Literaturwissenschaftlerin unterhalten, Michael Hammerschmid, Gerhard Jaschke, Julia Danielczyck und andere waren da und die Ruth sagte mir, was ich in meinem radiolosen Harlander Wochenende nicht mitbekommen habe, daß Fidel Castro gestorben ist.