Die Verwandelten

Beim dritten Belletristik-Buch der Leipziger Nominierungen, das ich in Leipzig begonnen habe, habe ich ein bis zwei Wochen gebraucht. Beim vierten, Ulrike Draesners “Die Verwandelten”, am Hauptbahnhof begonnen, in Hanau ,beendet fast vierzehn Tage und in dem Buch ist es auch um eine Reise in die Vergangenheit in einen anderen Teils Deutschland ,das bis nach Polen führt oder auch dort beginnt, gegangen.

Ein Jahrhundertroman und wieder einer, der den Krieg und seine Verwirrungen aufarbeitet. Dem sechshundert Seiten Buch ist ein kleines Heftchen mit einem Interview mit der 1962 in München Geborenen, die schon mehrere solche Bücher geschrieben hat, beigelegt, wo die Autorin sagt, daß sie mit dem Buch, an dem sie wahrscheinlich auch sehr lang gearbeitet hat, den Verstummten eine Stimme geben wollte und ich habe schon sehr viele Bücher über den Holocaust, den Krieg, Lebensborn und und und gelesen.

Habe die Vergangenheit begierig in mch aufgesaugt, als der Alfred schon sagte, daß er nichts mehr davon hören will.

Damals habe ich das nicht verstanden, jetzt denke ich, daß man sich auch mit der Gegenwart, die in die Zukunft führt, beschäftigen sollte, also die Fragen beantworten, wieso durch Corona, plötzlich alle als rechts gelten, die die Maßnahmen kritisierten sind und, daß ich wissen will, wieso es dazu gekommen ist, als mich wieder mit einem Lebensborn-Schicksal zu beschäftigen.

Aber darum geht es nicht wirklich oder auf eine andere Art, denn Ulrike Draesner hat sich zwei Familien vorgenommen, eine schlesische und eine stramme Deutsche und da haben zwei Frauen durch den Krieg eine neue Identität und andere Namen bekommen und weil es schon so viele Bücher zu diesem Thema gibt, hat es Ulrike Draesner wahrscheinlich auch so kompliziert gemacht, daß die Amazon-Rezenenten wissen wollten, wer das Buch wohl zu Ende gelesen hat?

Ulrike Draesner springt chronologisch durcheinander. Von vorn nach hinten und wieder zurück. Schreibt eigentlich mehrere Romane in einen und fügt damit man das Ganze vielleicht doch verstehen kann, ein Personenverzeichnis und eines der schlesischen Ausdrücke an.

Es gibt auch immer wieder “Gesänge der gezwungenen Kinder”, wo Wörter durchgestrichen sind. Wortschöpfungen und eine sehr kunstvolle Sprache gibt es auch und sehr schöne Kapitelüberschriften wie “Das 21. Jahrhundert schaaut aus der Wäsche” mit denen die zwei Familiengeschichten beschrieben werden, gibt es auch.

Es beginnt mit Kinga, die hat kein Geburtsdatum angegeben, dürfte aber, wie Ulrike Dreasner in den Sechzigern geboren sein, Ulrike Draesner nennt ihre Generation “Nebelkinder”, weil die Eltern ihren Kindern nicht viel von ihren Kriegserlebnissen erzählten, die ist Anwältin, geschieden und hat ein dunkelhäutiges Adoptivkind namens Flummy. Ihre Mutter Allissa oder Gerhild ist vor kurzem gestorben und hat ihr eine Wohnung in Brelau vererbt. So reist sie dorthin, um auch einen Vortrag über den Lebensborn zu halten, lernt dort ihre Cousine Doro kennen und die Geschichte beginnt.

Denn da gibt es zwei Familien, die Valerius und die Schücking. Else Valerius ,1902 geboren ,ist in Breslau mit dem dortigen Theaterdirektor und Shakespearre-Fan Marolf verheiratet. Der hat aber ein Verhältnis mit der Köchin Adele, 1911 geboren, die eigentlich Seefahrerin werden wollte und bekommt das Kind Alissa von ihm, das sie im “Lebensborn” zur Welt bringt, dann aber mit ihm wieder nach Brelau zurückkehrt und Else und Marulf haben auch ein Kind, Reni, das sich später Walla nennt und als es Else reicht, bringt sie die kleine Lissi wieder zum “Lebensborn” zurück, wo sie von dem Anwalt Gerd Schücking und seiner Frau Gerda, die schon ein Kind verloren haben, adoptiert wird. Sie nennen die kleine Alissa Gerhild und Gerda ist eine Art Johanna Haarer und reist “Mit der deutschen Mutter und ihrem ersten Kind” durch Deutschland und hält Vorträge darüber. Das passierte in den Vierzigerjahren.

Als der Krieg vorbei ist, werden Else und Marolf nach Deutschland deportiert. Reni soll mitkommen, weigert sich aber, nimmt unter den Namen Walla eine polnische Identität an, wird Krankenschwester, verheiratet sich zweimal und hat vier Kinder. Eines ist die schon erwähnte Doro, Kingas Cousine also, die in Hamburg Logopädin ist.

Kompliziert genug? Ich habe versucht die sechshundert Seiten zusammenzufassen und habe Ulrike Draesner ja schon in Wien gemeinsam mit Clemens J. Setz ,der ja auch auf der BelletristikListe stand, gehört und wieder einmal ein Jahrhundert durchstreift, das ich zur Hälte auch, wenn auch in Wien, erlebte.

Die Cousinen

Jetzt kommt das Siegerbuch der Übersetzungssparte des “Leipziger Buchpreises”, Aurora Venturinis “Die Cousinen”, das für mich genauso eine Überraschung war, wie “Die Vögel” und der “Saal von Alastano”.

Das heißt, den Preis hat natürlich die 1981 geborene Johanna Schwiering bekmmen und da finde ich es auch schwierig zu unterscheiden, ob die Qualität des Buches, der Übersetzerin oder der 2015 verstorbenen argentinischen Schriftstellerin zu verdanken ist?

Denn das Buch, das in den Neunzehnhundertvierzigerjahren spielt, überraschte mich durch seine frische Sprache und seine Themenwahl.

Da wird von “Minderbemittelungen” und Behinderungen gesprochen und das ist ein Sprachschatz, der wahrscheinlich eher dem einundzwanzigsten Jahrhundert zuzuordnen ist.

Vielleicht hat es Aurora Venturini also anders genannt, das Buch bleibt trotzdem eine Überrascchung und das Beste, das ich bisher von dieser Liste gelesen habe, denn es führt in das Leben von Frauen in der argentinischen Unterschicht und da kann man dem Buch verschiede Lesarten geben und am Anfang hatte ich fast den Eindruck, es wäre ein Jugendbuch, aber das ist es wahrscheinlich nicht.

Da ist also Yuna Lopez, die am Anfang dreizehn oder vierzehn ist. Sie hat eine behindert Schwester namens Betina, die im Rollstuhl sitzt, gewaschen und gewickelt werden muß. die Mutter ist Lehrerin mit dem Rohrstaberl. Der Vater ist verschwunden und Yuna selbst ist oder hält sich für minderbemittelt. Besucht auch eine solche Schule und hat Sprachschwierigkeiten, so daß sie sich alle Wörter zusammensuchen muß.

Sie hat aber ein Talent, das sie aus dem Elend heraushebt, nämlich das Malen und da gibt es einen Professor, der sie fördert und auf die Kunsthochschule bringt. Er lädt sich aber auch zu ihr nach Hause ein und hilft der Haushälterin beim Kochen.

Dann gibt es die Großmutter, die Tante Nene, die Tante Ingrazia und die hat zwei Töchter Carina und Petra, das sind also die Cousinen. Und die kleinwüchsige Cousie Petra, die später dem ältesten Gewerbe der Welt nachgeht, führt die naive Yuna, die alles im Wörterbuch nachschlägt, auch in das Leben ein.

Da gibt es das Wort “Oralex”, das sie dort nicht findet und Petra erklärt ihr, das hieße “Oralsex” und ist die Methode, daß die armen Mädchen nicht schwanger werden können und später ihr Leben durch eine Abrtreibung verlieren.

Denn genau das ist ihrer Schwester Carina passiert. Deshalb mußte auch der Gemüsehändler, der sie verführte, sein Leben lassen und dann wächst, während der Professor viel im Haus ist und auch mit Betina spazieren fährt, plötzlich deren Bauch und die beiden Cousinen zwingen ihm Betina zu heiraten, deren Kind dann während der Geburt verstirbt.

Die Großmutter, die Mutter, die inzwischen in Pensiongegangen ist und die Tante Nene sind auch verstorben. Das ist fast so, wie bei Nele Pollatschek und Yuna wird mit ihren Bilder berühmter und berühmter. Verschafft sich eine eigene Wohnung in die sie dann mit Petra zieht. Wird sogar des Professors Nachfolgerin an der Akademie, ißt immer auswärts und läßt so ihr Elternhaus mit den ungüstigen Faktoren hinter sich.

Wie geschrieben in einer sehr frischen ungewöhnlichen Sprache ist das geschrieben und ich fragte mich anfangs nach der Lesart und, wie der Roman zu interpretieren ist? Denn sehr realistisch ist es ja nicht, daß ein behindertes Unterschichtmädchen zu einer großen Künstlerin wird.

Aber ein sehr tolles Buch, mit dem die Autorin offenbar erst mit Achtzig Erfolg hatte und das jetzt auf Deutsch erschienen ist und ich wirklich sehr empfehlen kann.

Etymologischer Gossip

Essays und Reden der 1979 in Berlin geborenen Uljana Wolf, die aus dem Englischen und dem Polnischen übersetzt und mit ihrem bei “kooksbooks” erschienen Buch den Sachbuchpreis in Leipzig gewonnen hat und es ist ein sehr ästhetish künstlerisch gestaltetes Buch, das auch für den “Preis der schönsten Bücher” nominiert werden hätte können und Uljana Wolf, die mir bisher unbekannt war, ist auch Lehrbeauftragte im “Institut der Sprachkunst” an der Angewandten und hat bei den “Edition der Korrespondenzen” verlegt.

Es geht also um das Übersetzen von Lyrik, um das künstlerisch anspruchsvolle Intellektuelle und Uljana Wolf hat auch eine solche Sprache. Es gibt Zeichnungen in dem Buch und wie schon erwähnt eine sehr schöne künstlerische Gestaltung, andere Seitensetzungen, schwarze Seiten, Kapitelumrahmungen, etcetera.

Beginnen tut es mit einer Art Vorstellung und der Beschreibung von wo Uljana Wolf, die auch in den USA gelebt hat, herkommt. Aus einem Ostberliner Pattenbau, den sie überflog, wenn sie von Berlin nach Wien wollte.

In “Dirty bird rtanslation” geht es um die “Übersetzung und Zugunruhe” im Gedicht, da ums Übersetzen von Christian Hawkey und da werden die Worte wie Luftburg, Fallenlassen, Landschaft und Holzweg erwähnt.

Ums Übersetzen aus dem Belasrussischen geht es auch, obwohl Uljana Wolf, wie sie schreibt diese Sprachen nicht kann. Sie erwähnt aber Volja Hapeyeva, die ich glaube ich schon in der “AS” gehört habe und dann geht es um Ilse Aichingers “Schlechte Wörter”, die sie gemeinsam mit den schon erwähnten Christian Hawkey ins Englische übersetzte und über Christine Lavants Gedichte geht es auch.

Es gibt dann die Rede, die sie zum “Peter Huchel-Preis”, 2006 bekommen hat.

Dann gehts zum “Prosagedicht”, da werden so wohl Charles Baudelaire, als auch Friederike Mayröcker , als auch Rosmarie Waldrop, die im Vorjahr auf der Übersetzerschiene gestanden ist und wieder Ilse Aichinger, die Uljana Wolf, glaube ich, sehr schätzt, zitiert.

Es geht um Uljana Wolfs Gedichtband “falsche freunde” und dann um eine auf Englisch geführte Konversation zwischen ihrund Simen Hagerup zu diesem Gedichtband, den sie auf dem “Audiator-Festival for ny poesi” in Bergen 2014 führte.

Mit Else Lasker-Schüler und ihre “Ankunftssprachen”, hat sich Uljana Wolf in einem anderen Aufsatz auch beschäftigt.

Um die Mehrsprachigkeit im Gedicht beziehungsweise Text geht es im nächsten Teil und da ist der Bezug zu Tomer Gardis Mehrsprachigkeit beziehungsweise “Broken German” sehr interessant, der ja ganz praktisch umsetzt, was Uljana Wolf ästhetisch theoretisch ausführt. Haben ja viele Autoren mehrsprachige Identitäten, egal ob migrantischer, touristischer Hintergrund oder das Pndeln von einem Wohnort zum nächsten.

Das wird in den Texte der polnischen Autoren Dagmara Kraus, die als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland kam, ausgeführt oder in einem Text, wo es um den Tod von Sklaven während Sklaventransporte geht. Sterben sie eines natürlichen Todes hat der Besitzer den Schaden, sonst die Versicherung, also wurden sie über Bord geworfen.

Wie übersetzt man das?, fragt Uljana Wolf. Dann geht es noch um eine koreanische bildendende Künstlerin die verschiedene Identitäten und Sprachen hatte und das in ihren Werken ausdrückte und zum Schluß kommt Uljana Wolf und da schließt sich wieder der Bogen zu Tomer Gardi “Rundungen, zum Wiegenlied bzw. und Märchen und das hat der Belletristikpreisträger auch im ersten Teil seiner “Runden Sache” meiner Meinung nach sehr satirisch und schalkhaft ausgedrückt.

Also eine sehr interessante Preisvergabe und jetzt bin ich noch auf das Buch in der Sparte Übersetzung grespannt, aber da wird das Lesen noch etwas dauern.

Oreo

Nun kommt das Gewinnerbuch der Sparte Übersetzung des “Leipziger Buchpreises”, das von Pieke Biermann übersetzte und ich glaube zum ersten Mal auf Deutsch erschienene 1974 herausgebrachte Roman der 1935 geborenen und 1985 an Krebs verstorbenen Frances Dolores Ross, die wie ihre Heldin Christine alisas Oreo einen jüdischen weißen Vater und eine schwarze Mutter hatte.

Fran Ross wuchs in Philadelphia auf, arbeite als Journalistin, “Oreo” ist, glaube ich, ihr einziger Roman, der bald wieder vergessen wurde, zweitausend wieder entdeckt wurde und dann zum Kultbuch der Frauenbewegung oder der afroamerikanischen Literatur  hochstilisierte, denn Oreo ist eine wahrlich ungewöhnliche Figur, vielleicht sogar mit dem Ullysses vergleichbar, vielleicht auch nur eine Idee, der Autorin, ihre sechzehnjährige Heldin mit dem  Theseus zu vergleichen und solcherart, die griechische Sage auf eine rotzig freche Art wiederauferstehen zu lassen, von einem Comic habe ich irgendwo etwas gelesen und ich bin, da keine  keine besondere Kennerin der griechischen Mythen ein bißchen unsicher in der Beurteilung, denke aber doch, ein außergewöhnliches Buch gelesen zu haben.

Da ist also die sechzehnjährige Christine, Tochter von Helen Clark und Samuel Schwartz und als Samuel Schwartz, die Afroamerikanerin heiratet, haben deren Eltern jeweils einen Herzinfarkt oder sonstige Zustände bekommen.

Der Vater hat die Mutter  bald verlassen und ist nach New York übersiedelt, nicht ohne der Tochter einen Zettel mit geheimnissvollen Hinweisen, wie sie ihn auffinden kann, zu hinterlassen und die Oreo genannt, nach dem berühmten amerikanischen Keks, dunkle Umhüllung mit weißer Fülle, eine rotzfreche Göre, die alles mit Karate und Witz zu lösen weiß, macht sich auf den Weg, vorher gibt es noch und das finde ich für ein Buch aus den Siebzigerjahren sehr ungewöhlich, eine Szene, wie sie sich gegen einen Vergewaltiger zu wehren weiß.

Auf der Reise in die Metropole macht sie auch noch einige außergewöhnliche Bekanntschaften, so trifft sie zum Beispiel einen Reisehenker, das heißt, einen, der in ein Büro beordert wird, um dort Kunden zu feuern, das finde ich auch sehr beeindruckend.

Sie übernachtet in einen Park, wird am Klo von einem frechen Jungen gespannt, den sie dann, als er Hunde quält es auch ordentlich heimzahlt, dieser Theseus hat also einen  starken Gerechtigkeitssinn.

Mit einem Bordellbesitzer legt sie es sich oder er mit ihr auch an, dann gibt es noch einen stummen Radiomacher und und, der Skurilitäten ist kein Einhalt geboten.

Sie kauft sich noch Schuhe in einem Laden, weil ihre Sandalen beim Kampf mit dem Bordellbesitzer zu Schaden kamen. Dann trifft sie ihren Vater, löst das Räsel und Fran Ross, die am Schluß noch Hinweise auf die Thesseussage gibt und vorher auch noch, die Familienverhältnisse genau erklärte, hat eine rotzfreche afroamerikanische Göre zur Heldin der griechischen Mythologie gemacht.

Ein interessantes Buch, einer interessanten Autorin, das ohne die Buchpreisnominierung wahrscheinlich an mir vorbei gegangen wäre.

Der Spleen von Paris

Das zweite Buch, das für den “Leipziger Buchpreis” auf der Sparte “Übersetzungen” steht, Chales Baudelaires “Le Spleen de Paris”, denn es ist eine zweisprachige Ausgabe, die von “Rowohlt” 2019, neu übersetzt herausgegeben wurde, so daß ich mein Französisch, das ich ja fünf Jahre in der Schule lernte, aber eigentlich nicht viel mehr als einen Kaffee mit Milche bestellen kann, wenn ich mich in französisch sprechende Gebiete, wie beispielsweise in Genf oder Elsaß aufhalte, üben kann.

Übersetzt wurde der Band von dem 1957 geborenen Simon Werle, der schon die “Fleurs du mal” übersetzte und damit mit dem “EugenHelmle-Preis” ausgezeichnet wurden.

“Die Blumen des Bösens” sind wohl das bekannteste Werk des 1821 in Paris geborenenen  und 1867 dort verstorbenen Charles Baudelaire.

Und der “Spleen von Paris” enthält, sowohl Gedichte, als auch Posastücke, die sich nicht nur mit Paris beschäftigen.

Im Nachwort steht, daß der Band, der in mehrere Teile gegliedert ist, 1868 posthum von Charles Asselineau und Theodore de Banville herausgegeben wurde und es beginnt mit den “Jugenddichtungen”, die ein Lobgesang an die Liebe und die schönen Frauen, aber auch Männer,  wie beispielsweise eines an Henri Hignard “…und dass Hendy, des lieben , ich gedacht!”, gewidmet sind.

Eines an eine  “Maitresse” gibt es auch:

“Sie ist erst zwanzig: schon hängt ihr des Bussens Masse

Auf jeder Seite schwer herab wie eine Kalebasse,

Und dennoch schlepp ich hin zu ihr mich Nacht für Nacht,

Und saug und beiß daran, wie es ein Säugling macht.”

 

Interessant ist der “Entwurf” zu “Alptraum”, der zeigt, daß sich offenbar auch Chales Baudelaire im neunzehnten Jahrhundet Gliederungen bediente, obwohl der die Worte “Heldenreise” und “Spannungsbögen” wahrscheinlich nicht kannte.

Es gibt “In zusammenarbeit entstandene Gedichte” und da ist die “Unterstützung für den Pik-Buben”,  besonders interessant, wo doch im Nachwort von dem lockeren Umgang mit Plagiaten und Nachdichtungen, die Rede war.

“Corneille, Byron, Werner schreien laut

Hinter ihm her im Chore:

“Haltet ihn fest, er hat geklaut!”

Höhnen auch  anderen Autoren?

So mancher könnt – auch wenn er es nicht tut –

Ihm abverlangen, wär er auf der Hut,

Sein Gut.

Oh, oh, oh, oh! Ah, ah, ah, ah!

Kenn ihr den Plagiator da?

La la.”

Dann gehts zu den “Baudelaire zugeschrieben Gedichte”: “Der Brunnenflicker”, “Der arme Teufel”, das wiederum interessant, fast experimentell aus mehreren Wortlisten besteht  zur “Elegie zurückgeweisen bei den Jeux Floraux” und “Wiederentdeckte Gedichte” gibt es auch.

Nach den Gedichten folgen zwei Jugendwerke, ein Versdrama namens “Ideolus”, das er gemeinsam mit Ernest Prarond geschrieben hat und die Novelle “Die Fanfarlo”, wo ein Erzähler von dem dandyhaften Dichter Samuel Cramer erzählt, der einer Madame de Cosmelly, die Geliebte ihres Ehemannes, die Tänzerin Franfarlo, ausspannen soll, in die er sich dann unsterblich verliebt und die am Ende verbürgert, in die Kirche geht, und Zwillinge bekommt.

Die Titel gebenden Texte sind sogenannte “Prosagedichte” also Kürzesterzählungen, die in einem Ablauf von zwölf Jahren entstanden sind. Seltsam surreal anmutende Geschichtchen, die manchmal etwas unverständlich, manchmal höchst aktuell erscheinen, wie beispielsweise die vom “Fremdling”, der weder seine Famalie, noch das Vaterland, noch Geld und Gold am meisten, sondern “die wunderbaren Wolken!”, am meisten liebt.

Die Geschichte von der verzweifelten Greisin, die die Erfahrung macht, daß sich die Kleinstkinder, obwohl haar- und zahnlos, wie sie voll Entsetzen von ihr abwenden, ist  real nachvollziehbar, schwieriger wird es da vielleicht mit dem Hund, der sich mit Entsetzen von dem Flacon mit dem kostbarsten Parfum, dem Kot zuwendet oder eigentlich auch wieder nicht.

“Der schlechte Glaser” ist dafür etwas surrealer und auch die, wo die Kinder in China an den Augen der Katzen, die zeit ablesen.

In der Geschichte vom “Kuchen” wird, um ein Stück Brot gerauft, was in Corona bedingten Zeiten, der Hamsterkäufe und das angeblich oder tatsächliche Gerangel, um das Klopapier, wieder höchst aktuell erscheint.

Es gibt eine Feengeschichte, eine von der “Schönen Dorothee” und die von dem Hofnarren Fancioille, der von seinem Fürsten zum Tode verurteilt wird, ihn vorher aber noch ein letztes Mal unterhalten darf, worauf er dann eines offensichtlich natürlichen Todes stirbt.

Einer gibt einem Bettler eine falsche Münze und in der Edouard Manet gewidmeten Geschichte, erzählt der Maler von einem armen schönen Burschen, den er zu sich nahm, ihn gut kleidete und ernährte, um sich von ihm die Pinsel auswaschen zu lassen.

Heute würde man da wohl sofort an Mißbrauch denken, aber der Bursche war schwermütig, verging sich an Zucker und Alkohol, was ihm der Maler verbot, bevor er zum Spaziergang aufbrach, als er zurückkam, fand er den Knaben erhängt vor.

Er schnitt ihn, was heute  auch seltsam scheint, selbst hinunter, verständigte wohl einen Arzt und einen Polizeibeamten und dann auch seine Mutter, die von ihm unbedingt den Strick haben wollte, wohl um ihn an die sensationslüsternen Nachbarn zu verkaufen.

Es geht natürlich wieder und auch ein bißchen ungewöhnlich surreal um die Liebe, so erzählen sich beispielsweise vier Herren, wie sie ihre Geliebten losgeworden sind und eine Kurtisane oder Hure, je nachdem, wie man es nennen will, nimmt einen, den sie für einen Arzt hält, zu sich nach Haus, denn sie hat einen “Ärztespleen”, psychologisch wird es also auch.

Ein spannendes, wenn vielleicht auch nicht immer leicht zu lesendes und zu verstehendes Buch, für mich eine Neuentdeckung”.

Die “Blumen” habe ich mir glaube ich mitgenommen, als die längst verstorbene Edith B. meine Straßergassenfreundin, ihren Gang von dem Buchhändler in ihrem Haus zurückgelassenen Bücherschachteln ausräumen wollte.

“Ein Klassiker der Weltliteratur in neuer Übersetzung”, steht am Buchrücken. Eine Leseempfehlung also, auch wenn Simon Werle nicht den Übersetzerpreis gewonnen hat. Also auf zu “Oreo” und das ist, habe ich schon nach wenigen Seiten entdeckt, ein vielleicht noch ungewöhnlicheres Buch.

Im Brand der Welten: Ivo Andric. Ein europäisches Leben

Nun kommt das erste Sachbuch der zum “Leipziger Buchpreis” nominierten Bücher, das ich mir, obwohl ich wußte, daß “Zsolnay” mir ein PFD schicken wird, die ich ja nicht so gerne lese, doch nicht zu bestellen verkneifen konnte, nachdem mir “Rowohlt” auch “Middlemarch” als E-Book schickte, denn Ivo Andric, der Nobelpreisträger von 1961, von dem ich, wenn mir mein Bibliothekskatalog nichts unterschlägt, zwar “Wesire und Konsuln” , aber nicht die berühmte “Brücke über die Drina” in meinen Regalen habe, interessiert mich eigentlich sehr.

Der 1973 in Hamburg geborene Journalist Michael Martens hat das Buch geschrieben, das vorigen Herbst erschienen ist und er geht es sehr genau mit einem Kapitel über die Geschichte Bosniens an, in dem zu der Zeit wo Ivo Andric 1892 geboren wurde, noch der Aberglaube herrschte und die Bewohner, Moslems, Katholiken, Ortohodoxe, Juden, alles durcheinander gemischt, oft noch Analphabeten waren.

Ivo Andrick, dessen Vater früh gestorben ist und über den man munkelt, daß er der Sohn eines katholischen Priesters ist, weil seine Mutter diesen den Haushalt führte, wuchs bei Verwandten seines Vaters auf, weil die Mutter ihn nicht ernähren konnte und hatte das Glück, daß es in Sarajevo, ein Gymnasium gab, weil er sonst nach Wien reisen hätte müßen, in das er erst  nach seiner Matura kam, um kurz dort zu studieren, er studierte auch kurz in Krakau, die Ermordung des österreichischen Thornfolgers 1914 ließ ihn aber  zurückkehren, denn er war ja in seiner Jugend ein Revolutionär, hat als Gymnasiast auch ein solches Gedicht geschrieben, ist mit jenen Gavrilo Prinzip in das selbe Gymnasium gegangen und war mit einem anderen Anfhrer des Attentates auch befreundet.

Am Tag des Attentates saß er in Krakau im Theater, verließ dieses fluchtartig und reiste zuerst nach Wien zurück, später begab er sich in den Sommerurlaub nach Split, wurde dort aber verhaftet und wurde erst 1916 von Kaiser Karl amnestiert.

Nach 1918 hat sich dann der erste jugoslawische Staat gegründet, mit dem die Kroaten  unzufrieden waren und Ivo Andric, der von Michael Martens durchaus widersprüchlich, ja sogar unsympathisch gezeichnet wird, entpuppt sich als glühender Jugoslawe.

1919 erscheint Andric erstes Buch, an das er sich später gar nicht gern erinnert, er übersiedelt nach Belgrad und wird dort, obwohl er Atheist ist, Sekretär im Religionsminiterium, ein ehemaliger Lehrer, inzwischen Religionsminister, hat ihm das vermittelt. Andric, der fürchtet als Schriftsteller, seine Tante und seine Mutter nicht unterstützen zu können, will aber in den diplomatischen Dienst.

Er will zuerst nach Amerika, wechselt dann aber schnell die europäischen Botschaften, kommt nach Rom, Bukarest, Triest, Spanien und Graz, dort studiert er fertig und schreibt seine Doktorarbeit, fühlt sich oft krank, er hat die Tuberkolose, ist mit den Städten in denen er arbeitet oft unzufrieden, so nennt er Genf, wo er drei Jahre für den Völkerbund arbeitet, eine häßliche Stadt, was ich, die ich ja vor zwei Jahren dort war, eigentlich nicht bestätigen kann. Sein literarisches Werk  nimmt zu, obwohl er wegen seines diplomatischen Dienstes oft länger nicht zum Schreiben kommt.

Als seine literarischen Vorbilder zählen Thomas Mann und Goethe und am PEN-Kongreß von 1933 in Dubrovnik, dem berühmten, um Hitler zu verhindern, nimmt er auch teil.

1939 wird er Gedandter des Königreichs Jugoslawien in Berlin, es gibt es Foto von ihm bei seinem Antrittsbesuch in Berlin, in seiner Paradeuniform, er soll verhindern, daß es zu einem Krieg kommt, was aber durch den Putsch in Belgrad verhindert wird. 1941 greift Deutschland Jugoslawien an, die Botschaft wird ausgewiesen und Andric kehrt nach Belgrad zurück.

Dort in dem von den Deutschen besetzten Land, wo die Gewalt,  die Gehenkten oder die in die Flüße geworfenen Leichen von beiden Seiten passieren, zieht sich Andic in ein Untermietzimmer zurück und schreibt seine drei Großen Romane.

“Die Brücke über die Drina”, “Wesire und Konsuln”, wo es um inen nach Bosnien versetzen französischen Diplomaten geht, der sich mit den Türken auseinandersetzen muß und das “Fräulein- eine Studie über denGeiz”, die alle drei 1945 bei verschiedenen Verlagen erscheinen.

Andric wird Präsident des kommunistischen Schriftstellerverbandes und er, der einst Gedsandter des Königs war, Kommunst, reist als Genosse Ivo durch das Land, läßt sich vor einem Flugzeug fotografieren und hält erste Mai Reden an Tito und Stalin.

Auch da soll er sich vornehm oder diplomatisch zurückgehalten haben, heißt es in dem Buch, nie das gesagt, was er wirklich dachte, sich weder für die verfolgten Schriftsteller eingesetzt noch sie denunziert haben, weil er, wie es einer seiner Verteidiger nannte “nur schreiben und leben wollte.”

1958, mit sechsundsechzig Jahren, heiratet er seine langjährige Geliebte Milica Babic und 1961 ist es dann, der schon einige Male dafür nominiert war, soweit, daß ihm der Nobelpreis zugesprochen wurde. Tito gratuliert und Andric, der, obwohl ja langjähriger Diplomat, Interviews haßt, setzt es durch in Stockholm keine Pressekonferenz geben zu müssen und erkundigt sich bei seiner Übersetzerin wieviel Abendkleider seine Frau für die Verleihung braucht?

Andric kauft sich ein Haus an der Adria, kehrt nach dem Tod seiner Frau nach Belgrad zurück, hat Probleme mit dem Altern und Angst blind zu werden.

Am 13. März 1975, also vor genau fünfundvierzig Jahren stirbt er, sechzehn Jahre später zerfällt Jugoslawien und der Balkankrieg beginnt. Andric oder seine “Brücke” wird zum Spielball der Nationen, auf der einen Seite geehrt, auf der anderen wird eine Straße mit seinen Namen umbenannt und seine Büste zerstört. Er ist aber trotzdem wahrscheinlich ein wichtiger Literat gewesen und seine Bücher sicher Wert gelesen zu werden. Hoffentlich komme ich bald dazu.

Leipziger Buchpreisträger in der Alten Schmiede

Gun­tram Ves­per

Gun­tram Ves­per

“Den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse” hat ja heuer für mich sehr überraschend Guntram Vesper mit seiner Chronik “Frohburg” gewonnen. Ein Autor und ein Buch das mir nicht sehr viel sagte. Die Ute hat mir dann erklärt, daß Frohburg eine kleine Stadt zwischen Leipzig und Karl Marx-Stadt Chemitz ist und der 1941 dort geborene Guntram Vesper ist 1957 mit seiner Familie in den Westen gegangen und lebt heute in Göttingen.

Das Buch eine Mischung zwischen Chronik, Stadtgeschichte und Notaten, wie Kurt Neumann erklärte, hat über tausend Seiten und hätte schon im Mai in der “Schmiede” vorgestellt werden sollen. Da habe ich auf dem Weg dorthin einen der Stammbesucher getroffen, der mir sagte, Veranstaltung fällt aus und heute also nachgeholt.

Es gab ja auch einiges Bedauern, daß das Buch nicht auf die LL, kam beim Sascha Stanisic vor ein paar Jahren wurde zwar das Gegenteil bedauert und die die “Alte Schmiede” war gar nicht so voll, Gerhard Jaschke war aber da und Erich Hackl, der österreichische Chronist, wie man so sagen könnte, moderierte und leitete ein, sprach von seiner großen Vesper Verehrung, erzählte auch was zu dem Buch und der Autor sagte dann, daß er sich sehr wohl am Veranstaltungort fühlen würde, denn sein Ur- und sein Großvater waren ebenfals Schmiede und so hat er die ersten Lebensjahre auch an einem ähnlichen Ort verbracht.

Der Vater war Arzt und ein Stück das Guntram Vesper vorlas, begann im Jahr 1945, als die Russen kamen und der Kleine vier Jahre alt war.

Dann ging es näher an die Gegenwart, der Bruder Ulrich stirbt, das Familienporzellan wird aufgeteilt und der Bruder hatte, womit er mir sehr ähnlich zu sein scheint, zwischen zehn- und fünfzehntausend Bücher, die überall in seiner Wohnung oder Haus aufgestapelt waren oder noch unausgepackt in Plastiksäcken lagen.

Der Autor griff sich einige heraus und fuhr mit ihnen dann über die Autobahn und erzählte im Gespräch mit Erich Hackl auch noch sehr viel von der Buchentstehung. Die Chronik hat er ursprünglich für sich selbst geschrieben, erst spät kam ihm die Idee das zu veröffentlichen, denn als der Vater oder die Mutter starb, dachte er, bald ist niemand mehr da, der davon weiß.

Erich Loest kommt in dem Buch vor, das hat er erfunden, er hätte ihm das Buch auch überreicht, nur leider ist Erich Loest vor ein paar Jahren gestorben. Die Liebe zu Karl May scheint auch ein wichtiges Thema zu sein und der Autor erzählte sehr viel und sehr lang die Anekdoten seines Schreiben, eine Schlange von Bücherkäufern gab es auch, die sich das Buch signieren ließen und das ist sicher sehr interessant, obwohl ich ja nie in Frohburg war, nur ziemlich regelmäßig zu den Messezeiten nach Leipzig fahre.