Der Augenblick der Liebe

Es ist ja vielleicht ein naheliegender Einfall ein Buch von Martin Walser mitzunehmen, wenn man um den Bodensee radeln will, ist der doch 1927 in Wasserburg geboren und so habe ich mir “Der Augenblick der Liebe” auf meine Reise einepackt, weil ich das Buch auf meiner Leseliste stehen hatte und wohl einmal im Schrank gefunden habe.

Ich habe zwar auch einmal einen “Walser” aus der Abverkaufkiste einer der damals noch auf der Wiedner Haptstraße existierenden Buchhandlungen gezogen, das wird aber “Das Schwanenhaus” gewesen sein, weil in dem jetzt gelesenen Buch, die erste Seite, in der wohl eine Widmung gestanden ist, herausgeschnitten wurde und so mußte ich erst nachgooglen, das “Der Augenblick der Liebe” 2004 erschienen ist und der erste Walser-Roman ist, der schon bei “Rohwohlt” erschien, da er sich wohl nach dem “Tod eines Kritikers” von “Suhrkamp” trennte.

Genauer kann man das wahrscheinlich in dem “Spiegel-Sonderheft” nachlesen, das zum neunzigsten Geburtstag des Dichters erschienen ist, und das mir die Ruth freundlicherweise zur Verfügung stellte, nachdem sie mitbekam, daß ich mich auf unserer Reise für den großen deutschen Dichter interessierte, obwohl so eine Walser Spezialistin bin ich eigentlich nicht.

Aber den “Tod eines Kritikers” habe ich gelesen, “Messners Gedanken”, “Ein liebender Mann” und dann noch seine “Sonntagsrede”, ein paar andere Bücher, über die ich noch nicht bloggte, höchstwahrscheinlich auch und interessant ist  daß “Im Augenblick der Liebe” derselbe Held vorkommt, der auch der Protagonist vom “Schwanenhaus” nämlich Gottlieb Zürn oder Wendelin Krall, wie er sich auch nennt und das Sujet ist wieder das Klischee, alter Mann verliebt sich in junge Frau oder auch nicht.

Das ist ja das berühmter Walser Klischee, das der das in den letzten Jahren immer wieder schreibt, ich habe  nur den Goethe Roman gelesen,  in diesen Buch, das “Schwanenhaus” muß ich erst lesen, kommt es aber auch sehr stark vor.

Das Buch hat vier Teile, “Kommen und Gehen”, “Zusammenfinden”, “Auseinanderkommen”, “Kehre” und eigentlich ist die Handlung sehr schnell erzählt.

Gottlieb Zürn ist ein Ex-Makler und Privatgelehrter, der mit seiner Frau Anna, einer erfolgreichen Immobilienmaklerin, von der er auch zu leben scheint, am Bodensee lebt und  bekommt eines Tages Besuch von einer jungen Doktorantin aus Amerika, die ihre Disseration über den französischen Philosophen La Mettrie schreibt, über den Zürn auch forschte.

Sie bringt ihm eine Sonnenblume mit. Er verliebt sich in sie, reist ihr nach nach Amerika, um dort ein Referat bei einem Kongreß zu halten, dort verliert er aber seine Stimme. So reist er wieder zurück zu Frau und Töchtern, da überfällt ihn aber die Sehnsucht nach der Geliebten. So bucht er fast wieder einen Flug, bekommt aber vorher die Nachricht, daß sie schon geheiratet hat.

So weit, so what und ein Unglück für den alten Helden und ein ganzes Kapitel über den mir bisher unbekannten Philosophen gibt es in dem Buch auch.

Ein Buch, das das Klischee bestätigen könnte, aber ich bin keine Walser-Spezialistin, habe nicht wirklich viel von ihm gelesen und bin jetzt während unserer Reise, sozusagen in das Buch, das ich in Friedrichshafen zu lesen begonnen habe, hineingefallen, denn der Ort Langenargen, durch den wir an diesen Tag geradelt sind, kommt darin vor und in Überlingen, wo Martin Walser laut dem Buch ja leben soll, in anderen Beschreibungen, wird der Ort Nußdorf genannt, sind wir sogar spazierengegangen.

Das war also sehr interessant, obwohl ich Martin Walsers Bodensee Bezüge  ja  noch in einem anderen Buch viel näher gekommen sind.

So ist mir das Klischee von dem Begehren eines alternden Mannes nach einer jungen Frau und das sich vielleicht darüber lutstig machen in sehr schönen und sehr komplizierten Worten, mit sehr schönen und sehr komplizierten Anspielungen, hängen geblieben und da ich dann noch viel später, als wir schon in Feldkirch waren, noch den  “Springenden Brunnen”, den ich möglicherweise schon gelesen habe, im Bücherschrank gefunden habe, kann ich diesen Klischee dann vielleicht auch noch nachgehen oder  die “Spiegel-Rezensionen” nachlesen, die auch den politischen Walser, den Essayisten und viele andere seiner Facetten zeigen, die er höchstwahrscheinlich auch noch hat.

Verwüstung der Zellen

Jetzt kommt noch ein Buch das im Vorjahr auf Longlist zum “Debutpreis” stand, eines das Marc Richter sehr gefallen hat und das er sich für die Shortlist wünschte. Er hat es dann zu Weihnachten verlost, ich habe es bekommen und so habe ich Markus Mittmansgruber, ein Buch aus dem österreichischen “Luftschacht-Verlag” “Verwüstung derZellen” gelesen, obwohl ich länger gezögert habe, schien es mir doch sehr experimentell zu sein und das habe ich ja nicht so gerne.

Der mir bisher unbekannte Markus Mittmansgruber wurde 1981 inLinz geboren, studierte Philosophie an der Uni Wien, hat verschiedene Veröffentlichungen in “Kolik”, “Rampe”, “Podium” und hat mit der “Verwüstung der Zellen” 2016 seinen Debutroman herausgebracht.

In der Beschreibung steht etwas vom “Verfall einer Familie” und zwei Erzählsträngen und dann fängt es gleich ein wenig schwierig in der Kleinschrift an und ich dachte schon “Uje!”, bis es dann im zweiten Handlungsstrang etwas konkreter wurde.

Da wird nämlich von einem Sohn erzählt, dessen Vater eine degenerative Krankheit hat und sich damit sozusagen von seiner Familie verabschiedet. Er will nicht besucht, vielleicht auch nicht beim Sterben beobachtet werden. Die Mutter nimmt das hin, der Sohn ein abgeborochener Philosophiestudent, der jetzt in einer Consultingfirma arbeitet, nicht.

Der Vater kommt dann in ein Pflegeheim, der Sohn besucht ihn dort, die Mutter, die er auch besucht, hat im Kühlschrank lauter abgelaufenes Essen, geht viel spazieren und, als ein Arzt anruft und von einem Aggressionsschub des Vaters erzählt, geht die Mutter mit ihm in das Heim.

Der Sohn, der unter “Tinnitus” und “Angstzuständen” leidet und auch die entsprechenden Medikamente nimmt, besucht dann auch eine etwas seltsame Körpergruppe, die von einem Paar geleitet wird.

Da muß man aus sich herausgehen, “das Kamel in sich hinter sich lassen und zum Löwen werden” und ganz eigene kreative Übungen abliefern.

Johanna, mit der der Sohn sich befreudet und die an einen schwachen Magen leidet und glaubt von einem Wurm befallen zu sein, macht das sehr eskatisch und wird vom Christian, dem Leiter, der mit einer “Burgerkingkrone” auf einem Lehnsessel sitzt, auch gelobt, während der Sohn, in Erinnerung an seinem Vater immer etwas von einem “Türspalt” erzählt, was dem Leiter nicht gefällt und die Leiterin zum Gähnen bringt.

Das Ganze wird manchmal sehr spannend und auch in einer sehr schönen  Sprache erzählt, dann wird es wieder sehr theoretisch und unverständlich und die Ebenen und die Handlungsfäden wechseln sich auch sehr rasant ab, so daß ich das Lesen etwas mühsam fand und eigentlich eine realistischere Erzählweise über das Älterwerden und den Tod, wie Beispielsweise dem Roman von Susann Pasztor, den ich vor kurzem gelesen habe, vorziehen würde.

Denn irgendwie wirkt das Ganze distanziert und die Suche des Sohnes, der von psychischen Leiden gequält wird, nach  Familiengeheimnissen,sehr philosophisch abstrakt.

Nun der Autor hat Philosophie studiert und arbeit auch in einen wissenschaftlichen Verlag. Ob viele Leute das Buch lesen werden erscheint mir aber etwas fraglich und ich bin auch nicht sicher, was der sogenannte “Mehrwert” ist, den man ja bei “guter Literatur” haben und sich mitnehmen soll.

So hätte die realistische Autorin in mir, es wahrscheinlich auch nicht auf die Shortlist gesetzt, bin aber gespannt, was ich noch von den dem Autor hören und lesen werde und werde jetzt auch nachgoolen, ob er  GAV-Mitglied ist und ich ihn vielleicht auch schon bei einer der “Neuaufnahme-Lesungen” gehört habe.

Parablüh

Cornelia Travnicek, die nun schon dreißigjährige Autorin, deren literarischen Weg, ich von Anfang meines Bloges an ziemlich kontinuierlich verfolge, hat einen neuen Gedichtband geschrieben, auf den ich auf ihrer Facebookseite,  aufmerksam geworden bin.

“Parablüh – Monologe mit Sylvia heißt er” und ist in einem schönen Cover, weiße Regenschirmchen auf dunkelblauen Hintergrund bei “Limbus-Lyrik” herausgekommen und damit ist natürlich die berühmte Dichterin Sylvia Plath gemeint, deren “Glasglocke” ich vor einiger Zeit gelesen habe.

Bernd Schuchter vom Verlag, ein GAV-Kollege, war so freundlich mir das Buch zu schicken, das mich vorerst, ich sage es gleich, einmal verwirrte.

Denn der deutliche Plath- Bezug ließ ja die Vermutung zu, daß die Gedichte gegenübergestellt wären, so daß man  vergleichen beziehungsweise die Unterschiede mitverfolgen kann.

Mitnichten, das Wort Sylvia kommt außer im Titel einmal in dem achtzig Seiten Buch vor.  Dafür gibt es aber ein ausführliches Nachwort mit dem Titel  “Eigensinn und Widerrede”, der Literaturkritikerin Daniela Strigl, die erklärt, daß Sylvia Plaths Gedichtband “The Colossus and Other Poems”, 1960 bei Heinemann in London erschienen ist. Da war sie achtundzwanzig. Zwei Jahre später ist das Buch leicht verändert in New York erschienen und erst 2013 in der Übersetzung von Judith Zander auf Deutsch erschienen.

“Diese zweisprachige Ausgabe”, schreibt Daniela Strigl “bildete die Vorlage für Cornelia Travnices ungewöhnliches Projekt” und fügt hinz,u daß es sich bei den vierundvierzig oder fünfzig Gedichten,um keine “Nachdichtung, sondern um  “Dichtung” handelt, so daß man das Buch lesen kann, auch wenn nicht viel über Sylvia Plath und ihr Leben weiß , was aber, wie sie weiteranmerkt, “eine zusätzliche Dimension” wäre “notwendig ist sie aber nicht”.

Das klingt sehr beruhigend, denn über Sylvia Plaths Leben, weiß ich so ziemlich Bescheid, habe ich ja nicht nur ihren berühmten Roman oder ist es ein Memoir gelesen, sondern auch  Sigrun Höllrigls “Odysseus X” und könnte mich nun dirket in Cornelia Travniecs Monologpoesie einlassen.

Daniela Strigl scheint aber auch die zweisprachige Gedichtausgabe gelesen zu haben und gibt nun auf einigen Seiten weitere Einblicke in das Buch, beziehungsweise in seine Irrungen und Wirrungen.

So heißt Cornelia Travnices Antwort auf Sylvias Plaths “Colosssus” in dem die sich mit ihrem Nazi-Vater auseinandersetzte nun “Standbild” und beschäftigt sich mit der EU “Du sammelst Sterne für dein Banner” und aus “Two views of a Cadaver room” ist Cornelia Travniceks “Titelgedicht geworden, in dem es, um einen Dialog mit einer Mutter und einem Kind geht: “Paraplui, sagt die Mutter: Dunkles Blau auch zwischen Regen und sie. Parablüh, sagt das Kind und pflanzt Schirme in die Landschaft.”

Ganz schön verwirrend.

“Was mache ich nun?”, dachte ich  in der Badewanne, besorge ich mir nun die zweisprachige Gedichtausgabe, um zu vergleichen oder lasse ich  das und auch mein Vorwissen weg und  mich naiv in Cornelia Travniekes Monologe ein?

Für das Erstere spricht die Gründlichkeit, denn der Bezug zu der amerikanischen Dichterin, die sich 1963 das Leben nahm, in dem sie ihren Kopf in das Backrohr steckte, während ihre Kinder nebenan schliefen, ist ja schon da, für das Zweite die Bequemlichkeit und ich bin ja eine ungeduldige Leserin….

Also dafür entschieden und die Plath- Bezüge sind trotzdem im Kopf und wer weiß, vielleicht finde ich einmal das Original und dann kann ich mich  dann auf Corneleia Travnices Monologe beziehen, die, wie Daniela Strigl noch anmerk,t nun auch schon dreißig ist, wie es die Dichterin war, als ihr “Koloss” erschienen ist.

Vierundvierzig Gedichte also und ein letztes langes in sieben Teilen, das bei Cornelia Travnicek “Gedicht für Rauhnächte” heißt.

Ich kenne Cornelia Travnicek ja  zuerst als Prosaschreiberin, habe die “Asche meiner Schwester”, “Fütter mich”, das jetzt bei “Haymon” neu herausgekommen ist und von ihren zwei Romanen bisher nur die “Jungen Hunde”, bei denen sie auch beim “Bachmannpreis” gelesen hat, gelesen.

“Chucks” muß noch warten und ihre Gedichte sind eher an mir vorbeigegangen, habe eines einmal in ihren Blog, den sie jetzt nicht mehr so ausführlich betreibt, ein anderes, in den “Podium-Lyrik Flyer” zum “Tag der Lyrik” gelesen und im letzten Jahr war ich auch in der “Gesellschaft für Literatur” als dort ihr bei “Berger” erschienenen Gedichtband herausgegeben wurde.

Jetzt also Lyrik geballt oder die Antworten auf Sylvia und ich kann gleich sagen, es sind sehr lyrische Monologe, in die ich aber, geschuldet  meiner Verwirrung, ich habe das Nachwort zuerst gelesen und später noch einmal, nur langsam und zögernd hineingekommen bin.

Dann ist es mir aber gelungen, den Kopf draußen zu lassen, Sylvia Plath zu vergessen und mich auf Cornelia Travniceks Verse zu konzentrieren, von denen ich hier mit ein paar Beispielen einen kurzen Rundgang durch das schöne blauweiße Büchlein geben möchte, dessen Lektüre ich sehr empfehlen kann, obwohl ich jetzt noch immer nich so weiß, ob man es eher mit oder ohne Sylvia Plath lesen soll.

Die Titelgedichte habeich schon zitiert.

“Ach Sylvia”, heißt es dann auf Seite siebenunddreißig und das ist, wie schon geschrieben, der einzige Plath-Bezug für mich, wenn man von dem Nachwort und dem Unterttitel absieht.

“Der Ausflug ist kurzgehalten, für Reisekrankheit bleibt keine Zeit: vierundzwanzig Bilder lang, wässrig verlaufene Schnappschüsse. Der Herbst ist es, der mit den Fingern durch diese Farben malt. – Weggeschickt hatten: Hochwasser & Touristen”

Bei “Ratespiel”, das, wie Daniela Strigl verrät, bei Sylvia Plath “Hurenlied”,  wird, wie es weiter heißt “das Urteil über die Frau, durch Fragen aufgelöst”:

“Da kommt die Frau, die vielleicht oder vielleicht auch nicht ein selbstbestimmtes Leben führt — Und von der anderen Seite tritt auf: Ein Mann, der vielleicht oder vielleicht auch nicht ein guter ist”

“Es gibt Aufschwung” heißt es auf Seite einundsechzig:

“Die einen spielen hier seit vierzig Jahren Theater, die anderen jagen Dinosauriern nach – sie reiten eine Spielzeugeisenbahn. Wo früher die Umverteilung geprobt wurde, bräunen sich unzureichend die Schnitzeln.”

Ganz schön kryptisch oder geheimnisvoll poetisch, schön gedichtet, könnte man so sagen und  bei der “Ausgebombten Zeit”, wurde ich ein bißchen an die Bachmann erinnert.

“Hier wurde ein Krieg beendet – Zu sehen dafür sorgen die Bagger”

So geht es weiter und sofort, bis zu den schon zitierten “Rauhnächten” und, um die poetische Verwirrung noch ein bißchen zu steigern, empfehle ich auf Cornelia Travniceks Seite zu gehen, weil es hier sowohl eine japanische, als auch eine Übersetzung auf Russisch “für alle” gibt.

Die Buchpräsentation, wo das alles vielleicht ein bißchen genauer erklärt wurde, habe ich versäumt. Da habe ich den “Welttag des Buches” vorgezogen, jetzt mußte ich mich allein  durch Cornelia Travniceks poetische Sprache lesen, was ich, wie schon erwähnt, mit oder auch ohne Sylvia Plath nur empfehlen kann.

 

Binde zwei Vögel zusammen

Jetzt kommt noch ein Geburtstagsbuch und zwar Isabelle Lehns Debutroman “Binde zwei Vögel zusammen”, aus dem sie im Vorjahr in Klagenfurt las, auf der Longlist des “Debutpreises” stand, aber leider für die Shortlist nicht ausgewählt wurde, was ich insofern bedauere, weil ich dann ihr meine Stimme gegeben hätte, als das für mich beste Buch aus der Liste, aber ich habe ja nicht die gesamte Longlist gelesen, nur ein paar davon.

Ein auch nicht auf Shortlist gekommenes Debut war Nele Pollatscheks “Unglück anderer Leute”, die damit gerade den Förderpreis des “Hölderlin-Preises” bekam, die Hauptpreisträgerin ist Eva Menasse und ich erwähne das, weil Nele Pollatschek eine der “Amazon-Rezensenten” für “Binde zwei Vögel zusammen” ist, was ich sehr spannend finde.

Isabel Lehn wurde 1979 in Bonn geboren, lebt in Leipzig, hat dort das Literaturinstiut besucht, ist dort auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig und hat der der letzten “Alumnilesung” auch aus dem Buch gelesen und ihr Buch ist zumindest vordergründig das poltische Buch des Jahres, würde ich mal sagen, daß die so oft beklagte fehlende präsante Situation der Welt bearbeitet und hintergründig, würde ich hinhzufügen, ist es sehr kompliziert und nicht zu fassen, weil es, wie ein Verwirrspiel die Ebenen ständig wechselt, so daß man sich bald nicht mehr auskennt und nicht mehr weiß, worum es hier wirklich geht?

Aber vielleicht hilft hier das Titelzitat, das auf Seite fünfundreißig zu lesen ist: “Binde zwei Vögel zusammen, sie werden nicht fliegen können, obwohl sie nun vier Flügel haben”

Ja, richtig darum geht es und da ist der Ich-Erzähler Albert Jakobi, ein Journalist, der irgendwie in ein Ausbildungscamp oder in ein Trainingslager geraten ist, wo er den Paschtunen Aladdin spielen soll, der achtundzwanzig Jahre alt ist, verheirat und drei Kinder hat und in dem afghanischen Dorf, das eigentlich in Bayern liegt, ein Cafe betreibt, das nur einen einzigen Gast hat. Außerdem rennt der Superviser herum und brüllt Anweisungen vor sich her und die Talibans greifen auch ständig an.

Das Ganze wird von einer Firma organisert, auch das Arbeitsamt schickt Kanditaten für sechs Wochen hin und wenn man sich nicht an die Regeln hält, wird man zurückgeschickt und darf später nicht mehr hinkommen.

Albert Jacobis oder Aladdins sechs Wochen sind bald aus, so kehrt er in sein reales Leben, nach Leipzig, wenn ich richtig kombinierte und zu seiner Freundin zurück und will über den Einsatz schreiben, obwohl er ja eigentlich ein Schweigegelübde unterschrieben hat.

Es geht auch nicht, er bringt es nicht zusammen und kommt draußen in der schönen friedlichen Welt auch nicht mehr zurecht. Die Paranoia holt ihn ein, Aladdin sitzt plötzlich neben ihm auf der Parkbank, läßt ein Buch liegen, klaut ihm dafür sein Handy und ruft damit seine Frau und seine Kinder in Afghanistan an und läßt ihn die Rechnung zahlen.

Das Buch das er liegen gelassen hat, stammt von Elisabeth Langgässer und wurde 1936 geschrieben und Aladdin ist auch ein Flüchtling, der mit dem Buch Deutsch gelernt hat, um über die Grenze zu kommen, etcetera, etcertera.

Wem das noch nicht kompliziert genug ist, kann sich mit Albert Jacobi in die Real life Situationen des deutschen Hartz IV Lebens gegeben, wo die Kanditaten in Supermärkten, wo keine echten Kunden sind, den Verkaufsallteg nachspielen müßen und vor den Sozialmärkten bekommt man ein Los, damit es gerechter ist, wenn man als letzter hineinkommt und nur mehr das verwelkte Gemüse vorhanden ist.

Dazwischen gibt es dann noch die Nachrichten vom  wirklich echten Leben des Jahres 2014, wo das Buch offenbar geschrieben wurde, die Todesfälle, die Flugzeugentführungen, die Terroranschläge, die Erschießungen, etcetera.

Noch einmal ganz real bewerben sich, sowohl Albert und seine Freundin für neiue Jobs und während die nach München fährt, um die Probezeit zu beginnen, wechselt Albert mit Aladdin seine Identität, läßt ihn mit seinen Papieren in seiner Wohnung zurück und macht sich auf ein weiteres Training zu beginnen.

So habe ich es mir gelesen, vielleicht läßt sich die Geschichte, wie Andreas Okopenkos “Lexikoroman” auch anders interpretieren. Mir hat sie, auch wenn sie keine Lösungen anbietet und uns die Wirklichkeit vielleicht schon wieder überholt hat, sehr gut gefallen und wie erwähnt, ich bedauere es sehr, daß es nicht auf die Shortlist des Debutpreises gekommen ist, da es wahrscheinlich stärker, die politische Situation wiedergibt, als Shida Bazyars Geschichte, für die ich mich entschieden habe.

Aber, wie schon erwähnt, ich habe nicht alle Bücher gelesen und ein weiteres, das ich von Marc Richter gewonnen habe, daß es auch nicht auf die LL schaffte, steht jetzt auf meiner Leseliste.

Das Geheimnis der Eulerschen Formel

Jetzt kommt ein Buch, das ich unter anderen Schätzchen im “Wortschatz” gefunden habe und eines das mir, was ja, wie meine Leser vielleicht bemerkten, gar nicht so oft vorkommt, erstaunlich gut gefallen hat.

Ein japanischer Roman, von der 1962, geborenenen Yoko Ogawa, von der ich noch nichts gelesen habe, die in den Blogs aber öfter vorkommt und die auch eines meiner Lieblingsthemen, nämlich der Umgang mit dem Gedächtnisverlust, dem Älterwerden und dem Sterben, behandelt.

Sie tut es auf eine sehr poetische Art und Weise: “Ein Buch über Freundschaft und Verlust – und über die Schönheit der Mathematik”, wie auf dem Buchrücken steht und die japanische Literatur, in der ich mich nicht so besonders auskenne, hat auch ihren eigenen, geheimnisvollen Reiz.

Ein Buch von Haruki Murakami, dem Großmeister habe ich gelesen, eines von seinem Namensvetter, eines von  Yasushi Inoue , sowie von Kazuo Ishiguro das sind schon fast meine gesamten Kenntnisse der japanischen Literatur und richtig bei der “Literatur im Herbst”, war es auch einmal das Thema.

Die Funde aus den Bücherschränken sind also ein großer Gewinn,sie füllen meine literarischen Lücken und die Geschichte ist schnell oder auch sehr langsam erzählt, den sie lebt, glaube ich, von den Ausparungen und den Andeutungen.

Eine namenlose Haushälterin ist die Ich-Erzählerin, sie wird von ihrer Agentur zu einem Mathematikprofessor geschickt, der vor einigen Jahren einen Autorunfall hatte und sich die Ereignisse jetzt nur mehr achtzig Minuten merken kann.

Er wohnt in einem Gartenpavillon im Hause seiner Schwägerin, die die Haushälterin, eine junge Frau mit einem zehnjährigen Sohn auch engagiert.

Dann verschwindet sie in ihrem Haus, das die Haushälterin nie betreten soll und der Professor ist ein schmaler Mann in einem schäbigen Anzug auf dem unzählige Zettelchen kleben, damit er sich in seinem Leben zurechtfindet.

Er löst mathematische Rätsel und schickt sie an Zeitschriften, womit er viele Preise gewinnt und er nimmt mit seiner Haushälterin den Kontakt auch über Zahlen auf, so fragt er sie nach ihrer Schuhgröße und erklärt ihr diesbezügliche Zusammenhänge und sie beginnt sich, die wohl keine gründliche Schulbildung hat, für die Mathematik zu interessieren.

Der Professor ist auch sehr kinderliebend, so fordert er sie auf, was in ihrer Agentur eigentlich streng verboten ist, nach der Schule, den Sohn herzuholen und mit ihm geheimsam Abend zu essen, weil das für ein Kind ja wichtig ist und nennt ihn “Root”, Wurzel, nach seiner Kopfform.

Eine wichtige Verbindung ist auch das Baseballspielen. Der Zehnjährige interessiert sich dafür und der Professor tut es auch, aber weil der ja schon Jahre kein Gedächtnis mehr hat, sind seine Lieblingsspieler nicht mehr aktuell und das stellt die beiden vor ein Problem, weil sie nicht wissen, wie sie das dem Professor beibringen sollen, weil sie ihn nicht verletzen wollen.

Es kommt eines Tages auch zu einem kleinen Unfall. Root schneidet sich beim Apfel schälen in den Finger, während die Mutter einkaufen war und, als sie zurückkommt, findet sie die beiden blutüberströmt und außer Fassung vor.

Der Professor trägt das Kind dann ins Krankenhaus und zu einem Baseballspiel wollen die beiden, den Professor auch mitnehmen. Das ist für den alten Herrn, der mit seinen Zettlchen auffällt, natürlich anstrengend und so verfälllt er nachher in ein hohes Fieber, so daß die junge Frau, obwohl auch das streng verboten ist, sich weigert, um neunzehn Uhr nach Hause zu gehen, sondern mit dem Kind die Nacht über bei ihm bleibt. Das führt zu einer Beschwerde, sie wird in ihre Agentur gerufen und muß die Stelle wechseln.

Für den Professor eigentlich kein Problem, hat er sie ja nach achtzig Minuten vergessen, für die unge Frau, die jetzt bei einem Stuerberaterehepaar arbeitet aber schon. Root wird wieder ein Schlüßelkind und sie wird eines Tages von der Agentur angerufen, sie soll sofort in das Haus des Professors kommen, weil ihr Sohn etwas Schreckliches angestellt hat.

Der hat den alten Mann nur besucht, die Schwägerin ist aber mißtrauisch, fragt die ehemalige Haushälerin, ob sie das nur des Geldes wegen getan hat und was sie damit bezweckt? Die antwortet “Aus Freundschaft!” und der Professor legt plötzlich ein Zettelchen mit der “Eulerischen Formel” auf den Tisch, als wolle er Streit vermeiden.

Damit wird scheinbar alles wieder gut, die Haushälterin wird wieder eingestellt, der Professor gewinnt den ersten Preis beim Preisausschreiben und Root wird, seltsamerweise, die Geschichte spielt in den Neunzigerjahren, am 11. 9. elf Jahre alt. So beretiten sie für ihn und den Professor ein großes Fest, suchen dafür lang eine Sammelkarte seines Lieblingsspielers, es gibt auch ein Problem mit den Kerzen und der Torte und am nächsten Tag ruft die Schwägerin an. Die Haushälterin braucht nicht mehr kommen, denn der Schwager, dessen Gedächtnisspanne noch kürzer gworden ist und jetzt nicht mehr über das Unfallsjahr 1975 hinausgeht, kommt in ein Altersheim.

Ja, richtig ein Geheimnis gab es auch noch, das die Haushälterin entdeckte, nämlich in einer Kassettte mit den Baseballspielerkarten, lag ein Manuskript und darauf stand “Für N. in ewiger Liebe. Du sollst mich nie vergesssen” und N. ist, wie die Haushälterin weiß, die Schwägerin und, die sagt ihr dann noch, auf die Frage, ob sie ihn nicht auch im Altersheim betreuen soll: “Das ist nicht nötig. Ich werde bei ihm sein. An Sie wird sich mein Schwager nie mehr erinnern, mich hingegen wird er nie vergessen.”

Sie und Root besuchen ihn aber doch bis zu seinem Tod, das letzte Mal elf jahre später, als Root schon zweiundzwanzig ist und sein Lehramtsexamen bestanden hat, also in Zukunft auch Mathematiklehrer sein wird.

Ein sehr berührende, geheimnisvolle Geschichte, nicht so realistisch, wie meine Texte über den Tod, das Älterwerden und das Sterben, aber trotz aller Aussparungen und der vielen Kleindetail,  verständlich und nachvollziehbar, die mich sehr beeindruckt hat und ich nun auch gern die anderen Bücher der Autorin lesen möchte. Aber die müßte ich erst finden.

Die Stipendiatin

Es war ein stürmischer Tag, der Himmel leicht bedeckt, Wolken waren zu sehen, so als würde es jederzeit zu regnen beginnen. Keine gute Aussichtslage, um die Fenster iherer kleinen Wohnung zu putzen. Die Hauswirtschaftslehrerein, des Institutes für höhere Frauenberufe, das sie einmal, es war schon länger her, besucht hatte, würde es ihr wohl energisch davon abraten.

Frau Professor Hödelmoser war aber nicht anwesend und höchstwahrscheinlich schon längst in Pension, wenn vielleicht nicht sogar gestorben und sie für sich selbst verantwortlich.

Für sie und ihre Fenster und Hauswirtschaft war nicht ihr Hauptberuf. Nicht der Brotberuf, sondern nur ihr Hobby oder nennen wir es besser, Notwendigkeit ihre Wohnung in Schuß zu halten. Aufzuräumen, kochen und heute hatte  sie sich vorgenommen, die Fenster zu putzen, obwohl das Wetter nicht das beste war.

Aber sei es, wie es war. Sie hatte es sich vorgenomme oder sagen wir, sie hatte es in ihrem Kalender eingetragen und da sie es gewohnt war, ihre Aufgaben diesbezüglich kontinuierlich abzuarbeiten, um solcherart ihren Tagesplan zu erfüllen, schaute sie nur noch einmal prüfend durch die Terrassentür auf den kleinen Garten.

Dann ging sie auf das Klo, wo der rote Plastikkübel aufbwahrt wurde, trug ihn in die Küche und drehte das Warmwasser auf. Ein paar der älteren Geschirrtücher aus dem dafür vorgesehenen Küchenregal nehmen. Ein Wasserschwämmchen vorbereiten und dann den vollgefüllten Plastikkübel zum Küchenfester tragen.

Damit wollte sie beginnen. Dann die Terrassentür, die sich im Wohnzimmer befand. Dann gab es noch das Schlafzimmer, das auf die kleine Straße auf der gegenüberliegenden Seite hinausführte und das war interessant. Darauf freute sie sich besonders, bei ihrer Haushaltsarbeit, war sie doch nur im Nebenberuf Hausfrau, im Hauptberuf aber Schriftstellerin oder Autorin.

Freie Übersetzerin konnte man ihre Brotberufstätigkeit auch nennen und solcherart hatte sie, um ein Stipendium angesucht, um das sogenannte “Joseph Roth-Stipendium”, das für die literarische Übersetzungsarbeiten vorgesehen war und ein diesbezügliches Symposium hatte sie gestern und vorgestern im hiesgen Literaturhaus auch besucht. Deshalb war trotz des ungeeigneten Wetters nur heute Zeit für ihre Hausarbeit und zweitens war es interessant, beim monotonen Fensterputzen, das sie schon in der Haushaltungssschule nicht besonders leiden hatte könne, auf die kleine Straße hinauszusehen und das vor ihr liegende Alltagsleben zu beobachten.

Für eine Schriftstellerin oder freiberufliche Autorin war das, wie sie in diversen Schreibseminaren gehört und erfahren hatte, ganz besonders interessant. Hobbyautorin wollte sie sich nicht nennen. Fand sie doch diese Bezeichnung für nicht besonders stimmig, obwohl, wenn sie sich nicht irrte, der Typ in dem rotbraun gestreiften Wollpullover mit dem berühmten drei oder war es schon ein Fünftagebart, dem sie gestern am Buffettisch gegenübgestand, dafür gehalten hatte.

Ein wenig verächtlich hatte er sie gemustert oder war das nur ihr persönlicher hypersensibler und übertriebener Eindruck, da sie sich von ihm ein wenig abgelehnt und nicht für voll genommen, gefühlt hatte?

Mag sein, sie wußte das nicht so genau und hatte sich nun auch entschlossen, die nicht so sehr geliebte Hausarbeit zur Steigerung der Motivation  mit dem Schlafzimmer fenster zu beginnen. Dann gab es noch das sich nebenan befindende kleine Arbeitszimmer, das auch auf die Straße hinausführte.

Damit würde sie weitermachen und sich erst danach dem Küchenfester und der Terrassentüre widmen, dachte sie voll gewollter Euphorie, schnappte Plastikkübel, Wettex-Schwämmchen, sowie die drei Geschirrtücher und stellte den Kübel auf das kleine Tischchen ab, das sich unter dem Schlafzimmerfenster befand. Dieses aufgemacht, auf einen kleinen Schemel gestiegen und hinausgeschaut.

Draußen war es ruhig. Nur bei der Gerageneinfahrt des gegenüberliegenden Hauses, in dem sich eine Notariatskanzlei befand, stand eine Dreiergruppe, zwei Männer und eine Frau, die sich gestikulierend miteinander unterhielten und dicht vor ihrem nun geöffneten Fenster ging eine ältere Dame  mit einem Dackel vorüber, die skeptisch zu ihr hoch und in ihr Zimmer schielte.

Aufgeatmet oder aufgeseufzt und dann entschlossen das Wettex-Schwämmchen in das inzwischen schaumangereicherte Wasser getaucht. Auf den Schemel gestiegen, mit der ungeliebten Hausarbeit beginnen und dabei mit ihren Gedanken weitermachen und solcherart sich daran zu erinnern, was der Typ mit dem rotbraungestreiften Pullover gestern zu ihr sagte, der sie offenbar für eine Hobbyautorin gehalten und dabei den wunden Punkt getroffen hatte.

Denn sie war zusammengezuckt, hatte abwehrend ihr Rotweinglas erhoben und versucht sehr energisch mit empörter Stimme: “Ach, nein, Sie irren sich, ich bin eine Stipendiatin und habe sogar schon Joseph Roth übersetzt!”, zu antworten.

Was, wie sie leider merken mußte, bei ihm nicht sehr viel Eindruck machte, denn er hatte mit der weißen Plastikgabel nur in seinen Teller auf dem sich einige Jourgebäcksemmerln, zwei Schnitzelstückchen und ein paar gebackene Champignons und Emmentalerscheiben, die es am Fingerfoodbuffet gegeben hatte, herumgeschoben. Dann hatte er auf und sie angesehen, sowie gefragt, ob sie seine Schnitzelstücke wolle, was bei ihr zu weiterer Abwehr geführt hatte.

“Nein, danke, die müssen Sie schon selber essen! Sie können sie ja, wenn Sie es hier nicht schafen, zum morgigen Frühstück verzehren!”, gekontert, was ihm wieder empört zu haben schien. Denn er hatte sein Herumstochern unterbrochen, die Plastikgabel hochgehalten und skeptisch in ihre Richtung geschaut.

“Ach, wirklich, Sie sind Stipendiatin, ich hätte Sie für eine Hobbyautorin gehalten?”, hatte er gesagt, was sie jetzt noch  so empörte, daß sie tief mit ihrem Schwämmchen in das warme Schaumwasser tauchte und damit energisch über die Schlafzimmerfensterscheibe fuhr.

“Fleißig, fleißig, passen Sie nur auf, daß es nicht zu regnen beginnt!”, hörte sie die Stimme des nächsten vorüberschlendernden Passanten zu ihr sagen, was wieder an ihrer Kompentenz und ihrem Selbstbewußtsein nagte und sie noch einmal enegisch den Kopf schütteln ließ.

Jetzt fuhr sie energisch mit dem Schwämmchen über die Fensterscheibe. Gestern hatte sie in ihrer Handtasche gekramt und dem Dreitagebarttypen ihre letzte Publikation entgegengehalten, das zu ihrem Bedauern noch nicht übersetzt war. Weder auf Ukrainisch, Polnisch oder sogar in das jetzt ungeliebte Russisch, hatte sich bis jetzt ein literarischer Übersetzer gefunden, der ihre Sommererzählung in seine Landessprache übertragen wollte. Das hatte nur einmal ein bosnischer Stipendiat mit einem ihrer früheren Bücher versuchen wollen und dann darauf vergessen oder war das dafür eingereichte Stipendium nicht zutandegekommen?

Sie wußte es nicht, hatte aber gestern, den ungläubigen Typen energisch ihr Buch entgegengestreckt und ihm erklärt, daß das ihre letzte Veröffentlichung wäre.

“Wollen Sie sich sie ansehen!”, hatte sie etwas provokant gefragt. Er hatte aber nur abwehrend den Kopf geschüttelt und noch einmal mit aller Skepsis “Ach, wirklich?” gesagt.

Dann hatte er mit einer weiteren Bewegung das Buch von sich gewiesen und mit erhobener Plastikgabel vor ihrem Gesicht herumgewackelt, was die neben ihr stehende Übersetzerkollegin, die, wenn sie sich nicht irrte, aus dem schönen Tschechien kam, zu der irnonischen Bermerkung veranlaßte, daß das eine sehr chacharakteristische  Handbewegung wäre.

“Richtig!”, hatte sie verärgert gekontert. Das Buch wieder in ihre Tasche gesteckt und sich den Gemüsestäbchen auf ihrem Teller gewidmet.

“Sehr richtig, daran kann man die angewandte Psychologie studieren! Literatur interessiert den Herren offenbar nicht! Sind Sie auch ein Autor oder kommen Sie nur wegen des Buffets hier!”, hatte sie provokant in dem Versuch ihn zu ärgern gefragt und in ihrem Restärger, der vielleicht noch von gestern vorhanden war, war es ihr gelungen, die Fesnterscheibe trocken zu wischen und zu regnen hatte es auch noch nicht angefangen.

“Geschaft, geschafft!”, dachte sie befriedigt, machte das Fenster wieder zu, schnappte Kübel und Geschirrtücher und begab sich damit nebenan in das kleine Arbeitszimmer, wo auf dem Schreibtisch der Computer stand und auch die Arbeit lag, mit der sie, um das Stipendium angesucht hatte, von dem zwar noch nicht ganz klar war, ob sie es bekommen würde?

Für eine Hobbyautorin hielt sie sich aber trotzdem nicht und auch nicht für eine solche Übersetzerin, hatte sie doch sogar ein schon ein paar bisher unbekannte Arbeiten von Joseph Roth ins Englische übersetzt und drei Bücher waren von ihr auch erschinen, so daß sie größere Hoffnung hegte, das Stipendium zu bekommen. Die hatte ihr eigentlich auch Frau Professer Wirr-Lechner, die das Symposium geleitet hatte,  gemacht, während der Typ im rotbraunen Pullover gestern noch immer skeptisch schaute, dann mit der Gabel in seine Schnitzelstücke fuhr,  sein Weinglas hob und sich in weiterer Folge der tschechischen Kollegin zuwandte und von ihr wissen wollte, was sie schon übersetzt hatte und, wie ihr das Symposium gefallen würde?

Sie wandte sich jetzt mit voller Inbrunst ihrem Arbeitszimmerfenst zu und bemerkte mit Befriedigung, daß die Dreierpersonengruppe, die vorhin in der Garageneinfahrt gestanden  hatte, inzwischen verschwunden war. Vielleicht hatte sie sich in die Notariatspraxis begeben, vielleicht in ihre Wohnungen oder ins nächste Wirts- oder Cafehaus gegangen. Sie wüßte es nicht. Es hatte sie auch nichts anzugehen, obwohl, sowohl für Hobby-, als auch für die sogenannten professionellen Autoren, die kleinen Alltagsbeobachten, wie sie auch von der Frau Professor gehört hatte, sehr wichtig waren.

“Unterschätzen Sie die nicht, liebe Kollegen und haben Sie, das kann ich nur wirklich raten-“, hatte sie gesagt, “-immer einen Bleistift und ein Notizbuch bei sich, um sich diese Beobachtungen aufzuschreiben und vielleicht später für eine Erzählung oder ein Gedicht verwenden zu können!”

Ein guter Rat, natürlich klar und gar nichts dagegen einzuwenden und auf ihrem Arbeitszimmerschreibtisch, befand sich auch ein Notizzettelblock und eine ehemalige Kaffeepulverdose mit Bleistiften und Kugelschreibern. Sie hatte aber trotzdem keine Zeit dafür, mußte sie doch ihre Hausarbeit beenden. Das Fenster fertig putzen, bevor es zu regnen begann, hatte sie sich vorgenommen und da, wie sie sehen konnte, schon die ersten Tropfen vom Himmel fielen, blieb ihr auch nicht mehr sehr viel Zeit dafür.

Morgen mehr

Jetzt kommt ein Buch von meiner Leseliste und zwar eines das ich mir im November von Annas Geburtstagsgutschein kaufte.

Wenn man so will ein ganz besonderes Buch, von dem ich schon geschrieben und berichtet habe, denn ich habe ja ein Faible für Buchexperimente und das ist das bei “Hanser” erschienene Buch, des Bachmannpreisträgers von 2008, von dem ich schon “Den Kaiser von China” gelesen habe, gewesen.

Eigentlich hätte ich ja gewarnt sein könnte, da mir der Roman ja zu lustig und vielleicht auch ein bißen zu unsinnig gewesen war und der 1975 geborene Tillmann Rammstedt steht ja offenbar für solche Experimente, als ich zu Anfang des letzten Jahres von diesen “Crowdfunding Projekt” hörte und es auch ein bißchen, so weit das möglich war verfolgte.

Denn da hat ja Tillmann Rammstedt häppchenweise jeden Tag ein Kapitel und “Morgen mehr” geschrieben und man konnte sich das, wenn man, glaube ich, sieben Euro dafür zahlte, dieses schicken lassen, man konnte auch mehr zahlen, dann hat man auch das Buch dazu bekommen, daß dann im Mai darauf erschienen ist.

Und im Internet hat man jeden Tag ein Bild von Tillmann Rammstdet und ich glaube auch die Kapitelüberschrift gesehen und konnte Kommentare abgeben, an die sich der Autor, glaube ich, auch gehalten hat.

Ein Probekapitel hat es  auch umsonst geben, viel mehr habe ich nicht mitbekommen, war aber von der Idee angetan und auch neugierig und jetzt, da ich mit den Frühjahrsrezensionsexemplaren vorläufig fertig bin, mir dieses Buch von meiner Leseliste genommen.

Von dem Crowdfundingprojekt ist am Kappentext nicht mehr viel zu finden. Da steht nur, daß da einer ist, der noch nicht geboren ist und nun nach seinen künftigen Eltern sucht.

An sich eine fantastische Idee und ich kann mir, da ich mit dem Lesen jetzt fertig bin, auch vorstellen, wie es Tillmann Rammstedt beim Schreiben gegangen ist.

Da hatte er also diese Idee und hat jeden Tag ein Kapitel geschrieben und es ist, würde ich mal unken, ein Nonsensesroman daraus geworden oder eine Räubergeschichte ganz im Tilmann Rammstedtschen Stil.

Die Mutter ist also in Frankreich und gerade dabei sich von einem anderen schwängern  zu lassen, der künftige Vater soll gerade in den Main versenkt werden und dann passieren bis zum Happyend  und zur Geburt des Helden, die unglaublichsten Sachen und ich habe beim Lesen öfter den Kopf geschüttelt.

Habe mich gewundert, daß so  ein Roman entstehen kann, der dann bei einem Publikumsverlag erscheint und auch noch gute Kritiken hat. Kann mir auch Tillmann Rammstedts Vegtgnügen, das er beim Schreiben hatte, vorstellen und sogar, das vielleicht auch beim nächsten “Nanowirimo” zu versuchen.

Mir eine Idee auszudenken und dann jeden Tag einfach tausendsechshundert Worte ohne Plan mit open end vor mich hinzuschreiben.

Ich füchte nur, das wird mir nicht gelingen, da ich dazu wohl zu wenig Humor habe und zu ernsthaft bin und die Schreibstulen raten da wohl auch, sich ein Konzept, einen Anfang, eine Mitte, einen Schluß zu machen.

Ich würde also wahrscheinlich wieder im gutgemeinten Mittelmaß mit meinen depressiven Frauen steckenbleiben, während Tilmann Rammstedt, die Mutter mit einer Liste, der verschwundenen Schwester durch Frankreich schickte. Sie soll dort die Zeit anhalten, während der Vater, der von seiner Freundin Claudia verlassen wurde, von einem Möchtegerngangster namens Dimitri oder Uwe im Main versenkt werden sollte.

Das gelang aber nicht, drei Herren im Pelz tauchten auf, um das zu verhindern und auch noch ein Junge mit einem Sack Geld.

Die rasen alle nach Paris, die Mutter fährt von Marseille, wo sie sich anfangs beindet, auch dorthin und es kommt, das kann ich gleich verraten, zu einem Happyend.

Der Junge wird geboren oder war vielleicht schon da. Das letzte Kapitel ist auch noch in Orange gedruckt und ich bleibe zurück und schüttle den Kopf.

So kann man auch einen Roman schreiben, natürlich ja und wenn ich da noch an das Blogbuster-Projekt und die überstrengen Kritiker dort denke, frage ich mich vielleicht, was war das Neue und das Berührende daran und komme nicht umhin zu denken, neu ist die Form des Entstehens natürlich ja.

Berührend? Mich hat die banale Nonesensgeschichte eher negativ berührt und dann war aber wieder das “Wow!”, da und das “So geht es auch!” und die Neugier das vielleicht wirklich im November zu versuchen und zu schauen, wo ich damit bleibe oder wie weit ich damit komme?

Knallmasse

Nun kommt noch ein Buch aus dem kleinen feinen besonderen “Hommunculus-Verlag” und eines, das nach Art und Ausstattung eher zu Philiph Krömers “Ymir”, als zu den “Bloggerleseerfahrungen” passt.

Nämlich die, wie am Buchrücken  steht, vom Autor vollständig überarbeitete Neuausgabe, des schon 1993 erschienenen kosmischen Märchen “Knallmasse”, des 1953 in Erfurt geborenen Ulrich Holbein, den ich im ersten Augenblick mit Wolfgang Hohlbein verwechselt habe.

Aber da scheint es keinen Zusammenhang zu geben, obwohl, die Art des Schreibens vielleicht gar nicht so verschieden ist.

Oder doch natürlich,  selbverständlich, denn der “Weltliebhaber” und “Ökodandy”, wie in der Biografie  zu lesen ist, scheint den Fotos nach, die von ihm imNetzt zu finden  sind, ein schräger Vogel oder sehr alternativer Typ zu sein.

Von der Geschichte weiß ich das, die ich ja keine besonders Science Fiction Liebhaberin und Kennerin bin und mich bei den verschiedenen Unterformen dieses Genres auch nicht auskenne, nicht so genau.

Denn auf den ersten Blick könnte man Buch fast für ein Jugend- oder Kinderbuch halten und sagen, daß, die darin geschilderten Inhalte, auch wenn sie etwas kompliziert geschrieben und verwirrend aufgebaut wurden, gar nicht so ungewöhnlich sind.

Wenn aber Jörg Drews auf den Buchrücken “Toll technizistisch geht es zu in dieser Mischung aus romantischen Märchen und verjuxter Sciecne und Fantasy-Fiction”, schreibt, kann und wird das nicht stimmen. Noch dazu, wenn ein so kleiner  spezieller “Indie-Verlag”, das Buch herausgebracht hat.

Trotzdem würde ich sagen, die Illustrationen, die auch von Ulrich Holbein stammen, sind das Besondere an dem Buch und sie sind genauso künstlerisch ungewöhnlich, wie die bei “Ymir”.

Der Inhalt, na ja, das habe ich vielleicht schon so ähnlich in einem anderen Jugendbuch gelesen, wenn ich mir auch vorstellen kann, daß Ulrich Holbein, dabei genauso lang und kompliziert herumgetüffelt hat, wie Arno Schmidt bei seinen Werken.

Es beginnt aber wie in einen Science-Fiction-Film. Knallmasse ist ein Roboter und ein Zentralschulpflichtiger im Staate Dezibel, wo alles laut und hart ist und dröhnt und dasLand von der Frau Dr. Dr. Dr. Dr Druckmüller regiert wird, die nie jemals gesehen wurde, aber stündlich “Guten Morgen!”, wünscht und ihrem Volk, ähnlich wie bei “1984”, die Grundregeln erklärt.

Mit dem Omnibus muß der Zentrallschulpflichtige in die Zentralschule, eingepfercht zwischen hundert anderen Robotern, die Namen, wie Quarzschemel, Breitsockel, Randfutter, etcetera haben und ständig “Ich liebe Blindenschrift!”, “Mein Lieblingsfach ist Biologie!” und ähnliches herunterleiern.

Dann geht es in den Unterricht von Frau Dr. Schallreiter, Frau Dr. Kackflasche, und Frau Dr. Druckbeuter, richtig, die Namen weisen wahrscheinlich auf kein Kinderbuch hin, die ihren Schülern, beziehungsweise das System des Staates Dezebel erklären.

In der ersten Stunde namens “Weltgeschichte” passiert das. Dann werden die Nachfahren der ausgestorbenen Menschheit die “Wulminetten”, die vom Weltall eigefangen wurden, als  Schauobjekte den Schülern vorgestellt. In der dritten Stunde geht es um Körperertüchtigung der harten Roboter und da passiert Knallmasse ein Mißgeschick. Er entwickelt plötzlich Gefühle für das Weiche, Runde, das in dem Staat verachtet wird und soll deshalb verschrottet werden.

Inzwischen entweichen auch noch die beiden “Wulminetten”, namens Wurlipello und Wammarilli, die auch noch ein nicht ausgebbrütetes Ei in sich trägt  und  entfliehen mit Knallmasse, der aber blind und auch von einem Kraftschlauch abhäng ist, in das “kunterbunte Weltall”.

Das macht den zweiten Teil des Buches aus, und während der erste noch einigermaßen klar und durchschaubar war, wird es nun vollend verwirrend, denn Knallmasse muß lernen, sich zu ernähren, wenn es keinen Kraftstecker gibt.

Er kann aber keine Bananaen behalten, weil sein Mund eine Sackgasse ist, er braucht auch ein Auge, so brechen sie, mit einem alten Zwillingspaar, das sie inzwischen gefunden haben, in eine Brillenfabrik auf.

Verschiedene Verzehrspiegeln erschweren das Unterfangen. Kanallmasse bekommt auch noch Besuch von seinem Freund Kotzbirne, er hat auch den Kopf von Frau Dr. Stuhlmenge, die auf der Jagd nach neuen Schauobjekten im Weltall war, als Geißel gefangen genommen.

Im Traum taucht auch noch die Frau Dr. Dr. Dr. Dr. Druckmüller auf und will die beiden zurückholen.Knallmasse aber widersteht und bleibt, muß noch einige Abenteuer erleben, bevor er auf die “Stundeninsel” gelangt, das ist die, wo es früher Uhren gab, und dort zu einem blühenden Denkmal werden darf.

Wie schon erwähnt, bin ich vielleicht nicht die richtige Interessentin für das Buch, habe es, da ich mir nicht sicher war, ob das jetzt etwas Trivales oder sehr kompliziert Konstruiertes ist, vielleicht auch zu ungeduldig und schnell gelesen.

Die Illustrationen haben mir aber gefallen  und ich finde es auch spannen durch den “Hommunculus-Verlag” oder eigentlich durch das “Debutpreislesen” einen interessanten Autor kennengelernt zu haben, der sonst vielleicht an mir vorbeigegangen wäre.

Eine unerwartete Aufforderung

“Bitte sehr, Signora, Signore!”, sagte Guiseppe, drehte, wie nur er es zu tun verstand, an seiner weißen Serviette und stellte die beiden Rotweingläser vor sie ab.

Vor sie und Moritz Lichternstern, der den Kellner freundlich anlächelte, sich bei ihm bedankte, dann sein Glas erhob und ihr zuprostete.

“Auf uns, laß es dir schmecken, Mathilde!”, sagte er und lächelte sie so an, wie er es vor über dreißig Jahren in Berlin getan hatte. Vor dreißig Jahren und neun Monaten, um genau zu sein, in den Räumen des Starverlags, wo er nach Abschluß seines Literaturstudiums gerade eingetreten war und sie auch erst seit ein paar Monaten, als Sekretärin tätig gewesen war.

“Wohl bekomms!”

So waren sie einander damals auch in den kleinen Buschenschenken an der Spree gegenübergesessen, hatten sich angelächelt, einander zugeprostet, den Wein genossen und sie, die mit ihren fast dreißig Jahren ja kein wirklich junges Mädchen mehr gewesen war, hatte sich in ihn verliebt und war damals wahrscheinlich genauso rot geworden, wie es ihr jetzt passierte.

Der Unterschied war nur, daß sie damals wahrscheinlich weiß getragen hatte oder fröhliche Farben. Ein leichtes Kleid mit Blumenmuster, während sie heute schwarz gekleidet waren. Sie in einem Kostüm, er im korrekten schwarzen Anzug, der trauernde Witwer und die traurige Schwester, obwohl beides  nicht stimmte und zumindestens was sie betraf, erstunken und erlogen war.

Sie trauerte nicht um Natalie, die vor zwei Wochen einem Krebsleiden erlegen war. Gar nicht und keine Spur. Nicht die Bohne und hatte allen Grund dazu. Die Schwester war ihr piepegal, auch wenn sie, wie sie auf dem Partzettel gelesen hatte, ihrem schweren Leiden tapfer erlegen war, kümerte sie das nicht und sie säße jetzt nicht hier in einem schwarzen Kostüm, das sie zuletzt beim Begräbnis ihrer Mutter getragen hatte, hätte Lilly sie nicht so gedrängt und regelrecht unter Druck gesetzt, doch zu dem Begräbnis zu gehen.

“Bitte Mama!”, hatte sie gesagt und ihre Stimme hatte versöhnend geklungen.

“Tu es mir mir zu liebe, ich weiß, daß du dich mit Tante Natalie nicht verstanden hast! Sie ist aber deine Zwillingsschwester und soll man nicht vergeben und verzeihen?”, hatte das Töchterlein geflötet und sie hatte nachgegeben, das Kostüm aus dem Kasten geholt und war mit zitternden Knien und sehr gegen ihren Willen auf den Zentralfriedhof gefahren. Denn sie wollte nicht vergeben und verzeihen. Würde das nie tun und hatte solcher Art der begnadenten Psychoanalytikerin keine Rose in den Sarg geworfen. Sie hatte ihr auch keinen Kranz bestellt, sondern war nur Lily wegen, die nach Töchterart vergeben und versöhnen wollte und noch keine Ahnung hatte, daß das vergebliche Mühe war und nie und niemals geschehen würde, auf den Friedhof gefahren.

Daß sie hier Moritz treffen würde, den sie dreißig Jahre nicht gesehen hatte, hatte sie da noch nicht gewußt, obwohl sie es sich denken hätte können oder eigentlich auch nicht, war er doch, wie sie einmal gehört hatte, von Natalie längst geschieden und er trug, wie sie sehen konnte, auch keinen Ring an seinem Finger seiner schönen Hand.

“Grüß dich, Mathilde!”, hatte er gesagt, sich über ihre Hand gebeugt und, wie ein Charmeur einen leichten Kuß darauf gedrückt. Dann war er nicht von ihrer Seite gewichen, nebenan waren sie in der ersten Reihe in der Aufbahrungshalle gesessen, denn die berühmte Psychoanalytikerin und begnadete Frau, wie sie sich ihre Schwester immer vorgestellt hatte, war offenbar doch nicht so beliebt gewesen, da sie und Moritz die einzigen Trauergäste waren.

Das stimmte wohl nicht so ganz und war erlogen, rief sie sich jetzt selbst zur Ordnung zurück. Das war natürlich nicht der Grund. In Berlin trauerten wahrscheinlich, die ehemaligen Patientien, aber Natalie hatte darauf bestanden, in Wien im Grab der Eltern bestatten zu werden und da sie schon dreißig Jahre in Berlin lebte und dort ihre Praxis hatte, waren ihre Freunde eben dort und der Weg von Berlin nach Wien war lang. Nur Moritz hatte ihn genommen, obwohl er von Natalie geschieden war und Lily, ihre Nichte lebte in  New York, war dort Kuratorin am österreichischen Kulturinstitut und konnte auch nicht kommen. Deshalb hatte sie sie überredet hinzugehen. Hatte regelrecht  darum gebettelt. Und sie hatte nachgegeben und war Moritz in der Aufbahrungshalle in die Arme glaufen. War während der Trauerworte des Pfarrers neben ihm gesessen, hatte mit ihm dem Sarg gefolgt und, als sie sich anschließend verabschieden wollte, war er auch an ihrer Seite geblieben, hatte sie angesehen und gefragt, ob sie nicht ihr Wiedersehen feiern wollten?

“Wir haben uns lange nicht gesehen, Mathilde!”, hatte er gesagt und dazu gefügt,”Ich habe dich nicht vergessen und oft an dich gedacht!” und dann von ihr wissen wollen, wie es ihr ginge.

“Geht es dir gut, Mathilde?”, hatte er gefragt. Sie hatte genickt und gelogen und dann noch einmal genickt, als er sie fragte, ob sie nicht ein Glas Wein trinken wollte und dann noch einmal gelogen und war mit ihm mit der Straßenbahn in die Pizzeria Venezia, ihrem Stammlokal, wo sie nun schon fast dreißig Jahren jeden Abend ihr Gläschen trank, gefahren, wo sie Guiseppe, der in Wahrheit Mehmet hieß und türkischer Kurde und kein Italiener war, anstarrte, denn in den Jahren, wo er hier bediente, war es noch nie vorgekommen, daß sie Begleitung in das Lokal gekommen war. Da war sie immer allein gewesen und er hatte sie wohl für eine einsame alte Frau gehalten. Ließ sich seine Verwundertung aber nicht ansehen, sondern hatte sie sofort angelächelt und “Ist das Ihr Gatte, Signora?”, gefragt.

Er hatte das wohl selbst nicht geglaubt, dennn dann hätte er ihn wohl kennen müßen und sie hatte auch energisch den Kopf geschüttelt “Der Gatte meiner Schwester!”, geantwortet und auf ihr schwarzes Kostüm und seinen dunklen Anzug gezeigt.

“Beim Begräbnis haben wir uns getroffen!”, hatte sie noch hinzugefügt und Guiseppe hatte einsichtsvoll  genickt. War dann verschwunden, um zehn Minuten später mit den beiden Achterln Valpolilcella wiederzukehren, mit denen sie nun ansteißen und Moritz schaute sie lang und tief und eigentlich unverschämt an, wie sie dachte. Aber ehe sie ihm das sagen konnte, hatte er sein Glas zurückgestellt, in seine Anzugstasche gegriffen und von dort ein Foto herausgeholt, das er ihr unter die Nase hielt und auf dem sie verblüfft, einen orangen Kleinbus erkannte, der auf einer staubigen Straße entlangfuhr.

“Das ist mein Freund und little helper, mit ihm bin ich von Berlin hergefahren, Mathilde, um Natalie die letzte Ehre zu erweisen, wie das so schön heißt. Aber um ehrlich zu sein, auch dich zu treffen! Denn du weißt ja sicher, daß meine kurze Ehe ein Irrtum war und ich längst bereute, dich damals verlassen zu haben! Aber du weißt vielleicht auch, Fehler kann man wiedergutmachen, soll es auch, wenn man schon über siebzig ist und von seinem Verlag, für den man  noch ein paar jahre tätig sein wollte, in Pension geschickt wurde. Ein paar Jahre habe ich noch Zeit,  ihn zu verändern! Deshalb habe ich mich gefreut, dich heute zu treffen! Wenn ich ich ehrlich bin, habe ich darauf gewartet! Bin eigentlich mehr wegen dir, als wegen Natalie nach Wien gefahren und jetzt sind meine Wünsche in Erfüllung gegangen, ich sehe dich seit dreißig Jahren wieder”, sagte er und wollte wohl noch etwas dazusetzen, wurde aber von Guiseppe unterbrochen, der mit den Speisekarten auf sie zugekommen war, sie vor sie hinlegte und sich erkundigte ob sie etwas essen wollten?

“Später vielleicht!”, antwortete Moritz, schlug die Karte auf und steckte das Foto in seine Jackentasche zurück. Dann hob er noch einmal sein Glas und sah sie an.

“Nach meiner Pension habe ich mir vorgenommen eine Weltreise zu machen! Mit dem Bus wollte ich durch Europa zu fahren. Aber wie soll ich das allein, als einsamer Mann? Das wäre wohl nicht ganz das Richtige!”, sagte er, brach ab, griff er noch einmal in die Tasche, holte das Foto erneut heraus und legte es vor sie auf die Speisekarte, die sie gerade aufgeschlagen hatte, um sich einen Insalata Mista zu bestellten, schaute sie tief an und sagte, sie glaubte nicht richtig zu hören und ihn falsch zu verstehen “Lass uns abhauen! Einfach wegfahren und das Leben genießen, Mathilde!”

Seine Augen glänzten dabei, als er ihre Hand berührte. Sie wurde aber, wie sie befürchtete, rot, machte eine abwehrende Bewegung und schüttelte auch, wie sie sich später zu erinnern glaubte, den Kopf.

Zwei Monate Schreibvorbereitung und Blogbuster-Preis

Wie geht es weiter mit meinem Schreibcampprojekt? Zur Erinnerung, da stelte ich mir ja schon seit ein paar Wochen die Frage, was mache ich, wenn ich mit meiner “Bibliotheksgespenstgeschichte” fertig bin?

Da gibt es ja die Idee über eine Frau zu schreiben, die jeden Abend in einer Pizzeria ein Gläschen Wein trinkt, ich habe da auch ein bißchen was aufgeschrieben, einen Moritz Langenegger oder Lichtenstern dazu erfunden. Dann gedacht, ich könnte über zwei ungleiche Zwillingsschwestern schreiben, eine Idee die ich vor Jahren schon einmal hatte, aber wirklich befriedigt hat mich das nicht, denn ich habe ja schon so oft über depressive Frauen geschrieben, “dröflzig” würde es mein Kritiker Uli nennen und das wäre dann auch nichts Neues.

Also die Idee mit Geschichten anzufangen, mit Studien und Recherchen, denn die Idee ein paar Tage lang durch die Stadt herumzulaufen, sowohl ein wenig Sightseeing zu betreiben, einukaufen, aber auch Ideen und Notizen zusammeln habe ich schon lange.

Vorige Woche bin ich mit dem “Frühstück” fertiggeworden und dann gab es einige literarische Veranstaltungen und nicht wirklich Zeit mit meinen Ideen zu beginnen. Auch zum Fensterputzen, das Ritual, das ich seit einigen Jahren habe, wenn ich mit einer Geschichte, fertig bin, bin ich noch nicht wirklich gekommen.

Das habe ich für morgen Freitag vor, denn da habe ich nur eine Stunde, also Zeit für mich und meine Recherchen und als ich die Idee hatte, vielleicht mit ein paar Kurzgeschichten anzufangen, die hatte ich ja schon vor einem Jahr einmal, als ich die “Berührungen” geschrieben habe, da war ich nicht ganz sicher, ob ich da jetzt “Wurfgeschichten” oder einen “Roman” schreiben wollen,  bin sehr bald beim Roman gelandet und jetzt bin ich auf Annika Bühnemann Schreibchallenge “10 Geschichten in drei Tagen gestoßen”, die sie in Juni mit anderen machen will.

Das passt perfekt, da mitzumachen, habe ich gedacht oder vielleicht doch nicht so ganz, denn noch ist es ja Anfang Mai  und ich bin nicht der Typ da ein Monat zu warten.

Aber Annika Bühnemann bereitet ihre Geschichten auch vor und ich kann ja schon im Mai damit beginnen, habe ich gedacht und mir vorgenommen im Mai und Juni ein sogenanntes “Schreibcamp” zu veranstalten, also möglichst noch nicht an meiner Geschichte von der Mathilde Schmidt zu schreiben und dann in vier bis sechs Wochen damit fertig zu sein, sondern erst danach beginnen und dazwischen Stoff und Ideen sammeln oder diesbezügliche Kurzgeschichten verfassen.

Das erste Mal habe ich schon vor Ostern von diesen Ideen und meiner Strohwitwenschaft geschrieben, die ich habe, wenn der Alfred  mit dem Karli nach Amerika fährt, da hat sich dannn die Ruth gemeldet, mir von einem Folder über die “Kunst im öffentlichen Raum” erzählt und mir vorgeschlagen, die dann aufzusuchen und darüber zu schreiben.

Gut, habe ich gedacht, aber mit der ersten Geschichte schon letzten Samstag begonnen, denn da gibt ja Annika Bühnemann im Zuge ihres Projekts per Twitter Tips und Schreibanleitungen und die Idee “Eine Szene über die Hausarbeit” zu schreiben hat mir gleich gefallen.

Da könnte ich dann über mein Fensterputzen schreiben, habe ich gedacht, da ich aber sehr schnell und ungeduldig bin, es nicht geschafft, solange auszuharren und darauf zu warten, sondern gleich nach dem “Franz Werfel-Symposium”, losgeschrieben, weil ich mich da über einen Mann geärgert habe, der mir nicht glauben wollte, daß ich schon über vierzig Jahre schreibe.

Ein bißchen könnte die Verärgerung auch von meinen Leser Uli stammen, der sich ja freut, mich Hobbyautorin zu nennen, also war da schon eine namenlose Erzählerin, die ihre Fenster putze, sich über ihre Erlebnisse am Literaturhausbuffet ärgerte und die erste Geschichte, “Die Stipendiatin” war geschaffen, die jetzt erst als zweite oder dritte erscheinen wird.

Denn als ich am ersten Mai vom Maiaufmarsch zurück war und nicht recht wußte, was ich jetzt machen soll? Hbe ich mein schwarz-rotes Notizbüchlein aufgeschlagen und mir meine Notizen bezüglich Mathilde Schmidt durchgelesen. Da habe ich dann gedacht, daß sie eine fünfunddreißigjährige Tochter namens Liy hat, die in New York im österreichischen Kulturinstitut arbeit und die ruft an und will von ihr, daß sie zum Begräbnis ihrer Tante, Beziehugsweise Schwester Natalie geht.

Das könnte der Anfang oder  dasEnde sein. Dazwischen liegt die Geschichte der Zwillingsschwestern oder die der Eltern, die überfordert waren, als sie plötzlich Zwillinge hatten, obwohl sie nur einen Namen für eine Tochter, ein Kinderzimmer hatten und überhaupt nur ein Kind wollten.

So ist Mathilde mitgelaufen, hat sich immer im Schatten ihrer Schwester gefühlt, die aufs Gymnasium durfte, Medizin studierte, zu Weihnachten die Geschenke, den Balletunterricht, die Sprachreise, etcetera bekam, während für Mathilde kein Geld dafür da war und sie gerade nach der Hauptschule eine Bürolehre machte.

Sie hat es dann geschafft, Verlagssekretärin zu werden und hat dann dort, in Berlin vielleicht, den jungen Verlagsangestellten Moritz Lichtenstern kennengelernt und sich ihn verliebt.

Dann ist ihre Schwester aufgetaucht, hat ihn ihr weggeschnappt und ihn geheiratet. Mit ihm, der später Verlagsleiter wurde in Berlin gelebt, während Mathilde nach Wien zurückgegangen ist, ihre Tochter Lily gebar von der Moritz nichts wußte, woanders gearbeitet hat und jetzt fünfundsechzig ist, einsam und schon lange in Pension. Lily in New York und sie geht jeden Abend in die Pizzeria, die sich in dem Haus, in dem sie wohnt befindet und trinkt dort ein Glas Wein oder zwei, die  ihr der Kellner Guiseppe, der eigentlich Mehmet heißt, türkischer Kurde ist und Medienwissenschaft studiert, serviert.

Jetzt ist die Schwester, die sie seither nicht mehr gesehen hat, in Berlin gestorben, sie will aber in Wien begraben werden und Lily will, daß Mathilde zum Begräbnis geht.

“Bitte, Mama!”

Dort sieht sie Moritz wieder, mit dem sie in die Pizzeria ein Glas Wein trinken geht und er könnte ihr, der auch schon in Pension ist und in Berlin lebt, das Bild von einem orangen Kleinbus zeigen, ihr in die Augen schauen und “Lass und abhauen. Eingach wegfahren und das Leben genießen!”, sagen.

“Wie geht es weiter?”, hat Annika Bühnemann unter diesen Schreibimpuls geschrieben und das könnte der Anfang oder das Ende der Geschichte sein. Der Anfang vielleicht, dann kommt die oben zitierte Geschichte und am Schluß fährt sie mit ihm nach Berlin oder fliegt nach N.Y zu Lily, um ihr zu sagen, daß er ihr Vater ist.

Das weiß ich noch nicht so genau, das könnte aber die dritte oder vierte Challenge-Geschichte werden, denn die zweite und die, die als erste veröffentlicht ist, habe ich schon am Dienstag, auch zu einen von Annika Bühnemanns Schreibimpulsen geschrieben.

Da ging es, um eine “Szene, in der “Ein Abhängiger seiner Sucht nicht nachgehen kann” und da habe ich der Mathilde Schmidt eine Lungenentzündig angedichtet. Sie liegt in ihrem Fieber in ihrer Wohnung und kann nicht zu Guiseppe in die Pizzeria Venezia hinuntergehen und nicht ihr Glas Rotwein trinken.

Ob ich die Geschichte in meinem Roman verwenden kann, weilß ich noch nicht so genau, denn ich bin ja noch nicht so weit. Will ich ja die nächsten zwei Monate ein “Schreibcamp” also sowetwas wie ein selbstzuerkanntes Stipendium machen und ob dann ein Roman daraus wird, will ich ja eigentlich erst im Juli in der Sommersfrische in Harland bei St. Pölten entscheiden, die ja wahrscheinlich wieder nur aus verlängerten Wochenenden bestehen wird.

Ich bin aber, das habe ich schon geschrieben, sehr schnell und ungeduldig und Annika Bühnemanns Schreibimpulse scheinen auch goldeswert zu sein, denn das gibt es noch einen, den ich brauchen könnte, nämlich den von der jugendichen Figur, die herausfindet, daß ihre Eltern gar nicht ihre Eltern sind” und das könnte Lily sein, die herausgefunden hat, daß Moritz Lichtenstern ihr Vater ist und die daraufhin ihre Mutter anruft und sie auf das Begräbnis zwingt.

Für alle die jetzt verwirrt sind, diese Geschichte ist noch nicht geschrieben und auch die nicht mit dem Bus. Das habe ich mir eigentlich für den Freitag, wenn ich mit dem Fensterputzen fertig bin vorgenommen, diese zwei Geschichten zu schreiben und gleich oder erst später zu veröffnetllichen, da wir ja inzwischen noch mit der Ruth und den Rädern um den Bodensee fahren und dafür habe ich schon ein bißchen vorgeschrieben.

Es ist aber erst Donnerstagnachmittag, ich sitze da und habe Zeit zwischen meinen Stunden. Was mache ich da? Da werde ich ganz kribbelig und zum Fensterputzen sind eineinhalb Stunden zu wenig, da fange ich erst am Freitag an, aber die Geschichten könnte ich schon vorschreiben und dann gleich oder später veröffenlichen….

Mal sehen, wie es sich ergibt, meine Leser können gespannt sein und sich, wenn sie wollen darauf freuen. Das erhöht die Suspense und ich habe erst einmal damit begonnen meine Romanideen ein bißchen genauer vorzustellen und auch  ein bißchen zu erklären, wie das mit dem zwei Monaten Schreib- und Ideencamp” sein wird über das ich sicher noch berichten werde.

Ja und eine Romanvorbereitungsidee hatte ich ja auch noch.

Da will ich ja, bevor ich zu schreiben anfange, das “Longlist-Lesebuch” des “Blogbuster-Preises”, des “Preises der Literaturblogger”, den Tobias Nazemi ins Leben gerufen hat, durchlesen und da kann ich jetzt auch gleich den stolzen Preisträger der Veranstaltung verkünden, der heute im Hamburger-Literaturhaus vergeben wurde und dort konnte, ich wegen meiner sechs Uhr Stunde genausowenig hin, wie in die “Alte Schmiede”, wie ich es eigentlich vorhatte.

Aber der Preis wurde zum Glück im Internet übertragen, es gab einen Livestream, so daß ich  verraten kann, ein Torsten Seifert hat mit seinem B. Traven-Roman oder Biografie, den er auch schon im Eigentverlag veröffentlicht hat, das war bei diesen Preis nicht ausgeschlossen, gewonnen.

Die anderen zwei Shortlistkanditaten, wie die vierzehn von der Longlist und die zweihundertfünfzig, die bei den fünfzehn Literaturbloggern einreichten, sind, wie üblich übrig geblieben.

Aber ich kann ja in meinen zweimontigen Schreibcamp dank Annika Bühnemann und ihrer Challenge auch ein kleines Experiment wagen und, wie es fast scheinen könnte, meinen nächsten Roman oder einen kleinen Teil davon in Kurzportionen veröffentlichen.

Könnte ja sein, daß ein Literaturblogger oder ein anderer Interessierter mich entdeckt.