Wir werden fliegen

Jetzt kommt das letzte Buch der Öst, ja diesmal bin rich schon vor der Preisverleihung mit dem Lesen fertig, aber Susanne Gregos “Wir werden fliegen” ist ohnehin nicht auf die Shortlist gekommen, das fünfte Buch, der 1981 in Zilina geborenen Susanne Gregor, die seit 1990 in Österreich lebt und auf deren Debut ich einmal auf einer “Buch Wien” gestoßen bin. Dann ist sie weil sich die “Edition Exil” ja als Start zu den großen Verlagen versteht, zu “FVA” gekommen. Bei einer Lesung mit ihr und Mareike Fallwickl, die ich ja vom Bloggen kenne, bin ich im Literaturhaus gewesen.

“Das letzte rote Jahr” habe ich gelesen und das neue Buch “Wir wollen fliegen” wurde, glaube ich, auch bei der letzten Leseauslese erwähnt.

Ein interessantes leises Buch, das, das unstete Leben der Dreißigjährigen schildert und das Herumfliegen im globalen Raum beschreibt und, wie offenbar heute üblich, nicht chronologisch erzählt.

Es geht um die Geschwister Alan und Misa, in Zilina, glaube ich, aufgewachsen, die später nach Österreich gekommen sind. Das heißt Misa ist das mit ihren Eltern. Der Bruder ist schon früher, noch vor dem Mauerfall nach Hamburg ausgebüchst und hat sich da beim Verladen als Bahnhofsarbeiter, die Schulter verletzt, was ihn dazu brachte in Wien Medizin zu studieren und ein hervorragender Assistenzart im AKH zu werden, während Misa Literatur studierte, als Werberin nebenbei arbeitet und dann kurz zu der Großmutter Aniko nach Banska Bystrica, als sie von einem Erik gestalkt wird, was sie in Panik versetzt. Dort versucht sie sich als Deutschlehrerin, wird aber bald ,ob ihrer modernen Unterrichtsmedtoden hinausgeschmissen und lernt auf der Treppe des Instituts, Jo, einen in London aufgewachsenen Kinder kennen, mit dem sie kurzfristig nach Berlin aufbricht.

Das Buch beginnt aber, als Alan das zweite Mal verschwindet. Vom AKH ist er geflüchtet, weil er, obwohl erst Assistenzart und eigentlich nur unter Aufsicht operierend in einen Pfuschskandal verwickelt wird. Er flieht durch ganz Europa und das Buch ende, als das Handy in seiner Hosentasche vibriert, also die Familie, beziehungsweise die Geschwister vielleicht wieder zusammenkommen.

Drama

Jetzt Buch drei der Öst Debut-Shortlist, da kann ich diesmal zur Ak-Debutlesung gehen, habe schon alles gelesen und kann mein Urteil geben, was ich für das beste Buch halten oder welches mir am besten gefällt?

Was zugegeben nicht ganz so leicht ist, eigentlich hätte ich jeden etwas auszusetzen. Aber die Bandbreite ist interessant. Da wieder einmal eine Provinzaufrischung, ein starkes Frauenbuch“, das mir vielleicht etwas zu brutal ist und dann das “Drama” des mir bisher unbekannten Arad Daribi. Das heißt, stimmt nicht so ganz, ich hätte den 1997 in Wien geborenen, Sohn iranischer Eltern kennen können. Hat er sein Debut doch im März in Literaturhaus vorgestellt, in Leipzig haben ihn die IG-Autoren in ihrem Lit-Radio vorgestellt und das er als Dramaitiker bei den “Wortstaettten” auftritt, hat er wahrscheinlich auch etwas mit dem “Exil-Preis” zu tun.

Und das Debut ist eine Wucht, das heißt stimmt vielleicht auch nicht so ganz, vielleicht ist das “Drama”, welch ein Titel, ein bisschen zu gewollt, klischeehaft aufgeladen. Steht ja schon im Beschreibungstext des im “Septime-Verlag” erschienen Buch, etwas von Wien und dem Glanz, der im ersten Bezirk herrscht, die überteuerten Cafes, die Museen, wohin die Touristen geschleust wären und ich dachte “Aha, ein frischer Ton, eine Wucht und dann ist das Buch des Dramatikers, der auch Lyrik schreibt, ganz nach den dramatischen Gesichtspunkten aufgegiedert, genau in der Aktstruktur.

Und da beginnt es es beim I mit einem Flug von Berin nach Wien. Das heißt ganz am Anang fliegt er dort schon wieder zurück, der Ich-Erzähler, Sohn iranischer Eltern, der in Wien aufgewachsen ist, aber jetzt schon ein paar Jahre in Berlin lebt und auf den ein Stundenflug betrinkt er sich mit seinem Nachbarn in solcher Rassanz, die in einer Stunde wahrscheinlich gar nicht möglich ist, denn er muß nach Wien zurück. Hat ihn dort doch Hubert, ein reicher Franzose, dessen Eltern in Hietzing eine Villa haben, eingeladen. Seine Exfreundin Bona, die aus Sizilien stammt, soll auch dorthin kommen, ein Krcimiautor namens Dijon und eine Flora und das ist offenbar shon das Drama, wenn wir auch noch nicht so genau wissen, wie das ausschauen wird?

Denn das II, wo er in Wien herumirrt und seine Freunde trifft, habe ich eher überflogen. Bei III und danach wird es aber wirklich spannend, wenn auch das Drama höchstwahrscheinlich seinen Regeln folgt und ein bisschen unwahrscheinlich skurril ist auch.

Denn es sind ja nur die vier Freunde eingeladen. Der Erzähler nimmt aber zur Sicherheit eine Marie mit. Was schon beim Entre Schwierigkeiten macht. Hubert will ihn zuerst nicht hineinlassen. Drängt dann dem wahrscheinlich schon Betrunkenen einen teuren französischen Rotwein auf, den er verweigert. Es gibt Bedienstete und Securities, wie bei den FPÖ-Wahlauftritten, in der Villa. Dann wird das Menü serviert oder angekündet. Es beginnt mit einer Zuchhinisuppe mit Ziegenkäse. Danach wird die Reihenfolge von Hubert unterbrochen. Denn er hat etwas mitzuteilen, wurde bei ihm doch ein Gehirntumor diagnostiziert und so lädt er seine Freunde, auch Dijon hat Krebs, zum erweiterten Selbstmord ein. Ein sterbehelfendsollender Arzt ist auch dabei. Marie will sich den Beiden, obwohl sie nur depressiv ist, abschließen.

Am Schluß verlassen die Damen und wahrscheinlich auch Dijon mit dem Erzähler die Villa. Der leblose Hubert bleibt, wenn ich richtig verstanden habe, zurück und derErzähler bemerkt, bevor er wieder zurückfliegt, lakonisch, daß er keine Zigaretten mehr hat.

Genial oder doch nur mit den Wienklischee gespielt? Ein ungewöhnliches Debut des jungen Mannes mit dem “ausländischen Namen und solchen Aussehen” und ich schwanke, ob ich ihm den Preis oder der jungen Feministin wünschen soll?

Die neuerliche Bernhard Wiederholung lasse ich aus und da ich mich zwischen den beiden anderen nicht entscheiden kann, bleibe ich gespannt.

Kleine Schule des Fliegens

Buch sieben des österreichischenen Buchpreises der 1971 in Bregenz geborenen Christina Walker die ich mit ihrem Debut “Auto” bei den O-Tönen -hörte, in dem kleinen feinen “Braumüller-Verag” erschienen, ist sehr interessant und man kann spekulieren, ob es eine literarische leicht surreale Antwort auf die Krisen unserer Zeit ist?

Da sitzt ein Mann, Alexander Höch, nach einer Chemotherapie wahrscheinlich sehr geschwächt in der Wohnung seines Bruder. Seine Frau Eva, offensichtlich eine Psychotherapeutin hat ihn dorthin “verbannt” weil seine Wohnung renoviert wird. Eine seltsame Frau, namens Melitta Miller taucht auf, die sich um ihn kümmern und für ihn einkaufen soll. Das klappt nicht so ganz, denn er kommt zu seinen Kaffee erst, als er ihn selber im Supermarkt holen geht und in der Wohnung passieren auch seltsame Dinge. Federn und Gummistücke tauchen auf und dann liegt auf einmal auch eine Waffe auf dem Tisch. Die ist zur Krähenabwehr gedacht, denn diese Vögeln bevölkern plötzlich die Plantane gegenüber und Melitta Miller, die vorsorglich maskierte Heimhelferin entpuppt sich, als eine Vertreterin der Krähenabwehr und fordert Alexander Höch auf, der offenbar auch ein Schrriftsteller ist und alles aufnotiert, zu diesem Zweck Schreckschüße abzugeben, denn “Die Krähenabwehr ist ein sozialer Akt.” Es gibt auch eine Gegenseite, die die Krähen mit Nüssen füttern und zur Beobachtung in ihren Autos sitzen und nebenan befindet sich ein Seniorenheim und da werden die Alten durch die Schreckschüße irritert, beziehungsweise an ihre Kriegserlebnisse erinnert.

So geht es dahin, ein Hund, den Alexander Höch von einem verstorbenen Klinikkollegen geerbt hat, taucht auch noch auf und am Schluß liegt Melitta Miller tot am Boden, weil sie offenbar auf einen Baum klettern wollte und Alexander Höch sitzt am Gang auf einen Koffer und wartet, daß die Polizei ihn befragen oder verhören kommt. Es kommen aber nur sein Bruder Georg, seine Frau Eva und seine Tochter Lilly, die ihn überraschen und nicht erschrecken wollen und die letzten Sätze lauten “Als ich mich von dem Koffer am Gang erhob, schwebte eine kleine schwarze Feder am Boden. Ich schaute in den Garderobenspiegel. Nicht jeder hat einen Charakterkopf. Eigentlich hätte ich meinen Kopf für völlig kahl gehalten. Da war auch sonst niemand in der Wohnung, von dem die Feder am Boden sein hätte können. Meine Feder also. Die letzte. Ich hob sie auf und steckte sie zurück hinters Ohr, bevor ich nach Hause ging.”

Ein kleines feines und ein wenig geheimnisvolles oder surrealistisch aufgeladenes Buch über die Einsamkeit unseres Lebens, wo sich die Menschen in Vögel verwandeln können und dann gejagt oder geschützt werden, von dem ich sehr froh bin, daß es auf die öst. Liste kam, denn sonst hätte ich es höchstwahrscheinlich übersehen, was neben den lauten Stimmen und x-maligen Bernhard und Winkler Provinz Wiederholungen doch etwas schade wäre.

Nachtfrauen

Jetzt kommt Buch sechs der österreichischen Longlist, “Nachtfrauen”, der 1961 in Eisenkappel geborenen Kärtner Slowenin Maja Haderlap, die 2011 mit einem Auszug aus “Engel des Vergessens” den “Bachmann-Preis” gewonnen und dadurch bekannt geworden ist.

Jetzt ein neuer Roman, der auch dieses Thema behandelt, aber manchmal an einen Frauenroman erinnert und wieder einmal das Älterwerden der Eltern behandelt und da auch einiges beschreibt, was mir nicht so gefällt.

Das ist Mira, das Alter Ego der Autorin, eine in Wien lebende Sozilogin, die in der Arbeiterkammerbibliothek tätig ist, mit einem Lehrer verheiratet ist und jetzt nach Kärnten fahren muß, um ihre Mutter zu überreden, in ein Pflegeheim zu ziehen, weil das Haus das sie bewohnt, ihrem Cousin gehört, der esabreißen will. Nicht gerade edel, denke ich. Am Schluß zieht dann die Mutter wahrscheinlich in eine kleine Wohnung und der Neffe hilft sogar die Wohnung zu renovieren.

Miras ehe ist nicht so gut. So beginnt sie einen Seitensprung mit einem Jugendfreund und als sie nach Wien zurückfahren will, hat sie einen Autounfall.

So endet der erste Teil des Buches. Der Zweite hat dann die Mutter Anni, die etwas gehbehindert ist, zur Heldin. Die Mutter-Tochter Beziehung ist schwierig. Mira ist die erste, der Familie, die studieren konnte. Die Mutter war Näherin und die reflektiert nun ihre Kindheit und beschließt zu zeichnen, um ihrer Familie etwas von ihr zu hinterlassen.

Die Kärntner Slowenen Geschichte wird thematisiert, wie das auch im “Engel des Vergessen” geschah und da ist interessant, daß hier Eisenkappel offenbar Eisenmarkt genannt wird.

Der Ton leichter, lockerer, eher in Rchtung eines Unterhaltungsroman, was mich etwas erstaunt, so daß ich schon gespannt bin, ob das Buch auf die Shortlist kommen wird?

Männer töten

Von Buch zwei der ÖstDebut Eva Reisingers “Männer töten” habe ich als ich von den feministischen Seminaren des “Writersstudio” kommend über eine “Standard Rezension” über den brisanten Inhalt erfahren, denn als die 1992 in der oberösterreichischen Provinz Geborene, bei den O-Tönen gelesen hat, sind wir gerade von unserer Frankreichreise nach Harland zurückgekommen, um dort den Campingtrailer abzustellen. Dann habe ich noch in einem Interview über das brisante Thema des Romans gelesen, das aufhorchen läßt, was Eva Reisinger, die sich mit den vielen Frauenmorden und der Gewalt an Frauen beschäftigen wollte, wohl auch beachtsichtigt hat.

“Gewalt an Frauen” ein wahrlich bekanntes Thema. Haben wir uns doch in unserer nie erschienenen Anthologie die wir im “Arbeitskreis schreibender Frauen” herausgeben wollen schon damit beschäftigt. Damals in den Siebzigerjahren sind einige meist skandinavische Bücher, wie “Wie vergewaltige ich einen Mann” erschienen, die sich mit diesen Thema beschäftigen. Dann kam Gertraud Klemm, mit ihrer starken feministischen Stimme und jetzt Eva Reisinger die den Spieß wiedereinmal umdrehen will und das lässt zumindest einmal aufhorchen. Auch wenn man über das Buch, das nicht ganz chronologisch geschrieben ist, auf mehrere Seiten diskutieren kann.

Die Heldin ist eine in Berlin lebende Anna Maria. Sie stammt aus Österreich, hat ihr Studium vor einigen Jahren abgebrochen und ist nach Berlin gegangen, wo sie schon drei Jahre lang Praktikantin ist. Sie hat zwei Freundinnen Yama und Evin und als sie sich den Arm bricht, wird sie von ihrer Firma entlassen. Da hat sie schon Hannes getroffen, der sie aus dem Spital herausholt und dann landet sie, das ist der Beginn des Buches mit ihm in dem schönen oberösterreichischen Dörfchen Engelhartskirchen, welch ein klingender Name, wo alles anders ist.

Hannes ist dort Bauer. Er hat einen Bruder namens Jacob, der in Linz Jus studiert. Der Vater ist gestorben. Die Mutter heißt Traudi und ist eine starke Frau und auch interessant, was auf dem Bechreibungstext und im Buch erst weit hinten steht, in Engelhartskirchen gibt es keine Sexualdelikte und keine häusliche Gewalt. Dafür sind dort auffällig viele Männer verschwunden oder auf seltsame Weise gestorben.

Da denkt man zuerst wahrscheinlich an die “Frauen von Stepford” auch in den Siebzigerjahren erschwienen, wo die feministischen Frauen in dem Örtchen verschwinden und durch Puppen ersetzt werden, damit es die Männer bequemer haben.

In Engelhartskirchen gibt es dagegen eine rothaarige fahhradfahrende Pfarrerin. Der Pfarrer ist auch verschwunden und sie hat sein Amt übernommen und traut ziemlich zu Beginn des Buches Josepha und Sabine, die Frauen schleppen Bierkisten herum und trinken ex.

Hannes ist ein fleißiger Bauer und die Beziehung zwschen ihm und Anna Maria verläuft erstaunlich gut. Die mit Friedrich erfahren wir etwas später,tat das nicht. Er hat sie vergewaltigt und will sie jetzt zurück haben und als Anna Maria wegen ihrer Hand zum Hausarzt Dr. Huber geht, wird sie von ihm als “Städterin!”, begrüßt und abfällig behandelt, was bei ihr zu Panikattacken und Tinnitus führt, den er auch nicht anerkennen will.

Von Sabine erfährt Anna Maria dann, wie ihr Mann gestorben ist und, um nicht zu vorschnell zu spoilern, kehre ich zu dem Interview in der “Vogue Germany” und ich glaube auch vom “Standard” zurück, daß man den Titel des Buches zweischneidig verstehen kann. Werden da die Männer getötet oder töten die die Frauen?

In Engelhartskirchen erfahren wir, passiert das Erste, denn auch Friedrich verschwindet bald, nachdem er dorthin gekommen ist, aber auch die Berliner Freundinnen kommen hin und Evin freundet sich mit Jacobs Hannes Bruder an, was den Freundinnen nicht so gefällt. Anna Maria wird von Hannes schwanger und beginnt mit ihm ein neues Glück, was vielleicht nicht ganz realistisch ist und die Handlung widersprüchig macht.

Dafür verschwindet auch Dr. Huber und als auch ein bekannter Journalist nach Engelhartskirchen kommt und Anna Maria auf die verschwundenen Männer und ihren Alibi fragt, wird auch er ermordet. Dann greift Jacob nach der Flinte und schießt auf die rächende Frauenrunde.

Ein starkes Buch mit einer starkes jugendlichen Sprache, nicht ganz literarisch habe ich irgendwo gelesen und das Thema und die radikale Angehensweise “Da muß man doch endlich was dagegen tun und nicht immer nur reden!”, läßt aufhorchen und ich dachte gleich einmal “Endlich mal was anderes als der hundertste Antiheimatroman im Stile Josef Winkler oder Thomas Bernhard. Dann kamen doch einige Fragen auf. Zum Beispiel der Widerspruch, daß mit Hannes alles zu klappen scheint und sich Anna Maria so bereitwillig in die Idylle in die Provinz begibt, sie wird auch von einer Frau in ihrer Praktikumsfirma entlassen. Die Frauen sind also auch nicht ganz ideal, wie es auch der Realität entspricht. Aber muß man gleich nach der Waffe greifen und alle männlichen Arschlöcher beseitigen? Ist das ein Aufruf zur Gewalt? Das Rächen ist es wohl auch nicht, aber, daß etwas passieren muß und geändert werden sollte, ist auch ganz klar.

Also das Buch lesen und darüber diskutieren und vielleicht positivere Alternativen entwickeln und noch etwas ist interessant, da ich ja von dem Seminar der Ba Ossege gekommen ist, die nach den Ahninnen forscht und da habe ich ja an Maria Theresia gedacht und die mir eigentlich als keine besonders feministische Frau vorgestellt. Eva Reisinger erwähnt eine ihrer Töchter, als Vorbild für die feministischen Frauen und einen neuen Feminismus können wir in Zeiten, wie diesen, wo es vierhundert Geschlechter geben soll und die Frauen wieder High Heels tragen, Barbie-Filme gedreht werden und sich in Beauty Academys zu Stylistinnen ausbilden lassen, besonders brauchen.

Doppler

Jetzt kommt (schon?) Buch vier der deutschen Longlist und das erste auf der Öst Debut Thomas Olah “Doppler” und das Debut des1966 in Wien geborenen Kostümdesigners mit der charakteristischen runden Brille wurde, glaube ich, hochgelobt.

Eine Enladung zu einer Präsentation lag lange auf meinen Schreibtisch, hat mich doch “Müry Salzmann”, nachdem ich den “Gegenkannon” angefragt habe, dazu eingeladen und jetzt die Longlist, die Shortlist ist es nicht geworden. Der Debutpreis kann noch kommen und als ich das erste Mal über das Buch gehört habe, habe ich mir gedacht, das ist ein neuer Frankenstein Roman und an Raphaela Edelbauers Debut gedacht. Josef Winkler, Thomas Bernhard, könnte einer dazu einfallen und auf eine andere Art und Weise aber äußerst interessant Birgit Birnbachers “Wovon wir leben”, denn da gibt es Ähnlichkeiten, wenn auch auf eine andere Art und Weise geschrieben.

Der Kostümbildner der sich auch historisch gut auszukennen scheint, versucht sich, glaube ich, in alter Tradition mit dem österreichischen Anti-Heimatroman und es beginnt wirklich sehr beeindruckend mit dem Autounfall, den der namenloser Erzähler, ein Kind, der junge Olah vielleicht, erlebt.

Die Eltern schreien, die Polizei kommt, der Bruder stellt sich tot und der Kleine kommt in ein Spital und später zu den Großeltern, Vater und Mutter genannt in ein Provinzdorf namens Frankenhayn, wo man in Sarkophagähnlichen Betten schläft und der Kleine immer Angst hat in die Ritze zu fallen. Es gibt zwei Cousins, und eine Cousine. Am Sonntag geht man in die Kirche, es wird geschlachtet, dem Pfarrer unter den Rock geschaut und natürlich immer und ewig Dopler getrunken. Erinnern wir uns, das war der billige Wein in zwei Liter Flaschen, den es glaube ich, nicht mehr gibt und so wird ein Dorf ein den Siebzigerjahren beschrieben, wo es im Wirtshaus nur Braten und Kartoffel oder Erdäpfelsalat gibt und natürlich gesoffen bis zum Unfallen wird.

Die Buben versuchen auszubrechen. Da gibt es außer die, wo sie dem Pfarrer unterm Rock schauen wollen, einige skurrille Szenen mit dem Traktor. In die Nazi-Vergangenheit geht es auch und am Schluß kehrt die Mutti zurück und alles wird gut oder höchstwahrscheinlich natürlich nicht.

Ein bißchen verwirrt haben mich die drei Einschübe, wo von drei Forschern darunter Christian Doppler berichtet wird, da gibt es dann auch die Brille zu sehen. Den Zusammenhang, was das eine mit dem anderen zu tun hat, habe ich nicht verstanden und spannend ist, daß ich knapp vorher ja Birgit Birnbacher gelesen habe, die ja offenbar auch in den Siebziger Jahren in einem österreichischen Dorf aufgewachsen ist und deren Krankenschwester auch dorthin zurückfährt und da gibt es auch einen Wirten und die Arbeitslosen, die ständig dort sitzen und es gibt nur Braten und Salat aus der Dose. Die Frauen werden wahrscheinlich hier und dort “Weiberleut” genannt und unterdrückt. Sie tragen Kopftücher und gehen in die Kirche, aber Birgit Birnbacher, die ja auch sehr experimentell angefangen hat, erzählt das Ganze viel realistischer, was mir ganz ehrlich besser gefällt, als Thomas Olah, der es mit dem österreichischenen Antiheimatroman a la Bernhard, Josef Winkler, etcetera probiert.