Eigentum

Im Buch neun der österreichschen Longlist und das fünfte das auf der Shortlist steht, geht es um die Aufarbeitung des Todes der Mutter.

Der 1960 in Maria Alm geborene Wolf Haas ist für seine “Brenner-Romanen berühmt geworden. Da habe ich mal gehört, daß er die zuerst konventionell verfaßte, bis er zu seinem eigenen Brenner-Ton kam, über den es schon Bücher gibt. Dann gibt es noch ein paar andere Romane. Das “Wetter von fünfzehn Jahren”, das, glaube ich, auf dem dBp stand, hat mir sehr gefallen und jetzt bin ich ein bisschen verwirrt, obwohl ich mich noch immer frage ob er oder Clemens J. Setz den Buchpreis gewinnen wird oder vielleicht doch eine der Frauen?

Aber bei einem Begräbnis am Land singt bei Frauen der Frauenchor bei Männern spielt die Blasmusik. So ist das eben und konnte auch vom Wolf Haas nicht verändert werden, der auf die Idee kam, ein Buch über den Tod seiner Mutter “Eigentum” zu nennen.

Am Cover steht auch “Eigentum “von Wolf Haas” und da kann man oder wurde spekuliert, ob ein Roman das Eigentum des Autors ist? Das Geistige natürlich selbstverständlich, aber ich kann das Buch zerreißen oder verbrennen, wenn ich es mir gekauft habe und ich kann es auch verstehen, wie ich es will, dann vielleicht aber mit dem Autor oder Kommentierer darüber diskutieren.

Es geht also um die 1923 geborene Mutter Marianne, die mit fünfundneuzig Jahren, glaube ich, in einem Altersheim gestorben ist. Vorher wurde sie von ihrem Sohn besucht, dem sie den Auftrag gab, ihren Vater anzurufen, um sich zu erkundigen, wie es da, wo sie hinkommen wird, so ist? Später geht es, um die Frage ob und wie sie ihm Brennesseltee mitbringen soll und der Sohn lügt sie an und erzählt ihr etwas von dem Großvaters und wird dann verlegen, als sie nicht locker läßt.

Irgendwo habe ich auch gelesen, daß das Buch auf sehr sanfte Art und Weise das vorige Jahrhundert beschreibt. Denn die Mutter, die aus einer armen Familie stammt, der Großvater hat bei der Inflation nach Wordwar eins, sein ganzes Geld verloren, so wurde sie mit zehn einer Bauernfamilie übergeben, wo sie den Söhnen die Socken stopfen mußte. Dann kam sie auf die Hauptschule und später in die Hotelfachschule oder einen Servierkurs. Der erste Tag dort fand vor Beginn des zweites Weltkrieges statt, dann wurde der Lehrer aber eingezogen und die Fortsetzung fand erst nach dem <krieg statt.

Die Mutter, die auch verschiedene Kriegseinsätze hatte, ist dann als Serviererin in die Schweiz gegangen und hat ihrer Familie ihren Lohn geschickt, damit sei ein Haus bauen konnte. Später war dann nur ein Zimmer für sie, bis sie in eine Mietwohnung zog, denn das Geld, das sie für die Eigentumswohnung ansparte, war dann, als sie es hatte, nur mehr die Hälfte wert. So zog sie mit ihren Söhnen in eine Mietwohnung, wo sie auf den Friedhof schauen konnte. Fünf Jahre vor ihrem Tod wurde sie von dort aber auch hinausgeschmissen und mußte ins Altersheim ziehen. Hatte aber ihr eigenes Grab, wo schon ihr Name stand. Endlich also ihr Eigentum, der Patz, der ihr gehörte und der Sohn wurde auch für eine Poetikvorlesung eingeladen, wo er, über “Kann man über das Leben schreiben will?”, referieren will.

So geht es dahin. Die Mutter war, wie die Nachbarin, dem Sohn sagte, eine schwierige Person, die oft in Streit geriet und zwar Französisch und auch mit dem Zehnfingersystem Maschinschreiben, aber nicht mit Menschen umgehen konnte. So ging sie in ihren spätenJahren nicht mehr aus dem Haus, die Bauernkinder denen sie Nachhilfe geben sollte, kamen aber zu ihr.

Und dann ist sie mit Fünfundneunzig, drei Tage nachdem sie den Sohn nach dem Jenseits fragte, gestorben und der Sohn schreibt über das Eigentum, das sie nie hatte, hat sie ihm doch schon als Kind das Wesen der Inflation erklärt und das “Sparen, sparen, sparen!”, beigebracht und so haben wir ein Memoir das sich auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise der Mutter annähert, an die ich mich erst gewöhnen musste, denn ich bin ja eine eher humorlose Person, die nicht viel Spaß versteht und alles wörtlich nimmt, aber Wolf Haas ist ein guter Schreiber, der höchstwahrscheinlich auch davon leben kann und jetzt müssen wir nur abwarten, ob er die zwanzigtausend Euro oder doch nur zweitausendfünfhundert bekommt?

Vom Wiener Kultursommer zu den O-Tönen

Gabriela Hegedüs und Christoph Möderndorfer

Heute habe ich wieder mit einem Buch ins MQ gehen wollen, wie ich es früher mal so tat und mich zwischen sechs und sieben zu den O-Tönen setzte, um einen guten Platz ganz vorne zu bekommen, aber in den letzten zwei Jahren war das anders, 2020 mußte man sich die Maske aufsetzen um durch das Absperrgitter gehen zu können, im Vorjahr seinen Impf- oder Testnachweis, zeigen, etwas das mir, wenn ich so zurückdenke, absurd vorkommt, umso mehr da ich immer höre, wie problemlos die letzten zwei Sommer waren, während wir jetzt ja mitten in einer Sommerwelle sind und dringend wieder Regeln oder Eigenverantwortung brauchte. Letzteres finde ich gut und auch, daß man wieder normal zu Veranstaltungen gehen kann und da gibt es offenbar auch den “Wiener Kultursommer,” wo es jeden Tag an einem anderen Ort Bezirkskulturveranstaltungen gibt und da haben heute am Wiener Naschmarkt Clemens Marschall und Anton Tantner Texte zum “Widerstand und Strategien des Entziehens” und Robert Misik “Das große Beginnergefühl” vorgestellt.

Klingt auf dem ersten Blick ein wenig Spanisch. Was sind Strategien des Entziehens und was ist das Beginnergefühl? Die ersten beiden Autoren waren mir auch unbekannt. Robert Misik natürlich nicht. Da habe ich ja seine “Neue (Ab)normalität” gelesen und höre mir auch regelmäßig seine OE-24 Diskussionen anund im “Kreisky-Forum” habe ich ihn auch einmal gehört.

Also wieder etwas gelernt, als ich auf dem Weg ins MQ Halt am Wiener Naschmarkt machte und da war auch alles abgegrenzt und Security war ebenfalls da. Ma brauchte aber keine Maske und kein G obwohl der Wiener Bürgermeister heute darüber beraten hat, ob er die nicht wieder einführen soll?

Es gab ein paar Ansprachen, der Bezirksvorsteher war da und freute sich, daß die Kultur dem Bezirk nichts kostet und die ehemalige Bezirksrätin Zoumboulakis-Rottenberg, die ich einmal bei den Bezirks-Kulturfestwochen kennengelernt habe, habe ich auch getroffen. Die Texte, die der Journalist Clemens Marschall und der Historiker Anton Tantner gelesen haben, waren sehr interessant, obwohl ich immer noch nicht ganz verstanden habe, was das mit dem Titel zu tun hat?

Es war eine Reise von Wien nach London und Paris und wieder zurück. Einer der Texte handelte von Muriel Gardiner die auf Sigmund Freud Couch gelegen hat und mit ihm, glaube ich, nach London flüchtete, einer von der französischen Revolution, der dritte über einem Fritz Sax, der eine Bibliothek vor den Nazis rettete und nach London brachte und dann ging es noch ins Wiener Neugebäude.

Robert Misik Buch habe ich auch ein wenig unverständlich gefunden. Eine Art radikale Literaturgeschichte die von Elfriede Jelinek , Balzak und Flaubert handelte und dann ging es zu den O-Tönen, wo sich Gabriela Hededüs darüber freute, daß sie keine Corona-Beauftragte mehr sein und keine Kontaktdaten mehr einsammeln mußte. Daniela Strigl und Klaus Kastberger haben wieder das Programm zusammengestellt. Daniela Strigl “hat diesmal moderiert und zuerst die Debutantin Magdalena Schrefel und ihren bei Suhrkamp” erschienenen Erzählband “Brauchbare Menschen” vorgestellt und der Text, den die 1984 in Korneuburg Geborene gelesen hat, war wirklich interessant. Handelte er doch von einer Vater- Tochter Beziehung. Der Vater ruft die Tochter immer an, um ihr zu erzählen wer schon wieder gestorben ist? Die Christa Wolf, der Osama bin Laden, der Ray Bradbury, etcetera und einmal ist es die Mutter. Da weint er in das Telefon und die Tochter nimmt den nächsten Zug und reist zu ihm hin.

Interessant die “Brauchbaren Menschen”, bei denen es sich, wie Daniela Strigl einleitete, oft um Außenseiter oder Typen von der Arbeitswelt handelte, obwohl Daniela Strigl wie sie erwähnte, die Literatur der Arbeitswelt nicht so mag und dann kam der Star Wolf Haas, der, glaube ich, schon öfter bei den O-Tönen gelesen hat mit seinem neuen Brenner “Müll”, den hat Daniela Strigl mit Klaus Nüchtern schon in der Hauptbücherei vorgestellt und diesmal ist der Brenner zum Müllmann hinabgestiegen und wohnt in einer fremden Wohnung und dann wird in der Mülldeponie eine Leiche gefunden. Die Stellen, die Wolf Haas gelesen hat, waren sehr spannend und auch sehr lustig. Die Leute haben gelacht, als die Leichenteile gefunden wurden. Das finde ich ja nicht so lustig. Wolf Haas, der, glaube ich, auch Germanistik studiert hat, ist aber ein großartiger Schreiber, hat alle Nuancen drauf und jongliert sehr gekonnt mit der Sprache und den Genres.

Daniela Strigl hat ihm nach der Lesung darauf angesprochen, daß er zwischen seinen Brenner-Romanen auch andere Bücher, geschrieben hat und jetzt wieder auf den Brenner, den er schon einmal sterben hat lassen, wieder auferstehen ließ.

Sehr spannend der Wiener Kultursommer mit viel Literatur und das betonte Gabriel Hegedus in ihrer Begrüßung auch, daß Wien großartige Literaturveranstaltungen anzubieten hat und ich finde die O-Töne, zu denen ich wegen meiner Sommerfrische, ja erst später gekommen bin, auch sehr spannend, weil man da einen guten Einblick bekommt, was im Herbst vielleicht auf den Buchpreislisten stehen wird, aber ich werde da wohl eine kleine Pause machen und erst zu den beiden letzten Veranstaltungen wieder hingehen.

Das Wetter vor fünfzehn Jahren

Jetzt kommt ein Buch von meiner Buchpreisbacklist, denn ich habe ja im Vorhahr beschloßen mit dem Backlistbuchpreislesen, das heißt mit den Büchern, die früher auf der dBp standen und die ich zwar in den Regalen, aber noch nicht gelesen habe, zu beginnen.

Das erste ist ein Fund aus der Seedosen-Bücherzelle, Wolf Haas “Das Wetter vor fünzehn Jahren”, 2006 erschienen und da auch auf der Longlist gestanden und wenn ich mich richtig erinnere, habe ich es einmal während eines Osterspazierganges der LitGes gefunden.

Von den 1960 in Maria Alm Geborenen, der mit seinen Brenner-Krimis berühmt geworden ist, habe ich einige Krimis gelesen und er ist, wie Thomas Glavinic wohl einer, der sich in den verschiedensten Stilen ausprobiert, beziehungswweise immer etwas Neues ausprobiert und das ist ihm, wie, ich glaube, mit “Das Wetter vor fünfzehn Jahren” exellent gelungen.

Die Handlung steht im Klappentext. Vittorio Kowalski, ein Bergwerksohn aus Essen, der mit seinen Eltern jedes Jahr auf Sommerfrische in ein österreichisches Dorf in eine Frühstückpension gefahren ist, hat sich dort als er Fünfzehn war, in die gleichalte Wirtstochter Anni verliebt.

Jetzt ist er dreißig, war seither nie mehr dort, hat sich aber von der Nachbarin der alten Frau Bachl, jeden Tag über das Wetter dort informieren lassen und ist irgendwann einmal mit diesem Wissen in “Wetten, daß” aufgetreten und zum Wettkönig geworden.

Jetzt reist er, nachdem er von Anni eine Karte bekommt wieder in das Dorf, kommt gerade zu ihrer Hochzeit zurecht und eine Katastrophe gibt es auch.

Das ist die Handlung des Romans und das Buch ist eigentlich ein Fake, denn diesen Roman gibt es nicht.

Nicht in der geschriebenen Form nur in der Form eines in fünf Tagen geführten Interviews ziwschen Wolf Haas und einer namenlosen Reporterin einer “Literaturbeilage”. Da wird dann auf über zweihundertzwanzig Seiten über den Roman gesprochen. Wolf Haas ist manchmal witzig, manchmal ironisch, macht sich über die offensichtlich Bundesdeutsche lustig, erklärt ihr die österreichischen Ausdrücke also was beispielsweise “Marillenmarmelade” heißt, erklärt ihr aber auch, das Bregenz in der Schweiz liegt und einige Schreibratgeber hat er wohl auch gelesen, jedenfalls könnte man das Buch als eine Schreibanleitung betrachten, denn Wolf Haas erklärt der Reporterin sehr genau, wie und warum er manches geschrieben hat.

Sie stellt ihm kritische Fragen, zitiert seine Sätze und so kommen wir in den Roman hinein, ohne ihn in dieser form gelesen zu haben und die dargebotenen Handlung ist eigentlich recht kitschig und konventionell, denn da klettern die beiden Fünzehnjährigen während eines Gewitters in eine Schmugglerhütte hinein, in der sich eigentlich Marias Vaters mit Vittorios Mutter treffen wollte, aber sie machen ihm, weil sie nackt im Heu liegen nicht auf, so verunfallt der Vater und als Vittorio nach der Wettshow wieder in das Dörfchen reist und gerade zu Annis Hochzeit mit dem Nachbarsohn zurechtkommt, geht er auch in die Hütte, stürzt dort ab und kann sich nur durch eine Sprengung retten. Dazwischen erfährt er noch durch gefundene Briefe vom Gspusi zwischen seiner Mutter und Annis Vater und das Ganze endet oder beginnt vielmehr mit dem Kuß den ihm die Anni in der Intensivastation gibt und so kann man auch einen Roman schreiben, beziehungsweise etwas Neues schaffen.

Ein interessantes Detail ist vielleicht auch, daß es laut Wolf Haas dieses Vittorio Kowalski und diese Wettshow wirklich gegeben hat und er ihm sogar in das Dörfchen nachreist und gerade zur Hochzeit zurechtkommt und die Reporterin will immer über diese Frau Bachl reden, es kommt aber nicht dazu, weil das Mikrophon vorher ausgeschaltet wird, beziehungsweise das Buch zu Ende ist. Also wirklich sehr raffiniert und gekonnt erzählt.

Und die Luftmatratze, die die Familie immer in den Urlaub mitnahm und die im Auto unter Vittorios Füße lag, ist am Cover abgebildet.

Beliebig oft wird sich dieser Schreibstil wohl nicht wiederholen lassen, aber ich bin froh, daß ich das Buch während eines Osterspaziergangs gefunden und jetzt zu Beginn meiner Sommerfrischenwochenenden gelesen zu haben, denn es ist ein richtiges Sommerbuch, das zu dieser Jahreszeit und den Ferien passt, auch wenn es schon vor vierzehn Jahren geschrieben wurde und Wolf Haas wohl noch weitere literarische Experimente machte, die teilweise in meinen Regalen auf das Lesen warten.