Ermordet oder vertrieben

Irgendwann, wahrscheinich in der “Gesellschaft für Literatur” habe ich eine Karte mit dreiundzwanzig Autorenportraits gefunden, die auf eine Ausstellungseröffnung in der VHS Hietzing hinwies, die auf die im zweiten Weltkrieg ermordeten oder vertriebene Schriftsteller hinwies.

Und zu sehen waren bekannte Namen wie Hermann Broch, Elias Canetti, Hans Flesch-Brunningen, Alma Johanna Koenig, Theodor Kramer, Joe Lederer, Robert Musil, Hertha Pauli, Friedrich Torberg, Paul Zsolnay, Bertha Zuckerkandl und Stefan Zweig.

Das klang natürlich interessant, die VHS-Hietzing ist aber etwas weit, seit Corona und der Straßenbahnmaskenpflichtre habe ich ja die entfernten Lokalitäten eher gemieden und außerdem wollte ich heute eigentlich in eine Info Veranstaltung der Grünen um mit Sigrid Maurer zu diskutieren. Dann war es dort schon ausgebucht und ich hatte auch noch eine fünf Uhr Stunden und die grünen Veranstaltung wäre um sechs gewesen. Also doch in die Hofwiesengasse, aber auf der Karte stand etwas von Hetzinger Kai 131. Ist die VHS umgezogen? Nachgegooglet und ein Gebäude gesehen, daß ich von unserer Harland nach Wien Fahrten kannte, zwischen Ober und Unter St. Veit gelegen. Also dort hinausmarschiert. Bis Hietzing, die letzten zwei Stationen gefahren und dann die Nummer 131 nicht gefunden.

Bis ich es endlich hatte, war es schon halb acht und dann war ich auf einen Gang, wo zwar ein paar Leute standen, ein paar Plakate hingen und ein paar Weinflaschen herumstanden. Die Erfönung war offenbar schon aus und auf den Plakaten las ich außer Alma Johanna Koenig lauter unbekannte Namen. Von einer Rose Silberer zwar vielleicht schon etwas gehört, von einem Alfred Grünwald vielleicht auch, bei Josef Hupka und Erwin Weill muß ich aber passen und dann waren es nur etwa sieben Tafeln, wo blieben die anderen?

Das zuerst Evelyn Adunka gefragt, dann Robert Streibel den Kurator, die mir erklärten, daß die Sieben nur die von den Nazi ermordeten wären. Eine etwas mickrige Ausstellung könnte man also sagen und die VHS ist auf den Hietzinger Kai übersiedelt weil das alte Haus renoviert wird und außer zwei Mappen, wo man Informationen über die Ausgestellten finden konnte, gab es noch ein paar offene Bücherregale und da lese und staune den Clemens J. Setz “Monde vor der Landung”, dem doppelten Buchpreisnomierten.

Das Buch habe ich zwar schon gelesen, aber von “Suhrkamp” nur als E -Pub bekommen. Also ein kleines Trostpflaster und jetzt kann ich auf eigene Faust über die Vertriebenen recherschieren, von denen ich schon einiges gelesen habe. Von neunundvierzig Exilautoren ist etwas auf einen der Plakate gestanden und mir fielen noch einige andere wie Oskar Jan Tauschinski, Hilde Spiel und einige andere ein.

Und noch etwas habe ich Robert Streibel gefragt, als ich mir die paar Ausstellungsbilder noch einmal angeschaut habe, wo Else Feldmann fehlte und die wurde auch in Sobibor ermordet, war aber wahrscheinlich, wie Evelyn Adunka mir erkärte, wahrscheinlich kein PEN-Mitglied, weil ja eine Sozialistin, aber trotzdem wichtig sich an sie zu erinnern.

Ich schlage sie ja immer Julia Danielcyck für die Autorinnen feiern Autorinnen-Reihe vor und wer jetzt neugierig geworden ist, die kleine Ausstellung ist noch bis fünfzehnten Dezember in der VHS zu sehen und der Eingang füge ich für die Suchenden an, befindet sich gleich neben dem Diagnosezentrum und ist nicht sehr deutlich angeschrieben.

Der Schädelbohrer von Fichtenwald oder die Metamorphosen eines Buckligen

Noch ein Holocaustroman. Nach der Familiengeschichte von Paul Binnerts, Janos Szekelys “Nacht” kommt jetzt noch ein Roman eines Holländers, 1942 geboren und 2005 verstorben, nämlich Louis Ferron, der aus dem Holocaust, eine Farce, eine Revue, eine Theaterstück in drei Aufzügen, vielen Akten und einigen Zwischenspielen machte.

1976 geschrieben und der dritte Teil einer Deutschlandstrilogie aber nur der spielt in der Holocaust-Zeit und vom “Verlag des kulturellen Gedächtnisses” zum ersten Mal auf Deutsch erschienen und ich muß gestehen, ich habe mir beim Lesen nicht ganz leicht getan, nicht alles verstanden und wahrscheinlich fehlt mir auch der Humor aus dem Holocaust eine Farce zu machen, aber ich weiß schon, daß man das wahrscheinlich als Abwehrmechanismus erklären kann und es gibt auch schon solche Romane “Jakob der Lügner” wäre wahrscheinlich anzuführen, oder auch “la vita e bella” oder vielleicht auch die “Wohlgesinnten von Jonathan Littell.

Denn es geht hier auch um die Täterperspektive. Aber der ist eine schillernde, schwache Figur. Ein unzuverläßlicher Erzähler, wie das in der Literatur so schön heißt. Friedolien, einmal Barpianist, einmal Sturmmann, dann wieder psychiatrischer Patient oder Gefangener eines KZ. Denn das Sanatorium Fichtenwald in dem die Geschichte spielt, ist einem KZ nachgebildet. Dachau ist, glaube ich, das Vorbild. Friedolien hält es für ein Sanatorium und die handelnden Personen haben auch alle reale Vorbilder, sprich Schergen des Holocaust, die im Glossar und im Nachwort genau angegeben sind und Freidolien, der SS-Mann ist ein Buckliger und der schreibt sich jetzt munter durch die Akte und die Aufzüge.

Die Patienten oder KZ- Insassen haben Namen wie Beethoven oder Hauff und Beethoven, der Musiker hat Angst durch die medizinischen Experimenten, die von Dr. Jankowsky, dem Anstaltsarzt durchgeführt werden.

Friedolien ist also zuerst SS-Mann und Sekretär des Doktors. Später trägt er die gestreifte Häftlingskleidung und eine Irmgard Zelewski, die Frau eines SS-Mannes, die ihren Schwiegervater mißhandelt, gibt es auch. Da agiert er als Klavierstimmer. Es wird ein Kleist-Stück aufgeführt und in dem Sanatorium-KZ gibt es die Bendas. Das sind reiche Juden, die sich offensichtlich mit Protektion, der Zelewskis und Jankovksy einschmuggeln lassen und später nach Madagaskar emigrieren und im dritten Aufzug werden die Perspektiven gewechselt.

Da ist der Krieg offenbar vorbei und Dr. Jankovsky ist der Protagonist, der Friedolien, beziehungsweise seinen Buckeln entlarvt.

Sicher interessant und auch verständlich den Holocaust so zu schildern. Für mich, wie schon geschrieben, nicht so leicht zu verstehen und leider gibt es nicht sehr viel über das Buch in Netz zu finden.

Das Lügenlabyrinth

Jetzt kommt das im “Arco-Verlag” erschienene Buch von Paul Binnerts, das ich mir aus Leipzig mitgebracht habe und das, obwohl ich ja unlängst geschrieben habe, daß ich nicht mehr so viele Holocaust-Bücher lesen möchte, sehr interessant ist.

Paul Binnerts wurde 1938 in Den Haag geboren und schreibt in seinem Buch, daß sein Vater den Judenstern seiner Mutter in einem Blechkästchen hatte und als er ihn darauf angesprochen hatte, das bestritt und von seinen Bruder hat er eine Mappe mit Unterlagen aus dieser Zeit bekommen. Aber niemand in der Familie hat über den Holocaust gesprochen, so hat er darüber zu recherchieren angefangen.

Seine früh verstorbene Mutter war Jüdin und es gab auch noch einen Onkel Arnold, den er nie gesehen hat, über den er auch Unterlagen bekommen hat.

So hat er sich, was ich sehr interessant finde, seine Familiengeschichte ausgedacht und fiktionalisiert und noch interessanter finde ich, daß er in den Text immer wieder eingreift und quasi in Bezug zu seinen Figuren tritt und Passagen, wo er dann schreibt, wie es wirklich in seiner Familie war, gibt es auch

Dazu hat er viel recherchiert und Tagebücher aus dieser Zeit gelesen, so führt auch seine Emmeke, das Vorbild seiner Mutter, Tagebuch und Bert, der den Arnold vertritt, kauf sich am Beginn des Buches ein Motorrad.

Emmeke und Bert sind Geschwister, die sich bisher nicht für Juden hielten und beide auch gemischte Partner haben. Josef hat sich Joost gennt und Emmecke hieß eigentlich Maria und das “Jesuskind” der beiden, der kleine Bobbie ist wohl der kleine Paul.

Das Buch beginnt 1940, wo die Deutschen Holland gerade überfielen. Da kaufte sich der Geschäftsmann Bert gerade sein Motorrad und baut dann das “Lügenlabyrinth” auf, in dem er Beziehungen zu den Deutschen aufbaut, sich von ihnen Begünstigungen holt und gleichzeitig die Kunstschätze der geflohenen Juden versteckt.

Seine Freundin und spätere Frau Lien ist Verkäuferin in einem jüdischen Kaufhaus und der selbstbewußte Bert klärt sie nicht über seine Aktionen auf.

Dann verschlimmert sich die Situation. Die Juden müssen sich registrieren lassen. Joost verliert seinen Job und Emmeke muß den Stern tragen. Sie tut das nur ungern und Bert überhaupt nicht. Er fährt mit seinen Motorrad herum und zeigt ständig seine Begünstigungen her, wenn er kontrolliert wird.

Bella, die Mutter der Beiden wird deportiert, Emecke verhaftet und auch Bert kommt in einem Lager, wo er vieler Verbrechen, darunter des Nichttragen des Sternes, angeklagt wird, um.

Und das ist auch Paul Bnnerts Eltern passiert. Seine Mutter war verhaftet und ist dann sehr bald an Krebs verstorben und der Vater und der Bruder haben, wie das oft so war, nie über die Vergangenheit gesprochen.

Jetzt hat Paul Binnerts, das Buch, das ich für sehr interessant halte, weil ich bisher nur über Anne Frank von der hollänidschen Situation hörte, seinen Eltern gewidmet.

Corona in Buchenwald

Jetzt habe ich meinen vor einer Woche geposteten Vorsatz,diesmal kein bei der Lese.Auslese vorgestellten Bücher zu bestellen, gebrochen, denn ich bin ja eine Sammlerin von CoronaBüchern und habe einige von ihnen schon gelesen, bin aber an dem Corona-Buch des 1929 geborenen ivan Ivanij, dem österreichisch- serbischen Diplomaten und Schriftstellers, der einmal Dolmetscher Titos war,vorüber gegangen, habe ich von ihm doch schon einige Bücher gelesen und wahrscheinlich “Nicht schon wieder Buchenwald!”, gedacht und “Was kann ein über Neunzigjähriger über Corona schreiben?” Wieder einmal weit gefehlt und sich sehr geirrt. Denn das Buch, ich habe wieder ein E-Book gelesen, ist höchst interessant, humorvoll geschrieben und zeigt eine ganz andere Seite des Themas auf, mit dem ich mich ja selber sehr intensiv beschäftigt habe. Wir schreiben April 2020, der fünfundsiebigjste Jahrestag der Befreiuung des KZ-Buchenwalds und da war eine große Feier geplant. Neunundvierzig Überlebende sollten mit ihren Begleitern anreisen. Dann kam Corona und alles wurde natürlich abgesagt. Zwölf der alten Herrn hielten sich nicht daran und stellten den Antrag auf eigene Kosten doch kommen zu können. Es wird beraten. Lehnt man ab, hat man schlechte Nachrede. Also müßen alle unterschreiben, daß sie es auf eigenes Risko unternehmen und werden in dem berühmten Hotel Elephant in Weimar einquartier. Einer der alten Herren ist offenbar ein Alter Ego des Autor, Sascha oder Alexander Mihalyi-Mihajlovic, der seinen Namen öfter gewechselt hat. Er kommt mit Sohn und dessen Freundin angereist und wird gemeinsam mit dem Amerikaner Franco, der eigentlich ein Italiener ist in das Hotel gefahren. Dort werden sie begrüßt, eine junge Ärztin bringt einen Fragebogen und verspricht eine spätere Untersuchung. Die anderen reisen an und am nächsten Morgen erleidet Franco schon beim Frühstück einen Hustenanfall. Er wird sofort ins Universiätsklinkum in Jena transportiert. Vor der Türe formieren sich die maskierten Wächter, die allen befiehlt im Speisesaal zu bleiben. Der russische Militär Igor spricht von der SS. Die eleganten Politiker beruhigen, Alle müssen in ihre Zimmer in Quarantäne. Dorthin wird eine Videokonferenz verlegt, Saschas Sohns übernimmt die Moderation und Sascha, der sich den “Decamerone” mitgebracht hat, schlägt vor, den in den Quarantänetagen nachzuspielen. Denn da war ja im vierzehnten Jahrhundert, die Pest in Florenz und so haben sich zehn junge Leute mehr oder weniger schlüprige Geschichten erzählt. Die junge Ärztin, die alle untersuchen muß, heißt Gerda Meier. Ihr Urgroßvater war ein großer Nazi. Sie hat deshalb Schuldgefühle und sich von ihrer Familie getrennt. Das Hotel übernimmt alle Kosten und bietet sogar koschere Küche an, die die elf Atheisten nicht wollen und außerdem in der Hotelküche höchstwahrscheinlich gar nicht richtig durchzuführen ist. So erzählen die alten Herren, die aus allen Teilen der Welt kommen, Botschafter oder Zeugen Jehovas sind und nicht alle Juden waren ihre Geschiche. Einige handeln von den Zuständen im KZ, wo es einen griechischen Boxer gab,einen spanischen Freihitskämpfer, der von JorgeSeprun geschützt wurde. Der Dichter H. G. Adler, dessen Gedichte ich gelesen habe und die auch in der “Gesellschaft für Literatur” vorgestellt wurde, wird erwähnt, sowie Ovids Verbannung an das schwarze Meer und der Golem wird natürlich auch erwähnt.

Nach und nach erweitert sich auch der Bewegungsradio der elf Buchwaldianern, am 11. April, dem Befreiungstag dürfen sie sogar von einem Kamerateam begleitet ins KZ fahren. Da kommt auch der alte Franco mit dem Krankenwagen hin, wird von seiner Enkelin, einer indianischen Ureinwohnerin, wie man das jetzt ja sagen muß, begrüßt. Es gibt auch eine junge Holländerin, die nach Anne Frank benannt wurde und ihrer Namensvetterin, beziehungsweis deren Vater Otto, eher kritsch gegenübersteht und eine schöne Geschichte von einem Jungen, der operiert werden mußte, aus der narkose dann hinuausgeprügelt wurde und enttäuscht war, weil er da gerade in dem Lager Bergen Belsen, wo er sich befand, von Zwetschenknödeln träumten.

Franco kommt auch zurück und erzählt seine Geschichte, die Quarantäne ist herum, die Arztin betont, daß man noch so wenig über dieses Virus weiß, rät allen sich weiter untersuchen zu lassen und wundert sich, daß von den zwölf nur einer erkrankte und dieanderen negativ waren. Dann verläßt man wieder Buchenwald und kehrt zurück in sein Leben und ich denke, daß die Verknüpfung zwischen Buchenwald und Corona eine interessante Variante ist, die sich da der alte Dichter über die Pandemie ausdachte oder, wie er sie für seine Themen verwendete.

Ein Mann liest Zeitung

Jetzt kommt ein historisches Zeitdokument, ein Roman, der wahrscheinlich wieder als Zeitbericht zu bezeichnen wäre, des von 1886-1970 lebenden Journalisten Justin Steinfeld, der in Hamburg geboren, nachdem er in Schutzhaft 1933 zuerst nach Prag und danach nach England emigirierte, wo er verstarb.

Der Roman der 1984 erstmals von seinem Neffen im “Malik-Verlag” herausgegeben wurde, beschreibt sehr viel Autobiografisches. Anmerkungen, die sich auf den Autor beziehen, gibt es auch und er beschreibt eigentlich nichts anderes, als, daß ein aus Deutschland geflohener Geschäftsmann, den er Leonhard Glanz nennt, in einem Prager Kaffeehaus sitzt, dort einen Kaffee und eine Semmel bestellt und dabei Zeitung liest.

Das passiert mit Anmerkungen und Nachwort des jetzigen Herausgebers versehen, auf fast fünfhundert Seiten und Glanz oder Steinfeld kommen dabei vom Hundersten ins Tausendsten, so daß dem Leser der Bart sogar bis in die Marmorplatte des Kaffeehaustisches hineinwächst.

Der jüdische Geschäftsmann wurde von dem Prokurist, den der Vater protegiert und eingestellt hat, enteignet und in Schutzhaft gebracht.

Jetzt sitzt er da und studiert die Annoucen, darf als Emigrant aber nicht arbeiten. Er studiert auch die Announcen die Wiener Freudenmädchen damals in Zeitungen aufgaben “Junge Dame sucht..”, weil prostitution ja verboten war, die die Nazis dann wieder einführten.

Er schreibt von seiner Schwester, die Klavierspielen lernten, sich verheiratete und sich dann als Kulturförderin mit eigenem Salon betätigte, seine Mutter kommt vor, die als Urne neben dem Vater liegen wollte, aber nicht konnte, weil dieses nicht auffindbar war, die Mutter schwärmte von Schiller und Goethe, der Sklavenhandel kommt vor und viele politische gesellschaftliche und andere Anspielungen, die damals wohl in den Zeitungen standen.

Der Stil wechselt vom expressionisch experimentellen in Gedichtform ab, es kommt zu einem Dialog mit dem Ich, was das Lesen trotz des umfangreichen Anhanges wohl ein wenig schwierig macht.

Es ist aber trotzdem, als sehr Interessantes, weil als sehr authentisches Zeitdokument zu verstehen.

Im Nachwort wird das Leben des Autors erklärt. Er kam aus einer Handelsfamilie, sollte eigentlich auch Geschäftsmann werden, wurde dann Redakteur und schloß sich einer Theatergruppe an.

Fotos von ihm, den Zeitschriften, die er herausgegeben hat und seinen Schwestern, gibt es im Mittelteil auch.

Immer wieder werden kulturelle Anspielungen und kritische Bemerkungen über das Kulturgeschehen gemacht. Hans Henny Jahnn, mit dem er wohl befreundet war, wird erwähnt.

Der Anschluß Österreichs an Deutschland, der Kardinal Innitzer und seine Einstellung zu den Nazis wird erwähnt und der Einmarsch der deutschen Truppen in Prag. Da ist Steinfeld nach England geflohen.

Sein Protagonist, der auch, um einen Teppich betrogen wurde, hat es da viel schwerer, weiß nicht, ob er das tuen soll, kommt auch wohl zuspät, weil die Nazis schon die Brücken besetzt haben, als er es doch tun will.

Das Buch schließt mit der Bemerkung “Ende des ersten Teils”

Einen Zweiten hat es wohl nicht gegeben. Jetzt ist das Buch bei “Schöffling & Co” von Wilfried Weinke herausgegeben worden, der auch das Nachwort geschrieben hat.

Der Pianist

Jetzt kommt das Buch auf dessen Lesen ich schon lang gewartet habe, nämlich das 1946 nach dem Krieg geschriebene Buch “Mein wunderbares Überleben des 1911 geborenen und 2000 verstorbenen Pianisten, des Warschauer Rundfunks Wladyslaw Szpilman.

Das Buch wurde von Roman Polanski verfilmt und 2002 mit der goldenen Palme in Canne ausgezeichnet. Irgendwann habe ich den Film mit dem Alfred gesehen und mir später auch öfter die englische Fassung in You tube angeschaut und das vom Sohn mit einem Nachwort von Wolf Biermann und mit Bildern sowohl der Familie Szpilman, als auch Bilder vom Film versehene Buch, vorigen Juni im Bücherschrank gefunden.

Bei Buch Verfilmungen ist es ja immer die Frage, ob das Buch oder der Film besser ist, mit Ausnahme eines Donna Leon-Krimis würde ich sagen immer das Buch.

Hier würde ich meines beides ist gleich stark, obwohl ich in das Buch vielleicht am Anfang schwer hineingekommen bin, denn es beginnt nicht mit der Kindheit des Erzählers, sondern mit dem Krieg, als Polen von den Deutschen besetzt wurde. Da ist das erste Kapitel, vor allem für eine, die den Inhalt schon sehr genau kannte, ein wenig langweilig und spannend ist auch, daß Polanski offenbar nicht sehr von der Vorlage abgewichen ist.

Der 1911 Geborene der, in Berlin studierte, dann nach Warschau zurück ging, dort im polnischen Rundfunk Klavier spielte und mit seinen Eltern, seinen zwei Schwestern und einem Brudern lebte, beschreibt die Veränderungen, die der Krieg mit sich bringt.

Es werden zuerst Verordnungen erlassen, dann das Warschauer Ghetto errichtet, die Familie Szpilman lebt schon in dem Teil der Stadt, muß also nicht ihre Wohnung wechseln. Dann werden die Juden in den Osten verschickt. Wladyslaw Szpilmann wird von einem jüdischen Polizisten am Abtransport gehindert. Seine gesamte Familie kommt um. Er verbleibt im Ghetto flüchtet, dann als dort niemand mehr ist, auf die andere Seite, versteckt sich in mehreren Wohnungen, bis er, als schon ganz Warschau zerstört und er halb verhungert auf der Suche nach Nachrung von einem deutschen Offizier entdeckt wird, der ihm eine Zeitlang mit Nahrung versorgt, bis er aus der Stadt abgezogen wird und dann bald die Sowets kommen.

Inzwischen weiß man, Wladyslaw Szpilman wußte es nicht, obwohl er von einem Kollegen hörte, daß ihn ein Kriegsgefanger nach Szpilman fragen hörte, daß es sich um den 1895 geborenen Lehrer und Hauptman Wilm Hosenfeld handelte, der mehreren Juden das Leben rettete und 1952 in einem sowetischen Lager in Stalingrad verstorben ist.

Es gibt in dem Buch Auszüge aus seinem Tagebuch, das auch extra veröffentlicht wurde, ich habe, glaube ich, auch in Leipzig einmal eine Leseprobe davon gefunden.

Sehr interessant in Zeiten, wie diesen, das Buch zu lesen, das unmittelbar nach dem Krieg geschrieben, durch seine starke Sprache sehr beeindruckend ist.

Irgendwo steht auch der Satz, daß Wilm Hosenfeld sich schämte, ein Deutscher zu sein, jetzt höre ich oft von den jungen Patrioten, daß sie sich dafür nicht schämen wollen.

Brauchen sie auch nicht, wenn in den neunzehnhundertneunziger Jahren oder noch viel später geboren wurden, vielleicht sollten sie aber das Buch lesen, um sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und sie zu verstehen. Das kann nie schaden, auch wenn der Groß- oder vielleicht schon Urgroßvater ein Wehrmachtssoldat war.

Berliner Briefe

Jetzt kommt wieder ein Buch einer mir bisher unbekannten Autorin, die sich in den Neunzehnfünfzigerjahren das Leben genommen hat, sich vorher aber scharf und pointiert mit dem Holocaust auseinandersetzte.

Die 1918 in Berlin geborene Susanne Kerckhoff hat es in Deutschland getan, die 1904 in Wien geborene Friederike Manner, deren “Lesen- Aber was?”, ich einmal im Schrank gefunden habe, die sich 1956 das Leben nahm, tat es in den “Dunklen Jahren”, 1948 erschienen, 2019 wieder aufgelegt.

Ich war bei der Präsentation in der “Gesellschaft” und bevor ich zu Susanne Kerckhoff und ihrem eigentlich sehr dünnen Buch komme, möchte ich vielleicht noch Irene Harand erwähnen 1900 in Wien geboren, 1975 in New York gestorben, die sich mit “Sein Kampf” schon 1935 mit Adolf Hitler auseinandergesetzt hat.

Und das kleine dünne Büchlein, die “Berliner Briefe”, 1948 in Berlin erschienen, jetzt von dem kleinen feinen Verlag “Das kulturelle Gedächtnis” herausgegeben wurde, von dem ich schon “Die Wunderkammerder deutschen Sprache” gelesen habe, ist insofern ein Novum, da es am vorigen Freitag im “Literarischen Quartett” vorgestellt wurde, da lag das Buch schon am Harlander Küchenschreibtisch, denn der Verlag hat mich angeschrieben, mich von der Vorstellung informiert und es mir dann noch rechtzeitig zugeschickt, so daß ich das “Literarische Quartett” einmal schon sehen konnte, noch bevor mich Wolfgnag Tischer, wie es sonst der Fall ist, in seinem “Literaturcafe” darauf aufmerksam machte, denn ich habe ja keinen Fernseher und bin auch nicht in Deutschland zu Hause.

Das Buch ist ein Briefroman, besteht also aus fiktiven Briefen von einer Helene an einen Hans, in denen sie sich mit dem Holocaust oder dem was in Deutschland, in dem Helene und auch Susanne Kerckhoff während des Krieges geblieben ist, geschah, auseinandersetzt. Es sind dreizehn Briefe und hundert Seiten, mit einem Vorwort der Autorin und einem Nachwort des Herausgebers Peter Graf und das Buch wurde sowohl von Dennis Scheck, als auch im “Literarischen Quartett” sehr gelobt.

Peter Graf meint in seinem Nachwort, daß Susanne Kerckhoff, die Philosophie studierte, einen Buchhändler geheriatet hat, von dem sie sich scheiden ließ und auch sehr viele Unterhaltungsliteratur, sowie Lyrik geschrieben hat, bevor sie politisch wurde, keinesweg so unbekannt ist, sondern seit 1989 langsam wieder entdeckt wurde. In der DDR in der sie die letzten Lebensjahren verbrachte, wurde sie aber totgeschwiegen und das Buch ist wirklich sehr interessant und ich empfehle es zu lesen.

In den dreizehn Briefen, an den Hans, den jüdischen Jugendfreund, setzt sich Irene mit ihrer Beziehung zu den Nazis und dem was sie oder man gewußt hat oder nicht auseinander.

Ihre Vorbemerkung ist mit Dezember 1947 datiert, also eine ganz frühe Phase der Auseinandersetzung, sie erwähnt in den ersten Briefen eine Begegnung mit Hans Vater, der ihr aus Rücksicht ausweichen will, sie bleibt stehen und spricht ihn an, da versteckt er seinen gelben Stern unter seinen Hut und sie berichtet auch von einer Bemerkung ihres Großvaters, als sie ihm als Kind von einer jüdischen Freundin erzählt. Dann fragt sie sich, was man gewußt haben könnte und warum man den Führer folgte. Sie meinte, daß das wohl aus Armut geschehen sei und man wohl froh war, daß es einem dann besser geht. Nachher stand man da mit seinen Schuldgefühlen und hat das alles nicht gewußt und sie meint auch, daß die einfachen und ungebildeten Menschen auch nicht die geistigen Möglichkeiten hatten, sich mit all dem auseinanderzusetzen. Sie rechnet auch mit der Kirche und ihrer Rolle ab, erklärt was sie von der SPD und der SED hält, in die sie nicht eingetreten ist und bezeichnet sich selbst als eine aktive Mitläuferin, die den Krieg nur überleben konnte, daß sie halt der “Winterhilfe” ein paar Mark mehr spendete, um so den Verdacht zu entgehen, vielleicht feindsender zu hören.

Interessant und schade, daß das Buch so unbekannt geblieben ist, schade auch, daß es in einem eher kleinen Verlag erschienen ist und fein, daß es im “Literarischen Quartett”, so prominent, wenn auch sehr spät am Abend und da wahrscheinlich wieder im Verborgenen vorgestellt wurde und ich finde auch, die hier erwähnten Frauen, die sich schon sehr früh mit dem Thema Holocaust auseinandersetzten, sehr interessant.

Irene Harand war eine sehr konservative bürgerliche Frau, da wurde ihr Buch wohl von den Linken abgelehnt und die DDR hat auch mit der Auseinandersetzung der jungen Susanne Kerckhoff, die sich 1950 das Leben nahm, auch keine große Freude gehabt. Es sind aber in Zeiten, wie diesen, wo die Patrioten erwachen, ihren patriotischen Widerstand leisten und von der Auseinandersetzung mit der Geschichte, nichts hören wollen, vielleicht besonders wichtig auch diese feinen leisen Stimmen zu hören, so danke ich dem Verlag sehr mich auf das Buch aufmerksam gemacht zu haben, das sonst vielleicht an mir vorbeigegangen wäre, obwohl ich mir die “Literarischen Quartett-Folgen” eigentlich sehr regelmäßig und interessiert anhöre.

Mendelssohn auf dem Dach

Nun kommt das zweite Buch das nach Leipzig mitnehmen habe wollen, denn die Tschechei ist da ja das Gastland und der 1900 in Prag geborene und 1959 dort verstorbene Jiri Weil ist ja ein Tscheche und sein 1960 in Prag posthum erschienener Roman, der 1992 bei “Rowohlt” auf Deutsch herausgekommen ist und jetzt bei “Wagenbuch” wiederaufgelegt wurde, ist eine Rarität, erzählt es doch die Okkupation der Nazis in Tschechien und es beginnt höchst satirisch bis es dann im Untergang endet.

Denn Reinhard Heydrich, der 1942 in Prag bei einem Attentat umkam, ist dort Reichsprotektor und außerdem ist er ein musikliebender Mann. So geht er abends in das Konzerthaus, das ihm zu Ehren Don Giovanni spielt und als er beim Weggehen auf das Dach schaut, entdeckt er eine Mendellsohn-Staue und fängt zu toben an.

Der Jude muß weg. Also schickt er einen Magistratsbeamten mit zwei Gehilfen dorthin, um die Statue entfernen zu lassen, nur stehen keine Namen auf den Büsten. So kommt der Beamte auf die Idee das Wissen anzuwenden, was er bei seinen Schulungen lernten.

Der mit der größten Nase muß der Jude sein. Nur leider ist das Richard Wagner, den sogar er erkennt und nun ist Rat teuer und man weiß auch nicht so recht, wen man um Hilfe holen soll, weil ja alle vor der Gestapo Angst haben, die sehr brutal zu reagieren pflegt.

Das geschieht schließlich doch. Die richtige Büste wird heruntergeholt und versteckt, bis der Spuk vorbei ist und der zieht sich nur langsam voran. Die Juden müssen ein Museum mit gestohlener Raubkunst anlegen. Der ehemalige Pförtner der jüdischen Gemeide muß die geraubten Möbel schleppen und ein Jude stirbt zu erst einmal im normalen, dann im jüdischen Spital in das er todkrank überstellt wird.

Die Statuenmetapher wurde hier gewählt und so erstarr sein Herz zu Stein. Er soll aber für die beiden versteckten Kinder Adela und Greta seiner verstorbenen Schwester sorgen, das besorgt ein Freund für ihn, bis die Pflegeeltern weggeholt werden, die verängstigen Kinder sich auf die Straße begeben und dann von der Gestapo zu Tode geprügelt werden, dabei in ihrer Angst ein Lied singen, aber die, die sie versteckt haben, nicht verraten.

Inzwischen werden die Juden abgeholt und entweder, wenn sie priveligiert sind, in die Festungshaft nach Theresienstadt oder gleich in den Osten gebracht, wo sie das Gerücht ängstigt, daß sie dort in den “Schornstein gejagt” werden.

Sowohl satirisch, als auch scharf pointiert, zeichnet Jiri Weil, der 1933 als überzeugter Kommunist in den Osten ging, zwei Jahre später in die Heimat zurückkehrte und die NS-Zeit nur überleben konnte, weil er seinen Selbstmord vortäuschte, das Bild von der besetzen Stadt und der Judenvernichtung dort.

In der Nachkriegszeit hat er im jüdischen Museum in Prag gearbeitet und dort auch, wie im Anhang steht, Klaus Wagenbach kennengelernt, dessen Verlag jetzt seinen, glaube ich, dritten Roman nochmals auflegte, den ich sehr empfehlen kann, weil er alle, die das vielleicht vergessen haben oder nicht hören wollen, sehr eindringlich vor Augen führen kann, wie es damals war.

Deine grünen Augen

Jetzt kommt, während die Bücher der Herbstproduktion, die erst im Juli, August, September besprochen werden können im Badezimmer auf mich warten, wieder etwas von der Backlist.

Eines der älteren Bücher, das ich unbedingt lesen wollte, obwohl ich gar nicht so genau sagen kann,  wie es zu mir gekommen ist, wahrscheinlich habe ich es mir vor drei Jahren, kurz bevor wir nach Leipzig fuhren, vom klinischen Mittag kommend, in der ehemaligen “Buchlandung” in der Lerchenfelderstraße, um einen  Euro gekauft, vielleicht habe ich es auch in einem der Schränke gefunden.

Arnost Lustig “Deine grünen Augen” und gekauft oder genommen habe ich es mir höchst wahrscheinlich, weil mich der Name an Gila Lustiger erinnerte, von der ich einmal, langs lang ists her, etwas gelesen habe.

Das wäre aber wieder eine legasthene Verwechslung gewesen, denn Arnost Lustig wurde 1926 in Prag geboren, überlebte die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Buchenwald. Nach dem Krieg kehrte er in seine Heimat zurück und arbeitete als Rundfunkredakteur und Schriftsteller. Aufgrund seiner führenden Rolle imPrager Frühling flüchtete er 1968 nach Israel, steht im Klappentext.

“Wikipedia” entnehme ich, daß er 2011 in Prag gestorben ist und ein Schriftsteller und Publizist war, der sich in seinen Werken hauptsächlich mit dem Holocaust beschäftigte. In den USa scheint er auch gelebt zu haben.

“Deine grünen Augen” erschien 2000 im “Berlin Verlag”, die Originalausgabe kam 2000 in Prag heraus und handelt in Auschwitz kurz vor Ende des Krieges, sowie in Ungarn und Prag kurz danach.

“Hanka ist fünfzehn und Jüdin. Ihre Familie ist in Auschwitz umgekommen. Sie selbst gerät als jüngstes Mädchen ins Feldbordell Nr. 232 Ost. Ein erschütterndes Zeitdokument und eine Huldigung an den Lebenswillen. Mit beinahe beängstigender Ruhe erzählt Arnost Lustig von den Möglichkeiten der Selbstbehauptung in einer humanen Welt”, steht am Buchrücken und die Geschichte, die man eigentlich nicht erzählen kann, wie ein “Amazon-Rezensent” schreibt, wirkt, in seiner knappen,”ruhig”, wird es in der Beschreibung genannt, so, als könnte sie auch knapp nach dem Krieg geschrieben worden sein. Vielleicht ist es  auch die Erinnerung, die Arnos Lustig, das Unerzählbare in  eindringlich dichten Bildern und einer sowohl sehr direkten, als auch dissoziativen Erzählweise beschreiben läßt, die teilweise sehr experimentell  wirkt.

So gibt es immer wieder Stellen, wo beispielsweise “Fünfzehn: steht und dann wahrscheinlich ebensoviele Namen aufgeezählt werden “Hermann Hammer, Fritz Blücher, Reinhold Wuppertal…” etcetera.

Das sind wahrscheinlich die Wehrmachtssoldaten, die eine “Feldhure” pro Schicht zu bedienen hatte und Hanka ist mit ihren  Eltern und ihrem Bruder zuerst nach Theresienstadt, was sie noch, als angenehm und menschlich empfand, dann Auschwitz-Birkenau gekommen, dort wurde selektiert. Der kleine Bruder wurde sofort ins Gas geschickt, der Vater hat sich, um seine Würde zu bewahren an den Zaun geworfen, die Mutter hat sie auch verloren. Sie wurde sterilisiert und ist in eine medizinische Baracke zu einem Dr. Krueger geraten, der Experimente machte. Der wurde versetzt und Hanka gibt sich als Arierin aus, um, um ihr Leben zu retten, in das besagte Feldbordell zu kommen.

Hanka wird am Bauch tätowiert und muß bei Madame Kulikowa auch Offiziere bedienen, den Hauptmann Hentschel und den Obersturmführer Stefan Sarazin, der sich von ihr ans Bett fesseln läßt.

Es gibt außer ihr noch ein anderes jüdisches Mädchen Estelle, die eigentlich Esther heißt, mit ihr kann sie  kurz vor der Evakuation, wo alle erschossen werden, fliehen und kommt zuerst nach Ungarn, spter nach Prag, wo der Erzähler dessen Frau sie später werden wird, sie kennenlernt.

“Mit fünfzehn, fast schon sechzehn, hatte Hanka reine Haut, glänzendes Haar – sorgfältig gebürstet und immer wieder nachgewachsen und wunderbare grünen Augen.”, lautet der letzte Satz.

Die werden in dem nicht chronoligisch erzählten Roman, immer wieder erwähnt, den Soldaten und Offizieren, die sie bedienen muß, fallen sie auf. Hanka ist die jüngste in dem Bodell, gibgt sich aber, um zu überleben, als achtzehn fast neunzehn aus, wenn die Offiziere mißtrauisch auffällt, daß sie so jung ausschaut.

Die “Bordellstellen” werden immer wieder mit den “Nachherstellen”, wo Hanka in Ungarn beispielsweise bei einem Rabiner unterkommt, der ihr zu essen und die Kleider seiner ebenfalls umgekommenen Frau und Tochter gibt und der, ob dem was geschenen ist, fast den Verstand verliert und immer wieder Fragen stellt, wie so etwas geschehen und wie Gott das zu lassen konnte, abgelöst

“Warum haben sie das getan?”, flüsterte er. “Wie haben sie das tun können?”

“Worin verstand das Vegnügen beim Töten von Menschen, die man nicht kannte?

An wen konnte er sich wenden, an welches Gesicht Gottes? An den Gott der Unendlichkeit? Den Gott der Weisheit? Den Gott der Rache? Den Gott der Blitze? Oder den Gott der Gnade? Den Gott der Güte? Den Gott der dreißig Pfade zur Weisheit?  Dem Gott der fünfzig Tore zum Licht? Dem Gott mit dem Flammenschwert? Den Gott des Bundes?”

“Du hast ein Recht darauf sie zu hassen”, sagt der Rabbiner zu Hanka.

“Ich weiß nicht, ob ich das will”, antwortet sie ihm.

“Was mich angeht, darfst du sie hassen” sagt er.

“Das will ich aber nicht.”

“Niemand könnte es dir verdenken.”

“Das interessiert mich nicht.”

“Niemand würde dir einen Vorwurf machen.”

“Ich habe keinen Hass in mir” sagt sie.

Eine seltsame Situation. Während sie nur ans Essen dachte, suchte der Rabbiner nach Antworten auf etwas, das er nicht begreifen konnte.”

“Über Auschwitz zu schreiben, sei ein unmögliches Unterfangen behaupten viele Schriftsteller der Nachkriegszeit und unterließen es deshalb. Mit deinen grünen Augen konnte Arnost lustig den Gegenbeweis jedenfalls nicht antreten”, behauptet ein Zweisternrezensent bei “Wikipedia”, dem das Buch und sein Inhalt wohl zu direkt und nahegehend war.

Und es ist wahrscheinlich auch richtig, daß man das Ungeheuerliche, das damals geschehen ist, wahrscheinlich nicht so einfach erfassen kann und auch das Aufschreibensehr schweirg ist. Es ist  aber trotzdem wichtig, ist das zu tun, kann man die Vergangenheit ja nur so erfassen und es ist wahrscheinlich auch die  knappe  und doch sehr deutliche Art von Arnost Lustig,  die das trotzdem möglich macht, auch wenn der Autor heute eher vergessen und das Buch wahrscheinlich schon vergriffen ist, ist es trotzdem sehr empfehlenswert, es zu lesen, auch wenn es dem Leser vielleicht genauso schwer, wie dem Rabbiner Gideon Schapira fällt, das Geschehene  zu begreifen.

“Arnost Lustig schreibt über den Holocaust mit der gelassenen Autorität, die einer großen Bescheidenheit entwächst. Die kluge Sachlichkeit des Tons ist unvergleichlich”, hat die “Washington Post” noch auf den Buchrücken geschrieben.

Unter der Haut

Jetzt kommt, wenn man so will, das dritte Highlight von 2018 und es ist vielleicht eine Antwort auf die Blogbusterdiskussion, daß man da nur Bücher vorschlagen kann, die wirklich das ganz besondere sind, denn ein solches ist offenbar im Vorjahr auf die Longlist gekommen und hat dann, wie ich vor kurzem hörte, schon im März, also noch vor der Entscheidung, einen Verlag gefunden.

Was ich nicht wußte, so daß ich bisher dachte, daß es vielleicht Tobias Nazemi und Dennis Scheck nicht so ganz berühren konnte, es aber trotzdem beim “Piper-Berlin Verlag” erschienen ist und mich hat es, schreibe ich gleich, berührt und denke einen so frischen und ungewöhnlichen Ton habe ich schon lange nicht gelesen, denn der 1976 in Köln geborene Gunnar Kaiser, der auch Blogger ist und den ich schon von seinem “Kaiser-TV” kenne, versteht es, glaube ich vorzüglich auszusparen, durch Widersprüche hinwegzugleiten und immer wieder ein Stück voraus zu sein.

So ist das fünfhundert Seiten Ouvre ein sehr vielschichtiges Buch, das und das ist sehr interessant, in Amerika spielt und für mich ganz besonders wichtig, es geht um Bücher.

Um das Sammeln, um die Besessenheit und die Bibliophilie. Es geht um das Nazideutschland und die Frage, ob ein Jude morden kann?

So ganz habe ich das auch nicht mitgekommen, denn Gunnar Kaiser baut ja in sein Ouvre viele Schlefen ein und es ist auch ein Krimi.

Vielleicht hätte es deshalb den Blogbuster nicht gewonnen. Denn dort sind ja die Genres ausgeschlossen. Allerdings ein sehr literarischer. Eine Parodie auf die große amerikanische Literatur, die ich ja nicht so mag, ist es vielleicht auch und natürlich und da können die politisch korrekten Bloggerinnen vielleicht aufschreien, eine über den Sex oder die Jagd der jungen Männer nach den Mädchen mit den kurzen oder längeren Röcken.

Ein vielschichtiges Buch in verschiedenen Zeitebenen und verschiedenen Teilen geschrieben und, was mich etwas verwirrte war, daß der erste Teil nach dem zweiten folgte. Aber halt, es dann der zweite Teil davon und der Roman ist aus zwei Perspektiven geschrieben.

Da gibt es einmal in New York des Jahres 1969, den erfolglosen jüdischen Literaturstudenten Jonathan Rosen, der jagt natürlich, wie kann es anders sein, den Röcken nach und trifft dabei einen bibliophilen Sammler, der gerne klassische Musik hört, namens Josef Eisenstein.

Mit dem begibt er sich, sowohl auf die Frauen- als auch auf die Bücherjagd und schläft, glaube ich, auch mit ihm einmal in einem Keller eines Antiquariats auf Büchern und dann, da ist man in das Buch vielleicht noch nicht so hineingekommen, geht es in einen anderen Kontinent und bis in das Jahr 1918 zurück und in das “Leben eines Verbrechers”, denn da wurde Josef Eisenstein beborren. Der Vater hieß Samuel und war ein bedeutender Literaturwissenschaftler. Die Mutter Fanny  Schauspielerin und die spanische Grippe hat den kleinen Josef sehr geprägt, denn um ihn herum sterben seine Ammen und auch andere Frauen und es geht schon das Gerücht herum, der kleine Josef könnte vom Teufel besessen sein.

Der kommt aber vielleicht in anderer Form in den Dreißigerjahren nach Berlin und da die Mutter nach Wien ins Theater in die Josefstadt geht, kommt Josef zu einer Halbtante nach Berlin, nennt sich fortan Josef Schwarzkopf und entdeckt in dem Gymnasium, das er besucht, die Bibliothek und dort im Hinterkammerl, die Bücher jüdischer Autoren und auch das seines Vaters, die er zu retten beginnt.

Das heißt, er fängt an Bücher zu stehlen, geht da in Antiquariate und berühmte Bibliotheken und fängt später an, das Buchdruckhandwerk zu erlernen.

Mit dem Sterben geht es weiter. Zuerst ist das vielleicht nur ein Zufall, daß ein Mädchen mit einem wertvollen Buch ins Wasser fällt. Dann macht es Josef systematischer und geht “unter die Haut”, denn die kunstvollsten Bücher sind vielleicht mit Frauenhaut gebunden und da Gunnar Kaisers nicht an den skurillen Details spart, übt sich der Meister erstmals an Hitlers “Mein Kampf” und da könnte man sich natürlich fragen, wieso dieses Buch in den Neunzehnhundertdreißigerjahren schon restauriert werden mußte?

In New York in das wir wieder zurückgehen, werden nun auch Frauenleichen ohne Haut gefunden und dann geht es wieder ein paar Jahrzehnte weiter und zwar nach Israel, wo Jonathan Rosen, der inzwischen  literarische Texte geschrieben hat und wahrscheinlich auch erfolglos versuchte, den großen amerikanischen Roman zu schreiben, in einen Kibbuz lebt und da bekommt er 1990 Besuch von einer schönen Frau. Einer ehemaligen Polizistin, die Josef Eisenstein auf der Spur ist und in Jonathan Rosen einen Zeugen, nämlich, den einzigen, der ihn erkennen kann, vermutet und überredet ihn mit ihr nach Argitienen zu fliegen, wo sie  in einem überschwemmten Hotel einer ehemaligen deutschen Kolonie Eisensteins Leiche finden und ein Buch, daß Rosen mit sich nimmt.

“Ich ziehe das Buch aus meiner Tasche, lege es auf mein Knie und auf ihres. Der Einband schimmert tiefrot im Schein der nacht. Ich befühle es lange, schteichle die weißen Buchstaben. Dann öffne ich die erste Seite.”

So endet Gunnar Kaisers Debutroman, den ich auch schon für den entsprechenden Preis vorgeschlagen habe und das mich einmal wirklich berührte. Mal sehen ob es auf die Shortlist oder die Longlist des dBps kommt?