Putin im Wartezimmer

Als ich an meinen “Ukraine-Blues”ö schrieb und da Schwierigkeiten hatte, mir Wladimir Putin in einem Marmeladeglas vorzustellen, beziehungsweise fürchtete, daß die diesbezüglichen Geschichte naiv oder kitschig werden könnte, habe ich das Angebot bekommen, ein Buch namens “Putin im Wartezimmer” zu lesen und ich dachte wui, das könnte mir ein Vorbild sein oder da könnte ich eine Idee bekommen, wie das die anderen machen und habe mir das Buch aus dem “Unken-Verlag” bestellt, das von der 1951 in Freiburg geborenen Ärztin Lou Bihl geschrieben wurde.

Da habe ich dann ein ganzes Paket, bestehend, aus Süßigkeiten, einem Plakat, einer Tasche und einigen Leseproben dazu bekommen und das Buch jetzt gelesen.

Meine Putin-Geschichte kann ich anmerken, ist im Rohtext fertig, sehr kurz geworden, um die Geschichten habe ich mich wohl ein wenig herumgedrückt und eine richtige Antwort habe ich auch nicht bekommen, aber ein sehr interessantes Buch gelesen, in dem Wladimir Putin gar nicht vorkommt.

Zumindest nicht als reale Personl Er sitzt nicht im Wartezimmer und dort sitzt eigentlich überhaupt keiner. Spielt das Buch in monatlichen Abständen von Februar 2022 bis Oktober doch in einer Diätgruppe einer Ärztin, die über ihre Patienten ein Buch schreiben will.

“Politischer (Arzt) Roman ist die Genrebezeichnung und Daniel Horowitz hat das Ganze sehr schön illustriert.

Das Buch ist in zwei Perspektiven geschieben und hat zwei Ich-Erzählerinnen. Einmal, die namenlose Ärztin, Chefin genannt, die das Alter-Ego der Autorin sein könnte und dann, die der syrischen Putzhilfe und die Ärztin macht, wie schon erwähnt, eine Diätgruppe, die von einer Hand voll übergewichtiger Patienten besucht wird. Da gibt es eine Kira, einen Kevin, einen Professor, eine Frau Luxner, einen Politiker, eine Frau Glueck, etcetera und da die Gruppe im Februar beginnt, wird, bevor die Frau Doktor kommt, viel politisiert und da werden die Themen, die das Land bewegen besprochen. Darf man Waffen liefern?, braucht es Atomstrom?, hat Putin Parkinson?, ecetera.

Das Corona-Thema wird auch thematisiert. Alle tragen natürlich Masken und Amira, die Putzfrau soll der Frau Doktor auch darüber berichten und die berichtet dann von ihren Patienten.

Da geht es um die Frage, ob Frau Luxner Alzheimer hat? Kevin der sich in eine Rauferei verwickelt wird behandelt. Kira hat Blut im Stuhl, dann aber nur rote Rüben gegessen und so geht es durch das Jahr und die politische Situation.

Am Schluß jedes Kapitels wird dann das Thema vorgestellt, das in der Gruppe behandelt werden soll. Im August geht es in die Sommerpause und das wird gebührend in einem Restaurant gefeiert und da dürfen dann Schnitzel und Buletten gegessen werden.

Das Ganze wird durch den Tod der Frau Luxner überschattet, so daß das Scchlußkapitel auf einen Friedhof und nicht mehr im Wartezimmer spielt und ich habe wieder ein sehr interessantes Buch gelesen, das in den Arbeitsalltag einer praktischen Ärztin, die ein bißchen, die Supermama ist, einführt und dann auch, wenn vielleicht auch auf eine etwas konservative Art und Weise in die politische Situation einführt und das wäre auch der Kritikpunkt, denn der Tonfall ist manchmal etwas altmodisch, was bei einer älteren Ärztin nichts macht, bei der jungen Flüchgtlingsfrau klingt das aber etwas unglaubwürdig.

Trotzdem kann ich das Lesen des Buches sehr empfehlen, weil ich die Art das Thema zu behandeln, sehr originell und auch gelungen fand.

Als wir Vögel waren

Jetzt kommt ein Buch von dem ich schon bei einem Diogenes-Bloggertreffen hörte. Nämlich “Als wir Vögel waren” der 1980 in Trinidad geborenen Ayanna Lloyd Banwo, die heute in London lebt und ihr Debut ist sehr interessant und auch sehr magisch.

Geht es doch, um die Toten und einen Totengräber, mämlich um Emmanuel Darwin, der seine Mutter verläßt, seinen Vater sucht und nach Port Angeles geht und dort Totengräber auf einen Friedhof wird. Das ist offenbar sozial nicht sehr anerkannt. Er schämt sich auch dafür, bekommt aber keinen anderen Job und wird auch gleich in die krummen Geschäfte, der anderen Totengräber verwickelt und er lernt Yejide kennen, deren Mutter gestorben ist und das ist auch sehr magisch.

Denn das passiert nicht in der Realität sondern in Träumen und Yejide hatte ein schlechtes Verhältnis zu ihrer Mutter Petronella und ich habe ein interessantes Buch mit einem “Schauplatz voller Magie und Geheimnisse” gelesen, wie am Buchrücken steht.

“Eine literarische Liebesgeschichte, literarisch, unmittelbar und bezaubernd”

Und mehr noch, ich bin dadurch gleich auf die Idee für etwas Neues gekommen, obwohl ich ja, nach wie vor noch ziemlich lustlos an meinen “Ukraine Blues” korrigiere.

Aber ich könnte ja auch über die Toten schreiben.

“Die Toten lassen grüßen” könnte das neue work on progress heißen. Das natürlich realistisch und weniger magisch, als das “Diogenes Buch” der Ayanna Llloyd Banwo werden wird. Ich dachte, da gibt es eine Julia, deren Bruder Julian bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Vielleicht war er auch betrunken und stand unter Drogen und Julia, die Lehrerin ist, lebt und betreut ihre demente Großmutter Beate und dann lernt sie auf einer Geburttagsparty ihrer Freundin Mira, einen Fabian kennen, eine Kulturjournalisten, der ihren toten Bruder zum Verwechseln ähnlich sieht und dann ist auch die Frage, was das bei der Großmutter ausläst, die ihn für ihren Enkel hält?

Spannend, spannend und wie man sieht, bin ich sehr kreativ und gebe das Schreiben nicht auf, obwohl ich ja immer behaupte, ich bin schon ausgeschrieben. Die Ideen kommen aber schon und jetzt kann ich noch herausbekommen, ob ich Ayanna Lloyd Banwo vielleicht in Leipzig treffe?

Der heutige Tag

“Ein Stundenbuch der Liebe”, der 1940 geborenen Helga Schubert, der DDR-Autorin, die auch Psychologin und oder Psychotherapeutin ist, in den Achtzigerjahren in der Jury des “Bachmannpreises” war und den dann 2020 gewonnen hat.

Daraus ist der Erzählband “Vom Aufstehen” entstanden, der auch für den “Leipiger Buchpreis” nominiert war und nun der Band in dem die über Achtzigjährige die Pflege ihres älteren Mannes beschreibt, der sie nicht mehr erkennt, im Rollstuhl sitzt und von Hospitzschwestern betreut wird.

Das Buch schuldert abwechselnd den Pflegealltag, als auch den Lebenslauf der Psychologiestudentin, die später ihren Professor Johannes Helm, im Buch Derden genannt, der auch malt, heiratet.

Beide waren als sie ihn kennenlernte, verheiratet und hatten Kinder und es ist erst später zu der Ehe gekommen, was wie Helga Schubert schreibt nicht so einfach war ihren Derden von seiner Frau wegzubekommen, was sie einige Wohnungstäusche kostete und ihr jetzt, wo sie ihn ja pflegen muß, immer noch durch den Kopf geht.

Sie haben dann ein Bauernhaus in Mecklenburg gekauft, wo die Pflege des alten Derden sehr aufwendig und auch sehr belastend ist und von Helga Schubert die volle Aufmerksamkeit und ganze Kraft fordert, so daß sie sich öfter in Wohnungsannauncen flüchtet und überlegt, ob es ihr einmal so wie ihren Ehemann gehen wird? Was wird dann sein, wenn sie so alt, wie jetzt Derden ist, fragt sich die um dreizehn Jahre jüngere.

“Dann sind wir da!”, beruhigt die Pflegeschwester und alles ist für den Moment gut. Der Friedhof wird ausgesucht beziehungweise die für und wieder für den richtigen diskutiert.

Magdalena, eine Achtzigjährige aus dem Lesekreis stirbt. Immer wieder rufen alte Damen an und lassen sich vergriffene Bücher schicken und die Protagonistin hat es mit ihrem Mann nicht leicht, der Selbstmordversuche vortäuscht und im Februar immer wieder behauptet, daß heute Weihnachten ist, was die Protagonistin zuerst verärgert. Eine junge Pastorin rät ihr es mit der Validation zu versuchen und eine Ärtzin nicht zu viel Kaliumtabletten zu geben, sondern den Gatten natürlich sterben zu lassen, der täglich viele Tabletten nimmt, damit er noch lebt, wenn sie dann die Beipackzettel liest, wird ihr schlecht, was die alles für Nebenwirkungen haben können.

So geht das Stundenbuch der Helga Schubert hin und her.

Die vier Kinder, die sie gemeinsam haben, putzen sich vor der Verantwortung des Vaters Pflege zu übernehmen und die beruflichen Helferinnen sind auch nicht das Wahre. Haben sie doch entweder keine Zeit, sind zu teuer oder sie würden schon kommen, aber ohne Maske, Impfung und Test, weil es “Coronanicht gibt” und das will die Autorin ihren Mann nicht zumuten.

Es ist also nicht leicht mit über Achtzig die Verantwortung für einen dementen Neunzigjährigen zu übernehmen. Da brechen Erinnerungen und Gefühle auf und was mich besonders an dem Buch beeindruckte, ist wie nahe die Demenz einer sein könnte und, daß man selber, ich bin ja auch schon fast siebzig, irgendwann davon betroffen sein könnte und die Frage, wer in einer Ehe als erster stirbt und den anderen zurückläßt oder betreuen muß, ist ja auch eine die sich stellt, wenn man sie nicht, wie das vielleicht auch passiert, verdrängt, weil man davon nichts wissen will.

Also das Buch lesen, würde ich raten, weil es sehr interessante Einblicke auf das Leben im Alter gibt.

Monde vor der Landung

Das zweite Buch Belletristik Buch “das für den “Leipziger Buchpreis” nominiert wurde, “Monde vor der Landung”, stammt von dem 1982 in Graz geborenen Clemens j. Setzt, der 2021 den Büchner Preis bekommen hat. Erstaunlich für einen relativ jungen Mann.

Den “Bremer Literaturpreis” hat er 2010 für “Frequenzen” bekommen und 2011 den “Leipziger Buchpreis” für den Erzählband “Die Liebe zur Zeit des Mahlstädterkindes”, erstaunlich, erstaunlich ein sehr phantasievoller und wandlungsfähiger Schriftsteller.

Sein Erstling “Söhne und Planeten” ist 2007 bei “Residenz” erschienen. Das habe ich mir dann bei dem Stattersdorfer Flohmarkt gekauft und war erstaunt über die Tiefgründig- und Vielschichtigkeit des jungen Autors, die ich auch später immer wieder bemerkte.

Als Angelika Reitzers “Buch “Unter uns” erscheinen ist hat er es moderiert. Da war ich im “Phil” , auf der “Buch-Wien” habe ich in gehört und einige seiner Bücher gelesen.

“Die Stunde zwischen Frau und Gitarre” , 2015 war für den dBp “nominiert da habe ich schon “Buchpreis” gelesen.

Bei den “O-Tönen” habe ich ihn gehört, sein Erzählband “Der Trost runder Dinge” stand auf der Öst und von dem zweiten “Leipziger Buchpreis-Buch” habe ich schon in der “AS” gehört und habe es eigentlich für sehr experimentell, wenn nicht sogar für etwas verrückt gehalten und wieder ein Irrtum, denn ich würde das fünfhundert Seiten Buch für eigentlich eher konventionell geschrieben halten, obwohl die Zeit die es beschreibt, das durchaus nicht war.

Die wilden Neunzehnzwanzigerjahre könnte man unken und Parallelen zu den jetzigen ziehen und die gibt es sicherlich, denn eigentlich geht es in dem Leben des Peter Bender auch um Verschwörungstherien.

Der wurde 1893 in Bechtheim geboren. War Mathematiker, Pilot und Schriftsteller, ist 1944 in Mauthausen ermordet worden und er war Anhänger der sogenannten “Hohlwelttheorie” Das heißt, daß man eigentlich in den Paneten der Welt, dem Mond, etc lebt und hat darüber den autobiografischen Roman “Der Tormann” geschrieben, der 2021 im “Worms Verlag” erschienen ist und in Worms hat jener Peter Bender auch gelebt. Er hatte eine jüdische Frau namens Charlotte, die die Familie mit den zwei Kindern mit Sprachstunden durch das Leben brachte und die ebenfall 1944 in Auschwitz ums Leben gekommen ist.

Peter Bender war im ersten Weltkrieg Pilot und wurde verwundet und darüber hat Clemens J. Setz seinen Roman geschrieben, den man eigentlich als Biografie begreifen kann. Er beschreibt sein Leben. Es gibt zwischendurch Fotos, Zeitungsausschnitte und Ausschnitte aus dem Roman Peter Benders.

Die Hohlwelttheorie, die in den Neunzehnhundertzwanzigerahren offenbar verbreitet war, hatte auch Anhänger. Es gab Sitzungen und Vorträge und Verbindungen zu der Koresh-Gemeinde in Amerika. Bender wurde auch verhaftet. Es gab Gerichtsverhandlungen, sowie Gefängnisaufenthalte und für mich waren an dem Buch, die Verbindungen zur Jetztzeit interessant und auch die Frage, wie weit jetzt diese Hohlwelttheorie einer Psychose zuzuordnen ist?

Eine Theorie, die heute wohl als sehr verrückt erscheint. Die Zeiten damals waren es im politischen Sinn ebenfalls und ich sehe auch Parallelen zur Jetztzeit. Da man heute ja auch sofort von einem Experten mit den Worten “Ja die Erde ist eine Scheibe!”, wenn man seine Kritik an den Corona-Maßnahmen äußert.

Grabtuch aus Schmetterlingen

Das zweite Buch das in der Abteilung Übersetzung für den “Leipziger Buchpreis” nominiert wurde, ist und das ist besonders fein, ein Gedichtband und dann noch dazu eines von einer jungen Syrierin, Lina Fatah , 1989 geboren, die seit 2013 in Wanne- Eickel lebt.

Brigitte Oleschinksi und Osman Yousufi haben den Band aus dem Arabischen übersetzt und interessant ist dabei, daß das im “Pendragon-Verlag” erschienene Buch zweisprachig erschienen ist. Man kann die Gedichte also sowohl in Deutsch als auch auf Arabisch, wenn man es kann, lesen und die junge Frau, die 2017 an einem Übersetzerworkshop “Poesie der Nachbarn” in Edenkoben teilgenommen hat, hat wirklich eine erstaunlich frischte starke Sprache.

Dort hat sie auch Jan Wagner, der, glaube ich, auch einmal in Leipzig mit dem Gedichtband “Regentonnenvariationen” gewonnen hat, kennengelernt und das Vorwort zu dem Band schrieb.

Ein Gedicht, das mir natürlich besonders gut gefällt, ist das, wie sie die Corona-Situation beschreibt, obwohl ich ja immer hörte, daß Corona-Gedichte niemand hören will.

“2020”

“Ich blieb zuhause./Ich blieb im Zimmer,/Ich blieb auf der Couch liegen,/denn als ich aufstehen wollte,/zog mich eine lange Wurzel zurück./Ich grüßte Kafkas Verwandlung/und rief ihm zu, ich sei inwischen/eine Pflanze geworden/

Ich wusch mir die Hände./Ich wusch mir die Hände./Ich wusch mir die Hände/bis zum Ende vom Lied”

Toll, sage ich und finde es nur schade, daß ich das Gedicht nicht auf Arabisch lesen kann, aber hier geht es ja um die Sparte Übersetzung, also weiter durch das Buch:

“Wozu brauchen sie Gedichte/” geht es weiter.

“Ein Wort an die Geliebte/ Ein Wort an die Mutter./Ein Wort an die Angst./Eins an die Trauigkeit./Der Einsamkeit die Maske abnehmen.”

Sehr scharfzüngig und gesellschaftskritisch die Gedichte der jungen Frau, die den Frieden folgendermaßen beschreibt:

“Reich uns die offene Hand:/sagt der Feind und schließt seine zur Faust/ Reiß dich zusammen:sagt die Kugel auf dem Weg durch den Körper

Aus der Haut von Mitgeschöpfen/nähen wir Taschen und Schuhe./Aus den Knochen basteln wir Schmuck./Dabei sind wir allerbesten Laune./Wir sind die Geschöpfe ganz oben/in der Hierarchie, die zum Spaß töten könnte.”

Oder bei “Amazonas”

“Amazonas mächtiger Fluss,/sie stehlen deinen Namen/für ein Überangebot an Träumen.

Gestohlener Name eines Flusses,/der vor den Soja-Plantagen flieht/in einen zurückweichenden Wald.”

Und das “Letzte Lied des Kaniarienvogels” wurde für den “Ruhrpott auf der Flucht vor seinen Zechen” geschrieben. Und so weiter und so fort mit den sehr schönen beeindruckenden Gedichten, bis man zu dem Titelgebenden Text kommt:

“Deine geschlossene Lider, Engel,/bedeckt ein Grabtuch aus Schmetterlingen.”

Ich bin, wie man wahrscheinlich merken konnte von der gesellschaftskritischen starke Stimme, der in Syrien geborenen jungen Frau begeistert, der ich den Preis wirklich sehr wünsche und, die einen solchen für ihre Gedichte schon bekommen hat.

Aber hier geht es um die Übersetzung, die mich ja beeindruckt hat und mich auch etwas ratlos zurückläßt, weil ich ja eigentlich von der Autorin sehr beeindruckt bin.

Christoph Martin Wieland

Buch drei der nominierten Bücher des Leipziger Buchpreises und das erste aus der Sachbuchreihe, ist sehr dick und umfangreich.

Jan Philipp Reemtsmas Biografie über den 1733 geborenen und 1813 verstorbenen Christoph Martin Wieland, der mit Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller als Viergestirn der Weimarer Literatur gilt.

“Die Erfinder der modernen deutschen Literatur”, heißt der Untertitel, des über sechshundert Seiten Buchs, das einen dicken Anhang hat, an dem Fanny Estherhazy mitgearbeitet hat und das Ziel Reemtsma war wohl Wieland aus dem Schatten Goethes und Schillers herauszulösen und auf seine literarische Bedeutung hinzuweisen, was wohl interessant und wichtig ist, denn ich muß gestehen, außer den Namen nicht viel über Christoph Martin Wieland, den in Oberholzheim geborenen und in Biberach aufgewachsen Pfarrersohn, dessen Literatur inzwischen auch ziemlich unbekannt ist, zu wissen und sein Leben scheint, obwohl mir das Lesen des Buchs nicht ganz einfach fiel, weil Reemtsma, der ja schon seine Dissertation über Wieland geschrieben hat, viel zitiert und sehr weitläufig, bis in die Gegenwart hineinreichend interpretiert, auch sehr interessant.

So hat er sich 1750 mit seiner Cousine Sophie Gutermann verlobt, die die Verlobung drei Jahr später wieder auflöste, einen Herrn la Roche heiratete und auch Schriftstellerin war.

Er hat auch 1750, obwohl er immer Dichter werden wollte ein Jusstudium in Tübingen begonnen und ist 1752 nach Zürich gegangen, wo er Schüler des Philologen Johann Jakob Bodmer war, von dem er sich später trennte, zuerst in Zürich, dann in Bern Hauslehrer war und seine ersten Werke verfaßte. Shakespeare hat er übersetzt.

“Die Natur der Dinge – zwölf moralische Briefe in Versen”, geschrieben, den “Anti-Ovid” und auch Theaterstücke.

Bei den Frauen hat er sich den Älteren hingezogen gefühlt, sich in der Schweiz aber mit Julie von Bondeli verlobt, mit der er, wie auch mit Sophie la Roche noch länger in Kontakt blieb, bevor er wieder nach Biberach zurückkehrte, wo er als Kanzleisekretär tätig ist, komische und Verserzählungen schreibt, von seiner Haushälterin ein Kind bekommt und schließlich Anna Dorothea von Hillenbrand heiratet, vo der er drei Töchter bekommt.

Die Romane “Agathon” der in Griechenland spielt, ein philosophischer ist und von Lessing als “Erster Roman für Leser des klassischen Geschmacks” gepriesen wurde und der Bestseller ” Don Sylvio von Rosalva”, der dem “Don Quichotte” nachempfunden ist, werden geschrieben.

1769 geht er als Professor für Philosophie obwohl er das gar nicht studiert hat, an die etwas heruntergekommene Universität nach Erfurt und als der Plan nach Wien zu gehen, scheitert, verhandelt er mit der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar sehr lange, als Erzieher für ihren Sohn Carl August nach Weimar zu kommen und handelt sich da auch das entsprechende Honorar aus.

In Weimar , wo er 1813 auch stirbt, schreibt er dann Opern-Libretti, zum Beispiel den “Alcente” bekommt noch mehr Kinder, von denen nicht alle überleben und gilt in der Stadt als berühmter Mann, der viele Briefe und auch Gedichte zugeschickt bekommt und lernt Goethe, dessen “Wahlverwandten” ihm nicht sehr gefallen, Herder und auch Schiller kennen, mit denen er die schon erwähnte “Weimarer-Klassik” bildet.

Den “Teutschen Merkur” gibt er heraus und ein Kapitel ist auch dem “politischen Autor” gewidmet, hat Wieland ja die französische Revolution miterlebt und da schon lang die Alleinherrschaft Napoleons vorhergesagt, den er 1806 auch trifft.

Reemtsma wechselt immer zwischen Kapitel, die das Leben beschreiben mit denen, die das Werk beschreiben, ab.

So werden, die weiteren Romane “Diogenes”, der sich mit dem Leben des Philosophen beschäftigt, der “Goldene Spiegel” der die Herzogin bewogen hat, Wieland als Erzieher ihres Sohnes zu beschäftigen, “Peregrinus Proteus”, Agathodämon”, “Aristipp”, etc, erwähnt.

Bei den Übersetzungen hat sich Wieland mit Horaz und Cicero beschäftigt und nachdem er die Erziehungsarbeit am Kronprinzen beendet hat, übersiedelt er im März 1997 auf das Gut Oßmannstedt, weil sich in dessen Nähe eine seiner Töchter verheiratet hat. Der Kontakt mit Sophie von la Roche wird wieder aufgenommen, deren Enkeltochter Sophie von Brentano, die Schwester des Clemens, zu der Wieland sowohl ein freundschaftliches als auch ein väterliches Verhältnis hat, 1800 auf dem Gut stirbt. Sie wird auf den Friedhof begraben, wo ein Jahr später Wielands Gattin begraben wird und schließlich auch Wieland seine Ruhestädte finde, der 1803 wieder nach Weimar zurückkehrt.

Jan Philipp Reemtsma, der einen interessanten Lebenslauf aufzuweisen hat, hat in der “vorliegenden Bografie versucht, ein Bild Wielands in seiner Zeit, seine Bedeutung für seine Zeit und für die Entwicklung der deutschen Literatur zu geben, die frei von der Optilk des 19. Jahrhunderts ist”, zu geben, was ich für sehr interessant halte, mir aber trotzdem die Frage stelle, wieviele Leser sich die siebenhundert Seiten Band wohl geben werden, den ich, ich gebe es zu, an manchen Stellen auch nur überflogen habe.

Sehe ich in meinen Bibliothekskatalog, finde ich den ersten Band der gesammelten Werke, der “Aufbau Gesamtauflage”, die ich mir unter anderen als Studentin geleistet habe. Das Spätwerk “Das Hexameron von Rosenain” habe ich vor kurzem im Bücherschrank gefunden. Jetzt müßte ich das alles lesen, werde da aber höchstwahrscheinlich auch die zeitgenössische Literatur vorziehen.

Christoph Martin scheint aber auf jedenfall ein vielseitiger Mann gewesen sein, der viel geleistet hat und viele Interessen hatte.

Vertraulichkeiten

Buch zwei der für den “Preis der Leipziger Buchmesse” nominierten Bücher und das erste aus der Abteilung “Übersetzung”, ist genauso interessant, wie das “Deutschlandmärchen”, mein erstes Belletristik-Buch, denn da bin ich schon einmal über den Namen des Autors, des Verlags, des Covers und der Übersetzung aus dem Französischen geestoßen.

Max Lobes “Vertraulichkeiten”, nominiert wurde die Übersetzerin Katharina Triebner-Cabald, am Cover des Buches ist ein junger Schwarzer zu sehen und der “Akono Verlag” habe ich noch ergooglet, ist ein Verlag, der sich mit zeitgenössischer afrikanischer Literatur beschäftigt.

Ganz schön verwirrend. Ein deutscher Name, ein afrikanischer Verlag, eine französische Übersetzung. Von allem noch nie etwas gehört und dann ergooglet, daß Max Lobe 1986 in Kamerun geboren wurde und seit 2004 in Genf lebt. Das Buch ist eine autofiktionale Erzählung über den Befreiungskrieg, den es in den Neunzehnfünfziger Jahren in Kamerun gegeben hat, um sich von der französischen Kolonalisierung zu lösen.

Interessant, interessant und eigentlich davon noch nichts gehört und das hat sich wohl Max Lobe gedacht, als er seinen vierten Roman “Confidences” geschrieben hat, daß es da in Europa einen Nachholbedarf gibt, Denn da kehrt einer, der wahrscheinlich das Alter Ego des Autors ist, nach Kamerun zurück und spaziert mit der achtzigjährigen Ma Maliga durch den Bassa-Wald, die ihr von dem Befreiiungskrieg erzählt, den sie als junge Frau erlebt hat.

Max Lobe hat für seinen in Französisch geschriebenen Roman eine Kunstsprache gewählt, die sich wohl auch an das afrikanische Vorbild hält und diese Ma Maliga ist eine sehr scharfzüngige Frau, die zu Hause einen zerschlagenen Fernseher hat und sich weigert sich von ihren Sohn eine junge Frau schicken zu lassen, die sie pflegt oder wenigstens für sie kocht und nun spaziert sie mit Max oder dem Protagonisten, von ihr Sohn genannt, durch den Bassa-Wald und fährt mit ihm auch zu dem Grab von Ruben Um Nyobe, dem Befreiungskämpfer, auch Mpodol-Lon genannt, der 1958 von den Franzosen hingerichtet wurde.

Ma Maliga erzählt von unten sozusagen. So wie die einfachen Leute die Geschichte erlebten. Erzählt von ihrer Familie, ihre Mutte Tonye, Marie Antoinette genannt, die sich im Befreiungskampf engagierte und sich auch von ihren intellekutellen Vater trennte, ihren Sohn Makon, ihren Mann, ihrer Schwester und die hatten alle auch französischen Namen und das Wort “Neger”, das mehrmals vorkommt, ist immer durchgestrichen und außer den Erzählungen der alten Frau, die mit ihren Besucher auch gerne Palmwein trinkt, gibt es auch immer kürzere Passagen des Erzählers, wo er mit seiner Mutter in der Schweiz telefoniert oder seiner Cousinde Sandrine ein Smartphone kauft, weil diese eines haben will.

Ma Maliga hat, wie schon erwähnt, einen kaputten Fernseher und eine Solarlampe von den Chinesen, die in der Nacht die Hütte erwärmt und am Tag ins Freie gestellt wird, um sich wieder aufzuladen und sie erzählt auch und das finde ich in Zeiten wie diesen, wo alle von der Wissenschaft schwärmen, wo ich noch an des “Kaisers neue Kleider” dachte, daß die Franzosen den Krebs nach Kamerun brachten und da wurde eine Verwandte damit diagnostiert und es sollte ihr die Brust abgenommen werden.

“Wird sie dann ein Mann?”, fragt sich Maliga, was in Zeiten, wie diesen, wo man angeblich bald sein Geschlecht jedes Jahr wecchseln kann, auch sehr interessant ist und Max Lobe ist auch ein “queerer Autor.”

“Aber nein!”, ist die Antwort. Denn es soll nur eine abgenommen werden. Die Verwandte lässt sich dann mit Naturpflanzen behandeln. Maliga ist da Spezialistin und sogar eine “dokta” und die Brust bleibt dran.

Nicht nur deshalb ein interessantes Buch, weil ich da wieder einen unbekannten Autor kennengelernt habe und mich auch ein bisschen, dank der Übersetzerin in den Freiheitskampf von Kamerun, der glaube ich, bei uns eher unbekannt ist, einlesen konnte.

Der kongulesische Autor Alain Mabanckou hat übrigens auch noch das Nachwort, beziehungsweise einen “Brief an Max!”, geschrieben.

Unser Deutschlandmärchen

Jetzt kommt das erste das für den “Preis der Leipziger Buchmesse” nominierten Bücher aus der Abteilung Belletristik und das ist für mich eine Überraschung, denn von dem 1979 in Nettetal geborenen Dincer Gücyeter, der 2022 den “Peter Huchel Preis” für seine Lyrik bekommen hat, als Verleger und im Theaterautor tätig ist, habe ich noch nie etwas gehört und er erzählt in “Unser Deutschlandmärchen” wieder die Geschichte einer Gastarbeiterjungend, seine authentische Geschichte.

Er tut es aber ganz anders, als beispielsweise Fatma Aydemir, die mit ihrer auf der letzten Shortlist des dBps gestanden ist. Er läßt seine Stimme als Lyriker und da wir der mit Friederike Mayröcker verglichen, schwingen. Mischt neben Gedichte und Raps immer wieder Dialoge zwischen ihm und der Mutter Fatma, die in den Sechzigerjahren nach Deutschland gekommen ist, um in einer Fabrik zu arbeiten und den ihr damals unbekannten Vater zu heiraten.

Es gibt immer wieder Fotos von der Familie und ganz am Anfang beginnt es mit den Stimmen der Großmutter und der Urgroßmutter, die ist aus Griechenland in die Türkei gekommen und es ist wirklich ein sehr ungewöhnliches Buch, in einer sehr ungewöhnlichen Sprache, das deshalb wahrscheinlich auch nominiert wurde und von den Kritikern, wie man hören und lesen kann auch sehr gelobt wird.

Ein ungewöhnliches Buch und ein ungewöhnliches Leben, denn mit Sechzehn hat Dincer eine Werkzeugmacherlehrer begonnen und sich dabei die Finger wundgerieben, der eigentlich ans Theater und schreiben wollte.

Gelesen hat er immer in den Pausen Anna Achtmatova beispielsweise und wurde deshab von seine Kollegen “Schwuchtel” genannt, um den verschuldeten Vater, der eine Kneipe betrieb, bzw. die Familie zu retten.

Gearbeitet hat er schon als Kind bei einem Bauern beispielsweise, um ein paar Mark zu verdienen. Im Sommer fuhr die Familie mit in Holland gekauften Sachen, in die Türkei und Dincer hat dann auch in einem Theater ein Workshop gemacht und 2012 den “ELIF Verlag” gegründet, wo er Lyrik verlegt. Das finanziert er sich, daß er immer noch als Gapelstaplerfahrer tätig ist.

Sehr ungewöhnlich das Leben und das Buch und die Art von einem Gastarbeiterleben zu erzählen. Das Buch ist im letzten November herausgekommen und ich kann der Jury für den “Leipziger-Buchpreis” also dankbar sein, eine ungwöhnliche Stimme, die von seiner Jugend und dem Leben als Gastarbeiterkind erzählt, gehört zu haben und jetzt bin ich gespannt auf den Jurybescheid.

Muß aber erst die anderen Belletritk-Bücher lesen. Drei davon habe ich schon bekommen.

Mutters Stimmbruch

Jetzt kommt ein kleines dünnes Bändchen das mit seinen hundertzwanzig Seiten und den, wie ich es nennen würde, sechzig Prosastückchen Anette Wassermann vom “Wagenbach-Verlag” sehr beeindruckt hat, jedenfalls hat sie bei dem japanischen Abend im Jänner sehr davon geschwärmt.

Katharina Mevissens “Mutters Stimmbruch”, die ja vor einigen Jahren mit “Ich kann dich hören”, nicht nur auf der Bloggerdebutpreisiste gestanden hat und die 1991 Geborene hat schon damals ein ungewöhnliches Thema in die Literatur hineingebracht.

Jetzt geht es um das Alter oder um die Transformation, so genau weiß ich das eigentlich nicht, denn die titelgebende Mutter ist wahrscheinlich noch gar nicht so alt, daß sie von der Demenz bedroht ist und das Ganze ist überhaupt vielmehr symbolhaft zu verstehen als realistisch.

“Mutter ist schon lange kinderlos und hat nun auch ihre Stimme noch verloren. Sie muss an einen neuen Ort, um wieder stark und laut zu werden. Ein Roman über das Altern, einen späten Aufbruch und eine bleibende Sehnsucht”, steht so am Buchrücken und wie schon angedeutet, Roman würde ich die sechzig Seiten nicht nennen und habe mir beim Lesen am Anfang auch schwer getan den symbolistischen Prosastückchen einen realistischen Sinn zuzuordnen.

Das ist also die namenlose Mutter.

“Herr Mutter!”, nennt sie sich einmal, als sie in einem Reisebüro anruft, um eine Reise ans Meer zu buchen. Die lebt in einen großen Haus mit einem lecken Dach, das sie renovieren muß. Sie lässt die Handwerker aber nicht in den Keller, wo sie irgendetwas erledigen müssen, bevor sie sich an das Dach machen könnenn und das mit dem Stimmverlust habe ich am Anfang gar nicht so mitbekommen. Die Zähne wackeln aber. So geht Mutter zum Zahnarzt und lässt sie sich schließlich reißen.

Da muß ich noch erwähnen, daß das Buch immer wieder schöne Illustrationen von einer Katharina Greeven hat, die auch öfter das Zahnmotiv wählt.

Die zahnlose Mutter verlässt nun auch ihr großes Haus zieht in eine zwei Zimmerwohnung, wo es nur eine Luftmatrazze und viele Pflanzen gibt und um ihre Stimme wiederzubekommen, beginnt sie viel zu telefonieren und interessant ist auch dabei, daß die dreißigjährige Autorin, die sich wahrscheinlich nicht mehr wirklich an Telefonzellen erinnern kann, ihre Mutter, die offenbar kein Handy besitzt, dorthin schickt.

Weiters gibt es einen Hinweis auf drei Kinder, die aber nur zu Weihnacchten und zum Muttertag anrufen. Dann kommt auch der Muttertag. Da geht Mutter einkaufen und bekommt von der Kassiererin eine Rose überreicht. Sie trinkt später drei Gläser Sekt, isst ein Stück Tiefkühltorte und keine Kinder rufen an. Ein Hinweis auf die Einsamkeit?

Ihr Haus soll dann auch verkauft werden, weil es offenbar durch den Dachschaden überflutet wurde, trotzdem kehrt Mutter dorthin zurück und vergräbt ihre Zähne in die Erde, um das Leben offenbar auf diese Art und Weise fortzupflanzen.

Wie schon erwähnt sehr symbolhaft und ich persönlich würde auch bezweifeln, daß sich eine Dreißigjährige wirklich mit dem Alter auseinandersetzen kann oder falsch, ich habe in diesem Alter viele alte Bekannte, wie beispielsweise die Hansi Berger gehabt und mich auch in meiner Dissertation mit der Midlifekrise auseinanderbesetzt und darin geht es in dem Buch wohl auch und schön ist natürlich die Sprache.

Da schwärmt nicht nur Anette Wassermann davon. Ich habe auch in den Rezessionen etwas von einer der begabtesten jungen Autorinnen gehört und möchte am Schluß noch ein paar Sprachproben anführen, bevor ich mich wieder an das Lesen von dickeren realistischen Romanen oder Biografien machen werde:

“Mutter bleibt liegen. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das zuletzt getan hat. Sie besorgt sich drei weiche Brötchen mit Butter aus der Küche undd ein paar Äpfel,verspeist sie im Bett.

Als spätnachmittags die Nacht hereinbricht, siedelt si ein die Badewanne über.”

“Mutter weiß: Wer den Tod fürchtet, hat eine große Gefriertruhe.”

“Noch kein Winter war so streng mit ihr wie dieser.”

“Ohne Zähne und mit dem Zorn von Jahrzehnten schafft sie es vor die Tür. Draußen kommt es ihr schon etwas wärmer vor.”

“Mutter ist ihr eigener Mittelpunkt. Und die Zähne im Bad sind die Perpherie.”

Man sieht die Metahpernsprache und kann sie sich beliebig deuten und sm Schluß des Buches gibt es die übliche Danksagung, wo Katharina Mevissen betont, daß ihre Mutter mit der im Buch beschriebenen keine Ähnlichkeit hat.

Wiener Anwaltsterben

Jetzt kommt der dritte “Gmeiner-Krimi” den ich mir in diesem Frühling bestellt habe und Achtung der Fehler im Titel stammt nicht von mir, liebe Kritiker, sondern steht so am Cover und von dem 1953 in OÖ geborenenen Reinhardt Badegruber habe ich schon einen Krimi gelesen und habe auch einmal auf der “Buch-Wien” mit ihm gequizzt.

“Lest die Leseprobe, um herauszufinden, ob man den Schreibstil mag!”, wird bei “Amazon” empfohlen und ich empfehle, tut das nicht, denn das schmeißt ihr das Buch wahrscheinlich weg und das wäre sehr schade und außerdem steht auch irgendwo “Krimisatire”, wenn man sich also einen ganz normalen Kriminalroman erwartet, wird man wahrscheinlich enttäuscht.

Denn das Krimigenre wird ja schon lange zum Aufdecken der gesellschaftlichen Mißstände oder, wie wahrscheinlich hier zum Zeigen des umfangreichen oder recherchierten Wissen des Autors benützt und da kann ich gleich warnen, politisch unkorrekt ist das Buch allemal nicht. Das war aber sicher die Absicht des Autors und für wem ist nun das Buch?

Für den der sich einen soliden Krimi erwartet, wahrscheinlich nicht, denn ich habe die Handlung immer noch nicht verstanden und würde auch vermuten, es gibt gar keine solche und wenn man das Buch in Berlin oder Hamburg liest, wird man sich wahrscheinlich trotz der gelegentlichen Fußnoten nicht auskennen.

Bei mir als Wienerin, die auch den Dialekt und die Klischees herum beherrscht war das nicht so und so würde ich das Buch, als einen alternativen Wien-Führer für Touristen empfehlen. Aber auch wenn man auf alternativen Weg in die österreichische Literatur eintauch will, aber da müß man sich wahrscheinleich auch ein bisschen auskennen und über vieles hinwegsehen.

Also um was geht es? Um das Anwaltssterben wahrscheinlich nicht. Da kommen zwar zwei um, aber am Anfang klebt eine Leiche oder ihr blutiger Abdruck in einer Nobelwohnung in der Tuchlauben und der der aufklären soll, ist der Prototyp des Antihelden.

Versoffen, total unkorrekt nicht nur in der Sprache sondern auch in seinen Handlungen, verfickt, stinkend, etcetera und am Anfang habe ich mich noch weniger, als jetzt ausgekannt, denn da schweift der Autor ununderbrochen ab, geht in die Vergangenheit seiner Figuren zurück, erzählt Nebensächlichkeiten und der Klappentext weicht auch ein wenig von der Handlung ab.

Der Gruppeninspektor Frank Karl wird jedenfalls vom Polizeipräsidenten protegiert oder haßgeliebt, hat viele abgebrochene Studien hinter sich und kennt sich in der Literatur hervorragend aus.

Er geht aucb ständig irgendwo einen saufen und da findet er sich beim Schottentor, glaube ich, in einem Beisl ein, wo er plötzlich neben einer blonden Deutschprofessorin sitzt, die ihn in ihre Lesegruppe eindlädt.

Dann kommt sein Oberst und beschuldigt ihn Poronrografie am Schreibtisch oder sonst wo zu haben und das ist ein Text von Neidhard von Reuental und da beginnt es schon interessant zu werden. Die Tochter des Obersten besucht das Rilke-Gymnasium, hat da die bewusste Deutschlehrerin, als Profesorin und da geht es dann fortan, um den Sex in der österreichischen oder auch anderen Literatur, die den Herrn Papa erzürnt.

Also wird der Inspektor von seinen Fällen abgelöst und muß nun die Schülerinnen und ihre Eltern aufsuchen und sich mit ihnen über den Sex in der Literatur, zitiert an Beispielen unterhalten und da kann ich gleich wieder auf zwei Fakes hinweisen.

Ersteinmal wohnen die Schülerinnen in ganz Wien verstreut. Also jenseits und diesseits der Donau und besuchen trotzdem dasselbe Gymnasium und dann steht am Beginn auch der berühmte Satz “Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.”

Stimmt nicht, würde ich meinen. Denn Ingeborg Bachmann ist wohl wirklich 1973 in Rom an einer Zigarette zu Tod gekommen. Den Roman “Deutschstunde” von Siegfried Lenz gibt es wirklich und ich habe ihn auch gelesen. Die “Blechtrommel” gibt es und “Katz und Maus” von Günther Grass und den hat es auch gegeben und ich nehme auch an, daß die zitierten Stellen stimmen und da kann man gleich noch etwas anfügen, wird ja immer geklagt, daß man derzeit bis zur Matura kommen kann, ohne je ein literarisches Werk gelesen zu haben und zur Matura schreibt man dann eben einen Gebrauchstext.

Bei den Schülerinnen und Schülern der 6B war das anders. Die kennen sich in der Literatur offenbar gut aus. Daß sie dabei auch Sexfotos machten und es von Sex und Crime wimmelt, ist ein anderer Kaffee und da muß man wohl anmerken, daß sich die Leute, die sich für die österreichische Literatur interessieren, wohl nicht immer von pornographen Inhalten in einer starken Sprache lesen wollen und, daß man den Roman wahrscheinlich nicht in der Deutschstunde lesen kann. Denn jugendfrei ist er nicht und politisch korrekt, was ja heute alles sein muß, auch nicht.

Aber Hermann Nitsch war auch nicht prüde und hat mit seinen Schüttbldern, die Gemüter und heute noch die FPÖ erregt.

Also spannend, spannend und ich habe, obwohl ich keine unbedingte Freundin der deftigen Sprache und der gewollten Unkorrektheiten bin, das Lesen des Buches sehr genossen, obwohl ich Anfangs schwer hineingekommen bin und dachte, da werde ich damit gar nicht fertig, weil das Lesen auch für eine Wienerin sehr mühsam ist und noch etwas hat mir nicht gefallen, lieber Reinhardt Badegruber, die Klischees, die da auch hineinmussten. Aber bitte, zeigen Sie mir die Sandler, die knicksen und “Euer Gnaden!”, sagen. Ich habe solche noch nicht gesehen. Also wird vielleicht doch ein Kunstbild und nicht das realistische Wien, das ich bevorzuge, beschrieben.