Vom Folgen und Bleiben

Jetzt kommen die vier Erzählungen der 1963 in Sangerhausen geborenen Lyrikerin Udine Materni, die am Leipziger Literaturinstitut studierte und die sich darin mit den Kriegserfahrungen und in der DDR aufgewachsenen Frauen beschäftigt.

Vier Frauenleben, Großmutter, Tochter, Enkelkind. Eine Familie könnte man sagen oder auch viele Töchter, Mütter, Großmütter und die erste Geschichte beschäftigt sich mit dem Sterben der Großmutter, die einen Krebs im Bauch hatte, man sieht Udine Maternis Sprache ist volkstümlich, Rosinen in ihren Sauberbraten tat, die wie tote Fliegen aussahen, Schokolade auf den Kokuskuchen goß und dann sozusagen verhungerte, weil ihr Magen die Speisen nicht mehr halten konnte.

Dann geht es zur Tochter zu dieser oder einer anderen, die nicht einmal einen Namen trägt, weil weder “Klara, Grete, Henriette, Helga, etc” zu ihr passt, die hatte zwei Männer und hätte eigentlich was gelernt. Hatte Abitur, blieb dann gleich beim Bäcker hängen, von dem sie sich später trennte, so daß sie zwischendurch bei “Mitropa” Brötchen mit Würstchen aus dem Fenster reichte, später, als die niemand haben wollte, in eine Großküche kam, während sich der zweite Mann am Bahnhoff versoff. Sie tat das auch in ihrer drei Zimmerwohnung, versteckte dort die Schnäpse im Kasten, später die krebskranke Mutter zu pflegen hatte und als die Tochter mit Knd und Teddybären einmal überraschend zum Geburtstag auftauchte, endete das in einem Fiasko.

In “Sonnenblumen auf blauen Grund”, stirbt wieder eine Oma. Der Onkel ruft an und fragt die Schwester was er der Toten anziehen soll.

“Wer ist gestorben?”, fragt der kleine Sohn und erkundigt sich später, ob die Oma Spielsachen hat? Die Mutter weiß es nicht und an der Erdbeetorte, die die Tante bringt, kleben Pudding und Früchte. Dann geht es zu der Wohnung der Oma, in der Straße ,die früher “Leninstraße” hieß. Der Junge erzählt das seinem Teddybär und dann wird das Kinderzimmer ausgeräumt. Das heißt, die Tapete hinuntergerißen und da starren wieder Teddybären Sohn und Mutter an. Sehr eindrucksvoll, die Symbole mit denen Udine Materni, die Stimmungen schildert, ich habe mich dagegen gefragt, ob sie nicht aufs Begräbnis gehen und wo dieses war?

“Flugzeuge” ist ähnlich symbolisch. Da gibt es wieder einen Protagonisten ohne Namen. Hier das Baby, das sowohl “Ernestine, Henriette, Ursula, aber auch Maik, Jonas oder Augustin heißen könnte und die Mutter sehnt die Momente herbei, wo sie wieder Frau sein kann, denn den Vater gibt es nur im Telefon oder in den Pralinen oder Lippenstifte die er wahrscheinlich schickt und dann wursteln sich die beiden ab oder nähern sich vorsichtig an. Die Mutter geht einkaufen, während dem Kind der “Streublümchenhimmel” auf den Kopf fällt und wenn die Mutter mit dem Kind sprechen will, gibt es keine Antwort und sieht sie nicht an. Dann sprudelt es wieder Sätze zu der schon sprachlosen Mutter hinaus und am Schluß stehen sie am Fenster, betrachten die Flugzeuge und die Mutter sagt “Ich heiße Klara, und du?”

“Vom Folgen und vom Bleiben verknüpft vier Generationen (ich habe nur drei gefunden) miteinander in der Frage, wie man als Frau in der Gesellschaft, die einen umgibt, ist, existiert, sich entwickelt. Eine suchbewegung durch die Zeit.”, kann man im Beschreibungstext lesen und am grünen Cover des kleinen “mikrotext” erschienen Büchlein ein altmodisches Kind mit einem altmodischen Kinderwagen sehen, den es wahrscheinlich sowohl in der DDR als auch in der NS-Zeit gegeben hat. Zumindest habe ich solche Fotos, wo meine Mutter meine 1942 geborene Schwester spazierenführt, zu Hause.

Der Flakon

“Es scheint ein neuer Trend zu sein überall weibliche Heldinnen zu finden, von denen früher niemand eine Ahnung hatte”, kann man bei “Amazon” über Hans Pleschinkis neuen Roman über die Kriegserklärung, die Friedrich II im August 1756 dem Sachsenkönig machte, lesen und da habe ich schon vor kurzem Angela Steidles Roman “Aufklärung” über Dorothea Bach und Luise Gottsched gelesen, wo dieser Krieg auch vorkam.

Historische Romane über Deutschlands achtzehnten Jahrhunderts scheinen also modern zu sein und wahrscheinlich leben einige “Buchpreis-Schriftsteller” davon.

Worüber sollen sie sonst auch schreiben, wenn schon über alles geschrieben wurde?, könnte man munken und von dem 1956 in Celle geborenen Hans Pleschinski habe ich vor Jahren einmal während eines Frankfurts Surfing gehört.

Da hat er seine “Ludwighöhe” am blauen Sofa wahrscheinlich, vorgestellt und die schlampige Legasthenikerin im mir, hat ihn zuerst für Ludwig Fels gehalten.

Dann hat sich aber sein Name bei mir eingeprägt und auf den Roman “Ludwigshöhe”, wo es, glaube ich, um ein Sterbehilfesanatorium geht, wurde ich sowieso sehr neugierig. Das Buch habe ich einmal gefunden, aber noch nicht gelesen.

“Gelesen habe ich “Königsallee” die Biografie über Thomas Mann oder über ein lebensgeschichtliches Eregnis aus den neunzehnfünfziger Jahren und “Am Götterbaum”., eine Biografie über den Nobelpreisträger Paul Heyse. Dann hat er einen biografischen Roman über Gerhard Hauptmann geschrieben, den habe ich bei einem Literaturhaus Flohmarkt, ich glaube, um sogar fünf Euro gekauft und auch noch nicht gelesen. Seit ich “Buchpreis” lese, schaffe ich es nicht kaum etwas anderes als Rezenskionsexemplare zu lesen und vor alldem hat der Alfred einmal einer WU-Kollegin einen Stoß Bücher abgekauft, da war Pleschinksis “Bildnis eines Unsichtbaren” dabei, auch noch nicht gelesen.

Soviel also zu Hans Peschinski, der über eine sehr interessante Schreibbiografie verfügt und nun in den Winter des Jahres 1756, wo der König von Sachsen mit seinem Premierminister von Brühl nach Polen geflüchtet ist, der König von Preußen, das Land geplündert hat und in Leiphzig residiert.

Die Königin von Sachsen hat sich aber geweigert Dresden zu verlassen, ebenfalls Marianne von Brühl und die ist jetzt die unbekannte Heldin, die Hans Pleschinski offenbar erfunden hat, schreibt er doch in seiner Nachbemerkung “Wenige Auskünfte lassen viele Spekulationen zu”.

Wir wissen also von Maria Anna Franziska von Brühl, daß sie 1762 in Warschau gestorben ist. Hans Pleschinksi schickt seine tapfere Heldin mit ihrer Gesellschafterin oder Kammerzofe Luise von Barnhelm, man beachte den Namen, eine Minna kommt auch einmal vor und einem preußischen Adjutanten nach Leipzig. Dorthin reist die Frau Minister tagelang mit der gemeinen Postkutsche und das was die Damen da erleben und wem sie da begegnen speist einen großen Teil des Buches. Im Gepäck hat sie ein Flacon mit einem Gift mit dem sie Friedrich ermorden will, um das Land zu retten. Das ist aber nicht so einfach, denn der Preußenkönnig wird sie nicht vorlassen. Also muß sie sich an die damaligen Dichtergrößen, Gellert und Gottsched, ein interessanter Einfall von Hans Pleschinski wenden, damit die das für sie tun.

Das scheitert natürlich und ob ein solches Attentat tatsächlich stattgefunden hat, ist wahrscheinlich fraglich. Die Gräfin wird nach Warschau ausgewiesen, wo sie wie schon erwähnt, stirbt und am Buchrücken und hier auch am Klappentext, also zweimal steht etwas von einem “neuen unterhaltssamen und kenntnisreiche Romean in dem uns Hans Pleschinski in ein wenig bekanntes Ereignis der deutschen Gescbichte einführt.

Nun interessiert die Wienerin die preußisch-sachsische Geschichte nicht so sehr, obwohl sie ja fast jedes Jahr nach Leipzig fährt und ich habe mich so auch gefragt, wer das Buch lesen wird?

Ingteressant finde ich neben der Einführung in die damalige Intelligeniza, die ich ja schon aus dem Stieidle Buch kenne, daß Pleschinki ,wie mir aufgefallen ist, immer wieder aktuelle Anspielungen hat. So trifft die Gräfin in der Poststation zum Beispiel eine Frau mit ihrem Sohn, die aber gar nicht die Postkutsche nimmt, sondern sagt, daß es hier warm, während sonst das Heizen zu teuer ist.

Es wird erwähnt, daß die Bediensteten damals weder heiraten noch Sex haben durften und wenn sie es doch taten und erwischt wurden, mußten sie mit Schandgeigen durch die Gegend laufen.

Das ist sicher interessant, sonst haben mich die Ereignisse des siebenjährigen Krieges, glaube ich, ganz ehrlich, nicht so interessiert.

Ich würde nur meinen, daß Hans Pleschinski diese Reise eher modern schildert. So war das Fräulein von Barnhelm wahrscheinlich eher eine Gesellschafterin, als eine Kammerzofe und die Gräfin geht mit ihr und sie mit ihr auch eher vertraulich um.

Interessant, interessant, schreibe ich trotzdem und füge hinzu, daß ich nun noch “Ludwiglust” lesen sollte, aber wie, aber wann?

Die Dauer der Liebe

Jetzt kommt das neue Buch der 1963 in Meran geborenen Sabine Gruber, das in zwei Wochen, wenn wir schon in Frankreich sein werden, bei den O-Tönen vorgestellt wird und Sabine Gruber habe ich, glaube ich mich zu erinnern, bei einer Vollversammlung oder Ausflug der GAV am Mondsee kennengelernt, wo sie dort Sekretärin war, bei einer “Tag der Freiheit des Wortes-Veranstaltung” in Klagenfurt habe ich sie auch getroffen und später immer bei den GVs und auf Lesungen.

Bei den O-Tönen hat sie schon früher gelesen, den “Veza Canetti-Preis” hat sie bekommen, auf der Öst ist sie gestanden und den “Reinhard Priessnitz-Preis” hat sie, glaube ich, bekommen, als ich das erste Mal auf einer Preisverleihung in Literaturhaus war und da hat sie gesagt, daß sie lange gezögert hat, den Preis anzunehmen, weil sie mit Robert Schindel einen der Initiatoren befreundet ist und ich habe sie auch öfter mit ihm gesehen, so daß ich sie für ein Paar gehalten hätte.

Dann war ich in der “Gesellschaft” und da hat sie Gedichte gelesen, die sie nach dem Tod ihres Lebensgefährten geschrieben hat. Jetzt ist offenbar noch ein Buch darüber gekommen “Die Dauer der Liebe”, einem Wolfgang Fetz 1958-2022 gewidmet, Roman steht darauf und man kann diskutieren wievie Sabine Gruber drinnen steckt und, ob das jetzt Autofiktion ist. Ich würde es Erinnerungs- oder Trauerbuch nennen und schreibe gleich dazu, das Buch hat mir gut gefallen, besser wahrscheinlich als das was ich sonst von Sabine Gruber gelesen habe.

Es handelt von einer Renata, einer in Wien lebenden Südtiroler Übersetzerin und die sitzt am Beginn in ihrer Wohnung und überhört das Klopfen. Dann macht sie doch einem Polizisten auf, der ihr den Tod ihres Lebensgefährten Konrad mitteilt und sie fährt nach Innsburck zu seiner Familie und das stellt sich gleich als Problem heraus.

Denn Renatna war trotz langjähriger Beziehung mit Konrad nicht verheiratet. Es gibt auch keine eingetragene Partnerschaft. Zwar ein Testament, aber dieses war von keinem Notar und keinen Zeugen mitunterzeichnet, nur ausgedruckt und daher wertlos und so kommt Marcel, der jüngere Bruder und räumt die Wohnung und das Wochenendhäuschen aus.

Konrad war Architekt, Fotograf und auch Zeichner. So werden seine Bilder versteigert oder ausgestellt und die Mutter Henriette, eine sehr geizige Frau, die sich brüstete, bisher alle Freundinnen Konrads erfolgreich vertrieben zu haben, hat ihr früher nur einmal ein altes Glas Honig und schon gebrauchte Servietten zu Weihnachten geschenkt.

Jetzt schickt sie Marcel zu Renata, um ihr mitzuteilen, welche Möbelstücke sie haben will und im Auto hat Marcel auch die geliebten Cassetten ausgeräumt.

Renata ist am Anfang aber sehr betäubt, trägt Konrads Schlafanzüge und Hemden und das erinnert mich an meine “Zwillingswelten”, wo die Lisbeth das auch tut.

Renata hat aber einen guten Freund namens Bruno, der sie unterstützt und eine Freudnin namens Marianne, die an Krebs l,eidet und Konrad hat Renata immer gesagt, daß er vor ihr sterben will, weil sie stärker ist als er und da kann man überlegen wie das mit der eigenen Beziehung ist? Wer wird vor einem sterben und wie wird der andere dann weiterleben?

Es gibt auch Eifersuchtsmomente, denn Notizen und Briefe werden gefunden und ein Kind einer Catarina, das mit Hilfe künstlicher Befruchtung auf die Welt gekommen ist. War Konrad der Samenspender? Aber der war zeugungsunfähig, hat das Renata, die sich Kinder wünschte verschwiegen, etcetera.

Erste Tinder Versuche gibt es auch. Aber alle Männer, die sich da melden, passen nicht, obwohl sie Konrad versprochen hat, eine neue Beziehung einzugehen. Das verwirft sie dann, wird aber am Schluß des Buches einen Bonfaz treffen, dem sie ein Mail schreiben wird.

Das Buch ist schön geschrieben, Literaturanspielungen, die im Anhang zitiert werden, wie “es ist was es ist” oder das Buch von Ruth Picardie.

Mobilmachung

Jetzt geht das Lesen wieder nach Österreich, da naht ja bald der “Österreichische Buchpreis” und die 1953 in Linz geborene Margit Schreiner, daß ist die mit dem “HausFrauenSex” ist ja schon einmal mit “Kein Platz mehr” darauf gestanden und in zwei Autofiktionen hat sie sich auch mit ihrer Kindheitbeschäftigt und weil das heute ja sehr modern ist und man sogar den “Nobelpreis” damit bekommen kann, bleibt sie mit “Mobilmacung” auf dieser Schiene und geht sogar vor ihre Geburt zurück.

Dabei behauptet sie sich genau zu erinnern zu können, wie das damals war, wie sie im Fruchtwasser geschwommen ist und ihre Mutter Unmengen saure Gurken gegessen hat, während der Vater das Klo und die Küche putzen mußte, denn das Mutterwerden, war für “die modern junge Frau”, die diese war, nicht so einfach, da gab es einige Fehl- und Totgeburten, denn der Primar der dabei anwesend war, hat sich eingebildet, die Geburt zu schaffen. Dabei ist die “Vorgängerin” gestorben und die Mutter gerettet, die und das wird von Margit sehr kritisch beschrieben, dann natürlich sehr ängstlich war, daß ihr das nicht wieder passiert, daher die Füße hochlegte und nur manchmal einen Aktivitätsschub bekam um den Vater mit dem Schreibtisch in den Keller zu schicken.

Dann gehts zur Geburt, die erfolgt vom Primar höchstpersönlich vorgenommen durch Kaiserschnitt und am zweiundzwanzigsten Dezember, zwei Tage vor Weihnachten, da darf dann auch der Papa sein Kindchen sehen und überall wird offenbar “Stille Nacht” gesungen. Es gab aber noch die Kinderzimmer und Mutter vom Säugling getrennt, der in ein Steckkissen gesteckt wurde und die Mama hat auch nicht gestillt, was dem naseweisen Säugling sehr angenehm war.

Zu den heiligen drei Königen ging es nach Hause und da hatte das Kindchen seine liebe Not mit dem Papa, denn sein Bart kratzte und er wollte klein Margit auch ins Wasser werfen oder sehr jung in den Urlaub mitnehmen.

Das hat die Mama verhindert und so hat eine Nachbarin auf das Kind aufgepasst, das dann in die “Fremdelnphase”stürzte und Lesen hat das Wunderkind auch schon mit eineinhalb Jahren sich selber beigebracht, nämlich auf der Zeitung mit dem Figl-Bildnis sitzend, während die Eltern mit Sekt feierten und die hatten da schon Fernsehen, Telefon und genau, wie mein Vater eine Beiwagenmaschine, wo der Schreiner- Vater Frau und Kind ausführte. Einen Teddybär hat sich die kleine Margit auch geholt und der Vater war stolz auf sein Wunderkind, was dieses natürlich dementierte.

Das Gehen erfolgte zum Leidwesen der Eltern etwas später, weil die kleine Margit erst ihre Wahrnehmung ertüchtigen wollte, obwohl sie zum Weihnachtsfest 1954 schon den Christbaum umgeschmissen hat. Die Besuche von Onkel und Tanten, die ständig Heringsalat mit Mayonnaise in sich und die kleine Margit schaufelten, waren dagegen unangenehmer, obwohl sie der Cousin Otto vor der Overprotecness der Mutter gerettet und ihr den Löffel zum Alleineessen gegeben hat. Der Vater war da fordernder und so hat die kleine Margit zum zweiten Geburtstag ein Dreirad, das es, wie Margit Schreiner behauptete, damals noch nicht gegeben hat, sondern selbstgebastet wurde, bekommen und so heißt es am Schluß des Buches:

“Ich war am 22. Dezember 1955 mit nur zwei Jahren mobil geworden. Und die ganze Welt stand mir offen.”, womit ich den Titel verstanden habe, weil ich mich die Ganze Zeit schon fragte, was diese eher unkindlichen Erinnerungen mit dem militärischen Ausdruck zu tun haben?

Ich kann das Buch empfehlen. Es ist wenn man von der Lesefähigkeit mit nur eineneinhalb Jahren absieht, sicher interessant und vor allem leicht und schnell zu lesen.

Für mich war es besonders spannend, wurde ich ja sechs Wochen vorher in Wien geboren und lernte zwischen sechs und sieben von Herrn Aschenbrenner lesen. Aber sonst kann ich vieles nachvollziehen, obwohl meine Eltern Telefon, Fernseher und Auto, es war auch ein VW-Käfer sehr viel später bekommen haben und nach Italien und Essen bin ich erst als Erwachsene gekommen.

Am Cover ist wahrtscheinlich die fünf oder sechsjährige Margit Schreiner im karierten Kleidchen und mit Zöpfchen mit einem Püppchen im Steckkissen zu sehen, obwohl sie sie offebar eher von Teddies schwärmte.

Im Dezember der Wind

Jetzt kommt wieder eine literarische Neuentdeckung und zwar hat diesmal nicht ein alter Herr ein altes Manuskript auf seinen Dachboden gefunden, sondern die an der Universität von Barranquilla, Kolumbien, lehrende Literaturwissenschaftlerin Rike Bolte hat die “Bibel von Barranquilla”, das heißt den Roman “Im Dezember der Wind”, der 1939 in Barranquilla geboren, sei t 1971 in Paris gelebt habenden und 1995 verstorbenen Marvel Moreno ins Deutsche übersetzt. Im Original ist das Buch 1987 herausgekommen und hat auch einige Preise bekommen. Marvel Moreno ist aber wahrscheinlich wie das halt so ist, ein wenig im Schatten ihrer berühmten Kollegen wie Gabriel Garcia Marquez gestanden, mit dem sie auch befreundet war.

“Also habe ich den “ausschweifenden, subversiven Roman”, der bei “Wagenbach” erschienen ist, gelesen und mein literarisches Wissen, wieder um ein Stück erweitert. Fernanda Melchor,” die ich ja auch durch “Wagenbach” kennenlernte“, beschreibt ihre ältere Kollegin als “eine Naturgewalt, die ihre Leser mitreißt. Hellsichtig und messerscharf, mit einer sinflutartigen Sprache, die selbst die dunkelsten Abgründe der menschlichen Seele vordringt”, schreibt sie am Buchrücken.

Aufmerksam auf das Buch wurde ich schon vor Leipzig, weil da habe ich von “Wagenbach” den Folder mit der Post bekommen und dann auch das Buch, das, wie auch das “Herz des Hais”, das ich vor kurzem gelesen habe, in den fünfziger oder sechziger Jahren spielt, aber ganz ganz anders ist, denn der wahrscheinlich konservative ältere Herr Becher hat da eine harmlos friviole Lebesgeschichte geschrieben, wo, obwohl die Frau den Mann verläßt, nichts wirklich Schlimmes passiert.

in dem über vierhundert Seiten Buch Marvel Morenos passiert aber sehr viel. Zuviel könnte man vielleicht sagen, wenn man mit den vielen hier geschilderten Personen vielleicht nicht ganz mitkommt. Das Buch ist aber in drei Teile gegliedert und jeder Teil hat ein Bibelzitat zu Beginn. Ja, in Kolumbien war man in den fünfziger Jahren sehr katholisch, ist das vielleicht immer noch und das, was mir besonders gut gefiel, ist, daß eine Lina quasi als Erzählerin durch das Buch führt, die wahrscheinlich das Alter Ego ihrer Autorin ist.

Sonst erfährt man nicht sehr viel von dieser Lina, die da von ihren Freundinnen Dora, Catalina und Beatrix erzählt, beziehungsweise werden deren Lebensgeschichten geschildert.

Das sind alle junge Frauen der kolumbianischen Oberschicht, Geld spielt also keine Rolle und sie werden in den feinsten Internaten von Nonnen erzogen und dann verheiratet, wie das eben so ist. Sie haben aber und das ist auch sehr interessant, eine eigene Sexualität. Die sich aber meistens nicht durchsetzt. Die katholische Erziehung hat sie ja schon vorher unterdrückt. Die Ehemänner betrügen sie und setzen ihre Frauen unter Psychopharmaka. Psychiater, das ist auch interessant, spielen auch eine Rolle und so führt uns Marvel Morano durch die kolumbianische Gesellschaft der Fünfzigerjahre und eine große Rolle spielt auch Lina Grioßmutter, die Lina lakonisch erklärt “warum ihre Freundin Dora einen Mann heiraten wird, der sie schlägt” und diese Dora ist überhaupt sehr interessant und wird vielleicht plastischer geschildert als Catalina und Beatrix, denn ihre Mutter hat sie vor allen Männern fernhalten wollen. Dann tut sie aber etwas, was man in der besseren Gesellschaft der Neunzehnhundertfünfziger Jahren in Kolumbien nicht durfte. Sie geht nicht mehr als Jungfrau in die Ehe mit einem Psychiater, der sie dann quält, unter Beruhigungspillen setzt und sogar in eine Klinik einweisen will, was aber Linas Großmutter oder ihr Vater verhindern.

Interessant ist die Sprache Marvel Morenos, die ausschweifend ist und sich kein Blatt vor dem Mund nimmt und zeigt uns auf, wie es damals in den höheren Kreisen Kolumbiens, vor denen sie, wie auch ihre Protagonistin Lina nach Paris floh, war.

Ein interessantes Buch, aber nicht ganz leicht zu lesen, denn in den drei Teilen werden nicht nur die Geschichten Doras, Catalinas und Beatrix sondern auch noch die von vielen anderen geschildert, so daß der Leserin der Kopf braust, was auch in den “Amazon-Rezensionen” kritisiert wird.

Spannend eine starke feministische Stimme kennenzulernen, die ja wie so viele andere spannende Frauen im Hintergrund berühmter männlicher Autoren geblieben sind und erst jetzt langsam entdeckt werden.

Die Wunderkammer des Lesens

Jetzt kommt auf zweierlei Weise etwas Besonderes. Nämlich ein “Wunderkammer-Buch” aus dem “Verlag des kulturellen Gedächtnisses”, wo ich schon zwei gelesen, habe und jetzt das dritte als eine über das Lesen, ein Thema, das mich, die schreibende Vielleserin oder literarische Besessene, besonders interessiert, mein Blog ja auch einer über das Lesen ist und ich auch schon eine Reihe solcher Bücher gesammelt, aber noch nicht alle gelesen habe.

Thomas Böhne hat diesen schön illustrierten “Wunderkammer-Band,” den ich leider, obwohl sie mir das Buch zuschicken wollten, nur digital gelesen habe, herausgegeben und da geht es wieder in kürzeren oder längeren Abschnitten über das Lesen in all seinen Facetten und Formen.

Zuerst kommt da ein Motto von Marie Ebner von Eschenbachs. Dann ein Vorwort des Autors, wo er sich als ein in Essen Aufgewachsener oder lesendes Bergarbeiterkind beschreibt, dem der Vater einmal einen geheimnisvollen Sack mitbrachte, den er nicht anrühren durfte und dann das Haus verlassen hat. Darin waren Groschenheftchen, Jerry Cottons, die ihn nicht interessierte und dann solche die ihm zum Vielleser machten. Später hat er Literaturwissenschaften studiert und den Professor nicht verstanden, der dann, als er ihm das sagte “Daraus lernen sie das Meiste!”, antwortete und später hat er seinem sterbenden Großvater dann noch “Alle Vögel sind schon da” vorgelesen.

Dann kommt es zu einer “Zeitlosen Leseanleitung” und die hundert Lieblingsbucher von David Bowie und eine Leserin stellt die Frage, wie es einer viellesenden Frau auf der Partnersuche geht? Darf man das sagen? Gibt es da Schwierigkeiten?” Eine Frage, die ich mir noch nicht stellte, beziehungsweise meine Freunde selten frage, ob und was sie lesen und ich habe auch kein Probleme mit nicht lesenden Menschen, die ja immer mehr zunehmen, während die Zahl der pro Jahr gelesenen Bücher rückläufig ist.

Dann gibts noch eine “Anregung zur Bildung eines Lesekreises”. Etwas, was ich auch noch nicht versucht habe und das eigentlich auch nicht will, obwohl ich schon einmal an einer teilgenommen habe. In Schreibgruppen war ich schon öfter, sowie in der GAV und bei den IG-Autoren.

Zensureingriffe und Warnungen, daß Goethes “Werthers” beispielsweise zum Selbstmord anregen kann und daher umgeschrieben werden soll, hat es schon zu seinen Lebzeiten gegeben. Bei uns hat diese Diskussion der Psychiater Erwin Ringel fortgeführt, so daß die Zeitungen, glaube ich, noch immer nicht darüber berichten dürfen, so daß wir nicht genau wissen, wieviele Leute sich während der Corona- Pandemie umgebracht haben und dann gibts die Warnungen, die “Frauenzimmer” vom Lesen kitschiger Romane abzuhalten, weil das ihre Phantasie unsittlich anregen und zu Wahnstörungen führen kann.

Wie man lesen und mit seinen Büchern umgehen soll, wird mehrfach thematisiert. Da gibts den Artikel zu den Bücherschäden, die die Bibliotheken und Antiquare feststellen. Bei Wasserschaden muß man ein anderes Buch bringen, hat mir eine Freundin mal erzählt. Den Mäusefraß wird es wahrscheinlich so oft nicht mehr geben, den Tintenschaden vielleicht schon, es wird auch angeregt wie man Lesetagebücher führt und worauf man dabei achten soll und dann soll man sich seine Bücher signieren lassen? Wird das Buch dadurch im Wert gesteigert oder sogar gemindert und fördert es den Kontakt zwischen Autor und Leser, beziehungsweise den Bücherkauf.

Was die Astronauten an Bord mithaben wird auch thematisiert und dann natürlich wie man seine Bücher verschlüsseln kann. Da geben die Lexika, wie “Meyers” oder “Brockhaus” Anregungen und meine Anregung an den Verlag wäre, daß man in E- Book Form quergestellte Seiten schlecht lesen kann.

Der Sammler Karl Wolfskehl 1869-1948 hat in seinen Artikel “Das Buch als Kunstwerk” sich Gedanken gemacht, wie man mit seinen Büchern umgehen kann und dann kommt man schon zum Gegenkanon der angeblich hundert besten Bücher.

Bei den Bücherbloggern sind die Bücherchallenges sehr beliebt. Da soll man ein Jahr lang ein Buch aus den verschiedenen Ländern oder nur Bücher von Frauen oder das erste oder letzte Buch etcetera lesen, hier sehr schön graphisch Form als Gesellschaftsspiel angelegt.

Literarische T-Shirts, das heißt Aufschriften auf solchen, gibt es auch. “Mir egal ich geh lesen”, beispielsweise und ich habe einmal ein solches vom Alfred bekommen, wo Eugen Gomringes “avenidas y flores”, das bei den Feministinnen soviel Unmut erregte, daß es von einer Hochschulwand entfernt werden mußte, bekommen und kann sagen, man wird sehr oft daraufhin angesprochen, was für die Kommunikation sehr förderlich ist.

Über das Auswendiglernen von Gedichten, das das Gedächtnis anregen soll geht es auch. Das wurde in den Schulen früher sehr praktiziert, heute glaube ich kaum noch, was die Psychologin in mir sehr schade findet und mich an meine Großmutter denken lässt, die im hohen Alter noch Schillers “Glocke” rezitieren konnte.

Dann werden “Strategien zum Lesen von Gedichten” vorgestellt.Das Lautlesen wird da empfohlen und der gewünschte Lyrikleser ist “jung, intelligent und leicht betrunken”, so daß er sich, was ich nachvollziehen kann, beim Lesen berauschen kann. Eine Lesegalerie wird empfohlen und dann kommen wir schon zu den Märchen und den Kinderbüchern, da wird auch angeleitet, wie man Kinder vorlesen soll? Langsam und ruhig, wie es die die Kinder wünschen, immer wieder dasselbe, wie ich das momentan bei der kleinen Lia tue, die immer wieder dieselben Osterbücher anschleppt.

Hans Fallada war offenbar ein Vielleser und ist in einem sehr bibliophilen Haushalt aufgewachsen. Der Vater hatte fünftausend Bücher und die Putzfrau hat sich ein Extrageld verschafft, in dem sie sie verlieh. Karl May war verboten, so hat sich der erwachsene Hans Fallada die Gesamtausgabe gekauft, die später seine Kinder lasen und eine Lese- oder Fangeschichte von Karl May gibt es auch.

Einen uralten Artikel über das, was “Schundliteratur” ist und, wie sie sich verkauft, gibt es ebenfalls noch und dann geht es viel moderner zum “sensitivity reading”. Da werden die Autoren offenbar beraten, damit sie nicht rassistisch, sexistisch oder was auch immer, schreiben.

Moderne Ausdrucksweisen wie booktube, Sub, etcetera werden ebenfalls erklärt. Ein uralter Artikel über Rezensenten wird abgedruckt und dann noch einer über die Arbeit von Lektoren.

Dann werden die meisten Blog-Namen zitiert und überraschend, das “Literaturgefluester” ist dabei, gibt es ja einen Blog, der die genau aufzählt und ich mich dabei so ungefähr in der Mitte befinde. Die Lieblingsbücher von Filmstars werden angegeben und als bei einer Veranstaltung das beste Buch prämiert werden sollte und Salam Rushdie im Publikum saß, hat die Moderatorin schnell hinzugefügt, daß Mister Rushdie auch sehr gut schreibe.

Von Franz Kafka stammt das berühmte Zitat, das auch in den Blog zu finden ist, daß “Ein Buch die Axt für das gefrorene Meer in uns sein muß” und da wird der Brief, den er 2004 an Oskar Pollak geschrieben hat, angeführt.

Immer mehr Leute können aber nicht mehr lesen und verlassen die Schule als funktionale Analphabeten und das werden Tips gegeben, wie man das erkennt und wie man die Leute dann beraten kann, denn es ist nie zu spät das Lesen zu lernen.

Was haben die Soldaten im ersten und zweiten Weltkrieg gelesen und was die Russen während des kalten Krieges? Was man Sterbenden vorlesen kann oder soll, wurde schon im Vorwort angerissen: Märchen, Gedichte, Kinderbücher oder Lieblingsbücher aus der Bibliothek der Betroffenen und so sind wir durch das Buch geglitten und haben sehr interessante Einblicke in das Bücherlesen bekommen, das in einer Zeit wo immer weniger Leute lesen, das wahrscheinlich nicht mehr können, während immer mehr Leute schreiben, sehr wichtig ist und am Schluss, am Buchrücken wahrscheinlich, ich habe ja digital gelesen, gibts ein Zitat von Marina Zwetajewa, über die ich ja vor kurzen in der “Alten Schmiede” einen Film gesehen habe “Aber ist jemand zweimal in das selbe Buch eingetreten?”, heißt es da und richtig, den Artikel über das Wiederlesen von Büchern, das tue ich nur ganz selten, habe es aber “In der Welt von gestern” getan, habe ich jetzt vergessen, wie auch Pierre Bayards “Wie man über ein Buch spricht, das man nie gelesen hat” und noch vieles anderes, was bei einem dreihundertzwanzig Seiten Buch natürlich ist.

Also selber lesen, würde ich empfehlen oder sich durch das graphisch fein gestaltete Buch blättern. Man lernt sehr viel dabei, bekommt Buchempfehlungen und kann dann weiter in die “Wunderkammer” einsteigen.

Das Herz des Hais

Jetzt kommt wenn man so will, das Sommerbuch, wir haben diesen ja und die Sommerfrische, lese aber einige neue und interessante Holocaustbücher. Also schwere Kost, wenn man vom “Wahnviertel” absieht, das ich in den Bergen gelesen habe und das man irgendwie auch als Sommerbuch bezeichnen könnte und dieses in den Neunzehnsechzigerjahren erschiene, stammt vom 1910 in Berlin geborenen und 1990 in der Schweiz verstorbenen Ulrich Becher, den ich wahrscheinlich mit dem Johannes R. Becher, ja lieber Uli, das passiert mir öfter und bin da ein wenig flüchtig, verwechselt habe, als ich in den Nunzigerjahren des vorigen Jahrhundert in der Bücherreifiliale in der Gumpendorferstraße in einer Gratiskiste “Kurz vor vier” und den “Nachtigallenzyklus” gefunden habe.

Ich habe mit den Bücher damals nicht viel anfangen können, das eine oder andere angelesen und dann lange im Badezimmer in der Gumpendorferstraße liegen lassen, bis ich 2005 war das vielleicht, zu Weihnachten in Lleipzig war um Utes Geburtstag zu feiern und da beim “Hugendubel” ein Abverkaufbuch gefunden habe, wo “Aufbau-Briefe aus den Fünfzigerjahren enthalten waren. Darunter auch die von oder an Ulrich Becher, da stand ein bißchen was über “Kurz nach 4”, das ich dann viel später, da habe ich schon gebloggt, gelesen habe und diesen Beitrag hat dann der Christoph Haacker vom “Arco-Verlag” gefunden, mich angeschrieben und die Briefe haben wollen, weil er “Kurz nach vier”neu” herausgegeben wollte.

Das “Aufbau-Büchlein” hatte er aber schon und das neuauflgegte Buch hat er mir dann auf einer “Buch- Wien” gegeben und inzwischen hat auch Konstantin Kaiser Ulrich Becher den Schwiegersohn von Roda Roda entdeckt und seine Briefe herausgegeben. Die Gesamtausgabe hat der “Schöffling-Verlag”, glaube ich, übernommen und mir da die berühmte “Murmeljagd” und dann nochmals den “Nachtgiallenhyklus”, den ich auch schon gelesen habe, geschickt.

Eva Menasse hat da die Vor- oder <nachworte geschrieben und als ich vor der Krise das letzte Mal im Literaturhaus war, habe ich Christoph Haacker dort getroffen und ihn um ein Buch gebeten, daß Stephan Teichgräber auf seinem Festival vorstellte und da mit ihm auch über die Neuerscheinungen oder Neuauflagen gesprochen und die “Schöffling-Bücher” werden dann offenbar von “Diogenes” wo ich mir ja meistens die talks anhöre, als TBs herausgebracht und so ist das Sommerbuch “Das Herz des Hais” zu mir gekommen, wo Eva Menasse wieder das Nachwort geschrieben hat und wiedermal bedauert, warum Ulrich Becher, der in jeden seiner Bücher einen eigen Stil hat, nicht so berühmt geworden ist, wie er vielleicht sollte.

Nun ich bin, weil ja viel von ihm gelesen, vielleicht eine Kennerin und Eva Menasse meint auch, daß das Buch ein Lob auf eine starke Frau ist und die wohnt, mit ihrem Mann, seit zehn jahren verheiratet, in Basel ist, wie er, Malerin und sie machen Urlaub auf Lipari. Das ist eine Stadt oder Insel in Sizilien und interessant und für die Fünzigerjahren vielleicht typisch, wird Luise B Brugger nach ihrer Eheschließung mit Angelius Turian, nur noch Lulube oder “Es” genannt, wie das damals bei den Frauen offenbar in der Schweiz so üblich war.

Die Beiden fahren nun nach Lipari ,um dort von den Touristen nicht zu gestört, zu malen und da treffen sie auf den Engländer John Crossmann, der ihnen etwas von seinem Vater erzählt, der von einem Hai getötet wurde. In Wahrheit war er offenbar ein Kriegsopfer und auf der Insel gefangen und jetzt holt John Crossmann ihn heim. Ein Techtelmechtel oder, wie das so ist, gibt es offenbar auch.

Lulube springt ins Wasser. John springt ihr nach, um sie vor den Haien zu retten. Der Ehemann fährt auf eine Insel, um zu malen und die Gattin zieht im schwarzen Kleid und weißen Sandalen aus, um nach ihren Lover zu suchen und sieht ihn gerade mit ein paar geretteten Hunden und dem Sarg abreisen. Sie geht weiter spazieren, trifft einen Maschineoffizier, der ihr anbietet, sie von der Insel wegzubringen. Vorher ist noch etwas Wichtiges geschehen, nämlich ein Hundehai erlegt. Der wird ans Land geschleppt. Die Armen kommen, um sein Fleisch zu kaufen. Sein Herz lebt aber noch und pumpt weiter, obwohl die Kinder schon damit Fußball spielen.

Eine makabre Szene, die Lulube offenbar zum Umdenken bringt und so findet der Ehemann, als er von seiner Maltour zurückkommt, nur mehr drei Briefe von seiner starken Lulube vor, die diese mit “Ich küsse in Gedanke nnoch einmal Deinen Bart aus Flamingoflaum. Am besten du vergißt Es”, beendet.

Ja, in dieses woken Me too Zeiten, haben die Frauen ihre Sächlichkeit verloren und sind zu starken Persönlichkeiten, soweit man in Zeiten, wie diesen mit der größtenInflation noch kann, geworden, obwohl ich bis zum Ende des Buches geglaubt habe, daß es eine Versöhnung und das übliche Happy End geben wird.

Man sieht, ein wirklich starkes Buch, das Ulrich Becher in den Fünfziger- oder sechzigerjahren geschrieben hat, den ich eigentlich für einen eher bürgerlich konservativen Autor gehalten habe.

Karl Marx in Wien

Jetzt kommt ein interessantes Buch, das zwar schon 2013 oder noch früher erschienen ist, aber bezüglich der aktuellen politischen Situation in letzter Zeit besonderer Präsanz bekam. Wird doch jetzt gerade diskutiert, ob Andreas Babler, der neue Vorsitzende der SPÖ, ein Marxist oder war oder ist, wahrscheinlich war er das in seiner Studentenzeit, aber jetzt gilt das offenbar als Schimpfwort und alle, während der Mittelstand zerschlagen wird, fürchten sich vor den angeblich nordkoreanischen Zuständen, die niemand will.

“Karl Marx in Wien” von Herbert Steiner wiederaufgelegt und herausgegeben von Alexander Weiss, in der “Edition Tarantl” erschienen, der kleine feine Verlag von Gerald Grassl der mir mir gelegentlich seine Publikationen gibt und als ich das Buch bei der “Krit Lit” auf seinen Stand liegen gesehen habe, hat es mich angesprochen, weil Karl Marx für mich ein kritischer Denker und kein Feinbild ist und das Buch ist eigentlich verwirrend, enthält es doch verschiedene Artikel über Karl Marx beziehungsweise über die Tatsache, daß der sich vom 27. August bis 7. September 1948 in Wien aufgehalten hat. Da gab es die Achtzehnachtundvierziger Revolution und im Vorwort erklärt der Herausgeber aus welchen Artikeln sich das Buch zusammensetzt.

Dann kommt gleich ein Artikel von Gerald Grassl, der sich mit den Wiener Orten, die das Wort Marx enthalten auseinandersetzt. Denn da gibt es ja die Marxergasse, St. Marx und der liebe Augustin hat angeblich oder tatsächlich auch Marx mit Vornamen geheissen. Den Karl Marx-Hof in Heiligenstadt, dem größten Wiener Gemeindebau der Zwischenkriegsjahre gibt es auch und der sollte, als die DDR zerbrach und die Marx-Büsten abmontiert wurden, auch umbenannt werden. Er hat das überlebt und soll das in der neueren Debatte offenbar wieder, aber schauen wir uns einmal die sozialen Zustände des Jahres1848 an, wo gerade die Eisenbahn erfunden war und die Arbeiter kein Wahlrecht hatten. Wolfgang Häusler erklärt uns dann in zwei Kapiteln. Johann Nestroy hat in dieser Zeit gelebt und da gibt es ja das “Liederliche Kleeblatt des Lumpazivagabundus”, wo drei Handwerker, das große Glückslos bekommen, zwei wieder verelendigen, während der Dritte, die Meistertochter heiratet, in den Bürgerstand aufsteigt.

Gerhard Hauptmann hat das Drama über die “Weber” geschrieben und die Leute waren sehr arm, hatten nichts zu essen, während die Aristokraten auf den Bällen tanzten und ein Gedicht von Gustave Leyoy wird auch zitiert:

“Was wir begehren von der Zukunft Fernen? Dass Brot und Arbeit uns gerüstet sehen, dass unsere Kinder in der Schule lernen Und unsere Greise nicht mehr betteln gehen!”

Dann kommen wir zu dem gekürzten Beitrag von Herbert Steiner, dem langjährigen Leiter der “Dokumentationsstelle des österreichischen Widerstands”, der 1978 ein Buch mit diesen Titel herausgegeben hat, das mit der Beschreibung der Lage beginnt. Die Arbeiter, damals wurde offenbar viel gebaut, wollten eine Bezahlung an den Regen- und Feiertagen, es gab den Zehnstundentag und viel Elend. Dann sollte der Lohn noch um fünf Kreuzer herabgesetzt werden. Das gab einen Aufstand mit vielen Verletzen und einigen Toten im Prater und dann reiste Karl Marx, Dreißigjährig und gerade das “Kommunistische Manifest” geschrieben aus Berlin mit der Nordbahn an und hielt an verschiedenen Arbeiterbildungsvereinen einige Vorträge.

Davon gibt es es Lithografien. Marx an einem Wirtshaustisch mit einigen Arbeitern, wie darunter steht, die tragen aber alle Anzüge und Hemden und sehen eher bürgerlich aus. Eine Emanze mit Gewehr gibt es auch zu sehen, denn die haben einen Arbeiterfrauenverein im Volksgarten gegründet, wurden von den Männern aber ausgelacht und verspottet und Johann Nestroy sieht mit Gewehrauch bei der Ferdinandbrücke stehen. Hat der doch das revolutinäre Stück “Freiheit im Krähwinkel” geschrieben, das damals aufgeführt worden war. Am siebenten Septebmer ist Marx wieder abgereist und hat einen Artikel darüber in der “Rheinischen Zeitung” geschrieben, die er mitherausgegeben hat und wenn man die damaligen Zuständen mit den heutigen vergleicht, wo die Verelendigung der Massen durch die hohe Inflation und die allgemeine Verängstlichung und Entmündigung offenbar vorangetrieben und die Leute vielleicht zur FPÖ getrieben werden, kommt einer das Schauern. Eine starke Arbeiterbewegung muß wieder her und ein bisschen Aufwind scheint die SPÖ durch ihren neuen Vorsitzenden und die KPÖ ja auch zu haben.

Helmut Häusler beschreibt dann wie es mit der 1848-Revolution weiterging, die dann im Oktober oder November niedergeschlagen wurde. Georg Herweghs “Resumee” ist dann auch noch abgedruckt, bevor die Historikerin Herbert Steiners Biografie 1923-2001, der als Sohn jüdischer Eltern emigrieren mußte, wiedergibt.

Ein interessantes Buch, vor allem wenn man die Situation des Proletariats von damals mit der heutigen Situation vergleicht. Karl Marx also lesen, bevor man ihn verbrennen oder verdammen will, würde ich raten und in DDR-Zeiten hat man das “Kommunstiische Manifest” in den entsprechenden linken Buchhandlungen ganz billig bekommen. Aber das ist wahrscheinlich vorbei.

Wahnviertel

Jetzt eines der Bücher des 1956 in Krems an der Donau geborenen Helmut Steiner, den ich vor einigen Jahren in der dortigen Galerie kennengelernt und bei der letzten KritLit wiedergetroffen habe.

“Welchem Genre gehört “Wahnviertel” an?”, hat mich bei der Wanderwoche Astrid gefragt, “-ist es ein Krimi?”

“Das weiß ich noch nicht!”, habe ich geantwortet und würde jetzt das Buch dem fanatastischen Realismus mit österreichischen Prägung zuordnen, beginnt das fünfhundert Seiten Buch, das sich sicher kürzen ließ, mit dem Looser Franz einem ehemaligen Softwarentwickler mit vermüllter Wohnung, der gern dem Wein und dem Bier zuspricht.

Der hat in sich überirdische Fähigkeiten entdeckt und kommuniziert jetzt mit einem “Überfranz”, der ihm zunehmend entgleitet. Helmut Steiner hat sich offensichtlich ein bisschen an Freuds “Es -Ich -über-<ich” angeleht und dann führt er uns in die Götterwelt der Griechen ein.

Ein bisschen diesbezügliches Vorwissen wäre da vielleicht gut, um das Buch besser zu verstehen, ohne geht es aber wahrscheinlich auch. Denn der Übergottvater Zeus ist offensichtlich ein bisschen dement geworden, jagt aber immer noch den schönen Frauen, hier einer Opernsängerin nach, dabei verliert er seinen Zauberstab, wird in eine Schlange verwandelt und das phantastische Ringen beginnt.

Er kommt nach Krems und Umgebung. Hier hat Franz auch einen Weinberg oder Keller in dem er sich zurückzieht, heuert einen Bauern als Diener an, den er dann zum Priester weiht und verwandelt alle Widersacher, die ihn fangen wollen, in Spatzen. Die übrigen Götter sind auf seiner Spur und so kommt es in den Weinbergen zu wilden Spektakeln, die ganz sanft nämlich mit einer Kunstausstellung, die Franz besucht, beginnt. Da verliebt er sich in den “Thron des Dionysus oder sos” und schließt mit dem ihm erschaffenden Künstler einen Pakt ab, wenn er sich den “Wahngöttern” würdig erweist, darf er sie Skulptur ein Jahr in seinen Garten aufstellen. Er wird auch zu einem Poetry Slam eingeladen, wo er sich mit den Göttern messen soll und damit das besser gelingt, bekommt er Unterstützung von Brigitte, einer arbeitslosen Journalistin, die ebenfalls in Besitz eines der Weinberge ist.

Die Beiden verlieben sich ineinander, besiegen die Götter. Franz lehnt ab, selbst zum Gott zu werden, denn er will keine übersinnlichen Kräfte mehr. Überfranz hat sich schon von ihm verabschieden und so ziehen sich die Beiden an Meer zurück. Vorher wird noch ein großes Fest gefeiert und um dem Kapitalismus zu entgehen, kommen sie auch auf eine geniale Idee, nämlich das Handy abzudrehen. Etwas was ich nicht nachmachen kann, weil ich ja keines besitze.

Spannend spannen was es alles abseits der Bestseller und buchpreisliteratur zu lesen gibt. Helmut Steiner hat noch einige andere dicke Bücher geschrieben, die sicher ebenfalls interessant zu lesen sind.

Eine Nacht, die vor 700 Jahren begann

Jetzt kommt ein Buch auf das ich bei der “Diogenes-Frühjahrsvorschau” gekommen ist und das im Juni das Ö1-Buch des Monats war. Ein Buch, das in den Fünfzigerjahren in Mexiko geschrieben wurde, siebzig Jahre in den USA auf einen Dachboden lag, dann entdeckt wurde und von der Tochter des 1901 in Budapest geborenen Janos Szekely herausgegeben wurde.

Szekely, der Drehbuchschreiber war und den ebenfalls bei “Diogenes” erschienenen Roman “Verlockung” geschrieben hat, ist 1938 in die USA emigriert, dann vor der Mc Carthy-Äära nach Mexiko gegangen und schließlich in die DDR emigriert, wo er 1958 in Ostberlin starb.

Das allein ist schon interessant. Sein Roman, der in einem offenbar fiktiven ungarischen Dorf im Sommer 1944 spielt, ist es aus und schließt fast nahtlos an Paul Binnerts “Lügenlayrinth” an oder auch nicht, denn eigentlich geht es in dem Buch gar nicht so sehr um den Holocaust, sondern um die Unterdrückung der ungarischen Bauern, die, wie der Titel schon sagt, vor siebenhundert Jahren begann, denn da wurden die Bauern von den ungarischen Aristokraten unterdrückt, zu Leibeigenen erklärt und mussten zu einem Hungerlohn arbeiten und das hat sich im Jahr 1944, wo die Nazis, die Juden und die Zigeuner, ja, so hat das damals geheißen und heißt es auch im Buch, obwohl das da zweimal entschuldigt wird, deportieren, nicht sehr geändert.

So beginnt das Buch auch damit, daß der Zigeunerprimas Marci Balogh, der VI, der sehr selbstbewußt, aber auch sehr skrupellos ist, in das Haus des Bauern Garas kommt, dort die Wanderzigeunerin Julka sucht und sie sehr beschimpft.

Erst in den nächsten Kapiteln erfährt man warum. Julka und Marci waren schon auf dem Todesmarsch, sind aber entkommen und haben nun bei Garas Unterschlupf gefunden und Julka ist die Geliebte beider geworden. Für Kost und Quartier teilt sie mit dem Bauern das Bett und führt ihm den Haushalt und in den nächsten Kapiteln wird erstaunlich einfühlsvoll der Werdegang Julkas erklärt, die sich durch ihr Leben schlafen und stehlen muß, denn was soll sie denn anderes machen, wenn sie keine Arbeit findet? Sie liest aus der Hand, sagt die Zukunft den “Gnädigen Herren und Frauen” heraus und wünscht sich dabei nur eines, einen braven Ehemann und viele Kinder, für die kochen und putzen darf.

Dann wird in dem siebenhunndert Seiten Buch, das ein Nachwort von Sacha Batthyany hat, der Graf beschrieben, der die Bauern zur Fronarbeit zwingt, der aber im Wahrheit verschuldet ist und von der Bank lebt und sein Schloß gehört eigentlich dem Nationalsozialisten Lorant Barankay, dem Massenmörder, der ständig betrunken ist, seine Frau, Exzellenz genannt, die von unten kommt, lebt im Nebenschlößchen und und das ist wohl ein bisschen unglaubwürdig oder wahrscheinlich ein Schelmenstück von Janos Szekely, die Geliebte von Marci, der zwischendurch, während der Bauer arbeitet, auch Julka besucht und nun in diesem Szenario, es gibt noch eine Familie Rosenberg und eine Stern, die ehemals den Laden und das Gasthaus führten und sich nun verstecken müssen, beschließen die Bauern zu streiken und versuchen das dem Grafen beizubringen.

Es gibt dann noch einige Nebenhandlungen und Verwicklungen und am Schluß werden alle deportiert, entkommen aber dem Viehwaggon und gehen in einer guten oder ungewissen Zukunft entgegen, was auch ein bisschen phantastisch beschrieben wird und ich habe, obwohl ich das gar nicht mehr wollte, ein sehr interessantes Buch gelesen, zu dem ich wieder sehr lange gebraucht habe, das mich und das ist auch sehr interessant, immer auch ein bisschen an unsere chaotische Gegenwart erinnert hat und noch etwas ist interessant und da bin ich wieder bei dem Wort “Zigeuener,”, das in dem Buch häufig verwendet werden.

Natürlich, denn die Nazis werden zu ihnen nicht Sinti oder Roma gesagt haben und in den Neunzehnfünfzigerjahren war das Wort auch der offizielle Sprachgebrauch, der Verlag entschuldigte sich, daß sie nicht wußten welcher Volksgruppe Marci und Julka angehörten und interessant ist da, daß das Manuskript, das auf dem amerikanischen Dachboden gefunden wurde in Englisch war, obwohl es Szeklely seiner Frau auf Ungarisch diktiert wurde, die es dann abtippte und jetzt von Ulrich Blumenbach aus dem Englischen übersetzt wurde und da steht statt Gipsy nun Zigeuner. Die “Neger” sind aber als Schwarze übersetzt und interessant finde ich das deshalb, weil ja Alain Claude Sulzer vor kurzem Probleme mit der Verlagsförderung hatte, weil in seinen Roman auch das Wort “Zigeuner” vorkommt.